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Da Ulenspiegel im Gerstemond, das ist Oktober, in Gent war, sah er Egmont in des Abtes von Sankt Bavo edler Gesellschaft vom Schwelgen und Feiern heimkehren. In singfroher Laune ließ er träumend sein Pferd im Schritt gehen. Plötzlich erblickte er einen Mann, der eine brennende Laterne trug und neben ihm her schritt.
„Was willst Du?“ fragte Egmont.
„Gutes“, versetzte Ulenspiegel.
„Geh und laß mich,“ entgegnete der Graf.
„Ich werde nicht gehen,“ erwiderte Ulenspiegel.
„Willst Du einen Peitschenhieb haben?“
„Ich will ihrer zehn haben, wenn ich Euch einen solchen Leuchtkäfer in den Kopf setzen kann, daß Ihr von hier bis zum Escurial deutlich sehen könnt.“
„Mich kümmert nicht Leuchtkäfer noch Escurial,“ antwortete der Graf.
„Und mich brennt es, Euch einen guten Rat zu geben,“ erwiderte Ulenspiegel. Dann nahm er des Grafen Pferd, welches ausschlug und sich bäumte, beim Zügel und sprach:
„Euer Gnaden, gedenket, daß Ihr jetzo auf Eurem Roß tanzet und daß Euer Haupt auch trefflich auf Euren Schultern tanzet; aber der König, sagt man, will diesen schönen Tanz unterbrechen, Euch Euren Körper lassen, aber Euren Kopf nehmen und ihn in so ferne Länder tanzen lassen, daß Ihr ihn nimmermehr wieder einholen könnet. Gebet mir einen Gulden, ich habe ihn verdient.“
„Die Peitsche, wenn du nicht weichest, schlechter Ratgeber.“
„Euer Gnaden, ich bin Ulenspiegel, der Sohn des Klas, der für seinen Glauben lebendig verbrannt ist, und Soetkins Sohn, die an Herzeleid gestorben ist. Die Asche brennt auf meiner Brust und sagt mir, daß Egmont, der tapfere Soldat, mit der Reiterei, die er befehligt, seine dreimal siegreichen Truppen dem Herzog Alba entgegen stellen kann.“
„Geh,“ antwortete Egmont, „ich bin kein Verräter.“
„Rette die Lande, Du allein kannst es,“ sagte Ulenspiegel.
Der Graf wollte Ulenspiegel peitschen, aber dieser wartete nicht darauf und entfloh mit dem Ruf:
„Esset Leuchtkäfer, esset Leuchtkäfer, Herr Graf. Rettet die Lande.“
Ein ander Mal hielt Egmont, da ihn dürstete, vor der Herberge In ’t tondt verken, Zum bunten Ferkel, so von einer Frau aus Kortrijk, einem hübschen Weiblein, namens Musekin, Mäuslein, gehalten ward.
Der Graf erhob sich in den Steigbügeln und rief:
„Zu trinken.“
Ulenspiegel, welcher der Musekin diente, trat zu dem Grafen heran, in der einen Hand einen Zinnhumpen, in der andern eine volle Flasche roten Weines.
Der Graf sagte, als er ihn sah:
„Bist Du es, Unglücksrabe?“
„Euer Gnaden,“ entgegnete Ulenspiegel, „wenn meine Prophezeihung schwarz ist, so kommts, weil sie sich nicht weiß gewaschen hat. Aber wollt Ihr mir sagen, was röter ist, der Wein, der in die Kehle geht, oder das Blut, das herausspritzt? Das war’s, was meine Laterne fragte.“
Der Graf antwortete nicht, trank, zahlte und ritt von dannen.