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Da der Wagen zwischen einem Weiher und einem Kanal auf einen Deich rollte, strich Ulenspiegel in tiefem Sinnen kosend über Klasens Asche auf seiner Brust. Er fragte sich, ob das Gesicht Wahrheit oder Lüge sei, ob die Geister seiner gespottet, oder ob sie ihm in Rätseln gesagt hätten, was er wirklich finden müßte, um das Land seiner Väter zu beglücken.
Umsonst zermarterte er sein Hirn, er konnte nicht finden, was die Sieben und der Gürtel bedeuteten.
Wenn er des toten Kaisers, des lebenden Königs, der Regentin, des römischen Papstes, des Großinquisitors, des Jesuitengenerals gedachte, so fand er da sechs große Landeshenker, so er ohne Verzug lebendig hätte verbrennen mögen. Aber er dachte, daß sie es mitnichten seien, denn sie waren zu leicht zu verbrennen, also mußten sie andern Orts sein.
Und er wiederholte sich immerfort im Geiste:
Wenn der Norden
Wird den Süden küssen,
Endet das Verderben.
Liebe die Sieben
Und den Gürtel.
„Ach,“ sprach er zu sich: „In Tod, Blut und Tränen sieben finden, sieben verbrennen, sieben lieben: Mein armer Verstand sucht vergeblich, denn wer verbrennt, was er liebt?“
Da der Wagen schon ein gut Stück Weges verschlungen, hörten sie Schritte auf dem Sand und eine Stimme, die sang:
„Ihr Leute, sahet Ihr, sagt an,
Den närrischen Freund, der mir entrann?
Nach Laun und Zufall tut er gehn;
Habt Ihr ihn nicht gesehn?
Wie es dem Lamm der Adler tat,
Mein Herze nahm er unversehn,
Er ist ein Mann, doch ohne Bart;
Habt Ihr ihn nicht gesehn?
Sagt ihm, daß Nele, so Ihr ihn findet,
Gar müde ward von vielem Gehn.
Herzlieber Thyl, wohin der Fahrt?
Habt Ihr ihn nicht gesehn?
Weiß er, daß Täubchen weint und siecht,
So ihm der Täuber tat entgehn?
So auch ein treues Herze bricht.
Habt Ihr ihn nicht gesehn?“
Ulenspiegel schlug Lamm auf den Bauch und sprach zu ihm:
„Halt den Odem an, Fettwanst.“
„Ach,“ sprach Lamm, „das ist gar hart für einen Mann meines Umfangs.“
Aber Ulenspiegel hörte nicht auf ihn und versteckte sich hinter das Plantuch des Wagens und ahmte die Stimme eines hüstelnden Zechers nach, dieweil er sang:
„Wohl sah ich Deinen Freund, den Narren;
Er saß in einem morschen Karren,
Bei einem Vielfraß, dick und voll.
Ich sah ihn wohl.“
„Thyl,“ sprach Lamm, „Du hast heute morgen eine schlimme Zunge.“
Ulenspiegel, ohne auf ihn zu hören, steckte den Kopf aus dem Loch der Plandecke und sprach:
„Nele, erkennst Du mich?“
Sie aber, von Furcht ergriffen und in Einem lachend und weinend, denn sie hatte feuchte Wangen, sprach:
„Ich sehe Dich, schlimmer Verräter!“
„Nele,“ sprach Ulenspiegel, „so Du mich schlagen willst, ich habe da drinnen einen Knüttel. Er ist schwer, um die Hiebe eindringlich zu machen, und knotig, um ein Merkmal davon zu hinterlassen.“
„Thyl,“ sprach Nele, „gehst Du den Sieben nach?“
„Ja,“ antwortete Ulenspiegel.
Nele trug ein Ränzel, das jeden Augenblick platzen wollte, so voll war es.
„Thyl,“ sprach sie, es ihm hinhaltend, „ich meinte, es sei einem Menschen ungesund, zu reisen, ohne eine gute, fette Gans, einen Schinken und Genter Würste mitzunehmen. Und dies mußt Du zu meinem Gedächtnis essen.“
Da Ulenspiegel sie anschaute und mitnichten gewillt war, das Ränzel zu nehmen, steckte Lamm den Kopf aus einem andern Loch der Leinwand und sprach:
„Du vorsorgliches Mägdlein, wenn er’s nicht annimmt, geschieht’s aus Vergeßlichkeit. Aber gib mir diese Gans, gib mir diesen Schinken, und dränge mir diese Würste auf; ich werde sie ihm aufheben.“
„Wer ist dies biedere Vollmondsgesicht?“ fragte Nele.
„Das ist ein Opfer des Ehestandes“, antwortete Ulenspiegel. „Von Schmerz verzehrt, würde er wie ein Apfel im Backofen eintrocknen, dafern er nicht seine Kräfte durch unaufhörliche Nahrung ersetzte.“
„Du sagst es, mein Sohn“, seufzte Lamm.
Die strahlende Sonne brannte Nele auf den Kopf und sie schirmte sich mit ihrer Schürze. Da er mit ihr allein sein wollte, sprach er zu Lamm:
„Siehest Du die Frau dort auf der Weide einhergehn?“
„Ich sehe sie!“ sagte Lamm.
„Erkennest Du sie?“
„Ei!“ sagte Lamm, „sollt’ es die meine sein? Sie trägt sich nicht wie eine Bürgersfrau.“
„Du zweifelst noch, blinder Maulwurf“, sagte Ulenspiegel.
„Wenn sie es nun nicht wäre?“ fragte Lamm.
„Du verlierst nichts dabei; dort zur Linken, gen Norden, ist eine Schenke, allwo Du gutes Braunbier finden wirst. Wir wollen Dich dort treffen. Und hier ist Schinken, den natürlichen Durst zu salzen.“
Lamm stieg aus dem Wagen und lief eilends auf die Frau zu, die auf der Weide stand.
Ulenspiegel sagte zu Nele:
„Was kommst Du nicht zu mir?“
Alsdann half er ihr auf den Wagen, setzte sie neben sich, nahm ihr die Schürze vom Kopf und den Mantel von den Schultern. Dann gab er ihr hundert Küsse und sprach:
„Wohin gingest Du, Geliebte?“
Sie erwiderte nichts, aber sie war vor Wonne schier verzückt.
Und Ulenspiegel, gleich ihr entzückt, sagte:
„Da bist Du also! Die wilden Rosen in den Hecken haben nicht die holde Röte Deiner frischen Haut. Du bist keine Königin, aber ich will Dir eine Krone von Küssen machen. Ihr reizenden Arme, so weich und rosig, die Amor mit Fleiß zum Umarmen gemacht hat. Ach, geliebtes Mägdlein, werden meine rauhen Mannshände nicht dieser Schulter den Schmelz rauben? Der leichte Falter setzt sich auf die purpurne Nelke, aber kann ich Tölpel an Deiner weißen Haut ruhen, ohne sie welk zu machen? Gott sitzt im Himmel, der König auf seinem Thron und die Sonne steht siegreich dort oben; aber bin ich Gott, König oder Licht, daß ich Dir so nahe bin? Ihr Haar, weicher denn Flockseide! Nele, ich schlage, ich zerreiße, ich zerstückele Dich! Aber habe keine Furcht, Liebchen. Welch zierliches Füßlein! Woher kommt’s, daß es so weiß ist? Ist es in Milch gebadet?“
Sie wollte aufstehen.
„Was fürchtest Du?“ sprach Ulenspiegel. „Die Sonne scheint auf uns herab und bemalt Dich mit Gold. Schlage nicht die Augen nieder. Sieh, welch schöne Glut sich in den meinen entzündet. Ach Geliebte, höre, mein Schätzlein, es ist die schweigende Stunde des Mittags. Der Arbeiter ist daheim und ißt seine Brühe; könnten wir nicht von Liebe leben? Könnt’ ich doch tausend Jahre auf Deinen Knien einen Rosenkranz von irdischen Perlen abbeten.“
„Schmeichler“, sagte sie.
Und Frau Sonne leuchtete durch das weiße Linnen des Wagens, und eine Lerche sang über dem Klee, und Nele legte ihr Haupt an Ulenspiegels Schulter.