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Es war im Januar, dem grausamen Monat, da das Kalb im Leibe der Kuh gefriert. Es hatte geschneit und obendrein gefroren. Die Knaben fingen mit Vogelleim die Sperlinge, so auf dem hartgefrorenen Schnee ihre kümmerliche Nahrung suchten, und brachten dieses Wild in ihre Hütten. Vom grauen, hellen Himmel hoben sich regungslos die Gerippe der Bäume ab. Ihre Zweige waren mit schneeigen Kissen bedeckt, welche gleichfalls die Hütten und Mauerfirsten bedeckten, auf denen man Spuren von Katzenpfoten erblickte, die gleichfalls im Schnee auf die Sperlinge Jagd machten. Die Wiesen waren weithin unter diesem wundersamen Vließe verborgen, das die Erde in der scharfen Winterkälte warm hielt. Der Rauch der Häuser und Hütten stieg schwarz gen Himmel, und man vernahm keinen Laut.

Und Katheline und Nele waren allein in ihrer Behausung, und Katheline sagte kopfschüttelnd:

„Hans, mein Herz zieht mich zu Dir. Du mußt Ulenspiegel, Soetkins Sohn, die siebenhundert Karolus wiedergeben. Wenn du arm bist, komm wenigstens, daß ich Dein leuchtendes Antlitz schaue. Nimm das Feuer fort, mein Kopf brennt. Wehe, wo sind Deine schneekalten Küsse, wo ist Dein Körper aus Eis? Hans, mein Geliebter.“

Sie stand am Fenster. Plötzlich kam im schnellsten Trab ein Läufer vorbei, der Schellen am Gürtel trug, und rief:

„Es kommt der Amtmann, der Amthauptmann von Damm!“

Und derart lief er bis zum Rathause, um Bürgermeister und Schöffen dorthin zu berufen.

Alsdann hörte Nele zwei Hörner durch die dumpfe Stille. Alle aus Damm traten vor die Türen, vermeinend, daß Seine Königliche Majestät sich durch solche Fanfaren ankündigte.

Und Katheline trat auch an die Tür mit Nele. Von fern sahen sie glänzende Reiter, die zu Hauf ritten, und vor ihnen ritt ein Mann in schwarzem, mit Marderfell verbrämtem Sammetrock; sein Wams war mit echten Goldborten besetzt und die Stiefel von falbem Kalbsleder, mit Marderfell verbrämt. Und sie erkannten den Amthauptmann.

Hinter ihm ritten junge Ritter, die ohngeachtet der Verordnung Seiner hochseligen Kaiserlichen Majestät, an ihren Sammetgewändern Stickereien, Borten, Streifen und Einfassungen von Gold, Silber und Seide trugen. Und ihre Röcke, die sie unter ihren Mänteln trugen, waren gleich denen des Amtmanns mit Pelz verbrämt. Sie ritten munter daher, und die langen Straußenfedern, die ihre mit Knöpfen und güldenen Borten verzierten Baretts schmückten, wallten im Winde.

Und sie schienen alle gute Freunde und Kumpane des Amthauptmannes, in Sonderheit ein Ritter mit finsterer Miene, in grünen Sammet gekleidet und in einen Mantel mit goldverbrämtem schwarzem Sammet, desgleichen das mit langen Federn geschmückte Barett. Seine Nase hatte die Form eines Geierschnabels, die Lippen waren schmal; er hatte rote Haare, ein bleiches Gesicht und stolze Haltung.

Dieweil das Häuflein der Ritter vor Kathelines Haus vorbeiritt, fiel diese plötzlich dem Pferde des bleichen Ritters in den Zügel und rief närrisch vor Freude:

„Hans, mein Geliebter, ich wußte es, Du kehrst wieder. Wie schön Du bist, so ganz in Sammet und Gold, wie eine Sonne auf dem Schnee! Bringst du mir die siebenhundert Karolus? Wirst Du wiederum schreien wie der Fischadler?“

Der Amthauptmann hieß das Häuflein der Edelleute still halten, und der bleiche Ritter sagte:

„Was will diese Geusin von mir?“

Doch Katheline hielt immer noch das Pferd am Zügel.

„Gehe nicht wieder fort,“ sprach sie, „ich habe soviel um Dich geweint. Holde Nächte, mein Liebster, mit Küssen von Schnee und Körpern von Eis. Das Kind ist hier!“

Und sie zeigte auf Nele, die ihn zornig anblickte, denn er hatte seine Peitsche gegen Katheline erhoben. Aber Katheline sprach weinend:

„Ach, gedenkst Du dessen nicht mehr? Habe Mitleid mit Deiner Magd. Führe sie mit Dir, wohin Du willst. Nimm das Feuer fort, Hans, Erbarmen!“

„Hinweg!“ sagte er.

Und er drängte sein Pferd so stark vorwärts, daß Katheline den Zügel losließ und zu Boden fiel, und das Pferd trat auf sie und schlug ihr eine blutende Wunde an der Stirn.

Darauf sagte der Amtmann zu dem bleichen Ritter:

„Herr, kennet Ihr diese Frau?“

„Ich kenne sie nicht,“ sagte er; „es ist ohne Zweifel etwelche Verrückte.“

Aber Nele, die Katheline aufgehoben hatte, sprach:

„Wenn diese Frau verrückt ist, so bin ich es nicht, Euer Gnaden, und ich will von diesem Schnee, den ich esse, sterben“ / und sie nahm mit den Fingern etwas Schnee / „wenn dieser Mann nicht meine Mutter gekannt hat, wenn er ihr nicht all ihr Geld genommen und nicht des Klas Hund getötet hat, um siebenhundert Karolus, so dem armen Toten gehörten, von der Brunnenmauer unseres Hauses zu nehmen.“

„Hans, mein Herzliebster,“ weinte Katheline, die blutend vor ihm auf den Knien lag, „Hans, mein Geliebter, gib mir den Friedenskuß. Sieh, mein Blut fließt. Die Seele hat sich ein Loch gemacht und will hinaus. Ich werde bald sterben, verlaß mich nicht.“ Dann sagte sie ganz leise: „Damals tötetest Du Deinen Gefährten aus Eifersucht am Deiche.“ Und sie streckte den Finger in der Richtung nach Dudzeele. „Zu jener Zeit liebtest Du mich sehr.“

Und sie faßte und umschlang des Edelmanns Knie und nahm seinen Stiefel und küßte ihn.

„Wer ist dieser Getötete?“ fragte der Amthauptmann.

„Ich weiß es nicht, Euer Gnaden,“ sagte er. „Was kümmern uns die Reden dieser Geusin? Vorwärts.“

Das Volk rottete sich um sie zusammen; reiche und geringe Bürger, Handwerker und Bauern nahmen Kathelines Partei und riefen:

„Gerechtigkeit, Herr Amtmann, Gerechtigkeit!“

Und der Amtmann sagte zu Nele:

„Was ist es mit diesem Getöteten? Sprich wie Gott und die Wahrheit es verlangt.“

Nele redete und sprach, auf den bleichen Edelmann deutend:

„Der da ist alle Samstag in die Keet gekommen, um meine Mutter zu besuchen und ihr Geld zu nehmen; er hat seinen Freund, Hilbert genannt, auf dem Acker von Servaes van der Vichte umgebracht. Nicht aus Liebe, wie diese arme Närrin wähnt, sondern um die siebenhundert Karolus für sich allein zu haben.“

Und Nele erzählte von Kathelines Liebschaft und was diese gehört, als sie in der Nacht hinter dem Deich, der den Acker des Servaes van der Vichte durchschneidet, versteckt war.

„Nele ist boshaft,“ sagte Katheline, „sie spricht hart von Hans, ihrem Vater.“

„Ich schwöre, daß er wie ein Fischadler schrie, um sich anzumelden,“ sprach Nele.

„Du lügst,“ sagte der Edelmann.

„O nein!“ sagte Nele, „und Ihr, Herr Amtmann und alle hohen Herren, so zugegen sind, sehen es wohl: Du bist nicht vor Kälte, sondern vor Furcht so bleich. Woher kommt es, daß Dein Antlitz nicht mehr glänzt? Du hast also die Zaubersalbe verloren, mit der Du es einriebest, damit es hell erschiene wie die Wogen im Sommer, wenn es donnert. Aber Du wirst vor den Gitterfenstern des Rathauses verbrannt werden, verfluchtet Zauberer. Du warst die Ursache von Soetkins Tode, Du hast ihren vaterlosen Sohn ins Elend getrieben. Du bist gewiß ein Edelmann und kamst zu uns Bürgern, um meiner Mutter ein einzig Mal Geld zu bringen und es ihr alle andern Male zu nehmen.“

„Hans,“ sprach Katheline, „Du wirst mich wiederum zum Sabbat führen und mich wiederum mit Balsam einreiben. Hör nicht auf Nele, sie ist boshaft. Du siehst das Blut; die Seele hat sich ein Loch gemacht und will hinaus. Ich werde bald sterben und in die Vorhölle kommen, wo es nicht brennt.“

„Schweig, verrückte Hexe, ich kenne Dich nicht,“ sprach der Edelmann, „und ich weiß nicht, was Du meinst.“

„Und doch bist Du es, der mit einem Gefährten kam und ihn mir zum Manne geben wollte; Du weißt, daß ich ihn nicht wollte. Was hat Dein Freund Hilbert mit seinen Augen gemacht, als ich meine Nägel hineingekrallt hatte?“

„Nele ist boshaft,“ sagte Katheline, „glaub ihr nicht, Hans, mein Herzliebster. Sie ist auf Hilbert zornig, weil er ihr Gewalt antun wollte; aber jetzt kann er es nicht mehr, denn die Würmer haben ihn gefressen. Und Hilbert war häßlich, mein süßer Hans, Du allein bist schön. Nele ist boshaft.“

Nunmehr sprach der Amtmann:

„Ihr Frauen, gehet in Frieden.“

Aber Katheline wollte die Stätte nicht verlassen, wo ihr Freund war. Sie mußte mit Gewalt in ihre Behausung gebracht werden.

Und das ganze versammelte Volk schrie:

„Gerechtigkeit, Euer Gnaden, Gerechtigkeit!“

Da die Gemeindebüttel auf den Lärm herzugekommen waren, befahl der Amtmann ihnen, zu bleiben, und sagte zu den Rittern und Edelleuten:

„Edle Herren, ohngeachtet aller Privilegien, so den erlauchten Adelsstand im Lande Flandern schützen, muß ich Euren Joos Damman auf die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen, in Sonderheit die der Zauberei, verhaften lassen, bis er gemäß den Gesetzen und Verordnungen des Reiches gerichtet ist. Liefert Euren Degen aus, Herr Josse.“

„Herr Amtmann,“ sagte Joos Damman mit großem Hochmut und Adelsstolz, „indem Ihr mich verhaftet, vergeht Ihr Euch gegen das flandrische Gesetz, denn Ihr seid nicht selbst Richter. Nun wisset Ihr, daß es nicht erlaubt ist, ohne richterlichen Auftrag zu verhaften, ausgenommen die Falschmünzer, Straßenräuber und Wegelagerer, Brandstifter und Frauenschänder; desgleichen die Soldaten, so ihren Hauptmann verlassen, die Zauberer, die Gift anwenden, um die Gewässer zu vergiften, die entlaufenen Mönche oder Beghinen und die Verbannten. Wohlan, Ihr edlen Herren, verteidigt mich!“

Da Etliche gehorchen wollten, sprach der Amtmann zu ihnen:

„Edle Herren, da ich allhier unsern König, Grafen und Herrn vertrete, welchem die Entscheidung der schwierigen Fälle vorbehalten ist, so gebiete und befehle ich Euch bei Strafe, für Rebellen erklärt zu werden, Eure Degen wieder in die Scheide zu stecken.“

Die Edelleute gehorchten, doch Herr Joos Damman zauderte immer noch. Das Volk schrie:

„Gerechtigkeit, Euer Gnaden, Gerechtigkeit! Er soll seinen Degen ausliefern!“

Darauf tat er es sehr wider Willen, stieg vom Pferde und ward von zwei Schergen nach dem Gemeindekerker geführt. Er ward jedoch nicht in die Verließe gesperrt, sondern vielmehr in ein vergittertes Gemach, wo er für sein Geld gutes Feuer, gutes Bett und gute Nahrung erhielt; davon nahm sich der Kerkermeister die Hälfte.