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Inzwischen brütete König Philipp unheilvollen Trübsinn. In seinem leidenden Hochmut bat er Gott, ihm Macht zu geben, Engelland zu besiegen, Frankreich zu erobern, Mailand, Genua und Venedig zu nehmen und dergestalt als großer Meerbeherrscher über ganz Europa zu regieren.

Dieses Triumphes gedenkend, lachte er nicht.

Es fror ihn beständig; der Wein erwärmte ihn nicht, noch das Feuer von duftendem Holze, das allezeit in dem Gemache, darin er sich aufhielt, brannte. Dieweil er unaufhörlich schrieb und inmitten so vieler Briefe saß, daß man hundert Tonnen damit hätte anfüllen können, gedachte er der allumfassenden Weltherrschaft, wie sie die römischen Kaiser ausgeübt hatten. Er gedachte des eifersüchtigen Hasses wider seinen Sohn Don Carlos, seit dieser an Herzog Albas Stelle nach den Niederlanden hatte gehen wollen, ohne Zweifel, um dort den Versuch zu machen zu regieren; so glaubte er.

Und beim Anblick dieses wilden und bösartigen Verrückten, der häßlich und mißgestalt war, faßte er noch größeren Haß gegen ihn. Doch er redete nicht darüber.

Die, so König Philipp und seinem Sohne Don Carlos dienten, wußten nicht, welchen von beiden sie am meisten fürchten sollten, den behenden, mörderischen Sohn, der seine Diener mit seinen Nägeln zerfleischte, oder den feigen, tückischen Vater, der sich andrer bediente, um zu schlagen, und gleich einer Hyäne von Leichen lebte.

Die Diener erschraken, da sie sie um einander herum schleichen sahen. Und sie sagten, daß in Bälde etwelcher Todesfall im Escurial eintreten würde.

Nun aber erfuhren sie bald, daß Don Carlos wegen Verbrechen des Hochverrats eingekerkert sei. Und sie wußten, daß sich seine Seele in finsterm Groll verzehrte und daß er sich im Gesicht verletzt hatte, als er sich durch die Eisenstäbe seines Gefängnisses zwängen wollte, um zu entfliehen, und daß Madame Isabella von Frankreich unablässig weinte.

Aber König Philipp weinte nicht.

Und es ging das Gerücht, daß man Don Carlos grüne Feigen gegeben und daß er am nächsten Tage gestorben sei, gleich als wäre er eingeschlafen. Die Aerzte sagten: Sobald er die Feigen gegessen hatte, hörte das Blut auf zu pulsen und alle Funktionen des Lebens, wie die Natur sie vorschreibt, waren unterbrochen. Er konnte nicht mehr ausspeien, noch erbrechen, noch irgend etwas aus seinem Körper hinausbringen. Sein Leib schwoll beim Sterben auf.

König Philipp hörte für Don Carlos die Seelenmesse, ließ ihn in der Kapelle seiner königlichen Residenz beisetzen und einen Stein über seinen Leichnam decken; aber er weinte nicht. Und die Diener sprachen untereinander, indem sie mit der prinzlichen Grabschrift, so auf dem Leichenstein stand, ihren Spott trieben:

Hier ruht, der grüne Feigen gegessen;

Er starb und ist nicht krank gewesen.

A qui jaze qui en para desit verdad

Morio sin infirmidad.

Und König Philipp sah die Prinzessin von Eboli, welche verheiratet war, mit begehrlichen Blicken an. Er bat sie um Liebe, und sie gewährte sie ihm.

Madame Isabella von Frankreich, von der man sagte, daß sie des Don Carlos Absichten auf die Niederlande begünstigt habe, ward mager und leidend. Und ihre Haare fielen in großen Strähnen auf einmal aus. Sie hatte oftmals Erbrechen, und die Nägel ihrer Füße und Hände fielen ab. Und sie starb.

Und Philipp weinte nicht.

Die Haare des Prinzen von Eboli fielen gleichfalls aus und er ward traurig und klagte immer. Dann fielen auch die Nägel seiner Füße und Hände ab.

Und König Philipp ließ ihn beisetzen.

Und er bezahlte die Trauer der Witwe und weinte nicht.