Siebenter Brief.

Abreise von Peterborough. — Canadische Wälder. — Wagen und Gespann. — Ankunft bei einem Log-Hause an den Ufern des Sees. — Niederlassung und erste Beschäftigungen.

October 25, 1832.

Ich beginne meinen Brief mit einer Schilderung unsrer Reise durch den Busch (die Wälder) und so fort, und füge dann unser Thun und Treiben in und außer dem Hause hinzu. Ich weiß, daß die kleinen, das Hauswesen betreffenden Umstände für Sie nicht uninteressant sein werden; und gewiß kann das Auge einer Mutter niemals ermüden, schriftliche Mittheilungen von der Hand eines abwesenden und geliebten Kindes zu lesen.

Nach einigen Schwierigkeiten glückte es uns, einen Wagen nebst Gespann, das ist ein paar starke Pferde, zu miethen, die uns und unser Gepäcke durch die Wälder an die Ufer eines von den Seen führten, wo S— unser wartete. Eine freie Straße war nicht vorhanden sondern blos ein angedeuteter, mit umgestürzten Bäumen bedeckter und durch einen großen Moor unterbrochner Pfad auf der einen Seite; in den Moor kann man knietief einsinken, indeß brauchten wir die Vorsicht, unsern Weg längs den Stämmen der bemoosten und verwitternden Bäume zu nehmen, oder auf einem willkommnen Granit- oder Kalkstein-Block zu fußen. Was in der Busch-Sprache Blaze (angedeuteter Pfad) heißt, ist nichts weiter als die durch Kerben und Rinden-Abschälung an den Bäumen vorgezeichnete Straßen-Linie. Die Grenzen der verschiednen Parcellen sind oft durch einen gekerbten Baum angedeutet, das Nämliche gilt von den Concessions-Linien[30], allein dergleichen Zeichen sind nicht viel besser als Wegweiser in einer dunkeln Nacht.

Die Straße, welche wir einschlagen mußten, führte über die Ebnen von Peterborough, in der Richtung des Flusses, der mich durch seine Scenerei ungemein ergötzte, wiewohl diese keineswegs von Fruchtbarkeit zeigt, mit Ausnahme von zwei oder drei umfangsreichen gelichteten Stellen.

Ungefähr drei englische Meilen über Peterborough windet sich die Straße auf der Höhe einer steilen Firste hin, deren unterer Theil ganz das Ansehn hat, früher das Bett eines Seitenzweiges des gewaltigen Flusses, oder vielleicht eines kleinen Sees, der seinen Kanal verlassen und sich mit dem Otanabee vereinigt hat, gewesen zu sein.

Auf beiden Seiten dieser Firste ist ein steiler Abhang; zur Rechten sieht man den Otanabee, der mit großer Gewalt durch sein felsiges Bett strömt und im Kleinen denen des Laurence ähnliche Stromschnellen bildet, seine dunkeln Fichten-Wälder verleihen der Scenerei eine höchst eindrucksvolle Erhabenheit. Zur Linken liegt unten ein anmuthiges einsammes, mit Epheu, Cedern, Schierlingstannen und Fichten bedecktes Thal. Durch dieses Thal führt ein Weg zu einer hübschen Meierei, deren grüne Triften durch das Nichtvorhandensein der abscheulichen Baumstummel, welche die gelichteten Orte in diesem Theil der Gegend entstellen, noch angenehmer sind; ein hübscher klarer Bach fließt durch die niedrige, am Fuße des Berges liegende Wiese, zu welcher herab ein steiler Pfad dicht neben einer Korn-Mühle führt, die durch das Wasser des Bachs getrieben wird, gerade an der Stelle, wo er mit den Flußschnellen zusammen trifft.

Ich nannte diesen Platz »Glen Morrison,« theils zur Erinnerung an die liebliche Thalschlucht Morrison in den (schottischen) Hochlanden, theils weil der Ansiedler, dem er gehört, so heißt.

Unsre Fortschritte waren nur langsam, wegen der Unebenheit der Straße, die mit unzähligen Hindernissen in Gestalt loser Granit- und Kalkstein-Blöcke, die auf den Ufern des Flusses und der Seen in Ueberfluß ausgestreut sind, bedeckt ist; nicht zu erwähnen der umgestürzten Bäume, vorspringenden dicken Wurzeln, Lachen und Knittel-Brücken, über die der Fahrende, hop, hop, hop wegrumpelt, bis ihm jedes Glied schmerzt, gleichsam als wäre es ausgerenkt. Ein erfahrner Busch-Reisender vermeidet manchen harten Stoß, indem er sich bald erhebt, bald gegen die Seiten seines rohen Fuhrwerks drückt.

Da der Tag vorzüglich schön war, stieg ich oft aus dem Wagen und ging mit meinem Gatten eine englische Meile und darüber zu Fuße.

Bald verloren wir den Fluß gänzlich aus dem Gesicht und gelangten in die tiefe Einsamkeit des Waldes, wo nicht ein Laut die fast grauenvolle, rings um uns herrschende Stille unterbrach. Kaum ein Blatt oder Ast regte sich, nur dann und wann vernahm unser Ohr das Rauschen des Windes, der die hohen Häupter der Kiefern und Tannen in Bewegung setzte und eine rauhe und traurige Cadence erweckte;

dies und das Hämmern des rothköpfigen und grauen Baumhackers gegen dieStämme der verwitternden Bäume, oder das gellende pfeifende Geschrei des kleinen gestreiften Eichhörnchens, von den Eingebornen Tschitmunk genannt, waren die einzigen Laute, welche in das Schweigen der Wildniß hineintönten. Nicht minder befremdete mich die Abwesenheit animalischen Lebens. Mit Ausnahme des vorerwähnten Tschitmunk kreuzte während unsrer langen Tage-Reise in den Wäldern kein lebendiges Wesen unsern Pfad.

In diesen ungeheuern Einöden, sollte man natürlicher Weise meinen, müsse die Abwesenheit des Menschen einen Ueberfluß an wilden Thieren erzeugen, insofern diese frei und unbelästigt daselbst hausen, allein gerade das Gegentheil findet hier statt. Beinahe alle hiesige wilde Thiere trifft man häufiger in den gelichteten Distrikten als in den Wäldern. Die Betriebsamkeit des Menschen erleichtert ihre Existenz, sie können ihre Bedürfnisse in seiner Nähe besser befriedigen als in ihren dürftigen Wäldern.

Man hört beständig von Verheerungen, welche Wölfe, Bäre, Waschbäre, Luchse und Füchse in den seit langer Zeit angebauten Theilen der Provinz angerichtet haben. In den Urwäldern ist die Erscheinung eines wilden Thieres ein weit seltnerer Umstand.

Hinsichtlich der Waldbäume fand ich meine Erwartungen getäuscht, ich hatte geglaubt, große bemooste Riesen anzutreffen, fast von gleichem Alter mit dem Lande selbst und in majestätischem Wuchs den Bäumen meiner heimathlichen Inseln fast eben so sehr überlegen, als die ungeheuren Seen und gewaltigen Flüsse Canadas den Teichen und Flüssen Britaniens überlegen sind.

Es mangelt hier den Wäldern an malerischer Schönheit. Blos die noch jungen Bäumchen haben einige Ansprüche auf zierliche Formen; indeß muß ich die Schierlingstanne ausnehmen, deren Wuchs äußerst schön und schlank ist, und die durch ihr liebliches muntres Grün das Auge erfreut. Selbst wenn der Winter den Wald seines Laubes entkleidet, bleibt sie ein schöner grünender Baum. Die jungen Buchen nehmen sich ebenfalls recht hübsch aus; allein man vermißt jene schattigen Laub-Gewölbe, die in unsern heimathlichen Parken und Wäldern so entzückend und romantisch sind.

Die canadischen Wälder entbehren jenes Ansehn ehrwürdigen Alterthums. Hier giebt es keine weitspreizigen Eichen, welche man die Patriarchen des Waldes nennen könnte. Ein frühzeitiges Absterben scheint ihr Loos zu sein. Sie werden vom Sturme entwurzelt und sinken in ihrer ersten Reife zu Boden, um einer neuen Generation zu weichen, welche bestimmt ist, ihre Stelle auszufüllen.

Die Tannen und Fichten sind unstreitig die schönsten Bäume. Was Größe anlangt, werden sie von keinem übertroffen. Sie thürmen sich über alle andere Bäume empor, eine dunkle Linie bildend, die man in meilenweiter Entfernung unterscheiden kann. Aber gerade ihre Höhe ist schuld daran, daß sie vor ihren Brüdern dem Ungestüm der Winde nachgeben, da ihre Gipfel der vollen und ungebrochnen Gewalt des Luftstroms ausgesetzt sind; daher kommt es, daß der Boden stets mit den verwitternden Stämmen riesenhafter Tannen und Fichten bestreut ist. Desgleichen scheinen sie der innern Verderbniß und der Verheerung durch Blitzstrahl und Feuer mehr ausgesetzt zu sein als andre Bäume.

Wie viel ich auch von der schlechten Beschaffenheit der Straßen Canadas gelesen und gehört hatte, so war ich doch auf keine solche vorbereitet, wie wir an diesem Tage bereisten; für wahr, sie verdient kaum den Namen einer Straße, sie ist nichts weiter als ein durch den Wald gelichteter Pfad. Die Bäume sind umgehauen und auf die Seite gelegt, um einen Wagen passiren zu lassen.

Die Moräste und kleinen Waldbäche, welche gelegentlich den Weg unterbrechen, sind durch dicht neben einander gelegte Baumstämme passirbar gemacht; das furchige und streifige Ansehen dieser Brücken hat ihnen, nicht unpassend den Namen Corduroy (geripptes Zeug) verschafft.

Ueber diese abscheulichen Corduroys (Knüttelbrücken) rumpelt der Wagen, von Scheit zu Scheit springend, mit Stößen, wozu man gute Miene machen muß. Können Sie dergleichen Hoppas und Erschütterungen ohne ein saures Gesicht ertragen, so übertrifft Ihre Geduld und philosophische Gleichmuth die meinige bei weitem; bisweilen lachte ich, weil ich nicht weinen mochte.

Denken Sie sich Ihre Tochter auf Säcken, Koffern und allerlei Packeten sitzend, und dies in einem Wagen, der nicht viel besser war als ein grob aus Tannenholz gezimmerter, auf Räder gesetzter Kasten; die Seiten davon waren blos mit Pflöcken befestigt, so daß ich mich in eben keiner behaglichen Lage befand, da die nur erwähnten Seitentheile beständig heraus sprangen. Gerade inmitten einer tiefen Koth-Lache brach das vordere Schutzbret ab, und mit ihm zugleich purzelte unser Wagenlenker, in Folge des erhaltnen Stoßes, in den Koth, der arme Teufel, wußte gar nicht, wie ihm geschehn, als er sich plötzlich in einen Morast versetzt sah. Was mich anlangt, so blieb ich, weil ich nichts dabei thun konnte, ruhig auf meinem Sitze und erwartete geduldig die Wiederkehr der Ordnung. Diese war bald hergestellt, und alles ging eine Weile wieder gut, bis wir gegen einen gewaltigen Fichten-Stamm anfuhren, welcher dem schlecht gezimmerten Wagen einen solchen Stoß versetzte, daß eins von den Bretern, die den Fußboden bildeten, und mit diesen ein Sack Mehl und ein andrer mit eingesalznem Schweinfleisch, beide auf ihrer Wanderung nach dem Hause eines Ansiedlers begriffen, an dessen Niederlassung unser Weg vorbei führte, herabtanzten. Ein guter Wagenlenker läßt sich indeß selten durch dergleichen Kleinigkeiten entmuthigen.

Er ist oder sollte mit einer Axt versehen sein. Jede Karre, jeder Wagen, mit einem Wort, jede Art Reise-Fuhrwerk sollte ein dergleichen Werkzeug führen; da Niemand die Hindernisse voraussehen kann, die sich seinen Fortschritten im Busche wiedersetzen dürften.

Den Unfällen, welche uns betrafen, ließ sich zum Glück leicht begegnen. Die Seitentheile erheischten blos einen starken Pflock, und die losen Breter des Fußbodens waren bald wieder befestigt, worauf es abermals über Wurzeln, Baumstummel, Steine, Löcher und Knüttelbrücken wegging; und der Wagen, nach wie vor, bald an einen noch stehenden Stamm stieß und bald über einen umgestürzten Baum wegrumpelte, und wir dabei natürlicher Weise einen Stoß auszuhalten hatten, der ein leichteres Fuhrwerk, als ein canadischer Wagen ist (?), gewiß zertrümmert haben würde; jedenfalls ist letztrer für Straßen, wie man sie im Busche findet, auf eine bewundernswürdige Weise geeignet.

Die Klugheit der Pferde in diesem Lande verdient wirklich Bewunderung. Ihre Geduld in Ueberwindung der Schwierigkeiten, welchen sie zu begegnen haben, ihre Geschicklichkeit in Vermeidung von Steinen und Löchern, und ihr sicheres Fußen auf den runden, schlüpfrigen Baumstämmen der Scheit-Brücken (Log-bridges) macht sie äußerst schätzbar. Was ihnen an Geist und Schnelligkeit, wodurch sich unsre (englische) Rasse-Pferde auszeichnen, gebricht, ersetzen sie reichlich durch ihre Sanftmuth, Stärke und Geduld. Dies sind in der That große Vorzüge, und zum Reisen auf solchen Wegen, wie der eben geschilderte, sind sie, die Sicherheit des Kutschers und der Passagire anlangend, unentbehrlich und würden durch kein brittisches Pferd ersetzt werden können. Uebrigens mangelt es den canadischen Pferden, bei gutem Futter und gehöriger Pflege, keineswegs an schöner Farbe, Größe oder zierlicher Form. Zum Fortschaffen der gefällten Baumstämme braucht man sie selten, hierzu so wie zu allen rohen und schweren Arbeiten zieht man den Ochsen vor.

Eben als uns die zunehmende Dunkelheit des Waldes an die Annäherung des Abends erinnerte, und ich müde und hungrig zu werden begann, äußerte unser Wagenlenker, mit einiger Beschämung, er fürchte, daß er den rechten Weg verfehlt habe, wie aber, wisse er nicht, da er doch nur einen Pfad vor sich sehe.

Wir waren ungefähr zwei englische Meilen von der letzten Ansiedlung entfernt, sollten aber, wie er sagte, wofern wir uns auf dem rechten Wege befänden, im Angesicht des Sees sein. Wir kamen, als das Beste, was wir thun konnten, dahin überein, daß, während wir nebst dem Fuhrwerk zurück blieben, er selbst vorwärts gehen und erforschen sollte, ob wir in der Nähe des Wassers wären, und daß wir, wenn sich das Gegentheil ergäbe, nach dem Hause, an welchem wir vorbei gekommen, zurückkehren und nach dem rechten Wege fragen wollten.

Nachdem er wohl eine halbe englische Meile weit vorwärts gelaufen, kehrte er mit niedergeschlagner Miene zurück, erklärend, daß wir uns jedenfalls verirrt hätten, da er nirgends Wasser gesehen, und die Straße, auf der wir uns befänden, sich in einen Cedern-Moor zu endigen scheine. Denn je weiter er gekommen, desto dichter hätten die Schierlingstannen und Cedern gestanden; da wir nun kein Verlangen fühlten, unsre Ansiedlung mit einer Nachtherberge in einem Moraste zu beginnen, wo, wie sich unser Führer ausdrückte, die Cedern so dicht standen, wie die Haare auf einem Katzenrücken, so beschlossen wir, nach der bezeichneten Stelle zurückzukehren.

Nach einigen Schwierigkeiten war der Rumpelwagen umgelenkt, und wir begannen langsam unsern Rückzug. Kaum hatten wir eine halbe englische Meile zurück gelegt, als ein Knabe des Weges daher kam und uns sagte, wir möchten nur immer wieder umkehren, da kein andrer Weg nach dem See führe; diesem Rathe fügte er etwas spöttisch die Bemerkung hinzu: »Hättet Ihr den Busch so gut gekannt, wie ich ihn kenne, so würdet Ihr nicht so einfältig gewesen sein, wieder umzulenken, da Ihr doch auf dem rechten Wege waret. Es weiß ja jedes Kind, daß die Cedern und Schierlings-Tannen, je näher dem Wasser, desto dichter wachsen; jetzt müßt Ihr zu eurer Strafe den nämlichen Weg noch einmal machen.«

Es war finster, und nur die Sterne funkelten mit mehr als gewöhnlichem Glanze, als wir plötzlich aus dem tiefen Walddunkel an die Ufer eines schönen kleinen Sees hervortauchten, der uns zufolge des Contrastes der dunkeln Laubmassen, die über ihn herabhingen, und der thurmhohen Fichten, die ihn umgeben, um so heller erschien.

Hier auf einem großen, mit einem weichen Mooskissen bedeckten Kalkstein-Block, unter dem Schatten von Cedern, die den See bekränzen, — umgeben von Koffern, Kisten, Schachteln und Gepäck, die der Fuhrmann eilig vom Wagen geworfen, saß ich in angstvoller Erwartung einer antwortenden Stimme auf das lange und wiederholte Hollarufen meines Gatten.

Als aber das Echo seiner Stimme verhallt war, hörten wir nichts als das Brausen der Stromschnellen und das ferne und wilde Rauschen eines Wasserfalls, ungefähr eine halbe englische Meile unterhalb der letztern.

Nirgends konnten wir eine Spur von menschlichen Wohnungen, nirgends den tröstlichen Schimmer eines Lichtes vom Ufer her gewahren. Vergebens strengten wir unsre Ohren an, das Plätschern des Ruders oder den willkommnen Klang einer menschlichen Stimme oder das Bellen eines Haushundes zu vernehmen, und hierdurch Gewißheit zu erlangen, daß wir die Nacht nicht in dem einsamen Walde zubringen würden.

Wir fürchteten jetzt, daß wir wirklich den Weg verloren. An einen Versuch, ohne Führer durch das wachsende Dunkel des Waldes in Aufsuchung der rechten Straße zurückzukehren, war nicht zu denken, denn diese war so undeutlich, daß wir uns bald in dem Dickicht verirrt haben würden. Das letzte Knarren der Wagen-Räder erstarb allmälig in unsern Ohren, das Fuhrwerk einzuhohlen würde uns unmöglich gewesen sein. Unter diesen Umständen bat mich mein Gatte, ruhig zu bleiben, wo ich war, während er sich selbst durch das dicht verschränkte Buschholz längs dem Ufer arbeitete, in der Hoffnung, eine Spur von dem Hause, welches wir suchten, und das, seiner Vermuthung nach, in der Nähe sein mußte, wahrscheinlich aber durch eine dichte Baum-Masse unsern Augen verborgen war, zu erblicken.

Als ich so, von den Schatten der Nacht umhüllt, schweigend im Walde zubrachte, wanderten meine Gedanken allmälig über den atlantischen Ocean zu meiner theuren Mutter, zu meiner alten Heimath zurück; ich dachte mir Ihre Gefühle, wenn sie mich in diesem Augenblick hätten sehen können, wie ich so einsam und in tiefem Schweigen auf dem alten bemoosten Steine in der waldigen Wildniß saß, viele hundert Meilen von allen jenen heiligen Banden der Blutsverwandtschaft, von jenen Scenen und Erinnerungen der Kindheit entfernt, welche die Heimath jedem so theuer machen. Es war ein Augenblick, der mich ganz die Wichtigkeit des Schrittes fühlen ließ, den ich gethan, als ich freiwillig das Loos eines Emigranten theilte — mein Geburtsland verließ, das ich aller Wahrscheinlichkeit nach nie wiedersehen dürfte. Allein so groß das Opfer war, fühlte ich doch selbst in diesem Augenblick, in meiner seltsamen Lage, keine Reue, keine Entmuthigung. Heiliger Friede zog in mein Herz ein, beschwichtigte meine aufgeregten Gefühle und versetzte meinen Geist in eine Ruhe und Stille, die eben so ungetrübt und ungestört waren, wie die sich zu meinen Füßen ausbreitende Wasserfläche.

Meine Träumerei wurde durch das leichte Plätschern eines Ruders unterbrochen, und ein heller Lichtschein ließ mich einen über den See gleitenden Nachen erblicken. Nach wenigen Minuten grüßte mich eine wohlbekannte, freundliche Stimme, während die kleine Barke zwischen den Cedern gerade zu meinen Füßen angelegt wurde. Mein treuer Gefährte hatte einen vorspringenden Winkel des Ufers gewonnen und von da aus den willkommnen Schimmer des Holzfeuers in dem Log-Hause gesehn, nach einigen Schwierigkeiten war es ihm gelungen, die Aufmerksamkeit seiner Bewohner zu erregen. Man hatte daselbst die Hoffnung, daß wir an diesem Tage eintreffen würden, längst aufgegeben, und unser erstes Rufen und Pfeifen war fälschlich für das ferne Geläute von Kuhglocken im Walde genommen worden; dies war an dem Aufschub schuld, der uns in so große Verlegenheit gebracht hatte.

An dem hellen, auf dem Heerde des Log-Hauses, worin S— mit seiner Gattin recht bequem wohnte, lodernden Feuer, vergaßen wir bald unsre ermüdende Wanderung. Ich wurde der Dame vom Hause gebührender Maßen vorgestellt, und trotz allen Einwürfen von Seiten der zärtlichen und besorgten Mutter wurden drei schlummernde Kinder, eins nach dem andern, aus ihren Wiegen genommen und von dem stolzen und entzückten Vater den Gästen gezeigt.

Wir wurden mit jener Zuvorkommenheit und Innigkeit willkommen geheißen, die dem Herzen so wohlthätig ist, die Begrüßung war eben so aufrichtig als liebreich. Kein Mittel blieb unversucht, unsre einstweilige Einrichtung so bequem als möglich zu machen, und wenn sie auch der Eleganz entbehrte, woran wir in England gewöhnt gewesen, so fehlte es ihr doch nicht an ländlicher Behaglichkeit; jedenfalls war sie von der Art, wie sie sich Ansiedler ersten Ranges nur immer wünschen können, und gewiß sind viele derselben zu Anfange nicht halb so gut logirt gewesen, als wir es gegenwärtig sind.

In der That können wir uns glücklich schätzen, daß wir nicht sogleich die rohe Shanty zu beziehen brauchen, welche ich Ihnen als die einzige Wohnstätte auf unserm Grund und Boden geschildert habe. Diese Prüfung unsers Muthes hat uns S— gütig erspart, der durchaus darauf bestand, daß wir so lange unter seinem gastlichen Dache bleiben sollten, bis unser eignes Haus fertig und beziehbar sein würde. Hier also sind wir zur Zeit fixirt[31], wie sich die Canadier ausdrücken; und wenn ich auch manche kleine Bequemlichkeiten und Luxusgegenstände entbehre, so erfreue ich mich doch einer trefflichen Gesundheit und eines frischen Lebensmuthes, und fühle mich in der Gesellschaft meiner Umgebung wahrhaft glücklich.

Die Kinder sind bereits ganz in mich vernarrt. Sie haben meine Leidenschaft für Blumen entdeckt und suchen danach zwischen den Baumstummeln und längs dem Seeufer, um sie mir zu überbringen. Ich habe eine Sammlung angefangen, und obgleich die Jahreszeit schon weit vorgeschritten ist, so kann sich mein Herbarium doch mancher schönen Farnkräuter rühmen; desgleichen enthält es das gelbe canadische Veilchen, welches zweimal im Jahre, nämlich im Frühling und Herbst[32] blüht; zwei Herbst-Maßlieben, (Michaelmas daesies), wie man hier die strauchartigen Astern nennt, deren Varietäten sehr zierlich sind; und eine Ranke der Fichten-Guirlande (festoon pine), ein allerliebstes Immergrün mit kriechenden Stengeln, die drei bis vier Yards auf der Erde hinlaufen. Es sendet in Entfernungen von fünf bis sechs Zoll gerade, steife, grüne Stengel nach oben und gleicht hinsichtlich seiner dunkeln, glänzend grünen, spelzartigen Blätter einigen unsrer Haide-Arten. Die Amerikaner schmücken ihre Fenster und Spiegel mit Guirlanden von dieser Pflanze und den getrockneten Blumen der oben erwähnten Immortelle (life everlasting); wir nennen diese hübschen weißen und gelben Blumen Love everlasting (ewige Liebe). Auf meinen Wanderungen im Walde unfern des Hauses habe ich ein kriechendes Gewächs entdeckt, welches ziemliche Aehnlichkeit mit der Ceder hat und nicht unpassend mit dem Namen der kriechenden Ceder (ground or creeping cedar) bezeichnet werden könnte.

Da sehr Viel von der Flora dieser unangebauten Theile des Landes dem Naturkundigen unbekannt ist, und die Pflanzen ganz namenlos (?) sind, so nehme ich mir die Freiheit, ihnen nach Neigung oder Laune Namen zu geben. Allein indem ich von Pflanzen und Blumen schreibe, vergesse ich, daß Sie lieber von den Schritten hören dürften, die wir auf unserm Grundeigenthum gethan haben.

Mein Gatte hat Leute zum Aufschichten (log) des Holzes, das ist die Zusammenlegung der gefällten Bäume in Haufen und deren Verbrennung, so wie auch zur Lichtung eines Platzes für ein zu erbauendes Haus gemiethet. Er hat auch einen Vertrag mit einem jungen Ansiedler in der Nachbarschaft geschlossen, wonach dieser sich anheischig macht, unsre künftige Wohnung für eine bestimmte Summe, einem bestimmten Plan gemäß, von außen und innen völlig in Stand zu setzen. Wir werden indeß »die Biene« rufen und für alles sorgen, was zur Unterhaltung unsers würdigen Bienenstocks erforderlich ist. Nun müssen Sie wissen daß eine Biene in amerikanischer Sprechweise oder Phraseologie, jene freundschaftliche Vereinigung von Nachbarn bedeutet, die nach erhaltener Aufforderung sich versammeln, um die Wände eines Hauses, einer Shanty, Scheune oder irgend eines andern Gebäudes aufzurichten: dies ist eine »aufrichtende Biene,« (raising bee). Außerdem giebt es logging bees, welche die gefällten Bäume zusammenschichten und verbrennen; husking bees, die von den Stämmen die Rinde abschälen; chopping bees, welche den Boden lichten, u. s. w. Die Beschaffenheit der zu verrichtenden Arbeit giebt der Biene den Namen. In den volkreichen, seit langer Zeit angebauten Distrikten findet dieses Verfahren nur selten statt, allein es ist von großem Nutzen und für neue Ansiedler in abgelegnen Stadtbezirken, wo die Arbeitslöhne verhältnißmäßig hoch und Arbeiter schwer zu erlangen sind, unentbehrlich.

Denken Sie sich die Lage eines Auswandrers, der mit Weib und Kindern, welche letztre möglicher Weise noch zu klein sind, um ihm im Fällen und Wegräumen der Bäume, Errichtung einer Wohnstätte u. s. w. den geringsten Beistand leisten zu können, auf einer Parzelle wilden Landes anlangt, wie traurig muß dieselbe sein, wofern er nicht schnelle und thätige Hülfe von seinen nächsten Umgebungen erhält.

Dieses lobenswerthe Verfahren ist ein Erzeugniß der Nothwendigkeit, das jedoch auch seine Nachtheile hat, als z. B. wenn die Zusammenberufung behufs einer Gegenhülfe zu einer den übrigen Ansiedlern ungelegnen Zeit geschieht; indeß ist es eine unerläßliche Pflicht, freudig und willig den Zoll der Dankbarkeit zu entrichten, und es wird in der That als eine Ehrenschuld betrachtet; man kann nicht gezwungen werden, zur Vergeltung des erhaltnen Beistandes einer dergleichen Versammlung (bee) beizuwohnen, aber gewiß wird sich keiner, wenn es nur irgend möglich ist, und wofern ihn nicht dringende Umstände abhalten, weigern, dieses zu thun; und ist man nicht im Stande, persönlich zu erscheinen, so kann man einen Dienstboten oder Ersatzmann, oder, wenn man dergleichen hat, auch Zugvieh senden.

In keiner Lage und unter keinerlei andern Umständen zeigt sich das Gleichheits-System Amerikas in einem so vortheilhaften Lichte als bei dergleichen Zusammenkünften. Alle Unterschiede, die Rang, Erziehung und Reichthum ertheilen, werden für die Zeit freiwillig auf die Seite gesetzt. Der wohlerzogne Sohn des Edelmanns, und der des armen Handwerkers, Offiziere und Gemeine, der unabhängige Ansiedler und der Tagelöhner vereinigen sich freudig und ohne Widerspruch zu einem gemeinschaftlichen Werke. Jeder fühlt sich von dem wohlwollenden Verlangen getrieben, dem Hülflosen zu helfen und seine Kräfte zur Errichtung einer Wohnstätte für den Obdachlosen zu verwenden.

Gegenwärtig ist erst ein so kleiner Theil Wald auf unsrer Parcelle gelichtet, daß ich wenig oder nichts von dem Platze, wo wir uns häuslich niedergelassen, sagen kann, nur so viel will ich bemerken, daß er an eine schöne Wasserfläche stößt, welche eins von den Gliedern der Otanabee-See-Kette bildet. Das nächstemal sollen Sie jedenfalls eine ausführlichere Schilderung erhalten.

Vor der Hand sage ich Ihnen Lebewohl!


Fußnoten:

[30] Diese Concessions-Linien sind gewisse Abtheilungen der abgesteckten Stadtbezirke; diese sind wieder in eben so viele Parcellen von 200 Morgen getheilt. Die Concessions-Linien pflegten durch weite, durch den Wald gehauene Alleen bezeichnet zu werden, so daß sie eine Communication zwischen den einzelnen Abtheilungen bildeten, allein dieser Plan machte zu viel Arbeit; in wenigen Jahren schossen junge Bäumchen auf und verschlossen den gelichteten Pfad dergestalt, daß er von geringem Nutzen war. Die Grenzen der neuerdings abgesteckten Stadt-Bezirke sind blos durch gekerbte Bäume bezeichnet.

[31] Fixed (einlogirt).

[32] In the fall, wie die Canadier den Herbst ausdrucksvoll zu bezeichnen pflegen.