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Gegen die zehnte Stunde des Vormittags wurden Ulenspiegel und Soetkin in die Folterkammer geführt.

Allda befanden sich der Amtmann, der Gerichtsschreiber und die Schöffen, der Henker von Brügge, sein Knecht und ein Wundarzt.

Der Amtmann fragte Soetkin, ob sie kein dem Kaiser gehöriges Gut vorenthalte. Sie antwortete: daß sie nichts vorenthalten könne, da sie nichts habe.

„Und Du?“ fragte der Amtmann Ulenspiegel.

„Vor sieben Monaten“, versetzte er, „erbten wir siebenhundert Karolus, etliche davon haben wir verzehrt. Was die andern angeht, so weiß ich nicht, wo sie sind; ich vermeine jedoch, daß der Wanderer, der zu unserm Unglück bei uns wohnte, den Rest mitgenommen hat; denn ich habe seither nichts mehr gesehen.“

Der Amtmann fragte wiederum, ob alle beide darin beharrten, sich für unschuldig zu erklären.

Sie antworteten, daß sie kein dem Kaiser gehöriges Gut vorenthielten.

Darauf sagte der Amtmann ernst und traurig:

„Da die Aussagen Euch schwer belasten und die Anklage begründet ist, müßt Ihr, so Ihr nicht bekennt, die hochnotpeinliche Frage erleiden.“

„Schonet der Witwe,“ sprach Ulenspiegel, „der Fischhändler hat alles gekauft.“

„Armer Schelm,“ sagte Soetkin, „die Männer vermögen den Schmerz nicht so zu ertragen, wie die Frauen.“

Da sie sahe, daß Ulenspiegel um ihretwillen bleich wie ein Toter ward, sagte sie noch:

„Ich habe Haß und Kraft.“

„Schonet der Witwe“, sprach Ulenspiegel.

„Nehmt mich statt seiner“, sprach Soetkin.

Der Amtmann fragte den Henker, ob er die Werkzeuge bereit halte, die zur Erkenntnis der Wahrheit erforderlich seien.

Der Henker antwortete:

„Sie sind alle hier.“

Nachdem die Richter Rat gehalten hatten, bestimmten sie, daß mit der Frau begonnen werden müsse, um die Wahrheit zu erfahren.

„Denn“, sagte einer der Schöffen, „es ist kein Sohn, der grausam genug wäre, seine Mutter leiden zu sehen, ohne das Verbrechen zu bekennen und sie solchergestalt zu erlösen. Desgleichen wird jede Mutter für die Frucht ihres Leibes tun, hätte sie gleich das Herz einer Tigerin.“

Zum Henker sprechend, sagte der Amtmann:

„Setze die Frau auf den Stuhl und lege ihr die Schraubstöcke an Hände und Füße.“

Der Henker gehorchte.

„O, tut nicht also, Ihr Herren Richter!“ schrie Ulenspiegel. „Bindet mich an ihrer Statt, zerbrecht mir die Finger und die Zehen, aber schont der Witwe!“

„Der Fischhändler“, sagte Soetkin. „In mir ist Haß und Kraft.“

Ulenspiegel ward noch bleicher. Er zitterte verstört und schwieg.

Die Schraubstöcke waren Stäblein von Buchsbaumholz, welche mit Schnüren verbunden waren und zwischen die Finger gesteckt die Knochen berührten. Durch eine Vorrichtung von so scharfsinniger Erfindung konnte der Henker nach Belieben des Richters die Finger zusammenpressen, die Knochen von ihrem Fleisch entblößen, sie zermalmen, oder dem Delinquenten nur einen geringen Schmerz verursachen.

Er legte die Schraubstöcke an Soetkins Hände und Füße.

„Schnürt“, befahl ihm der Amtmann.

Er tat es grausam.

Drauf sprach der Amtmann zu Soetkin:

„Bezeichne mir den Ort, wo die Karolus verborgen sind.“

„Ich kenne ihn nicht“, antwortete sie ächzend.

„Schnürt stärker“, sagte er.

Ulenspiegel versuchte seine Arme, die auf dem Rücken gebunden waren, vom Strick loszureißen, um Soetkin zu Hilfe zu kommen.

„Schnürt nicht, Ihr Herren Richter,“ sagte er, „es sind zarte, zerbrechliche Frauenknochen. Ein Vogel vermöchte sie mit seinem Schnabel zu zerbrechen. Schnürt nicht, Herr Scharfrichter, ich rede nicht zu Euch, dieweil Ihr den Befehlen der Herren gehorsam sein müßt. Schnürt nicht, habt Erbarmen!“

„Der Fischhändler“, sprach Soetkin.

Und Ulenspiegel schwieg.

Da er aber sahe, daß der Henker die Schraubstöcke noch stärker anzog, schrie er von neuem:

„Erbarmen, Ihr Herren, Ihr zerbrecht der Witwe die Finger, deren sie zur Arbeit bedarf. Wehe, ihre Füße! Wird sie nicht mehr gehen können? Erbarmen, Ihr Herren!“

„Du wirst eines elendigen Todes sterben, Fischhändler“, schrie Soetkin.

Und ihre Knochen krachten und das Blut troff von ihren Füßen.

Ulenspiegel nahm alles wahr und vor Schmerz und Zorn zitternd, sagte er:

„Zerbrecht sie nicht, die Knochen eines Weibes, Ihr Herren Richter!“

„Der Fischhändler“, ächzte Soetkin.

Und ihre Stimme war leise und erstickt wie die eines Geistes.

Ulenspiegel zitterte und rief:

„Ihr Herren Richter, die Hände bluten und die Füße auch. Man hat der Witwe die Knochen gebrochen.“

Der Wundarzt berührte sie mit dem Finger, und Soetkin stieß einen lauten Schrei aus.

„Bekenne für sie“, sprach der Amtmann zu Ulenspiegel.

Aber Soetkin blickte ihn mit weit offnen Augen an, die denen einer Dahingeschiedenen glichen. Und er merkte, daß er nicht sprechen dürfe, und weinte, ohne ein Wort zu sagen.

Aber der Amtmann sagte darauf:

„Da dieses Weib mit der Festigkeit eines Mannes begabt ist, so muß ihr Mut vor der Tortur ihres Sohnes auf die Probe gestellt werden.“

Soetkin hörte nicht, denn sie war ohnmächtig ob des großen Schmerzes, den sie erlitten.

Mit viel Essig ward sie wieder zu sich gebracht. Dann ward Ulenspiegel entkleidet und nackend vor die Augen der Witwe gestellt. Der Henker schor ihm das Haupthaar und alles Haar ab, um zu sehen, ob er nicht ein Teufelsmal habe. Dabei ward er des schwarzen Pünktleins auf dem Rücken gewahr, so Ulenspiegel seit der Geburt an sich trug. Er stach zu unterschiedlichen Malen eine lange Nadel hinein; aber da Blut herauskam, erkannte er, daß in diesem Pünktlein keinerlei Zauberei sei. Auf Befehl des Amtmanns wurden Ulenspiegels Hände an zwei Stricke gebunden, so über eine an der Decke befestigte Rolle liefen, also daß der Henker ihn nach Belieben der Richter hochziehen und herunterlassen konnte, indem er ihn heftig schüttelte. Solches tat er an die neun Male, nachdem er ihm an jedes Bein ein Gewicht von fünfundzwanzig Pfund gehängt hatte.

Beim neunten Stoß zerriß die Haut der Handgelenke und Fußknöchel, und die Knochen der Beine traten aus ihren Gelenken.

„Bekenne“, sagte der Amtmann.

„Nein“, antwortete Ulenspiegel.

Soetkin blickte ihren Sohn an und fand nicht Kraft zu schreien noch zu sprechen; sie streckte nur die Arme aus und bewegte ihre blutenden Hände und bezeigte durch diese Gebärde, daß man dieser Marter ein Ende machen solle.

Der Henker zog Ulenspiegel abermals hinauf und hinunter. Und die Haut der Fußknöchel und Handgelenke zerriß stärker und die Knochen der Beine traten noch weiter aus ihren Gelenken; aber er schrie nicht.

Soetkin weinte und schüttelte ihre blutenden Hände.

„Bekenne die Unterschlagung,“ sprach der Amtmann, „und Dir soll verziehen sein.“

„Der Fischhändler braucht Verzeihung“, antwortete Ulenspiegel.

„Du willst der Richter spotten?“ sagte einer der Schöffen.

„Ich spotten? Ach,“ antwortete Ulenspiegel, „ich stelle mich nur so, glaubet mir.“

Soetkin sah nun, daß der Henker auf Befehl des Amtmanns ein Becken mit glühenden Kohlen anfachte und daß ein Knecht zwei Unschlittkerzen entzündete.

Sie wollte sich auf ihren zerquetschten Füßen erheben, doch sie fiel in den Sitz zurück und rief aus:

„Schafft das Feuer fort! Ach, ihr Herren Richter, schont seiner armen Jugend. Schafft das Feuer fort.“

„Der Fischhändler!“ rief Ulenspiegel, da er sie schwach werden sah.

„Ziehet Ulenspiegel einen Schuh hoch vom Boden“, sagte der Amtmann; „stellet ihm das Kohlenbecken unter die Füße und haltet eine Kerze unter jede Achsel.“

Der Henker gehorsamte. Was an Haar unter den Achseln übrig war, knisterte und rauchte in der Flamme.

Ulenspiegel schrie und Soetkin sagte weinend:

„Schafft das Feuer hinweg!“

Der Amtmann sprach:

„Bekenne die Hehlerei und du sollst erlöst sein. Gestehe für ihn, Weib.“

Und Ulenspiegel sagte:

„Wer will den Fischhändler in das ewig brennende Feuer werfen?“

Soetkin schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß sie nichts zu sagen hätte. Ulenspiegel knirschte mit den Zähnen und Soetkin schaute auf ihn mit verstörten Augen, in Tränen aufgelöst.

Indessen, nachdem der Henker die Kerzen ausgelöscht und das Becken mit glühenden Kohlen unter Ulenspiegels Füße gestellt hatte, schrie sie:

„Ihr Herren Richter, habt Erbarmen mit ihm, er weiß nicht, was er sagt.“

„Warum weiß er nicht, was er sagt?“ fragte der Amtmann voll Arglist.

„Fraget sie nicht, Ihr Herren Richter; Ihr seht wohl, daß sie vor Schmerz von Sinnen ist. Der Fischhändler hat gelogen“, sprach Ulenspiegel.

„Wirst Du so wie er aussagen, Weib?“ fragte der Amtmann.

Soetkin nickte mit dem Kopf.

„Verbrennt den Fischhändler!“ schrie Ulenspiegel.

Soetkin schwieg, aber sie hielt die geballte Faust hoch, als wollte sie ihn verfluchen.

Da sie jedoch die Kohlen in hellerer Glut unter den Füßen ihres Sohnes aufflammen sah, schrie sie:

„Herr Gott! heilige Jungfrau, die Ihr im Himmel seid, macht dieser Marter ein Ende. Habt Erbarmen! Nehmt das Kohlenbecken fort!“

„Der Fischhändler!“ ächzte Ulenspiegel.

Und er brach das Blut in Strömen durch Nase und Mund aus, neigte den Kopf und blieb über den Kohlen hängen.

Da schrie Soetkin:

„Mein armes Kind ist tot! Sie haben ihn gemordet! Wehe, auch ihn! Nehmt die Kohlen fort, Ihr Herren Richter. Lasset mich ihn in die Arme nehmen, um bei ihm zu sterben. Ihr wisset, daß ich auf meinen gebrochenen Füßen nicht entfliehen kann.“

„Gebet der Wittib ihren Sohn“, sprach der Amtmann.

Dann ratschlagten die Richter untereinander.

Der Henker band Ulenspiegel los und legte ihn nackend und blutüberströmt auf Soetkins Knie, derweil der Wundarzt ihm die Knochen wieder einrenkte.

Indessen umarmte Soetkin Ulenspiegel und sagte weinend:

„Mein Sohn, Du armer Märtyrer! Wenn die Herren Richter es gestatten, werde ich Dich heilen; aber wach auf, Tyll, mein Sohn! Ihr Herren Richter, wenn Ihr ihn mir umgebracht habt, so werde ich zu Seiner Majestät gehen, denn Ihr habt gegen jedes Recht und Gerechtigkeit gehandelt und Ihr sollt sehen, was eine arme Frau wider die Bösen vermag. Aber Ihr Herren, lasset uns mitsammen frei. Wir haben nur einander in Welt, wir armen Leute, auf die Gottes Hand schwer herabfällt.“

Nachdem die Richter Rat gepflogen hatten, sprachen sie das Urteil wie folgt:

„In Ansehung dessen, daß Ihr, Soetkin, eheliche Witwe von Klas, und Ihr Tyll, Sohn von Klas, mit dem Beinamen Ulenspiegel, trotz grausamer Tortur und genugsamer Proben nichts bekannt habt auf die Anschuldigung, das Vermögen unterschlagen zu haben, so kraft Konfiskation und ohngeachtet aller dem zuwiderlaufenden Privilegien, Seiner Königlichen Majestät gehörte; Erklärt der Gerichtshof Euch für frei; Mangels ausreichender Beweise und bei Dir, Frau, des jammervollen Zustandes Eurer Glieder, und bei Dir, Mann, der peinlichen Folter wegen, so Ihr erlitten habt. Er erlaubt Euch, bei dem Manne oder der Frau aus der Stadt, denen es genehm sein wird, Euch unangesehen Eurer Armut zu beherbergen und niederzulassen.“

„So gegeben zu Damm, den dreiundzwanzigsten Tag des Weinmonats Anno Domini 1558.“

„Seid bedankt, Ihr Herren Richter“, sagte Soetkin.

„Der Fischhändler“, ächzte Ulenspiegel.

Und Mutter und Sohn wurden in einem Karren zu Katheline gebracht.