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„Wohin gehen wir?“ fragte Lamm.

„Nach Maestricht,“ antwortete Ulenspiegel.

„Aber, mein Sohn, man sagt, daß des Herzogs Kriegsknechte da rund um die Stadt liegen und daß er sich selbst darinnen befindet. Unsere Pässe werden nicht hinreichen. Wenn die hispanischen Söldner sie gut befinden, werden wir darum nicht weniger in der Stadt festgehalten und verhört werden. Unterweilen werden sie den Tod der Prediger erfahren, und mit unserm Leben wird es zu Ende sein.“

Ulenspiegel antwortete:

„Die Raben, Eulen und Geier werden in Bälde mit ihrem Fleisch ein Ende gemacht haben. Ihr Gesicht ist ohne Zweifel schon unkenntlich. Was unsere Pässe angeht, so mögen sie gut sein; so man aber Kunde vom Morde erhielte, würden wir, wie Du sagst, gefangen genommen. Dessen ohngeachtet müssen wir über Landen nach Maestricht gehen.“

„Sie werden uns henken,“ sagte Lamm.

„Wir werden durchkommen,“ erwiderte Ulenspiegel.

So ratschlagend, kamen sie nach der Herberge „Zur Elster“, allwo sie gute Kost, gutes Nachtlager und Heu für ihre Esel fanden.

Am andern Morgen machten sie sich auf den Weg nach Landen.

Da sie bei einem großen Pachthofe vor der Stadt angelangt waren, trillerte Ulenspiegel wie eine Lerche und alsbald antwortete ihm von drinnen das kriegerische Trompeten des Hahnes. Ein Pächter, der ein ehrlich Gesicht hatte, erschien auf der Türschwelle.

„Freunde als Freie, es lebe der Geuse! Tretet ein!“ sprach er.

„Wer ist dieser?“ fragte Lamm.

Ulenspiegel antwortete:

„Thomas Utenhove, der tapfere Reformierte. Seine Knechte und Mägde arbeiten gleich ihm für das freie Gewissen.“

Darauf sprach Utenhove:

„Ihr seid des Prinzen Gesandte. Esset und trinket.“

Und der Schinken prasselte in der Pfanne und die Blutwürste desgleichen, und der Wein ließ nicht auf sich warten, und die Gläser füllten sich.

Und Lamm trank wie trockener Sand und aß tapfer.

Knechte und Mägde des Pachthofs kamen nacheinander und steckten die Nase durch die halbgeöffnete Tür, um der Arbeit seiner Kinnbacken zuzuschauen; und die Männer wurden eifersüchtig und sagten, daß sie es ebensogut könnten.

Nach vollendeter Mahlzeit sprach Utenhove:

„Hundert Bauern werden diese Woche von hier aufbrechen, unter dem Vorgeben, daß sie in Brügge und Umgegend an den Deichen arbeiten wollen. Sie werden in Rotten von fünf oder sechs und auf unterschiedlichen Wegen reisen. In Brügge werden Barken sein, um sie übers Meer nach Emden zu bringen.“

„Sind sie mit Waffen und Geld versehen?“ fragte Ulenspiegel.

„Sie sollen jeder zehn Gülden und große Hirschfänger haben.“

„Gott und der Prinz werden Dir’s lohnen,“ sprach Ulenspiegel.

„Ich arbeite nicht um Lohn,“ erwiderte Thomas Utenhove.

„Wie macht Ihr’s,“ sagte Lamm, während er die dicken, schwarzen Blutwürste knusperte, „wie macht Ihr’s, Herr Wirt, um ein so duftend, saftig Gericht von so zartem Fett zu erhalten?“

„Das kommt,“ sprach der Wirt, „weil wir Zimmet und Baldrian darantun.“

Dann zu Ulenspiegel redend, sagte er:

„Ist Edzard, Graf von Friesland, allzeit des Prinzen Freund?“

„Er hält seine Gesinnung geheim, wiewohl er seinen Schiffen in Emden Asyl gibt.“ Und er fügte hinzu:

„Wir müssen nach Maestricht.“

„Das wirst Du nicht können,“ sagte der Wirt; „des Herzogs Heer ist vor der Stadt und rings umher.“

Dann führte er ihn auf den Boden und zeigte ihm in der Ferne die Fähnlein und Standarten der Reiter und Fußsoldaten, die auf freiem Felde ritten und marschierten.

Ulenspiegel sprach:

„Ich werde passieren, wenn Ihr, der Ihr an diesem Ort mächtig seid, mir Erlaubnis gebt, mich zu verheiraten. Was die Frau angeht, so brauche ich eine, die anmutig, sanft und schön ist und mich freien will, wenn nicht für immer, zum wenigsten für eine Woche.“

Lamm seufzte und sprach:

„Tu’s nicht, mein Sohn, sie würde Dich allein lassen, von Liebesglut verzehrt. Dein Bett, in dem Du so ruhig schläfst, wird Dir gleich einem Pfühl von Stechpalmen sein und Dir den süßen Schlummer rauben.“

„Ich werde heiraten,“ antwortete Ulenspiegel.

Und da Lamm nichts mehr auf dem Tische fand, ward er schier betrübt. Da er jedoch Kapaune in einem Napf entdeckte, knabberte er sie melancholisch.

Ulenspiegel sagte zu Thomas Utenhove:

„Wohlan, darauf trink ich, schafft mir eine Frau, reich oder arm. Ich gehe mit ihr zur Kirche und lasse die Ehe durch den Pfarrer einsegnen. Dieser gibt uns einen Trauschein, nicht gültig, da er von einem papistischen Inquisitor kommt. Wir lassen darin feststellen, daß wir alle gute Christen sind, maßen wir gebeichtet und kommuniziert haben und gemäß den Vorschriften unsrer heiligen römischen Mutter Kirche, so ihre Kinder verbrennt, apostolisch leben. Und also rufen wir die Segnungen unseres heiligen Vaters, des Papstes, der himmlischen und irdischen Heerscharen, der heiligen Männer und Frauen, der Dechanten, Pfaffen, Mönche, Söldlinge, Bluthunde und andrer Lumpen auf uns herab. Mit besagtem Zeugnis versehen, machen wir die Vorbereitungen zur Reise, die bei der Hochzeitfeier Brauch ist.“

„Aber die Frau?“ fragte Thomas Utenhove.

„Die mußt Du für mich finden,“ antwortete Ulenspiegel. „Ich nehme also zwei Wagen, schmücke sie mit Kränzen von Fichtenzweigen, Stechpalmen und Papierblumen und besetze sie mit etlichen Bauern, die Du zum Prinzen schicken willst.“

„Aber die Frau?“ fragte Thomas Utenhove.

„Die ist gewißlich hier,“ erwiderte Ulenspiegel.

Und er redete weiter:

„Ich spanne zwei Deiner Pferde vor den einen Wagen, unsere beiden Esel vor den andern. In den ersten Wagen setze ich meine Frau und mich, meinen Freund Lamm und die Trauzeugen, in den zweiten die Spielleute mit Schellentrommeln, Querpfeifen und Schalmeien. Dann tragen wir lustige Hochzeitsbanner, und mit Trommeln, Singen und Trinken fahren wir im scharfen Trab auf der Heerstraße, die uns zum Galgenfelde oder in die Freiheit führt.“

„Ich will Dir helfen,“ sprach Thomas Utenhove. „Aber die Frauen und Mädchen werden ihren Männern folgen wollen.“

„Wir werden in Gottes Schutz gehen,“ sagte ein hübsches Mägdlein und steckte den Kopf in die halboffene Tür.

„Wenn es not tut, sind vier Wagen da, und dergestalt können wir über fünfundzwanzig Mann durchbringen.“

„Der Herzog wird übertölpelt werden,“ sagte Ulenspiegel.

„Und in des Prinzen Flotte werden etliche gute Soldaten mehr dienen,“ erwiderte Thomas Utenhove.

Dann läutete er seinen Knechten und Mägden und sprach zu ihnen: „Ihr alle, die Ihr aus Zeeland seid, Männer und Weiber, höret. Gegenwärtiger Ulenspiegel, der Vläme, will, daß Ihr in hochzeitlichen Kleidern durch des Herzogs Heer hindurchziehet.“

Männer und Frauen aus Zeeland riefen mitsammen:

„Bei Todesgefahr! Wir wollen!“

Und die Männer redeten untereinander:

„Es ist uns eine Lust, das Land der Knechtschaft zu verlassen und aufs freie Meer zu gehen. Wenn Gott für uns ist, wer kann wider uns sein?“

Die Frauen und Mädchen sagten:

„Wir wollen unsern Männern und Freunden folgen. Wir sind aus Zeeland und werden dort Zuflucht finden.“

Ulenspiegel erspähte ein junges, artiges Mägdlein, trieb seinen Scherz mit ihr und sagte:

„Ich will Dich freien.“

Und sie antwortete errötend:

„Ich will Dich, aber nur in der Kirche.“

Und mit Lachen sprachen die Frauen untereinander:

„Ihr Herz zieht sie zu Hans Utenhove, des Baas Sohn. Er geht gewiß mit ihr.“

„Ja,“ antwortete Hans.

Und der Vater sprach zu ihm:

„Du kannst es tun.“

Die Männer legten ihr Festgewand an, Wams und Hosen von Sammet und den weiten Mantel darüber; auch setzten sie große Hüte zum Schutz gegen Sonne und Regen auf. Die Weiber, in schwarzen Strümpfen und geschlitzten Schuhen, trugen den großen, güldenen Stirnschmuck, links für die Mädchen und rechts für die Ehefrauen; am Halse die weiße Krause, den Brustlatz in güldner, scharlachner und azurblauer Stickerei, der Rock von schwarzer Wolle mit breiten Sammetstreifen in der nämlichen Farbe, schwarzwollene Strümpfe und Sammetschuhe mit Silberschnalle.

Dann ging Thomas Utenhove in die Kirche, den Priester zu bitten, für zwei Reichstaler, die er ihm in die Hand steckte, ohne Verzug Tylbert, des Klas Sohn, mit Tannekin Pieters zu trauen, und der Pfarrer willigte darein.

Ulenspiegel ging also, von der ganzen Hochzeitsgesellschaft gefolgt, in die Kirche und vermählte sich allda vor dem Priester mit Tannekin, die so schön und reizend, so freundlich und rundlich war, daß er gern in ihre Wangen gebissen hätte wie in einen Liebesapfel. Und er sagte es ihr, da er aus Scheu vor ihrer sanften Schönheit es nicht zu tun wagte. Sie aber sprach schmollend zu ihm:

„Laß mich; da ist Hans, der sieht Euch an, um Euch umzubringen.“

Und ein Mägdlein, ein eifersüchtiges, sagte zu ihm:

„Such anderswo; siehest Du nicht, daß sie Angst vor ihrem Manne hat.“

Lamm rieb sich die Hände und rief aus:

„Du sollst sie nicht alle haben, Taugenichts.“

Und er freute sich baß.

Ulenspiegel nahm sein Leid in Geduld hin und kehrte mit den Hochzeitsgästen zum Pachthof zurück. Und da trank er, sang und war guter Dinge und trank dem eifersüchtigen Mägdlein zu. Des war Hans froh, aber nicht Tannekin noch des Mägdleins Bräutigam.

Bei hellem Sonnenschein und frischem Winde fuhren die Wagen um Mittag, mit Grün und Blumen geschmückt davon, mit flatternden Fahnen und beim fröhlichen Klang der Schellentrommeln, Schalmeien, Quer- und Sackpfeifen.

In Albas Lager war ein ander Fest. Nachdem die Wachen und Vorposten Alarm geblasen hatten, kamen sie nacheinander zurück und meldeten:

„Der Feind ist nahe; wir haben den Lärm der Trommeln und Pfeifen gehört und die Fahnen erblickt. Es ist eine starke Abteilung Reiterei, die dorthin gerückt ist, um Euch in irgend einen Hinterhalt zu locken. Die Hauptmacht ist ohnzweifelhaft ferner.“

Alsbald ließ der Herzog Feldmeister, Obristen und Hauptleute benachrichtigen, befahl, das Heer in Schlachtordnung aufzustellen, und ließ den Feind auskundschaften.

Plötzlich erschienen vier Wagen, die auf die Scharfschützen zufuhren. In den Wagen tanzten die Männer und Weiber, die Flaschen machten die Runde, und lustig kreischten die Pfeifen, ächzten die Schalmeien, dröhnten die Trommeln und schnarrten die Dudelsäcke.

Nachdem die Hochzeitsgesellschaft Halt gemacht hatte, kam Alba selbst auf den Lärm herbei und sah die junge Frau auf einen der vier Wagen, Ulenspiegel, ihr Ehegespons, neben ihr, ganz mit Blumen geschmückt; und alle Bauern und Bäuerinnen waren abgestiegen, tanzten herum und gaben den Soldaten zu trinken.

Alba und die Seinen verwunderten sich gewaltig der Einfalt dieser Bauern, die da sangen und feierten, wo alles um sie her in Waffen war. Und die in den Wagen waren, gaben den Soldaten all ihren Wein.

Und sie wurden von ihnen gepriesen und geehrt.

Da der Wein in den Wagen ein Ende nahm, machten sich die Bauern und Bäuerinnen beim Klange der Schellentrommeln, Quer- und Sackpfeifen wieder auf den Weg, ohne belästigt zu werden. Und frohen Muts gaben die Soldaten ihnen zu Ehren eine Salve Büchsenschüsse ab. Und dergestalt zogen sie in Maestricht ein, wo Ulenspiegel sich mit reformierten Unterhändlern ins Einvernehmen setzte, um der Flotte des Schweigers Schiffe, Waffen und Munition zu senden. Und desgleichen taten sie in Landen. Und als Tagelöhner gekleidet zogen sie allerorten hin.

Dem Herzog ward die Kriegslist kund; und es ward ein Lied darauf gemacht, welches man ihm sandte, und der Kehrreim lautete:

„Blutherzog, Du Tropf,

Hast Du die Braut gesehen?“

Und allemal, wenn er ein falsches Manöver gemacht hatte, sangen die Soldaten:

„Der Herzog ist geblendet,

Er hat die Braut gesehen.“