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Die schöne holdselige Frau verließ eines Tages Valladolid, um nach ihrem Schlosse Dudzeele in Flandern zu reisen. Da sie nun, von ihrem fetten Kellermeister gefolgt, durch Damm kam, sah sie einen jungen Burschen von fünfzehn Jahren an der Mauer einer Hütte sitzen und den Dudelsack spielen. Vor ihm stand ein rotbrauner Hund, welcher diese Musik nicht liebte und melancholisch heulte. Die Sonne schien hell. Neben dem jungen Gesellen stand ein artig Mägdlein und lachte bei jeglichem Klaggeheul des Hundes.
Da die schöne Dame und der Kellermeister an der Hütte vorbei kamen, betrachteten sie den blasenden Ulenspiegel, die lachende Nele und den heulenden Titus Bibulus Schnuffius.
„Du böser Bube,“ sprach die Dame zu Ulenspiegel, „könntest Du nicht aufhören, diesen armen Hund also zum Heulen zu bringen?“ Aber Ulenspiegel schaute sie an und blies seinen Dudelsack noch tapferer. Und Bibulus Schnuffius heulte noch melancholischer, und Nele lachte noch lauter.
Der Kellermeister geriet in Zorn und sagte zu der Dame, auf Ulenspiegel weisend:
„Wenn ich diese Bettelbrut mit meiner Degenscheide durchfuchtelte, so würde sie aufhören, solch unverschämten Lärm zu machen.“
Ulenspiegel schaute den Kellermeister an, nannte ihn ob seines Bauches Jan Fressack und fuhr fort, auf seinem Dudelsack zu blasen. Der Kellermeister trat auf ihn zu und bedrohte ihn mit der Faust; aber Bibulus Schnuffius stürzte auf ihn los und biß ihm ins Bein. Der Kellermeister fiel vor Angst nieder und schrie:
„Zu Hilfe!“
Lächelnd sprach die Dame zu Ulenspiegel:
„Könntest Du mir nicht sagen, Dudelsackpfeifer, ob der Weg, der von Damm nach Dudzeele führt, nicht verändert ist?“
Ulenspiegel schüttelte den Kopf, ohne im Spielen aufzuhören, und schaute die Dame an.
„Was hast Du, mich so anzustaunen?“ fragte sie.
Doch er, immerdar weiterspielend, riß die Augen auf, als ob er vor Bewunderung schier verzückt wäre.
Sie sprach zu ihm:
„Schämst Du Dich nicht, so jung Du bist, die Damen also anzugaffen?“
Ulenspiegel ward ein wenig rot, blies weiter und sah sie noch mehr an.
„Ich fragte Dich,“ hub sie abermals an, „ob der Weg, der von Damm nach Dudzeele führt, nicht verändert ist?“
„Er grünt nicht mehr, seit Ihr ihn des Glückes beraubt, Euch zu tragen“, erwiderte Ulenspiegel.
„Willst Du mich führen?“ fragte die Dame.
Doch Ulenspiegel blieb sitzen und betrachtete sie unverwandt. Und ob sie ihn gleich als Schalk erkannte, wußte sie, daß sein Spiel nichts als Jugend war, und verzieh ihm gerne. Er erhob sich und wollte ins Haus gehen.
„Wohin gehst Du?“ fragte sie.
„Meine Sonntagskleider anlegen“, erwiderte er.
„Geh“, sagte die Dame.
Alsdann setzte sie sich auf die Bank neben der Schwelle, und der Kellermeister tat wie sie. Sie wollte mit Nele sprechen, die aber antwortete ihr nicht, denn sie war eifersüchtig.
Ulenspiegel kehrte wohlgewaschen und in Barchend gekleidet zurück. Er sah schmuck aus in seinem Sonntagsstaat, der Bursche.
„Gehst Du wirklich mit dieser schönen Dame?“ fragte ihn Nele.
„Ich komme bald wieder“, antwortete Ulenspiegel.
„Soll ich an Deiner statt gehen?“ fragte Nele.
„Nein,“ sprach er, „die Wege sind schmutzig“.
„Mägdlein,“ sprach die Dame erzürnt und gleichfalls eifersüchtig, „warum willst Du ihn hindern, mit mir zu gehen?“
Nele gab ihr keine Antwort, doch große Tränen entquollen ihren Augen, und voll Zorn und Harm sah sie die schöne Dame an. Sie machten sich ihrer Vier auf den Weg, die Dame gleich einer Königin auf ihrem weißen, mit schwarzem Sammet gezäumten Zelter, der Kellermeister, dem der Bauch im Wandern wackelte, Ulenspiegel, der den Zelter der Dame am Zügel führte, und Bibulus Schnuffius, der ihm zur Seite schritt und den Schwanz stets in der Luft trug.
Also ritten und wanderten sie eine Weile, doch Ulenspiegel war nicht guter Dinge. Stumm wie ein Fisch zog er den feinen Benzoeduft ein, der von der Dame ausging, maß von der Seite all ihre schönen Nesteln, seltenen Kleinodien und Zierarten, desgleichen ihr holdes Angesicht, ihre glänzenden Augen, ihre bloße Brust und die Haare, die in der Sonne gleich einer Goldhaube schimmerten.
„Weshalb bist Du so wortkarg, Bube?“ fragte sie.
Er gab keine Antwort.
„Du hast doch nicht so ganz die Zunge in den Schuhen stecken, daß Du mir nicht eine Botschaft ausrichten könntest?“
„Laßt hören“.
„Du mußt mich hier lassen und nach Koolkerke gehen, nach der Leeseite, und einem Edelmann, welcher halb schwarz und halb rot gekleidet ist, bestellen, er möge mich heut nicht erwarten. Doch am Sonntag um zehn Uhr Nachts, da soll er durch das Ausfallspförtchen in mein Schloß kommen“.
„Ich werde nicht gehen“, sprach Ulenspiegel.
„Warum nicht?“ fragte die Dame.
„Nein, ich gehe nicht“, sagte Ulenspiegel zum andren Mal.
Die Dame sprach zu ihm:
„Du kleiner zorniger Hahn, was flößt Dir solchen trotzigen Willen ein?“
„Ich werde nicht gehen“, sprach Ulenspiegel.
„Wenn ich Dir einen Gülden gäbe?“
„Nein“.
„Einen Dukaten?“
„Nein“.
„Einen Karolustaler?“
„Nein“, sagte Ulenspiegel abermals. „Und dennoch“, fügte er mit Seufzen hinzu, „hätt’ ich ihn lieber denn eine Muschelschale in meiner Mutter Geldkatze“.
Die Dame lächelte, dann rief sie mit einem Male:
„Ich habe meine schöne und kostbare Gürteltasche verloren, aus starrer Seide und mit feinen Perlen bestickt. In Damm hing sie noch an meinem Gürtel.“
Ulenspiegel rührte sich nicht, doch der Kellermeister trat herzu.
„Herrin,“ so sprach er, „schickt nicht diesen jungen Spitzbuben auf die Suche danach, denn Ihr sähet ihn niemals wieder“.
„Und wer wird also gehen?“
„Ich,“ antwortete er, „meinen hohen Jahren zum Trotz.“ Und er ging von dannen.
Es läutete Mittag, die Hitze war groß, tief die Einsamkeit. Ulenspiegel sagte kein Wörtlein, doch er zog sein neues Wams aus, auf daß sich die Dame im Schatten einer Linde setzen könnte, ohne die Kühle des Grases zu fürchten. Er aber blieb seufzend neben ihr stehen.
Sie blickte ihn an, und es erbarmte sie des schüchternen Knaben. Sie fragte ihn, ob er es nicht müde sei, so auf seinen allzu jungen Beinen zu stehen. Er erwiderte kein Wörtlein, und als er sich neben sie niederfallen ließ, wollte sie ihn auffangen und zog ihn auf ihre nackte Brust; da blieb er so gern liegen, daß sie vermeint hätte, die Sünde der Grausamkeit zu begehen, wenn sie ihm ein ander Schlummerkissen angewiesen hätte.
Indeß der Kellermeister kam zurück und vermeldete, er habe die Gürteltasche nicht gefunden.
„Ich fand sie selbst wieder,“ entgegnete die Dame, „da ich vom Pferde stieg, denn wie ich sie loshakte, war sie am Steigbügel hangen geblieben. Jetzo geleite uns nach Dudzeele,“ gebot sie Ulenspiegel, „und sage mir, wie du heißest“.
„Mein Schutzpatron ist der heilige Herr Thylbert, das bedeutet, leichtfüßig, um den guten Dingen nachzulaufen. Mein Vater heißt Klas und mich heißen sie Ulenspiegel. So Ihr Euch in meinem Spiegel betrachten wollt, werdet Ihr merken, daß in diesem ganzen Lande Flandern keine Blume von so blendender Schönheit ist wie Eure duftende Anmut“.
Die Dame errötete vor Vergnügen und war Ulenspiegel nicht gram.
Und Soetkin und Nele weinten ob seines langen Verweilens.