Vierzehnter Brief.

Nutzen botanischer Kenntnisse. — Das Feuerkraut (fireweed) Sarsaparilla-Pflanzen. — Prächtige Wasser-Lilie. — Reis-Beete. — Indianische Erdbeere. — Scharlachfarbner Akelei (Columbine) — Farnkräuter. — Gräser. —

Juli 13, 1834.

Der Winter scheint uns in diesem Jahre ziemlich zeitig verlassen zu wollen, zu Ende Februars war der Boden völlig frei von Schnee, und den ganzen März hindurch hielt milde und freundliche Witterung an, jedoch nicht so warm und überhaupt veränderlicher als im vorigen Jahre. In der letzten April-Woche und zu Anfange Mai's waren sämmtliche Waldbäume belaubt und prangten im schönsten lieblichsten Grün.

Am 14., 15. und 16. Mai wurde die Luft plötzlich kalt, ein scharfer Wind blies aus Nordwesten, und heftige Schnee-Stürme knickten die jungen Knospen und zerstörten manche Frühsaat; glücklicher Weise hatten wir uns mit unserm Säen nicht sehr beeilt, und dies war unter solchen Umständen sehr gut.

Unsre Wälder und Lichtungen sind jetzt mit schönen Blumen gefüllt. Sie werden sich aus den getrockneten Exemplaren, die ich Ihnen übersende, eine Vorstellung davon machen können. Sie werden darunter manche Lieblinge unsrer englischen Gärten und Gewächshäuser erkennen, welche die verschwenderische Hand der Natur nachlässig in den canadischen Wäldern und Wildnissen ausgestreut hat.

Wie oft wünsche ich Sie an meine Seite, wenn ich durch die Wälder und Lichtungen streife; die Aufsuchung unsrer botanischen Schätze würde Ihnen große Freude gewähren.

Ich bedaure jetzt nur zu sehr, daß ich, als ich noch in der Heimath war, Ihr gütiges Anerbieten, mich im Blumenmalen unterrichten zu wollen, ausgeschlagen habe; Sie sagten mir damals oft, die Zeit würde kommen, wo ich Ursache haben dürfte, die Vernachlässigung der sich mir darbietenden günstigen Gelegenheit zu bereuen.

Sie haben mir richtig prophezeiht; denn ich beklage jetzt täglich, daß ich Ihnen keine genauen Schilderungen von den Pflanzen meiner neuen Heimath geben oder denselben ihren Platz im System anweisen kann, wie Sie dies thun würden. Mit einigen derselben habe ich mich bekannt gemacht, jedoch traue ich meinen botanischen Kenntnissen zu wenig, um eine wissenschaftliche Beschreibung zu wagen; denn ich fühle nur zu gut, daß ein Verstoß leicht entdeckt werden, und daß ich, wollte ich mich mit Kenntnissen brüsten, die ich nicht besitze, mich lächerlich und verächtlich machen würde. Das einzige botanische Werk, das mir zu Gebote steht, ist Pursh's nordamerikanische Flora, aus welcher ich einige Belehrung geschöpft habe; allein ich muß gestehen, daß mir die Entzifferung der lateinischen Beschreibungen, da ich kein Latein verstehe, außer was mich mein bischen Italienisch errathen läßt, viel Mühe und Langeweile verursacht.

Ich habe von den vorzüglichsten, der Aufmerksamkeit würdigsten Pflanzen in unsrer Nähe, ein Verzeichniß entworfen, es giebt indeß noch viele andere in dem Gemeinde-Bezirk, die mir fremd sind; von einigen derselben weiß ich nicht einmal die Namen. Ich füge von denjenigen Blumen, die mir am meisten gefallen, oder die sich durch irgend eine erwähnungswerthe Eigenschaft auszeichnen, eine leichte Skitze bei, aber nicht mit dem Pinsel sondern mit der Feder.

Auf dem gelichteten Boden wachsen nicht mehr dieselben Pflanzen, welche früher, als er noch mit Waldbäumen bedeckt war, darauf wucherten. Eine andre Pflanzen-Welt kommt zum Vorschein, sobald das Feuer den Boden gereinigt hat. Das Nämliche läßt sich hinsichtlich unsrer Waldbäume sagen. So wie eine Generation abstirbt und verwittert, tritt eine neue, aber von ihr verschiedne an ihre Stelle. Ein zur Erläuterung dieses Umstandes dienendes Beispiel liefert das sogenannte Fichten-Fett, eine harzige Substanz, die man gewöhnlich an Orten findet, wo die lebende Fichte weniger häufig wächst, und wo Eichen, Eschen, Ahorn u. s. w. den Boden einnehmen.

Das Feuer-Kraut, eine Art schlanke Distel von niedrigem, unangenehmem Geruch, ist die erste Pflanze, welche erscheint, nachdem der Boden durch Feuer entwaldet ist; bleibt ein Stück Land den ersten Sommer nach seiner Lichtung ungepflügt liegen, so schießt im nächsten Frühjahr dieses Unkraut in dichten Massen hervor. Die nächste Pflanze, welche sich zeigt, ist der Sumach mit seinem flaumbedeckten Stengeln und sammetartigen hochrothen Blumen, die einen aufrecht stehenden stumpfen Büschel an den Zweigspitzen bilden; die Blätter werden im Spätsommer scharlachfarben. Dieser Strauch, wiewohl er sich sehr schön ausnimmt und recht wohl als Ziergewächs dienen kann, wird doch in alten Lichtungen als eine große Plage betrachtet, weil seine Wurzeln ausschlagen und zahlreiche Schößlinge treiben. Hierauf folgen die Brombeeren und die wilde Stachelbeere in großer Menge, und zahllose Erdbeer-Pflanzen von mancherlei Art überziehen den Boden gleich einem Teppich und vermischen sich mit dem Gras der Weide. Ich sah mich dieses Frühjahr genöthigt, mit schonungsloser Hand Hunderte von Sarsaparilla-Pflanzen, so wie auch den berühmten Ginseng, welcher in unsern Wälder sehr häufig ist, mit der Wurzel auszureißen; der Ginseng war früherhin ein Ausfuhr-Artikel, den die Vereinigten Staaten nach China sendeten, weil seine Wurzel von den Chinesen besonders geschätzt wird.

Letzte Woche bemerkte ich eine saftige Pflanze, die auf einem trocknen sandigen Gange in meinem Garten den Boden durchbrochen hatte; sie scheint eine Art (Mesembryanthemum (?)) zu sein; sie hat sich so schnell ausgebreitet, daß sie bereits einen ziemlichen Raum einnimmt. Die Zweige gehen von der Mitte der Pflanze aus und treiben aus jedem Gelenk Schößlinge hervor. Die Blätter sind mehr klein, dreikantig und zugespitzt, dick und saftig, wie die gewöhnlichen Sedum-Arten, wenn man sie quetscht, so fließt eine grünliche Flüssigkeit aus. Die Stengel sind dick und rund, hellroth und kriechen an der Erde hin; die Blätter entspringen aus den Gelenken, und mit ihnen in ununterbrochner Aufeinanderfolge gelbe Stern-Blumen, die sich ungefähr eine Stunde nach ihrer ersten Entfaltung wieder schließen. Ich werde Ihnen einige Samen von dieser Pflanze schicken, ich bemerkte nämlich eine Anzahl kleiner Schoten, die wie Knospen aussahen, aber, bei näherer Untersuchung sich als die Samenbehälter erwiesen. Die Pflanze bedeckt den Erdboden gleich einer dicken Matte, und ist, wo ihr dieser zusagt, wie man mir sagt, ein lästiges Unkraut.

Ich bedaure nur, daß ich unter meinen getrockneten Pflanzen nicht einige unsrer prachtvollen Wasser-Lilien und Iris-Arten erhalten konnte; allein sie waren zu groß und zu saftig, um sich gut trocknen zu lassen. Da ich Ihnen diese meine Lieblinge nicht mitsenden kann, so will ich sie Ihnen wenigstens beschreiben.

Die erste davon ist eine herrliche Wasser-Lilie, (Nymphaea) welche ich der Unterscheidung halber »Königin der Seen« genannt habe, denn sie prangt gleich einer Krone auf den Gewässern; diese prächtige Blume gleicht in Umfang einer mäßig großen Dahlia, sie erscheint wie gefüllt, und jede Blumen-Blätter-Reihe nimmt nach der Mitte zu allmälig an Größe ab und geht in Farbe nach und nach von dem reinsten Weiß in das lichteste Citronengelb über. Die noch nicht entfalteten Blüthen nehmen sich sehr hübsch aus, man kann sie unter der Oberfläche des Wassers auf verschiednen Stufen ihrer Entwickelung wahrnehmen: — von der noch völlig geschloßnen und in ihren olivengrünen Kelch gehüllten Knospe bis zu der halb aufgeplatzten Blume, welche bereit ist, aus ihrem Wasser-Kerker hervorzutauchen und in all ihrer jugendlichen Schönheit ihren schönen weißen Busen dem hellen Sonnenstrahl und der milden Luft zu entfalten. Aber die Schönheit der Blume ist nicht ihr einziger Liebreiz; sobald sie sich entfaltet hat, verbreitet sie einen reichen Wohlgeruch, dem von frischen Citronen nicht unähnlich. Nicht weniger Aufmerksamkeit verdienen die Blätter: anfangs zeigen sie ein schönes Dunkelgrün, aber mit dem Abwelken der Blume vertauschen sie diese Farbe nach und nach mit einem lebhaften Carmosin. Wo viele dergleichen Lilien dicht beisammen wachsen, verleihen sie der Wasserfläche einen unbeschreiblich schönen Anblick, der schon in einiger Entfernung das Auge auf sich zieht.

Die gelbe Species dieser Gattung ist ebenfalls sehr schön, jedoch fehlt ihr das seidenartige Gewebe und die zarte Farbe der erstern; ich nenne sie »Wasser-König.« Die Blume bietet einen dunkel goldgelben Becher dar, dessen ausgebauchte Blätter in der Mitte eine röthlich braune Schattirung zeigen, welche gegen die hellfarbigen, wie goldne Franzen über einander herabhängenden Antheren stark absticht, die sehr zahlreichen Antheren sind in dicht auf einander folgenden Reihen angeordnet und füllen den hohlen Blumen-Becher völlig aus.

Die seichten Stellen unsrer Seen strotzen von mannigfaltigen zierlichen Wasser-Pflanzen; ich kenne keinen lieblichern Anblick als diese kleinen schwimmenden Gärten. Hier erblickt man unfern des Ufers ein Beet mit azurnen, Fleurs de lis, vom blassesten Perlfarben bis zum dunkelsten Violett. Näher am Ufer, wo das Wasser am seichtesten ist, sendet die rosenfarbne Persecaria ihre prächtigen Blüthen empor, deren Stiele sich unter der Wasserfläche hinranken, man sieht die rothen Stengel und glatten dunkelgrünen, an der untern Fläche rosenroth geaderten Blätter; es ist eine höchst reizende Varietät dieser schönen Pflanzen-Gattung. Auf diese folgt eine Schicht weißer Nymphäen, meine Lieblinge, alle in voller Blüthe, die auf dem Wasser schwimmen und ihre gefüllten Blumenkronen an der Sonne entfalten; unweit dieser erhebt sich in stolzer Schöne eine hohe schlanke Pflanze, mit dunkelgrünen lanzettförmigen Blättern und einer dicken Aehre von hellblauen Blüthen. Ich kann den Namen dieser prächtigen Blume nicht ausfindig machen und habe leider ihren botanischen Bau nicht untersucht, daher ich Ihnen keinen näheren Aufschluß zur Auffindung ihres Namens und ihrer Gattung geben kann.

Unsre Reis-Beete verdienen ebenfalls Bewunderung; aus der Ferne gesehen, erscheinen sie wie grüne Inseln auf den Seen, nimmt man seinen Weg über ein solches Beet, wenn der Reis in der Blüthe steht, so gewährt dieser, mit seinen breiten grasigen Blättern und leichten wogenden Aehren einen lieblichen Anblick; die Aehren sind mit blaßgelben oder grünen, zart purpurröthlich schattirten Blumen besetzt, aus welchen drei zierliche strohfarbne Staubfäden hervorragen, die sich bei jedem Lufthauch, bei der leichtesten Erschütterung des Wassers hin und her bewegen. Ich sammelte mehre Aehren, die sich eben erst geöffnet, aber leider zerbröckelten sie bald nach der Trocknung. Nächsten Sommer werde ich einen abermaligen Versuch machen, einige zu trocknen, und vielleicht dürfte ich einen bessern Erfolg haben.

Das niedrige Ufer des Sees ist über und über mit Strauchwerk und Stauden überzogen. Wir haben ein recht hübsches Johanniskraut, mit schönen gelben Blumen. Auch schöne Geisblatt-Arten kamen hier vor, Strauch-Gewächse von ungefähr drei Fuß Höhe; die Blüthen stehen in Pärchen oder zu vieren und hängen unterhalb der lichtgrünen Blätter; sie sind zierlich trompetenförmig und zart grünlich weiß, es folgen ihnen rubinrothe Beeren. Betrachtet man einen Zweig dieser Pflanze, so fällt besonders die zierliche Anordnung der Blüthen längs dem untern Theil der Stengel in die Augen, die beiden Blüthen sind an den Nectarien auf eine eigenthümliche Weise mit einander verbunden. Die Amerikaner nennen diese Geisblatt-Art twinflower (Zwillingsblume). Ich habe unter den Blüthen derselben einige rosenrothe bemerkt, im Ganzen genommen ist sie einer der schönsten Ziersträucher, welche wir besitzen. Ich verpflanzte im letzten Frühjahr einige junge Exemplare in meinen Garten, und sie versprechen ein gutes Gedeihen. In Pursh's Flora finde ich nirgends eine Beschreibung davon; indeß weiß ich gewiß, daß das Gewächs zu den Geisblatt-Arten gehört, Klasse und Ordnung, Gestalt und Farbe der Blätter, die Blüthenstengel, die trompetenförmigen Blumen, alle gleichen einigermaßen unserm heimathlichen Geisblatt.

Ferner ist ein hoher, gerade aufschießender Strauch, mit großen gelben trompetenartigen Blüthen zu erwähnen, welche an den Zweigspitzen erscheinen; das Involucrum (Hülle) bildet einen bootförmigen Becher, welcher die Blüthen, die daraus zu entspringen scheinen, wie bei unserm scharlachblumigen Jelängerjelieber, kreisförmig umschließt. Blätter und Blüthen dieser Gewächse sind grob und keineswegs mit denen der zuerst beschriebnen Art zu vergleichen.

Wir haben eine große Mannigfaltigkeit von merkwürdigen Orchiden (Ragwurz): gelbe, braune blaßfleischfarbne und scharlachstreifige; eine weiße von trefflichem Geruch, und eine zarte rosenrothe, mit einem runden Blumenköpfchen und zart gefranzten Blumen, wie die Wasser-Nelken, welche in unsern Sümpfen wachsen; dies ist eine allerliebste Blume, sie kommt auf den Biber-Wiesen vor.

Letzten Herbst bemerkte ich in dem Fichten-Wäldchen unfern unsrer Wohnung ein höchst merkwürdiges Gewächs, es kam mit nackten braunen Stämmchen, die sich wie die Aeste eines Baumes en miniature verbreiteten, aus der Erde hervor; die Stengel und Stiele dieser Pflanze waren braun, leicht gefleckt und mit kleinen Knötchen besetzt. Ich beobachtete aufmerksam und mit nicht geringem Interesse das Fortschreiten ihres Wachsthums und Reifens bis ziemlich Ende Oktobers; die kleinen Knötchen, die aus zwei eckigen, harten Hüllen bestanden, und wenn man sie völlig ablößte, Aehnlichkeit mit einem Boote hatten, bersteten entzwei und ließen eine blaßstrohgelbe, spreuartige Substanz, die wie feine Sägespähne aussah, wahrnehmen, wahrscheinlich waren dies die Antheren (Staubwege), jedoch glichen sie mehr Samen; dieses sonderbare Gewächs hätte mit einem Mikroscop untersucht werden sollen. Eine Eigenthümlichkeit, die ich bemerkte, war, daß ich beim Ausreißen eines Exemplars mit der Wurzel, dies Blüthen sich unter der Erde öffnen sah, sie entsprangen von den untersten Enden der Blumenstiele und waren in ihrer Reife eben so weit vorgeschritten, als die, welche an den überirdischen Stengeln saßen; ausgenommen, daß sie etwas bleicher waren, ein leicht erklärlicher Umstand, da die Luft nicht auf sie einwirken konnte. Ich kann keine Beschreibung von dieser Pflanze finden, auch scheint Niemand außer mir Notiz davon genommen zu haben. Das Exemplar, welches ich für Sie bestimmt hatte, zerbröckelte, als es trocken war.

Ich habe versprochen, einige der merkwürdigsten der hier wachsenden Blumen für einen der Professoren an der Universität Edinburg zu sammeln.

Wir haben eine sehr schöne Pflanze, die unsrer Kartoffel in ihrem Blüthen-Bau sehr verwandt zu sein scheint; sie wird in günstigen Lagen zwei bis drei Fuß hoch und sendet manche Seitenzweige ab; die Blumen sind groß, rein weiß, nahe am Boden der Corolle (Blumenkrone) mit bräunlichgelben Flecken gezeichnet, die Blumenkrone ist ganz (ungetheilt); jedenfalls ist dieses Gewächs von der cultivirten Kartoffel nicht verschieden (?!), jedoch scheinen sich an seiner Wurzel keine Knollen zu bilden. Die Frucht ist sehr schön, eiförmig und nach erlangter Reife schön apricosenfarben und von glänzendem lockendem Ansehn; der Geruch indeß verräth ihre giftige Natur: öffnet man sie, so bemerkt man einen weichen Brei, der mit glänzend schwarzen Samen gehüllt ist. Die Pflanze blüht vom Juni an, bis die ersten Fröste ihre Blätter welken machen; sie ist bei weitem nicht so grob als die Kartoffel; die Blüthe gleicht, sobald sie sich völlig entfaltet, einem halben Kronenstück und ist ganz flach, ich glaube man nennt dies präsentirtellerförmig. Leichter lehmiger Boden sagt ihr vorzüglich zu, sie wächst auf den aufwärts gekehrten Wurzeln umgestürzter Bäume, wo das Erdreich etwas sandig ist; ich habe sie nie anderswo als auf unsrer eignen Brache gesehn.

Die Hepatica (Anemone hepatica, Leber-Anemone), ist die erste Blume des canadischen Frühlings; sie erfreut uns mit ihren blauen, rothen und weißen Blumen schon in den ersten Tagen des Aprils, nachdem der Schnee kaum von der Erde gewichen ist. Die Canadier nennen sie Schneeblume, (snow flower) weil sie, wie eben gesagt worden, bald nach Entfernung des Schnees erscheint. Wir sehen ihre lieblichen Bouquets in den offnen Lichtungen und den Tiefen des Waldes; auch ihre Blätter sind eine dauernde Zierde in der milden Jahreszeit; man sieht sie auf jedem kleinen Rasen-Hügel, jeder moosbedeckten Wurzel; die blauen Nuancen sind äußerst mannigfaltig und zart; die weißen Staubwege stechen gefällig von den blauen Blumen-Blättern ab.

Die Wald-Kresse, oder Ingwer-Kresse (ginger cress) ist eine hübsche weiße Kreuzblume, und äußerst aromatisch; sie hat eine weiße, fleischfarbige Wurzel von stechendem meerrettigartigem Geschmack. Die Blätter sind mattgrün, scharf eingekerbt und dreilappig. Reiche feuchte Dammerde sagt dieser Pflanze am besten zu, und man findet sie hauptsächlich auf niedrigem, etwas morastigem Boden; der Blüthenstengel ist bisweilen nackt, bisweilen mit Blättern besetzt und endet mit einer losen Aehre von weißlichen kreuzförmigen Blumen.

Es giebt hier auch eine Kresse, welche in hübschen grünen Büscheln auf dem Boden des Wassers in Buchten und Bächen wächst. Sie ist zarter und von angenehmerem Geschmack als irgend eine Land-Kresse; die Blätter zeigen ein blasses, zartes Grün, sind geflügelt und schlank; die Pflanze nimmt sich unter dem Wasser wie ein grünes Kissen aus. Die Blumen sind gelb, kreuzförmig und unbedeutend. Sie giebt in der ersten Hälfte des Frühlings und im Herbste einen recht angenehmen Sallat. Außerdem kommen mehre Arten Land-Kresse vor, desgleichen einige Gewächse, die einigen unsrer Kohl- und Kraut-Arten gleichen und als Frühjahrs-Gemüse benutzt werden dürften. Ferner findet man verschiedne Spinat-Arten: eine davon ist hier, unter dem Namen Lamb's quarter (Lamms-Viertel) bekannt; sie wächst in beträchtlicher Menge um unsre Gärten, und wird in reicherem Boden zwei Fuß hoch; ihr Blätterwuchs ist äußerst üppig. Die ersten Triebe dieser Pflanze werden an Schweinfleisch gekocht und sind in Ermangelung zarterer Gemüse-Arten sehr nützlich.

Ferner haben wir die indianische Rübe, eine sehr schöne Aron-Wurz (Arum), deren Wurzel, gekocht, der Cassave gleichen soll; die Blätter derselben nehmen sich recht hübsch aus, sie zeichnen sich durch einen schwachen Purpur-Schein aus; die Indianer brauchen die Wurzel als Medicin, und auch als Nahrungs-Mittel; die Ansiedler essen sie oft als Gemüse; ich selbst habe sie noch nie gekostet. Pursh nennt diese Art Arum atropurpureum.

Ich darf hier eine unsrer größten Zierden nicht übergehen, nämlich den Erdbeerspinat[51], oder den indianischen Erdbeerstrauch, wie er verschiedentlich genannt wird. Dieses Gewächs treibt aus einem Hauptstamme viele Seiten-Aeste, die mit schönen Blättern besetzt sind und ihrer äußern Erscheinung nach unserm langblättrigen Garten-Spinat gleichen, die Frucht dieses Strauches ist hell carmosinroth und breiartig, wie die Erdbeere, und enthält eine Anzahl purpurfarbner Samen, die theilweise in der Oberfläche des Fleisches sitzen, gerade so wie die Samen der Erdbeere. Die Früchte sitzen dicht am Stengel, umgeben ihn vollkommen und bilden eine reiche Aehre von schönrothen Beeren. Ich habe fußlange Zweige gepflückt, die dicht mit diesen schönen Beeren bedeckt waren, und bedauerte nur, daß ich sie wegen ihres faden Geschmacks nicht essen konnte. An den Ufern der Einbuchten und auf reicherem Boden wächst dieser Erdbeerstrauch sehr üppig, eine einzige Wurzel treibt zwanzig bis dreißig Aeste empor, die sich unter dem Gewicht ihrer schönen Bürde niederbeugen. Wenn die mittlern und obern Stengel reifen und abwelken, wachsen die Seiten-Aeste in die Höhe, und so trägt der Strauch vom Juli an ununterbrochen Früchte, bis im September die Fröste ihn seiner Schöne berauben.

Die Indianer benutzen den Saft dieser Pflanze zum färben und sollen auch die Beeren essen; man bedient sich ihres Saftes oft als rother Tinte, allein er verschießt sehr schnell, wofern er nicht mit Alaun vermischt ist. Eine meiner Freundinnen erzählte mir, daß sie einen Brief an einen ihrer Verwandten in England mit dieser Erdbeer-Tinte durchkreuzt[52], allein da sie nicht die Vorsicht beobachtet, denselben zu fixiren, so sei die eine Hälfte des sehnlich erwarteten Sendschreibens, als es endlich an seine Adresse gelangt, weil die rothe Tinte fast ganz verschossen, durchaus unleserlich gewesen; und so habe es, anstatt den gehegten Erwartungen zu genügen, dem Leser nur Quälerei und Verwirrung, und ihr selbst Verdruß und Aerger verursacht.

Die Blutwurzel, (Sanguinaria) oder puccoon, wie sie von einigen der eingebornen Stämme genannt wird, verdient von der Blüthe bis zur Wurzel unsre Aufmerksamkeit. Sobald als die April-Sonne den Erdboden erwärmt und von seinen eisigen Fesseln befreit hat, gewahrt man eine Anzahl rein weißer Knospen, die auf nackten Stielen stehen und theilweise in ein schönes, rebenartig gestaltetes Blatt gehüllt sind. Das Blatt ist blaß bräunlichgrün und an der untern Seite seltsam mit blaß orangenfarbnen Adern bezeichnet, es entspringt einzeln aus einer dicken saftreichen fasrigen Wurzel, die, wenn man sie zerbricht, aus ihren Poren eine Quantität hell orangenrothen Saftes ausschwitzt; dieser Saft wird von den Indianern zum Färben und zur Heilung von Rheumatismen und Hautausschlägen benutzt. Die Blüthen der Sanguinaria gleichen dem weißen Crocus sehr genau; bei ihrem ersten Hervorbrechen wird die Knospe von dem oben beschriebnen Blatt unterstützt und ist damit umwickelt; die Blume erhebt sich indeß bald über ihren Beschützer, während das Blatt, nachdem es seine Pflicht, als Hülle der zarten Knospe, erfüllt hat, sich zu seiner vollen Ausdehnung entfaltet. Eine reiche schwarze Dammerde am Saume der Lichtungen scheint diesem Gewächs besonders zuzusagen.

Der scharlachfarbige Akelei ist ebenfalls eine Lieblings-Blume von mir; sie ist hellroth, mit gelben Streifen an den Röhren. Die Nectarien sind länger als bei dem Garten-Akelei, und bilden eine an den Spitzen mit kleinen Kugeln besetzte Mauer-Krone. Gewiß verdient der Akelei, mit seinen glänzenden hängenden Blumen, eine schlanke, zierliche Pflanze genannt zu werden; er wächst im Sonnenschein eben so gut als im Schatten, jedoch wohl nicht in tiefen schattigen Wäldern, sondern da, wo das Unterholz durch das laufende Feuer oder die Axt des Holzfällers entfernt worden ist; er scheint sogar auf armem steinigen Boden fortzukommen und ist fast um jede Wohnstätte herum zu finden. Der gefiederte Akelei liebt nassen, freien Moorboden und die Ufer der Bäche; er erreicht eine Höhe von drei, ja sogar vier und fünf Fuß, und ist eine wahre Zierde.

Veilchen haben wir von jeder Größe und Gestalt, nur das wohlriechende Veilchen (Vîola odorata) unsrer heimathlichen Wälder fehlt uns; doch wüßte ich nicht, warum wir mit diesen zarten Töchtern des Frühlings hadern sollten, weil sie nicht mit dem Wohlgeruch ihrer mehr begünstigten Schwestern begabt sind. Viele Ihrer Waldveilchen, obwohl äußerst schön, sind ebenfalls geruchlos, hier muß die Mannigfaltigkeit der Farben für den Mangel an Parfume einigermaßen Ersatz leisten. Wir haben Veilchen von jedem Blau, einige mit Purpur gestreift, andre mit dunklerem Blau schattirt. Wir haben das zarte, mit Purpur gezeichnete, das hell schwefelgelbe schwarzgeaderte, das blaßgelbe dunkelblaugeaderte Veilchen; die beiden letzten zeichnen sich durch den üppigen Wuchs ihrer Blätter aus; die Blüthen entspringen büschelweise, also mehre aus jedem Gelenk, und hinterlassen nach ihrem Abwelken große, mit einem dicken weißen baumwollenartigen Flaum bedeckte Samen-Kapseln.

In den Wäldern kommt ein Veilchen vor, dessen Blätter außerordentlich groß sind; dasselbe gilt von den Samen-Gefäßen; dagegen ist die Blüthe so klein und unbedeutend, daß man sie blos bei genauerer Untersuchung der Pflanze wahrnimmt; dies hat zu dem Glauben Veranlassung gegeben, daß das fragliche Veilchen (seine Blumen sind blaß grünlichgelb,) unterirdische Blüthen habe. Bryant's schönes Gedicht »das gelbe Veilchen« enthält eine genaue Schilderung von den zuerst erwähnten Veilchen.

Man findet hier ein hübsches Stiefmütterchen (Viola tricolor), welches im Herbste blüht. Seine Farben sind Reinweiß, Blaßpurpurn und Blaßviolett, die obern Blumen-Blätter sind weiß, die Unter-Lippe (die untern Blumenblätter,) purpurn, und die Flügel (seitlichen Blumenblätter) röthlich blaßviolett. Die Schönheit dieser seltnen Blume fesselte mein Auge, als ich während unsrer Reise nach Cobourg einen Abstecher nach Peterborough machte; ich war nicht im Stande, die gesammelten Exemplare zu erhalten, und habe seitdem jene Straße nicht wieder bereist. Die Blume wuchs unter wildem Klee, auf der offnen Seite der Straße; die Blätter waren klein, rundlich und matt dunkelgrün.

Unter den strauchartigen Astern haben wir verschiedne schöne Varietäten, mit großen, blaß hollunderblauen oder weißen Blumen; noch andre haben sehr kleine weiße Blumen und carmosinrothe Antheren, welche wie rothe, mit Goldstaub bepuderte Flaum-Büschel erscheinen. Diese Staubwege stechen gegen die weißen, sternartig angeordneten Blumen-Blätter sehr angenehm ab. Eine Varietät der hochstämmigen Aster kommt auf den Ebnen vor, sie hat Blüthen von der Größe eines Sexpence-Stückes und von sanft perlblauer Farbe, mit braunen Staubwegen. Diese Pflanze erreicht eine ansehnliche Höhe, und von den Hauptstämmen gehen zahlreiche zierliche Blüthenäste ab; die Blätter dieser Art sind an der untern Seite purpurroth, fast herzförmig gestaltet und eben so wie die Stengel mit feinen Härchen besetzt.

Ich fürchte nicht, Ihnen mit meinen botanischen Skitzen beschwerlich zu werden; ich habe noch mehre Pflanzen zu beschreiben: unter diesen sind jene zierlichen kleinen Immergrün-Arten, wovon, unter dem Namen Winter-Immergrün dieses Land Ueberfluß hat; drei oder vier zeichnen sich durch ihr schönes Laubwerk, ihre schönen Blumen und Früchte vorzüglich aus. Eins dieser Winter-Grüne, welches sehr häufig in unsern Fichten-Wäldern wächst, ist außerordentlich schön; es wird selten über sechs Zoll hoch; die Blätter sind hell glänzendgrün, lang, schmal, eiförmig und zart gekerbt, wie ein Rosen-Blatt; die Pflanze kommt in den ersten Monaten des Jahres beim ersten Thauwetter unter dem Schnee hervor, eben so frisch und grün wie zuvor, als sie unter der weißen Decke begraben wurde. Es scheint selten zu blühen. Ich habe es nur zweimal in der Blüthe gesehen; diese blühenden Exemplare hob ich sorgfältig für Sie auf, aber die getrocknete Pflanze kann Ihnen blos eine unvollkommne Vorstellung von dem geben, was sie einst in ihrer Frische und Schönheit war. Ich erinnere mich noch recht gut, daß Sie Ihre getrockneten Exemplare immer nur Pflanzen-Leichname nannten, und dabei bemerkten, daß gute Gemälde davon der Wirklichkeit weit näher kämen. Der Blüthenstengel erhebt sich zwei bis drei Zoll über den Mittelpunkt der Pflanze und ist mit runden carmosinrothen Knospen und Blüthen gekrönt. Die Blüthe besteht aus fünf Blumen-Blättern, deren Farbe sich vom blassesten Rosenroth bis zum dunkelsten Incarnat vertieft; die Narbe (Stigma) ist smaragdgrün und bildet gleichsam einen schwach gerippten Turban in der Mitte; um dieselbe stehen zehn amethystfarbene Staubfäden, kurz dies ist eine von den Juwelen der Blumen-Welt, und ließe sich mit einem von Amethysten umgebnen Smaragd-Ringe vergleichen. Der Farben-Contrast bei dieser Blume ist äußerst angenehm und gefällig, und die schönrothen Knospen und glänzenden, immer grünen Blätter erregen fast die nämliche Bewunderung, wie die Blüthe. Sie würden dieses schöne Gewächs gewiß für einen großen Gewinn für Ihre Sammlung von amerikanischen Sträuchern halten, allein ich zweifle, daß es, entfernt aus den Schatten der Fichten-Wälder, zur Blüthe kommen würde. Es scheint die von Pursh beschriebne Chimaphila corymbosa zu sein, nur daß dieser Botaniker in Angabe der Farbe der Blumen-Blätter von den meinigen etwas abweicht.

Ein andres bei uns heimisches Wintergrün wächst in großer Menge auf den Reis-Ebnen; diese Pflanze wird nicht über vier Zoll hoch; die Blüthen stehen in kleinen losen Büscheln, sind blaß grünlich weiß und gleichen in Gestalt den Blüthen der Sandbeere (Arbutus); die Beeren sind hell scharlachroth und unter dem Namen Winter- und Rebhuhn-Beere bekannt; jedenfalls ist dies die Gualtheria procumbens. Ein noch schöneres kleines Immergrün derselben Gattung wächst in unsern Cedern-Mooren, unter dem Namen Tauben-Beere (pigeon-berry), es gleicht der Sandbeere in Blatt und Blüthe mehr als die zuvor erwähnte Pflanze; die scharlachrothe Beere sitzt in einem Kelche oder Behälter, der am Rande in fünf Spitzen ausläuft, fleischig ist, und mit der Frucht selbst von einerlei Beschaffenheit zu sein scheint. Die Blüthen dieses hübschen kleinen Strauches erscheinen, wie die des Arbutus, wovon er gleichsam das Miniatur-Bild ist, in hängenden Büscheln zu der nämlichen Zeit, wo die Beere des vorigen Jahres ihre vollkommne Reife erlangt hat; dieser Umstand trägt nicht wenig zu der reizenden Erscheinung der Pflanze bei. Wenn ich mich nicht irre, so ist es die Gualtheria Shallon, welche Pursh mit dem Arbutus vergleicht; sie gehört ebenfalls zu unsern Immergrünen.

Wir haben ferner eine niedliche kriechende Pflanze, mit zarten kleinen trichterförmigen Blumen und einem Ueberfluß an kleinen dunkelgrünen runden buntfarbigen Knospen und hellrothen Beeren, die an den Zweig-Enden sitzen. Die Blüthen dieser Pflanze stehen paarweise und sind am Fruchtknoten so eng mit einander verbunden, daß die scharlachrothe Frucht, welche der Blüthe folgt, einer doppelten Beere gleicht, — jede Beere enthält die Samen beider Blüthen und ein doppeltes Auge. Die Pflanze wird auch Winter-Grün oder Zwillings-Beere (twin-berry) genannt; sie gleicht keinem der andern Wintergrüne; sie wächst in moosreichen Wäldern, kriecht an der Erde hin und scheint gern kleine Hügelchen und Ungleichheiten des Bodens zu überziehen. In Zierlichkeit des Wuchses, Zartheit der Blume und Farbenglanz der Beere, steht dieses Wintergrün den zuvor beschriebnen wenig nach.

In unsern Wäldern kommt eine Pflanze vor, welche unter dem Namen Man-drake (Mandragore), May-apple (Mai-Apfel) und ducks-foot (Enten-Fuß) bekannt ist. Die Botaniker nennen sie Podophyllum[53], und sie gehört, was Klasse und Ordnung betrifft, der Polyandria monogynia an. Ihre Blüthe ist gelblich weiß, die Blumenkrone besteht aus sechs Blumen-Blättern; die Frucht ist länglichrund und, reif, grünlich gelb; in Größe gleicht dieselbe einer Olive, oder großen Mandel; nach Erlangung ihrer völligen Reife schmeckt sie, wie eingemachte Tamarinden, angenehm säuerlich; sie scheint wenig zu tragen, wiewohl sie auf reichem nassem Waldboden schnell überhand nimmt. Die handförmigen Blätter kommen einzeln hervor, und beschatten, stehen mehre Pflanzen beisammen, den Boden ziemlich dicht, sind mit ihrem Mittelpunkt an den Blattstiel befestigt und gleichen, wenn sie zuerst über der Erde erscheinen, zusammen gefalteten Regen- oder Sonnen-Schirmen, indem ihre Kanten sämmtlich abwärts stehen, mit der Zeit entfalten sie sich und bilden eben so viele kleine, schwach convexe Baldachins. Die Frucht dürfte sich mit Zucker sehr gut zum Einmachen eignen.

Das Lilien-Geschlecht bietet eine große Mannigfaltigkeit, von den kleinsten bis zu den größten Blumen, dar. Die rothe Martagon-Lilie (Gelbwurz) wächst in großer Menge auf unsern Ebnen. Der gemeine Hundszahn (Erythronium dens canis), mit seinen gefleckten Blättern, glockenförmigen hängenden, gelben, inwendig mit hochrothen Tüpfeln zart gefleckten und auswendig mit feinen Purpur-Linien gezeichneten Blumen, verleiht unsern Wäldern, wo er sich schnell vermehrt, einen großen Reiz; er bildet ein schönes Blumenbeet, die Blätter kommen einzeln hervor, von jeder besondern Knolle eins. Es giebt zwei Varietäten von dieser Pflanze, die blaßgelbe, ohne Tüpfeln und Linien, und die dunkelgelbe, mit Tüpfeln und Linien; die Staubwege der letztern sind röthlich orangenfarben und dick mit feinen Blumenstaub bepudert[54].

Der Daffodil unsrer Wälder ist eine zarte hängende, blaßgelbe Blume; die Blätter stehen längs dem Blumenschaft, von einer Entfernung zur andern; drei oder mehre Blüthen folgen gewöhnlich an der Spitze des Schaftes, eine nach der andern; dieses Gewächs liebt dunkelschattige, feuchte Waldstellen.

Eine sehr schöne Pflanze, dem Lilien-Geschlecht angehörig, wächst in großer Menge in unsern Wäldern und Lichtungen; in Ermangelung eines passenderen Namens nenne ich dieselbe Douri-Lilie, wiewohl sie weit über einen großen Theil des Continents verbreitet ist. Die Amerikaner nennen die weiße und rothe Spielart dieser Species »weißen und rothen Tod.« Die Blume ist entweder dunkelroth oder glänzend weiß, jedoch findet man die weiße bisweilen mit einem zarten Rosenroth oder einem dunkeln Grün betupft; letztere Farbe scheint durch den Uebergang des Kelches in das Blumen-Blatt bewirkt zu werden. Warum sie einen so furchtbaren Namen erhalten, ist mir bis jetzt ein Räthsel geblieben. Die Blumenkrone besteht aus drei Blumen-Blättern, der Kelch ist dreitheilig; sie gehört der Hexandria monogynia an, der Griffel ist dreispaltig; der Samenbehälter dreiklappig; sie liebt drockne Wälder und gelichteten Boden; die Blätter stehen zu dreien, entspringen von den Gelenken, sind groß, rund und an den Enden etwas zugespitzt.

Wir haben Mai-Blumen (lilies of the valley) und die mit ihnen zugleich erscheinende Meisterwurz, einen kleinblumigen Türkenbund von blaßgelber Farbe, nebst einer endlosen Mannigfaltigkeit von kleinen Liliaceen, die sich sowohl durch ihre schönen Blätter als ihre zarten Formen auszeichnen.

Unsre Farnkräuter sind sehr zierlich gestaltet und zahlreich; ich habe nicht weniger als acht verschiedne Arten in unsrer unmittelbaren Nachbarschaft gesammelt; einige davon nehmen sich ganz allerliebst aus, vorzüglich eine, welche ich wegen ihrer leichten zierlichen Form »Elfen-Farn« (fairy-fern) nenne. Ein elastischer Stamm von purpurartigem Roth trägt mehre leichte Seiten-Zweige, die sich mannigfaltig verästeln und mit zahllosen Blättchen besetzt sind; jedes Blättchen hat einen Stiel, welcher es mit dem Zweige verbindet, und dieser Stiel ist so leicht und haarartig, daß der leiseste Luftzug die ganze Pflanze in Bewegung setzt.

Könnte man sich nur einbilden, daß Canada einst der Schauplatz von Elfen-Festen gewesen, so würde ich ohne weiteres behaupten, daß dieses zierliche Gewächs sich wohl geeignet, den Elfen-Hof von Oberon und Titania zu beschatten.

Wenn dieses Farnkraut zuerst über der Erde erscheint, so ist es von dem verwitterten Holze der umgestürzten Fichten kaum zu unterscheiden; es hat dann eine licht röthlichbraune Farbe und ist seltsam zusammengerollt. Im Mai und Juni entfalten sich die Blätter und nehmen bald das zarteste Grün an; sie sind fast durchsichtig; das Vieh frißt sehr gern davon.

Die Mocassin-Blume (Ginster) Frauen-Schuh[55], (bemerken Sie die seltsame Aehnlichkeit zwischen der indianischen und unsrer Benennung der Pflanze) ist eine unsrer bemerkenswerthesten Blumen, sowohl wegen ihres eigenthümlichen Baues als auch wegen ihrer Schönheit. Unsre Ebnen und trocknen sonnigen Weideplätze bringen verschiedne Spielarten hervor; unter diesen sind der gelbe Frauen-Schuh[56], (Cypripedium pubescens) und Cypripedium Arietinum die schönsten.

Die Honiglippe des erstern ist lebhaft canariengelb und mit dunkel carmosinrothen Flecken betupft. Die obern Blumen-Blätter bestehen in zwei kurzen und zwei langen; in Gefüge und Farbe gleichen sie der Scheide von einigen der Narzissen-Gattungen; die kurzen stehen aufrecht, wie ein paar Ohren, die langen oder seitlichen sind dreimal so lang als die erstern, sehr schmal und zierlich gewunden, wie die spiralförmigen Hörner des wallachischen Widders; lüftet man eine dicke gelbe fleischige Art von Deckel, in der Mitte der Blume, so sieht man

das genaue Gesicht eines indianischen Hundes, vollkommen in allen seinen Theilen, — Nase, Augen und Schnauze; darunter hängt ein offner Sack herab, der rings um die Oeffnung leicht zusammen gezogen ist, wodurch er ein hohles und bauchiges Ansehn erhält; die innere Seite dieses Sackes ist zart mit Dunkelcarmosin getupft oder schwarz gefleckt; der Blumen-Schaft schwillt nach oben zu an und bildet eine Krümmung; die Blätter sind groß, oval, etwas zugespitzt und gerippt. Die Pflanze wird nicht viel über sechs Zoll hoch; die schöne Farbe und das seidenartige Gewebe der Unterlippe oder des Sackes macht, daß ich für meinen Theil ihrer Blüthe den Vorzug vor der purpurnen und weißen Varietät gebe, wiewohl letztre wegen der Größe der Blume und der Blätter, außer dem Contrast zwischen der weißen und rothen oder weißen und purpurnen Farbe, weit mehr in die Augen fällt.

In Bildung und Structur gleicht diese Species der andern, nur mit dem Unterschiede, daß die Hörner nicht gewunden sind, und das Gesicht mehr dem eines Affen ähnelt; sogar der komische Ausdruck des Thieres ist mit so bewundernswürdiger Treue nachgeahmt, daß man bei Erblickung der seltsamen, unruhig erscheinenden Fratze, mit ihren schwarzen, unter ihrer Capuze hervorschauenden Augen, unwillkührlich lächeln muß.

Diese Pflanzen gehören der Gynandria diandria an; Pursh beschreibt sie mit einigen Abweichungen, und vergleicht z. B. das Gesicht der letztern mit dem des Schafs; wenn aber ein Schaf zu diesem Gemälde saß, so muß es das verschmitzteste und boshafteste der ganzen Heerde gewesen sein.

Ein seltsames Wasser-Gewächs kommt in seichten, stockenden und langsam fließenden Gewässern vor; es enthält ein ganzes Weinglas Wasser. Ein armer Soldat brachte mir ein Exemplar und fügte die Bemerkung hinzu, es gleiche einer Pflanze, die er oft in Egypten gesehn, und die von den Soldaten »Soldaten-Becher« genannt werde, und daß er selbst manchen Trunk frischen Wassers daraus geschlürft habe.

Ein andres Exemplar erhielt ich von einem Herrn, der meine Vorliebe für fremde Gewächse kannte, er gab ihm sehr passend den Namen Krug-Pflanze (Pitcher-Plant) höchst wahrscheinlich gehört sie zu dem Geschlecht, welches diesen Namen führt.

Die geruchreichsten und würzigsten Blumen sind unsre wilden Rosen, welche die Luft mit den angenehmsten Düften füllen, die purpurne Monarde, die von der Blüthe bis zur Wurzel Wohlgeruch ist, selbst nachdem sie Monate lang der kalten Winter-Atmosphäre ausgesetzt gewesen; ihre getrockneten Blätter der Samen-Behälter sind so aromatisch, daß sie Händen und Kleidern ihren angenehmen Parfume mittheilen. Alle unsre Münzen haben einen sehr starken aromatischen Geruch; das Maiblümchen verbreitet den süßesten Duft; hierher gehören auch meine Königin der Seen (die weiße Wasser-Lilie) und ihr Gefährte, der Wasser-König, nebst vielen andern Blumen, die ich jetzt nicht aufzählen kann. Gewiß ist indeß, daß es unter einem so großen Verein von Blumen, verhältnißmäßig nur wenige giebt, welche aromatische Gerüche aushauchen; einige unsrer Waldbäume verbreiten einen angenehmen Parfume. Ich bin auf meinen Spaziergängen oft stehen geblieben, um an sonnigen Tagen den wohlriechenden Duft von einem Cedern-Moor, während die dicht verschränkten Aeste und Zweige noch voll Thautropfen von einem frischgefallnen Schauer hingen, in vollen Zügen einzuathmen.

Nicht unerwähnt darf hier die Balsam-Pappel oder Tacamahac bleiben, welche die Luft um sich her mit Wohlgerüchen schwängert, vorzüglich wenn die Gummi-Knospen sich eben zu entfalten anfangen; die Balsam-Pappel bildet sich zu einem schönen zierlichen Baume aus, versteht sich, wo sie Raum genug zur Ausbreitung ihrer Aeste hat. Sie wächst vorzüglich an den Ufern der Seen und in offnen Mooren, bildet aber auch eine Hauptzierde unsrer Ebnen und nimmt sich mit ihren silberfarbigem runden, wehenden Laube sehr schön aus; die Rinde schwitzt ein klares Gummi-Harz in durchsichtigen Kügelchen aus, und die Knospen überziehen sich mit einer in hohem Grade aromatischen gummösen Flüssigkeit.

Unsre Gräser verdienen alle Aufmerksamkeit; es giebt hier Varietäten, die mir ganz neu sind und getrocknet eine elegante Zierde unsrer Kamine bilden; auf dem Kopfe einer Dame würden sie sich sehr hübsch ausnehmen, wenn nur nicht die Mode stets künstlichen Putz dem natürlichen vorzöge.

Eine oder zwei Gras-Arten, die ich gesammelt habe, zeigten, ihre Kleinheit abgerechnet, große Aehnlichkeit mit dem indianischen Korn; sie haben eine Troddel oder Quaste, und eine achtseitige Aehre; die kleinen Körner sind reihenweise um die Spindel angeordnet. Das Sisyrinchium oder blauäugige Gras hat eine niedliche kleine azurblaue Blume, mit einem goldfarbigen Fleck an der Basis jedes Blumenblattes; die Blätter sind steif und fahnenartig; diese niedliche Pflanze wächst büschelweise auf leichtem sandigen Boden.

Ich habe Ihnen in Vorliegendem eine Beschreibung der bemerkenswerthesten Pflanzen gegeben; und wenn auch meine Mittheilungen zum Theil der ächt botanischen Nomenclatur nicht ganz entsprechen mögen, so habe ich sie doch mindestens gerade so geschildert, wie sie mir erschienen sind.

Mein holdes Knäbchen scheint bereits Geschmack an Blumen zu finden, und ich will diesen so sehr als möglich befördern. Botanik ist ein Studium, welches zur Veredlung und Verfeinerung der Seele beiträgt, es kann auf eine einfache Weise zur Himmelsleiter gemacht werden, wenn man ein Kind lehrt, mit Liebe und Bewunderung auf jenen allmächtigen und gütigen Gott zu blicken, der die Blumen so schön schuf und bildete, um diese Erde zu befruchten und zu schmücken.

Leben Sie wohl Theuerste Freundin.


Fußnoten:

[51] Blitum (Strawberry-bearing spinach, Indian Strawberry.)

[52] Die Engländer durchkreuzen häufig in ihren Briefen die der Quere nach mit schwarzer Tinte geschriebnen Zeilen mit andern der Länge nach verlaufenden, wozu sie rothe Tinte nehmen.

[53] Nach Willdenow ist die Wurzel dieser Pflanze arzneikräftig.

[54] Der gemeine Hundszahn wächst auch im südlichen Europa. Die knollige weiße Wurzel ist schleimig und nahrhaft, sie kann wie der Salep als ein Nahrungsmittel für Entkräftete und Abzehrende gebraucht werden.

[55] Lady's-slipper.

[56] The yellow mocassin flower.