36
Auf freiem Felde schüttelte er sich gleichwie ein Vogel oder ein losgelassener Hund, und sein Herz ward wieder guten Mutes angesichts der Bäume, der Wiesen und der hellen Sonne.
Wie er nun während dreier Tage gewandert war, kam er in die Gegend von Brüssel, in die mächtige Gemeinde von Uccle. Als er vor dem Wirtshaus zur Trompete vorbeikam, ward er durch einen himmlischen Duft von Fleischgerichten angelockt. Er fragte einen kleinen Betteljungen, welcher, die Nase nach dem Winde richtend, sich am Wohlgeruch der Tunke ergötzte, wem zu Ehren sich dieser festliche Weihrauch gen Himmel erhöbe. Der aber antwortete, daß die Brüder vom guten Vollmondsgesicht sich nach der Vesper hier versammelten, um die Befreiung der Gemeinde durch die Frauen und Mägdlein von einstmals zu feiern.
Ulenspiegel sah von fern eine Stange mit einem Papageien darauf und ringsumher mit Bögen bewaffnete Weiber. Er fragte, ob die Frauen jetzo zu Bogenschützen würden.
Der Betteljunge, welcher den Duft der Tunke einsog, antwortete, daß zur Zeit des guten Herzogs die nämlichen Bogen in den Händen der Frauen von Uccle mehr denn hundert Räuber vom Leben zum Tode gebracht hätten.
Ulenspiegel wollte mehr davon wissen, doch der Bube sagte, er hätte solchen Hunger und Durst, daß er nicht mehr sprechen würde, es sei denn, daß Ulenspiegel ihm einen Heller für Essen und Trinken gäbe. Ulenspiegel tat es aus Mitleid.
Sobald der Bettler den Heller hatte, drang er ins Wirtshaus zur Trompete wie der Fuchs in den Hühnerstall und kam im Triumphe zurück, in der Hand eine halbe Wurst und einen dicken Laib Brot.
Plötzlich vernahm Ulenspiegel ein sanftes Getön von Schellentrommeln und Bratschen und sah eine große Schar Frauen tanzen und unter ihnen ein schönes Weib, das eine güldene Kette um den Hals trug.
Der Betteljunge, der vor sattem Behagen lachte, erzählte Ulenspiegel, daß dieses junge schöne Weib die Königin des Bogenschießens sei und Mietje hieße und die Ehefrau Seiner Ehren des Herrn Renonckel, des Gemeindeschöffen wäre. Dann begehrte er von Ulenspiegel sechs Heller Trinkgeld, und dieser gab sie ihm. Nachdem er also gegessen und getrunken, setzte sich der Bettler in die Sonne und stocherte sich die Zähne mit den Nägeln. Da die Bognerinnen Ulenspiegel in seinem Pilgerkleid erblickten, begannen sie in der Runde um ihn zu tanzen und sprachen:
„Guten Tag, schöner Pilger, kommst Du von weit her, Du junger Fant?“
„Ich komme aus Flandern, dem schönen Lande, das Überfluß an verliebten Mägdlein hat“.
Und er gedachte schwermütig an Nele.
„Was war Dein Verbrechen?“ fragten sie und hörten mit Tanzen auf.
„Ich würde nicht wagen es zu beichten, so groß ist es. Aber ich habe andere Dinge an mir, die auch nicht klein sind.“
Da lachten die Weiber und stellten Fragen, warum er solcherart mit dem Pilgerstab, dem Bettelsack und dem Muschelhut reisen müßte.
„Dieweil ich gesagt habe,“ erwiderte er, ein wenig lügend, „daß die Seelenmessen für die Priester von Nutzen sind.“
„Sie bringen ihnen klingendes Geld, aber sie sind den Seelen im Fegefeuer von Nutzen.“
„Ich war nicht dort“, antwortete Ulenspiegel.
„Willst Du mit uns essen, Pilger?“ sprach die liebreizendste der Schützinnen zu ihm.
„Ich will mit Euch essen,“ sagte er, „Dich essen und alle, eine nach der andern, denn Ihr seid Bissen für einen König, köstlicher zu beißen denn Fettammern, Drosseln und Schnepfen.“
„Gott möge Dich ernähren;“ sprachen sie, „das ist ein unbezahlbares Wildpret.“
„Wie Ihr Schönen alle“, erwiderte er.
„Wahrlich, aber wir sind nicht zu verkaufen.“
„Doch zu geben?“ fragte er.
„Ja,“ sagten sie, „Schläge für die Allzudreisten. Und wenn Du deren bedarfst, werden wir Dich wie einen Haufen Korn schlagen.“
„Ich verzichte darauf.“
„Komm essen“, sagten sie.
Er folgte ihnen in den Hof der Herberge, gar froh, diese frischen Gesichter um sich zu sehen. Plötzlich sah er mit großem Gepränge, mit Fahne, Trompete, Flöte und Tambourin, die Brüder vom guten Vollmondsgesicht in den Hof einziehen, welche dem lustigen Namen ihrer Bruderschaft alle Ehre machten. Da sie ihn neugierig betrachteten, sagten die Frauen zu ihnen, es sei ein Pilgrim, den sie am Wege aufgelesen, und da sie an ihm ein gutes Vollmondsgesicht gewahrt hätten, gleich dem ihrer Gatten und Bräutigame, so hätten sie ihn geladen, an ihren Lustbarkeiten teilzunehmen.
Die Männer fanden gut, was sie sagten, und der Eine sprach:
„Wallender Pilger, willst Du mit uns durch Tunke und Fleischgerichte pilgern?“
„Ich werde Siebenmeilenstiefel dabei anlegen“, sprach Ulenspiegel.
Da er sich anschickte, mit ihnen in den Festsaal zu treten, gewahrte er auf der Straße nach Paris zwölf wandernde Blinde. Da sie an ihm vorüber zogen und über Hunger und Durst klagten, sagte Ulenspiegel zu sich, daß sie diesen Abend wie Könige tafeln sollten, auf Kosten des Dechanten von Uccle, zur Erinnerung an die Seelenmessen.
Er ging zu ihnen und sprach:
„Hier sind neun Gulden, kommt essen. Riecht ihr den Duft der Fleischgerichte?“
„Ach“, sprachen sie, „seit einer halben Meile sonder Hoffnung.“
„Da ihr jetzt neun Gulden habt, so werdet ihr essen“, sagte Ulenspiegel, aber er gab ihnen keine.
„Gesegnet seiest Du“, sprachen sie.
Und von Ulenspiegel geführt, setzten sie sich im Kreise um einen kleinen Tisch, dieweil die Brüder vom Guten Vollmondsgesicht sich nebst ihren Weibern und Mädchen um einen großen niederließen.
Indem sie sich mit Sicherheit im Besitz von neun Gulden wähnten, sprachen die Blinden hochmütig: „Wirt, gib uns vom Besten, was Du hast, zu essen und zu trinken.“
Der Wirt, der von neun Gulden hatte sprechen hören, meinte, daß sie in ihren Geldbeuteln wären, und fragte nach ihrem Begehr.
Darauf schrieen sie alle zumal:
„Erbsen mit Speck, ein Geschmortes von Rind, Kalb, Hammel und Huhn. / Sind die Würste für die Hunde gemacht? / Wer hat beim Vorbeigehen Blut- und Weißwürste gewittert, ohne sie beim Kragen zu nehmen? Ach, ich sah sie, da meine armen Augen mir noch als Leuchten dienten. / Wo sind die Pfannkuchen mit Anderlechter Butter? Sie zischen im Ofen, saftig, kraß und erzeugen Durst, Kannen hinunterzugießen. / Wer wird mir Schinken mit Eiern oder Eier mit Schinken, diese zärtlichen, brüderlichen Freunde des Gaumens, unter die Nase halten? / Wo seid ihr himmlischen Choesels, das stolze Fleisch, das inmitten von Nieren, Hahnenkämmen, Kalbsmilch, Ochsenschwänzen, Hammelfüßen und viel Zwiebeln, Pfeffer, Nelke und Muskat herumschwimmt? Das Ganze gedämpft und drei Kannen Weißwein als Tunke? / Wer führt euch zu mir, ihr herrlichen Leberwürste, die Ihr so gut seid, daß Ihr kein Wort sagt, wenn man Euch verschlingt? Ihr kommt geradenwegs aus Schlaraffenland, dem fetten Lande der glücklichen Bärnhäuter und der Schlecker unerschöpflichen Tunken. Doch wo seid Ihr, dürre Blätter der letzten Herbste? / Ich will eine Hammelkeule mit dicken Bohnen. / Mir Schweinsfähnlein, das sind ihre Ohren. / Mir einen Rosenkranz von Fettammern; die Paternoster daran müssen Schnepfen sein und ein fetter Kapaun das Kredo.“
Der Wirt erwiderte geruhig:
„Ihr sollt einen Eierkuchen von sechzig Eiern kriegen, und als Wegweiser für eure Löffel fünfzig Blutwürste, dampfend auf diesen Berg von Nahrung aufgepflanzt, und dobbel Peterman obenauf: das wird der Fluß sein.“
Das Wasser lief den armen Blinden im Munde zusammen und sie sagten:
„Trag uns den Berg, den Wegweiser und den Fluß auf.“
Und die Brüder vom guten Vollmondsgesicht samt ihren Weibern, die mit Ulenspiegel schon zu Tische saßen, sagten, daß dies für die Blinden der Tag des unsichtbaren Schmausens sei und daß die Armen dermaßen die Hälfte ihres Vergnügens einbüßten.
Da der Eierkuchen kam, mit Petersilie und Kapuzinerkresse bestreut und vom Wirt und vier Köchen getragen, wollten sich die Blinden hineinstürzen und fuhren bereits mit den Fingern hinein, doch der Wirt legte nicht ohne Mühe einem jeden sein Teil in seinen Eßnapf.
Die Bognerinnen waren gerührt, da sie sahen, wie jene sich vollstopften und dabei vor Behagen schnoben; denn sie hatten gewaltigen Hunger und verschluckten die Würste wie Austern. Der dobbel Peterman floß in ihre Mägen gleichwie Wasserfälle, die von den Bergen hinabstürzen.
Da sie ihre Näpfe geleert hatten, verlangten sie abermals Pfannkuchen, Fettammern und neue Fleischgerichte. Der Wirt trug ihnen nun eine große Schüssel mit Ochsen-, Kalb- und Hammelknochen auf, welche in einer guten Tunke schwammen, legte ihnen aber nicht vor.
Da sie aber ihr Brot und ihre Hände bis an die Ellenbogen in die Brühe getunkt hatten und nur etliche Rippen, Kalbsknochen und eine Hammelkeule, ja sogar ein paar Ochsenkinnbacken erwischten, da wähnten sie männiglich, daß die Nachbarn das ganze Fleisch hätten, und schlugen einander wütend mit den Knochen ins Antlitz.
Wie nun die Brüder vom guten Vollmondsgesicht sie weidlich verlacht hatten, legten sie einen Teil ihres Festmahls mildtätig auf die Teller der Armen, und wer von ihnen einen Knochen für den Kampf suchte, legte die Hand auf eine Drossel, ein Hühnchen oder etliche Lerchen. Derweil hielten die Frauen ihnen den Kopf hintenüber und gossen ihnen Brüsseler Wein in Menge hinunter. Und wenn sie nach Art der Blinden tasteten, woher diese Ströme von Nektar kämen, erhaschten sie nur einen Frauenrock und wollten ihn festhalten. Der aber entschlüpfte ihnen unversehens. Darum lachten, tranken, aßen und sangen sie.
Etliche, welche die artigen Weiblein witterten, liefen ganz vernarrt und von Liebe behext durch den Saal, aber die boshaften Mädchen führten sie in die Irre, versteckten sich hinter einen Bruder vom guten Vollmondsgesicht und sprachen zu ihnen: „Küsse mich.“ Solches taten sie, aber anstatt einer Frau küßten sie das bärtige Antlitz eines Mannes, nicht ohne barsche Abweisung. Die Brüder vom guten Vollmondsgesicht sangen; sie sangen alle zumal. Und die lustigen Weiblein lachten voll innigen Wohlgefallens, da sie ihre Freude sahen.
Als diese nahrhaften Stunden vorüber waren, sagte der Baas zu ihnen:
„Ihr habt gut gegessen und getrunken; ich bekomme sieben Gulden.“
Jeder von ihnen schwur, er hätte die Börse nicht, und beschuldigte seinen Nachbarn. Daraus entstand eine Schlacht unter ihnen, darin sie versuchten, sich mit Füßen, Fäusten und Köpfen zu stoßen, aber sie vermochten es nicht und schlugen ins Leere, denn die Brüder vom guten Vollmondsgesicht, da sie das Spiel sahen, trennten sie von einander. Und die Schläge regneten in die Luft, einen ausgenommen, welcher durch ein Mißgeschick in das Gesicht des Baas fiel. Der aber ward zornig, untersuchte sie alle und fand nichts denn ein altes Skapulier, sieben Heller, drei Hosenknöpfe und ihre Rosenkränze.
Er wollte sie in den Schweinestall werfen, bis für sie bezahlt würde, was sie schuldig waren.
„Soll ich für sie bürgen?“ fragte Ulenspiegel.
„Ja,“ erwiderte der Baas, „wenn jemand für Dich bürgt.“
Die guten Vollmondsgesichter wollten das tun, doch Ulenspiegel hinderte sie und sprach:
„Der Pfarrer wird Bürge sein, ich werde ihn aufsuchen.“
Der Seelenmessen gedenkend, ging er zum Pfarrer und erzählte ihm, wie der Baas der „Trompete“ vom Teufel besessen sei. Er spräche von nichts denn von Schweinen und von Blinden, daß die Schweine die Blinden und die Blinden die Schweine fräßen, unter mancherlei unheiligen Formen von Braten und Fleischgerichten. Während dieser Anfälle, so sagte er, zerbräche er alles im Hause; und er bat ihn hinzukommen und den armen Menschen von diesem bösen Geist zu befreien.
Solches versprach der Pfarrer ihm, bedeutete ihm aber, daß er nicht sogleich mitkommen könne; denn er machte just die Abrechnungen des Kapitels und trachtete dabei nach seinem Vorteil.
Da Ulenspiegel sah, daß er ungeduldig war, sagte er, daß er mit der Frau des Baas wiederkommen werde und daß der Pfarrer selbst mit ihr sprechen könne.
„Kommt alle beide“, sprach der Pfarrer.
Ulenspiegel ging wieder zum Wirt und sprach:
„Ich habe den Pfarrer gesprochen, er wird für die Blinden Bürgschaft leisten. Dieweil Ihr sie bewacht, lasset die Wirtin mit mir zu ihm gehen; er wird ihr wiederholen, was ich Euch sagte.“
„Gehe hin, Weib“, sprach der Baas.
Die Wirtin ging mit Ulenspiegel zum Pfarrer, welcher nicht aufhörte zu rechnen, um einen Vorteil für sich herauszufinden. Da sie mit Ulenspiegel bei ihm eintrat, winkte er ihr voll Ungeduld mit der Hand, daß sie fort gehen sollten, und sprach:
„Beruhige Dich, ich werde Deinem Manne in einem oder zwei Tagen zu Hilfe kommen.“
Und da Ulenspiegel nach der Trompete zurückkam, sprach er zu sich selbst: „Er wird hundert Gülden zahlen, und das soll meine erste Seelenmesse sein.“
Und er machte sich auf, desgleichen die Blinden.