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Am fünfzehnten August, dem großen Marientag, wo die Kräuter und Wurzeln geweiht werden und die Hennen, von Körnern satt, für das Trompeten des Liebe verlangenden Hahnes taub sind, ward ein großes Steinkreuz an einem der Tore von Antwerpen von einem Italiener im Solde des Kardinals Granvella zerbrochen, und die Prozession der Jungfrau, der grüne, gelbe und rote Narren vorausgingen, kam aus der Frauenkirche gezogen. Aber die Statue der Jungfrau ward unterwegs von unbekannten Männern beschimpft und eilends in das Chor der Frauenkirche zurückgebracht, und die Gitter wurden geschlossen.

Ulenspiegel und Lamm traten in die Kirche. Junge ausgehungerte, zerlumpte Gesellen, so männiglich fremd waren, standen vor dem Chor und machten einander gewisse Zeichen und Fratzen. Mit ihren Füßen und Zungen vollführten sie großen Lärm. Keiner hatte sie in Antwerpen gesehen, keiner sah sie wieder. Einer von ihnen, mit einem Antlitz wie eine verbrannte Zwiebel, fragte, ob Mieke, damit meinte er die Jungfrau, Angst gehabt hätte, dieweil sie so hastig in die Kirche zurückgekehrt sei?

„Vor Dir hat sie keine Furcht gehabt, Du garstiger Mohr,“ antwortete Ulenspiegel.

Der junge Gesell, zu dem er sprach, ging auf ihn los, um ihn zu schlagen, aber Ulenspiegel würgte ihn am Kragen und sprach:

„So Du mich schlägst, laß ich Dich Deine Zunge ausspeien.“

Alsdann wandte er sich zu etlichen Männern von Antwerpen, die da waren, und sagte, auf die jungen, zerlumpten Kerle deutend:

„Signorkes und Pagaders, hütet Euch, das sind falsche Vlamländer, Verräter, die bezahlt sind, uns Leid, Elend und Untergang zu bringen.“

Dann sprach er also zu den Unbekannten:

„He, Ihr Eselsköpfe, vom Elend ausgedörrt, woher habt Ihr das Geld, das man heute in Euern Säckeln klingen hört? Habet Ihr etwan Eure Haut im voraus verkauft, um Trommeln daraus zu machen?“

„Sehet den Prediger!“ sagten die Unbekannten.

Dann huben sie insgesamt an zu schreien und sagten von Unsrer lieben Frau:

„Mieke hat ein schönes Kleid! Mieke hat eine schöne Krone! Ich will sie meiner Vettel geben!“

Sie gingen hinaus, dieweil einer von ihnen auf die Kanzel gestiegen war, um dort unziemliche Reden zu führen, dann kamen sie wieder und schrien:

„Steig herab, Mieke, steig herab, ehe wir dich holen. Tu ein Wunder, auf daß wir sehen, daß Du ebensogut gehen kannst als Dich tragen lassen, Mieke, Du Faulenzerin!“

Aber Ulenspiegel hatte gut rufen: „Ihr Unglücksstifter, hört auf mit Euren schlimmen Reden, jede Plünderung ist ein Verbrechen.“ Sie hörten schlechterdings nicht auf zu reden, und etliche sprachen gar davon, das Chor zu erbrechen und Mieke zu zwingen, daß sie herabstiege.

Ein altes Weiblein, das in der Kirche Kerzen verkaufte und diese Reden vernahm, warf ihnen die Asche ihres Fußwärmers ins Gesicht; aber sie schlugen das Weiblein und warfen es zu Boden, und nun begann das Getobe.

Der Markgraf kam mit seinen Bütteln in die Kirche. Da er die versammelte Menge sah, ermahnte er sie aus der Kirche zu gehen, aber so sänftiglich, daß nur etliche von hinnen gingen; die andern sagten:

„Zuvor wollen wir die Domherren zu Miekes Ehre die Vesper singen hören.“

Der Markgraf entgegnete:

„Es wird nicht gesungen werden.“

„Wir wollen selber singen,“ antworteten die unbekannten Lumpen. Solches taten sie in den Schiffen und bei der Vorhalle der Kirche. Etliche spielten mit krieke-steenen (Kirschkernen) und sagten: „Mieke, Du spielest nimmer im Paradies und hast keine Kurzweil; spiele mit uns.“

Und ohne Aufhören beschimpften sie das Marienbild und schrien, höhnten und pfiffen.

Der Markgraf tat, als ob er Furcht hätte, und ging hinaus. Auf seinen Befehl wurden alle Türen der Kirche bis auf eine geschlossen.

Ohne daß das Volk sich darein mischte, ward das fremde Lumpengesindel kecker und schrie noch lauter. Und die Gewölbe hallten wider wie Donner von hundert Kanonen.

Alsdann bestieg einer von ihnen die Kanzel, der mit dem Gesicht gleich einer verbrannten Zwiebel, welcher etliches Ansehen zu haben schien, winkte ihnen mit der Hand, predigte und sprach: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, die drei sind nur einer und einer drei, Gott bewahre uns im Paradies vor der Rechenkunst. Des heutigen Tages am fünfzehnten des Augustmonds ist Mieke im höchsten Staat ausgegangen, um ihr hölzernes Antlitz den Herren und Bürgern von Antwerpen zu zeigen. Aber während der Prozession ist Mieke dem Teufel Satanas begegnet, und Satanas, ihrer spottend, hat zu ihr gesagt: „Du bist schier stolz als Königin ausstaffiert, Mieke; Du wirst von vier Herren getragen und willst den armen Satanas, der auf Schusters Rappen reitet, nicht mehr anschauen.“ Und Mieke antwortete: „Hebe Dich weg, Satanas, auf daß ich Dir nicht noch mehr den Kopf zertrete, Du böse Schlange!“

„Mieke,“ sagte Satanas darauf, „mit diesem Geschäft verbringst Du seit fünfzehnhundert Jahren die Zeit, aber der Geist des Herrn, Deines Meisters, hat mich erlöset. Ich bin stärker als Du, Du wirst mir nicht mehr auf den Kopf treten, und ich werde Dich jetzo tanzen lassen.“ Satanas nahm eine große Peitsche, die scharf einschnitt, und hub an, Mieke zu schlagen. Sie wagte nicht zu schreien, aus Furcht, ihre Angst zu zeigen, und alsdann hat sie sich in den schnellsten Trab gesetzt, und die Herren, so sie trugen, gezwungen, auch zu laufen, um sie mit ihrer güldenen Krone und ihren Kleinodien nicht in das arme, gemeine Volk fallen zu lassen. Und jetzt steht Mieke still und steif in ihrer Nische und betrachtet Satan, der da oben auf der Säule unter der kleinen Kuppel sitzet und seine Peitsche hält und hohnlachend zu ihr sagt:

„Ich werde Dir das Blut und die Tränen heimzahlen, so in Deinem Namen fließen! Mieke, wie steht Dein jungfräuliches Befinden? Die Stunde ist gekommen, wo Du ausziehen mußt. Man wird Dich entzwei schneiden, Du häßliche, hölzerne Puppe, für all die Puppen aus Fleisch und Bein, so in Deinem Namen ohn Erbarmen verbrannt, gehenkt und lebendig begraben wurden.“ Also sprach Satanas und er sprach gut. „Du mußt aus Deiner Nische herabsteigen, blutdürstige, grausame Mieke, die Du Deinem Sohne Christo nicht ähnlich bist.“

Und höhnend und schreiend tobte der ganze Schwarm der Unbekannten:

„Mieke, Mieke, es ist die Stunde des Auszugs! Nehmet die hölzernen Heiligen fort! Auf, Brabant für den guten Herzog! Wer will ein Bad in der Schelde nehmen? Holz schwimmt besser als Fische.“

Das Volk hörte zu, ohne etwas zu sagen.

Aber Ulenspiegel bestieg die Kanzel und warf den Sprecher mit Gewalt die Stiege hinunter.

„Ihr Rasenden,“ sagte er zum Volke, „Ihr wahnsinnigen Narren, Ihr einfältigen Narren, die Ihr nicht weiter sehet als Eure rotzige Nasenspitze, begreifet Ihr nicht, daß all dies das Werk von Verrätern ist? Sie wollen Euch zu Kirchenschändern und Räubern machen, um Euch für Rebellen zu erklären, Eure Geldtruhen zu leeren, Euch zu brandmarken und lebendig zu verbrennen. Und der König wird erben! Signorkes und Pagaders, messet den Worten dieser Unglücksstifter keinen Glauben bei; lasset Unsre liebe Frau in ihrer Nische, lebet standhaft, indem Ihr fröhlich arbeitet und Euren Gewinst und Verdienst ausgebet. Der schwarze Teufel des Verderbens hat ein Auge auf Euch. Durch Plünderung und Zerstörung will er das feindliche Heer herbeirufen, um Euch als Rebellen zu behandeln. Dann wird Alba durch Diktatur, Inquisition, Konfiskation und Tod über Euch herrschen und er wird erben.“

„Wehe,“ sprach Lamm, „plündert nicht, Signorkes und Pagaders; der König ist schon sehr erzürnt. Die Tochter der Stickerin hat es meinem Freund Ulenspiegel gesagt. Plündert nicht, Ihr Herren.“

Aber das Volk konnte sie nicht hören.

Die Unbekannten schrien:

„Plünderung und Austreibung! Plünderung, Brabant für den guten Herzog! Ins Wasser mit den Heiligen! Sie schwimmen besser denn Fische!“

Ulenspiegel hielt sich an der Kanzel fest und rief vergeblich:

„Signorkes und Pagaders, leidet die Plünderung nicht! Rufet nicht das Verderben auf die Stadt herab!“

Er ward fortgezerrt und ohngeachtet er sich mit Händen und Füßen wehrte, ward ihm Gesicht, Wams, Hosen, alles zerrissen.

Und wiewohl blutend, ließ er nicht ab zu schreien:

„Leidet die Plünderung nicht!“

Aber es war umsonst.

Die Unbekannten und das Gesindel der Stadt warfen sich auf das Gitter des Chors und zerbrachen es. Dabei schrien sie:

„Es lebe der Geuse!“

Alle huben an zu zerbrechen, zu plündern und zu zerstören. Vor Mitternacht war die große Kirche, in der es siebenzig Altäre, alle Arten schöner Malereien und kostbarer Dinge gab, ausgeleert wie eine Nuß. Die Altäre waren zertrümmert, die Bilder heruntergeschlagen und alle Schlösser zerbrochen.

Da dies getan war, machten sich die nämlichen Unbekannten auf den Weg, um die Minderen Brüder, die Franziskaner, Sankt Peter, Sankt Andreas, Sankt Michael, Sankt Peter im Topf, die Burg, die Fawkens, die Weißen Schwestern, die Grauen Schwestern, den dritten Orden, die Prediger und alle Kirchen und Kapellen der Stadt gleich der Frauenkirche zu traktieren. Und sie nahmen die Kerzen und Fackeln heraus und liefen so überall hin.

Es gab unter ihnen weder Streit noch Beratung; keiner von ihnen ward bei diesem großen Zerbrechen von Steinen, Holz und anderen Dingen verwundet.

Sie stellten sich in Haag ein, um auch dort zum Raub der Bildwerke und Altäre zu schreiten, ohne daß ihnen hier oder andernorts die Reformierten Beistand geleistet hätten.

Im Haag fragte sie der Magistrat, wo ihre Vollmacht wäre.

„Da ist sie,“ sagte einer und schlug auf sein Herz.

„Ihre Vollmacht, hört Ihr, Signorkes und Pagaders?“ sprach Ulenspiegel, da er die Sache erfahren. „Es ist also einer da, der ihnen befohlen hat, als Kirchenschänder zu arbeiten. So in meine Hütte etwelcher plündernde Spitzbube kommt, werde ich tun wie der Magistrat vom Haag; ich werde meinen Hut abnehmen und sagen: „Edler Spitzbube, gnädiger Taugenichts, ehrwürdiger Lump, zeig mir deine Vollmacht.“ Und er wird sagen, daß sie in seinem Herzen sei, das nach meinem Gute verlangt. Und ich werde ihm die Schlüssel zu allem geben. Suchet, suchet, wem diese Plünderung Nutzen bringt. Hütet Euch vor dem Roten Hund. Das Verbrechen ist begangen, man wird es strafen. Hütet Euch vor dem Roten Hund. Das große steinerne Kruzifix ist heruntergeschlagen. Hütet Euch vor dem Roten Hund.“

Da der Hohe Rat von Mecheln durch den Mund seines Präsidenten Viglius befohlen hatte, dem Zerbrechen der Bilder keinen Einhalt zu tun, sagte Ulenspiegel:

„Wehe, die Ernte ist reif für die hispanischen Schnitter. Der Herzog, der Herzog marschiert gegen uns Vlamländer, das Meer schwillt, das Meer der Rache. Arme Frauen und Jungfrauen, fliehet die Grube! Arme Männer, fliehet den Galgen, das Feuer und Schwert. Philipp will Karls blutiges Werk vollenden. Der Vater säete Tod und Verbannung; der Sohn hat geschworen, er wolle lieber über einen Totenacker herrschen, denn über ein Volk von Ketzern. Fliehet, hier sind der Henker und die Totengräber.“

Das Volk hörte auf Ulenspiegel, und die Familien verließen bei Hunderten die Städte, und die Landstraßen waren versperrt von Wagen, beladen mit dem Hausrat Derer, so in die Verbannung zogen.

Und Ulenspiegel ging allerorten hin und Lamm folgte ihm betrübt und suchte seine Liebste.

Und in Damm weinte Nele bei Katheline, der Irren.