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Am andern Tage gingen der Amtmann, die beiden Kriminalschreiber, zwei Schöffen und ein Wundarzt gen Dudzeele, um zu sehen, ob sie auf Servaes van der Vichtes Acker längs des Deiches, der das Feld durchschnitt, den Leichnam eines Mannes fänden.

Nele hatte zu Katheline gesagt: „Hans, dein Liebster, verlangt Hilberts abgeschnittene Hand. Heute Abend wird er wie ein Fischadler schreien, in unsere Hütte kommen und Dir die siebenhundert Goldkarolus bringen.“

Katheline hatte geantwortet:

„Ich werde sie abschneiden.“ Und wirklich nahm sie ein Messer und machte sich in Neles Begleitung auf; die Gerichtsbeamten folgten ihr. Sie ging rasch und stolz mit Nele, der die frische Luft das hübsche Gesicht rötete. Die alten, hüstelnden Gerichtsbeamten folgten ihr schier erfroren; sie waren alle wie schwarze Schatten auf der weißen Ebene, und Nele trug ein Grabscheit. Als sie auf Servaes van der Vichtes Acker und auf dem Deiche anlangten, ging Katheline bis zur Mitte und sprach, zur Rechten auf die Wiese deutend: „Hans, Du wußtest nicht, daß ich da verborgen war und beim Klirren der Degen erbebte. Und Hilbert schrie: Dies Eisen ist kalt. Hilbert war häßlich, Hans ist schön. Du sollst seine Hand haben, laß mich allein.“ Dann stieg sie zur Linken hinab, kniete auf dem Schnee nieder und rief dreimal in die Luft, um den Geist herbeizurufen.

Dann gab Nele ihr das Grabscheit, über das Katheline dreimal das Zeichen des Kreuzes machte. Alsdann zeichnete sie auf dem Eise die Form eines Sarges und drei umgekehrte Kreuze, eins nach Osten, eins nach Westen, eins nach Norden und sprach: „Drei, das ist Mars nahe bei Saturn, und drei ist Entdeckung unter Venus, dem hellen Stern.“ Darauf zog sie einen großen Kreis um den Sarg und sagte: „Hebe Dich hinweg, böser Geist, der den Leichnam bewacht.“ Dann fiel sie betend auf die Kniee: „Teufelsfreund, Hilbert,“ sagte sie, „Hans, mein Herr und Meister, befiehlt mir, hierherzukommen, um Dir die Hand abzuschneiden und sie ihm zu bringen. Ich schulde ihm Gehorsam. Laß nicht das Feuer der Erde gegen mich los, weil ich die Ruhe Deines edlen Grabes störe, und vergib mir um Gott und der Heiligen willen.“

Dann zerbrach sie das Eis in der Linie des Sarges und erreichte den feuchten Rasen, dann den Sand. Und der Amtmann und seine Beamten, Nele und Katheline erblickten den Körper eines jungen Mannes, der vom Sande weiß wie Kalk war. Er trug ein Wams von grauem Tuch, desgleichen den Mantel; sein Degen war ihm zur Seite gelegt. Er hatte eine Tasche von Eisenmaschen am Gürtel, und ein breiter Dolch steckte unter seinem Herzen. Auf dem Tuche des Wamses war Blut, und dies Blut war unter seinen Rücken geflossen. Und der Mann war jung.

Katheline schnitt ihm die Hand ab und tat sie in ihren Beutel. Und der Amtmann ließ es geschehen; dann befahl er ihr, den Leichnam aller seiner Waffen und Gewandung zu entblößen. Katheline fragte, ob Hans es also befohlen habe. Der Amtmann antwortete, daß er nur nach seinen Befehlen handle, und alsbald tat Katheline, was er wollte.

Als der Leichnam entblößt war, sah man, daß er trocken wie Holz, aber nicht verwest war; und der Amtmann und seine Beamten gingen von dannen, nachdem sie ihn wieder mit Sand hatten bedecken lassen, und die Büttel trugen die Sachen des Toten. Da sie vor dem Gemeindekerker vorbeikamen, sagte der Amtmann zu Katheline, daß Hans sie dort erwarte; sie ging freudig hinein.

Nele wollte sie daran hindern, und Katheline erwiderte immerfort: „Ich will Hans, meinen Herrn sehen.“

Und Nele weinte auf der Schwelle, denn sie wußte, daß Katheline als Zauberin verhaftet war, um der Beschwörungen und Zeichen willen, so sie auf den Schnee gemacht hatte.

Und in Damm ging die Rede, daß es keine Gnade für sie gäbe. Und Katheline wurde in den westlichen Kerker des Gefängnisses gebracht.