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Da Ulenspiegel von Dudzeele heimkehrte, sah er vor der Stadt Nele an einem Zaun lehnen. Sie pflückte von einer blauen Weintraube die Beeren ab und biß eine nach der andern durch. Sonder Zweifel war ihr solches eine Erfrischung und Ergötzung, doch sie ließ kein Vergnügen erkennen. Sie schaute im Gegenteil bös drein und riß die Beeren zornig von der Traube. Sie war so voller Harm und hatte solch betrübtes, trauriges und holdseliges Antlitz, daß Ulenspiegel von verliebtem Mitleid erfaßt ward. Er trat vergnügt hinter sie und gab ihr einen Kuß auf den Nacken. Sie aber verabreichte ihm als Gegengabe eine tüchtige Maulschelle.
„Ich sehe darum nicht klarer“, sprach Ulenspiegel.
Sie weinte und schluchzte.
„Nele,“ sprach er, „willst Du jetzo Springbrunnen am Eingang der Dörfer errichten?“
„Geh Deiner Wege“, gebot sie.
„Ich kann doch nicht gehen, wenn Du also weinst, Liebchen.“
„Ich bin kein Liebchen und ich weine nicht“, sprach Nele.
„Nein, Du weinst nicht, doch es kommt gleichwohl Wasser aus Deinen Augen.“
„Willst Du wohl fortgehen?“
„Nein,“ sprach er.
Derweil faßte sie ihre Schürze mit ihren zitternden Händlein und zerriß sie in Fetzen, und Tränen flossen darauf und benetzten sie.
„Nele,“ fragte Ulenspiegel, „wird bald schön Wetter?“
Und er blickte sie mit gar verliebtem Lächeln an.
„Warum fragst Du mich also?“ sprach sie.
„Weil, wenn es schön ist, es nicht regnet.“
„Geh fort zu Deiner schönen Dame im Brokatkleid, die hast Du ja genugsam zum Lachen gebracht.“
Da sang Ulenspiegel:
„Seh’ ich mein Liebchen weinen,
Zerreißt es mir das Herz.
Ist Honig, wenn sie scherzt,
Sind Perlen ihre Tränen.
Ich lieb’ sie alleweil
Und spend’ uns einen Trunk
Vom guten Wein von Löwen,
Wenn Nele lächeln will.“
„Schlechter Mann, Du spottest mein noch!“
„Nele,“ sprach Ulenspiegel, „ich bin ein Mann, doch kein schlechter Bürgerlicher, denn unser edles Geschlecht aus Schöffenstand hat drei silberne Kannen auf einem Grunde von Braunbier. Nele, ist’s wahr, daß man im Lande Flandern, wenn man Küsse säet, Maulschellen erntet?“
„Ich will Dir nicht Rede stehen,“ sprach Nele.
„Warum öffnest Du alsdann den Mund, es mir zu sagen?“
„Ich bin bös“, sprach sie.
Ulenspiegel gab ihr einen leichten Schlag in den Rücken und sagte:
„Küßt die Magd, so schlägt sie Euch, schlagt die Magd, so salbt sie Euch. Salbe mich also Liebchen, da ich Dich schlug.“
Nele wandte sich um. Er tat die Arme auf, und sie warf sich, noch weinend, hinein und sprach:
„Du gehst nimmer mehr dorthin, nicht wahr, Thyl?“
Doch er gab keine Antwort, denn er mußte ihre armen zitternden Finger drücken und mit seinen Lippen ihre heißen Zähren abtrocknen, welche gleich den großen Tropfen eines Gewitterregens aus Neles Augen fielen.