Fünfzehnter Brief.
Nochmalige Betrachtung verschiedner Punkte. — Fortschritte der Ansiedlungen. — Canada, das Land der Hoffnung. — Besuch bei der Familie eines See-Offiziers. — Eichhörnchen. — Besuch bei einem ausgewanderten Geistlichen; seine Geschichte. — Schwierigkeiten, womit er Anfangs zu kämpfen hatte. — Temperament, Charakter und Gewohnheiten der Emigranten sind von großem Einfluß auf das Gedeihen oder Nichtgedeihen ihrer Ansiedlung.
September 26, 1834.
Ich versprach bei meiner Abreise von England, Ihnen sobald als möglich eine genügende Auskunft von unsrer Niederlassung in Canada zu geben.
Ich werde jetzt mein Bestes thun, um meinem Versprechen nachzukommen, und Ihnen eine kleine Skitze von unsern Unternehmungen, Thun und Treiben vorzulegen, nebst solchen Bemerkungen über die natürlichen Züge des Ortes, wo wir unsre Heimath aufgeschlagen, die Ihnen, meines Bedünkens, Interesse und Unterhaltung gewähren dürften. Machen Sie sich also, Theuerste Freundin, auf einen langen abschweifenden Brief gefaßt, worin ich etwas von der Natur des Irrlichts zeigen, und, nachdem ich Sie, mir in meinen regellosen Wanderungen, —
Ueber Berg, über Thal,
Durch Busch und Dorngesträuch,
Ueber Feld und Auen,
Durch Fluthen durch Feuer.
zu folgen bestimmt, Sie möglicher Weise mitten in einem dichten Cedern-Moor oder in dem pfadlosen Dickichte unsrer wilden Wälder ohne Führer oder auch nur ein Zeichen, das Ihnen den Weg andeuten könnte, verlassen werde.
Sie werden aus meinen Briefen an meine theure Mutter, von unsrer glücklichen Ankunft zu Quebec, von meiner Krankheit zu Montreal, von allen unsern Abentheuern und Widerwärtigkeiten während unsrer Reise landeinwärts gehört haben, und wie wir nach einer ermüdenden Wanderung endlich bei einem liebreichen Verwandten, den wir, nach einer mehrjährigen Trennung wieder in die Arme zu schließen, glücklich genug waren, endlich einen Ruheplatz gefunden.
Da meinem Gatten sehr viel daran gelegen war, sich in der Nachbarschaft eines so nahen Verwandten von mir niederzulassen, indem er wohl denken mochte, daß der Wald dadurch etwas von jener Einsamkeit verlieren würde, worüber die meisten Frauen sich so bitter beklagen, so kaufte er ein Stück Land an den Ufern eines schönen Sees, dem Gliede einer Kette der kleinen Seen, die dem Otanabee angehören.
Hier also haben wir uns angebaut, fünfundzwanzig Acker unsers Besitzthums sind bereits gelichtet und urbar gemacht, und ein nettes Häuschen ist ebenfalls seit geraumer Zeit fertig und dient uns als Schutz und Obdach, die Lage unsrer Meierei ist sehr angenehm, und jeder Tag erhöht ihren Werth. Als wir zuerst im Busche anlangten, hatten wir, mit Ausnahme von S—, blos zwei oder drei Ansiedler in unsrer Nähe, und an Communications-Wege war gar nicht zu denken. Die einzige Straße, die zum Güter-Transport aus dem nächsten Städtchen allenfalls taugte, lag auf der andern Seite des Wassers, über welches man auf einem Block- (Log-) Kahn oder einem Kanoe von Birkenrinde setzen muß. Ersteres ist nichts weiter als ein mit der Axt ausgehöhlter Fichtenstamm, der ungefähr drei oder vier Personen faßt, einen flachen Kiel hat, schmal ist, und daher sehr gut in seichtem Wasser gebraucht werden kann. Das Rinden-Canoe ist aus Birken-Rinden-Schichten gezimmert, welche die Indianer kunstreich zuzurichten und unter einander zu verbinden verstehen; Letzteres geschieht durch Zusammennähen, wozu sie sich der zähen Wurzeln der Ceder, jungen Fichte, oder Lärche (Tamarack, wie sie von den Eingebornen genannt wird,) bedienen. Diese Fahrzeuge sind außerordentlich leicht, so daß sie von zwei Personen, ja von einer, ohne Mühe getragen werden können. Dies also waren unsre Fahrböte, gewiß sehr zerbrechliche Fahrzeuge, die zu ihrer Führung große Geschicklichkeit und Vorsicht erfordern; sie werden durch Ruderschaufeln in Bewegung gesetzt, wobei der Rudernde entweder kniet oder steht. Die Squaws sind in Steuerung der Canoes sehr geübt und behaupten ihre Balance mit großer Geschicklichkeit, sie stehen bei ihrer Ruder-Arbeit und steuern in kleinen leichten Nachen mit großer Geschwindigkeit durch das Wasser.
Sehr groß ist die Veränderung, welche wenige Jahre in unsrer Lage bewirkt haben. Eine Anzahl sehr achtbarer Ansiedler hat sich längs den Seen angekauft, so daß es uns nicht länger an Gesellschaft fehlt. Die Straßen oberhalb unsrer Niederlassung sind jetzt meilenweit durch den Wald gehauen und können, obschon bei weitem nicht tadelfrei, mit Wagen und Schlitten bereist werden und sind doch gewiß besser als gar keine.
Da, wo früher ein dichter Fichtenwald den Boden bedeckte, ist ein Dorf wie aus der Erde hervor gesprungen; wir haben jetzt in geringer Entfernung von unsrer Meierei eine treffliche Säge-Mühle, eine Grützmühle und ein Vorraths-Magazin nebst einer Schenke und manchen hübschen Wohngebäuden.
Eine hübsche hölzerne Brücke, auf steinernen Pfeilern, ist im vorigen Winter gebaut worden, um die Gemeinde-Bezirke auf beiden Flußufern mit einander zu verbinden und den Abstand von Peterborough zu vermindern; und ob sie gleich unglücklicher Weise in der ersten Hälfte des letzten Frühjahrs durch das ungewöhnliche Steigen der Otanabee-Seen fort geführt worden ist, so hat doch ein thätiger und unternehmender junger Schotte, der Gründer des Dorfes, auf ihren Trümmern eine neue errichtet.
Allein das große Werk, welches früher oder später diesen Theil des Distriktes seinem gegenwärtigen Dunkel entreißen wird und muß, ist die Eröffnung einer Schiffahrts-Linie vom Huronen-See durch den Simcoe-See, so wie durch unsre Kette kleiner Seen bis zum Reis-See und endlich durch den Tremt bis zur Bay von Quinte. Dieses großartige Werk dürfte von unberechenbarem Vortheil sein, indem dadurch eine direkte Communication zwischen dem Huronen-See und den weiter einwärts im Lande jenseits des Otanabee gelegnen Gemeinde-Bezirken mit dem St. Laurence eröffnet werden würde. Dieses Project ist bereits der Regierung zur Berathung vorgelegt worden und ist gegenwärtig ein Gegenstand des allgemeinen Gesprächs im Lande; jedenfalls wird es früher oder später zur Ausführung kommen. Es ist mit einigen Schwierigkeiten und Kosten verbunden, wird aber nothwendiger Weise nicht wenig zum Gedeihen und Wohlstande des Landes beitragen, und das Mittel zur Ansiedlung der jenseits des Otanabee längs diesen Seen gelegnen Gemeinde-Bezirken werden.
Ich muß es erfahrnern Leuten, als ich bin, überlassen, die Ersprießlichkeit und Trefflichkeit des fraglichen Plans zu beurtheilen; und da Sie, wie ich denke, nicht Willens sind, nach unsern Urwäldern auszuwandern, so dürfte Ihnen eine flüchtige Andeutung des Unternehmens genügen, und Sie werden schon aus Freundschaft zu mir, — dafür stimmen, daß die Eröffnung eines Marktes für inländische Erzeugnisse nicht anders als höchst wünschenswerth sein könne.
Canada ist das Land der Hoffnung, hier ist alles neu, alles schreitet hier vorwärts, es ist für Künste und Wissenschaften, für Ackerbau und Manufacturwesen fast unmöglich, Rückschritte zu thun; sie müssen beständig vorwärts gehen, und wenn auch in einigen Theilen des Landes diese Fortschritte langsam erscheinen mögen, so sind sie doch in andern verhältnißmäßig eben so reißend.
Die Thatkraft, der Unternehmungs-Geist der Auswandrer, besonders in den nur theilweise besiedelten Gemeinde-Bezirken, wird in fortwährender Anregung erhalten, ein Umstand, der sie in hohem Grade vor Entmuthigung und Verzagtheit schützt.
Die Ankunft eines unternehmenden Mannes wirkt anspornend auf die um ihn her, eine gewinnversprechende Speculation kommt in Vorschlag, und siehe, das Land in der Nachbarschaft steigt an Werth um das Doppelte, ja Dreifache gegen früher; auf diese Weise befreundet und fördert er ohne gerade die Absicht zu haben, seine Nachbarn; die Pläne eines Ansiedlers sind, so bald sie in Ausführung treten, für viele wohlthätig. Wir haben bereits die wohlthätige Wirkung der Ansiedlung neuer achtbarer Emigranten in unserm Gemeinde-Bezirk gefühlt, indem der Werth unsers Boden-Eigenthums dadurch um das Dreifache gestiegen ist.
Alles dies liebe Freundin, werden Sie sagen, ist recht gut, und dürfte verständigen Männern viel Stoff zu einer lehrreichen Unterhaltung gewähren, aber uns Frauen wollen dergleiche ernsthafte Erörterungen nicht recht behagen; daher bitte ich Sie, ein andres Thema zu wählen, und mir lieber zu erzählen, wie Sie Ihre Zeit unter den Bären und Wölfen Canadas zubringen.
An einem schönen Tage im letzten Juni besuchte ich zu Wasser die Braut eines jungen See-Offiziers, der ein sehr hübsches Stück Land, etwa zwei (englische) Meilen oberhalb des Sees gekauft hatte; unsre Gesellschaft bestand aus meinem Gatten, meinem Knäbchen und meiner Wenigkeit; wir trafen einige angenehme Freunde an, und belustigten uns ganz zu unsrer Zufriedenheit. Das Mittagsmahl wurde in dem Stoup aufgetischt, das ist, (denn sie möchten schwerlich wissen, was das Wort bedeutet,) eine Art weite Vorhalle (Verandah), die auf Pfeilern, häufig unabgerindeten Baumstämmen ruht; der Fußboden besteht entweder aus hart getretnem Erdreich oder Dielen (Bretern). Das Dach ist mit Rindenschichten oder Schindeln gedeckt. Diese Stoups sind holländischen Ursprungs und, wie man mir gesagt hat, von den ersten holländischen Ansiedlern in den Staaten eingeführt worden; seitdem haben sie ihren Weg in alle übrige Colonien gefunden.
Von der Scharlach-Ranke, einer in unsern Wäldern und Wildnissen einheimischen Pflanze, der wilden Rebe, und der Hopfen-Pflanze, die hier sehr üppig und ohne Arbeit oder Aufmerksamkeit auf ihre Cultur gedeiht, bekränzt, haben die Stoups ein recht ländliches Ansehn; im Sommer dienen sie als offnes Vorzimmer, wo man sein Mahl einnehmen und das Anwehen der frischen Luft genießen kann, ohne von der heftigen Hitze der Mittagssonne belästigt zu werden.
Diese Lage unsers Hauses ist vorzüglich gut gewählt, gerade auf dem höchsten Punkte einer kleinen aufsteigenden Ebne, die sich ziemlich steil nach einem kleinen Thale herabneigt, in dessen Grunde ein klarer Bach den Garten von den ihm gegenüberliegenden Korn-Feldern, die das Ufer bekränzen, scheidet. Gerade im Angesicht der Vorhalle (Stoup), wo wir im Sommer unser Mittags-Mahl einnehmen, ist der Garten angelegt, mit einem weichen, von Blumen-Rabatten umsäumten Rasen-Plätzchen, und von einem reifenden Weizenfelde durch ein kleines Geländer, an welchem sich der üppige Hopfen mit seinen Gäbelchen und zierlichen Blüthen hinauf rankt, geschieden. Bei dieser Gelegenheit muß ich Ihnen sagen, daß der Hopfen zur Bereitung von Hefen für das Brod gezogen wird. Da sie an Gegenständen, die den Haushalt betreffen, großes Wohlgefallen finden, so will ich ein Recept, die Bereitung von Hopfen-Hefen, wie wir sie nennen, betreffend, für Sie beilegen[57].
Die Yankies bedienen sich eines Sauerteigs aus Salz, warmem Wasser oder Milch; allein obschon der mit Salz bereitete Sauerteig recht gut aussehende Brode giebt, indem sie viel weißer und fester erscheinen, als die mir Hopfen-Hefen bereiteten Brode, so wird doch durch ersteres Verfahren dem Brodteige ein Beigeschmack mitgetheilt, der nicht jedermanns Gaumen behagt, wozu noch kommt, daß bei sehr kaltem Wetter jener Sauerteig fast seine Dienste versagt.
Nachdem ich Ihnen so mein Recept mitgetheilt habe, will ich in die Verandah zu meiner Gesellschaft zurück kehren, die, ich kann Ihnen versichern, sehr angenehm und traulich war, und wo jeder nach Kräften das Seinige zur Unterhaltung beitrug.
Wir hatten Bücher und Zeichnungen, und eine Menge indianischer Tändeleien und Putzgeräthschaften, die Sammlung mancher langen Reise an ferne Gestade, zu besehen und zu bewundern. Bald nach Sonnenuntergang brachen wir auf und nahmen unsern Weg durch die Wälder nach dem Landungsplatze am See-Ufer, wo wir unser Rinden-Canoe bereit fanden, uns nach Hause zu führen.
Während unsrer Fahrt, gerade beim Anfange der Stromschnellen zog ein kleiner Gegenstand im Wasser, der schnell dahin schwamm, unsre Aufmerksamkeit auf sich; die Meinungen über den kleinen Schwimmer waren verschieden: Einige glaubten, es wäre eine Wasserschlange, andre hielten ihn für ein Eichhörnchen oder eine Moschuß-Ratze; einige schnelle Ruderschläge brachten uns dem räthselhaften Wandrer näher, so daß wir ihm den Weg versperrten; es war ein hübsches rothes Eichhörnchen von einer benachbarten Insel, und wahrscheinlich auf einer Entdeckungsreise begriffen. Das niedliche Thierchen, anstatt sein Heil in der Flucht nach einer entgegengesetzten Richtung zu suchen, sprang mit einer Beherztheit und Geschicklichkeit, die seine Verfolger in Erstaunen setzte, leicht an der aufgehobnen Ruderschaufel in die Höhe, und von dieser meinem erschrocknen Knaben gerade nach dem Kopfe, und, nachdem es meine Schulter gewonnen, wieder ins Wasser, und steuerte geraden Weges dem Ufer zu, ohne auch nur einen einzigen Strich von der Linie abzuweichen, welche es verfolgte, als es zuerst unsers Canoes ansichtig wurde. Die Behendigkeit und der Muth dieses harmlosen Geschöpfs, überraschten und unterhielten mich; ich hätte der Sache kaum Glauben schenken können, wäre ich nicht selbst Augenzeuge von seinem Benehmen gewesen, und überdies an den Schultern durch das von seinem Pelze träufelnde Wasser tüchtig durchnäßt worden.
Vielleicht erscheint Ihnen meine Eichhörnchen-Anekdote unglaublich; allein ich kann mit meiner persönlichen Erfahrung für ihre Wahrheit bürgen, da ich den muntern Springer nicht nur sah, sondern auch fühlte. Die schwarzen Eichhörnchen sind sehr liebenswürdige und hübsche Thierchen und beträchtlich größer als die rothen, grauen und gestreiften; die letztern werden von den Indianern »Tshit-munks (Chit-munks)« genannt.
Letzten Sommer wurden wir von diesen kleinen Räubern tüchtig geplündert, die rothen Eichhörnchen stahlen uns große Quantitäten indianischen Korns, nicht blos vom Stengel, als die Saat in der Reife begriffen war, sondern sie kamen sogar durch einige Lücken in den Blockwänden in die Scheunen, und schleppten sehr viel Getraide, (indianisches Korn) fort, das sie sehr geschickt von der Spindel abzulösen und nach ihren Vorraths-Magazinen, in hohlen Bäumen oder unterirdischen Höhlen, zu transportiren verstanden.
Die kleinen Thierchen sind sehr begierig nach Kürbißkörnern, man sieht sie häufig unter dem Vieh umher schnellen, und wenn dieses die Kürbisse zerfleischt, mit den herausfallenden Samen davon eilen. Nicht weniger gern fressen sie die Samen der Sonnen-Blumen, welche in unsern Gärten und Lichtungen eine riesenhafte Höhe erreichen. Das Feder-Vieh liebt die Sonnen-Blumen-Körner ebenfalls sehr, und ich sammelte die reifen Blumen, in der Absicht, einen guten Vorrath dieser Delicatesse für meine armen Hühnchen während des Winters zu haben. Eines Tages ging ich, die reifen Köpfe abzuschneiden, wovon die größten einem großen Präsentirteller glichen, sah aber zu meinem Aerger zwei diebische rothe Eichhörnchen ämsig in Sammlung der Samen, wie Sie wohl denken können, nicht für mich, sondern, für sich selbst beschäftigt.
Nicht zufrieden mit Ablösung der Samen, durchsägten die kleinen Diebe mit ihren scharfen Zähnen geschickt die Blumenstengel, und schleppten ganze Samen-Köpfe auf einmal fort, dabei waren sie so keck, daß sie sich durch meine Annäherung nicht im geringsten stören ließen, und wichen nicht eher, als bis sie sich ihrer Beute bemächtigt hatten, und mit einer Ladung, die wohl zweimal so schwer war, als ihr leichter Körper, über Geländer, Wurzeln, Baumstummel und Holz-Blöcke pfeilschnell davon eilten, so daß sie jede Verfolgung von meiner Seite vergeblich machten.
Groß war der Verdruß, den das kleine muntre Pärchen an den Tag legte, als es behufs einer zweiten Ladung wieder kam und die Pflanzen ihrer Köpfe beraubt fand. Ich hatte alles, was noch übrig war, abgeschnitten und in einem Korbe auf einen kleinen Block, gleich neben einer offnen Glasthüre, an die Sonne gestellt;
ich saß eben auf der Thürschwelle und hülste einige Samen-Bohnen aus, als die Eichhörnchen durch ihre scharfen scheltenden Töne, wobei sie ihre leichten federartigen Schweife empor hoben, als wollten sie den lebhaftesten Unwillen über meine Eingriffe in ihre vermeintlichen Rechte zu erkennen geben, meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen; es währte gar nicht lange, so hatten sie den indianischen Korb mit dem ihnen entrissenen Schatze entdeckt; einige rasche Bewegungen brachte das kleine Pärchen an das Gitter, nur wenige Schritte von mir und den Samen-Köpfen; hier machten sie Halt, setzten sich nieder und blickten mich mit bittender Miene an. Ihre Verlegenheit machte mir zu viel Vergnügen, als daß ich ihnen hätte daraus helfen sollen, allein kaum hatte ich meinen Kopf gedreht, um mit meinem Kinde zu sprechen, so schossen sie vorwärts und in einer andern Minute hatten sie sich eines der größten Samen-Köpfe bemächtigt, den sie fortschleppten; zuerst trug ihn das eine einige Schritte weit, dann packte das andere an, denn er war zu groß und schwer, als daß ihn eins hätte lange tragen können. Kurz ihre kleinen Manövres machten mir so viel Spaß, daß ich mich meines ganzen Vorraths berauben ließ.
Im Frühjahr sah ich eine kleine Eichhörnchen-Familie auf dem Gipfel eines hohlen Blockes spielen, und ich kann wohl sagen, daß sie mir unter allen Thieren als die lebhaftesten und niedlichsten Geschöpfe erscheinen, die man nur immer sehen kann.
Das fliegende Eichhörnchen ist in unsern Wäldern zu Hause und übertrifft, meines Bedünkens, in Schönheit alle seine Gattungs-Verwandten. Seine Farbe ist das weichste zarteste Grau; das Pelzhaar ist dick und kurz, und so seidenartig wie Sammet; die Augen sind, wie bei allen Eichhörnchen-Arten groß, voll und sanft, die Schnurren und das lange Haar um die Nase sind schwarz; die Membran, welche dem Thierchen zum Fliegen dient, ist zart und von weichem Gefüge, wie der Pelz des Chinchilla (Ohrmaus), sie bildet zwischen den Vorder- und Hinter-Beinen eine Bürste; der Schweif gleicht einer zierlichen breiten grauen Feder. Die Erscheinung dieses allerliebsten kleinen Geschöpfes überraschte mich sehr angenehm; die Zeichnungen welche ich davon gesehen, gaben ihm ein höchst plumpes und fledermausartiges, fast ekelhaftes Ansehen. Die Jungen lassen sich leicht zähmen und sind in der Gefangenschaft sehr zutraulich und zum Spielen geneigt.
Wie würde sich meine kleine Freundin Emilie, über einen solchen Spielkameraden freuen. Sagen Sie ihr, daß ich ihr, sollte ich jemals in mein theures Vaterland zurückkehren, wo möglich ein dergleichen Thierchen mitbringen werde; vor der Hand aber muß sie sich mit den ausgestopften Exemplaren der rothen, schwarzen und gestreiften Art begnügen, die ich meinem Packete einverleibt habe. Ich wünschte, Ihnen ein werthvolleres Geschenk machen zu können, allein unsre Kunstsachen und Manufacturen sind durchaus brittisch, mit Ausnahme der Kleinigkeiten, welche die Indianer verfertigen, und es würde mir daher schwer fallen, Ihnen etwas der Aufmerksamkeit Werthes zu schicken, weshalb ich meine Zuflucht zu den natürlichen Erzeugnissen unsrer Wälder als Zeichen der Erinnerung an meine Freunde und Verwandten in der Heimath — denn so nennen wir stets unser theures Geburtsland, — nehmen muß.
Sie wünschen zu wissen, ob ich glücklich und mit meiner Lage zufrieden bin, oder ob sich mein Herz nach dem alten Vaterlande sehnt. Ich will Ihnen aufrichtig antworten und spreche daher hier ein für alle mal aus, daß ich, in Bezug auf Geschmackssachen und frühzeitige Gedanken-Verbindungen und alle jene heiligen Bande der Verwandtschaft und alte Freundschaftsbündnisse, welche die Heimath Allen und Jedem, von welcher Nation er auch sei, so theuer machen, England den Vorzug gebe.
Auf der andern Seite mindert der Gedanke an die freiwillig übernommenen Pflichten, und ein Gefühl von Zufriedenheit mit meiner Lage das Bedauern, welchem ich nachzuhängen, mich geneigt finden möchte. Ueberdies giebt es für mich neue und heilige Banden, die mich an Canada fesseln; ich habe viel häusliches Glück genossen, seitdem ich hierher gekommen bin; — und ist Canada nicht das Geburtsland meines theuren Kindes? Habe ich nicht hier zum ersten Male jenes Entzücken genossen, welches von mütterlichen Gefühlen entspringt? Wenn mein Auge auf meinem lächelnden Bübchen ruht, oder wenn ich seinen warmen Athem an meiner Wange fühle, so füllt meine Brust eine Wonne, die ich gegen kein Vergnügen auf Erden vertauschen möchte. »Recht gut,« hör' ich Sie im Geiste erwiedern, »allein diese Empfindungen sind ja nicht auf eure einsamen canadischen Wälder beschränkt.« Ich weiß dies wohl, aber hier stört mich nichts in meiner Zärtlichkeit, in den Liebkosungen meines theuren Kindes. Hier wird man nicht durch rauschende weltliche Vergnügungen zur Vernachlässigung seiner Mutterpflichten veranlaßt, hier kann nichts den holden Knaben aus meinem Herzen verdrängen; seine Gegenwart macht mir jeden Ort theuer und werth, ich lerne die Stelle lieben, wo er geboren worden ist, und denke mit Wohlgefallen an meine neue Heimath, weil sie sein Vaterland ist; und blicke ich in die Zukunft, und fasse ich sein künftiges Wohlergehn ins Auge, so fühle ich mich mit doppelter Anhänglichkeit an die Erdscholle gefesselt, welche er eines Tages sein nennen wird.
Vielleicht würdige ich das Land nur nach meinen eignen Gefühlen; und wenn ich bei einer unparteiischen Prüfung meines gegenwärtigen Lebens finde, daß ich eben so glücklich oder noch glücklicher bin, als in der alten Heimath, so muß ich es schätzen und lieben.
Wollte ich mich über die Vortheile, die ich besitze, ins Einzelne einlassen, so würden sie in den Augen von Leuten, die in all dem Glanze, all der Herrlichkeit und Fülle schwelgen, die Reichthum in einem durch Natur sowohl als Kunst den rauschenden Vergnügungen der Welt so günstigen Lande verschaffen kann, in einem sehr negativen Charakter erscheinen; allein ich habe ja nie dem Wohlleben und der Modesucht gefröhnt. Große Gesellschaften und die alltäglichen Vergnügungen der eleganten Welt verursachten mir stets Langeweile, wo nicht Ekel. Durch all dieses hofartige Treiben wird das Herz nicht befriedigt, wie sich ein Dichter äußert, und ich pflichte dem Ausspruch völlig bei.
Ich war immer nur zu sehr geneigt, mit Ungeduld die Fesseln von mir zu spornen, welche Etiquette und Mode der Gesellschaft anzulegen pflegen, bis sie ihren Jüngern alle Freiheit und Unabhängigkeit des Willens rauben, und dieselben sich bald genöthigt sehen, für eine Welt zu leben, die sie im Stillen verachten und satt haben, für eine Welt, die sie noch dazu mit Geringschätzung betrachtet, weil sie nicht mit einer Unabhängigkeit handeln dürfen, die so wie sie sich äußert, gleich zu Boden gedrückt werden würde.
Ja ich muß Ihnen offen bekennen, daß meine gegenwärtige Freiheit in diesem Lande ein großer Genuß für mich ist. Hier besitzen wir einen Vortheil vor Ihnen, so wie auch vor denjenigen, welche die Städte und Dörfer meines neuen Vaterlandes bewohnen, denn leider herrscht in diesen ein lächerliches Streben, einen Schein zu unterhalten, welcher der Lage derer, die ihn annehmen, durchaus nicht entspricht. Wenige, sehr wenige Emigranten kommen in die Colonien, außer mit der Absicht, für sich und ihre Kinder Unabhängigkeit zu erlangen. Diejenigen, welchen es nicht an Mitteln zu einem behaglichen Leben in der Heimath gebricht, würden sich wohl schwerlich jemals den Entbehrungen und Unannehmlichkeiten eines Ansiedler-Lebens in Canada aussetzen; der natürliche Schluß aus allem diesem ist, daß der Emigrant mit dem Wunsche und der Hoffnung hierher gekommen, seinen Zustand zu verbessern und die Wohlfahrt einer Familie zu sichern, die er in der Heimath anständig zu versorgen, nicht die Mittel hatte. Es ist mithin wirklich närrisch und ungereimt, eine Lebensweise anzunehmen, die, wie jeder weiß, nicht behauptet werden kann; dergleichen Leute sollten doch viel mehr in dem Bewußtsein, daß sie, wenn es ihnen gefällt, ihren Umständen gemäß leben können, ohne wegen ihrer Sparsamkeit, Klugheit und Thätigkeit minder geachtet zu werden, ihre Glückseligkeit suchen.
Wir Buschsiedler unsers Theils sind weit unabhängiger, wir thun, was uns beliebt, wir kleiden uns, wie es uns am passendsten und bequemsten dünkt; wir haben nichts von einem Mr. und einer Mrs. Grundy zu fürchten; und da wir die Fesseln des Grundyismus abgeschüttelt haben, so lachen wir über die Thorheit derjenigen, welche von neuem ihre Kette schmieden und gleichsam umarmen.
Statten uns unsre Freunde einen unerwarteten Besuch ab, so nehmen wir sie unter unsern niedrigen Dache gastlich auf, und geben ihnen das Beste, was wir haben; und ist unsre Kost noch so gering, so tischen wir sie mit gutem Willen auf, und eine Entschuldigung wird weder gemacht noch erwartet; da Jedermann mit den mißlichen Verhältnissen einer neuen Ansiedlung bekannt ist; ja eine Apologie wegen Mangel an Vielfältigkeit oder Leckereien der Tafel würde in dem Gaste einen Selbstvorwurf erzeugen, daß er unsre Gastfreundschaft zur ungelegnen Zeit auf die Probe gestellt.
Unsre Gesellschaft besteht meist aus See- und Land-Offizieren, so daß wir in diesem Punkte in unsrer Sphäre sind, und auf feinen Anstand und gute Sitten zählen können, und an eine Abweichung von jenen Gesetzen, die guter Geschmack, gesunder Verstand und ein richtiges moralisches Gefühl unter Leuten unsers Standes begründet haben, nicht zu denken ist.
Indeß gereicht es hier zu Lande der Frau eines Offiziers oder Gentleman keineswegs zur Unehre, wenn sie in der Hauswirthschaft selbst Hand anlegt, oder alle häusliche Pflichten, sobald es die Gelegenheit erfordert, allein verrichtet. Erfahrenheit in den Geheimnissen der Seifen-, Lichter- und Zucker-Bereitung, im Brodbacken, Buttern und Käsemachen, im Melken der Kühe, im Stricken, Spinnen und der Zubereitung der Wolle für den Webstuhl, ist für sie von unendlichem Werth und macht sie zu einem ehrenwerthen Mitgliede der Gesellschaft. In dergleichen Dingen strafen wir Busch-Damen, die, welche die Nasen rümpfen und die vornehmen Bemerkungen, welche ein Mr. oder eine Mrs. N. N. in der Heimath machen würde, mit gebührender Verachtung. Wir rühmen uns unsrer Fügung in die Umstände; und da ein brittischer Offizier nothwendiger Weise ein feiner, gebildeter Mann, und seine Gattin eine feine Dame sein muß, so trösten wir uns mit dem Besitz dieser Eigenschaften als dem unwiederleglichen Beweis einer höheren Bildung, und lassen uns in unsrer nutzvollen Thätigkeit nicht im mindesten stören, da hierdurch unsre Sittenfeinheit keinen Abbruch erleiden kann.
Unsre Gatten verfolgen eine ähnliche Lebensweise; der Offizier vertauscht seinen Degen mit dem Pflugschaar, seine Lanze mit der Sichel, und wer ihn zwischen den Baumstummeln den Boden aufhacken, oder auf seinem Grundstück Bäume fällen sieht, denkt deswegen nicht geringer von ihm und seinem Stande, oder hält ihn darum weniger für einen Gentleman, wie früher, als er noch in allem Glanze und aller Würde militairischer Etiquette, mit Feldbinde, Degen und Epauletten auf dem Paradeplatze erschien. Es ist alles ganz so, wie es in einem Lande sein muß, wo Unabhängigkeit von Betriebsamkeit und Fleiß unzertrennlich ist, und gerade dieser Umstand macht es mir so schätzenswerth.
Unter mehren Vortheilen, deren wir uns in diesem Gemeinde-Bezirk erfreuen, halte ich den nicht für unbeträchtlich, daß die niedere arbeitende Ansiedler-Klasse aus ordentlichen, gutwilligen und von den widrigen Yankie-Sitten, wodurch sich manche der früher angesiedelten Gemeinde-Bezirke zu ihrem Nachtheil unterscheiden, völlig freien Leuten besteht. Unsre Dienstboten sind eben so oder fast eben so ehrerbietig, als die in der Heimath; auch werden sie nicht an unsere Tische gezogen oder auf gleichen Fuß mit uns gestellt, ausgenommen als »Bienen« und bei ähnlichen öffentlichen Versammlungen; wobei sie sich in der Regel anständig und geziemend benehmen, so daß sie manchen, die sich Gentleman nennen, nämlich jungen Leuten, die willkührlich jene Beschränkungen auf die Seite setzen, welche die Gesellschaft von solchen, die einen achtbaren Posten ausfüllen, erwartet, als Muster dienen könnten.
Unmäßigkeit ist leider ein nur zu vorherrschendes Laster unter allen Volks-Klassen in diesem Lande; allein ich erröthe, indem ich es sage, daß sich vorzüglich diejenigen desselben schuldig machen, welche dem bessern Stande angehören wollen. Solche mögen doch ja nicht über die Freiheiten klagen, welche sich die arbeitende Klasse gegen sie heraus nimmt, und daß sie ihnen auf eine Weise begegnet, als wäre sie ihres Gleichen, denn sie stellen sich ja selbst durch ihr Betragen unter den anständigen, nüchternen, wenn auch armen Ansiedler. Wenn sich die Söhne von Gentlemen selbst erniedrigen, so darf es ja gar nicht befremden, daß die Söhne armer Leute in einem Lande, wo alle einander auf gleichem Boden begegnen, und nur ein anständiges feines Benehmen Unterschiede zwischen den verschiednen Klassen bildet, sich über sie zu erheben suchen.
Als ich vor einigen Monaten bei einer Freundin in einem entfernten Theile des Landes zum Besuch war, begleitete ich sie in die Wohnung eines Geistlichen, des Predigers in einem blühenden Dorfe in dem Gemeinde-Bezirk, wo sie einige Tage bleiben wollte — die patriarchialische Einfachheit des Hauses und seiner Bewohner überraschte mich. Wir wurden in das kleine Familien-Zimmer geführt, dessen Fußboden nach der unter den Yankies üblichen Sitte angestrichen war, die Wände hatten keine Tapeten, sondern bestanden aus Tannenholz ohne alle Verzierung, das Hausgeräthe entsprach der allgemeinen Einfachheit. Ein großes Spinnrad schnurrte unter den fleißigen Händen einer sauber gekleideten Matrone von milden, feine Bildung verrathenden Zügen; ihre kleinen Töchter saßen mit ihren Strickstrümpfen am Kaminfeuer, während der Vater mit Unterrichtung von zwei seiner Söhne beschäftigt war; ein dritter saß behaglich auf einem kleinen Strohstuhl zwischen seinen Füßen, und ein vierter schwang seine Axt mit nervigen Armen im Hofe und warf von Zeit zu Zeit durch das Stubenfenster sehnsuchtsvolle Blicke nach dem traulichen Familienkreise im Innern.
Die Kleidung der Kinder bestand aus einer groben Art Zeug, einem Gemisch von Wolle und Flachs (Zwirn), dem Erzeugniß der kleinen Meierei und des rühmlichen Fleißes ihrer Mutter. Strümpfe, Socken, Müffchen und warme Umschlagetücher waren sämmtlich Haus-Fabrikate. Mädchen sowohl als Knaben trugen Mocassins, die sie selbst gefertigt hatten. Gesunder Verstand, Fleiß und Ordnung herrschten unter den Gliedern dieses kleinen Haushaltes.
Mädchen und Knaben handelten, wie es schien, nach dem Grundsatz, daß nichts entehrend sei, als was unmoralisch und unschicklich ist.
Gastfreundschaft ohne Uebertreibung, Freundlichkeit ohne geheuchelte Sprache bezeichneten das Benehmen unsrer würdigen Freunde. Alles und Jedes im Hauswesen geschah mit Rücksichtsnahme auf Ordnung und Bequemlichkeit, das Besitzthum (ich sollte wohl lieber sagen, das Einkommen) der Familie war nur gering; sie besaß einige Acker an das kleine Häuschen stoßendes Torf-Land, aber durch Thätigkeit und Fleiß außer und im Hause, so wie durch Sparsamkeit und gute Wirthschaft sah sie sich im Stande, zwar einfach aber doch auf anständigem Fuße zu leben; mit einem Wort, wir erfreuten uns während unsres Aufenthaltes bei diesen guten Menschen mancher von jenen Genüssen, die eine völlig urbare canadische Meierei darbieten kann; Geflügel aller Art, hausschlachtenes Rindfleisch, treffliches Schöpsenfleisch und Geräuchertes waren in Ueberfluß vorhanden; zum Thee hatten wir mancherlei Delicatessen: Eingemachtes, Honig in Scheiben, treffliche Butter und guten Käse nebst verschiednen Sorten Kuchen; eine Art kleine Pfann-Kuchen von Buchweizen-Mehl, in einer kleinen Pfanne mit Hefen geknetet und nachmals in heißen Speck gestürzt und gebacken; ein Präparat von indianischem Korn-Mehl, Namens Supporne-Kuchen (Supporne-cake), in Schnitzeln geschmort und gebacken und mit Ahorn-Syrup gegessen, gehörten ebenfalls unter die Raritäten unsers Frühstücks.
Als ich eines Morgens ein Völkchen sehr schönen Geflügels im Hühnerhofe bewunderte, sagte meine Wirthin lächelnd zu mir, »ich weiß nicht, ob Sie glauben, daß ich auf rechtlichem Wege dazu gekommen bin.«
»O ich bin gewiß, Sie erlangten die hübschen Thierchen nicht durch unerlaubte Mittel,« erwiederte ich lachend, »für Ihre Grundsätze in dieser Hinsicht will ich bürgen.«
»Schön,« sagte meine Wirthin, »sie sind mir weder gegeben noch verkauft worden, und doch habe ich sie auch nicht gestohlen. Ich fand den ursprünglichen Stamm auf folgende Weise. Eine alte schwarze Henne erschien eines Morgens ganz unerwartet vor unsrer Thür; wir begrüßten den Ankömmling mit Staunen und Freude; denn wir konnten zu dieser Zeit unter unsrer kleinen Colonie keinen einzigen Haus-Vogel aufweisen. Wir haben nie recht erfahren können, wie die Henne in unsern Besitz kam, vermuthen aber, daß eine landeinwärts reisende Auswandrer-Familie dieselbe unterwegs verloren haben muß; diese Henne legte zehn Eier und brütete sie glücklich aus; die kleine Brut war der Stamm von unsern Hühnern, und wir konnten bald unsre Nachbarn mit dergleichen Geflügel versorgen. Wir schätzen diese Vögel nicht blos wegen ihrer vorzüglichen Größe, sondern auch wegen der eigenthümlichen Weise, auf die wir sie erhalten haben, und die uns als ein Beweis von Gottes Fürsorge für unsre Angelegenheiten erschien.«
Sehr viel Unterhaltung gewährte mir die leichte Skitze, welche uns der Prediger eines Abends zum besten gab, als wir alle um ein prasselndes Holzfeuer herum saßen, das in dem, mit seinem steinernen Mauerwerk weit vorspringenden und zu beiden Seiten ziemlich tiefe Winkel bildenden Kamin hoch emporloderte.
Er bezog sich auf seine erste Ansiedlung und bemerkte Nachstehendes: —
»Es herrschte eine trostlose Wildniß von finstern dichtstehenden Waldbäumen, als wir zuerst unser Zelt hier aufschlugen, zu dieser Zeit war noch keine Axt an die Wurzel auch nur eines einzigen Baumes gelegt worden, noch kein Feuer, außer von umherstreifenden Indianern, war in diesen Wäldern angezündet worden.
»Ich kann immer noch den Ort zeigen, wo mein Weib und meine Kleinen ihr erstes Mal verzehrten und ihre schwachen Stimmen mit dankerfüllten Herzen zu jenem allmächtigen und barmherzigen Wesen erhoben, welches sie glücklich und wohlbehalten mitten durch die Gefahren des Oceans hierher geführt hatte.
»Wir glichen einer kleinen, in einer großen Wüste, unter dem besondern Schutze eines mächtigen Hirten, wandernden Heerde.«
»Ich habe Sie meine liebe junge Freundin,« (diese Worte galten meiner Gefährtin,) von den Entbehrungen und Mühseligkeiten im Busche sprechen hören; aber glauben Sie mir, Sie haben im Vergleich mit denen, die vor einigen Jahren hierher kamen, nur wenig davon erfahren.
»Fragen Sie nur meine ältern Kinder und meine Frau, wie beschaffen die Beschwerden und Mühseligkeiten des Buschsiedler-Lebens noch vor zehn Jahren waren, sie werden Ihnen sagen, daß sie Hunger und Kälte, und alle damit verbundne Uebel zu erdulden hatten, daß es zu Zeiten an jedem nöthigsten Nahrungs-Artikel fehlte. Was die feinen Lebensgenüsse und Luxus-Artikel anlangt, so wußten wir nichts davon; und wie konnten wir auch? wir waren weit von jeder Gelegenheit entfernt, dergleichen Dinge zu erlangen; Kartoffeln, Schweinfleisch und Mehl waren unsre einzigen Vorräthe, und oft gingen uns die beiden letztern aus, und es dauerte eine ziemliche Weile, ehe wir neue erlangen konnten. Die nächsten Mühlen waren dreizehn (englische) Meilen von uns entfernt, und der Weg dahin führte durch blos angedeutete Wald-Pfade; und überdies hatten wir keinen einzigen Ansiedler in der Nähe. Jetzt sehen Sie uns in einer gelichteten, völlig urbar gemachten Gegend, umgeben von blühenden Meiereien und entstehenden Dörfern; aber zu der Zeit, wovon ich spreche, war es nicht so; damals gab es weder Gewürzläden, noch Vorraths-Häuser, wir hatten keine Fleischbänke, keine gelichteten Meierein, keine Milcherei, keine Obstgärten; auf diese Dinge mußten wir geduldig warten, bis Fleiß und Betriebsamkeit sie herbeiführen würden.
»Unsre Kost bestand in nichts anderm, als eingepöckeltem Schweinfleisch, Kartoffeln und bisweilen in Brod zum Frühstück; Schweinfleisch und Kartoffeln bildeten unser Mittagsmahl, Kartoffeln und Schweinfleisch unsern Abendtisch, nebst einem Brei aus indianischem Korn für die Kinder. Bisweilen mußten wir uns mit Kartoffeln ohne Schweinfleisch, bisweilen mit Schweinefleisch ohne Kartoffeln begnügen; dies war unsre tägliche Kost im ersten Jahre. Nach und nach erhielten wir etwas Korn von unserm eignen Boden, woraus wir uns mittels einer Handmühle ein grobes Mehl bereiteten; denn wir hatten weder Wasser- noch Wind-Mühlen in unsrer Colonie, und gutes Brod war in der That ein Luxus-Artikel für uns, den wir nicht oft hatten.
»Wir brachten eine Kuh mit, die uns während des Frühlings und Sommers mit Milch versorgte; aber wegen des wilden Knoblauchs (ein in unsern Wäldern sehr häufiges Unkraut), welchen sie fraß, war ihre Milch kaum genießbar, sie starb im folgenden Winter, zu unserm nicht geringen Kummer; wir lernten, daß Erfahrung in dieser so wie in vielen andern Angelegenheiten, hoch zu stehen kommt, jetzt aber genießen wir den Vortheil davon.«
»Bestimmten sie die Schwierigkeiten, worauf sie damals stießen, nicht bisweilen zu Mißmuth und zur Reue über die freiwillige Wahl einer von ihrer frühern so verschiednen Lebensweise?« fragte ich.
»Sie dürften diese Wirkung wohl herbeigeführt haben, hätte nicht ein höherer Beweggrund, als bloser weltlicher Vortheil mich veranlaßt, meiner Heimath Lebwohl zu sagen und hierher zu kommen. Sehen Sie, die Sache verhielt sich so: ich war mehre Jahre Prediger eines kleinen Dörfchens in den Gruben-Distrikten von Cumberland gewesen. Ich war den Herzen meiner Gemeinde theuer, sie war meine Freude und meine Krone. Eine Anzahl meiner Kirchgänger, durch Armuth und schlechte Zeiten gedrückt, beschloß, nach Canada auszuwandern.
»Getrieben von dem natürlichen und nicht ungesetzmäßigen Verlangen, ihre Lage zu verbessern, erschien ihnen eine Reise über das atlantische Meer das beste Mittel dazu, und überdies ermuthigte sie das Versprechen, daß ihnen ein beträchtlicher Flächenraum wilden Bodens bewilligt werden sollte; denn damals war die Regierung in dergleichen Schenkungen an Leute, welche Colonisten werden wollten, sehr freigebig.
»Allein vor Ausführung dieses Unternehmens kamen mehre der achtbarsten von ihnen zu mir und setzten mich von ihrem Plan und ihren Gründen zu einem so wichtigen Schritt, den sie im Begriff zu thun waren, in Kenntniß; und zu gleicher Zeit baten sie mich in den rührendsten Ausdrücken, im Namen der ganzen Gesellschaft, die sich zur Auswanderung bestimmt hatte, sie in die Wildnisse des Westens zu begleiten, damit sie nicht Gefahr liefen, ihren Herrn und Erlöser zu vergessen, wenn sie sich von ihrem geistigen Führer und Beistand verlassen sähen.
»Anfangs verursachte mir der Vorschlag keine geringe Bestürzung; es schien mir ein wildes und abentheuerliches Unternehmen; allein nach und nach begann ich, mit Vergnügen bei der Sache zu verweilen. Ich hatte, außer in meinem Geburts-Dorfe, wenige Bekannte, die mich an das Heimathsland fesselten; das Einkommen von meiner Predigerstelle war so gering, das es kein großes Hinderniß abgeben konnte; gleich Goldsmith's Pastor galt ich »für reich, mit vierzig Pfund das Jahr.« Mein Herz hing mit inniger Liebe an meiner kleinen Heerde; zehn Jahr hindurch war ich ihr Führer und Seelsorger gewesen; ich war der Freund der Alten und der Lehrer der Jugend. Meine Marie hatte ich aus ihrer Mitte gewählt; sie hatte keine fremden Banden, um sie in weiter Ferne mit Reue und Bedauern auf die Bewohner der Heimath blicken zu machen, ihre Jugend und ihre Reife hatte sie unter ihnen erlebt, so daß sie mir, als ich ihr den Vorschlag meiner Pfarrkinder mitgetheilt und zugleich meine Wünsche zu erkennen gegeben hatte, nach Unterdrückung eines bangen schmerzlichen Gefühls in ihrer Brust, mit Ruth's Worten erwiederte —
»Dein Land soll mein Land, dein Volk das meinige sein; wo du stirbst, will auch ich sterben und begraben sein; der Herr thue mir so und so, wenn mich etwas anderes als der Tod trennen sollte.«
»Eine liebreiche zärtliche Lebensgefährtin bist Du mir immer gewesen, meine Marie,« schaltete der gute Mann hier ein, indem er seine Augen voll Zärtlichkeit auf das milde Antlitz der würdigen Matrone richtete, deren ausdrucksvolle Miene besser als Worte die Gefühle ausdrückten, welche ihre Brust bewegten. Sie erwiederte nicht mit Worten, aber ich sah die dicken glänzenden Thränen auf die Arbeit in ihrer Hand fallen. Sie entsprangen von Bewegungen, die zu heilig waren, um durch neugierige Augen gestört zu werden, und ich wendete eilig meinen Blick von ihrem Gesicht; während der Prediger in Erzählung der Umstände, die sein Scheiden von der Heimath, seine Reise und endlich seine Ankunft in dem Lande begleitet, welches der kleinen Colonie in dem noch ungelichteten Theile des Gemeinde-Bezirks bewilligt worden war, fortfuhr.
»Wir hatten vor unsrer Ankunft in diesem Distrikte viele nützliche Rathschläge und allen nützlichen Beistand von den Regierungs-Agenten erhalten, und auch einige Holzspeller gegen hohe Löhne gemiethet, um uns in der Kunst, Bäume zu fällen, aufzuschichten, zu verbrennen und den Boden zu reinigen, zu unterrichten; da es unser Hauptziel war, irgend eine Feldfrucht zu erbauen und einzuernten, so legten wir ohne weitern Aufschub, als den die Errichtung eines einstweiligen Obdachs für Weib und Kind erheischte, sogleich Hand ans Werk, und bereiteten den Boden zur Aufnahme von Frühlings-Saat vor, wobei wir einer dem andern mit Zugvieh und Arbeit beistanden. Und hier muß ich bemerken, daß mir jede Aufmerksamkeit und Unterstützung von meinen Freunden zu Theil ward. Meine Mittel waren gering, und meine Familie war zu jung, um mir einige Dienste leisten zu können. Indeß fehlte es mir nicht an Hülfe, und bald hatte ich die Freude, ein kleines Fleckchen zur Erbauung von Kartoffeln und Korn gelichtet und gereinigt zu sehen, ein Resultat, das ich durch meine alleinigen Anstrengungen nimmermehr herbeigeführt haben würde.
»Mein ältester Sohn Johann war erst neun Jahr alt, Willie sieben und die andern alle noch hülfloser; die beiden Kleinen, die Sie hier sehen, sind erst nach meiner Ankunft in diesem Lande geboren worden. Die blonde Dirne, welche neben Ihnen sitzt und strickt, war noch ein Säugling, ein hülflos weinendes Kind, so schwach und kränklich, ehe wir hier eintrafen, daß sie selten aus den Armen ihrer Mutter kam; allein sie wuchs und gedieh unter der abhärtenden Behandlung einer Buschsiedler-Familie zusehends.
»Wir hatten kein Haus, keine Art von Obdach zu unsrer Aufnahme, als wir an dem Orte unsrer zukünftigen Bestimmung anlangen; und die ersten beiden Nächte brachten wir auf den Ufern der Einbucht am Fuße des Berges in einer Hütte von Cedern- und Schierlingstannen-Aesten zu, die ich mit meiner Axt und mit Hülfe einiger meiner Gefährten zum Schutz meiner Gattin und der Kleinen errichtete.
»Obgleich in der Mitte Mai's, waren die Nächte doch noch sehr kalt, und wir waren froh, als ein tüchtiges Holzfeuer vor dem Eingange der Hütte loderte, welches uns nicht nur gegen die Kälte, sondern auch vor den Stichen der Musquitos sicherte, die in Myriaden vom Flusse her über uns herfielen, und uns das Ufer weiter hinauftrieben.
»Sobald als möglich, errichteten wir eine Shanty, die jetzt als Schuppen für das junge Vieh dient; ich wollte sie nicht niederreißen, wiewohl ich oft gedrängt wurde, dies zu thun, da sie eine angenehme Aussicht vom Fenster aus verhindert; allein ich blicke gar zu gern darauf und erinnere mich dabei an die ersten Jahre, die ich unter ihrem niedrigen Dache verlebt habe. Wir bedürfen solcher Gegenstände, um uns an unsre ehemalige Lage zu erinnern; denn wir werden nur zu leicht stolz und hören dann auf, unsre gegenwärtigen Annehmlichkeiten gebührend zu schätzen.
»Unser erster Sabath wurde unter freiem Himmel gefeiert; meine Kanzel war ein aus rohen Baumstämmen aufgeschichteter Pfeiler, meine Kirche der tiefe Schatten des Waldes, unter welchem wir uns versammelten; aber von einer aufrichtigeren Frömmigkeit und Inbrunst, als an diesem Tage, bin ich nie Zeuge gewesen. Ich erinnere mich noch recht gut an den von mir gewählten Text; ich entlehnte ihn aus dem achten Capitel des fünften Buches Mosis, Vers 6, 7, und 9, die mir auf unsre damaligen Umstände anwendbar zu sein schienen.
»Im folgenden Jahre errichteten wir ein kleines Blockhaus, das uns als Schule und Kirche diente. Anfangs waren unsre Fortschritte in Lichtung des Bodens nur langsam; denn wir mußten erst Lehrgeld bezahlen und Erfahrung kaufen, und mancherlei und groß waren die Täuschungen und Entbehrungen, denen wir in den ersten fünf Jahren zu begegnen hatten. Zu einer Zeit litten wir alle am Fieber, und keiner war im Stande, dem andern beizustehen; dies war eine traurige Zeit; allein bessere Tage warteten unser. Die Anzahl der Auswandrer nahm fortan zu, und die kleine Niederlassung, welche wir begründet, stand in gutem Rufe. Ein neuer Ankömmling erbaute eine Säge-Mühle; ein andrer eine Korn-Mühle; bald folgte auch ein Magazin, und diesem ein zweites und drittes, bis wir ein blühendes Dorf um uns her empor steigen sahen. Nun fing das Land an Werth an zu gewinnen, und manche von den alten Ansiedlern verkauften die ihnen zugefallnen Parcellen mit Vortheil und zogen weiter waldeinwärts.
»In demselben Verhältniß, als das Dorf wuchs, nahmen natürlicher Weise auch meine amtlichen Pflichten zu, die mir in den ersten Jahren meine kleine Heerde durch freiwillige Liebesdienste und Geschenke vergalt; jetzt genieße ich die Zufriedenheit, meinen Lohn zu ernten, ohne daß ich meinen Pfarrkindern zur Last falle. Mein Grundstück nimmt an Werth zu, und außer meinem Honorar als Prediger erhalte ich noch für die Schule eine kleine Zulage, welche die Regierung zahlt. Wir können uns jetzt glücklich preisen, daß wir hier sind; denn Gott hat unsre Bemühungen gesegnet.«
Ich habe manche interessante Umstände vergessen, die mit den Prüfungen und Entbehrungen, welchen diese Familie ausgesetzt war, in Verbindung standen; indeß erzählte uns der Prediger genug, um mich mit meiner Lage auszusöhnen, und ich kehrte nach einem angenehmen mehrtägigen Aufenthalte bei diesen liebenswürdigen Menschen, mit erhöhter Zufriedenheit und einigen nützlichen praktischen Lehren, die mich mein ganzes Leben hindurch begleiten werden, nach Hause zurück.
Ich interessire mich gegenwärtig nicht wenig für einen jungen Schotten, der von England hierher gekommen ist, um die canadische Feldwirthschaft zu lernen; der arme Junge hatte sich höchst romantische Vorstellungen von dem Leben eines Ansiedlers gebildet, und zwar theils aus den Berichten, die er gelesen, theils durch eine lebhafte Phantasie verführt, welche die Täuschung vollendet und in ihm den Glauben erzeugt hatte, daß er seine Zeit hauptsächlich mit den bezaubernden Vergnügungen und Abentheuern, welche die Jagd auf Rehe und andres Wild, das Schießen nach Tauben und Enten, das Erlegen des Fuchses mit dem Speer, bei Fackellicht, das Umhersteuern auf den Seen in einem Canoe von Birkenrinde während des Sommers, das Schlittschuhlaufen oder Schlittenfahren, nach Art der Lappländer, über den gefrornen Schnee, mit einer Schnelligkeit von zwölf (englischen) Meilen, und unter dem muntern Geläute von Glöckchen und Schellen u. s. w. darbieten, zubringen werde. Welch anmuthiges Leben, um einen Knaben von vierzehn Jahren für sich einzunehmen, der eben erst den lästigen Beschränkungen einer Pensions-Anstalt entflohen ist.
Wie wenig mochte ihn von den Plackerein und Mühseligkeiten träumen, welche von den Pflichten eines Burschen seines Alters in einem Lande, wo Alt und Jung, Herr und Diener in gleichem Grade, und ohne Rücksicht auf frühere Lage und Rang, Hand ans Werk legen müssen, unzertrennlich sind.
Hier muß der Sohn eines Gentleman selbst Holz spellen und Wasser hohlen; er lernt hier Bäume fällen, Holzpfeiler errichten, Gitterwerk zuschneiden, das Feuer während der Brenn-Zeit bewachen, und ist dabei in einen groben Ueberwurf von hanfnem Zeuge (logging-shirt) und entsprechende Pantalons gekleidet, und mit einem Yankie-Strohhut auf dem Kopfe und einem Spieß zur Handhabung der lodernden Feuerbrändte versehen. Beschicken, Anschirren und Führen des Zugviehs, Pflügen, Säen, das Pflanzen von indianischem Korn und Kürbissen, das Legen von Kartoffeln gehört unter die Verrichtungen des jungen Emigranten. Seine Erholungen sind vergleichungsweise nur wenige, allein eben wegen ihrer Seltenheit haben sie einen um so viel größeren Reiz, und gewähren einen um so größeren Genuß.
Sie können sich denken, wie der arme Junge niedergeschlagen sein mußte, als er seine schönen Träume von Belustigungen aller Art, vor der ernsten, nüchternen Wirklichkeit und der mühseligen Geschäftigkeit, welche einem jungen Ansiedler in den Urwäldern obliegt, in Nichts zerrinnen sah.
Jugend ist indeß das passendste Alter zur Auswanderung in dieses Land; der Mensch fügt sich dann bald in seine neue Lage und versöhnt sich nicht nur im Verlauf der Zeit mit der Veränderung seiner Lebens-Verhältnisse, sondern gewinnt sie sogar lieb. Einen Trost gewährt es ihm auch, wenn er sieht, daß er nicht mehr thut, als andre von gleichen Ansprüchen auf Rang und Erziehung verrichten müssen, wenn sie fortkommen und gedeihen wollen; und vielleicht wird er in der Zukunft das Land segnen und preisen, welches ihn von einem Theil jenes dummen Stolzes befreit hat, welcher ihn mit Verachtung auf diejenigen herabblicken machte, deren Beschäftigungen von niedrer Art waren.
Es wäre ein himmelschreiendes Unrecht, wenn man Leute, welche auszuwandern wünschen, mit falschen und schmeichelnden Gemälden von den in diesem Lande zu erwartenden Vortheilen vorsätzlich hintergehen wollte. Man mache sie in seinen Berichten mit dem Für und Wider genau bekannt; und der Leser brauche seinen besten, von Vorurtheilen oder Gewinnsucht in einer Sache von solcher Wichtigkeit nicht sowohl für ihn selbst, sondern auch für diejenigen, zu deren Führer und Beschützer ihn die Natur bestimmt hat, unbehinderten Verstand. Es ist indeß weit schwieriger über Auswanderung und die damit verbundnen Umstände zu schreiben, als viele sich einbilden; der Gegenstand umfaßt ein so weites Feld, daß, was in Bezug auf einen Theil der Provinz vollkommen richtig sein mag, dieses hinsichtlich eines andern keineswegs sein dürfte. Ein Distrikt unterscheidet sich von dem andern, ein Gemeinde-Bezirk von dem andern, je nach seinen natürlichen Vortheilen; es frägt sich hier, ob er seit langer Zeit angesiedelt ist oder nicht, ob er Wasser besitzt oder nicht; der Boden, ja selbst das Klima sind je nach Lage und andern Umständen verschieden.
Viel, sehr viel hängt hier von dem Temperament, der Gewohnheit und dem Charakter der Emigrantin selbst ab. Was dem einen frommt, paßt nicht auch für den andern; eine Familie wird gedeihen, und alle Bequemlichkeiten um ihre Wohnstätte her versammeln, während andere in Armuth und Mißmuth leben. Es würden ganze Bände nöthig sein, um jedes Argument für und wider zu erörtern, und genau anzugeben, welche Personen sich zur Auswanderung eignen, und welche nicht.
Haben Sie Dr. Dunlop's geistreich und witzig geschriebnen »Backwoodsman« gelesen? Sollte dies nicht der Fall sein, so suchen Sie ihn so bald als möglich zu bekommen, er wird Sie unterhalten. Ich denke eine Urwaldsiedlerin (Backwoodswoman) könnte in demselben Tone geschrieben werden; einige Seiten, die Geschichte von dergleichen Damen enthaltend, würden als Beispiel für unser Geschlecht dienen. In der That bedürfen wir einiger heilsamen Ermahnungen hinsichtlich unsrer Pflichten so wie der Thorheit, zu bereuen, daß wir unsern Gatten gefolgt sind und ihr Loos mit ihnen theilen, daß wir denen gefolgt sind, welchen wir einst in glücklichern Stunden ewige Liebe und Treue — in Reichthum und Armuth, in Leiden und Freuden, Gesundheit und Krankheit — angelobt haben. Nur zu viele thun dieses Gelübde, ohne seine Wichtigkeit zu bedenken und ohne die Zufälligkeiten zu berechnen, welche ihre Treue auf eine harte Probe setzen dürften, wie z. B. wenn es sich darum handelt, Verwandte, Freunde und Vaterland zu verlassen und sich dem harten Loose eines Ansiedler-Lebens zu unterziehen; gewiß kein geringes Opfer; allein die treue liebende Gattin wird es bringen, ja sie wird sich zu noch größeren Schwierigkeiten verstehen, wenn es der Mann ihrer Wahl von ihr fordert.
Allein es ist Zeit, daß ich Ihnen Lebewohl sage; mein Brief ist zu einem furchtbaren Packet angeschwollen, er wird Sie gewiß langweilen, und Sie werden ihn auf den Boden des atlantischen Oceans herabwünschen.
Fußnoten:
[57] Siehe den Anhang.