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An diesem Morgen des Herbstmonds nahm Ulenspiegel seinen Stab, drei Gülden, die ihm Katheline gegeben, ein Stück Schweinsleber, eine Schnitte Brot und zog von Damm nach Antwerpen, um die Sieben zu suchen. Nele schlief.
Beim Wandern folgte ihm ein Hund, der ihn der Leber halber beschnüffelte und ihm an die Beine sprang. Ulenspiegel wollte ihn fortjagen, und da er sah, daß der Hund ihm hartnäckig folgte, hielt er ihm diese Rede:
„Ei Hündlein, mein Schatz, Du bist übel beraten, daß Du das Haus verlässest, wo gute Pasteten, auserlesener Abhub von der Tafel und Knochen voll Mark Deiner harren. Du willst aufs Geratewohl einem Landstreicher folgen, der vielleicht nicht allzeit Wurzeln haben wird, um sie Dir als Nahrung zu bieten. Glaube mir, Du unfürsichtiges Hündlein, kehr zu Deinem Herrn zurück. Meide Regen, Schnee, Hagel, Staubregen, Nebel, Glatteis und andere magere Suppen, so auf den Rücken der Landstreicher fallen. Bleibe im Herdwinkel und wärme Dich, zusammengerollt am lustigen Feuer; laß mich in Schlamm, Staub, Kälte und Hitze marschieren; heute gesotten, morgen zu Eis erstarrt, Freitags vollgestopft, Sonntags ausgehungert. Du wirst etwas Gescheites tun, wenn Du hingehst, wo Du hergekommen bist, Du Hündlein mit wenig Erfahrung.“
Das Tier schien Ulenspiegel schlechterdings nicht zu verstehen. Es wedelte mit dem Schwanz und sprang so gut es konnte und bellte vor Begierde. Ulenspiegel glaubte, daß es Freundschaft sei, aber er gedachte nicht der Leber, die er im Ränzel trug. Er wanderte, der Hund lief ihm nach. Da sie also gegen eine Stunde zurückgelegt hatten, sahen sie auf der Landstraße einen Karren mit einem Esel bespannt, welcher den Kopf senkte. Auf einer Böschung am Wegrande saß zwischen zwei Distelsträuchen ein dicker Mann, der in der einen Hand eine Hammelkeule hielt, die er abnagte, in der andern eine Flasche, deren Saft er aussog. Wenn er nicht aß noch trank, so greinte und weinte er.
Da Ulenspiegel stillstand, blieb der Hund gleichermaßen stehen. Er witterte den Hammel und die Leber und lief die Böschung hinan. Da setzte er sich auf die Hinterpfoten neben den Mann und kratzte ihn am Wams, um auch sein Teil von dem Festmahl zu haben. Aber der Mann stieß ihn mit dem Ellenbogen zurück, hielt seine Hammelkeule in die Luft und greinte erbärmlich. Der Hund tat aus Gier das nämliche. Der Esel ward böse, daß er an den Wagen gespannt war und die Disteln nicht erreichen konnte, und hub an zu schreien.
„Was ficht Dich an, Jan?“ fragte der Mann den Esel.
„Nichts,“ antwortete Ulenspiegel, „dafern er nicht von jenen Disteln Imbiß halten möchte, die Euch zur Seiten blühen wie am hohen Chor von Tessenderloo neben und über dem Herrn Christo. Dieser Hund würde auch nicht bös sein, wenn seine Kinnbacken mit dem Knochen, so Ihr da haltet, Hochzeit machen könnten. Indessen will ich ihm die Leber geben, die ich hier habe.“
Nachdem der Hund die Leber gefressen, betrachtete der Mann seinen Knochen, benagte ihn noch mehr, um alles Fleisch, so daran war, zu kriegen, und gab ihn dermaßen abgenagt dem Hunde. Der legte seine Pfoten darauf und machte sich daran, ihn auf dem Rasen zu zermalmen.
Dann blickte der Mann Ulenspiegel an. Und der erkannte Lamm Goedzak aus Damm. „Lamm,“ sagte er, „was tust Du hier, essend, trinkend und bitterlich weinend? Sollte Dir ein Soldat die Ohren ohne die rechte Ehrfurcht eingerieben haben?“
„Wehe, mein Weib“, sagte Lamm.
Er wollte seine Flasche Wein leeren, aber Ulenspiegel legte ihm die Hand auf den Arm.
„Trink nicht also, denn hastig Trinken kommt nur den Nieren zugute. Es sollte lieber dem zuteil werden, der keine Flasche hat.“
„Du redest gut,“ sagte Lamm, „aber wirst Du besser trinken?“
Und er hielt ihm die Flasche hin.
Ulenspiegel nahm sie, hob den Ellenbogen und gab sie ihm zurück.
„Heiß mich Spanier,“ sagte er, „dafern noch genug darin ist, um einen Sperling trunken zu machen.“
Lamm betrachtete die Flasche und ohne mit Greinen innezuhalten, wühlte er in seiner Weidtasche und zog eine andere Flasche und ein anderes Stück Wurst heraus, die er alsogleich in Stücke schnitt und trübsinnig kaute.
„Issest Du ohn Unterlaß, Lamm?“ fragte Ulenspiegel.
„Oftmals, mein Sohn,“ erwiderte Lamm, „aber es geschieht, meine traurigen Gedanken zu vertreiben. Wo bist Du, Weib?“ sagte er und wischte sich eine Zähre ab.
Und er schnitt sich zehn Scheiben Wurst.
„Lamm,“ sprach Ulenspiegel, „iß nicht so rasch und ohne Mitleid für den armen Wallfahrer.“
Lamm gab ihm weinend vier Schnitten und da Ulenspiegel sie verspeiste, ward er von ihrem guten Geschmack gerührt.
Aber Lamm sagte, immerfort weinend und essend:
„Mein Weib, mein gutes Weib! Wie sanft und wohlgeformt war ihr Leib! Sie war leicht wie ein Falter, rasch wie der Blitz und sang gleich einer Lerche. Sie schmückte sich freilich zu gerne mit schönem Putz. Ach, er kleidete sie so gut. Aber die Blumen haben auch reichen Putz. So Du ihre Händlein gesehen hättest, mein Sohn, die so zierlich liebkosten, hättest Du ihnen nimmer erlaubt, Pfanne noch Tiegel anzurühren. Das Küchenfeuer hätte ihre Haut, die so hell wie der Tag war, geschwärzt. Und welche Augen! Ich zerschmolz in Zärtlichkeit beim bloßen Anschauen. / Trink einen Schluck Wein, ich werde nach Dir trinken. Ach, warum ist sie nicht tot! Thyl, ich behielt mir in unserm Haus jegliche Arbeit vor, um ihr die mindeste Mühe zu ersparen. Ich kehrte die Stuben, ich machte das Ehebett, darinnen sie sich am Abend, vom Wohlleben ermüdet, ausstreckte; ich wusch das Geschirr und auch die Wäsche, die ich selbst bügelte. / Iß, Thyl, diese Wurst ist aus Gent. / Oftmals, wenn sie sich draußen erging, kam sie zu spät zum Mittagmahl; aber es war mir so große Freude, sie zu sehen, daß ich nicht wagte, sie zu schmählen. Ich war schier glücklich, so sie mir nachts nicht schmollend den Rücken kehrte. Ich habe alles verloren. / Trink von diesem Wein, er ist vom Brüsseler Weinberg, nach Art des Burgunders.“
„Warum ist sie fortgegangen?“ fragte Ulenspiegel.
„Weiß ich es?“ versetzte Lamm. „Wo ist die Zeit hin, da ich bei ihr aus und ein ging, mit dem Plan, sie zu freien, und sie mich aus Furcht und Liebe floh. Wenn ihre Arme bloß waren, ihre schönen runden weißen Arme, und sie ward inne, daß ich sie anschaute, ließ sie unversehens ihre Ärmel darüber fallen. Zu andern Malen ließ sie sich mein Kosen gefallen und ich konnte sie auf die holden Äuglein küssen, welche sie schloß, und auf den vollen festen Nacken. Dann schauderte sie und schrie ein wenig, neigte den Kopf zurück, und gab mir solcherart einen Nasenstüber. Und sie lachte, wenn ich Au sagte, und ich gab ihr verliebte Schläge und zwischen uns war nichts denn Spiel und Lachen. / Thyl, ist noch Wein in der Flasche?“
„Wohl“, antwortete Ulenspiegel.
Lamm trank und redete weiter:
„Zu andern Zeiten, wenn sie verliebter war, legte sie mir beide Arme um den Hals und sagte: „Du bist schön!“ Und sie küßte mich wie toll und hundert Mal nacheinander auf Wange und Stirn, aber nimmer auf den Mund, und wenn ich sie fragte, woher ihr diese große Sprödigkeit bei so großer Ungezwungenheit komme, lief sie eilends nach einem Humpen, der auf einem Schrein stand, nahm daraus eine Puppe, mit Seide und Perlen angetan, schüttelte und wiegte sie und sprach: „So etwas will ich nicht.“ Ohne Zweifel hatte ihre Mutter, um sie in Sittsamkeit zu bewahren, gesagt, daß die Kinder mit dem Munde gemacht werden. Ach, süße Augenblicke! Holdes Kosen! / Thyl, sieh zu, ob Du nicht einen kleinen Schinken in der Weidtasche findest.“
„Einen halben“, antwortete Ulenspiegel und gab ihn Lamm, der ihn ganz und gar verspeiste.
Ulenspiegel sah ihm zu und sagte:
„Dieser Schinken tut mir im Magen wohl.“
„Mir desgleichen,“ sagte Lamm und stocherte sich die Zähne mit den Nägeln. „Aber ich werde meine Liebste nicht wiedersehen. Sie ist aus Damm entflohen. Willst Du sie mit mir in meinem Wagen suchen?“
„Das will ich“, sagte Ulenspiegel.
„Aber,“ sprach Lamm, „ist nichts mehr in der Flasche?“
„Nichts“, antwortete Ulenspiegel.
Und sie stiegen in den Wagen und wurden von dem Grautier gezogen, welches zum Zeichen der Abfahrt trübselig schrie.
Der Hund aber war, da er sich satt gefressen, ohne ein Wörtlein, davongelaufen.