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Da Nele zu Boden gefallen war, rieb sie sich die Augen und erblickte nichts als die Sonne, die in goldigen Dünsten aufging. Auch die Spitzen der Gräser waren ganz von Gold, und die Sonnenstrahlen färbten das Gefieder der schlafenden Möwen gelb; doch sie erwachten bald.
Dann blickte Nele sich an, sah, daß sie nackend war, und bekleidete sich hastig; dann sah sie Ulenspiegel gleichfalls nackend und deckte ihn zu. Vermeinend, daß er schliefe, schüttelte sie ihn, aber er rührte sich so wenig als ein Toter; sie ward von Furcht ergriffen. „Hab ich meinen Gesellen mit diesem Zauberbalsam getötet?“ sprach sie. „Ich will auch sterben! O, Tyll, wach auf! Er ist kalt wie Marmelstein!“
Ulenspiegel erwachte nicht. Zwei Nächte und ein Tag vergingen, und Nele, vor Harm fiebernd, hielt bei ihrem Freund Ulenspiegel die Wacht.
Beim Anbruch des zweiten Tages vernahm Nele den Ton eines Glöckleins und sah einen Bauern kommen, der eine Schaufel trug. Hinter ihm, eine Wachskerze in der Hand, schritten der Bürgermeister und zwei Schöffen, der Pfarrer von Stavenisse und ein Meßner, der ihm den Sonnenschirm hielt.
Sie gingen, sagten sie, um dem wackeren Jakobsen das heilige Sakrament der letzten Ölung zu geben; er war aus Furcht Geuse geworden, aber nachdem die Gefahr vorüber, kehrte er im Sterben in den Schoß der heiligen Römischen Kirche zurück.
Bald kamen sie zu der weinenden Nele und sahen Ulenspiegels Leichnam, mit seinen Kleidern bedeckt, auf dem Rasen ausgestreckt. Nele kniete nieder.
„Mägdlein,“ sprach der Bürgermeister, „was schaffst Du bei diesem Toten?“ Sie wagte nicht die Augen aufzuschlagen und antwortete:
„Ich bete für meinen Liebsten, der wie vom Blitz getroffen hier hingestürzt ist. Ich bin jetzt allein und will auch sterben.“
Darauf sprach der Pfarrer, vor Freuden schnaufend:
„Ulenspiegel, der Geuse ist tot; gelobet sei Gott! Bauer, spute Dich, eine Grube zu graben, nimm ihm die Kleider fort, ehe er begraben wird.“
„Nein,“ sagte Nele und stand auf. „Die soll man ihm nicht wegnehmen; es würde ihn in der Erde frieren.“
„Grabe das Grab,“ sagte der Pfarrer zu dem Bauern, der die Schaufel trug.
„Das ist mir recht,“ sprach Nele unter Tränen; „in dem kalkhaltigen Sande sind keine Würmer, und mein Geliebter wird unversehrt und schön bleiben.“
Und ganz betört beugte sie sich über Ulenspiegels Körper und küßte ihn unter Schluchzen und Tränen.
Bürgermeister, Schöffen und Bauer hatten Mitleid, aber der Pfarrer sagte in einem fort frohgemut: „Der große Geuse ist tot, Gott sei gelobt!“
Dann grub der Bauer das Grab, legte Ulenspiegel hinein und bedeckte ihn mit Sand.
Und der Pfarrer sprach über dem Grabe die Totengebete; alle knieten rund herum. Plötzlich geschah unter dem Sande eine große Bewegung, und Ulenspiegel kam hervor, nieste und schüttelte sich den Sand aus den Haaren. Dann packte er den Pfarrer an der Kehle und sprach:
„Inquisitor! Du legst mich lebendig ins Grab, dieweil ich schlafe! Wo ist Nele? Hast Du sie auch begraben? Wer bist Du?“
Der Pfarrer schrie:
„Der große Geuse kehrt in die Welt zurück! Herr Gott, erbarm Dich meiner Seele!“
Und er entfloh wie ein Hirsch vor den Hunden.
Nele trat zu Ulenspiegel.
„Küß mich, Herzliebste,“ sprach er.
Dann blickte er sich abermals um. Die beiden Bauern waren gleich dem Pfarrer entflohen und hatten, um besser zu laufen, Schaufel, Tragsessel und Schirm auf die Erde geworfen. Bürgermeister und Schöffen hielten sich vor Angst die Ohren zu und stöhnten auf dem Rasen.
Ulenspiegel ging zu ihnen, schüttelte sie und sprach:
„Begräbt man Ulenspiegel, den Geist, und Nele, das Herz der Mutter Flandern? Auch sie kann schlafen, aber sterben, nein! Komm, Nele.“
Und er ging mit ihr von dannen und sang sein sechstes Lied; doch wo er das letzte gesungen, das weiß keiner.