80
Im selbigen Jahre, dem achtundzwanzigsten des Jahrhunderts, trat Katheline zu Soetkin ins Gemach und sprach:
„Verwichene Nacht, da ich mich mit Balsam gesalbt hatte, ward ich auf den Turm der Frauenkirche versetzt. Ich sah die Geister der Elemente, die Gebete der Menschen den Engeln zutragen, welche sie hinwiederum nach dem hohen Himmel zum Throne emportrugen. Und der Himmel war ganz übersät mit strahlenden Sternen. Plötzlich erhob sich von einem Scheiterhaufen eine Gestalt, die mich schwarz dünkte, und schwebte hinauf und setzte sich neben mich auf den Turm. Ich erkannte Klas, so wie er im Leben war, mit seinem Kohlenträgerkittel angetan. „Was machst Du auf dem Turme der Frauenkirche?“ sagte er zu mir. „Aber wohin gehst Du, der Du wie ein Vogel in den Lüften fliegst?“ fragte ich dagegen. „Ich gehe zum Gericht“, sagte er. „Hörst Du nicht die Posaune des Gerichts?“ Ich stand ganz nahe bei ihm und fühlte, daß seine Geistergestalt nicht hart war wie der Körper der Lebendigen, sondern so zart, daß ich in ihn eindrang wie in heißen Dampf, da ich ihm nahe rückte. Zu meinen Füßen durch das ganze Land Flandern erglänzten etliche Lichter, und ich sagte zu mir selbst: Die da frühe aufstehen und spät schaffen, sind die Gesegneten des Herrn.
Und immerda hörte ich in der Nacht die Posaune des Engels ertönen. Und alsbald sah ich einen andern Schatten aufsteigen, so aus Spanien kam; selbiger war alt und abgelebt, hatte ein Kinn wie ein Holzschuh und Quittenmus an den Lippen.
Er trug einen karmesinroten Sammetmantel, mit Hermelin gefüttert, eine Kaiserkrone und in der einen Hand eine Anschovis, die er knabberte, in der andern einen vollen Bierhumpen.
Er kam und setzte sich auf den Turm der Frauenkirche, ohne Zweifel aus Müdigkeit. Niederknieend sprach ich zu ihm: „Gekrönte Majestät, ich verehre Euch, aber ich kenne Euch nicht. Von wannen kommt Ihr und was tut Ihr in der Welt?“ / „Ich komme aus Sankt-Just in Estremadura,“ sagte er, „und war der Kaiser Karl der Fünfte.“ „Aber,“ sprach ich, „wohin gehet Ihr jetzo in dieser kalten Nacht, durch die hagelschweren Wolken?“ / „Ich gehe zum Gericht“, sagte er. Da der Kaiser seine Anschovis aufessen und das Bier aus seinem Kruge austrinken wollte, ertönte die Posaune des Engels, und er erhob sich in die Luft und murrte, weil er also in seiner Mahlzeit gestört ward. Ich folgte Seiner Heiligen Majestät. Er ging durch den Weltraum, indem er vor Müdigkeit schluckste, vor Asthma keuchte und sich zu Zeiten erbrach, denn der Tod hatte ihn mit verdorbenem Magen ereilt. Wir stiegen unaufhörlich, wie Pfeile, aus einem Bogen von Kirschbaumholz geschnellt. Die Sterne flogen an uns vorüber und zogen feurige Streifen in den Himmel. Wir sahen, wie sie sich loslösten und fielen. Die Posaune des Engels ertönte. Welch schmetternder, mächtiger Schall! Bei jeder Fanfare, so die Dünste der Luft erschütterte, zerrissen sie, wie wenn ein Orkan ganz dicht auf sie dreingeblasen hätte. Und so war uns der Weg vorgezeichnet. Da wir nun tausend Meilen und mehr emporgestiegen waren, sahen wir Christum in seiner Herrlichkeit auf einem Sternenthron sitzen. Zu seiner Rechten stund der Engel, der die Taten der Menschen auf eine eherne Tafel schreibt, und zu seiner Linken Maria, seine Mutter, die ihn unablässig für die Sünder um Gnade bittet.
Klas und Kaiser Karl knieten vor dem Throne nieder.
Der Engel warf ihm die Krone vom Haupt. „Hier ist nur ein Kaiser,“ sprach er, „das ist Christus.“
Seine Heilige Majestät schien erzürnt, jedoch sagte sie, demütig sprechend: „Könnte ich nicht diese Anschovis und diesen Humpen Bier behalten? Denn die lange Reise hat mich hungrig gemacht.“
„Wie Du es Dein Lebenlang warest“, versetzte der Engel. „Aber iß und trink immerhin.“
Der Kaiser leerte den Humpen und knabberte die Anschovis.
Darauf redete Christus und sprach:
„Stellst Du Dich mit reiner Seele zum Gericht?“
„Ich hoffe es, mein gütiger Herr, denn ich habe gebeichtet,“ antwortete Kaiser Karl.
„Und Du, Klas?“ fragte der Engel. „Denn Du zitterst nicht wie dieser Kaiser.“
„Mein Herr Jesus,“ antwortete Klas, „es ist keine Seele, die rein sei, darum habe ich keine Furcht vor Euch, der Ihr die höchste Güte und die höchste Gerechtigkeit seid; aber ich fürchte dennoch für meine Sünden, die zahlreich waren.“
„Rede, Kadaver“, sprach der Engel, sich an den Kaiser wendend.
„Ich,“ antwortete Karl mit unklarer Stimme, „ich ward durch den Finger Eurer Priester gesalbet und zum König von Castilien, Kaiser von Deutschland und König der Römer geweiht. Unablässig lag mir die Erhaltung der Macht am Herzen, so von Euch kommt, und darum wirkte ich mit Strang, Schwert, Grube und Feuer wider alle Reformierten.“
Aber der Engel sprach:
„Du Lügner und Völler,“ sagte er, „Du willst uns betrügen. In Deutschland hast Du die Reformierten geduldet, denn Du hattest Furcht vor ihnen; und in den Niederlanden, wo Du nur Das fürchtetest, nicht genug von diesen fleißigen, honigreichen Bienen zu erben, hast Du sie enthaupten, verbrennen, hängen und lebendig begraben lassen. Hunderttausend Seelen sind durch Dich zugrunde gegangen, nicht weil Du Christum, meinen Herrn liebtest, sondern weil Du ein Despot, Tyrann und Länderverschlinger warst. Du liebtest nur Dich selbst und nach Dir Fleisch, Fisch, Wein und Bier, denn Du warst gierig wie ein Hund und durstig wie ein Schwamm.“
„Und Du, Klas, sprich“, sagte Christus.
Aber der Engel erhob sich.
„Dieser hat nichts zu sagen. Er war gut, arbeitsam wie das arme flandrische Volk, das da gerne arbeitet und gerne lacht, und seinen Fürsten die schuldige Treue hält und glaubt, daß die Fürsten ihm die Treue hielten, die sie ihm schuldeten. Er hatte Geld, ward angeklagt und da er einen Reformierten beherbergt hatte, ward er lebendig verbrannt.“
„Ach,“ sprach Maria, „armer Märtyrer! Aber im Himmel sind kühle Bronnen, Springbrunnen von Milch und köstlichem Wein, die werden Dich erfrischen, und ich selbst will Dich dort hinführen, Kohlenträger.“
Die Posaune des Engels erscholl abermals, und aus der Tiefe der Abgründe sah ich einen Mann aufsteigen, nackt und schön, mit Eisen gekrönt. Und auf dem Reifen der Krone waren diese Worte geschrieben: „Traurig bis an den Tag des Gerichts.“
Er nahete dem Thron und sprach zu Christo:
„Ich bin Dein Sklave, bis daß ich Dein Herr sein werde.“
„Satan,“ sagte Maria, „ein Tag wird kommen, wo es weder Sklaven noch Herren gibt und wo Christus, welcher die Liebe, und Satan, welcher der Stolz ist, bedeuten werden: Kraft und Wissen.“
„Weib, Du bist gut und schön“, sprach Satan.
Dann zu Christo redend und auf den Kaiser deutend, sprach er: „Was soll mit diesem hier geschehen?“
Christus antwortete:
„Du sollst das gekrönte Gewürm in ein Gemach bringen, darinnen Du alle Folterwerkzeuge, so unter seiner Regierung im Gebrauch waren, zusammenträgst. Jedesmal, wenn ein unschuldiger Unglücklicher die Wasserfolter erleidet, welche die Menschen aufbläht wie Blasen, die Kerzenfolter, welche die Fußsohlen und Achselhöhlen verbrennt, den Wippgalgen, welcher die Glieder zerbricht, das Zerreißen durch vier Pferde; jedesmal, wenn eine freie Seele auf dem Scheiterhaufen ihren letzten Atem aushaucht, soll er eins nach dem andren diese Tode und Foltern erdulden. Er soll innewerden, wieviel Böses ein Ungerechter, der über Millionen gebeut, tun kann. Möge er in den Gefängnissen verfaulen, auf den Schafotten sterben, in der Verbannung, fern vom Vaterland, stöhnen; möge er beschimpft, verunglimpft, gestäupet werden. Er möge reich sein und der Fiskus von ihm zehren; der Angeber soll ihn verklagen und die Konfiskation soll ihn zugrunde richten. Du sollst ihn in einen Esel verwandeln, auf daß er sanftmütig, mißhandelt und schlecht genährt sei; in einen Armen, auf daß er um Almosen bitte und mit Schimpfworten begrüßt werde; in einen Arbeiter, auf daß er zuviel arbeite und nicht genug esse. Wenn er alsdann an Leib und Seele genugsam gelitten hat, so sollst Du ihn zum Hunde machen, auf daß er gut sei und Prügel empfahe; zu einem Sklaven in Indien, der öffentlich versteigert wird; zu einem Soldaten, damit er sich für einen andern schlage und sich töten lasse, ohne zu wissen warum. Und wenn er nach Verlauf von dreihundert Jahren alle Leiden, alles Elend erschöpft haben wird, sollst Du ihn zum freien Menschen machen. Wenn er in diesem Stande gut wie Klas ist, sollst Du seinen Leichnam in einem Erdenwinkel, der um Mittag schattig ist und am Morgen von der Sonne beschienen wird, unter einem schönen Baum mit frischem Rasen bedecken und ihm die ewige Ruhe geben. Und seine Freunde werden kommen und auf seinem Grabe bittere Tränen vergießen und Veilchen säen, die Blumen der Erinnerung.“
„Gnade, mein Sohn,“ sprach Maria, „er wußte nicht, was er tat, denn Macht verhärtet das Herz.“
„Hier ist keine Gnade“, sagte Christus.
„Ach,“ sprach Seine Heilige Majestät, „wenn ich nur ein Glas andalusischen Weines hätte!“
„Komm,“ sprach Satan, „die Zeit des Weines, der Fleischspeisen und Geflügel ist vorbei.“
Und in die tiefste Hölle schleppte er die Seele des armen Kaisers, der noch an seiner Anschovis kaute.
Satan ließ es aus Mitleid geschehen. Dann sah ich Mutter Maria den Klas in den höchsten Himmel führen, dorthin, wo nichts war, denn Sterne, die in Trauben am Gewölbe befestigt sind. Und allda wuschen ihn die Engel und er ward schön und jung. Alsdann gaben sie ihm Reisbrei mit silbernen Löffeln zu essen. Und der Himmel schloß sich.“
„Er ist in der Herrlichkeit“, sagte die Wittib.
„Die Asche brennt auf meinem Herzen“, sprach Ulenspiegel.