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Am folgenden Tage marschierte Ulenspiegel an der Leye, dem klaren Fluß entlang auf Kortrijck.

Lamm wanderte kläglichen Mutes.

Ulenspiegel sprach zu ihm:

„Du stöhnst, Mattherziger, und sehnst Dich nach deinem Weibe, das Dir die gehörnte Krone des Hahnreis aufsetzte.“

„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie war mir allzeit getreu und liebte mich genug, wie ich sie allzu sehr liebte, mein süßer Jesus. Eines Tages, da sie nach Brügge gegangen war, kam sie schier verwandelt zurück. Von jener Zeit an sagte sie zu mir, wenn ich sie um Liebe bat:

„Ich muß als Freundin mit Dir leben, nicht anders.“

Darauf entgegnete ich mit Trauer im Herzen:

„Liebes Herz, wir wurden vor Gott getraut. Habe ich nicht alles für Dich getan, was Du wolltest? Hab ich nicht manches Mal ein Wams aus schwarzem Linnen und einen Mantel aus Barchent angelegt, um Dich trotz der königlichen Verordnungen in Seide und Brokat gekleidet zu sehen? Liebchen, liebst Du mich nicht mehr?“

„Ich liebe Dich, wie Gott und seine Gebote, wie die heilige Disziplin und Pönitenz es vorschreiben. Ich werde Dir gleichwohl eine tugendsame Gefährtin sein.“

„Was schiert mich Deine Tugend,“ antwortete ich. „Dich will ich, Dich, mein Weib.“

Sie schüttelte den Kopf:

„Ich weiß, daß Du gut bist. Bis heute warst Du der Koch im Haus, um mir die Mühe der Kochkunst zu ersparen. Du bügeltest unsere Leintücher, Krausen und Hemden, dieweil die Bügeleisen zu schwer für mich waren. Du wuschest unsre Wäsche, Du kehrtest das Haus und die Gasse vor der Tür, um mir jegliche Beschwer zu ersparen. Jetzo will ich statt Deiner schaffen, aber nichts weiter, lieber Mann.“

„Das ist mir einerlei,“ antwortete ich. „Ich werde wie zuvor Deine Kammerfrau, Deine Büglerin, Köchin und Wäscherin sein, Dein leibeigner, unterwürfiger Sklave; aber, Frau, trenne nicht diese beiden Herzen und Leiber, die eins waren, zerreiße nicht dies holde Band der Liebe, das uns so zart verknüpfte.“

„Es muß sein,“ antwortete sie.

„Wehe,“ sprach ich, „hast Du in Brügge diesen harten Entschluß gefaßt?“

Sie antwortete:

„Ich habe vor Gott und seinen Heiligen geschworen.“

„Wer hat Dich denn zum Schwur gezwungen,“ schrie ich, „Deine Pflichten als Frau nicht zu erfüllen?“

„Der, so den Geist Gottes in sich hat und mich unter die Zahl seiner Büßerinnen aufnimmt,“ sagte sie.

„Von Stund’ an hörte sie auf, mein zu sein, gleich als wäre sie die getreue Frau eines Andern gewesen. Ich flehete sie an, quälte, drohte, weinte, bat. Aber umsonst. Eines Abends, bei der Heimkehr von Blankenberghe, wohin ich gegangen war, um den Zins einer meiner Pachtungen einzunehmen, fand ich das Haus leer. Ohne Zweifel meines Flehens müde, böse und trübselig über meinen Kummer, war mein Weib entflohen. Wo weilt sie nun?“

Und Lamm setzte sich ans Ufer der Leye, senkte den Kopf und schaute das Wasser an.

„Ach,“ sprach er, „Liebchen, wie fett, zart und reizend warst Du! Werde ich jemals ein Hühnchen wie Dich wiederfinden? Werde ich nie mehr von Dir, Hausmannskost der Liebe, essen? Wo sind Deine Küsse, balsamisch wie Thymian? Dein lieblicher Mund, von dem ich Freude pflückte wie die Biene den Honig von der Rose; Deine weißen Arme, die mich kosend umschlangen? Wo ist Dein klopfendes Herz, deine runde Brust und der reizende Schauer Deines Feenleibes, der nach Liebe girrte? Ja wo sind Deine alten Wellen, Du kühler Fluß, der Du Deine neuen so lustig in der Sonne rollst?“