Vierter Brief.
Landung zu Montreal. — Erscheinung der Stadt. — Verheerungen der Cholera. — Wohlthätigkeits-Anstalten zu Montreal. — Katholische Cathedrale. — Unter- und Ober-Stadt, Gesellschaft und Unterhaltung im Hotel. — Die Verfasserin wird von der Cholera befallen. — Abreise von Montreal im Postwagen. — Einschiffung zu Lachine an Bord eines Dampf-Schiffes. — Abwechselndes Reisen in Dampfschiffen und Postwagen. — Erscheinung des Landes. — Manufacturen. — Oefen, in einiger Entfernung von den Hütten. — Zieh-Brunnen. — Ankunft zu Cornwall. — Bedienung im Gasthause. — Abreise von Cornwall, und Ankunft zu Prescott. — Ankunft zu Brockwille. — Dasiger Stapelplatz. — Reise durch den See Ontario. — Ankunft zu Cobourg. —
Nelson Hotel, Montreal. August 21.
Wieder einmal auf festem Grund und Boden, Theuerste Mutter! welches eigenthümliche Gefühl ist es doch, das feste Land wieder zu betreten, erlößt von der schwankenden Bewegung des Schiffes auf dem wogenden Wasser, dem ich jetzt wirklich mit Freuden Lebewohl sagte.
Mit Tagesanbruch war Jedermann an Bord aus dem Bette und traf geschäftig alle Vorbereitungen, ans Land zu gehen. Der Capitain selbst gab uns verbindlichst das Geleite und ging mit uns bis zum Gasthof, wo wir jetzt logiren.
Es machte uns einige Schwierigkeit, ans Ufer zu gelangen, wegen der schlechten Beschaffenheit des Landungsplatzes. Der Fluß war mit treibenden Baumstämmen gefüllt, zwischen welchen das Boot hindurchzusteuern, einige Geschicklichkeit erforderte. Es wird jetzt ein Kai gebaut[6], dessen Nothwendigkeit sich nur zu fühlbar gemacht hat.
Zunächst fielen uns die schmuzigen, engen, schlecht oder gar nicht gepflasterten Straßen der Vorstädte auf, und zugleich betäubte uns der niedrige, aus einem tiefen, offnen, längs der Straße hinter dem Kai verlaufenden Graben aufsteigende Dunst. Dieser Graben schien zur Aufnahme jedes Unflathes bestimmt und an sich allein hinreichend, die ganze Stadt mit bösartigen Fiebern zu inficiren[7].
Bei meiner ersten Bekanntschaft mit dem Innern von Montreal, einem Orte, wovon Reisende so viel gesagt haben, fand ich mich sehr getäuscht. Ich verglich es in Gedanken mit den Früchten des todten Meeres, die schön und lockend anzuschauen sind, aber blos Asche und Bitterkeit geben, wenn sie der durstige Reisende kostet[8].
Ich bemerkte einen besondern Zug an den Gebäuden der sich im Angesicht des Flusses hinziehenden Vorstadt, — nämlich daß sie meistentheils von dem untersten bis zum obersten Stockwerk mit breiten hölzernen Balcons versehen waren. In einigen Fällen umgeben diese Balcons die Häuser auf drei Seiten und scheinen eine Art Außengemächer zu bilden; zu einigen derselben führten breite Treppen von außen hinauf.
Ich erinnerte mich, als Kind von dergleichen Häusern geträumt und sie sehr einladend gefunden zu haben, auch könnten sie dies wirklich sein, wenn sie von rankendem Strauchwerk beschattet und mit Blumen geschmückt wären, um gleichsam schwebende Gärtchen oder süßduftende Laubengänge abzugeben. Aber nichts der Art erfreute unsre Augen, als wir mühsam durch die langen Straßen wanderten. Alle Gasthäuser und Herbergen waren bis unters Dach hinauf mit Auswandrern jedes Alters, aus England, Schottland und Irland, überfüllt. Die Laute wilder Ausgelassenheit, welche aus ihnen hervorbrachen, schienen sich schlecht mit den bleichen eingefallnen Gesichtern mancher dieser gedankenlosen Lärmer zu vertragen.
Der Contrast war für den, der diese Entfaltung äußerer Lustigkeit bei innerem Elend zu würdigen verstand, nur zu fühlbar und schmerzlich.
Die Cholera hatte grauenvolle Niederlagen angerichtet, und ihre heillosen Wirkungen waren an den verschloßnen und verdunkelten Wohnungen und an den Trauerkleidern aller Klassen zu erkennen. Ein Ausdruck von Niedergeschlagenheit und Angst zeigte sich in den Gesichtern der wenigen Menschen, welchen wir auf unserm Wege nach dem Gasthause begegneten, und verriethen uns deutlich den Zustand ihres Innern.
In einigen Stadttheilen waren ganze Straßen fast entvölkert; die, welche konnten, flohen, von Schrecken ergriffen, auf die Dörfer, während andre zurück blieben, um im Schooße ihrer Familie zu sterben.
Keiner Klasse hat sich die Krankheit so verderblich gezeigt, als den ärmern Emigranten. Viele von diesen, geschwächt durch die Entbehrungen und Strapazen einer langen Reise, überließen sich, als sie Quebek oder Montreal erreicht, jeder Ausschweifung, jedem Uebermaß — vorzüglich der Völlerei, und gleichsam als hätten sie sich vorsätzlich den Weg zum gewissen Verderben gebahnt, fielen sie unmittelbare Opfer der Krankheit.
In einem Hause starben elf Menschen, in einem andern siebzehn; ein kleines siebenjähriges Kind blieb allein übrig, das traurige Ereigniß zu verkünden. Diese arme verlassene Waise nahmen die Nonnen in ihre wohlthätige Anstalt auf und erwiesen ihr jede Aufmerksamkeit, welche Menschenliebe nur immer fordern kann.
Die Zahl sowohl aus Katholiken als Protestanten bestehender Wohlthätigkeits-Vereine ist beträchtlich, und diese entfalten eine Duldsamkeit und Freisinnigkeit, welche beiden Confessionen zur Ehre gereicht, indem sie einzig und allein von dem Geiste christlicher Liebe beseelt erscheinen.
Ich wüßte keinen Ort, selbst London nicht ausgenommen, wo die Ausübung wohlwollender Gesinnungen so sehr hervorgefordert würde, als in diesen beiden Städten, Quebek und Montreal. Hier vereinigen sich die Unglücklichen, die von den erforderlichen Mitteln Entblößten, die hülflose Waise, die Bejahrten, der arme aber tugendhafte Mann, den die strenge Hand der Nothwendigkeit aus seiner Heimath von seinem Herde getrieben hat, um in einem fernen, fremden Lande von Krankheit oder Mangel dahin gerafft zu werden.
Es ist ein trauriger Umstand, daß sehr viele der ärmsten Auswandrer, die unter dem Einfluß der Cholera ihr Leben verloren, keine Spur hinterlassen haben, wodurch ihre bekümmerten Freunde im alten Vaterlande über ihr Schicksal in Kenntniß gesetzt werden könnten. Die Krankheit ist so plötzlich, so heftig, daß sie dem Befallnen keine Zeit zu Ordnung weltlicher Angelegenheiten übrig läßt. Die Aufforderung kommt, nicht wie an Hesekiah: »Bringe dein Haus in Ordnung, denn du sollst sterben, und nicht leben!«
Das Wetter ist drückend heiß, von häufigen Gewitter-Schauern begleitet, die aber keineswegs die Wirkung haben, welche man davon erwartet, denn sie kühlen die erhitzte Atmosphäre keineswegs ab. Ich fühle einen Grad von Abspannung und Mattigkeit, der mich sehr verstimmt und schlimmer ist als wirklicher Schmerz.
Anstatt diesen Ort mit der ersten Gelegenheit nach der oberen Provinz verlassen zu können, wie wir uns fest vorgenommen, sehen wir uns genöthigt, zwei Tage länger zu bleiben, woran die Weitläufigkeit und Umständlichkeit der Zollbeamten in Untersuchung unsers Gepäckes schuld ist.
Die Hitze war fortwährend so drückend, daß sie mir nur wenige Ausflüge aus dem Hause verstattete. Ich habe, ausgenommen die Straßen in der Nähe des Gasthofs und die katholische Kirche, wenig von der Stadt und ihren öffentlichen Gebäuden gesehn. Die Kathedrale erhielt meinen Beifall; sie ist in der That ein schönes Gotteshaus, jedoch immer noch unvollendet; so sind die Thürme nicht zu der ursprünglich bestimmten Höhe geführt. Das östliche Fenster, hinter dem Altar, ist siebzig Fuß hoch und dreiunddreißig Fuß breit. Die Wirkung dieses großartigen Fensters, dem Eingange gegenüber, der Altar mit seinen Zierrathen und Gemälden, die verschiednen kleinern Altäre und Kapellen, sämmtlich mit Gegenständen aus der heiligen Schrift verziert, die leichten Gallerien, welche den mittlern Theil der Kirche umgeben, die doppelte Säulen-Reihe, worauf das gewölbte Dach ruht, und die Bogenfenster, Alles vereinigt sich zur Bildung eines schönen Ganzen. Am meisten erfreute mich die äußerste Leichtigkeit des Baustyls, dagegen erschien mir der Anstrich der Säulen in Nachahmung von Marmor zu grob und zu grell; ich vermißte die ernste ehrwürdige Weihe, welche das Alter unsern Kirchen und Cathedralen verliehen hat. Die in grauen Stein gehauenen, grimmig blickenden Köpfe und geflügelten Engel, deren befremdendes Ansehn selbst von einer Zeit erzählt, wo unsre Vorväter innerhalb der geweiheten Mauern ihren Schöpfer verehrten, erhöhen den feierlichen Eindruck und die Ehrwürdigkeit unsrer Gotteshäuser. Allein, wenn sich auch die neue Kirche zu Montreal nicht mit unsrer Yorker-, Münster- oder Westmünster-Abtei oder andern unsrer heiligen Gebäude vergleichen darf, so verdient sie doch jedenfalls die Beachtung des Reisenden, der in Canada auf nichts Aehnliches stößt.
Außerdem enthält Montreal verschiedne Collegien und Nonnen-Klöster, ein Hospital für Kranke, verschiedne katholische und protestantische Kirchen, Versammlungshäuser, ein Wachhaus und mehre andre öffentliche Gebäude.
Der an den Fluß grenzende Stadttheil ist ausschließlich für den Handel bestimmt. Seine engen, schmuzigen Straßen und dunkeln Häuser, mit schweren eisernen Fensterladen, machen einen unangenehmen Eindruck auf den brittischen Reisenden; der andre Theil der Stadt jedoch zeigt ein verschiedenes und besseres Ansehn, die Häuser sind hier mit Gärten und angenehmen Spaziergängen untermengt, die sich aus den Fenstern des Ballsaals im Nelson Hotel dem Auge recht hübsch darstellen. Der eben erwähnte Ballsaal, welcher von der Decke bis zum Fußboden grob mit canadischer Scenerei und Waldlandschaften bemalt ist, gewährt eine prächtige Aussicht auf die Stadt, den Fluß und die ganze Umgegend, welche die fernen Berge von Chamblay, die Ufer des St. Laurence gegen la Prairie hin, und die Stromschnellen ober- und unterhalb der Insel St. Anne's in sich schließt. Der Königliche Berg (Mont Real) mit seinen bewaldeten Seiten, seiner reichen Scenerei und seiner Stadt mit ihren Straßen und öffentlichen Gebäuden entfalten sich den Blicken, und das Auge, welches solchen Gegenständen begegnet, kann der Scenerei von Montreal seinen Beifall nicht versagen.
Unser Wirth, ein Italiener von Geburt und Besitzer des Hotels, erweist uns die größte Aufmerksamkeit. Die Bedienung ist äußerst anständig und zuvorkommend, und die Gesellschaft, mit welcher wir im Gasthofe zusammen treffen, hauptsächlich Auswandrer, wie wir, nebst einigen lebhaften Franzosen, Männern und Weibern, sehr achtbar. Der Tisch ist gut besetzt, und der Preis für Kost und Logis täglich ein Dollar[9].
Die mannigfaltigen Charaktere, aus welchen unsre Tischgesellschaft besteht, gewähren mir viel Unterhaltung. Einige unter den Auswandrern scheinen äußerst sanguinische Hoffnungen zu nähren, sie sind, ihren Aeußerungen nach, eines glücklichen Erfolgs gewiß und glauben auf keine Schwierigkeiten in Ausführung ihrer Pläne zu stoßen. Einen Contrast mit diesen bildet einer meiner Landsleute, der so eben aus dem westlichen Distrikt auf seiner Rückreise nach England hier eingetroffen ist; er beschwört uns, ja nicht weiter aufwärts in diesem abscheulichen Lande zu reisen, wie er die obere Provinz mit sichtbaren Nachdruck zu nennen beliebt, versichernd, daß er um keinen Preis in der Welt darin leben möchte.
Die Lesung von Cattermole's Flugschrift über Auswanderung hatte ihn bestimmt, ein hübsches Pachtgut zu verlassen und sich mit seiner ganzen Habe nach Canada einzuschiffen. Aufgemuntert durch den Rath eines Freundes in diesem Lande, kaufte er einen Strich wilden Bodens im westlichen Distrikt; »aber Sir,« sagte er, indem er seine Worte mit großer Aufregung an meinen Gatten richtete, »ich fand mich aufs schändlichste betrogen. Solcher Boden, eine solche Gegend — nein um alles in der Welt hätte ich nicht da bleiben mögen. Wahrlich! nicht ein Tropfen gutes Wasser, keine eßbare Kartoffel ist daselbst zu erlangen. Ich lebte zwei ganze Monate in einem kleinen Schuppen, den sie Shanty nennen, und wäre fast bei lebendigem Leibe von Musquitos aufgezehrt worden. Es gab nichts zu essen als eingesalznes Schweinfleisch, mit einem Wort, das Elend und die Widerwärtigkeiten waren unerträglich; meine landwirthschaftlichen Kenntnisse und Erfahrungen, als englischer Pachter, halfen mir übrigens fast gar nichts, denn man weiß daselbst nichts von Meiereien und Pachtgütern. Es würde mir das Herz gebrochen haben, wenn ich zwischen den Baumstummeln hätte arbeiten sollen, ohne je etwas einem wohlgepflügten Felde Aehnliches zu sehen. Und dann,« fügte er in sanfterem Tone hinzu, »dachte ich an meine arme Frau und meine kleine Tochter. Ich selbst würde, um meine Verhältnisse zu verbessern, mich allenfalls ein Jahr oder noch länger in dieser Wildniß herumgeplackt haben, aber die Arme! — nein! ich hätte das Herz nicht gehabt, sie den Bequemlichkeiten Englands zu entreißen und in eine Wohnung einzuführen, die nicht so gut ist, als einer unsrer Kuhställe oder Schuppen, und so will ich denn in meine Heimath zurückkehren; und wenn ich nicht meinen Nachbarn erzähle, was für ein abscheuliches Land dieses Canada ist, wohin auszuwandern Alle wie verrückt sind, und wofür sie ihre Pachte aufgeben, so soll man mir nie wieder ein Wort glauben.«
Es fruchtete nichts, daß einige Anwesende ihm zeigten, wie ungereimt es sei, zurückzukehren, ehe er alles gehörig geprüft und versucht habe; er erwiederte ihnen blos, sie wären Thoren, wenn sie in einem Lande, wie dieses, blieben; und endete mit Verwünschung derjenigen, welche ihre Landsleute durch ihre falschen Berichte und Angaben täuschten und auf einigen Seiten sämmtliche Vortheile zusammen stellten, ohne einen Band mit den Nachtheilen zu füllen, was doch sehr leicht sein würde.
»Die Menschen sind nur zu geneigt, sowohl sich als andre zu betrügen,« sagte mein Gatte, »und haben sie ihre Seele einmal auf einen Gegenstand gerichtet, so pflegen sie blos das zu lesen und zu glauben, was ihren Wünschen entspricht.«
Der junge erbitterte Mann hatte sich offenbar in seinen Erwartungen getäuscht gesehen, als er nicht alles so schön und angenehm wie in der Heimath fand. Er hatte wahrscheinlich nie über die Sache nachgedacht, denn andernfalls würde er nicht so thörigt gewesen sein, vorauszusetzen, daß er bei seinem ersten Ansiedelungs-Versuch auf keine Schwierigkeiten stoßen werde. Wir haben uns auf nicht wenige Hindernisse und Entbehrungen gefaßt gemacht, und doch dürften uns noch manche unvorhergesehene begegnen, ob wir gleich durch die Briefe unsers canadischen Freundes so ziemlich von allem in Kenntniß gesetzt sind.
Unsre Plätze in dem nach Lachine abgehenden Postwagen sind bereits gemiethet, und wenn alles gut geht, so verlassen wir Montreal Morgen früh. Unsre Koffer, Schachteln u. s. w. gehen vor uns nach Cobourg ab. — August 22.
Cobourg, den 29. August.
Am Schluß meines letzten Briefes meldete ich Ihnen, Theuerste Mutter, daß wir Montreal am folgenden Tage früh verlassen würden; allein das Schicksal hatte anders über uns verfügt, und wir erfuhren die Wahrheit jener Worte: — »Rühme dich nicht dessen, was du morgen thun willst, denn du weißt nicht, was die nächste Stunde mit sich bringen wird.« In der Frühe besagten Morgens, noch vor Sonnenaufgang, wurde ich von den Symptomen der verderblichen Krankheit heimgesucht, die so manche Häuser verödet hat. Ich zwar zu krank, um meine Reise antreten zu können, und hörte mit schwerem Herzen die knarrenden Räder vom Thorwege des Gasthofs über das Pflaster rumpeln.
Ich wurde stündlich schlechter, bis mir die Schwester der Wirthin, ein treffliches junges Frauenzimmer, die mir schon zuvor große Aufmerksamkeit erzeigt, nach einem Arzt zu senden rieth; mein Gatte, der, als er mich so leiden sah, fast in Verzweiflung war, eilte sogleich fort, um den besten ärztlichen Beistand herbeizuholen. Nach einigem Verzug war ein Arzt ausfindig gemacht. Ich litt zu dieser Zeit furchtbare Qualen, fühlte mich aber nach einem Aderlaß und den nachfolgenden heftigen Krankheits-Anfällen etwas erleichtert. Ich will mich in keine umständliche Schilderung meiner Leiden einlassen, genüge es, zu sagen, daß sie fast unerträglich waren; aber Gott in seiner Gnade, obwohl er mich züchtigte und mit Schmerzen heimsuchte, wollte mich noch nicht sterben lassen. Von den weiblichen Gliedern des Hauses erfuhr ich die liebreichste Behandlung. Anstatt aus Furcht das Krankenzimmer zu fliehen, stritten sich die beiden irischen Mädchen fast mit einander, welche von beiden bei mir bleiben und meiner warten und pflegen sollte, während Jane Taylor, das zuvor erwähnte achtbare Frauenzimmer, mich von dem Augenblick an, wo meine Krankheit auf eine so beunruhigende Weise zunahm, bis zur eintretenden Besserung nicht eine Minute verließ und mit eigner Lebensgefahr, wenn der innere Kampf eintrat, in die Arme nahm, an ihre Brust drückte und abwechselnd bald mir zuredete, bald meinen armen trauernden Gatten zu trösten suchte.
Die angewendeten Mittel waren Aderlaß, Opium, blaue Pillen und ein Neutralsalz — aber nicht das gewöhnliche Epsomer. Die Cur zeigte sich wirksam, wiewohl ich viele Stunden hindurch an heftigem Kopfweh und andern Zufällen litt. Die Schwäche und das leichte Fieber, welche an die Stelle der Cholera traten, fesselten mich einige Tage an das Bett; während der beiden ersten besuchte mich mein Arzt täglich viermal; er war sehr theilnehmend, und als er erfahren, daß ich die Gattin eines brittischen auf seinem Wege nach der oberen Provinz begriffnen Offiziers sei, schien er sich für meine Wiedergenesung mehr als jemals zu interessiren, und zeigte eine Theilnahme für uns, die unsern Gefühlen äußerst wohlthätig war. Nach einem lästigen Krankenlager von mehren Tagen wurde ich endlich für so weit genesen erklärt, um meine Reise antreten zu können, indeß war ich noch sehr schwach und konnte mich kaum aufrecht erhalten.
Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als der Postwagen, der uns nach Lachine, die ersten neun (englischen) Meilen unsrer Reiseroute, führen sollte, vor der Thür des Gasthofs erschien, und wir von einem Orte, wo wir der angstvollen Stunden so viele, der fröhlichen so wenige erlebt, Abschied nahmen. Indeß war uns von unsern Umgebungen im Gasthofe, obgleich vollkommnen Fremden, viel Liebes und Gutes wiederfahren, wir hatten uns jener Gastfreundschaft erfreut, wegen welcher Montreal so oft gerühmt worden ist.
Ich habe vergessen, Ihnen in meinem letzten Briefe zu sagen, daß wir Bekanntschaft mit einem höchst achtbaren Kaufmann an diesem Platze gemacht, der uns sehr nützliche Belehrung über viele Dinge ertheilt und bei seiner Gattin, einem äußerst gebildeten und vollendeten jungen Frauenzimmer eingeführt hat. Während unsrer kurzen Bekanntschaft brachten wir, sehr zu unsrer Zufriedenheit, einige angenehme Stunden in ihrem Hause zu.
Ich genoß des frischen Luftstroms vom Flusse her, längs welchem sich die Fahrstraße hinzieht. Es war ein herrlicher Anblick, die unbewölkte Sonne hinter der fernen Bergkette emporsteigen zu sehen; unter uns lagen die wild brausenden Stromschnellen, dort die Insel St. Anne's, welche uns an Moore's canadisches Bootsmanns-Liedchen »Laßt zu St. Anne's uns singen den Abschiedsgesang« u. s. w. erinnerte.
Das Ufer des St. Laurence, längs welchem unser Weg liegt, ist hier erhabner als bei Montreal, auf seiner Höhe mit Buschholz bekleidet und gelegentlich durch schmale Abzugs-Gräben zum Ableiten des Wassers unterbrochen. Der Boden war, so viel als ich davon sehen konnte, sandig oder leichtlehmig. Ich sah hier zuerst die wilde Weinrebe sich zwischen den jungen Bäumchen hinranken, deßgleichen Brombeerbüsche und einen Ueberfluß von jener hohen gelben Blume, die wir Goldruthe (Solidago virga aurea) nennen, ferner das weiße Gnaphalium (Ruhrkraut), dasselbe, woraus die französischen und schweizer Bauer-Mädchen Kränze zur Schmückung der Gräber ihrer Freunde flechten und die sie Immortelle (Unsterblichkeitsblume) nennen[10]; endlich eine hohe, purpurblumige Baldrian-Art, die auf den Feldern unter dem Korn eben so häufig steht, als die Ochsenzunge auf unsern leichten Sandfeldern in England.
Zu Lachine stiegen wir aus dem Postwagen und gingen an Bord eines Dampfboots, eines recht hübschen und mit jeder Bequemlichkeit versehnen Fahrzeugs. Die Fahrt den Fluß hinauf machte mir viel Freude, und überhaupt würde ich die Reise sehr angenehm gefunden haben, wäre ich nicht durch meine nur erst überstandne Krankheit so sehr geschwächt gewesen, daß mir die holperigen Straßen sehr viel zu schaffen machten. Das Fuhrwerk anlangend, ein canadischer Postwagen, so verdient es weit größeres Lob, als Reisende ihm gewöhnlich zu ertheilen beliebt haben, und es ist für die Wege, auf welchen es hin- und hergeht, so wohl geeignet, daß ich zweifle, ob es mit einem zweckmäßigeren vertauscht werden könne. Dieser Wagen faßt neun Personen: drei hinten, drei vorn, und drei in der Mitte; der Mittel-Sitz, welcher in breiten Lederriemen hängt, ist bei weitem der bequemste, und hat für die Inhaber nur den Nachtheil daß sie durch das Aus- und Einsteigen der Passagiere gestört werden.
Gewiß ist das Reisen mit so weniger Störung für den Passagier als möglich verbunden, hat man sein Passagier-Geld zu Prescott entrichtet, so braucht man für weiter nichts zu sorgen. So wie der Reisende das Dampfboot verläßt, steht auch schon der Postwagen zur Aufnahme seiner Person und seines Gepäckes, das auf ein gewisses Verhältniß beschränkt ist, bereit; ist der Postwagen an Ort und Stelle angelangt, so ist wieder das Dampfboot da, wo man jede Bequemlichkeit findet.
Außer ihrer eignen Ladung nehmen die Dampfschiffe stromaufwärts in der Regel verschiedne andre Fahrzeuge ins Schlepptau. Wir bugsirten zu einer Zeit drei Durham-Böte und überdies mehre kleine Nachen, die dem Auge jedenfalls Abwechselung und Unterhaltung gewährten.
Mit Ausnahme von Quebek und Montreal, muß ich der obern Provinz den Vorzug geben. Die Scenerei, wenn auch nicht so großartig, ist doch mehr geeignet, dem Auge zu gefallen, indem sich überall Spuren von reger Betriebsamkeit, Fülle und Fruchtbarkeit zeigt. Wenn ich im Postwagen auf der Straße dahinrolle, entzücken mich die Nettigkeit, Reinlichkeit und das bequeme, behagliche Ansehn der Bauerhütten und Meiereien. Log-Häuser oder Shanty's kommen nur selten vor, an ihre Stelle sind hübsch gezimmerte, in besserem Styl gebaute und oft mit Bleiweiß oder blaßerbsgrün angestrichne Wohnungen getreten. Im Umkreise dieser Hausstätten erblickt man Obstgärten, deren Bäume von der reichen Last, — Aepfel, Pflaumen, und der amerikanische Holzapfel, jene schöne scharlachrothe Frucht, die wir im Vaterlande so häufig eingemacht als Dessert genießen, — niedergebogen waren.
Hier gewahrt man kein Zeichen von Armuth oder dem in ihrem Gefolge einhergehenden Elend; keine zerlumpten, schmuzigen Kinder wälzen sich im Kothe oder Staube herum; wohl aber stößt man auf manche hübsche, vor der Hüttenthür spinnende Dirne, mit ihren glänzenden Augen und wohlgeordneten Flechten, während die jüngeren Mädchen auf dem grünen Schwaden oder der Hausschwelle sitzen und stricken und lustig wie die Vöglein bei ihrer Arbeit singen.
Die großen Spinnräder, welche hier zu Lande zum Spinnen der Wolle üblich sind, haben etwas sehr Malerisches, und wenn die canadischen Mädchen auf gefällige Haltung des Körpers und zierliche Bewegungen bedacht wären, so könnte nichts geeigneter sein, eine schöne Körperform in vortheilhaftestem Lichte zu zeigen, als das Spinnen mit diesem Rade. Die Spinnerin sitzt nicht, sondern geht hin und her, zieht das Garn mit der einen Hand aus und dreht mit der andern das Rad.
Ich bemerkte oft, wenn wir an den Meier-Hütten vorüber kamen, Garn von verschiedner Farbe an den Einfriedigungen der Gärten und Obstpflanzungen zum Trocknen aufgehängt, allerlei Farben: Grün, Blau, Purpur, Braun, Roth und Weiß wechselten mit einander ab. Eine artige Wirthin, vor deren Schenke wir hielten, um die Pferde zu wechseln, sagte mir, daß dieses Garn erst gesponnen und nachmals von den Hausfrauen, bevor es auf den Webestuhl komme, gefärbt werde. Sie zeigte mir einige Proben von dergleichen haussponnenen Zeugen, die sich in der That nicht übel ausnahmen. Die Farbe war ein mattes Dunkelbraun, und die Wolle rührte von einer schwarzen Schaf-Gattung her. Diese Zeuge werden auf verschiedne Weise für den Familien-Bedarf verwendet.
»Jede kleine Hausstätte, die Sie sehen,« belehrte sie mich, »hat ihren Antheil Land und mithin auch ihre Schaf-Heerde; und da die Kinder sehr frühzeitig spinnen, stricken und das Garn färben lernen, so sind die Aeltern auch im Stande, sich und ihre kleine Familie stets gut und bequem zu bekleiden.
Viele von eben diesen Meiereien, die jetzt einen so gedeihlichen Zustand zeigen, waren noch vor dreißig Jahren Wildnisse, indianische Jagd-Reviere; — die Betriebsamkeit und der Fleiß der Ansiedler, und darunter mancher armen Leute, die in ihrer Heimath keine Ruthe eignes Land besaßen, haben diese Veränderungen bewirkt.«
Die Gedanken-Folge, welche die Worte dieser guten Frau in mir veranlaßten, war eine sehr erfreuliche. »Wir sind,« dachte ich, »ebenfalls im Begriff, uncultivirtes Land zu kaufen, und sollten wir nicht mit der Zeit unsre zukünftige Meierei diesen fruchtbaren Stätten gleichen sehen. Gewiß ist es ein gesegnetes glückliches Land, in das wir ausgewandert sind, sprach ich bei mir, in Verfolgung der angenehmen Idee, »ein Land, wo jede Hütte Ueberfluß an den Bequemlichkeiten und nöthigen Erfordernissen des Lebens hat.«
Ich übersah vielleicht zu dieser Zeit die Mühe, die Beschwerden, die Entbehrungen, denen diese Ansiedler, als sie zuerst hier angelangt, ausgesetzt gewesen waren. Ich sah das Land blos im Geiste, wie es nach einer ziemlichen Reihe von Jahren und unter einem hohen Cultur-Zustande erscheinen dürfte; vielleicht in den Händen ihrer Kinder oder ihrer Kindes Kinder, nachdem die von Arbeit und Mühseligkeiten aufgeriebnen Aeltern schon längst schlafen gegangen waren.
Unter andern Gegenständen wurde meine Aufmerksamkeit durch offne Begräbnißplätze an der Straße in Anspruch genommen. Freundliche grüne Hügel, von Wald- und andern hübschen Bäumen umgeben, enthielten die Gräber einer Familie und vielleicht einiger theuren Freunde, die ruhig unter dem Rasen neben ihr schlummerten. Mochte auch der Boden nicht geweiht sein, so war er doch durch die Thränen und Gebete von Aeltern und Kindern geheiligt.
Diese Familien-Gräber wurden mir noch interessanter, als ich erfuhr, daß, wenn eine Meierei von einem Fremden käuflich in Beschlag genommen wird, der frühere Besitzer sich in der Regel das Recht ausbedingt, seine Todten auf dem dazu gehörigen Begräbnißplatze beerdigen zu dürfen.
Sie müssen Nachsicht mit mir haben, Beste Mutter, wenn ich gelegentlich bei Kleinigkeiten verweile. Für mich ist nichts ohne Interesse, was das Gepräge der Neuheit an sich trägt. Selbst die Lehm-Oefen, welche auf vier Beinen in geringer Entfernung von den Häusern stehen, blieben im Vorbeifahren nicht unbemerkt von mir. Fehlt es an einem dergleichen Ofen vor dem Hause, so wird das Brod in großen eisernen Bottigen oder Töpfen, sogenannten Back-Kesseln (Bake-kettles) gebacken. Ich habe bereits ein Brod, so dick wie ein Scheffel-Maaß, auf dem Heerde in einem solchen Kessel backen sehen, und auch davon gekostet; allein ich glaube, der eingesperrte Dampf giebt dem Brode einen etwas eigenthümlichen Geschmack, den man an den in Ziegel- oder Lehm-Oefen gebacknen Broden nicht wahrnimmt. Anfangs konnte ich aus diesen, auf vier Füßen ruhenden, seltsam aussehenden kleinen runden Gebäuden nicht recht klug werden, ich hielt sie für Bienen-Stöcke, bis ich eine Bauersfrau einige noch kochendheiße Brode aus einem solchen Ofen, der ein unbebautes Fleckchen auf der Straßen-Seite, etwa funfzig Schritt von der Hütte entfernt, einnahm, herauslangen sah.
Außer den Oefen hat jedes Haus einen Ziehbrunnen, ganz in der Nähe. Diese Brunnen wichen in der Einrichtung zum Emporheben des Wassers von denen ab, die ich in England gesehen. Der Plan ist sehr einfach: — eine lange Stange, auf einem Pfahle spielend, dient als Hebel zum Heraufziehen des Eimers, und das Wasser kann so von einem Kinde mit leichter Mühe emporgehoben werden. Diese Methode ziehen einige sowohl dem Seil als der Kette vor; sie kann von Jedermann ins Werk gesetzt werden, es bedarf nur der Befestigung und Verbindung der Stangen. Ich erwähne dies blos, als Beispiel von dem Erfindungsgeist der Bewohner des Landes, um nur zu zeigen, wie angemessen ihre Verfahrungsweisen ihren Mitteln sind[11].
Die prächtige Erscheinung der Stromschnellen des St. Laurence, bei dessen Cascade die Straße auf der Höhe des Ufers eine schöne Aussicht beherrscht, erfreute uns in hohem Grade. Ein Versuch von mir, Ihnen diese großen, in wildem Aufruhr begriffnen Wasserschichten, welche hier vorüberbrausen, zu schildern, würde weit hinter der Wirklichkeit zurück bleiben. Harrison hat diese Scene in seinem Werke über Ober-Canada, welches Ihnen, meines Wissens, wohl bekannt ist, sehr genau geschildert. Ich bedauerte nur, daß wir nicht einige Zeit weilen konnten, um unsre Augen an einem so großartigen und wildem Schauspiel zu weiden, wie es der Fluß hier darbietet; aber ein canadischer Postwagen wartet auf Niemand, und so mußten wir uns mit einem flüchtigen Anblick dieser berühmten Stromschnellen begnügen.
Wir schifften uns zu Couteau du Lac ein und erreichten Cornwall spät an demselben Abend. Einige von den Postwagen gehen des Nachts ab; allein ich war zu ermüdet, um diesen Abend eine Reise von neunundvierzig (englischen) Meilen auf canadischen Straßen antreten zu können. Unserm Beispiel folgte eine verwittwete Dame mit ihrer kleinen Familie.
Es hielt etwas schwer, eine Herberge für die Nacht zu finden, die Gasthöfe waren mit Reisenden gefüllt; hier erfuhren wir zum erstenmal etwas von jenem, dem Amerikaner, jedoch ohne Zweifel zu allgemein, zur Last gelegten tadelnswürdigen Benehmen. Unser Wirth schien im Betreff der Bequemlichkeit seiner Gäste vollkommen gleichgültig, sie mußten entweder sich selbst bedienen, oder ihre Bedürfnisse blieben unbefriedigt. Der Mangel an weiblicher Bedienung in diesen Anstalten ist für reisende Damen äußerst fühlbar und verdrießlich. Die Weiber lassen sich gar nicht sehen, oder behandeln die fremden Gäste mit einer Kälte und Gleichgültigkeit, daß man mit ihren Diensten eben nicht zufrieden sein kann.
Nachdem es mir, nicht ohne Schwierigkeit, geglückt war, der Wirthin des Gasthauses zu Cornwall ansichtig zu werden, bat ich sie, mir ein Zimmer anzuweisen, wo wir übernachten könnten, sie that dies, aber mit einer höchst ungefälligen Miene, indem sie auf eine Thür deutete, die sich in ein kleines Käfter öffnete, das ein Bett ohne Vorhänge, einen Stuhl aber keinen Waschtisch enthielt. Da sie meinen Verdruß bei Erblickung dieses ungastlichen Schlafgemachs wahrnahm, bemerkte sie ganz lakonisch, daß ich keine Wahl hätte, ich müßte es denn vorziehen, in einem Zimmer mit vier Betten zu schlafen, wovon bereits drei — und zwar von Männern, in Beschlag genommen waren. Diese Alternative lehnte ich etwas unwillig ab und zog mich in eben nicht besondrer Laune in das mir angewiesne Schlafgemach zurück, wo unwillkommne Bettbewohner die ganze Nacht hindurch uns hinderten, unsre müden Augenlider zu schließen.
Wir nahmen ein zeitiges und hastiges Frühstück ein und traten unsre Reise wieder an. Diesmal bestand die Reisegesellschaft aus meiner Wenigkeit, meinem Gatten, einer Dame nebst Gemahl, drei kleinen Kindern und einem einmonatlichen Säugling, die insgesammt, vom Aeltesten bis zum Jüngsten, am Keuchhusten litten; zwei großen cumberländischen Bergleuten und einem französischen Lootsen nebst seinem Begleiter; — letztrer war ein großes, amphibienartig aussehendes Ungeheuer, das in den Wagen sprang und sich in eine Ecke quetschte, indem es dem Postillion, der damit einverstanden war, und alle Gegenvorstellungen gegen dieses unerwartete Eindrängen unbeachtet ließ, auf eine comische Weise angreinte; der Postillion schwang seine Peitsche mit gewaltigem Knall, womit zwei reisende Amerikaner, die zu beiden Seiten der Gasthofthür standen, nicht eben zufrieden zu sein schienen; diese Herren hatten ihre Hüte weder in den Händen, noch zur Zeit auf dem Kopfe, sondern sie trugen dieselben an einem um einen Westenknopf geschlungenen Bande, so daß sie ziemlich unter den Arm hingen. Diese Mode habe ich seitdem öfter beobachtet und glaube, daß, wenn Johnny Gilpin die nämliche weise Vorsicht angewendet, er sowohl seinen Hut als seine Perücke gerettet haben würde.
Die Reise dieses Tages war für mich schrecklich ermüdend, ich wurde buchstäblich braun und blau gequetscht und gestoßen. Die ausnehmend große Hitze machte uns sehr viel zu schaffen, und wir hätten die Gesellschaft von zwei unsrer massiven Reisegefährten mit wahrem Vergnügen entbehrt.
Abends um fünf Uhr desselben Nachmittags erreichten wir Prescott, wo wir im Gasthause eine gute Aufnahme fanden; die weiblichen Dienstboten waren sämmtlich Engländerinnen und schienen in Aufmerksamkeit gegen uns mit einander zu wetteifern.
In der Stadt Prescott sahen wir wenig, was uns hätte interessiren oder gefallen können. Nach einem trefflichen Frühstück, schifften wir uns an Bord des Great Britain (Großbritanien) ein, es war das schönste Dampfboot, welches mir bis jetzt zu Gesicht gekommen, und hier gesellten sich unsre neuen Freunde zu uns, was uns große Freude machte.
Zu Brockville trafen wir gerade zu rechter Zeit ein, um ein Schiff von Stapel laufen zu sehn, — für mich ein ganz neuer Anblick. Es war ein äußerst lebhaftes erfreuliches Schauspiel. Die Sonne schien in vollem Glanze auf die herbeiströmende Menge, die sich in ihrem Sonntagsstaate nach dem Ufer drängte; die Kirchenglocken tönten lustig darein und vermischten ihr Geläute mit der Musik vom Deck des bunt bemalten Fahrzeugs, das mit seinen im Winde flatternden Wimpeln und ausgespannten Segeln und einer wohlgekleideten Gesellschaft an Bord, vom Stapel zu laufen im Begriff war.
Um die Wirkung noch zu erhöhen, wurde von einem einstweiligen, für diese Gelegenheit auf einem kleinen Felsen-Eiland vor der Stadt errichteten Castell eine Salve gegeben. Der Schoner (ein zweimastiges Fahrzeug) glitt stattlich ins Wasser und empfing so zu sagen mit Freuden die Umarmung des Elements, welches ihm zukünftig unterworfen sein sollte. Es war ein höchst interessanter Moment. Der neue stattliche Schwimmer wurde mit drei Hurrahs von der Schiffsgesellschaft des Great Britain, einer Salve vom kleinen Castell und dem fröhlichen Geläute der Glocken begrüßt; letztre ertönten zugleich zu Ehren einer hübschen Braut, die, auf einer Lustreise nach den Fällen des Niagara begriffen, mit ihrem Bräutigam an Bord kam.
Brockville liegt gerade an der Mündung des Sees der tausend Inseln und gewährt, vom Wasser aus gesehen, einen hübschen Anblick. Die Stadt hat, wie man mir erzählt, im Verlauf der letzten wenigen Jahre reißend schnell an Größe und Wohlstand zugenommen und scheint ein Platz von Wichtigkeit werden zu wollen.
Die Ufer des St. Laurence werden, indem man zwischen den tausend Inseln vorwärts steuert, felsiger und malerischer, und die Inseln selbst bieten jede Abwechselung von Waldung und Gestein dar. Das Dampfschiff landete zur Einnahme von Brennholz in der Nähe eines kleinen Dorfes auf der amerikanischen Seite des Flusses, wo wir auch fünfundzwanzig schöne Pferde, die in Cobourg und York zum Verkauf ausgeboten werden sollen, an Bord nahmen.
In dem amerikanischen Dorfe selbst war nichts der Beobachtung Werthes zu sehen, ausgenommen eine Neuheit, die mich in der That belustigte; nämlich jedes Haus hatte sein eignes Model oder Ebenbild, ein kleines winziges Häuschen von Holz, — nicht größer und stärker als ein Puppenhäuschen[12], (a baby-house) vorn am Dache oder Giebel-Ende befestigt. Wie ich nachmals von einem Herrn auf dem Schiffe erfuhr, waren diese Puppenhäuschen, wie ich sie zu nennen beliebte, für die Schwalben zum Hineinnisten bestimmt[13].
Es war Mitternacht, als wir vor Kingston vorbeisegelten und so sah ich natürlicher Weise nichts von diesem »Schlüssel zu den Seen«[14], wie ich es habe nennen hören. Bei meinem Erwachen am nächsten Morgen glitt das Dampfschiff stattlich durch die Fluthen des Ontario, und ich empfand eine leichte Anwandlung von Unpäßlichkeit.
Wenn das Wasser des Sees in Aufruhr ist, wie dies bisweilen bei heftigem Winde geschieht, so glaubt man sich auf ein sturmgepeitschtes Meer versetzt.
Die Ufer des Ontario sind sehr schön, Hügel und Thäler, mit herrlichen Waldungen bekleidet oder durch Fleckchen angebauten Bodens und hübsche Wohnhäuser belebt, wechseln in sanften Wellen-Linien mit einander ab. Um zehn Uhr erreichten wir Cobourg.
Cobourg, wo wir uns gegenwärtig befinden, ist ein nett gebautes und blühendes Städtchen, das manche stattliche Vorraths-Häuser, Mühlen, eine Wechselbank und eine Druckerei enthält, letztere giebt ein Wochenblatt heraus. Desgleichen findet man hier eine recht hübsche Kirche und eine ausgewählte Gesellschaft, da viele achtbare Familien in oder unweit der Stadt ihre Wohnung gewählt haben.
Morgen verlassen wir Cobourg und werden unsern Weg nach Peterborough nehmen, von wo aus ich wieder zu schreiben gedenke, um sie von unserm zukünftigen Abentheuern zu benachrichtigen, die wir wahrscheinlich an einem der kleinen Seen des Otanabee erfahren werden.
Fußnoten:
[6] Es sind seitdem einige treffliche Kais vollendet worden.
[7] Dieser Graben ist seitdem überwölbt worden, es befindet sich jetzt ein Markt darüber.
[8] Herr M'Gregor, in seinem Brittischen Amerika, vol. II. p. 504, giebt uns von Montreal nachstehende Beschreibung: —
»Zwischen dem Königlichen Berge und dem Flusse, auf einer sanft aufsteigenden Felsen-Firste, steht die Stadt. Mit Einschluß der Vorstädte ist sie von größrer Ausdehnung als Quebek. Beide Städte weichen in ihrer Erscheinung sehr von einander ab; die niedrigen Ufer des St. Laurence zu Montreal entbehren der Grauen erregenden, sich über sie thürmenden Klippen und all jener romantischen Erhabenheit, wodurch sich Quebek auszeichnet.
»Montreal hat keine Kais, und die Schiffe und Dampfböte liegen ruhig in ziemlich tiefem Wasser hart an dem lehmigen und im Allgemeinen kothigen Ufer der Stadt. Die ganze Unterstadt nehmen düster aussehende Häuser, mit dunkeln eisernen Fensterläden; und wenn sie auch im Ganzen etwas reinlicher ist als Quebek, so ist sie doch immer sehr schmutzig; die Straßen sind eng und schlecht gepflastert, und die Fußpfade durch schräg geneigte Kellerthüren und andre Vorsprünge unterbrochen.
»Es ist unmöglich,« sagt Mr. Talbot in seinen Five Years, Residence, »an einem Sonn- oder Festtage die Straßen von Montreal zu durchwandern, ohne daß man die düstersten Eindrücke erhielte; die ganze Stadt erscheint wie ein großes Gefängniß;« er spielt hier auf die eisernen Fensterladen und Außenthüren an, von welchen man Gebrauch macht, um den Wirkungen von Feuersbrünsten zu begegnen.
[9] Dies ist noch nicht eins der vornehmsten Hotels, in letztern beträgt der Preis für Kost und Logis täglich anderthalb Dollar.
[10] Bei den Amerikanern heißt sie the life-everlasting.
[11] Diese Brunnen sind keineswegs die Erfindung jener Ansiedler, man sieht dergleichen fast überall in Europa; in Deutschland kommen sie häufig auf den Dörfern vor.
[12] a doll-house.
[13] Wir finden in Rennie's Baukunst der Vögel, (Leipzig Baumgärtners Buchhandlung) ähnliche Bemerkungen. So liest man Seite 122: die Anglo-Amerikaner bedienen sich verschiedner Mittel, um die Vögel zum Nisten in der Nähe ihrer Wohnungen zu bestimmen, und weil sie die Scheunen- oder Bodenschwalbe (Hirundo rufa, Gmelin), vorzüglich lieben, so stellen sie Schachteln auf, damit sie hinein niste. Diese Species unterscheidet sich beträchtlich von unsrer Rauchschwalbe (Hirundo rustica); am Bauche, wo die unsrige rein weiß ist, ist ihr Gefieder hell kastanienfarben, im Nisten hat sie mit der unsrigen Aehnlichkeit, nur daß sie nicht in Schornsteine baut, sondern ihr Nest an Sparren oder Querbalken von Schuppen, Scheunen und andern Nebengebäuden befestigt.
Ferner Seite 364: In Nordamerika, wo man bemüht ist, die ländlichen Vergnügungen eines kurzen Sommers so sehr als möglich zu vermehren, sucht man mehr als eine Species durch alle nur mögliche Mittel zum Nisten in der Nähe der Häuser zu bewegen. Unter den halb zahmen Vögeln sind der Haus-Zaunkönig, der blaue Vogel und die Purpur-Schwalbe die bekanntesten. Die zuletzt erwähnte (Hirundo purpurea, Latham) ist gleich unsrer Fensterschwalbe ein Zugvogel, und sie wählt ihren Sommeraufenthalt stets mitten unter den Wohnungen des Menschen, welcher, da ihm ihre Gesellschaft großen Vortheil und zugleich Vergnügen schafft, in der Regel ihr Freund und Beschützer ist. Daher ist sie ziemlich gewiß, bei ihrer Ankunft eine gastliche, zu ihrer Bequemlichkeit und zur Aufnahme ihrer Familie gehörig eingerichtete Wohnstätte, entweder in der vorspringenden hölzernen Kranzleiste, auf dem Dachgiebel oder auf der Grenzsäule, oder, wenn diese fehlen sollten, auf dem Taubenschlage mitten unter den Tauben zu finden; und wenn sie einen besondern Winkel auf dem letzteren wählt, so darf es keine Taube wagen, einen Fuß in ihr Gebieht zu setzen. Einige unter den Anglo-Amerikanern haben für diese Vögel große Anstalten einrichten lassen, welche in zahlreichen Gemächern bestehen, die zum größten Theil jedes Frühjahr in Besitz genommen werden; man hat die Beobachtung gemacht, daß in solchen Schwalbenansiedlungen einzelne Vögel mehre Jahre nach einander immer wieder von der nämlichen Schachtel Gebrauch gemacht haben.
Das eben erwähnte Verfahren, die Purpurschwalbe zu hegen und zu beschützen, scheint nicht aus Europa zu stammen, da die Eingebornen von Amerika seit undenklichen Zeiten eine ähnliche Methode befolgt haben. Die Chactaw und Chickasaw Indianer z. B. stutzen sämmtliche Gipfeläste eines jungen Bäumchens in der Nähe ihrer Hütten ab und lassen die Zinken ein oder zwei Fuß lang, an deren jedem sie einen hohlen Kürbis oder eine Calabasse aufhängen, die gehörig ausgehöhlt ist, so daß die Vögel bequem darin nisten können. In gleicher Absicht steckt man an den Ufern des Mississippi lange Stöcke in den Boden, an deren Spitze ebenfalls Calabassen befestigt werden, und worin die Purpurschwalben in der Regel ihre Eier ausbrüten. »Ueberall, wo mich meine Reisen in diesem Lande hinführten,« sagt Wilson, »habe ich mit Vergnügen die Gastfreundschaft beobachtet, womit die Einwohner diesen Lieblingsvogel empfangen.« Folgenden kleinen Zug aus der Oekonomie der Purpurschwalbe hat Mr. Henry, Mitglied des obersten Gerichtshofes in Pensylvanien, erzählt.
»Im Jahr 1800,« sagt derselbe, »zog ich mich von Lancaster nach einer Meierei einige englische Meilen über Harrisburgh zurück. Da ich wohl mit den Vortheilen bekannt war, welche der Pachter oder Landmann von der Nachbarschaft der Purpurschwalbe zieht, indem sie die Räubereien des weißköpfigen Adlers, der Habichte und selbst der Krähen verhindert, so erhielt ein für mich arbeitender Zimmermann den Auftrag, einen großen Kasten mit mehren Fächern für diese Vögel zu machen. Der Kasten wurde im Herbste aufgestellt. In der Nähe des Hauses und um dasselbe standen eine Anzahl schön gewachsener Aepfelbäume und vieles Strauchwerk, ein sehr bequemer Aufenthalt für Vögel. Gegen die Mitte des Februar kamen die blauen Vögel an; diese wurden in kurzer Zeit sehr zutraulich und nahmen Besitz von dem Kasten: es waren zwei bis drei Pärchen. Mit dem funfzehnten Mai hatten die blauen Vögel Eier, wo nicht gar Junge. Nun aber trafen die Purpurschwalben in Schaaren ein, begaben sich in den Kasten, und es erfolgte ein heftiger Kampf. Die blauen Vögel, wie es scheint, durch ihr Eigenthumsrecht ermuthigt, oder, weil es der Beschützung ihrer Jungen galt, blieben Sieger.
Die Schwalben kamen während der acht folgenden Jahre regelmäßig in der Mitte des Mai an, untersuchten die Gemächer des Kastens in Abwesenheit der blauen Vögel, wurden aber durch die Rückkehr der letzteren jedesmal zur Flucht genöthigt. Die Mühe, welche Ihnen die Durchlesung dieser Bemerkungen verursachen dürfte, müssen sie auf Rechnung der Schwalben setzen. Ein Kasten, mit diesen schönen Wandrern angefüllt, befindet sich jetzt zum Haupte meines Bettes. Ihre Töne scheinen unharmonisch wegen ihrer großen Anzahl; indeß sind sie mir angenehm. Der betriebsame Pachter und Handwerker würde wohl thun, einen Kasten mit diesen Vögeln in der Nähe der Schlafgemächer seiner trägen Leute anzubringen. Gleich mit Anbruch des Tages beginnt die Purpurschwalbe ihr Gezwitscher, welches eine halbe Minute oder auch etwas länger dauert; worauf es wieder still wird, bis die Dämmerung völlig vorüber ist. Nunmehr folgt ein lebhaftes und unaufhörliches Gezwitscher, hinreichend, selbst die schlaftrunkenste Person aus dem Schlummer zu wecken. Vielleicht übertrifft sie nicht einmal der Haushahn in dieser guten Eigenschaft; auch steht er in dem Vermögen, Raubvögel abzuhalten, der Purpuerschwalbe bei weitem nach.«
»Gegen die Mitte des April oder ungefähr am zwanzigsten Tage dieses Monats,« fügt Wilson hinzu, »trifft die Purpurschwalbe die ersten Vorbereitungen zu ihrem Neste. Das letzte, welches ich untersucht habe, bestand aus den welken Blättern der Thränenweide, dünnen Strohhalmen, Heu und Federn in beträchtlicher Menge. Es lagen vier Eier darin, die im Verhältniß zum Vogel sehr klein, von Farbe rein weiß und ohne die geringsten Flecke waren. Die erste Brut erscheint im Mai, die zweite spät im Juni. Während der Periode, in welcher das Weibchen legt, und vor dem Brüten sind beide Vögel den größten Theil des Tages vom Neste entfernt. Während des Sitzens wird das Weibchen häufig vom Männchen besucht, welches letztere sich ebenfalls auf die Eier setzt, wenn das erstere zur Erholung ausfliegt. Oft bringt das Männchen auf eine Viertelstunde im Neste neben dem Weibchen zu, und wird während des Brütens ganz heimisch und zahm. Es sitzt an der Außenseite, putzt und ordnet sein Gefieder und begiebt sich gelegentlich an die Thür des Gemachs, gleichsam, als ob es sich nach dem Befinden der Gattin erkundigen wollte. Seine Töne scheinen in dieser Zeit eine besondere Sanftheit anzunehmen, und seine Glückwünsche drücken einen hohen Grad von Zärtlichkeit aus. Eheliche Treue, selbst wenn viele Pärchen zusammen wohnen, scheint gewissenhaft von diesen Vögeln beobachtet zu werden. Am 25. Mai nahm ein Purpurschwalben-Pärchen von einem Kasten in Mr. Bartram's Garten Besitz. Einen oder zwei Tage darauf erschien ein zweites Weibchen und verweilte mehre Tage; allein, wegen der kalten Aufnahme, die es fand, indem es häufig vom Männchen vertrieben wurde, verließ es endlich diesen Ort und machte sich auf den Weg, wahrscheinlich um einen geselligeren Gefährten aufzusuchen.«
[14] »Key to the lakes.«