8
Um dieselbige Zeit nahmen die Geusen, unter denen Lamm und Ulenspiegel waren, Gorkum ein. Sie wurden vom Kapitän Marin befehligt. Dieser Marin, der ehemals Deicharbeiter war, spreizte sich in großem Hochmut und Dünkel und unterzeichnete mit Gaspard Turc, dem Verteidiger von Gorkum, eine Kapitulation, laut welcher Turc, die Mönche, Bürger und Soldaten, so in der Zitadelle eingeschlossen waren, frei abziehen sollten mit der Kugel im Munde, der Muskete auf der Schulter mit allem, was sie tragen konnten. Nur die Kirchengüter sollten den Belagerern verbleiben. Doch der Kapitän Marin hielt auf Befehl von Messire de Lumey die dreizehn Mönche als Gefangene zurück und ließ die Soldaten und Bürger ziehen.
Und Ulenspiegel sagte: „Soldatenwort soll gülden Wort sein. Warum hält er seines nicht?“
Ein alter Geuse antwortete Ulenspiegel:
„Die Mönche sind Satans Kinder, der Aussatz der Völker, die Schande der Länder. Seit dem Einmarsch des Herzog Alba tragen sie in Gorkum die Nase hoch. Einer unter ihnen, der Priester Nikolas, ist hoffärtiger als ein Pfau und wilder als ein Tiger. Allemal, wenn er mit seinem Heiligen Sakrament, darinnen seine aus Hundefett gemachte Hostie war, durch die Straße ging, sah er mit wütenden Blicken nach den Häusern, aus denen die Frauen nicht heraus kamen, um niederzuknieen. Er zeigte alle dem Richter an, die nicht vor seinem Götzenbild aus Teig und vergüldetem Kupfer das Knie beugten. Die andern Mönche taten des gleichen. Das war der Anlaß zu mehrfachem großen Jammer, Verbrennungen und grausamer Strafen in der Stadt Gorkum. Der Kapitän Marin tut wohl daran, die Mönche als Gefangene festzuhalten; wenn nicht, würden sie mit ihres Gleichen in die Dörfer, Marktflecken, Städte und Weiler gehen, gegen uns predigen, das Volk aufwiegeln und die armen Reformierten verbrennen lassen. Man legt die Bullenbeißer an die Kette, bis sie verenden; an die Kette mit den Mönchen, an die Kette mit den Bluthunden des Herzogs, in den Käfig mit den Henkern! Es lebe der Geuse!“
„Aber Seine Gnaden von Oranien, unser Freiheitsprinz, will, daß man bei denen, die sich ergeben, die persönliche Habe und das freie Gewissen achte,“ sprach Ulenspiegel.
Die alten Geusen erwiderten:
„Der Admiral will es nicht für die Mönche. Er ist Herr, er hat Briel erobert. In den Käfig mit den Mönchen!“
„Soldatenwort, gülden Wort! Warum bricht er es?“ entgegnete Ulenspiegel. „Die Mönche, die im Gefängnis sind, erdulden da tausend Mißhandlungen.“
„Die Asche brennt nicht mehr auf deinem Herzen,“ sagten sie. „Kraft der Edikte haben hunderttausend Familien die Handwerke, den Gewerbefleiß, den Reichtum unserer Länder nach dem Nordwesten, nach Engelland getragen; beklage denn die, so unser Verderben verschuldeten! Seit Kaiser Karl dem Fünften, dem ersten Henker, und unter dem gegenwärtigen, dem Blutkönig und zweiten Henker, sind hundertundachtzehntausend Personen hingerichtet worden. Wer trug die Totenkerze bei Mord und Tränen? Mönche und hispanische Söldner. Hörst du nicht die Seelen der Toten klagen?“
„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sagte Ulenspiegel. „Soldatenwort, ein gülden Wort.“
„Wer wollte denn,“ so sprachen sie, „das Land durch die Exkommunikation bei allen Völkern in Acht und Bann tun? Wer hätte, wenn er es vermocht hätte, Erde und Himmel, Gott und Teufel und die Scharen der Heiligen gegen uns gewappnet? Wer schmierte die Hostien mit Ochsenblut ein und ließ die hölzernen Statuen weinen? Wer ließ auf unserm heimatlichen Boden den Sterbegesang erschallen, wenn nicht die verfluchte Klerisei, diese Horden faulenzender Mönche, um ihren Reichtum, ihren Einfluß über die Götzenanbeter zu behalten und durch Verderben, Blut und Feuer über das arme Land zu herrschen? In den Käfig mit den Wölfen, die sich auf die am Boden Liegenden stürzen; in den Käfig mit den Hyänen! Es lebe der Geuse!“
„Soldatenwort, gülden Wort,“ entgegnete Ulenspiegel.
Des andern Tages kam ein Bote von Messire de Lumey mit dem Befehl, die neunzehn gefangenen Mönche von Gorkum nach Briel, allwo der Admiral war, bringen zu lassen.
„Sie werden gehenkt werden,“ sagte der Kapitän Marin zu Ulenspiegel.
„Nicht, so lange ich am Leben bin,“ versetzte er.
„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „sprich nicht also zu Messire de Lumey. Er ist grimmig und wird dich ohne Gnade mit ihnen henken lassen.“
„Ich werde der Wahrheit gemäß reden,“ erwiderte Ulenspiegel. „Soldatenwort, gülden Wort.“
„Wenn Du sie retten kannst,“ sagte Marin, „so führe ihre Barke bis Briel. Nimm Rochus, den Lotsen, und Deinen Freund Lamm mit, wenn Du willst.“
„Ja, ich will,“ antwortete Ulenspiegel.
Die Barke legte am Quai Vert an, und die neunzehn Mönche stiegen hinein. Der furchtsame Rochus wurde ans Steuerruder gesetzt, und Ulenspiegel und Lamm nahmen wohlbewaffnet im Vorderteil des Fahrzeuges Platz. Verlotterte Söldner, die sich des Plünderns halber zu den Geusen geschlagen hatten, waren bei den hungernden Mönchen. Ulenspiegel gab ihnen zu trinken und zu essen. „Dieser wird Verrat üben,“ sprachen die verlotterten Söldner. Die neunzehn Mönche saßen blöd und schlotternd in der Mitte, ohngeachtet man im Juli war, die Sonne hell und warm schien und ein sanfter Wind die Segel der Barke schwellte, die schwer und rundbäuchig über die grünen Wogen glitt.
Darauf redete Pater Nikolas und sprach zum Steuermann:
„Rochus, führt man uns aufs Galgenfeld?“ Dann wandte er sich nach Gorkum, stand auf und reckte die Hand aus. „O, Stadt Gorkum! welch großes Wehe hast Du zu erleiden! Verflucht wirst Du sein unter den Städten, denn Du hast in Deinen Mauern den Samen der Ketzerei großgezogen! O Stadt Gorkum! Und der Engel des Herrn wird nicht mehr an Deinen Toren Wacht halten. Er wird nicht mehr für die Keuschheit Deiner Jungfrauen, den Mut Deiner Männer und den Reichtum Deiner Kaufleute sorgen! O Stadt Gorkum, verflucht bist Du, Unselige!“
„Verflucht, verflucht,“ erwiderte Ulenspiegel, „verflucht wie der Kamm, der durchgefahren ist und die hispanischen Läuse mitgenommen hat. Verflucht wie der Hund, der die Kette zerbricht, wie das edle Roß, das einen grausamen Reiter von sich abschüttelt. Verflucht Du selbst, einfältiger Pfaff, der es schlecht findet, daß man die Rute, und wäre sie von Eisen, auf dem Rücken der Tyrannen zerbricht.“
Der Mönch schwieg, schlug die Augen nieder und schien in frommen Haß versenkt.
Die Söldner, so Plünderns halber zu den Geusen gekommen waren, saßen bei den Mönchen, die bald Hunger hatten. Ulenspiegel forderte Schiffsbrot und Hering für sie. Der Schiffsmeister antwortete:
„Werfet sie in die Maas, da können sie den Hering ungesalzen fressen.“
Darauf gab Ulenspiegel den Mönchen alles, was er an Brot und Wurst für sich und Lamm bei sich hatte. Der Schiffsmeister und die Söldner sprachen untereinander:
„Das ist ein Verräter, er füttert die Mönche; er muß angezeigt werden.“
In Dordrecht legte die Barke im Hafen am Bloemen-Key an. Männer, Frauen, Knaben und Mädchen kamen in Menge herbeigelaufen, die Mönche zu sehen, wiesen mit dem Finger auf sie oder drohten mit der Faust und sagten zueinander:
„Sehet diese Wichte und Gottmacher, die die Leiber zum Scheiterhaufen und die Seelen ins ewige Feuer bringen; sehet die fetten Tiger und dickbäuchigen Hyänen.“
Die Mönche senkten den Kopf und wagten nicht mehr zu sprechen, und Ulenspiegel sah sie abermals zittern.
„Wir haben noch Hunger, mitleidiger Soldat,“ sagten sie.
Aber der Schiffspatron sprach:
„Wer trinkt allezeit? Der dürre Sand. Wer ißt allezeit? Der Mönch.“
Ulenspiegel ging in die Stadt, um Brot, Schinken und einen großen Krug Bier für sie zu holen.
„Esset und trinket,“ sprach er. „Ihr seid unsere Gefangenen, aber ich werde Euch retten, wenn ich kann. Soldatenwort, gülden Wort.“
„Weshalb gibst Du ihnen das? Sie werden Dir’s nicht lohnen,“ sagten die Söldner und sie sprachen leise miteinander und flüsterten sich diese Worte ins Ohr: „Er hat versprochen, sie zu retten; laßt uns ihn wohl bewachen.“
Bei Tagesanbruch gelangten sie nach Briel. Nachdem ihnen die Tore geöffnet waren, ging ein Eilbote voraus, um Herrn de Lumey ihre Ankunft zu melden.
Kaum hatte er die Kunde empfangen, so kam er, notdürftig bekleidet und von etlichen bewaffneten Reitern und Fußgängern gefolgt, angeritten.
Und Ulenspiegel konnte zum andern Mal den grimmen Admiral sehen, gekleidet wie ein stolzer Herr, der im Überfluß lebt.
„Seid gegrüßt, Ihr Herren Mönche,“ sprach er. „Hebt die Hände auf. Wo ist das Blut der Herren von Egmont und van Hoorn? Ihr zeigt mir eine weiße Pfote, das ist hübsch von Euch.“
Ein Mönch, namens Leonard, sagte:
„Mach mit uns, was Du willst. Wir sind Mönche, keiner wird Anspruch auf uns erheben.“
„Er hat recht geredet,“ sprach Ulenspiegel. „Denn da der Mönch mit der Welt gebrochen hat, die Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Gattin und Liebste ist, so wird er in seinem letzten Stündlein keinen finden, der Anspruch an ihn erhebt. Ich aber, Excellenz, ich will es tun. Da der Kapitän Marin die Kapitulation von Gorkum unterzeichnete, machte er aus, daß diese Mönche frei sein sollten, wie alle, die in der Zitadelle gefangen wurden und aus der Stadt abzogen. Sie wurden jedoch ohne Grund als Gefangene zurückgehalten. Ich höre, daß sie gehenkt werden sollen. Euer Gnaden, ich wende mich in aller Demut an Euch und lege Fürsprache für sie ein; denn ich weiß: Soldatenwort ist gülden Wort.“
„Wer bist Du?“ fragte Messire de Lumey.
„Euer Gnaden,“ antwortete Ulenspiegel, „ich bin ein Vläme aus dem schönen Land Flandern; ein Bauer und Edelmann, alles zumal. Also lustwandle ich durch die Welt, lobe die guten und schönen Dinge und spotte der Dummheit mit keckem Schnabel. Und ich will Euch preisen, so Ihr das Versprechen haltet, das der Kapitän gegeben hat: Soldatenwort ist gülden Wort.“
Aber die Söldner, so auf dem Schiff waren, sagten:
„Euer Gnaden, dieser Mensch ist ein Verräter. Er hat versprochen, sie zu retten; er hat ihnen Brot, Schinken, Wurst, Bier gegeben, und uns nichts.“
Drauf sagte Messire de Lumey zu Ulenspiegel:
„Lustwandelnder Vläme und Ernährer von Mönchen, Du wirst mit ihnen gehenkt werden.“
„Ich habe keine Furcht,“ erwiderte Ulenspiegel, „Soldatenwort ist gülden Wort.“
„Dir ist der Kamm trefflich geschwollen,“ sprach de Lumey.
„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sprach Ulenspiegel.
Die Mönche wurden in eine Scheune gebracht und Ulenspiegel mit ihnen; dort wollten sie ihn durch theologische Argumente bekehren, aber beim Zuhören schlief er ein.
Dieweil Herr de Lumey bei Tafel war und sich an Wein und Fleisch gütlich tat, kam ein Bot von Gorkum vom Kapitän Marin mit der Abschrift der Briefe des Schweigers, Prinzen von Oranien: „Befehl an alle Gouverneure der Städte und andrer Orte, daß sie den Geistlichen gleichen Schutz, gleiche Sicherheit und Vorrechte wie dem übrigen Volk angedeihen lassen.“
Der Bote verlangte bei de Lumey vorgelassen zu werden, um ihm die Abschrift der Briefe zu eignen Händen auszuantworten.
„Wo ist das Original?“ fragte ihn de Lumey.
„Bei meinem Gebieter Marin,“ sagte der Bote.
„Und der Tölpel schickt mir die Abschrift!“ sagte de Lumey. „Wo ist Dein Paß?“
„Hier, Euer Gnaden,“ sagte der Bote.
Herr de Lumey las laut vor:
„Der gnädige Herr und Hauptmann Marin Brandt befiehlt allen Beamten, Gouverneuren und Offizieren der Republik ungefährdet passieren zu lassen“ usw.
De Lumey schlug mit der Faust auf den Tisch und zerriß den Paß. „Blut Gottes,“ schrie er, „was untersteht sich dieser Marin, dieser Lump, der vor der Einnahme von Briel nicht eine Heringsgräte zu beißen hatte! Er betitelt sich gnädiger Herr und Hauptmann und schickt mir Befehle, mir! Er verordnet und befiehlt! Sag Deinem gnädigen Herrn, daß er so sehr Hauptmann und gnädig ist, und so trefflich befehlen und verordnen kann, daß die Mönche alsogleich kurz und hoch sollen aufgehenkt werden, und Du mit ihnen, wenn Du Dich nicht packst.“
Und mit einem Fußtritt stieß er ihn aus dem Saale.
„Zu trinken!“ schrie er. „Habt Ihr die Anmaßung dieses Marin gesehen? Ich werde mein Essen wieder ausspeien, so wütend bin ich. Die Mönche sollen straks in ihrer Scheune gehenkt werden und der lustwandelnde Vläme soll hierher gebracht werden, nachdem er ihrer Hinrichtung beigewohnt hat. Wir wollen doch sehen, ob er es wagen wird, mir zu sagen, daß ich schlecht getan habe. Blut Gottes! Wozu braucht es hier noch Krüge und Gläser?“ Und mit lautem Krachen zerbrach er die Becher und das Geschirr, und niemand traute sich, mit ihm zu sprechen. Die Diener wollten die Scherben auflesen, er duldete es nicht, und indem er ohne Maß die Flaschen austrank, geriet er noch mehr in Wut, rannte mit großen Schritten umher und trampelte und stampfte wütend auf die Scherben. Ulenspiegel ward vor ihn geführt.
„Nun,“ sagte er zu ihm, „bringst Du Kunde von Deinen Freunden, den Mönchen?“
„Sie sind gehenkt,“ sagte Ulenspiegel, „und ein feiger Henker, der aus Habgier schlachtet, hat dem einen, nachdem er tot war, Bauch und Seiten aufgeschlitzt, wie bei einem Schwein, das man ausnimmt, um sein Fett einem Apotheker zu verkaufen. Soldatenwort ist nicht mehr gülden Wort.“
De Lumey zerstampfte die Trümmer des Geschirrs.
„Du trotzest mir, Du vier Schuh hoher Taugenichts, doch Du sollst auch gehenkt werden, nicht in einer Scheune, sondern auf offenem Markt, mit Schimpf und Schande vor allen Leuten.“
„Schande über Euch,“ sagte Ulenspiegel. „Schande über uns. Soldatenwort kein gülden Wort mehr.“
„Wirst Du schweigen, Eisenkopf!“ sagte Messire Lumey.
„Schande über Dich,“ sprach Ulenspiegel, „Soldatenwort kein gülden Wort mehr. Bestrafe lieber die schändlichen Händler mit Menschenfett.“
Darauf stürzte sich Herr de Lumey auf ihn, um ihn zu schlagen.
„Schlag zu,“ sagte Ulenspiegel, „ich bin Dein Gefangener, aber ich habe keine Furcht vor Dir. Soldatenwort kein gülden Wort mehr.“
Da zog Herr von Lumey seinen Degen und hätte Ulenspiegel gewißlich getötet, dafern nicht Herr von Très-Long seinen Arm festgehalten und zu ihm gesagt hätte:
„Erbarme Dich! Er ist ehrlich und tapfer und hat kein Verbrechen begangen.“
Da besann sich de Lumey und sprach:
„Er möge um Pardon bitten“.
Doch Ulenspiegel blieb stehen und sagte:
„Das werde ich nicht tun.“
„Dann soll er zum wenigsten sagen, daß ich nicht Unrecht gehabt habe,“ schrie de Lumey, in Wut geratend.
Ulenspiegel entgegnete:
„Ich bin kein Speichellecker großer Herren; Soldatenwort kein gülden Wort mehr.“
„Der Galgen soll aufgerichtet werden,“ sagte de Lumey. „Führt ihn hin; so wird es ein hanfenes Wort sein.“
„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „und vor allem Volk werde ich Dir zurufen: Soldatenwort ist kein gülden Wort mehr!“
Der Galgen ward auf dem großen Markt errichtet, und die Kunde durchlief alsbald die Stadt, daß Ulenspiegel, der tapfere Geuse, gehenkt werden sollte. Und das Volk ward von Mitleid und Teilnahme ergriffen. In hellen Haufen kam es zum Großen Markt, und Herr de Lumey kam auch angeritten, da er selber das Zeichen zur Hinrichtung geben wollte.
Ohne Erbarmen sah er Ulenspiegel mit dem Totenhemd angetan, auf der Leiter stehen, die Arme am Körper festgebunden, die Hände gefaltet, den Strick um den Hals, und den Henker bereit, seines Amtes zu walten.
Très-Long sagte:
„Euer Gnaden, verzeihet ihm, er ist kein Verräter, und niemand hat je einen Menschen henken sehen, weil er aufrichtig und mitleidig war.“
Und als die Männer und Weiber aus dem Volk Très-Long reden hörten, schrien sie: „Erbarmen, Euer Gnaden, Erbarmen und Gnade für Ulenspiegel!“
„Dieser Eisenkopf hat mir getrotzt,“ sprach de Lumey, „er möge bereuen und sagen, daß ich recht getan habe.“
„Willst Du bereuen und sagen, daß er recht getan habe?“ sagte Très-Long zu Ulenspiegel.
„Soldatenwort ist kein gülden Wort mehr,“ gab Ulenspiegel zur Antwort.
„Zieht den Strick zu,“ sagte de Lumey.
Der Henker wollte gehorchen; da sprang ein junges Mädchen, ganz in Weiß gekleidet, mit einem Blumenkränzlein im Haar, wie rasend die Stufen des Blutgerüsts hinauf, warf sich an Ulenspiegels Brust und sagte:
„Dieser Mann ist mein; ich nehme ihn zum Gatten.“
Und das Volk klatschte in die Hände und die Weiber schrieen:
„Es lebe das Dirnlein, Ulenspiegels Retterin!“
„Was bedeutet das?“ fragte Herr de Lumey.
Très-Long antwortete:
„Nach Sitte und Brauch der Stadt ist es Recht und Gesetz, daß ein junges Weib, Jungfrau oder ledig, einen Mann vom Strang errettet, wenn sie ihn am Fuße des Galgens zum Gatten nimmt.“
„Gott ist mit ihm,“ sprach de Lumey, „bindet ihn los.“
Darauf ritt er an das Gerüst heran und sah das Mägdlein geschäftig, Ulenspiegels Stricke zu zerschneiden, und der Henker wollte sich ihrem Vorhaben widersetzen und sagte:
„So Ihr sie zerschneidet, wer wird sie bezahlen?“
Aber das Mägdlein hörte ihn gar nicht.
Da er sah, daß sie so behend, verliebt und klug war, ward er gerührt.
„Wer bist Du?“ fragte er.
„Ich bin Nele, seine Braut, und komme aus Flandern, ihn zu suchen.“
„Du tatest recht,“ sagte de Lumey in rauhem Ton.
Und er ritt von dannen.
Drauf kam Très-Long heran.
„Kleiner Vläme,“ sagte er, „wirst Du als Ehemann noch Soldat auf unsern Schiffen bleiben?“
„Ja, Herr,“ antwortete Ulenspiegel.
„Und Du, Mägdlein, was wirst Du ohne Deinen Mann anfangen?“
Nele antwortete:
„Wenn Ihr erlaubt, Herr, werde ich auf seinem Schiff Pfeifer werden.“
„Ich erlaube es,“ sagte Très-Long.
Und er gab ihr zwei Gülden für die Hochzeit.
Und Lamm sagte, vor Freude weinend und lachend:
„Hier sind noch drei Gülden: wir wollen alles aufessen, ich bezahle. Laßt uns zum „Güldenen Kamm“ gehen. Mein Freund ist nicht tot. Es lebe der Geuse!“
Und das Volk klatschte Beifall, und sie gingen zum „Güldenen Kamm“, allwo ein großer Schmaus bestellt ward, und Lamm warf Heller zum Fenster hinaus für das Volk.
Und Ulenspiegel sagte zu Nele:
„Herzallerliebste, da bist Du also bei mir! O, Jubel! Sie ist hier, mit Leib, Herz und Seele, mein süßes Liebchen. O, die sanften Augen und die schönen roten Lippen, von welchen immer nur gute Worte kamen. Auf unsern Schiffen wirst Du die Pfeife der Freiheit blasen. Entsinnst Du Dich ... Doch nein ... Unser ist die gegenwärtige Stunde voller Wonne, und mein ist Dein Antlitz hold wie Blüten des Rosenmonds. Ich bin im Paradiese. Doch Du weinst ...?“
„Sie haben sie umgebracht,“ sprach sie.
Und sie erzählte ihm die Leidensgeschichte.
Und sich einander anschauend, weinten sie vor Liebe und Schmerz. Und beim Festmahl aßen und tranken sie, und Lamm blickte sie betrübt an und sagte:
„Ach, mein Weib, wo bist Du?“
Und der Priester kam und traute Nele und Ulenspiegel.
Und die Morgensonne fand sie nebeneinander auf ihrem Hochzeitslager.
Und Neles Haupt ruhte auf Ulenspiegels Schulter. Und als sie beim Sonnenschein erwachte, sagte er:
„Blühendes Antlitz und sanftes Herz, wir werden Flanderns Rächer sein.“
Und sie küßte ihn auf den Mund und sagte: „Närrischer Sinn und starker Arm, Gott wird Pfeife und Degen segnen.“
„Ich werde Dir ein Soldatenkleid machen.“
„Sogleich?“ fragte sie.
„Sogleich,“ antwortete Ulenspiegel. „Aber wer sagt doch, daß morgens die Erdbeeren gut sind? Dein Mund ist weit besser.“