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Da der Infant fünfzehn Jahre alt war, streifte er nach seiner Gewohnheit durch die Gänge, Treppenflure und Gemächer des Schlosses. Am häufigsten aber sah man ihn um die Gemächer der Damen umherstreifen, um den Pagen einen Schabernack zu spielen, denn sie lagen gleich ihm auf den Fluren wie Katzen auf der Lauer.
Andere, so im Hofe standen, sangen mit der Nase in der Luft ein zärtliches Lied. Wenn der Infant sie hörte, so trat er an ein Fenster und erschreckte die armen Pagen, welche seine bleiche Larve anstatt der zärtlichen Augen ihrer Schönen erblickten.
Unter den Damen des Hofes war eine holdselige Vlämin aus Dudzeele bei Damm, von hübscher Fülle, eine köstliche reife Frucht und wundersam schön; denn sie hatte grüne Augen und rotes Kraushaar, welches in der Sonne wie Gold gleißte. Von heiterer Laune und feurigem Gemüt, verhehlte sie keinem ihre Neigung für den glücklichen Ritter, dem sie auf ihrem schönen Eigentum das himmlische Privilegium freier Liebe verlieh. Zu der Zeit war es ein hochgemuter, schöner Jüngling, den sie liebte. Alle Tage zur besprochenen Stunde traf sie ihn, welches Philipp zu Ohren kam.
Er setzte sich auf eine Bank, die an einem Fenster stand, und spähte nach ihr aus. Sie ging an ihm vorbei in ihrem Staatskleid von gelbem Brokat, das um sie herrauschte, das Auge voll Leben, den Mund halb geöffnet, munter und frisch dem Bade entstiegen. Da sie den Infanten sah, sagte er zu ihr, ohne sich von seiner Bank zu erheben:
„Señora, könntet Ihr nicht einen Augenblick verweilen?“
Ungeduldig wie eine Stute, die zu dem schönen Hengst rennen will, der auf der Wiese wiehert, und im vollen Lauf aufgehalten wird, sprach sie:
„Hoheit, ein jeder muß hier Eurem fürstlichen Willen gehorchen.“
„Setzet Euch neben mich“, sprach er. Und dieweil er sie lüstern, hart und verschlagen anblickte, fuhr er fort: „Sagt mir das Paternoster auf vlämisch her; man hat es mich gelehrt, doch ich habe es vergessen.“
Die arme Dame mußte also ein Pater hersagen, und er hieß sie es langsamer zu sprechen. Und so zwang er die Ärmste, an die zehn Gebete zu sprechen, wo sie die Stunde für andre Oremus gekommen wähnte. Darnach lobte er sie, sprach von ihren schönen Haaren, ihren lebhaften Farben, ihren hellen Augen. Doch er wagte nicht, ihr etwas über ihre vollen Schultern, ihren runden Busen, noch über andere Dinge zu sagen.
Wie sie nun wähnte, sich beurlauben zu dürfen, und schon in den Hof blickte, wo gewißlich ihr Ritter harrte, forschte er sie aus, ob sie auch wisse, welches die Tugenden der Frau seien. Da sie keinen Bescheid gab, aus Furcht, nicht das rechte zu treffen, sprach er für sie und sagte wie ein Vormund:
„Frauentugenden sind Keuschheit, Sorge um die Ehre und ein sittiges Leben.“
Auch riet er ihr, sich ziemlich zu kleiden, und alles, was ihr zu eigen gehörte, wohl zu verbergen.
Sie nickte bejahend mit dem Kopf und sagte, daß sie sich für seine Allernördlichste Hoheit lieber mit zehn Bärenfellen, denn mit einer Elle Musselin bedecken würde.
Da sie ihn durch diese Antwort verdutzt gemacht hatte, entwich sie mit Freuden.
Jedoch das Feuer der Jugend war auch in der Brust des Infanten entzündet; aber es war nicht das rasche Feuer, das die starken Seelen zu hohen Taten treibt, noch die sanfte Glut, die zärtlichen Herzen Tränen entlockt. Es war eine düstere Lohe, der Hölle entstiegen, allwo sie sonder Zweifel Satan entfacht hatte. Sie glänzte in seinen grauen Augen wie im Winter der Mond auf einem Beinhaus, und brannte ihn grausam.
Da er keine Liebe für die Anderen fühlte, der arme Duckmäuser, wagte er nicht, sich den Damen anzubieten. Dann ging er in einen abgelegenen Winkel, eine kleine, weiß getünchte Kammer, die durch schmale Fenster erleuchtet war, allwo er sein Naschwerk zu verspeisen pflegte. Und die Fliegen kamen in Haufen dorthin um der Krumen willen. Dort liebkoste er sich selbst und zerquetschte ihnen langsam den Kopf an den Scheiben, und tötete sie zu Hunderten, bis seine Finger zu stark zitterten, um sein blutiges Geschäft fortzusetzen. Und er fand eine widrige Lust an dieser grausamen Kurzweil; denn Wollust und Grausamkeit sind zwei schändliche Schwestern. Und er verließ diesen Winkel trauriger denn zuvor, und Männlein und Weiblein flohen, wo sie es vermochten, das Antlitz dieses Prinzen, das so bleich war, als hätte er sich von Wundpilzen genährt.
Und der klägliche Prinz litt, denn böses Herz bringt Schmerz.