Sechster Brief.

Peterborough. — Sitten und Sprache der Amerikaner. — Schottischer Maschinenbauer. — Schilderung Peterboroughs und seiner Umgebungen. — Canadische Blumen. — Shanties. — Beschwerden und Strapazen, welche die ersten Ansiedler zu ertragen haben. — Verfahren bei Anlegung einer Meierei. —

Peterborough, den 11. Sptbr. 1832.

Es ist jetzt fest bestimmt, daß wir hier bleiben, bis die Verkäufe von Seiten der Regierung stattgefunden[19].

Wir werden alsdann bei S— und seiner Familie logiren und gedenken, während der Zeit einige Acker gelichtetes Landes zu erlangen und ein Log-Haus auf eignem Grund und Boden zu errichten. Da wir uns einmal vorgenommen, in den Busch zu gehen, wo wir, als dem Militair-Stande angehörig, unser Grundeigenthum zu erwarten hatten, das uns glücklicher Weise in der Nachbarschaft von S— zu Theil geworden ist, so sind wir jetzt fest entschlossen, allen mit einer solchen Lage verbundnen Entbehrungen und Mühseligkeiten fröhlichen Muthes zu begegnen; denn wir haben keine andere Wahl als entweder jenen großen Vortheil aufzugeben oder unsre Ansiedler-Pflichten zu thun. Wir werden, denk' ich, nicht schlechter dabei fahren, als andre, die vor uns in die noch unangebauten Distrikte gezogen sind, manche derselben, sowohl See- als Land-Offiziere, nebst ihren Familien, haben mit beträchtlichen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, fangen aber gegenwärtig an, die Früchte ihrer Anstrengungen zu ernten.

Außer dem Grund und Boden, wozu er als Offizier in brittischen Diensten, berechtigt ist, handelt mein Gatte um ein Stück Land in der Nähe kleiner Seen. Dies wird uns sowohl einen Wasser-Vordergrund verschaffen als auch der Familie S— näher bringen, mithin werden wir nicht so ganz allein und verlassen sein, als wenn wir sogleich nach dem uns von der Regierung bewilligten Landeigenthum abgegangen wären.

Wir haben von mehren zu Peterborough angesiedelten Familien Aufmerksamkeit und Gastfreundschaft erfahren. Man findet hier eine sehr gute Gesellschaft die hauptsächlich aus Offizieren und ihren Familien und außerdem aus Professionisten und Vorrathshändlern besteht. Manche der letzten sind Leute von achtbarer Familie und guter Erziehung; wiewohl ein hiesiges Vorraths-Magazin in der That um nichts besser ist als ein Kramladen (general chop) in einer englischen Landstadt, so behaupten doch die Vorrathshändler in Canada einen weit höheren Rang als die Krämer in den kleinen Städten und Dörfern von England. Die Vorrathshändler sind die Kaufleute und Banquiers der Orte, wo sie sich niedergelassen. Fast alle Geldsachen werden von ihnen abgemacht, und sie sind oft im Besitz von Grundeigenthum und Leute von Wichtigkeit, verwalten obrigkeitliche Aemter und werden nicht selten zu Commissairen, ja sogar zu Mitgliedern des Provincial-Parlamentes erwählt.

Da sie in der Gesellschaft einen Rang behaupten, der sie der Aristokratie des Landes gleich stellt, so dürfen Sie sich nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß es nichts Ungewöhnliches ist, den Sohn eines See- oder Land-Offiziers oder Geistlichen hinter dem Zahltisch stehen, oder mit seines Vaters Holzhauern im Walde die Axt führen zu sehen; eine Beschäftigung, wodurch sie keineswegs ihren Rang in der Gesellschaft verlieren. Nur gute Erziehung und feine Sitten unterscheiden hier den Gentleman von den übrigen Klassen, da der Arbeiter, wofern er fleißig und betriebsam ist, was weltlichen Besitz anlangt, gar bald seines Gleichen werden kann. Der unwissende, sei er auch noch so reich, wird nie dem Mann von Erziehung die Wage halten. Es ist die moralische und geistige Ausbildung des Menschen, welche einen Unterschied der Klassen in diesem Lande bildet — »Kenntniß ist Macht.«

Wir hatten so viel von den gehässigen Sitten der Yankies in diesem Lande gehört, daß ich mich durch die wenigen Beispiele von eingebornen Amerikanern, die mir zu Gesicht kamen, viel mehr angenehm überrascht fand. Sie waren größtentheils höfliche, anständige Leute. Die einzigen Eigenheiten, die ich an ihnen bemerken konnte, waren ein Nasen-Ton beim Sprechen und einige wenige seltsame Phrasen; allein diese sind blos unter den niedrigeren Klassen gebräuchlich, die etwas mehr rathen und calculiren[20] als wir. Einer ihrer merkwürdigsten Ausdrücke ist das Zeitwort »Fix,« (festsetzen, befestigen, bestimmen). Alles, was zu thun oder zu verrichten ist, muß fixirt (fixed) werden. »Fix the room,« bedeutet: das Zimmer in Ordnung bringen. »Fix the table,« (decke den Tisch), »Fix the fire,« (schüre das Feuer an), sagt die Hausfrau zu ihren Mägden, und alles geschieht dem Befehle gemäß.

Viel Spaß machte es mir, als ich eines Tages eine Frau zu ihrem Mann sagen hörte, daß der Schornstein fixirt werden müsse (wanted fixing). Ich hielt ihn für fest und sicher genug und war nicht wenig überrascht, als der Hausherr einen Strick und einiges Cedern-Reisig herbeiholte, und damit den in der Esse angehäuften Ruß entfernte, welcher das Feuer rauchen machte. Der Schornstein war bald fixirt (gereinigt), und das Rauchen hatte ein Ende. Diese seltsame Art, sich auszudrücken, herrscht nicht allein unter den niedrigen Klassen, sondern hat, weil man dergleichen so oft hört, allgemeine Aufnahme gefunden, und wird sogar von den in letztrer Zeit hier angesiedelten Emigranten aus unserm Vaterlande gebraucht.

Mit Ausnahme einiger befremdenden Ausdrücke, und eines Versuchs, feine Redens-Arten in ihre gewöhnliche Conversation einzuführen, behaupten die Yankies, was grammatische Richtigkeit anlangt, einen entschiednen Vorrang vor unsern englischen Bauern. Sie sprechen ein besseres Englisch, als man von Leuten desselben Standes in irgend einem Theile von England, Irland oder Schottland hört; obwohl man, meines Bedünkens, dies zu Hause nicht gern zugeben möchte.

Wenn mich Jemand fragen sollte, welche Züge mir an den Amerikanern, auf die ich bis jetzt gestoßen, am meisten auffallen, so dürfte ich antworten: »Kälte, die sich der Apathie nähert.« Ich will damit keineswegs behaupten, daß es ihnen an Gefühl und wahrer Gemüthlichkeit fehle; allein sie lassen ihre Bewegung nicht sehen. Sie sind nicht so verschwenderisch mit ihren Freundschaftsbezeugungen und Begrüßungen, wie wir, obwohl vielleicht eben so aufrichtig. Niemand bezweifelt ihre Gastfreundschaft; allein man verlangt doch bei alle dem nach einem herzlichen Druck der Hand oder einem freundlichen Wort, wodurch man sich willkommen fühlt.

Neue Ankömmlinge in diesem Lande sind sehr geneigt, die alten brittischen Ansiedler mit den eingebornen Amerikanern zu verwechseln, und, wenn sie auf rohe ungeschliffne Leute stoßen, die sich in ihrer Rede gewisser Yankie-Worte bedienen, und mit ihrer, den aristokratischen Begriffen der vornehmen Engländer zuwiederlaufenden Unabhängigkeit prunken, sogleich annehmen, daß sie es mit wirklichen Yankies zu thun haben, während dieselben doch in der That blose Nachahmer sind; und Sie wissen wohl, Beste Mutter, daß eine schlechte Nachahmung stets schlechter ist, als das Original.

Sie würden sich nicht wenig wundern, wenn Sie sähen, wie bald die neuen Ankömmlinge in diese widrigen Maniren und Affectation von Gleichheit verfallen; was vorzüglich von den Irländern und Schotten niedriger Abkunft gilt; die Engländer machen schon eher eine Ausnahme. Das Benehmen eines jungen Schotten, des Maschinenmeisters auf dem Dampfboote, als ihn mein Gemahl über die Handhabung der Maschine befragte, machte uns gewissermaßen Unterhaltung. Seine Maniren waren grob, ja sogar beleidigend. Er vermied sorgfältig jede Hinneigung zu Höflichkeit oder äußerem Anstand; ja er ging so weit, daß er sich auf die Bank dicht neben mich setzte und bemerkte, er halte unter den vielen Vortheilen, welche dieses Land Ansiedlern, wie er sei, darbiete, es nicht für den geringsten, daß er nicht verbunden sei, seinen Hut abzunehmen, wenn er mit Leuten (people) (Personen unsers Standes meinend) spreche, und daß er sie nicht anders als bei ihren Namen anzureden brauche; dazu könne er seinen Sitz neben jedem Gentleman und jeder Dame nehmen und sich ihnen völlig gleich achten.

»Sehr wahr,« erwiederte ich, kaum vermögend, mein Lachen über diesen Ausfall zu unterdrücken; »allein ich glaube Sie überschätzen den Vortheil solcher Privilegien um ein Bedeutendes; denn Sie können die Dame oder den Mann von Stande nicht zwingen, dieselbe Meinung von Ihrer Persönlichkeit zu hegen oder, wofern sie sich nicht dadurch geschmeichelt fühlen, neben Ihnen sitzen zu bleiben.« Mit diesen Worten stand ich auf und verließ den unabhängigen Gentleman, offenbar ein wenig verwirrt über dieses Manövre, indeß gewann er seinen Selbstbesitz bald wieder, schwang die Axt, welche er in der Hand hatte, und sagte: »Es ist, denke ich, kein Verbrechen, von armen Aeltern geboren zu sein.«

»Nein! wahrlich nicht,« antwortete mein Gatte, »kein Mensch kann sich seine Geburt selbst wählen, er hat es nicht in seiner Gewalt, arm oder reich geboren zu werden; und eben so wenig kann es einem Gentleman zur Last gelegt werden, daß er von Aeltern geboren worden, die einen höhern Rang in der Gesellschaft einnehmen, als sein Nachbar. Ich hoffe Sie geben dies zu.«

Der Schotte sah sich, wiewohl ungern, zur Bejahung dieses Ausspruchs genöthigt; schloß aber nachmals damit: er sei sehr froh, daß er vor Gentlemen, wie sie sich zu nennen beliebten, den Hut nicht abzunehmen, noch in seiner Rede sich demuthsvoll zu zeigen brauche.

»Niemand, mein Freund, dürfte Sie gezwungen haben, in ihrem Vaterlande höflicher zu sein, als in Canada. Gewiß hätten Sie, wofern es Ihnen so beliebte, Ihren Hut ebenfalls aufbehalten können. Kein Gentleman, glauben Sie mir, würde Ihnen denselben vom Kopfe geschlagen haben.

»Was den gerühmten Vortheil in Betreff roher Sitten in Canada anlangt, so würde ich etwas davon halten, wenn er Ihnen nur im geringsten nützte, oder einen Dollar mehr in die Tasche brächte; allein ich habe Grund, zu zweifeln, daß er diese wünschenswerthe Wirkung hat.«

»Es ist aber doch tröstlich, sollte ich meinen, sich einem Gentleman gleich zu achten.«

»Besonders wenn Sie den Gentleman zu denselben Gedanken bestimmen können.« Dies war ein Punkt, der unsern Gleichheits-Candidaten etwas in Verlegenheit zu setzen schien; denn er begann mit verdoppelter Energie zu pfeifen und die Füße zu schleudern.

»Jetzt,« sagte sein Peiniger, »nachdem Sie mir Ihre Begriffe von canadischer Unabhängigkeit erklärt, haben Sie die Gefälligkeit, mich mit dem Mechanismus Ihrer Maschine vertraut zu machen, die Sie so genau zu kennen scheinen.«

Der Mann sah meinen Gatten eine Minute lang halb trotzig, halb durch das seiner Geschicklichkeit gezollte Compliment geschmeichelt, an, ging darauf zur Maschine setzte alles mit großer Geläufigkeit auseinander und behandelte uns seit dieser Zeit mit vollkommner Achtung. Die Erwiederung meines Gatten auf seine in einem höchst unhöflichen Tone gethane Frage: »was macht denn eigentlich einen Gentleman, ich bitte Sie, beantworten Sie mir das?« »Feine Sitten und gute Erziehung. — Ein reicher oder hochgeborner Mann, der sich roh und ungesittet benimmt und unwissend ist, hat eben so wenig Ansprüche auf den Titel: Gentleman, als Sie selbst,« hatte auf ihn einen starken Eindruck gemacht.

Wir standen seitdem auf einem ganz andern Fuße miteinander; der Maschinen-Meister hatte so viel gesunden Verstand, daß er einsah, rohe Vertraulichkeit mache den Gentleman noch nicht aus.

Allein es wird Zeit, daß ich Ihnen einige Nachrichten über Peterborough mittheile, welches, hinsichtlich der Lage, jedem andern Ort, den ich bis jetzt in der obern Provinz gesehen habe, überlegen ist. Es nimmt ziemlich den Mittelpunkt zwischen den Stadt-Bezirken Monaghan, Smith, Cavan, Otanabee und Douro ein, und dürfte nicht unpassend als die Hauptstadt des Newcastle-Distrikts gelten.

Es liegt auf einer hübschen erhabnen Ebne, gerade über einem kleinen See, wo der Fluß durch zwei niedrige bewaldete Eilande getheilt ist. Der ursprüngliche oder Gouvernements-Theil der Stadt ist in Halbacker-Parcellen[21] angebaut; die Straßen, welche sich jetzt schnell mit Gebäuden füllen, bilden rechte Winkel mit dem Flusse und erstrecken sich gegen die Ebnen nach Nordosten zu. Diese Ebnen bilden einen schönen natürlichen Park, in welchem Thäler und Hügel anmuthig mit einander abwechseln; überall stößt das Auge auf liebliche, grüne, mit den mannigfaltigsten und schönsten Blumen geschmückte Auen, gleichsam von der Hand der Natur mit Gruppen von stattlichen Fichten, Eichen, Balsam-Pappeln, italienischen Pappeln und Silber-Birken bepflanzt.

Die Aussicht von diesen Ebnen aus ist entzückend; wohin man nursein Auge wendet, erblickt man mannigfaltige Hügel und Thäler, Wald und Wasser, während sich die Stadt über einen beträchtlichen Flächenraum ausbreitet.

Die Ebnen verlaufen mit einer starken Neigung nach dem Flusse zu, der mit großem Ungestüm zwischen seinen Ufern hinbraust. Denken Sie sich ein langes, enges, den östlichen und westlichen Theil der Stadt in zwei Hälften scheidendes Thal.

Das Otanabee-Ufer erhebt sich zu einer größeren Höhe als die Monaghan-Seite, und beherrscht eine weite Aussicht über das zwischenliegende Thal; die gegenüber befindliche Stadt und die bekränzten Waldungen und Hügel im Hintergrunde. Dieser Theil heißt Peterborough-East und ist das Besitzthum drei reicher Capitalisten, von welchen man die Stadt-Parcellen kauft.

Peterborough, auf die angegebne Weise vertheilt, nimmt einen beträchtlichen, zur Bildung einer großen Hauptstadt mehr als hinreichenden Flächenraum ein. Seine Einwohner-Zahl wird gegenwärtig auf siebenhundert Köpfe und darüber geschätzt, und wenn sie in den nächsten Jahren so schnell zu wachsen fortfährt, wie dies der Fall bisher gewesen ist, so dürfte Peterborough bald eine sehr volkreiche Stadt sein[22].

Der Ort ist im Besitz großer Wasser-Kraft, sowohl durch den Fluß als den schönen breiten Bach, der seinen Weg durch die Stadt windet und sich in den kleinen, weiter unten liegenden See ergießt. Man findet daselbst verschiedne Säge- und Mahl-Mühlen, eine Branntweinbrennerei, eine Walk-Mühle, zwei größere Gasthöfe und verschiedne kleine Wirthshäuser, eine Anzahl gute Vorrathshäuser, ein Gouvernements-Schulhaus, das auch als Kirche dient, bis ein großes Gotteshaus erbaut sein wird. Die Ebnen werden zu Park-Anlagen verkauft, und hier und da erheben sich hübsche kleine Wohnhäuser, allein ich fürchte sehr, daß die natürlichen Schönheiten dieser anmuthigen Landschaft bald verloren gehen werden.

Ich ermüde gar nicht in meinen Ausflügen und erklettre die Hügel und Berge in jeder Richtung, um eine neue Aussicht zu gewinnen, oder einige neue Blumen zu sammeln, woran, obgleich schon spät im Sommer, es doch immer noch einen Ueberfluß giebt.

Unter den Pflanzen, mit deren Namen ich bekannt bin, sind mancherlei strauchartige Astern von fast jeder Farbe: Blau, Roth und Perlweiß; eine Monarde von höchst aromatischem Geruch, den selbst die trocknen Stiele und Samen-Behälter theilen; das weiße Ruhrkraut (Gnaphalium) oder die Immortelle (wovon bereits die Rede gewesen); verschiedne Rosen-Arten, wovon ich noch einige Knospen in einem Thale unweit der Kirche fand. Auch bemerkte ich unter den strauchartigen Gewächsen eine niedliche kleine, unserm Buchsbaum ähnliche Pflanze; sie schleppt sich am Boden hin, und sendet Zweige und Schößlinge aufwärts; ihre Blätter werden mit der Zeit dunkel kupferroth; allein trotz dem anscheinenden Widerspruch, ist sie ein Immergrün[23]. Ferner fand ich einige schöne Lichen-Arten mit korallenfarbnen Mützchen auf den grauen hohlen Stielen, sie stehen in unregelmäßigen Büscheln zwischen dem trocknen Moose, noch häufiger aber bedecken sie die Wurzeln der Bäume oder halb verwitterten Baumstämme. Unter den mancherlei Pilzen sammelte ich einen hohlen Becher, von schönstem Scharlachroth an der innern Fläche und äußerlich blaß rehfarben; eine andre sehr schöne Pilz-Art bestand aus kleinen Aestchen, wie weiße Korallen-Bäumchen, aber von so zartem Gefüge, daß sie bei der leisesten Berührung abbrachen.

Der Boden war an manchen Orten mit einem dicken Teppich von Erdbeeren mancherlei Art bedeckt, welche, so lange ihre Zeit ist, denen, die sich die Mühe nehmen, sie zu pflücken, ein stetes Dessert liefern; ich meines Theils würde gewiß von diesem Privilegium Gebrauch machen, wenn ich den Sommer über in ihrer Nähe wäre. Außer den Pflanzen, die ich selbst in der Blüthe beobachtet habe, sollen Frühling und Sommer noch manche andre hervorbringen: eine orangenfarbne Lilie, die rothe Pechnelke[24], die Mocassin-Blume oder gelbe Scharte (Ginster); Maiblumen in Ueberfluß; und nach den Ufern des Baches oder des Otanabee zu bewegt die prächtige Cardinal-Blume[25] ihre scharlachrothen Blüthen-Aehren anmuthig hin und her.

Ich ärgere mich ordentlich, daß man mir, wenn ich die Schönheit der canadischen Blumen bewundre, jedesmal wiederholt, sie seien geruchlos, und daher kaum der Beachtung werth; als wenn sich das Auge nicht an den schönen Formen und Farben weiden könnte, wenn nicht zugleich dem Geruchssinn geschmeichelt wird.

Um dieses Land von dem Vorwurf zu befreien, den ihm ein sehr gescheuter Mann machte, mit welchem ich einst in London zusammen traf, daß nämlich die hiesigen Blumen ohne Geruch, und die Vögel ohne Gesang seien, bemerke ich hier, daß mir bereits verschiedne äußerst wohlriechende Blumen und Kräuter zu Gesicht gekommen sind. Unter diesen darf ein schönes, strauchartiges Gewächs (milk-weed), mit purpurfarbnen Blüthen, die sich eben so sehr durch ihre Farben-Pracht als ihren reichen Geruch auszeichnen, nicht vergessen werden.

Ich gedenke nächstens ein Herbarium für Elisa zu sammeln und eine Beschreibung der Pflanzen, ihres Wachsthums und ihrer Eigenschaften beizufügen.

Alle merkwürdige Umstände hinsichtlich derselben werde ich sorgfältig aufzeichnen; und sagen Sie ihr, sie solle versichert sein, daß ich ihr von jeder vorkommenden Art bei günstiger Gelegenheit ein Exemplar, wo möglich mit den Samen, übersenden werde.

Meines Erachtens dürfte dieses Land den Forschungen des Botanikers ein weites und fruchtbares Feld eröffnen. Ich bedaure jetzt sehr meine Nichtbeachtung der häufigen Aufforderungen Elisa's, ein Studium zu verfolgen, welches ich einst für trocken hielt, jetzt aber höchst interessant finde und als eine fruchtbare Quelle geistigen Genusses besonders für diejenigen betrachte, welche im Busche (Urwälder) leben und demgemäß nothwendiger Weise von den Freuden und Vergnügungen, welche ein großer Kreis von Freunden, — und dem Wechselwelchen eine Stadt oder auch nur ein Dorf darbieten, ausgeschlossen sind.

Am Sonntage ging ich in die Kirche; — die erste Gelegenheit, dem öffentlichen Gottesdienst beizuwohnen, seitdem ich die schottischen Hochlande verlassen; und gewiß hatte ich Ursache, vor dem barmherzigen Gott, der mich wohlbehalten durch die Gefahren der großen Tiefe (des Meeres) und der verderblichen Krankheit geführt, demuthsvoll und dankbar meine Knie zu beugen. Noch nie erschien mir unsre schöne Liturgie so rührend und eindrucksvoll als an diesem Tage — in unsrer schlichten, aus rohen Baumstämmen mitten in der Wildniß erbauten Kirche.

Dieses einfache Gebäude liegt am Fuße eines sanften Abhanges auf der Ebne, umgeben von Eichen- und Fichten-Gruppen die, obgleich nicht so groß und stattlich wie die gewaltigen Eichen und Kiefern des Forstes, mit ihren in mannigfaltige und seltsame Formen vertheilten Aesten dem Auge doch weit angenehmer sind. Der Rasen ist hier von smaragdnem Grün; mit einem Wort, es ist ein anmuthiges Plätzchen, entfernt von dem geräuschvollen Treiben der Stadt, ein geeigneter Ort, Gott in Geist und Wahrheit zu verehren!

Nach den Smith-town-Hügeln hin und längs den Ufern, welche den Fluß überragen, giebt es manche herrliche Spaziergänge. Der Gipfel der Hügel ist unfruchtbar und dicht mit lockern, rothen und grauen Granitblöcken, und zwischen diesen, mit großen — in jeder Richtung ausgestreuten Kalkstein-Massen bedeckt; letztere sind meistentheils durch die Einwirkung des Wassers glatt und zugerundet. Da sie losgetrennte Stücke sind und blos die Oberfläche des Bodens einnehmen, so konnte ich mir nicht recht erklären, wie sie in diese Höhe gekommen. Ein Geolog würde ohne Zweifel dieses Räthsel in wenigen Minuten lösen. Die Eichen, welche auf dem hohen Ufer wachsen, sind eher größer und üppiger, als die in den Thälern und auf andern fruchtbaren Boden-Stellen.

Hinter der Stadt, in der Richtung der Cavan- und Emilien- (Emily) Straße, breitet sich ein weiter Raum aus, den ich Squatter's ground nenne, weil er ganz mit Shanties bedeckt ist, worin die armen Auswandrer, ausgelößte Pensionairs[26] und dergleichen Leute sich mit ihren Familien niedergelassen haben. Einige bleiben hier, um, wie sie vorgeben, ein einstweiliges Obdach für ihre Weiber und Kinder zu haben, bis sie mit Errichtung eines Hauses auf dem ihnen bewilligten Grund und Boden zu deren Aufnahme zu Stande gekommen; aber nicht selten geschieht es, daß sie aus Trägheit oder wirklichem Unvermögen, das ihnen oft meilenweit von hier in den Urwäldern und in noch ganz unbebauten Ortschaften oder Stadtbezirken[27] zugetheilte Land zu bearbeiten, verkümmern, indem sich ihnen zu große Schwierigkeiten und Hindernisse entgenstellten, deren Besiegung mehr Energie und Muth erfordert, als viele derselben besitzen. Andre, zu Müßiggang und Ausschweifungen geneigt, vergeuden das empfangene Geld und verkaufen das Land, wofür sie ihre Pensionen aufgaben, und müssen dann nothwendiger Weise in Armuth und Elend auf dem Shanty-Grunde hocken bleiben.

Die Shanty ist eine Art Hütte im ursprünglichen canadischen Baustyl, und nichts weiter als ein aus unbehauenen Baumstämmen oder Scheiten (logs) zusammengezimmerter Schuppen; die Fugen zwischen den runden Rändern (round edges) der Baumstämme sind mit Schlamm oder Lehm, Moos oder Holzschnitzeln ausgefüllt; das Dach besteht häufig aus gespaltnen und mit der Art ausgehöhlten Bäumen, die neben einander gelegt sind, so daß die Kanten auf einander ruhen; die hohlen und convexen Flächen sehen abwechselnd nach oben, und so bildet ein Scheit (gespaltner Baumstamm) um das andre eine Rinne zur Ableitung des Regens und schmelzenden Schnees. Die Traufen eines solchen Gebäudes gleichen den wellenförmigen Rändern einer Kammmuschel; allein so roh dieses Dach ist, entspricht es doch dem Zweck, das Innere trocken zu erhalten, weit wirksamer als die aus Rinde oder Bretern gebildeten Dächer durch welche der Regen nur zu leicht Eingang findet. Bisweilen hat die Shanty ein Fenster, bisweilen nur einen offnen Thorweg, welcher das Licht ein- und den Rauch ausläßt[28].

Eine rohe Esse, oft nichts weiter als ein in die obersten Dachbäume, über dem Heerde, geschnittne und in viereckiger Form roh mit Bretern umgebne Oeffnung dient zum Auslassen des Rauches; die einzige Vorsichtsmaßregel, um zu verhindern, daß die Scheit-Wände nicht Feuer fangen, besteht in Anbringung einiger großen Steine in halbkreisartiger Form, oder noch gewöhnlicher, einer Lage trockner Erde zwischen Heerd und Wand.

Nichts kann unbehaglicher sein als einige dieser mit Rauch und Schmuz gefüllten Shanties, der gemeinliche Zufluchtsort für Kinder, Schweine und Geflügel. Allein ich habe Ihnen bis jetzt nur die Schatten-Seite des Gemäldes gegeben; und es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß nicht alle Shanties auf dem Squatter's-Grunde der geschilderten gleichen; im Gegentheil die Mehrzahl war von behenden muntern Leuten bewohnt und hatte sogar zwei Fenster und einen von Lehm regelrecht durch das Dach geführten Schornstein, ja einige waren sogar roh gedielt, und fast eben so bequem eingerichtet, wie die kleinen Log-Häuser.

Sie dürften es vielleicht befremdend finden, wenn ich Ihnen versichre, daß manche achtbare Emigranten mit ihren Weibern und Kindern, Personen von zartem Körperbau und, ehe sie hierher kamen, an jede Bequemlichkeit gewöhnt, sich begnügt haben, während des ersten oder der zwei ersten Jahre ihrer Ansiedelung in den Wäldern eine dergleichen Hütte zu bewohnen.

Mit einiger Theilnahme habe ich die Erzählungen von den Beschwerden und Mühseligkeiten angehört, die einige der ersten Ansiedler in der Nachbarschaft, als Peterborough nur erst zwei Wohnhäuser enthielt, erduldet haben. Damals gab es hier weder durch die Waldung gehauene Straßen noch Boote zur Communication mit den entlegnen, bereits angebauten Theilen des Distriktes; daher denn die Schwierigkeiten, sich die nöthigen Mund-Vorräthe und andre Bedürfnisse zu verschaffen, weit größer waren, als sich irgend einer von den spätern Ankömmlingen vorstellen kann.

Als ich von einer ganzen Familie hörte, die keinen bessern Mehlvorrath hatte, als was täglich auf einer kleinen Handmühle gemahlen werden konnte, und vier Wochen hindurch fast von allen nöthigen Lebensbedürfnissen, selbst Brod nicht ausgenommen, entblößt war, konnte ich unmöglich meine Verwunderung verheimlichen, daß ich in den über Auswanderung erschienenen Büchern von dergleichen Uebeln auch nicht ein Wort gelesen, das den künftigen Ansiedler darauf hätte vorbereiten können.

»Diese besondern Prüfungen,« bemerkte mein verständiger Freund, »beschränken sich hauptsächlich auf die ersten Ankömmlinge, welche sich in den noch völlig unangebauten Theilen des Landes niederlassen, wie dies unser Fall war. Fragen Sie nur genau einige von den Familien der niedern Klasse, die sich weit von den Städten angesiedelt haben und die wenige oder keine Mittel zu ihrem Unterhalt während der ersten zwölf Monate besaßen, bis sie eine Ernte von ihrem Boden erhielten, so werden sie manche traurige Erzählung von Leiden und Mühseligkeiten vernehmen.«

Schriftsteller über Auswanderung geben sich nicht die Mühe, nach diesen Dingen zu forschen, auch entspricht die Mittheillung unangenehmer Thatsachen ihrem Zweck nicht. Nur wenige haben ausschließlich über den »Busch« geschrieben. Reisende durcheilen in der Regel die seit langer Zeit angesiedelten in gutem Gedeihen begriffnen Theile des Landes, sie sehen einen Strich fruchtbaren angebauten Bodens, das Resultat vieljähriger Arbeit und Thätigkeit; sie sehen bequeme Wohnhäuser, reichlich ausgestattet mit allen wesentlichen Lebens-Bedürfnissen; die Frau des Meierei-Besitzers macht ihre Seife, ihre Lichte und ihren Zucker selbst, die Familie ist in Zeuge gekleidet, die sie mit eigner Hand gesponnen und gewebt hat, sie trägt Strümpfe von eigner Fabrik. Brod, Bier, Butter, Käse, Fleisch, Federvieh u. s. w. sind insgesammt Erzeugnisse des eignen Bodens. Sie schließen daraus, daß Canada ein zweites Canaan sei, und schreiben ein Buch, worin sie diese Vortheile auseinandersetzen, mit der Hinzufügung, daß man daselbst Grund und Boden für einen wahren Spottpreis erhalte; und rathen jedem, der unabhängig und gegen Mangel gesichert zu sein wünscht, zur Auswanderung.

»Man vergißt, daß diese Vortheile das Resultat vieljähriger unablässiger Anstrengungen, daß sie der Kranz nicht die ersten Früchte der mühevollen Arbeit des Ansiedlers sind; und daß fast jede Klasse von Auswandrern in der Zwischenzeit sich manchen und großen Entbehrungen unterwerfen muß.

»Viele lassen sich bei ihrer ersten Ankunft, vorzüglich in den noch unangebauten Gemeinde-Bezirken (townships), durch den wenig versprechenden Anblick der Gegenstände um sie her entmuthigen. Sie finden keine von jenen Vortheilen und Bequemlichkeiten, wovon sie gehört und gelesen haben; und sie sind auf die gegenwärtigen Schwierigkeiten unvorbereitet; einige verzagen, andre verlassen den Ort, in ihren Erwartungen getäuscht und voll Unwillen.

»Ein wenig Ueberlegung würde ihnen gezeigt haben, daß jede Route Land von der dichten Waldung, womit sie bedeckt ist, befreit werden muß, ehe man eine Weizenpflanze erziehen kann; daß, nachdem die gefällten Bäume zerschnitten, geklaftert (logged) und verbrannt worden sind, das Feld eingefriedigt, die Saat gesäet, geerntet und ausgedroschen werden muß, ehe an einen Gewinn zu denken ist; daß alles dies viel Zeit und Arbeit, und wenn man letztere bezahlen muß, eine beträchtliche Auslage an barem Gelde nöthig ist, und daß, eine Familie mittlerweile essen und trinken will; daß im Fall einer größeren Entfernung von den Vorrathsplätzen, jeder Artikel auf schlechten Straßen entweder durch Menschenhände oder auf der Axe zugeführt werden muß, wobei zu bemerken, daß in Verhältniß zu der Weg-Länge und den Schwierigkeiten rücksichtlich des Transports das Fuhr- und Träger-Lohn mehr oder weniger kostspielig ist. Gewiß ist es besser, alle diese Dinge im Voraus zu kennen, weil man alsdann weiß, welchen Hindernissen man zu begegnen hat.

»Selbst ein Arbeiter, wenn er auch sein eignes Land hat, ist oft, ja ich möchte behaupten, im Allgemeinen genöthigt, sich für das erste Jahr oder die beiden ersten Jahre als Tagelöhner zu vermiethen (hire out) um den für sich und seine Familie erforderlichen Lebensunterhalt zu erwerben; und viele der in Rede stehenden Klasse müssen manche Entbehrungen dulden, ehe sie die Früchte ihrer Unabhängigkeit ernten können. Hätten sie nicht die Hoffnung, ja die bestimmte Aussicht, ihren Zustand mit der Zeit zu verbessern, sie würden unter der Last, die sie zu tragen haben, erliegen; aber diese Hoffnung erhält sie aufrecht. Sie haben kein von Armuth und Mangel getrübtes Alter zu fürchten; die gegenwärtigen Uebel müssen der Betriebsamkeit und Ausdauer weichen; sie denken auch auf ihre Kinder, und die Prüfungen der Gegenwart werden durch die Ahnung einer glücklichen Zukunft erleichtert.«

»Jedenfalls,« sagte ich, »kann man Kühe, Schweine und Federvieh halten; und Sie wissen, daß, wo es an Milch, Butter, Käse und Eiern, an Schweinfleisch und Geflügel nicht fehlt, man sich eben nicht schlecht befindet.«

»Sehr wahr,« erwiederte mein Freund, »allein ich muß Ihnen sagen, es ist leichter, im Anfange von dergleichen Thieren zu sprechen als sie zu halten, ausgenommen auf gelichtetem oder theilweise gelichtetem Boden; hier aber ist die Rede von einer ersten Ansiedelung in den Urwäldern, Kühe, Schweine und Federvieh wollen fressen, allein wenn man ihnen nichts geben kann, als was man kauft und vielleicht aus der Ferne herbeiholen muß, so ist es besser, man belastet sich nicht damit, da die Beschwerde gewiß, der Vortheil aber zweifelhaft ist. Eine Kuh findet allenfalls während der warmen Monate im Busch ihr Futter, allein bisweilen verläuft sie sich, so daß man sie Tage lang vermißt, und dann keinen Nutzen von ihr hat, und möglicher Weise viel Zeit mit Suchen verliert; dann aber muß man sie, außer Laub und Zweigsprossen, die sie den Winter hindurch erhält, auch noch mit anderm Futter versorgen[29], oder, ich wette zehn gegen eins, sie wird im Frühjahr sterben; und da Kühe, wofern sie nicht sehr gut gehalten werden, in der kalten Jahreszeit ihre Milch verlieren, so ist es am besten, sie im Herbst zu verkaufen, und im Frühjahr andre anzuschaffen, man müßte denn Ueberfluß an Futter für sie haben, was in dem ersten Winter nicht oft der Fall ist. Was die Schweine anlangt, so sind sie für eine neu angelegte Meierei eine große Plage, wofern man sie nicht aus der Hand mästen kann, allein dies geht nicht, ohne daß man Futter für sie kauft, und dies würde anfänglich nicht vortheilhaft sein. Läßt man sie frei umherlaufen, so fügen sie sowohl den eignen Feldern als denen der Nachbarn, im Bereich einer halben (englischen) Meile, beträchtlichen Schaden zu; andres Vieh kann man allenfalls durch Umzäunung in der angegebnen Hinsicht unschädlich machen, aber nicht so Schweine; auch Federvieh bedarf, wenn es einigen Nutzen bringen soll, etwas mehr, als was es um das Haus herum aufpickt, wozu noch kommt, daß Adler, Igel, Füchse und Marder darauf erfolgreiche Jagd machen, bis man es hinreichend sichern kann.«

»Wie aber sollen wir unter solchen Umständen unsre eigne Wolle spinnen, unsre eigne Seife und Lichte bereiten?« fragte ich. »Sobald sie Ihre eignen Schafe, Schweine und Rinder schlachten, oder Wolle und Talg werden kaufen können.« — Als er mich hierüber etwas niedergeschlagen sah, fügte er tröstend hinzu: — »Nur nicht verzagt! Sie werden mit der Zeit alle diese Dinge haben und noch mehr als diese, aber gedulden müssen Sie sich und die Mittel zu ihrer Erlangung benutzen. Mittlerweile suchen Sie sich auf Entbehrungen vorzubereiten, denen Sie jetzt noch fremd sind; und wünschen Sie, Ihren Gatten glücklich und in seinen Unternehmungen begünstigt zu sehen, so machen Sie sich kluge Sparsamkeit und heitre Laune zur Regel. Nach einigen Jahren wird Sie Ihre Meierei mit allen Lebensbedürfnissen versorgen, und nach und nach werden Sie sich auch mancher Luxus-Artikel erfreuen können. Dann erst beginnt der Ansiedler, die wirklichen und sichern Vortheile seiner Auswanderung zu ernten; dann wird er den Segen eines Landes inne, wo es weder Zölle noch Zehnten noch Armensteuern giebt; dann genießt er die Wohlthaten der Unabhängigkeit. Diese glückliche Erfüllung seiner Wünsche im Auge, ebnet er den rauhen Pfad und erleichtert er sich die auf ihm lastenden Uebel. Er sieht in Gedanken eine zahlreiche Familie um sich her, ohne jene angstvollen Sorgen, die einen Vater von geringem Vermögen in der alten Heimath drücken; denn er weiß ja, daß er sie einst nicht entblößt von rechtlichen Unterhalts-Mitteln verläßt.«

Trotz allen überstandnen Mühseligkeiten und Prüfungen fand ich diesen Mann so sehr für das Ansiedlerleben eingenommen, daß er erklärte, er würde um keinen Preis in sein Vaterland zurückkehren, um dort eine längere Zeit zu bleiben; auch ist er nicht der Einzige, den ich auf diese Weise sich habe äußern hören; vielmehr scheint dieselbe Vorliebe für ihre neue Heimath unter der niedern Emigranten-Klasse allgemein zu sein. Sie fühlen sich durch das Beispiel Andrer, die sie in Genuß von Bequemlichkeiten sehen, woran zu Hause selbst bei der größten Anstrengung und mühevollsten Arbeit nicht zu denken war, ermuthigt; denn sie bedenken weislich, daß sie, wären sie in ihrer Heimath geblieben, endloses Elend und harte Entbehrungen (sehr viele nämlich hat Mangel hierher getrieben) würden haben ertragen müssen, ohne die entfernteste Aussicht, ihren Zustand zu verbessern oder unumschränkte Landeigenthümer zu werden.

»Was sind uns ein, zwei, drei, ja selbst vier mühevolle Jahre im Vergleich mit einem ganzen Leben von Plack und Armuth,« war die Bemerkung eines armen Arbeiters, der uns am andern Tage von den Mühseligkeiten erzählte, womit er in diesem Lande zu kämpfen gehabt. »Ich wußte,« sagte er, »daß sie nur kurze Zeit dauern und durch Fleiß und Ausdauer bald zu besiegen sein würden.«

Ich habe bereits zwei unsrer armen Nachbarn gesehen, die den Kirchsprengel zwölf Monate vor uns verlassen hatten; sie haben sich in Canada niedergelassen und bearbeiten gemeinschaftlich die ihnen zugetheilten Land-Parcellen; sie kommen in der That sichtlich vorwärts. Einige Morgen Landes haben sie bereits gelichtet, bestellt und abgeerntet, sind aber zur Zeit noch genöthigt, sich zu vermiethen, um ihre Familien erhalten zu können; ihr eignes Land bearbeiten sie, wenn es Zeit und Umstände erlauben. Die Männer sind guten Muthes und hoffen, nach wenigen Jahren im Besitz von manchen Lebensgenuß, mancher Bequemlichkeit zu sein, worauf sie in der Heimath, wenn sie auch vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht gearbeitet, hätten verzichten müssen; dabei klagen sie aber, daß ihre Weiber beständig nach dem Vaterlande verlangen und ihre Reise übers Meer verwünschen. Dies scheint die allgemeine Klage unter allen Klassen zu sein; die Weiber sind unzufrieden und unglücklich. Nur wenige söhnen sich ganz mit dem Ansiedlerleben aus. Sie vermissen die kleinen häuslichen Bequemlichkeiten, deren sie sich zu Hause erfreuten, sie sehnen sich nach ihren Freunden und Verwandten, die sie haben verlassen müssen; die Einsamkeit der Urwälder ist ihnen zuwider.

Diese Aussicht entmuthigt mich nicht; ich weiß, daß ich im Hause zu thun genug finden werde, und während meiner Ausflüge ins Freie dürfte es mir nicht an Unterhaltungs-Quellen fehlen, die jede üble Laune verscheuchen. Habe ich überdies nicht guten Grund, meines Gatten wegen heiter und zufrieden zu sein? Er hat nicht mehr zu erwarten als ich; und sollte ich ihn, nachdem ich seinetwegen freiwillig meine Familie, meine Freunde, mein Vaterland verlassen, durch ewige Klagelieder verstimmen und traurig machen? Ich fühle mich stets geneigt, den Worten meines Lieblingdichters Goldsmith: —

Auf uns allein noch überall beschränkt,
Sind wir allein die Schöpfer unsers Glücks.

beizustimmen. Nun ich werde ja bald die Prüfung zu bestehen haben, da wir Morgen um zehn Uhr diese Stadt zu verlassen gedenken; der Kauf der See-Parcelle ist abgeschlossen, drei Morgen sind von Bäumen befreit, und eine Hütte (Shanty) ist ebenfalls fertig, indeß kann letztre eben nicht für ein wohnliches Obdach gelten, die Holzfäller haben sie blos als einstweiligen Zufluchtsort errichtet; und ein Haus wird bald erbaut sein. Spät genug sind wir eingetroffen, zu spät, um eine volle Ernte zu erzielen, da die Bäume blos gefällt sind, der Boden aber noch nicht gelichtet und völlig rein ist, auch ist es bereits zu spät, das gefällte Holz zu klaftern und zu verbrennen und den Weizen in den Boden zu bringen, aber für die Frühlingssaat wird er bereit sein. Wir haben unser Besitzthum den Acker mit sechstehalb Dollars bezahlt; ein ziemlich hoher Preis für wildes Land, so weit von jeder Stadt, und in einem so dürftig angebauten Theile des Bezirks; allein die Lage ist gut und hat den Vorzug, daß wir Wasser in der Nähe haben, wofür mein Gatte gern etwas mehr bezahlte, als für eine weiter landeinwärts gelegne Parcelle.

Höchst wahrscheinlich werde ich nicht sobald Zeit und Muße haben, wieder zur Feder zu greifen. Wir logiren einstweilen bei S—, bis unser Haus in wohnlichem Zustande sein wird, was ungefähr gegen Weihnachten der Fall sein dürfte.


Fußnoten:

[19] »Im Ganzen,« heißt es in der History of Upper and lower Canada by R. Montgomery Martin, Lond. 1836. »ist Ober-Canada Auswandrern aus den höheren Ständen sehr zu empfehlen; und Leute von der arbeitenden Klasse können daselbst reichliche Beschäftigung finden. Für erstere stehe hier noch die Bemerkung, daß Niemand außer solchen Engländern, die bei der Trennung der vereinigten Staaten von Groß-Britannien ihrem Vaterlande treu blieben und nach Canada flohen, also Loyalisten; oder denen, welche nach bestehenden gesetzlichen Bestimmungen Ansprüche auf unentgeldliche Landbewilligungen an die Regierung haben, eine Parcelle von den wild liegenden Kron-Ländereien anders als durch Kauf erhalten kann. Die Verkäufe finden unter der Leitung eines Commissairs am ersten und dritten Diensttage jedes Monats in den verschiednen Distrikten statt. Die käuflichen Ländereien werden zu einem bestimmten Preise voranschlagt, welcher in der Anzeige des Verkauftermins angegeben wird. Die Zahlung der Kaufsumme geschieht in Terminen: der vierte Theil davon muß sogleich, das Uebrige in drei gleichen Fristen nebst sechs Prct. Zinsen entrichtet werden. Nach Abschluß des Kaufs erhält der Käufer unentgeldlich ein Patent über den gekauften Boden. Das für die Geistlichkeit vorbehaltne Land wird unter nachstehenden Bedingungen verkauft: — Zehn Procent müssen sogleich angezahlt, und das Uebrige in neunjährigen Terminen und zwar zu jedem zwei Procent nebst Zinsen abgetragen werden. Gelegentlich werden auch Gemeinde-Bezirk-Parzellen verkauft. Das gewöhnliche Areal eines Gemeinde-Bezirks beträgt 69,000 Morgen, — ein Flächenraum von zwölf englischen Meilen in Länge, und neun in Breite.

[20] »Guess and calculate,« sie bedienen sich nämlich dieser Worte sehr häufig oft auch da, wo sie nicht recht passen.

[21] Theile, wovon jeder einen halben Acker Flächenraum enthält.

[22] Seit Abfassung dieser Nachrichten über Peterborough hat die Stadt an Gebäuden und Bevölkerung um ein Drittel zugenommen.

[23] Wahrscheinlich eine Gaultheria.

[24] The purple lichnidea.

[25] Lobelia cardinalis, Cardinals-Lobelie, Willdenow.

[26] Das ist, Leute, die ihren Gnadengehalt, den sie genossen, gegen ein Stück Land in den brittischen Colonien vertauscht haben.

[27] Der an die Auswandrer zu vertheilende Flächengehalt ist vorläufig in Bezirke abgetheilt, welche Townships (Stadt- oder Gemeinde-Kreise) heißen.

[28] Die Bemerkung eines kleinen irischen Knabens, den wir als Holzspeller und Wasserträger mietheten, und der ein Bewohner einer dieser Shanties gewesen, belustigte mich nicht wenig. »Ma' am,« sagte derselbe, »als das Wetter beißend kalt war, konnten wir uns kaum warm erhalten; denn während wir, mit dem Gesicht vor dem Feuer, auf der einen Seite fast brateten, froren wir am Rücken, daher wendeten wir von Zeit bald die eine bald die andre Seite dem Feuer zu, gerade so, wie wenn man eine Gans am Spieße bratet. Die Mutter verwendete die Hälfte von dem Gelde, welches der Vater durch seine Stroharbeit (er war ein Strohsesselmacher) verdiente, in Branntwein, um uns auszuwärmen; allein ich glaube, ein reichliches Gericht gute heiße Kartoffeln, würde uns mehr gewärmt haben, als der Branntwein dies vermochte.«

[29] Das Vieh wird im Herbst und Winter größtentheils durch die zarten Zweigsprossen von Ahorn, Birken u. s. w. erhalten, die man auf den frisch gelichteten, brachliegenden Aeckern findet. Man sollte ihnen aber auch Stroh und andres Futter geben, weil sie anders bei sehr strenger Witterung sterben.