Fünfter Brief.
Reise von Cobourg nach Amherst. — Schwierigkeiten, denen man bei seiner ersten Ansiedelung in den Urwäldern zu begegnen hat. — Erscheinung des Landes. — Reis-See. — Indianische Lebensweise und Gebräuche. — Fahrt den Otanabee hinauf. — Log-Haus (Log-house) und seine Inhaber. — Passagier-Boot. — Fußreise nach Peterborough.
Peterborough; Newcastle Distrikt;
den 9. Septbr. 1832.
Wir verließen Cobourg, am Nachmittag des ersten Septembers in einem leichten, recht bequem für die Passagiere mit Büffelfellen ausgekleideten Wagen. Unsre Reise-Genossen waren drei Herrn und eine junge Dame, insgesammt recht angenehme Gesellschafter, und bereit, uns jede Auskunft über die Gegend zu geben, durch welche unser Weg führte; der Nachmittag war einer von jenen ruhigen und heitern, dergleichen man in der ersten Hälfte des Septembers häufig zu erfahren pflegt. Die glühenden Herbst-Farben zeigten sich bereits an den Waldbäumen, sprachen aber mehr von Reife als Verfall. Die Gegend um Cobourg her ist gut angebaut, ein großer Theil der Waldung ist gelichtet, und an seine Stelle sind offne Felder, angenehme Meiereien und schöne, gut gedeihende Obstpflanzungen mit grünen, von feistem Vieh wimmelnden Weide-Plätzen getreten.
Das Gefängniß nebst dem Gerichtshof zu Amherst, etwa anderthalbe englische Meile von Cobourg, ist ein hübsches steinernes Gebäude, und auf einer Anhöhe gelegen, welche eine prächtige Aussicht auf den See Ontario und die umgebende Scenerei beherrscht. In demselben Verhältniß als man weiter landeinwärts kommt, in der Richtung der Hamilton- oder Reis-See-Ebnen, erhebt und senkt sich das Land zu kühnen langgedehnten Hügeln und Thälern.
Die Umrisse der Gegend erinnerten mich an den bergigen Theil von Gloucestershire; indeß vermißt man den Reiz, womit die Civilisirung diese schöne Landschaft in so vorzüglichem Grade geschmückt hat, man vermißt ihre romantischen Dörfer, blühenden Städte, weit gedehnten, mit Rinder- und Schafheerden bedeckten Auen. Hier strotzen die Berge von Eichen-, Buchen- und Ahorn-Wäldern, mit hier und da eingestreuten dunkeln Fichten-Hainen, nur selten durch eine Ansiedelung mit ihren Log-Häusern und zickzackartigen, von Holzscheiten gezimmerten Einfriedigungen unterbrochen und belebt: diese Einfriedigungen sind, beiläufig gesagt, sehr beleidigend für mein Auge. Ich sehe mich vergebens nach den reichen Laubhecken meines Vaterlandes um. Selbst die steinernen Einfriedigungen im Norden und Westen von England, so kalt und dunkel sie sind, erzeugen keinen so unangenehmen Eindruck auf den Beschauer. Die Ansiedler machen indeß unabänderlich von demjenigen Plan Gebrauch, wobei sie am meisten an Zeit, Arbeit und Geld ersparen. Das wichtige, durch Nothwendigkeit bedingte Gesetz, den kürzesten Weg zur Erreichung des beabsichtigten Zwecks einzuschlagen, wird streng befolgt. Geschmackssachen scheinen wenig berücksichtigt zu werden, oder müssen wenigstens vor der Hand in den Hintergrund treten.
Ich sah ein Lächeln um den Mund meiner Reisegefährten spielen, als sie unsre Projecte zur Verschönerung unsrer künftigen Wohnstätte vernahmen.
»Wenn Sie gesonnen sind, Ihre Wohnung in den Urwäldern aufzuschlagen,« sagte ein ältlicher Herr, der sich vor mehren Jahren im Lande angesiedelt, »so muß Ihr Haus nothwendiger Weise ein aus Baumstämmen roh zusammengezimmertes Haus (log-house) sein, denn eine Sägemühle dürften Sie schwerlich in der Nähe finden und außerdem werden Sie in den ersten zwei oder drei Jahren so viel zu thun haben, und so vielen Hindernissen begegnen müssen, daß Sie schwerlich Gelegenheit haben werden, diese Verschönerungen ins Werk zu setzen.« »Es giebt,« fügte er mit einer Mischung von Ernst und guter Laune in seinem Gesicht hinzu, »ein Sprichwort, das ich als Knabe oft gehört habe; es lautet: erst kriechen, und dann gehen«[15]. »Es läßt sich hier zu Lande nicht alles so leicht bewerkstelligen als zu Hause, wovon Sie eine mehrwöchentliche Bekanntschaft mit dem Busch, wie wir jedes nicht gelichtete Waldland nennen, bald überzeugen wird. Nach Verlauf von fünf Jahren dürften Sie schon eher an dergleichen Verschönerungen und Bequemlichkeiten denken und leichter beurtheilen können, was Sie vor sich haben.«
»Ich glaubte,« war meine Erwiederung, »daß in diesem Lande alles sehr schnell und leicht von Statten gehe, ich erinnere mich genau, von Häusern gehört zu haben, die in einem Tage erbaut worden.« Der alte Herr lachte.
»Ja, ja,« sprach er, »Reisende finden es nicht schwer, ein Haus binnen zwölf oder vierundzwanzig Stunden aufzubauen, und allerdings lassen sich die Wände in dieser, ja in noch weniger Zeit aufführen; allein das Haus ist, wenn auch die Außenwände stehen, noch nicht fertig, wie dies Ihr Gemahl auf seine Kosten erfahren wird.«
»Aber sämmtliche Werke über Auswanderung, die ich gelesen,« erwiederte ich, »geben ein so schönes und schmeichelndes Gemälde von dem Leben eines Ansiedlers; denn, ihren Angaben gemäß, lassen sich alle Schwierigkeiten leicht beseitigen.«
»Weg mit den Büchern!« sagte mein Opponent »der eigne Verstand muß hier entscheiden. Richten Sie Ihren Blick auf jene endlosen Waldungen, in die das Auge nur einige Schritte tief eindringen kann, und sagen Sie mir, ob Sie glauben, daß sich diese gewaltigen Baumstämme ohne Schwierigkeit wegräumen, gänzlich ausrotten, ja, ich möchte sagen, vom Angesicht der Erde entfernen lassen; daß das Lichten und Reinigen des Bodens durch Feuer, die Anlage und Einfriedigung von Feldern, die Erbauung eines Obdachs keine Mühe, Kosten und große Arbeit verursachen werde? Sprechen Sie nur nicht von dem, was in Büchern steht, die häufig von Stuben-Reisenden (tarry at home-travellers) geschrieben sind. Ich verlange Thatsachen. Die Erfahrungen eines einzigen aufrichtigen Emigranten sind mehr werth, als alles, was über den fraglichen Gegenstand zusammen geschrieben worden ist. Uebrigens darf man die einem Theil des Landes entsprechende Schilderung nicht auf alle anwenden. Die von Boden, Klima, Lage und Fortschritten in der Civilisirung abhängigen Umstände sind in verschiednen Distrikten sehr verschieden; selbst die Preise der Güter und Producte, die Mieth-Preise und Arbeits-Löhne u. s. w. weichen, je nachdem man sich den Städten und Märkten nähert oder davon entfernt, beträchtlich von einander ab.«
Ich fühlte bald, daß mein Reisegefährte richtig von einer Sache spreche, womit ihn eine dreizehnjährige Erfahrung vollkommen vertraut gemacht hatte. Ich fing an, zu fürchten, daß wir ebenfalls zu schmeichelhafte Ansichten von dem Leben eines Ansiedlers in den Urwäldern unterhalten. Die Zeit und unsre eigne persönliche Kenntniß wird der sicherste Prüfstein sein, und diesem müssen wir uns anvertrauen. Der Mensch ist stets geneigt, das zu glauben, was er wünscht.
Ungefähr mittelwegs zwischen Cobourg und dem Reis-See liegt zwischen zwei steilen Hügeln ein hübsches Thal. Hier findet man einen guten Theil gelichteten Landes und eine Schenke: der Ort heißt die »Kalte Quelle« (Cold Springs). Wer weiß, ob derselbe nicht vielleicht schon nach einem oder zwei Jahrhunderten in einen Trink- und Bade-Ort für die feine Welt umgestaltet sein wird. Ein canadisches Bath oder Cheltenham[16] dürfte mit der Zeit hier entstehen, wo gegenwärtig die Natur in ihrer Wildniß schwelgt.
Wir fuhren jetzt die geneigten Ebnen bergan, eine schöne strecke aufsteigenden Landes, mehre englische Meilen weit spärlich mit Eichen und hier und da mit buschigen, weitspreizigen Tannen nebst andern Bäumen und Sträuchern bekleidet. Der Boden ist an einigen Orten sandig, überdies aber, wie man mir sagte, in verschiednen Theilen von sehr verschiedner Beschaffenheit und in großen Strecken mit reicher Weide bedeckt, welche den Viehheerden einen Ueberfluß an trefflichem Futter darbietet. Eine Menge vorzüglich schöner Blumen und Sträucher schmücken diese Ebnen, welche sich während der Frühlings- und Sommer-Monate jedem Garten in der Welt an die Seite stellen können. Manche von jenen Gewächsen gehören den Ebnen ausschließlich an und kommen selten in andern Lagen vor. Auch die Bäume, obwohl nicht so groß und gewaltig, wie die in den Forsten, sind malerisch; sie stehen in Gruppen oder einzeln, durch große Zwischenräume von einander abgesondert, und geben dem in Rede stehenden Theil des Landes ein parkartiges Ansehn. Die vorherrschende Meinung scheint zu sein, daß die Ebnen, zu Schweizereien und Viehzüchtereien angelegt, den Zwecken der Ansiedler vorzüglich entsprechen würden, indem es nicht an Land zur Erbauung von Weizen und Korn fehlt, der Boden mit geringen Kosten veredelt werden kann, und außerdem Ueberfluß an natürlichen Vieh-Triften herrscht.
Ein großer Vortheil scheint zu sein, daß der Pflug unmittelbar eingeführt werden kann, und die Vorbereitung des Bodens nothwendiger Weise weit weniger Arbeit erfordert, als da, wo derselbe über und über mit Wald bedeckt ist.
Man trifft auf diesen Ebnen verschiedne Ansiedler, welche beträchtliche Meiereien besitzen. Die Lage, sollte ich meinen, muß gesund und angenehm sein, Ersteres wegen der Erhabenheit und Trockenheit des Bodens; Letzteres wegen der schönen Aussicht, die sie auf das unter ihnen sich ausbreitende Land, besonders wo der Reis-See mit seinen mannigfaltigen Inseln und malerischen Ufern sichtbar ist, — darbieten. Hügel und Thäler wechseln auf eine angenehme Weise mit einander ab, und der Boden ist bald sanft geneigt, bald schroff, ja fast abschüssig.
Ein amerikanischer Pachter, der an unserm Frühstück am folgenden Morgen Theil nahm, erzählte mir, daß diese Ebnen vormals ein berühmtes Jagdrevier der Indianer gewesen, die, um das Wachsthum der Waldbäume zu verhindern, dieselben von Jahr zu Jahr weggebrannt; hierdurch wurden im Verlauf der Zeit die jungen Bäume vernichtet und konnten sich mithin nicht wieder in derselben Ausdehnung anhäufen wie früher. Es blieb nur so viel stehen, als zur Bildung von Dickichten hinreichte; denn in diesen wählt das Wild heerdenweise seinen Aufenthalt, angelockt durch eine eigenthümliche hohe Grasart, womit die in Rede stehenden Ebnen bedeckt sind, es heißt Reh-Gras (deer-grass), und die davon fressenden Thiere werden zu gewissen Jahreszeiten außerordentlich fett davon.
Der Abend brach herein, ehe mir unser nächstes Nachtquartier, die Schenke an den Ufern des Reis-Sees, erreichten, so daß ich etwas von der schönen Scenerei einbüßte, welche diese artige Wasserfläche dem Auge darbietet, wenn man die Ebnen nach ihren Ufern zu hinabsteigt. Die flüchtigen Blicke, die mir dann und wann davon zu Theil wurden, hatte ich dem schwachen aber häufigen Wetterleuchten zu verdanken, welches den Horizont gegen Norden erhellte und gerade genug enthüllte, um mich bedauern zu machen, daß ich wegen der Dunkelheit an diesem Abend nicht mehr davon sehen konnte. Der Reis-See ist auf eine recht anmuthige Weise durch kleine bewaldete Inseln unterbrochen; das nördliche Ufer steigt vom Wasserrande sanft aufwärts. Im Angesicht von Sully, der Schenke, von wo aus das Dampfboot abgeht, welches den Otanabee hinaufsteuert, erblickt man verschiedne hübsche Niederlassungen; und jenseits des Indianer-Dorfes unterhalten die Missionaire eine Schule zur Erziehung und Unterrichtung der Indianer-Kinder. Manche von diesen können geläufig lesen und schreiben und haben in ihrer sittlichen und religiösen Bildung sichtbare Fortschritte gemacht. Sie sind gut und bequem gekleidet und wohnen in besonders für sie erbauten Häusern. Allein sie hängen immer noch zu sehr an ihrer wandernden Lebensweise, um gute und betriebsame Ansiedler abzugeben. Zu gewissen Zeiten im Jahre verlassen sie das Dorf und lagern sich in den Wäldern längs den Ufern jener Seen und Flüsse, wo sie auf Ueberfluß an Wild und Fischen rechnen können[17].
Die Reis-See und Schlamm-See-Indianer gehören, wie man mir sagt, zu den Tschippewas, allein die Züge von Schlauheit und kriegerischem Trotz, die früher dieses merkwürdige Volk charakterisirten, scheinen unter dem milderen Einfluß des Christenthums verschwunden zu sein.
Gewiß ist, daß die Einführung der christlichen Religion der größte Fortschrit zu Civilisirung und Verbesserung ist; ihr ganzes Streben ist darauf gerichtet, die Schranken des Vorurtheils und der Unwissenheit niederzubrechen und die Menschen zu einer allgemeinen Brüderschaft zu verbinden. Man hat mir gesagt, daß eine Zeitlang das Laster der Völlerei diesen neu bekehrten Wilden unbekannt gewesen, ja daß sie sich sogar des mäßigen Gebrauchs geistiger Getränke gewissenhaft enthalten. Diese Enthaltsamkeit wird von einigen Familien noch jetzt beobachtet; aber neuerdings hat sich die Trunkenheit wieder unter ihnen eingeschlichen, die allerdings ihren Glauben in Miscredit bringt. Man darf sich in der That kaum darüber wundern, daß der Indianer, wenn er diejenigen seiner Umgebung, welche sich Christen nennen, welche besser erzogen sind und den Vortheil einer civilisirten Gesellschaft genießen, dem erwähnten Laster bis zum Uebermaß fröhnen sieht, sich von seinem natürlichen Hange besiegen läßt und die Pflichten des Christenthums, das bei einigen wohl eben nicht tiefe Wurzel geschlagen haben mag, entgegenhandelt. Ich habe mich über die, diese lasterhafte Neigung der armen Indianer betreffenden Urtheile von Leuten, welche die ersten an der Tafel und bei Trinkgelagen waren, sowohl gewundert als geärgert; es schien mir, als halte man Leute von Erziehung und Bildung der Völlerei für weniger zurechnungsfähig als den halbcultivirten Wilden.
Man findet einige hübsche Ansiedlungen am Reis-See, indeß sollen seine Ufer der Gesundheit nicht zuträglich sein, und die Colonisten vorzüglich da, wo der Boden niedrig und morastig ist, häufig an Sumpf-Fiebern und Flüssen leiden. Einige schreiben die Ursache der eben genannten Uebel den umfangsreichen Reisbeeten zu, welche das Wasser stocken machen. Die Verdünstung von einer Wasserfläche, die fortwährend auf eine Masse faulender Pflanzen wirkt, muß allerdings die Constitution derjenigen schwächen, welche ihrem verderblichen Einfluß unmittelbar ausgesetzt sind.
Außer zahlreichen kleinen Wasserströmen, die hier zu Lande Creeks heißen, ergießen sich zwei beträchtliche Flüsse, der Otanabee und der Trent in den Reis-See. Diese Flüsse sind durch eine Kette kleiner Seen mit einander verbunden, welche man auf einer guten Charte von der in Rede stehenden Provinz finden kann. Ich füge meinem Briefe einen Abriß bei, der zu Cobourg erschienen ist und Sie mit der Geographie dieser Abtheilung des Landes bekannt machen wird. Auf einem der kleinen Seen gedenken wir uns anzukaufen; denn sollten diese Gewässer schiffbar gemacht werden, wie man beabsichtigt, so dürften die Ländereien an ihren Ufern sehr einträglich für die Colonisten ausfallen; gegenwärtig sind sie durch große Granit- und Kalkstein-Blöcke, Stromschnellen und Catarakte unterbrochen, welche kein Fahrzeug außer Nachen und Böten mit flachem Kiel, zulassen und selbst diese sind wegen der vielen angedeuteten Hindernisse auf gewisse Strecken beschränkt. Durch Vertiefung des Fluß-Bettes und des Bodens der Seen, durch Bildung von Wehren in einigen Theilen, und durch Anlegung von Kanälen, würde dieser ganze Wasser-Bereich, bis zur Bay von Quinte, der Schifffahrt geöffnet werden können. Der Kostenbetrag würde natürlicher Weise bedeutend sein, und bevor nicht die Städte dieses Theils des Distriktes vollkommen organisirt sein werden, ist an die Ausführung eines solchen Riesen-Plans nicht zu denken, wie wünschenswerth sie auch sein mag.
Wir verließen nach einer ungewöhnlichen Verzögerung um neun Uhr das Wirthshaus am Reis-See. Der Morgen war feucht und neblich, und ein kalter Wind blies über die Wasserfläche, die sich durch den feinen Sprühregen nicht eben vortheilhaft ausnahm; ich hüllte mein Gesicht zum Schutz dagegen gern in den Ueberschlagkragen meines warmen Mantels ein; denn das kleine Dampfboot hatte außer einer unwirksamen Zelt-Decke weder eine Kajüte noch einen andern Zufluchtsort. Das armselige Schifflein stach leider gegen die trefflich eingerichteten Fahrzeuge, worauf wir erst vor Kurzem den Ontario und St. Laurence durchsegelt, gewaltig ab. Dennoch nahm uns das Vorhandensein eines Dampfboots auf dem Otanabee nicht wenig Wunder, und war für die ersten Ansiedler längs den Ufern dieses Flusses ein Gegenstand großer Freude, da sie sich noch vor wenigen Jahren zum Transport sowohl ihrer selbst als auch ihrer Markt-Erzeugnisse mit schlechten Nachen oder Wagen und Schlitten, auf höchst erbärmlichen Straßen, begnügen mußten.
Der Otanabee ist ein schöner, breiter, heller Strom, welchen bei seinem Eintritt in den Reis-See eine schmale, wegen ihrer morastigen Beschaffenheit des Anbaues unfähige Landzunge in zwei Mündungen scheidet. Dieser schöne Fluß, (denn als solchen betrachte ich ihn) schlängelt sich zwischen dick bewaldeten Ufern hin, die sich, in demselben Verhältniß, als man weiter landeinwärts kommt, mehr und mehr erheben.
Gegen Mittag zertheilte sich der Nebel, und die Sonne kam in ihrem vollen Septemberglanze zum Vorschein. Die Nadelholz-Wälder zu beiden Seiten des Flusses bildeten eine so dichte Schutz-Mauer, daß wir nicht die geringste Unannehmlichkeit von dem rauhen Luftzuge fühlten, der mich am Morgen, als wir durch den See schifften, ganz durchkältet hatte.
Für den schnell vorübereilenden Reisenden, der sich um die einzelnen Schönheiten der Scenerei wenig bekümmern kann, haben die langen ununterbrochnen Wald-Linien nothwendiger Weise etwas Einförmiges, das ihn allmälig in eine düstere, ja fast traurige Stimmung versetzt. Dessenungeachtet aber giebt es manchen Gegenstand, der einen genauen Beobachter der Natur unterhält und erfreut. Sein Auge wird von den seltsamen Lauben angezogen, welche der canadische Epheu ein scharlachrothes rankendes Gewächs, und die wilde Rebe bilden, indem sie ihre dicht verschlungenen, reich gefärbten Blätter-Guirlanden zwischen den Aesten der Waldbäume hinranken und ihre glühenden Tinten mit den rothspitzigen Zweigen des weichen Ahorns vermischen, dessen herbstliche Farben in Schönheit von keinem unsrer heimathlichen Waldbäume übertroffen werden.
Die purpurnen Trauben der Rebe, in Größe keineswegs so verächtlich, als ich mir vorgestellt, erschienen meinen sehnsüchtigen Augen, indem sie, zwischen dem Laube hängend, ihrer Reife entgegen eilten, äußerst lockend. Wie ich höre, bildet ihr Saft, mit einer hinreichenden Quantität Zucker zusammen gesoten, ein treffliches, äußerst wohlschmeckendes Gelee. Die Samen sind zu groß, um eine andre Zubereitung räthlich oder vortheilhaft zu machen. Ich werde gelegentlich erfahren, welcher Veredelung sie durch Cultur fähig sein dürften. Mann kann sich des Schlusses nicht erwehren, daß, wo die Natur einen so großen Ueberfluß an Früchten hervorbringt, das Klima, unter Mitwirkung von Cultur und Boden, ihrer Vervollkommnung höchst günstig sein müsse.
Das Wasser des Otanabee ist so klar und frei von allem Schmuz, daß man jeden Kiesel, jede Muschelschale auf seinem Boden deutlich unterscheiden kann. Hier und da enthüllt eine Oeffnung im Walde ein Neben-Flüßchen, das sich seinen Weg unter den Laubwölbungen der darüber ragenden Riesen-Bäume nach dem Hauptstrome bahnt. Die ringsum herrschende Stille wird durch nichts unterbrochen, als den plötzlichen Aufflug der von ihrem Zufluchtsorte zwischen den buschigen, hier und da das linke Ufer bekränzenden Weiden aufgeschreckten wilden Ente, oder das gellende rauhe Geschrei des Eisvogels, indem er pfeilschnell über die Wasserfläche schießt.
Das Dampfboot landete zur Einnahme von Brennmaterial an einer gelichteten Stelle, ungefähr auf dem halben Wege von Peterborough, und ich benutzte freudig die Gelegenheit, einige der prächtigen Cardinal-Blumen zu pflücken, welche zwischen den Steinen am Uferrande wuchsen; auch fand ich hier eine Rose, so schön und angenehm duftend, als nur jemals eine unsre englischen Gärten zierte. Ferner bemerkte ich zwischen dem Grase auf dem Wiesenlande Frauenmünze, und näher am Ufer Pfeffermünze. Ein Strauch, mit Früchten, so groß wie Kirschen, von breiartigem Fleisch und angenehm säuerlich, fast wie Tamarindenmark, schmeckend, glich unserm Schlehendorn. Die Dornen dieses Strauches waren furchtbar lang, stark und fest, meiner Ansicht nach dürfte er sich zu Einfriedigungen oder lebendigen Hecken vortrefflich eignen; auch die Frucht könnte, eingemacht, kein zu verachtendes Desert abgeben.
Da ich sehr begierig war, das Innere eines Log-Hauses zu sehen, so trat ich durch den offnen Thorweg in die Schenke, wie man sie nennt, unter dem Vorwand, einen Trunk Milch zu kaufen. Das Innere dieses rohen Gebäudes hatte eben kein einladendes Ansehn. Die Wände bestanden aus rohen unbehauenen Scheiten oder Baumstämmen, und die Lücken und Ritzen zwischen diesen waren mit Moos und unregelmäßigen Holzkeilen ausgefüllt, um Wind und Regen abzuhalten; die unberappte Decke zeigte das mit Moos und Farrenkraut von allerlei Farben, — Grün, Gelb und Grau — bedeckte Sparrwerk; und darüber konnte man die vom Rauche, der sich durch den weiten, aus Steinen und Lehm erbauten Schornstein aufzusteigen weigerte und in leichten Windungen unter dem Dache hinkräuselte, um seinen Ausgang durch die vielen Ritzen und Oeffnungen in letzterem zu suchen, schön mahagonyroth gefärbten Schindeln wahrnehmen.
Der Fußboden war von Erde, die durch Gebrauch eine ziemliche Härte und Ebenheit erhalten hatte. Die ganze Hütte erinnerte mich an das armselige Gebäude, welches vier russische Matrosen, die sich auf Spitzbergen zu überwintern genöthigt sahen, zu ihren Schutz errichteten. Das Geräthe darin entsprach ihrer rohen Bauart; einige wenige Stühle, roh und ungehobelt; ein Tisch von Tannenholz, der, weil letzteres, bei Verfertigung desselben noch frisch gewesen, an verschiednen Stellen gesprungen war und blos durch seine mißgestalteten Beine zusammengehalten wurde;
zwei oder drei Blöcke von grauem Granit, die neben dem Heerde standen, dienten als Sitze für die Kinder; hierzu kamen zwei Betten, die durch niedrige Gestelle von Cedern-Holz etwas über den Boden erhoben waren. Auf diesen elenden Schlafstellen lagen zwei arme Teufel ausgestreckt, an den verheerenden Wirkungen des Sumpffiebers leidend. Ihre gelben, eine Störung in der Gallen-Absonderung verrathenden Gesichter stachen gegen die zusammengeflickten Pfühle, womit sie bedeckt waren, seltsam ab. Ich fühlte das innigste Mitleiden mit den armen Emigranten, die mir erzählten, daß sie kaum einige Wochen im Lande gewesen, als sie vom Fieber befallen worden wären. Sie hatten Weiber und kleine Kinder, welche sehr elend aussahen. Auch die Weiber hatten am Wechselfieber gelitten und dabei nicht einmal ein eignes Haus oder einen Schuppen zu ihrer Bequemlichkeit gehabt; die Männer waren durch ihr Erkranken in völlige Unthätigkeit versetzt worden; und ein großer Theil von dem wenigen Gelde, das sie mit sich gebracht, war in der elenden Schenke, wo sie lagen, für Kost und Logis aufgegangen. Ich kann eben nicht sagen, daß ich mich sehr zu Gunsten der Wirthin, einer barschen und habsüchtigen Frau eingenommen fühlte. Außer den verschiednen Emigranten, Männern, Weibern und Kindern, welche diesen Schuppen bewohnten, zählte derselbe noch andre Inhaber; ein hübsches feistes Kalb nahm einen Verschluß in einem Winkel ein; einige Ferkel wanderten grunzend in Gesellschaft mit einem halben Dutzend Vögeln umher. Der anziehendste Gegenstand waren drei schneeweiße Tauben, welche friedlich die auf der Erde liegenden Bröckchen aufpickten und das Ansehn hatten, als wären sie zu rein und unschuldig, um Bewohner eines solchen Platzes zu sein.
Sowohl wegen der Seichtigkeit des Flusses in dieser Jahreszeit als auch wegen der Stromschnellen kann das Dampfboot nicht den ganzen Weg bis Peterborough hinauf steuern, daher ein Kahn (scow) oder Ruderboot, wie er bisweilen genannt wird, eine plumpe schwerfällige Maschine mit flachem Kiel an einer bestimmten Stelle des Flusses im Angesicht einer eigenthümlich gestalteten Fichte, auf dem rechten Ufer, der Passagiere wartete. Der eben erwähnte Baum heißt die »Yankie-Mütze« (Yankee bonnet), wegen der vermeintlichen Aehnlichkeit der obersten Aeste mit einer Art unter den Yankies üblichen, der blauen schottischen nicht unähnlichen Mütze.
Unglücklicher Weise landete das Dampfboot etwa vier englische Meilen unterhalb des gewöhnlichen Rendezvous-Ortes und wir warteten bis ziemlich vier Uhr darauf. Als es endlich erschien, fanden wir zu unserm nicht geringen Mißvergnügen die Ruder-Knechte (acht an Zahl und sämmtlich Irländer) unter dem Einfluß eines tüchtigen Branntwein-Rausches, den sie sich auf der Herfahrt angetrunken. Uebrigens waren sie über die Verzögerung von Seiten des Dampfbootes aufgebracht, die ihnen eine vierstündige schwere Ruderarbeit mehr auferlegt hatte. Außer einer Anzahl Passagiere fanden wir es mit einer beträchtlichen Ladung Hausgeräth, Koffern, Kisten, Schachteln, Säcken mit Weizen, Salz und geräuchertem Schweinefleisch, nebst noch hundert andern Packeten und Artikeln, großen und kleinen, belastet, die zu einer solchen Höhe aufgeschichtet waren, daß ich sowohl für die Güter selbst als für die Passagiere Gefahr fürchtete.
Mit dem unverstelltesten Unwillen griffen die Leute nach vollendeter Ladung zu ihren Rudern, erklärten aber, daß sie ans Ufer gehen, Feuer machen und ihr Mahl zubereiten wollten, da sie noch gar keine Nahrung zu sich genommen; dafür hatten sie indeß der Branntwein-Flasche tüchtig zugesprochen. Dieser Maßregel widersezten sich einige der männlichen Passagiere, und es erfolgte ein heftiger Zank, der damit endete, daß die Meuterer ihre Ruder niederwarfen und sich ausdrücklich weigerten, ehe sie ihren Hunger befriedigt, einen einzigen Schlag zu thun.
Vielleicht hatte ich ein dem ihrigen verwandtes Gefühl; denn ich begann selbst, äußerst hungrig zu werden, da ich seit früh sechs Uhr gefastet; in der That war ich so schwach, daß ich meinen Gatten bat, er möchte sich ein Stückchen von dem groben, eben nicht appetitlichen Brode für mich geben lassen, das die Irländer aus ihren Schnappsäcken hervorzogen und mit gewaltigen Schnitten rohen Pöckel-Schweinfleisches verzehrten, wobei sie, »nicht laute aber tiefe«[18] Flüche und bittre Spottreden gegen diejenigen ausstießen, welche sie in Kochung ihrer Speisen, »wie es Christen gezieme,« verhindern wollten.
Während ich begierig mein Stückchen Brod hinteraß, sagte ein alter Pächter, der mich eine Zeitlang mit einem Gemisch von Neugierde und Mitleiden betrachtet, »Arme Frau, sie scheinen ja recht hungrig, und sind, irr' ich nicht, eben erst aus dem alten Vaterlande gekommen und folglich an dergleichen harte Kost nicht gewöhnt. Hier sind einige Kuchen, die meine Frau (my woman) als ich von zu Hause aufbrach, mir in die Tasche gesteckt hat; ich mache mir wenig daraus, aber sie sind doch besser als dieses schlechte Brod; bedienen sie sich derselben, und mögen sie Ihnen wohl bekommen.« Mit diesen Worten schüttete er mir einige recht schöne hausbackene Streukuchen in den Schooß, und gewiß konnte mir nie etwas erwünschter kommen als diese wohlschmeckende Erfrischung.
Ein mürrischer düsterer Geist schien unter unsern Bootsleuten zu herrschen, der keineswegs abnahm, als der Abend einbrach, und — die Stromschnellen waren nahe.
Die Sonne war untergegangen, und Mond und Sterne stiegen glänzend über die stille Wasserfläche empor, welche das Bild dieser Himmels-Körper zurückspiegelte. Ein so überaus reizender Anblick schien das aufgeregteste, wildeste Gemüth zu Frieden und Ruhe stimmen zu müssen; wenigstens dachte ich so, als ich, in meinen Mantel gehüllt, mich in den Arm meines Gatten lehnte und mit Entzücken und Bewunderung bald vom Wasser zum Himmel, bald vom Himmel zum Wasser blickte. Meine angenehme Träumerei wurde indeß bald beendigt, indem unser Boot plötzlich das felsige Ufer berührte, und ich die Bootsleute unter manchen Flüchen und Betheuerungen versichern hörte, daß sie in dieser Nacht nicht weiter steuern würden. Wir befanden uns ungefähr drei englische Meilen unterhalb Peterborough; und wie ich, geschwächt durch die eben erst überstandne Krankheit und die Strapazen unsrer langen Reise, diesen Weg zurücklegen sollte, wußte ich nicht. Die Nacht in dem offnen Boote, dem starken vom Flusse aufsteigenden Nebeldunst ausgesetzt, zuzubringen, wäre gewisser Tod gewesen. Während wir überlegten, was zu thun sei, hatten die übrigen Passagiere ihren Entschluß gefaßt, sie nahmen ihren Weg durch den Wald, auf einem Pfade, den sie genau kannten. Auch waren sie uns bald aus den Augen entschwunden, bis auf einen Herrn, der einen der Bootsleute durch Geld und gute Worte dahin zu bestimmen suchte, daß er ihn nebst seinem Hunde an der Stelle, wo die Stromschnellen ihren Anfang nehmen, in einem Fischernachen über den Strom setzen sollte.
Denken sie sich unsre Lage, um zehn Uhr in der Nacht, mit keinem Schritt unsrer Marschroute bekannt, ans Ufer gesetzt, um, so gut wir könnten, den Weg nach einer fernen Stadt zu finden, oder die Nacht in dem finstern Walde zuzubringen.
Fast in Verzweiflung, beschworen wir den eben erwähnten Herrn, so weit, als sein Weg reiche, unser Führer zu sein. Aber so viele Hindernisse stellten sich in Gestalt längs den Ufern ausgestreuter, neuerdings gefällter Baumstämme und großer Stein-Blöcke unserm Vordringen entgegen, daß wir unsern Pfad nur mit der größten Schwierigkeit im Gesicht behalten konnten. Endlich langten wir mit unserm Führer an der Stelle an, wo der Nachen seiner wartete, und mit einer Hartnäckigkeit, die wir zu einer andern Zeit und unter andern Umständen, nie gezeigt haben würden, verlangten wir alle, in das elende Fahrzeug aufgenommen zu werden. Endlich willigt der mürrische Charon unter Grollen und Brummen ein, und wir stigen hastig in den zerbrechlichen Nachen, der kaum geeignet schien, uns sicher nach dem entgegengesetzten Ufer zu führen. Ich konnte mich, als ich die Fluth von Verwünschungen und Schimpfreden vernahm, die unaufhörlich dem Munde des Bootsmanns entströmte, eines Gefühls von unbeschreiblicher Furcht nicht erwehren. Ein- oder zweimal liefen wir Gefahr, durch die Tannen- und Cedern-Aeste, welche in der Nähe der Ufer ins Wasser gefallen waren, umgestürzt zu werden. Meine Freude, als wir das andre Ufer erreichten, können Sie sich denken; allein hier wartete unser eine neue Beunruhigung; wir hatten nämlich noch eine Strecke pfadlosen Waldes zu durchwandern, ehe wir den Nachen wieder erreichen konnten, welcher eine kleine Stromschnelle passiren mußte und am Anfange eines kleinen Sees, einer Erweiterung des Otanabee, etwas unter Peterborough auf uns warten sollte. Bis dahin hinderten umgestürzte Bäume, meistentheils Schierlings-Tannen, Pech-Tannen oder Cedern, deren Aeste und Zweige so dicht verflochten sind, daß man sie kaum von einander trennen oder sich Bahn durch ein davon gebildetes Dickicht brechen kann, bei jedem Schritt unsern Weg.
Hätten wir nicht den menschenfreundlichen Beistand unsers Führers gehabt, so weiß ich in der That nicht, wie ich diese Schwierigkeiten hätte überwinden sollen. Bisweilen war ich nahe daran, vor Müdigkeit und Ermattung nieder zu sinken. Endlich vernahm ich zu meiner unaussprechlichen Freude die mürrische Stimme unsers irischen Ruderers, und nach vielem Zanken und Brummen von seiner Seite, saßen wir abermals in dem Nachen.
Wie froh waren wir nicht, als wir nach einiger Zeit neben dem hellodernden Feuer eines ungeheuern Holzstoßes, das Haus unsers Freundes erblickten. Hier fanden wir auch einen Führer, der uns den Weg zur Stadt auf einer durch den Wald gehauenen Straße zu zeigen versprach. Eine Tasse Thee zur Erfrischung unsrer Lebensgeister von unserm freundlichen Wirth war uns sehr willkommen, und nachdem mir eine kurze Zeit ausgeruht und etwas Kraft gesammelt, brachen wir wieder auf, geführt von einem zerlumpten, aber höflichen irischen Jungen, dessen freies freundliches Wesen und gute Laune uns ganz für ihn einnahmen. Er erzählte uns, daß er eine von sieben Waisen sei, die Vater und Mutter durch die Cholera verloren. »Ach es ist traurig!« sagte er, »vater- und mutterlos in einem fremden Lande zu sein;« dabei wischte er sich die Thränen ab, die ihm über die Wangen rollten, indem er uns die traurigen Umstände seiner frühzeitigen Verwaisung mittheilte, indeß fügte er fröhlich hinzu, daß er einen gütigen Herrn gefunden, der einige seiner Brüder und Schwestern so wie ihn selbst in seine Dienste genommen.
Gerade als wir aus dem Dunkel des Waldes hervortraten, fanden wir unsre Fortschritte durch einen Wasserstrom gehindert, über welchen wir, sagte er uns, um die Stadt erreichen zu können, eine kleine Brücke (log-bridge) zu passiren hätten. Nun bestand die Baum-Brücke aus blos einem Stamme oder vielmehr einem umgefallenen Baume, den man quer über den Wasserstrom geworfen, und der durch die von dem morastigen Wasser aufsteigenden schweren Dünste sehr schlüpfrig war. Da er blos eine Person auf einmal zuließ, so konnte ich keinen Beistand von meinen Begleitern erhalten; und obgleich unser kleiner Führer, mit einer natürlichen, aus seinem wohlwollenden Charakter entspringenden Artigkeit die Laterne dicht an den Baumstamm hielt, um alles Licht darauf fallen zu lassen, so hatte ich doch das Mißgeschick, in Folge eines Schwindels, der mich gerade bei den letzten noch übrigen Schritten anwandelte, bis an die Knie ins Wasser zu fallen, und so war ich zugleich müde und naß. Zur Vermehrung unsres Unglücks sahen wir die Lichter im Dorfe, eins nach dem andern verschwinden, bis nur noch hier und da ein einsames Flämmchen aus den obersten Stuben von einem oder zwei Häusern flimmerte, die uns als Leuchtthürme dienten. Wir hatten uns noch nach einer Herberge umzuthun, und es war ziemlich Mitternacht, als wir die Thür des besten Wirthshauses erreichten, hier endlich dachte ich, werden unsre Leiden für diese Nacht ein Ende haben; aber wie groß war unser Verdruß, als man uns sagte, daß kein Bett im Hause mehr übrig sei, daß Emigranten, die auf ihrem Wege nach einer der neuen Ansiedlungen begriffen waren, sie sämmtlich in Beschlag genommen.
Ich vermochte nicht weiter zu gehen, und wir baten um einen Platz am Küchen-Feuer, um da, wenn auch nicht zu schlafen, doch ein wenig auszuruhen, und wo ich meine nassen Kleider trocknen könnte. Die Wirthin, als sie meinen Zustand sah, fühlte Mitleiden mit mir, führte mich an ein helloderndes Feuer, das ihre Mädchen schnell angefacht; eine brachte mir ein warmes Fußbad; eine andre versah uns mit warmem Getränk, das, so fremd und ungewöhnlich es meinem Lippen war, mir gute Dienste that; kurz es wurde uns alle mögliche Pflege und Aufmerksamkeit zu Theil, die wir von unsern Wirthsleuten nur immer erwarten konnten; ja sie traten uns sogar ihre eignen Betten ab, und begnügten sich mit einem Strohlager vor dem Küchenfeuer.
Ich kann jetzt über die Unfälle dieses Tages lächeln, aber während wir dieselben erduldeten, erschienen sie mir, wie Sie sich wohl vorstellen mögen, als keine Kleinigkeit.
Leben Sie wohl! meine theuerste Mutter.
Fußnoten:
[15] Vom Kinde entlehnt, welches, ehe es die Kraft zu gehen hat, auf allen Vieren kriecht.
[16] Die besuchtesten Bade-Orte in England.
[17] Humboldt bemerkt über die bekehrten Indianerstämme Folgendes: In den Wäldern von Südamerika giebt es Stämme, welche in Dörfern wohnen, Pisang, Cassava und Baumwolle erbauen, und kaum mehr Barbaren sind, als die in den Missionsanstalten lebenden Individuen, welche man abgerichtet hat, das Zeichen des Kreuzes zu machen. Es ist ein Irrthum, wenn man alle freie Eingeborne als herumwandernde Jäger betrachtet; denn schon lange vor der Ankunft der Europäer herrschte auf dem Continent der Ackerbau und herrscht noch jetzt zwischen dem Orinoco und Amazonenflusse, in Distrikten, wohin dieselben nie gekommen sind.
Das System der Missionaire hat einen Hang nach Grundeigenthum, nach festen Wohnplätzen, und einen Sinn für ein ruhiges Leben erzeugt; allein der getaufte Indianer ist oft eben so wenig ein Christ, als sein heidnischer Bruder ein Verehrer von Götzen, beide zeigen eine auffallende Gleichgültigkeit gegen religiöse Meinungen und eine Neigung zur Verehrung der Natur.
Man hat keinen Grund, zu glauben, daß sich die Anzahl der Indianer in den spanischen Colonien vermindert habe. Noch immer existiren über sechs Millionen der kupferfarbenen Menschenrace in beiden Theilen von Amerika; und obgleich in jenen Colonien mehre Sprachen verloren gegangen oder vermischt worden sind, so haben sich die Eingebornen doch fortwährend vermehrt. In der gemäßigten Zone wird die Berührung der Europäer mit den Eingebornen der Bevölkerung der letztern verderblich; in Süd-Spanien hingegen ist das Resultat verschieden, und hier fürchtet man die Annäherung der Weißen nicht. Im ersten Fall wird für die Indianer eine große Strecke Landes erforderlich, weil sie von der Jagd leben; im zweiten hingegen reicht ein kleines Stück Grund und Boden hin, um einer Familie ihren Unterhalt zu gewähren.
In diesen Provinzen machen die Europäer nur langsame Fortschritte, und die religiösen Orden haben zwischen den von ihnen bewohnten Gegenden und denjenigen, welche die freien oder unabhängigen Indianer bewohnen, Niederlassungen begründet.
Die Missionen haben sich ohne Zweifel Eingriffe in die Freiheit der Eingebornen erlaubt, allein diese Eingriffe sind im Allgemeinen dem Wachsthum der Bevölkerung günstig gewesen. In demselben Maßstabe, als die Prediger in das Innere eindrangen, nahmen die Pflanzer von dem Gebiete Besitz; Weiße sowohl, als solche Individuen, welche aus gemischten Ehen stammen, lassen sich unter den Indianern nieder; die Missionsanstalten verwandeln sich in spanische Dörfer, und mit der Zeit verlieren die alten Bewohner ihre ursprünglichen Sitten und Sprache. Auf diese Weise schreitet die Civilisation von den Küsten nach dem Mittelpunkt des festen Landes zu.
Neu-Andalusien und Barcellona enthalten mehr als vierzehn Stämme Indianer. Die der ersten Provinz sind die Chaymas, die Guayquerier, die Pariagotoer, die Quaquas, die Aruacas, die Cariben, die Guaraounoer; die der andern, die Cumanagatoer, die Palenkas, die Cariben, die Piritoer, die Tomoozas, die Topocuarer, die Chacopater und die Guarivas. Die oben erwähnten Guaraounoer, welche an der Mündung des Orinoco in Hütten auf Bäumen wohnen, ist nicht bekannt.
In den Vorstädten von Cumana und auf der Halbinsel Araya leben zweitausend Guayquerier. Unter den übrigen genannten Stämmen sind die Chaymas von den Bergen von Caripe, die Cariben von Neu-Barcelona, und die Cumanagatoer in den Missionsanstalten von Piritoo die zahlreichsten.
Die Sprache der Guaraounoer, so wie die der Cariben, Cumanagatoer und Chaymas werden am allgemeinsten gesprochen und scheinen einer und derselben Wurzel anzugehören.
Obgleich die zu den Missionen gehörigen Indianer sämmtlich Ackerbau treiben, die nehmlichen Pflanzen cultiviren, ihre Hütten auf dieselbe Weise erbauen, und die nehmliche Lebensweise führen, so bleiben doch die Nüancen, wodurch sich die verschiedenen Stämme von einander unterscheiden, unverändert. Es giebt nur sehr wenige Dörfer, worin die Familien nicht verschiedenen Stämmen angehörten und nicht verschiedene Sprachen sprächen.
Die Missionäre haben in der That verschiedene Gebräuche und Ceremonien verboten und manchen Aberglauben verbannt, allein sie sind nicht im Stande gewesen, den wesentlichen Charakter, welchen alle amerikanische Racen von der Hudsons Bay an bis zur Magellanschen Straße mit einander gemein haben, zu verändern.
Der unterrichtete Indianer, welcher sicherer auf seinen Unterhalt zählen kann, als der ungezähmte Eingeborne, und weniger der zügellosen Wuth feindlicher Nachbarn oder dem Ungestüm der Elemente ausgesetzt ist, führt ein einförmigeres Leben, besitzt die Charaktermilde, welche aus der Liebe zur Ruhe entspringt, und nimmt eine ruhige und geheimnißvolle Miene an; allein sein Ideenkreis hat keine große Erweiterung erfahren, und der Ausdruck von Melancholie, den seine Gesichtszüge darbieten, ist einzig und allein die Folge der Trägheit und Unempfindlichkeit.
Die Chaymas, wovon mehr als funfzehntausend die spanischen Dörfer bewohnen und die gegen Westen an die Cumanagatoer, gegen Osten an die Guaraounoer, und gegen Süden an die Cariben stoßen, haben einen Theil der hohen Berge Cocollar und Guacharo, so wie auch die Ufer des Guarapiche, Rio Colorado, Areo und den Cano von Caripe inne.
Der erste Versuch, sie der Cultur zu unterwerfen, wurde in der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts vom Pater Francisco aus Pamplona, einem sehr eifrigen und unerschrockenen Mann, gemacht. Die nach und nach unter diesem Volke errichteten Missionsanstalten erlitten in den Jahren 1681, 1697 und 1720 durch die Einfälle der Cariben bedeutende Verluste; von 1730 an wurde die Bevölkerung durch die Verheerungen der Bocken vermindert.
Sie haben von Natur sehr wenig Haar am Kinn, und das wenige, welches erscheint, wird sorgfältig ausgerissen. Dieser geringe Bartwuchs ist der amerikanischen Rasse gemein, wiewohl es Stämme giebt, z. B. die Chipewas und Patagonier, bei denen der Bart eine bedeutende Größe erreicht.
Die Chaymas führen ein sehr regelmäßiges und einförmiges
Leben. Sie gehen um sieben Uhr zu Bett und stehen halb fünf Uhr auf. Das Innere ihrer Hütten halten sie äußerst rein, und ihre Hängmatten, Geräthschaften und Waffen befinden sich in der größten Ordnung. Sie baden sich jeden Tag, und da sie im Allgemeinen nackt gehen, so sind sie von dem Schmuze frei, welcher hauptsächlich durch die Kleidung verursacht wird. Außer ihrer Hütte im Dorfe haben sie gewöhnlich an einem einsamen Orte in den Wäldern eine kleinere, die mit Palmen- oder Pisangblättern bedeckt ist, und in welche sie sich, so oft als es nur immer geht, zurückziehen, und so stark ist in ihnen der Wunsch, die Aehnlichkeiten eines wilden Lebens zu genießen, daß die Kinder oft Tage lang in den Wäldern umherziehen, und wirklich sind die Städte oder Dörfer bisweilen ganz verlassen. Wie bei allen barbarischen Nationen ist das weibliche Geschlecht Entbehrungen und Beschwerden ausgesetzt, der schwerste Theil der Arbeit fällt ihm zu.
[18] »Not loud but deep,« eine sprüchwörtliche Redens-Art.