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Als sie am Walde von Peteghem vorbeikamen, sprach Lamm zu Ulenspiegel:
„Ich brate, laß uns Schatten suchen.“
„Sei es,“ antwortete Ulenspiegel.
Sie setzten sich im Walde aufs Gras und sahen ein Rudel Hirsche an sich vorbeiziehen.
„Sieh genau hin, Lamm,“ sprach Ulenspiegel, indem er seine deutsche Büchse lud, „hier sind die Kapitalhirsche, so noch ihr Hirschgeschrötte haben und stolz ihr neunendiges Geweih tragen; zierliche Spießer, ihre Schildknappen, traben ihnen zur Seite, bereit, ihnen mit ihrem spitzen Gehörn zu Hilfe zu kommen. Sie gehen nach ihrem Lager. Drehe das Radschloß der Büchse, wie ich es mache. Feure! Der Kapitalhirsch ist krank geschossen. Ein Spießer ist aufs Blatt getroffen; er flieht. Ihm nach, bis er stürzt. Mach’s wie ich; laufe, springe und fliege.“
„Das ist ein Stücklein meines närrischen Freundes,“ sagte Lamm, „den Hirschen im vollen Lauf zu folgen. Flieg nicht ohne Flügel, das ist verlorne Müh. Du wirst sie nicht einholen. O, über den grausamen Gefährten! Glaubst Du, daß ich so behende sei, wie Du? Ich schwitze, mein Sohn, ich schwitze und werde fallen. Wenn der Förster Dich abfaßt, wirst Du gehenkt werden. Der Hirsch ist des Königs Wild. Laß sie laufen, mein Sohn, Du wirst sie nicht fangen.“
„Komm,“ sprach Ulenspiegel. „Hörst Du das Krachen seines Geweihs im Gebüsch, gleichwie ein dahinziehender Wirbelwind? Siehst Du die jungen, abgebrochenen Zweige, die Blätter, die den Boden bedecken? Diesmal hat er noch eine Kugel aufs Blatt gekriegt. Wir werden ihn verspeisen.“
„Er ist noch nicht gekocht,“ sprach Lamm. „Laß die armen Tiere laufen. Ach, wie heiß ist es! Ich werde hier gewißlich fallen und nicht wieder aufstehen.“
Plötzlich erfüllten zerlumpte, gewaffnete Männer von allen Seiten den Wald. Hunde bellten und stürzten sich auf die Fährte der Hirsche.
Vier wilde Männer umringten Lamm und Ulenspiegel und führten sie auf eine Lichtung inmitten eines Dickichts. Dort sahen sie unter Weibern und Kindern, die da lagerten, Männer in großer Zahl, mit Degen, Armbrüsten, Büchsen, Lanzen, Spießen und Reiterpistolen auf mancherlei Weise bewaffnet.
Da Ulenspiegel sie erblickte, sagte er:
„Seid Ihr Buschklepper oder Waldbrüder, da Ihr hier in Gemeinschaft zu leben scheint, um die Verfolgung zu fliehen?“
„Wir sind Waldbrüder,“ antwortete ein Greis, der neben dem Feuer saß und etliche Vögel in einem irdenen Tiegel schmorte. „Aber wer bist Du?“
„Ich bin aus dem schönen Lande Flandern,“ antwortete Ulenspiegel, „Maler, Bauer, Edelmann, Bildschnitzer, alles miteinander. Und solchergestalt lustwandle ich durch die Welt, lobe schöne und gute Dinge und spotte der Dummheit mit keckem Schnabel.“
„Wenn Du so viele Länder gesehen hast,“ sagte der alte Mann, kannst Du „Schild ende Vriendt,“ Schild und Freund, auf Genter Art aussprechen; wenn nicht, so bist Du ein falscher Vläme und mußt sterben.“
Ulenspiegel sprach: Schild ende Vriendt.
„Und Du, Dickwanst,“ fragte der alte Mann, zu Lamm redend, „was ist Dein Gewerbe?“
Lamm antwortete:
„Meine Ländereien, Pachthöfe, Meiereien und Güter aufzuessen und zu vertrinken, mein Weib zu suchen und meinem Freund Ulenspiegel allerorten zu folgen.“
„Wenn Du soviel gereist bist,“ sagte der alte Mann, „so mußt Du wissen, wie man die Leute aus Weert in Limburg heißt.“
„Das weiß ich nicht,“ antwortete Lamm; „aber wisset Ihr mir nicht den Namen des schändlichen Schuftes, der meine Frau aus dem Hause trieb? Fangt ihn mir, ich werde ihn stracks umbringen.“
Der Alte erwiderte: „Zwei Dinge gibt’s in dieser Welt, die einmal entflohen, nimmer zurückkehren: das ist ausgegebenes Geld und ein Weib, das seines Mannes überdrüssig davonfliegt.“
Dann redete er zu Ulenspiegel:
„Weißt Du, wie man die Leute von Weert in Limburg heißt?“
„Raekstekers, Rochenbeschwörer,“ antwortete Ulenspiegel, „maßen einstmals ein lebendiger Roche von einem Fischerkarren gefallen war und die alten Weiber ihn für den Teufel hielten, da sie ihn springen sahen. „Lasset uns den Pfarrer holen, um den Rochen zu exorzieren,“ sprachen sie. Der Pfarrer trieb den Teufel aus, nahm den Rochen mit nach Hause und machte ein leckeres Gericht davon, den Weertern zu Ehren. So tue Gott mit dem Blutkönig.“
Indes widerhallte der Wald vom Gebell der Hunde. Bewaffnete, die im Gehölz umherliefen, schrieen, um das Wild aufzuscheuchen.
„Das ist der Hirsch und der Spießer, die ich angeschossen habe,“ sagte Ulenspiegel.
„Wir werden ihn essen,“ sagte der Alte. „Aber wie nennt man die Leute aus Eindhoven in Limburg?“
„Pinnenmakers, Riegelmacher,“ antwortete Ulenspiegel. „Einst, da der Feind vor dem Stadttor war, verriegelten sie es mit einer Mohrrübe. Und die Gänse kamen und fraßen die Rübe mit heftigen Bissen ihrer gierigen Schnäbel und die Feinde drangen in Eindhoven ein. Aber es werden eiserne Schnäbel sein, die die Riegel der Kerker verzehren, darinnen man das freie Gewissen einsperren will.“
„So Gott für uns ist, wer kann wider uns sein!“ sagte der Alte.
Ulenspiegel sprach: „Hundegebell, Menschengeheul und krachende Zweige: es ist ein Sturm im Walde.“
„Ist Hirschfleisch gutes Fleisch?“ fragte Lamm, die Gerichte betrachtend.
„Das Geschrei der Treiber kommt näher,“ sprach Ulenspiegel zu Lamm; „die Hunde sind ganz nahe. Welch ein Donnern! Der Hirsch! Der Hirsch! Achtung, mein Sohn! Pfui, das garstige Tier! Es hat meinen dicken Freund mitten unter Pfannen, Tiegel, Töpfe, Feldkessel und Schmorfleisch auf die Erde geworfen. Siehe, die Frauen und Mädchen entfliehen, von Schrecken betört. Blutest Du, mein Sohn?“
„Du lachst, Taugenichts,“ sagte Lamm. „Ja, ich blute, er hat mir sein Geweih ins Gesäß gerannt. Da sieh, wie meine Hose zerrissen ist und mein Fleisch desgleichen. Und all die schönen Gerichte liegen am Boden. Sieh, ich verliere all mein Blut durch den Strumpf.“
„Dieser Hirsch ist ein fürsorglicher Wundarzt. Er bewahrt Dich vor dem Schlagfluß,“ antwortete Ulenspiegel.
„Pfui über Dich herzlosen Taugenichts,“ sagte Lamm. „Aber ich werde Dir nicht mehr folgen. Ich werde hier unter diesen guten Männern und Frauen bleiben. Wie kannst Du sonder Scham gegen meine Schmerzen so hart sein, wenn ich Dir wie ein Hund durch Schnee, Frost, Regen, Hagel und Wind auf den Fersen folge und in der Hitze mir die Seele aus der Haut schwitze!“
„Deine Wunde hat nichts auf sich; leg einen Ölkuchen darauf, das wird ein leckeres Pflaster sein,“ entgegnete Ulenspiegel. „Aber weißt Du, wie die Leute aus Löwen heißen? Du weißt es nicht, armer Freund. Wohlan, ich will es Dir sagen, um Dich am Stöhnen zu hindern. Sie heißen koeye-schieters, Kuhschützen, denn sie waren einstmals so dumm, auf Kühe zu zielen, die sie für feindliche Soldaten hielten. Wir aber, wir zielen auf die hispanischen Böcke; ihr Fleisch ist stinkend, aber die Haut ist gut, Trommeln daraus zu machen. Und die von Tirlemont? Weißt Du das? Ebensowenig. Sie tragen den ruhmvollen Beinamen kirekers. Denn bei ihnen fliegt am Pfingsttage im Dom eine Ente vom Chor auf den Altar, und das ist das Abbild ihres Heiligen Geistes. Leg einen Krapfen auf Deine Wunde. Du hebst die Töpfe und Gerichte, die der Hirsch umstieß, schweigend auf. Das ist Eifer für die Kochkunst. Du zündest das Feuer wieder an, setzest den Suppenkessel wieder auf seinen Dreifuß und befassest Dich gar sorglich mit dem Kochen. Weißt Du, warum es in Löwen vier Wunder gibt? Nein. Ich will es Dir sagen. Erstlich, weil die Lebenden dort unter den Toten gehn, denn die Kirche Sankt Michael ist neben das Stadttor gebaut. Es folgt daraus, daß der Kirchhof darüber ist. Zweitens weil die Glocken dort außer den Türmen sind, wie an der Sankt-Jakobs-Kirche zu sehen ist. Dort ist eine große und eine kleine Glocke; dieweil die kleine im Glockenturm keinen Platz fand, hat man sie nach außen gehängt. Drittens wegen des Altars außerhalb der Kirche; denn die Vorderseite von Sankt-Jakob gleicht einem Altar. Viertens wegen des Turms ohne Nägel, sintemalen die Turmspitze von Sankt-Gertrudis aus Stein anstatt aus Holz gebaut ist und man die Steine nicht nagelt, ausgenommen das Herz des Blutkönigs, das ich über das große Tor von Brüssel nageln möchte. Doch Du hörst mir nicht zu. Ist kein Salz in der Brühe? Weißt Du, warum die von Termonde die Bettwärmer, de vierpannen genannt werden? Es sollte ein junger Prinz im Winter in der Herberge zum „Wappen von Flandern“ nächtigen, und der Wirt wußte nicht, wie er die Leintücher wärmen sollte, denn es fehlte an einem Bettwärmer. Er ließ das Bett durch sein junges Töchterlein erwärmen, das eilends davonlief, da es den Prinzen kommen hörte; und der Prinz fragte, warum man den Bettwärmer nicht darinnen gelassen habe. Gott gebe, daß Philipp, in einen Kasten von glühendem Eisen gesperrt, im Bett der Frau Astarte als Bettwärmer diene.“
„Laß mich in Ruhe,“ sagte Lamm; „ich lache über Dich, Deine vierpannen, den Turm ohne Nägel und die andern Possen. Laß mich bei meiner Brühe.“
„Hüte Dich,“ sprach Ulenspiegel. „Das Gebell ertönt ohn Unterlaß; es wird stärker, die Hunde heulen, das Jagdhorn erklingt. Nimm Dich vor dem Hirsch in Acht. Du fliehst. Das Jagdhorn tönt.“
„Das ist das Halali,“ sagte der Alte. „Kehre zu Deinen Gerichten zurück, Lamm, der Hirsch ist zur Strecke gebracht.“
„Das soll uns eine gute Mahlzeit sein,“ sprach Lamm. „Ihr müsset mich zum Schmaus laden, um der Mühe willen, die ich mir für Euch gebe. Die Tunke der Vögel wird gut sein, nur knirscht sie etwas: das macht der Sand, auf den sie gefallen sind, da dieser große Teufel von Hirsch mir beides, Wams und Fleisch zerriß. Aber fürchtet Ihr nicht die Förster?“
„Wir sind unsrer zu viele,“ entgegnete der Alte; sie haben Furcht und stören uns nicht. Desgleichen die Häscher und Richter. Die Städter lieben uns, denn wir tun nichts Böses. Wir werden noch etliche Zeit in Frieden leben, es sei denn, daß das hispanische Heer uns einschließt. So das geschieht, werden wir, alte und junge Männer, Frauen, Mädchen, Büblein und Dirnlein, unser Leben teuer verkaufen und uns lieber untereinander töten, denn unter der Hand des Blutherzogs tausendfache Marter leiden.“
Ulenspiegel sagte:
„Es ist nicht mehr an der Zeit, den Henker zu Land zu bekämpfen. Auf dem Meer müssen wir seine Macht vernichten. Gehet nach den Inseln von Zeeland über Brügge, Heyst und Knocke.“
„Wir haben kein Geld,“ sprachen sie.
Ulenspiegel versetzte:
„Hier sind tausend Karolus im Auftrag des Prinzen. Gehet längs der Wasserläufe, Kanäle, Ströme und Flüsse. So Ihr Schiffe erblickt, die das Zeichen J-H-S tragen, soll einer unter Euch gleich einer Lerche singen. Hahnenschrei wird ihm antworten. Und Ihr werdet in Freundesland sein.“
„So werden wir tun,“ sagten sie.
Bald erschienen die Jäger, die den erlegten Hirsch an Stricken schleppten, die Hunde hinterdrein.
Alsbald setzten sich alle im Kreise ums Feuer. Es waren ihrer wohl sechzig, Männer, Frauen und Kinder. Das Brot ward aus den Ranzen und die Messer aus den Scheiden gezogen, der Hirsch abgedeckt, zerlegt und ausgenommen und mit kleinerem Wildpret an den Spieß gesteckt. Und am Ende der Mahlzeit sah man Lamm schnarchend, den Kopf auf die Brust gesenkt und an einen Baum lehnend.
Bei sinkender Nacht krochen die Waldbrüder in unterirdische Hütten, um zu schlafen; und Lamm und Ulenspiegel taten desgleichen.
Bewaffnete hielten Wacht und beschützten das Lager. Und Ulenspiegel hörte die dürren Blätter unter ihren Füßen rascheln.
Am andern Tage ging er mit Lamm von dannen, indes die aus dem Lager zu ihm sagten:
„Gesegnet seiest Du; wir werden nach dem Meere gehen.“