Erster Theil.

Leipzig

Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

1859.


Erstes Buch.
Wiederauferstanden.

Erstes Kapitel.
Die Periode.

Es war die beste Zeit, es war die schlechteste Zeit. Es war das Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Thorheit; es war die Epoche des Glaubens, es war die Epoche des Unglaubens; es waren die Tage des Lichts, es waren die Tage der Finsterniß; es war der Lenz der Hoffnung, es war der Winter der Verzweiflung. Wir hatten Alles zu erwarten, wir hatten Nichts zu erwarten. Wir gingen Alle schnurstracks dem Himmel zu, wir gingen Alle schnurstracks den andern Weg — kurz, die Zeit war insofern der gegenwärtigen gleich, als einige ihrer lärmendsten Kenner behaupteten, es könnte im Guten oder Bösen nur in Superlativen von ihr gesprochen werden.

Ein König mit einer großen Unterkiefer und eine Königin von gewöhnlichem Aussehen saßen auf dem Throne von England; ein König mit einer großen Unterkiefer und eine Königin mit einem schönen Gesicht saßen auf dem Throne von Frankreich. In beiden Ländern erkannten die Magnaten des Landes, für welche die Fische und Brote des Landes aufbewahrt werden, auf das Klarste, daß Alles auf ewig in bester Ordnung sei.

Es war das Jahr unseres Herrn 1775. England kamen in jener glücklichen Zeit Enthüllungen aus der andern Welt zu, ebenso wie jetzt. Mrs. Southcott hatte vor Kurzem ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag gefeiert, dessen erhabenes Tagen ein prophetischer Gemeiner aus der Leibgarde durch die Verkündigung gefeiert hatte, daß London und Westminster auf dem Punkte stünden, von der Erde verschlungen zu werden. Selbst das Cock-lane-Gespenst war seit einem vollen Dutzend Jahren zur Ruhe gegangen, nachdem es seine Botschaften durch Klopfen kundgethan, genau wie es die Geister des vorletzten Jahres thaten, so übernatürlich war ihr Mangel an Originalität. Einfache irdische Botschaften hatte neuerdings die englische Krone und das englische Volk von einem Congreß britischer Unterthanen in Amerika bekommen, die, seltsam genug, viel wichtiger für das Menschengeschlecht geworden sind, als alle Botschaften, welche von Geistern aus dem Cock-lane-Gelichter herstammen.

Frankreich, in Sachen der Geisterwelt weniger begünstigt, als ihre Schwester mit dem Schilde und dem Dreizack, rutschte ganz gemächlich bergab, machte Papiergeld und verthat es. Unter der Anleitung seiner christlichen Seelenhirten unterhielt es sich außerdem mit so menschenfreundlichen Thaten, wie z. B. mit dem Verurtheilen eines Jünglings, daß ihm die Hände abgehackt, die Zunge mit Zangen ausgerissen und er selbst lebendig verbrannt werde, weil er nicht vor einer Prozession schmutziger Mönche, die in seinem Gesichtsbereich in einer Entfernung von fünfzig bis sechszig Schritt vorbeigegangen, im Regen niedergekniet war. Es ist wohl möglich, daß, während dieser arme Junge hingerichtet ward, in den Waldungen Frankreichs und Norwegens Bäume wuchsen, die der Holzfäller Verhängniß schon gezeichnet hatte, um sie zu fällen und zu Brettern zu sägen, um daraus ein gewisses in schrecklicher Erinnerung lebendes bewegliches Gerüst, mit einem Sack und einem Messer daran, zu verfertigen. Es ist wohl möglich, daß unter dem hinfälligen Schuppen einiger Bebauer des schweren Bodens um Paris an demselben Tage unbehülfliche Karren standen, besprützt mit Straßenschmutz, beschnüffelt von Schweinen und dem Federvieh als Sitz dienend, welche der Pächter Tod bereits bestimmt hatte, seine Karren in der Revolution zu sein. Aber dieser Holzfäller und dieser Pächter arbeiteten zwar unaufhörlich, aber stumm, und Niemand hörte sie, wie sie leisen Schrittes sich herumbewegten, um so mehr, da es reine Gottlosigkeit und Hochverrath war, nur den Verdacht zu hegen, daß sie thätig sein könnten.

In England war kaum so viel Ordnung und Schutz von Leben und Eigenthum, daß die Nation sich sehr hätte dessen rühmen können. Verwegene Hauseinbrüche von Bewaffneten und Straßenraub kamen allnächtlich in der Hauptstadt selbst vor; Familien wurden öffentlich gewarnt, die Stadt nicht zu verlassen, ohne ihren Hausrath der Sicherheit wegen dem Möbelhändler zum Aufbewahren zu geben; der Straßenräuber im Dunkel der Nacht war bei Tage ein ehrsamer Bürger der City, der, wenn er von seinem Gevatter als „Capitain“ angehalten, erkannt und genannt ward, diesem ohne Weiteres durch den Kopf schoß und davonritt; die Postkutsche wurde von sieben Räubern angehalten, der Conducteur schoß drei todt und die anderen vier schossen dann den Conducteur selbst todt, „weil er alle seine Munition verschossen hatte“, worauf die Plünderung der Postkutsche in Frieden vor sich ging; den gewaltigen Potentaten, den Lord Mayor von London, hielt ein einziger Straßenräuber auf Turnham Green an und nahm ihm Angesichts seines Gefolges die Börse ab; in Londoner Gefängnissen kam es zu Gefechten zwischen Gefangenen und Schließern und die Majestät des Gesetzes feuerte mit Donnerbüchsen, geladen mit Schrot und Kugeln, unter die Gefangenen; Diebe schnitten an Hofcourtagen Diamantkreuze von dem Halse edler Lords; Musketiere marschirten nach St. Giles, um nach geschmuggelten Waaren zu suchen, und das zusammengelaufene Volk feuerte auf die Musketiere, und die Musketiere feuerten auf das zusammengelaufene Volk; und keines dieser Ereignisse hielt irgend Jemand für etwas Ungewöhnliches. Während sie vor sich gingen, war der Henker, immer geschäftig, und immer schlimmer als nutzlos, in beständiger Arbeit; jetzt hing er ganze Reihen von allerhand Verbrechern auf; dann richtete er Sonnabends einen Hauseinbrecher hin, der Dienstag gefangen worden war; jetzt brandmarkte er in Newgate Leute dutzendweise in die Hand und dann verbrannte er vor der Thür der Westminster-Halle Flugschriften; heute brachte er einen blutgierigen Mörder vom Leben zum Tode und morgen einen armseligen Wicht, der einem Bauernknecht sechs Pence gestohlen hatte.

Alle diese Dinge und tausend ähnliche geschahen in und um das liebe alte Jahr 1775. Von ihnen umgeben und während Holzfäller und Pächter unbeirrt fortarbeiteten, machten die Beiden mit dem großen Unterkiefer und die beiden Andern mit dem gewöhnlichen und dem schönen Gesicht Lärm genug in der Welt und machten ihre göttlichen Rechte mit hochfahrendem Sinne geltend. So führte das Jahr 1775 seine größten und Myriaden von kleinen Geschöpfen — die Geschöpfe dieser Geschichte unter den übrigen — die Straßen entlang, die vor ihnen lagen.

Zweites Kapitel.
Die Postkutsche.

Die Straße nach Dover war es, die in einer Freitagsnacht spät im November vor der ersten der Personen lag, mit welchen diese Geschichte zu thun hat. Die Straße nach Dover lag für diesen Mann vor der Dover Postkutsche, wie sie Shooter’s Hill hinauf rumpelte. Er ging wie die übrigen Passagiere bergab in dem Straßenschlamm, neben der Postkutsche her; nicht, weil sie die mindeste Vorliebe für Spazierengehen unter diesen Umständen hatten, sondern weil der Hügel so steil, der Schmutz so tief, und das Geschirr und die Kutsche so schwer waren, daß die Pferde schon dreimal stecken geblieben waren und einmal den Wagen quer über die Straße gezogen hatten, in der meuterischen Absicht, nach Blackheath umzukehren. Zügel und Peitsche und Kutsche und Conducteur hatten jedoch im Verein den Kriegsartikel verlesen, welcher ein sonst sehr zu Gunsten der Behauptung, daß einige Thiere mit Vernunft ausgestattet sind, sprechendes Thuen verbot; und das Gespann hatte capitulirt und war zu seiner Pflicht zurückgekehrt.

Mit gesenkten Köpfen und zitternden Schweifen wateten sie durch den dicken Schlamm und stolperten und wankten zuweilen, als ob sie in den größeren Gelenken in Stücke gehen wollten. So oft der Kutscher ihnen eine kurze Rast gestattete und sie mit einem beruhigenden Brr! So, so! anhielt, schüttelte das Handpferd von den beiden Stangenpferden heftig den Kopf mit Allem, was darumhing — als ein ungewöhnlich emphatisches Pferd entschieden seine Meinung aussprechend, daß die Kutsche gar nicht den Berg hinauf gebracht werden könnte. So oft das Stangenpferd sich so klappernd schüttelte, fuhr der Passagier zusammen, wie es einem nervenschwachen Passagier wohl geschehen mag und zeigte sich besorgt im Gemüthe.

Ein dampfender Nebel lag in allen Tiefen, und er war in seiner Verlassenheit den Hügel hinauf gewandert, wie ein böser Geist, der Ruhe sucht und keine findet. Feucht und kalt kam er durch die Luft langsam in kräuselnden Streifen herangezogen, die sichtbar einander folgten und übereinander stürzten, wie die Wellen eines ungesunden Meeres. Er war dick genug, um Alles, außer seinem eigenen Wirbel und ein Paar Ellen von der Straße, von dem Lichte der Kutschenlaternen abzusperren; und der Dunst von den sich abarbeitenden Pferden dampfte, als ob der Nebel erst daraus entstanden wäre.

Zwei andere Passagiere außer dem einen erstiegen neben der Postkutsche mühsam den Hügel. Alle drei waren bis an die Backen und über die Ohren eingewickelt und trugen hohe Reitstiefel. Keiner von den dreien hätte nach dem, was er sah, sagen können, wie die beiden andern aussahen, und jeder war unter fast so vielen Verhüllungen vor den Augen des Geistes, wie vor den Augen des Körpers seiner beiden Gefährten versteckt. In jenen Tagen hüteten sich die Reisenden gar sehr, nach kurzer Bekanntschaft einander Vertrauen zu schenken, denn Jeder, den man auf der Straße traf, konnte ein Räuber oder im Bunde mit Räubern sein. Was das Letztere betrifft, so war es das Allerwahrscheinlichste zu einer Zeit, wo jede Poststation und jede Schenke Jemand aufweisen konnte, der in des Capitains Sold stand; und diese Stufenleiter des Vertrauens ging vom Wirth bis herunter zum niedrigsten Stalljungen. So dachte der Conducteur der Dover-Postkutsche bei sich selbst in jener Freitagnacht im November 1775, wie er auf seinem ihm angewiesenen Posten hinten auf der Kutsche stand, in der eine geladene Donnerbüchse über sechs oder acht geladenen Reiterpistolen und einigen Säbeln lag.

Die Dover-Postkutsche war in ihrer gewöhnlichen gemüthlichen Stimmung, wo der Conducteur den Passagieren mißtraute, die Passagiere von einander und von dem Conducteur Arges dachten, Alle auf die Uebrigen einen Argwohn geworfen hatten und der Kutscher nur seiner Pferde sicher war; in Bezug auf welche Pferde er mit reinem Gewissen auf beide Testamente hätte schwören können, daß sie für die Reise nicht geeignet waren.

„Brr!“ sagte der Kutscher. „Brr! noch einmal ins Geschirr gelegt und ihr seid oben, und dann sollt ihr verdammt sein, denn es hat mir Mühe genug gekostet, euch so weit zu bringen! — Joe!“

„Heda“, erwiderte der Conducteur.

„Welche Zeit mag’s wohl sein, Joe?“

„Gute zehn Minuten über elf.“

„Teufel!“ rief ärgerlich der Kutscher aus, „und noch nicht auf der Höhe! Vorwärts!“

Das emphatische Pferd, von der Peitsche in einer höchst entschiedenen Verneinung unterbrochen, legte sich ins Geschirr und die drei anderen Pferde folgten. Noch einmal rumpelte die Dover-Kutsche fort und die hohen Reitstiefel der Passagiere wateten neben ihr her. Sie waren stehen geblieben, wie die Kutsche stehen blieb und hielten sich dicht bei einander. Wenn einer von den dreien keck genug gewesen wäre, einem andern vorzuschlagen, im Nebel und in der Nacht ein Wenig vorauszugehen, hätte er sich der nicht unwahrscheinlichen Gefahr ausgesetzt, auf der Stelle als Straßenräuber niedergeschossen zu werden.

Die letzte Anstrengung brachte die Postkutsche bis auf die Höhe. Die Pferde machten Halt, um zu verschnaufen, und der Conducteur stieg ab, um das Rad für die Hinabfahrt zu hemmen, den Kutschenschlag aufzumachen und die Passagiere einsteigen zu lassen.

„Heda, Joe! Horch, Joe!“ rief der Kutscher warnend vom Bock herunter.

„Was meint Ihr, Tom?“

Sie lauschten Beide.

„Ein Reiter kommt im Galopp uns nach, Joe.“

„S’ ist ein Reiter in gestrecktem Galopp, Tom“, gab der Conducteur zurück, indem er die Kutschenthür losließ und rasch auf seinen Platz kletterte. „Ihr Herren! In des Königs Namen, Alle für Einen!“

Nach dieser eiligen, aber eindringlichen Aufforderung spannte er den Hahn seiner Donnerbüchse und stand kampfbereit da.

Der für diese Geschichte eingeschriebene Passagier stand auf dem Kutschentritt, im Einsteigen begriffen; die beiden anderen Passagiere waren dicht hinter ihm, um ihm zu folgen. Er blieb halb in der Kutsche und halb außerhalb derselben auf seinem Platze; die andern blieben auf der Straße unter ihm stehen. Sie alle sahen abwechselnd den Kutscher und den Conducteur an und horchten.

Der Kutscher sah zurück und der Conducteur sah zurück, und selbst das emphatische Handpferd spitzte die Ohren und sah zurück, ohne zu widersprechen.

Das durch das Aufhören des Rumpelns und Polterns der Kutsche eintretende Schweigen, verbunden mit dem Schweigen der Nacht, machte es wirklich still. Das Keuchen der Pferde theilte der Kutsche eine zitternde Bewegung mit, als ob sie sich in einem Zustande der Aufregung befände. Die Herzen der Passagiere schlugen laut genug, um gehört zu werden; aber jedenfalls die Ruhepause sprach hörbar von Leuten außer Athem und Leuten, die den Athem anhalten und deren Blut vor Erwartung rascher pulsirt.

Der Hufschlag eines scharf galoppirenden Pferdes kam den Hügel herauf immer näher und näher.

„Halloh!“ rief der Conducteur, so laut er brüllen konnte. „Heda! Steht, oder ich schieße!“

Das Pferd ward plötzlich angehalten und mit vielem Klatschen und Stampfen hörte man eine Mannsstimme aus dem Nebel herauf tönen: „Ist das die Dover-Post?“

„Kümmert Euch nicht drum, was es ist!“ erwiderte der Conducteur. „Wer seid Ihr?“

„Ist das die Dover-Post?“

„Warum wollt Ihr’s wissen?“

„Ich suche einen Passagier, wenn sie’s ist.“

„Wie heißt der Passagier?“

„Mr. Jarvis Lorry.“

Der uns wohlbekannte Passagier gab sofort kund, daß dies sein Name sei. Der Conducteur, der Kutscher und die beiden anderen Passagiere warfen argwöhnische Blicke auf ihn.

„Bleibt, wo Ihr seid“, rief der Conducteur der Stimme im Nebel zu, „weil, wenn ich einen Irrthum beginge, er während Eurer Lebenszeit nicht wieder gut gemacht werden könnte. Der Herr, der Lorry heißt, antworte auf der Stelle.“

„Was giebt’s?“ fragte darauf der Passagier, mit etwas zitternder Stimme. „Wer fragt nach mir? Ist es Jerry?“

„Mir gefällt Jerry’s Stimme nicht, wenn es Jerry ist“, brummte der Conducteur vor sich hin. „Er ist heiserer, als mir gefällt, der Jerry.“

„Ja, Mr. Lorry.“

„Was giebt’s?“

„Eine Depesche für Sie von drüben. Von T. u. Comp.“

„Ich kenne den Mann, Conducteur,“ sagte Mr. Lorry, indem er wieder auf die Straße hinabtrat, wobei ihm die beiden anderen Passagiere mehr rasch als höflich beistanden und darauf sofort in die Kutsche kletterten, die Thür zumachten und das Fenster hinaufzogen. „Er kann herankommen; es ist Alles in Ordnung.“

„Ich will das hoffen, gar zu sicher sieht es mir noch nicht aus“, sagte der Conducteur, immer noch vor sich hinbrummend. „Heda, Mann!“

„Nun ja, hier bin ich!“ sagte Jerry, noch heiserer als vorher.

„Kommt im Schritt heran! Hört Ihr’s? Und wenn Ihr Halfter an Eurem Sattel habt, so nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht mit der Hand ihnen zu nahe kommt. Denn ich bin ein Teufel im Falschverstehen, und wenn ich was falsch verstehe, so wird gleich Blei daraus. Nun wollen wir einmal sehen, wen wir haben.“

Ein Pferd und ein Reiter kamen langsam aus dem wirbelnden Nebel und an die Seite der Postkutsche, wo der Passagier stand. Der Reiter beugte sich herab und übergab, indem er den Conducteur ansah, dem Passagier ein kleines zusammengebrochenes Papier. Das Pferd des Reiters war außer Athem, und sowohl Pferd wie Reiter waren von den Hufen des Pferdes bis zu dem Hute des Mannes mit Koth bespritzt.

„Conducteur!“ sagte der Passagier in ruhigem und zuversichtlichem Geschäftstone.

Der wachsame Conducteur, mit der rechten Hand am Kolben der halb erhobenen Donnerbüchse, mit der linken am Rohr und mit dem Auge auf dem Reiter, antwortete kurz: „Sir!“

„Es ist Nichts zu fürchten. Ich bin von Tellson’s Bank. Ihr müßt Tellson’s Bank in London kennen. Ich reise in Geschäften nach Paris. Eine Krone Trinkgeld. Ich kann dies lesen?“

„Wenn Ihr rasch macht, Sir!“

Er brach den Brief beim Lichte der Kutschenlampe auf und las, erst für sich und dann laut: Warten Sie in Dover auf Mademoiselle. „Es ist nicht lang, wie Ihr seht, Conducteur. Jerry, sagt, meine Antwort wäre: Wiederauferstanden.“

Jerry fuhr im Sattel empor. „Das ist eine verwünscht seltsame Antwort“, sagte er mit seiner heisersten Stimme.

„Meldet, was ich gesagt habe und sie werden wissen, daß ich diesen Brief bekommen habe, so gut, als ob ich geschrieben hätte. Haltet Euch möglichst dazu. Gute Nacht!“

Die Postkutsche.

Mit diesen Worten machte der Passagier die Kutschenthür auf und stieg ein, ohne den mindesten Beistand von Seiten seiner Mitpassagiere zu finden, welche eiligst ihre Uhren und Geldbeutel in den Stiefeln versteckt hatten und sich jetzt alle schlafend stellten. Mit keiner bestimmteren Absicht, als der Gefahr zu entgehen, sich zu einem andern Verhalten entschließen zu müssen.

Die Kutsche rumpelte weiter und schwerere Wirbel Nebel umkräuselten sie, wie sie bergab zu fahren begann. Der Conducteur legte die Donnerbüchse bald wieder in die Waffenkiste, und nachdem er sich den übrigen Inhalt derselben betrachtet und nach den Pistolen, die er im Gürtel trug, gesehen hatte, sah er auch nach einem kleinern Kasten unter seinem Sitz, in welchem sich Hammer und Zange, ein Paar Fackeln und ein Feuerzeug befanden. Denn er war so vollständig ausgerüstet, daß, wenn der Wind die Kutschenlaternen ausgeblasen hätte, was manchmal geschah, er weiter Nichts zu thun brauchte, als sich einzuschließen, sich zu hüten, die Funken von Stahl und Stein in Stroh fallen zu lassen und mit leidlicher Sicherheit und Leichtigkeit (wenn er glücklich war) in fünf Minuten Licht zu machen.

„Tom!“ klang es halblaut über das Dach des Wagens.

„Was giebt’s, Joe?“

„Hörtet Ihr, was er sagte?“

„Ja wohl, Joe.“

„Habt Ihr was davon verstanden, Tom?“

„Ne, Joe.“

„Das trifft sich merkwürdig zusammen“, sagte der Conducteur nachdenklich vor sich hin, „denn ’s ist mir auch so gegangen.“

Jerry, im Nebel und in der Dunkelheit allein gelassen, stieg unterdessen ab, nicht nur seinem todtmüden Pferde zu Liebe, sondern auch, um sich die Kothflecken aus dem Gesicht zu wischen und den angesammelten Regen aus dem Hutrande, der etwa eine halbe Gallone halten mochte, zu schütteln. Nachdem er mit dem Zügel über dem Arm dagestanden hatte, bis man die Räder der Postkutsche nicht länger hörte und die Nacht wieder ganz still war, führte er langsam das Pferd den Hügel hinab.

„Nach dem scharfen Galopp vom Templethor, Alter, will ich’s deinen Vorderläufen nicht eher wieder zumuthen, als bis wir wieder auf ebenem Wege sind,“ sagte der heisere Bote mit einem Blicke auf sein Roß. „Wiederauferstanden. Das ist eine verteufelt seltsame Antwort. Das würde dir nicht allzu gut passen, Jerry! Nicht wahr, Jerry, du wärst verteufelt schlecht daran, wenn Wiederauferstehen Mode würde!“

Drittes Kapitel.
Die Schatten der Nacht.

Es ist eine wunderbare, des Nachdenkens werthe Thatsache, daß jedes Menschen Wesen darnach angethan ist, ein tiefes Geheimniß und Räthsel für jedes andere zu sein. Ein feierlicher Gedanke, wenn ich bei Nacht in eine große Stadt komme, daß jedes dieser sich in dunkle Gruppen zusammendrängenden Häuser sein eigenes Geheimniß in sich schließt; daß jedes Zimmer in jedem derselben sein eigenes Geheimniß besitzt; daß jedes pulsirende Herz in den Hunderttausenden von Menschenbusen in einigen seiner Träume ein Geheimniß für das ihm am nächsten stehende Herz ist! Etwas von dem erhabenen Grauen, das der Tod einflößt, ist dem zuzuschreiben. Nicht mehr kann ich die Blätter dieses theuren Buches umwenden, das ich liebte, und vergeblich war die Hoffnung, es mit der Zeit ganz durchzulesen. Nicht mehr kann ich in die Tiefen dieses unergründlichen Wassers schauen, in welchem ich, als flüchtige Strahlen darauf fielen, einen Blick auf begrabene Schätze und andere versunkene Herrlichkeiten erhaschte. Es war beschlossen, daß das Buch sich auf immer und ewig verschließen sollte, als ich nur eine einzige Seite gelesen hatte. Es war beschlossen, daß ein ewiger Winterfrost das Wasser erstarren machen sollte, als das Licht noch auf seinem Spiegel spielte und ich, ohne Arges zu ahnen, am Ufer stand. Mein Freund ist todt, mein Nachbar ist todt, meine Geliebte, das Kleinod meiner Seele, ist todt; es ist die unerbittliche Besiegelung des Geheimnisses, welches immer in dieser Individualität war und welches ich bis an meines Lebens Ende in mir tragen werde. Giebt es auf einem einzigen der Friedhöfe der Stadt, durch welche ich gehe, einen Schlummernden, der unerforschlicher wäre, als mir ihre geschäftigen Bewohner in ihrer innersten Persönlichkeit sind, oder als ich ihnen bin?

Was nun dies, seine natürliche und nicht zu entfremdende Erbschaft betrifft, so besaß der berittene Bote davon genau so viel, wie der König, der erste Staatsminister oder der reichste Kaufmann in London. Ebenso war’s mit den drei Passagieren, die in den engen Raum einer schwerfälligen, alten Postkutsche eingesperrt waren; sie waren einander so vollständig ein Geheimniß, als ob Jeder für sich in seiner eigenen sechs- oder sechszigspännigen Kutsche gesessen hätte, durch die ganze Breite einer Grafschaft von einander getrennt.

Der Bote ritt im bequemen Trab zurück und machte ziemlich oft bei Schenken an der Straße Halt, um zu trinken, wo er aber immer eine Neigung zeigte, seine Sache für sich und den Hut tief in die Stirn gezogen zu behalten. Er hatte Augen, welche zu dieser Neigung sehr gut paßten, schwarz, ohne Tiefe in Farbe oder Form, und viel zu nahe bei einander — als ob sie fürchteten, einzeln bei Etwas ertappt zu werden, wenn sie zu weit auseinander blieben. Unter einem dreieckigen Hut, gleich einem dreieckigen Spucknapf, und über einem großen Wickeltuch für das Kinn und den Hals, das fast bis zu dem Knie des Reiters herabfiel, hatten sie einen finstern Ausdruck. Wenn der Reiter anhielt, um zu trinken, schob er mit der linken Hand das Wickeltuch zurück, aber nur so lange, als er mit der rechten das Getränk hinuntergoß; sowie dies geschehen war, hüllte er sich wieder ein.

„Nein, Jerry, nein“, sagte der Bote, immer noch mit diesem einen Gegenstande beschäftigt. „Das paßte nicht für dich, Jerry. Jerry, für einen so ehrsamen Bürgersmann paßte das nicht ins Geschäft! Wiederauferstanden! Soll mich Der und Jener holen, wenn ich nicht glaube, er hatte Eins getrunken.“

Die Botschaft verursachte ihm so viel Kopfzerbrechen, daß er mehrere Male sich genöthigt sah, den Hut abzunehmen und sich hinter den Ohren zu kratzen. Außer auf dem Scheitel, der fast kahl war, hatte er steifes, schwarzes Haar, das in einzelnen Spitzen rund um ihn herumstand und niederwärts fast bis an seine breite, stumpfe Nase herabgewachsen war. Es war Schlosserarbeit so ähnlich und sah so viel mehr dem Rande einer mit starken eisernen Spitzen besetzten Mauer, als einem wohlbehaarten Kopfe ähnlich, daß der geschickteste Bockspringer sich geweigert haben würde, einen Sprung über ihn zu wagen.

Während er mit der Botschaft, die er dem Nachtwächter in seinem Schilderhaus an der Thür von Tellson’s Bank am Tempelthor übergeben sollte, welcher sie höheren Behörden drinnen zu überbringen hatte, zurücktrabte, nahmen die Schatten der Nacht vor ihm solche Gestalten an, wie sie aus der Botschaft entstanden, und nahmen für das Pferd Gestalten an, wie sie aus dessen Privatveranlassungen zur Unruhe hervorgingen. Sie schienen zahlreich zu sein, denn es scheute vor jedem Schatten auf der Straße.

Unterdessen rumpelte, polterte und ächzte die Postkutsche auf ihrem langweiligen Wege mit ihren drei unerforschlichen Passagieren weiter. Auch diesen zeigten sich die Schatten der Nacht in den Gestalten, welche ihre halbschlummernden Augen und herumschweifenden Gedanken ihnen eingaben.

Tellson’s Bank spielte in der Postkutsche eine große Rolle. Wie der Bankpassagier — den einen Arm in die lederne Schleife gelegt, welche ihr Möglichstes that, ihn abzuhalten, auf den nächsten Passagier zu fallen und ihn in eine Ecke zu schieben, so oft die Kutsche einen ganz besondern Stoß erhielt — auf seinem Platze mit halbgeschlossenen Augen nickte, wurden die kleinen Kutschenfenster und die matt durch dieselben schimmernden Kutschenlaternen und der in seinen Mantel gehüllte Passagier gegenüber die Bank, die ganz gewaltige Geschäfte machte. Das Klappern des Geschirres wurde zum Geldklimpern und binnen fünf Minuten wurden mehr Tratten honorirt, als selbst Tellson’s Bank mit aller ihrer Kundschaft im Auslande und im Inlande jemals in der dreifachen Zeit bezahlt hatte. Alsdann thaten sich vor ihm die festen Keller unter der Bank mit den kostbaren Vorräthen und Geheimnissen, welche der Passagier wußte (und er wußte nicht wenige derselben), vor ihm auf, und er ging mit großen Schlüsseln und dem schwach brennenden Lichte hinein und fand Alles sicher und unbesehen und unverrathen, gerade, wie er es zuletzt gefunden.

Aber obgleich die Bank ihm fast immer Gesellschaft leistete und obgleich die Kutsche (in einer verwirrten Weise, wie das Schmerzgefühl unter dem Einflusse eines Opiats) sich nie von ihm trennte, blieb auch noch eine andere Reihe von Eindrücken die ganze Nacht hindurch lebendig. Er war unterwegs, um Jemanden aus einer Gruft herauszuholen.

Welches von den vielen Gesichtern, die sich ihm zeigten, das wahre Gesicht des Begrabenen sei, verriethen die Schatten der Nacht nicht; aber sie waren alle Gesichter eines Mannes von fünfundvierzig Jahren und unterschieden sich hauptsächlich in den Leidenschaften, welche sie ausdrückten und in dem Grauenhaften ihres abgelebten und elenden Aussehens. Stolz, Verachtung, Herausforderung, Trotz, Unterwürfigkeit, Jammer folgten auf einander; ebenso viele Abstufungen von eingefallenen Wangen, leichenhafter Farbe, abgezehrten Händen und Gesichtern. Aber im Ganzen war das Gesicht ein Gesicht und jedes Haupt war vor der Zeit weiß geworden. Wohl hundertmal fragte der Passagier aus seinem Halbschlummer heraus dieses Gespenst: „Wie lange begraben?“

Die Antwort war immer dieselbe: „Fast achtzehn Jahre.“

„Sie hatten alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?“

„Lange, lange schon.“

„Sie wissen, daß Sie wiederauferstanden sind?“

„So höre ich sagen.“

„Ich hoffe, Sie treten gern wieder ins Leben ein?“

„Das weiß ich nicht.“

„Soll ich sie Ihnen zeigen?“

„Wollen Sie sie sehen?“

Die Antworten auf diese Fragen lauteten verschieden und widersprechend. Manchmal lautete sie mit gebrochener Stimme: „Warten Sie! Es könnte mein Tod sein, wenn ich sie zu früh sähe.“ Manchmal kam sie mit einem Strom von rührenden Thränen und lautete dann: „Bringen Sie mich zu ihr.“ Manchmal war sie von weitgeöffneten Augen und verwirrten Blicken begleitet und war dann: „Ich kenne sie nicht. Ich weiß nicht, was Ihr von mir wollt.“

Nach dieser Unterhaltung im Traum fing der Passagier in seinem Weiterträumen an zu graben und zu graben und zu graben — bald mit einem Spaten oder mit einem großen Schlüssel, oder mit den Händen — um den Unglücklichen auszugraben. Wie er endlich wieder, mit Erde um Gesicht und Haar, herausgeholt war, zerfiel er urplötzlich in Staub. Dann fuhr der Passagier aus seinem Halbschlummer auf und ließ das Fenster herab, um die Wirklichkeit des Nebels und Regens auf seiner Backe zu fühlen.

Aber selbst wenn seine wachen Augen den Nebel und Regen, den sich vorwärts bewegenden Streifen Licht von der Laterne und die in Stößen zurückweichenden Hecken an der Straße sahen, mischten sich die Schatten der Nacht außerhalb der Kutsche in den Zug der Schatten der Nacht innerhalb derselben. Das wirkliche Bankhaus am Tempelthor, das wirkliche Geschäft des gestrigen Tages, die wirklichen Kassenräume, der wirkliche Bote, der ihm nachgeschickt worden und die wirkliche Botschaft, die er zurückgeschickt hatte, waren alle vorhanden. Aber mitten unter ihnen tauchte das gespenstische Gesicht empor und er mußte es wieder anreden.

„Wie lange begraben?“

„Fast achtzehn Jahre.“

„Ich hoffe, Sie treten gern wieder ins Leben ein?“

„Das weiß ich nicht.“

Graben, graben, graben, bis eine ungeduldige Bewegung von einem der Passagiere ihn ermahnte, das Fenster in die Höhe zu ziehen, den Arm wieder fest und sicher in die lederne Schleife zu legen und über die beiden schlummernden Gestalten zu speculiren, bis seine Gedanken wieder von ihnen abkamen und sich wieder unmerklich der Bank und dem Grabe zuwendeten.

„Wie lange begraben?“

„Fast achtzehn Jahre.“

„Sie hatten alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?“

„Lange, lange schon.“

Die Worte klangen ihm immer noch im Ohre, als ob sie eben erst gesprochen worden — so deutlich, als er jemals gesprochene Worte hatte nachklingen hören —, als der müde Passagier zum Bewußtsein des Tageslichtes aufwachte und fand, daß die Schatten der Nacht verschwunden waren.

Er ließ das Fenster herab und sah hinaus auf die aufgehende Sonne. Vor ihm lag ein Abhang Ackerland mit einem Pflug darauf, noch auf derselben Stelle, wo die Pferde gestern Abend ausgespannt worden waren; darüber ein stilles Niederholz, in welchem viele Blätter von brennendem Roth und goldenem Gelb noch auf den Büschen hingen. Obgleich der Erdboden kalt und feucht war, war doch der Himmel heiter und die Sonne ging hell, ruhig und schön auf.

„Achtzehn Jahre!“ sagte der Passagier, die Augen der Sonne zugewendet. „Barmherziger Schöpfer des Tages! Achtzehn Jahre lang lebendig begraben!“

Viertes Kapitel.
Die Vorbereitung.

Als die Postkutsche im Laufe des Vormittags allmälig nach Dover gelangt war, machte der Oberkellner des Hotels zum „König Georg“ den Kutschenschlag auf, wie es seine Gewohnheit war. Er that es mit einer gewissen Feierlichkeit, denn eine Reise in der Postkutsche von London im Winter war eine Heldenthat, wegen der man einem kühnen Reisenden gratuliren durfte.

Es war jetzt aber nur noch ein kühner Reisender zum Gratuliren übrig; denn die beiden andern waren an verschiedenen Orten unterwegs ausgestiegen. Das kellerartige Innere der Kutsche mit dem feuchten und schmutzigen Stroh, dem unangenehmen Geruch und der Finsterniß sah eher wie ein großer Hundestall aus. Mr. Lorry, der Passagier, sah, wie er, mit einzelnen Strohhalmen behangen, das zottige Wickeltuch nachschleppte und mit schlappem Hut und schmutzigen Stiefeln herausstieg, eher wie ein großer Hund aus.

„Geht morgen ein Packetschiff nach Calais ab, Kellner?“

„Ja, Sir, wenn sich das Wetter hält und der Wind leidlich günstig wird. Fluth wird ziemlich scharf gegen zwei Uhr Nachmittags eintreten, Sir. Ein Bett, Sir?“

„Ich gehe nicht vor Nachts schlafen; aber ich will ein Schlafzimmer und einen Barbier.“

„Und ein Frühstück, Sir? Ja, Sir. Hier herauf, Sir, wenn’s beliebt. Nummer zwei! Den Mantelsack des Herrn und warmes Wasser nach Nummer zwei. Zieht dem Herrn in Nummer zwei die Stiefeln aus. (Es brennt dort schon ein gutes Steinkohlenfeuer, Sir.) Ein Barbier für Nummer zwei. Rührt Euch, für Nummer zwei!“

Da Nummer zwei immer für Postpassagiere bestimmt war und Postpassagiere immer vom Kopf bis zum Fuß dick eingewickelt waren, so hatte für die Inwohner des Königs Georg dieses Zimmer das merkwürdig Interessante, daß, obgleich man nur eine Art Mensch hineingehen sah, alle verschiedenen Arten von Menschen wieder heraustraten. Daher hielten sich auch ein anderer Kellner und zwei Portiers und verschiedene Stubenmädchen und die Wirthin aus Zufall an verschiedenen Punkten des Weges zwischen Nummer zwei und dem Frühstückszimmer auf, als ein Herr von etwa sechszig Jahren in einem ziemlich getragenen, aber sehr gut gehaltenen braunen Anzug mit großen Aufschlägen an den Armen und großen Patten über den Taschen zum Frühstück wieder aus Nummer zwei kam.

Das Frühstückszimmer hatte an diesem Vormittag keinen andern Gast als den Herrn im braunen Anzug. Sein Frühstückstisch stand vor dem Feuer und wie er da saß, während der Schimmer der Flamme auf ihn fiel und er auf das Frühstück wartete, saß er so still, daß man hätte glauben können, er säße für sein Bild.

Er sah so ordentlich und methodisch aus, wie er dasaß, eine Hand auf jedes Knie gelegt, während eine laute Uhr eine eintönige Predigt unter seiner langen Schooßweste pickte, als ob sie ihren Ernst und ihre Langlebigkeit gegen Leichtsinn und die Vergänglichkeit des raschen Feuers einsetzte. Er hatte ein gutes Bein und war etwas eitel darauf, denn seine braunen Strümpfe saßen glatt und knapp und waren von feinem Gewebe; auch Schuhe und Schnallen waren, obgleich einfach, doch schmuck. Er trug eine merkwürdige kleine, saubergehaltene, lockige, flachsblonde Perrücke, die wohl von natürlichem Haar gemacht sein mochte, aber weit mehr aussah, als wäre sie von Fäden aus Seide oder Glas gesponnen. Seine Wäsche, obgleich nicht so fein, um mit seinen Strümpfen übereinzustimmen, war so weiß wie der Kamm der Wellen, welche an dem nahen Strande zerschellten, oder wie die Segel, die fern draußen auf dem Meere im Sonnenschein glänzten. Das für gewöhnlich gefaßte und ruhige Gesicht beleuchteten immer noch unter der seltsamen Perrücke hervor ein Paar feuchte, glänzende Augen, deren Eigenthümer in vergangenen Zeiten einige Mühe gehabt haben muß, ihnen den ruhigen und zurückhaltenden Ausdruck von Tellsons Bank zu geben. Seine Wangen hatten eine gesunde Farbe und das Gesicht, obgleich gefurcht, zeigte wenig Spuren von Sorgen. Aber vielleicht waren die unverheiratheten vertrauten Commis von Tellsons Bank vornehmlich von den Sorgen anderer Leute in Anspruch genommen und vielleicht lassen sich Sorgen zweiter Hand, wie Kleider zweiter Hand, besser an- und ablegen.

Um einem Mann, der für sein Bild sitzt, ganz ähnlich zu werden, schlief jetzt Mr. Lorry ein. Das Erscheinen des Frühstücks weckte ihn wieder auf und er sagte zum Kellner, als er den Stuhl näher an den Tisch setzte:

„Halten Sie ein Zimmer bereit für eine junge Dame, die hier jede Stunde eintreffen kann. Sie fragt vielleicht nach Mr. Jarvis Lorry oder vielleicht auch nur nach einem Herrn von Tellsons Bank. Bitte, melden Sie es mir.“

„Ja, Sir, Tellsons Bank in London, Sir.“

„Ja.“

„Ja, Sir. Wir haben oft die Ehre, Herren aus Ihrem Hause auf ihren Reisen zwischen London und Paris zu beherbergen, Sir. Sehr viel unterwegs, Sir, die Herren Tellson u. Comp.“

„Ja. Wir sind ebenso gut ein französisches wie ein englisches Haus.“

„Ja, Sir. Sie selbst reisen wohl nicht viel, Sir?“

„In der letzten Zeit nicht. Es sind fünfzehn Jahre, seitdem wir — seitdem ich zum letzten Male von Frankreich herüber kam.“

„Wirklich, Sir. Das war vor meiner Zeit hier, Sir. Vor unseres Herrn Zeit hier, Sir. Der „König Georg“ hatte damals einen andern Besitzer, Sir.“

„Ich glaube, ja.“

„Aber ich möchte schon was Ordentliches wetten, Sir, daß ein Haus, wie Tellson u. Comp., nicht vor fünfzehn, sondern schon vor fünfzig Jahren geblüht hat?“

„Sie können das verdreifachen und hundertfünfzig Jahre sagen und nicht weit von der Wahrheit sein.“

„Wirklich, Sir?“

Mit bewunderndem Gesicht trat der Kellner von dem Tisch zurück, legte die Serviette von dem rechten Arm auf den linken, nahm eine behagliche Stellung an und sah dem Gaste, wie er aß und trank, zu. Wie von einem Observatorium oder Wartthurm. Ganz, wie es seit unvordenklichen Zeiten bei Kellnern Gebrauch ist.

Als Mr. Lorry mit seinem Frühstück fertig war, machte er einen kleinen Spatziergang nach dem Strande. Die kleine Stadt Dover mit ihren engen und krummen Gäßchen versteckte sich allseits vor dem Strande und steckte den Kopf in die Kreideklippen, wie ein Meerstrauß. Der Strand war eine Wüste von Meereswellen und Steinen, die wild über einander kollerten, und das Meer that, was ihm gefiel, und was ihm gefiel, war Zerstörung. Es donnerte gegen die Stadt und es donnerte gegen die Klippen und zertrümmerte durch seine wüthenden Schläge die Küste. Die Luft zwischen den Häusern hatte einen so starken Fischgeruch, daß man hätte glauben können, kranke Fische gingen darin baden, wie kranke Menschen in das Meer baden gehen. Im Hafen beschäftigte man sich mit etwas Fischerei und sehr viel Herumwandern bei Nacht und seewärts Gucken: vorzüglich zu den Stunden, wo die Fluth fast ihren Höhepunkt erreicht hatte. Kleine Handelsleute, deren Geschäft sehr still ging, brachten es manchmal ganz unerklärlicherweise zu großem Reichthum und es war merkwürdig, daß Niemand in der Nachbarschaft einen Laternenmann ausstehen konnte.

Wie der Tag sich zum Abend neigte und die Luft, die zu Zeiten hell genug gewesen war, um die französische Küste erblicken zu lassen, sich wieder mit Dunst und Nebel füllte, schien sich auch Mr. Lorry’s Stirn wieder zu umwölken. Als es dunkel war und er vor dem Feuer im Frühstückszimmer saß und auf sein Essen wartete, wie er auf sein Frühstück gewartet hatte, war sein Geist eifrig beschäftigt, in den rothglühenden Kohlen zu graben, zu graben, zu graben.

Eine Flasche guten Rothweins nach dem Essen schadet einem in den glühenden Kohlen Grabenden nichts, außer daß sie eine Neigung hat, ihn seine Arbeit vergessen zu machen. Mr. Lorry war eine lange Zeit unbeschäftigt geblieben und hatte soeben sein letztes Glas Wein mit einer so vollständigen Befriedigung eingeschenkt, als man nur bei einem ältlichen Herrn von lebhafter Gesichtsfarbe erwarten konnte, der seine Flasche ausgetrunken hat, als ein Wagen die enge Straße heraufrasselte und in den Hof des Gasthauses einfuhr.

Er setzte das Glas unberührt wieder hin. „Das ist Mamsell!“ sagte er.

Nach sehr wenig Minuten trat der Kellner ein, um zu melden, daß Miß Manette von London angekommen sei und sich glücklich schätzen werde, den Herrn von Tellsons zu sehen.

„So bald?“

Miß Manette hatte unterwegs einige Erfrischungen zu sich genommen, wollte jetzt Nichts essen und wünschte sehr angelegentlich, den Herrn von Tellsons-Bank sofort zu sprechen, wenn es ihn nicht belästige.

Der Herr von Tellsons konnte weiter Nichts thun, als sein Glas mit einer Miene hülfloser Verzweiflung austrinken, seine seltsame kleine Flachsperrücke an den Ohren zurecht rücken und dem Kellner nach Miß Manettens Zimmer folgen. Es war ein großes dunkles Zimmer, mit schwarzen Roßhaarmöbeln ausgestattet und mit schweren dunkeln Tischen. Diese waren so oft geölt und wieder geölt worden, bis die beiden hohen Leuchter auf dem Tisch in der Mitte des Zimmers sich düster von jedem Blatte wiederspiegelten, als ob sie in tiefen Grüften von schwarzem Mahagony begraben lägen und kein erwähnenswerthes Licht von ihnen erwartet werden könnte, bis sie ausgegraben worden.

So dämmerig dunkel war das Zimmer, daß Mr. Lorry, während er vorsichtig über den abgeschabten türkischen Teppich schritt, glaubte, Miß Manette befinde sich für den Augenblick in einem Nebenzimmer, bis er die beiden hohen Leuchter passirt hatte und an dem Tisch zwischen ihnen und dem Feuer eine junge Dame von nicht mehr als siebzehn Jahren in einem Reitmantel, und den Reisestrohhut an seinem Bande immer noch in der Hand haltend, stehen sah, zu seinem Empfange bereit. Wie seine Augen auf die kleine hübsche Gestalt mit vollen goldenen Locken, einem blauen Augenpaar, das dem seinen mit forschendem Blick begegnete und einer Stirn von merkwürdiger Fähigkeit (wenn man ihre Jugend und ihre Glätte bedenkt), sich in einem Ausdruck zusammenzuziehen, der nicht ganz Verlegenheit, oder Verwunderung, oder Erschrecken, oder nur aufgeweckte, gefesselte Aufmerksamkeit war, obgleich er alle diese vier Ausdrücke in sich schloß — als seine Augen auf alles Dieses fielen, wurde plötzlich das Bild eines Kindes in ihm lebendig, das er in einer kalten Nacht, wo der Hagel in schweren Schauern hernieder rauschte und die See hoch ging, auf der Ueberfahrt über denselben Canal auf den Armen getragen hatte. Das Bild schwand wieder, ungefähr wie ein Hauch von der Fläche des hohen Pfeilerspiegels hinter ihr, auf dessen Rahmen eine Procession von Mohren-Amoretten, mehrere ohne Kopf, und alle Krüppel, schwarze Körbe mit Früchten vom todten Meer schwarzen Göttinnen darboten, und er begrüßte Miß Manette mit einer förmlichen Verbeugung.

„Bitte, nehmen Sie Platz, Sir,“ sagte sie mit einer sehr hellen und angenehmen jugendlichen Stimme, und ein wenig, aber sehr wenig fremd im Accent.

„Ich küsse Ihnen die Hand, Miß,“ sagte Mr. Lorry, mit der Höflichkeit einer entschwundenen Zeit, während er seine förmliche Verbeugung wiederholte und Platz nahm.

„Ich erhielt gestern einen Brief von der Bank, Sir, mit der Nachricht, daß eine neue Kunde — oder Entdeckung —“

„Das Wort ist unwesentlich, Miß; eins ist so gut wie das andere.“

„— in Bezug auf das kleine Vermögen meines armen Vaters — den ich nie gesehen habe — der schon so lange todt ist —“

Mr. Lorry rückte in seinem Stuhle hin und her und warf einen beunruhigten Blick nach der Procession von Mohren-Amoretten. Als ob sie mit ihren albernen Körben Jemandem Hülfe bringen könnten!

„— für mich eine Reise nach Paris nothwendig machte, um mich dort in Einvernehmen mit einem Herrn von der Bank zu setzen, der zu diesem Zwecke nach Paris unterwegs ist.“

„Das bin ich selbst.“

„Das dacht’ ich mir, Sir.“

Sie machte ihm einen Knix. (Junge Damen knixten damals noch.) Mit einem sich hübsch ausdrückenden Wunsch ihn merken zu lassen, daß sie fühle, wie viel älter und weiser er sei, als sie.

Er antwortete abermals mit einer Verbeugung.

„Ich antwortete der Bank, Sir, daß, da diejenigen, die es wissen, und die so gütig sind, mir mit ihrem Rathe beizustehen, eine Reise nach Frankreich für nothwendig hielten, ich, als eine Waise und ohne einen Freund, der mich begleiten könnte, mich sehr verpflichtet fühlen würde, wenn ich mich während der Reise unter den Schutz dieses würdigen Herrn stellen dürfte. Der Herr war bereits von London abgereist, aber ich glaube, ein Bote wurde ihm nachgeschickt, ihn um die Gefälligkeit zu bitten, mich hier zu erwarten.“

„Mir ist das Glück zu Theil geworden,“ sagte Mr. Lorry, „mit dem Auftrage betraut zu werden. Ich werde mich noch glücklicher schätzen, ihn auszuführen.“

„Ich bin Ihnen sehr dankbar, Sir. Ich danke Ihnen auf das Herzlichste. Man sagte mir auf der Bank, der Herr werde mir die Einzelnheiten des Geschäfts auseinandersetzen und ich müßte mich darauf gefaßt machen, etwas sehr Ueberraschendes zu hören. Ich habe mein Möglichstes gethan, mich darauf vorzubereiten und bin natürlich sehr begierig, das Nähere zu erfahren.“

„Natürlich,“ sagte Mr. Lorry. „Ja — ich —“

Nach einer Pause setzte er hinzu, während er sich die flachsblonde Perrücke über den Ohren zurecht rückte:

„Der Anfang ist sehr schwer.“

Er fing nicht an, sondern begegnete in seiner Unentschiedenheit ihrem Blick. Die jugendliche Stirn nahm wieder jenen eigenthümlichen Ausdruck an — aber er war nicht blos eigenthümlich, sondern auch hübsch und charakteristisch — und die Dame erhob die Hand, als ob sie mit einer unwillkürlichen Bewegung einen vorübereilenden Schatten aufhielte.

„Habe ich Sie früher nie gekannt, Sir?“

„O nein,“ sagte Mr. Lorry, indem er die Hände mit einem ablehnenden Lächeln ausbreitete.

Zwischen den Augenbrauen und gerade über dem Mädchennäschen, dessen Umrisse so zart und fein waren, als man sich nur denken konnte, vertiefte sich der Ausdruck, wie sie gedankenvoll auf dem Stuhle Platz nahm, neben dem sie bisher gestanden hatte. Er beobachtete sie, wie sie nachdachte, und fuhr in dem Augenblicke, wo sie wieder den Blick erhob, fort:

„In Ihrem Adoptivvaterlande, glaube ich, kann ich nichts Besseres thun, als Sie als eine junge englische Dame, Miß Manette anzureden?“

„Haben Sie die Güte, Sir!“

„Miß Manette, ich bin ein Geschäftsmann. Ich habe einen Geschäftsauftrag auszuführen. Während Sie denselben anhören, bitte ich, mich nur als eine Sprechmaschine zu betrachten, — ich bin wahrhaftig nicht viel mehr. Ich will Ihnen, mit Ihrer Erlaubniß, die Geschichte eines unserer Kunden erzählen.“

„Geschichte!“

Er schien absichtlich das von ihr wiederholte Wort nicht zu verstehen, als er eilig hinzusetzte: „Ja, von einem unserer Kunden; im Banquiergeschäft nennen wir die Leute so, mit denen wir zu thun haben. Er war ein französischer Herr; ein Gelehrter; ein Herr von vielen Kenntnissen — ein Arzt.“

„Nicht aus Beauvais?“

„Doch ja, aus Beauvais. Wie Monsieur Manette, Ihr Vater, war der Herr aus Beauvais. Wie Monsieur Manette, Ihr Vater, hatte der Herr in Paris großen Ruf und großes Ansehen. Ich hatte die Ehre, ihn dort zu kennen. Wir standen in Geschäftsbeziehungen zu einander, aber in vertraulichen. Ich war damals in unserm französischen Hause und zwar wohl — ach, schon seit zwanzig Jahren.“

„Damals — darf ich fragen, wann das war, Sir?“

„Vor zwanzig Jahren, Miß. Er verheirathete sich mit einer englischen Dame, für die ich mit als Vormund eintrat. Seine Angelegenheiten, wie die Angelegenheiten vieler anderer französischer Herren und französischer Familien, befanden sich ganz in Tellson’s Händen. In einer ähnlichen Weise bin ich Vormund oder Curator in der einen oder der andern Art für eine Menge, ach, eine Menge unserer Kunden gewesen. Das sind reine Geschäftsverhältnisse, Miß; es ist keine Freundschaft dabei, kein persönliches Interesse, kein Herz. Ich bin im Verlaufe meines Geschäftslebens von Einem zum Andern gegangen, gerade wie ich im Verlaufe meines Geschäftstages von einem unserer Kunden zum andern gehe; mit Einem Worte, ich habe keine Gefühle; ich bin eine bloße Maschine. Um fortzufahren —“

„Aber das ist meines Vaters Geschichte, Sir, und ich fange an zu glauben,“ — die merkwürdig nachdenkliche Stirne wendete sich ihm noch nachdenklicher zu — „daß, als ich als Waise zurückblieb, obgleich meine Mutter meinen Vater nur zwei Jahre überlebte, Sie mich nach England gebracht haben. Ich bin fast überzeugt, daß Sie es waren.“

Mr. Lorry nahm das zögernde Händchen, das sich ihm vertrauend entgegenstreckte und drückte es mit einiger Förmlichkeit an seine Lippen. Er führte die junge Dame dann wieder nach ihrem Stuhle, blieb hinter demselben stehen, die Stuhllehne mit der linken Hand fassend und die Rechte abwechselnd gebrauchend, um sich das Kinn zu streichen, die Perrücke an den Ohren zurechtzurücken, oder seinen Worten Nachdruck zu geben, und sah hernieder in ihr Gesicht, während sie zu dem seinigen hinaufschaute.

„Miß Manette, ich weiß. Und Sie werden anerkennen, wie wahr ich vorhin gesprochen habe, als ich sagte, ich hätte keine Gefühle und alle Beziehungen, in denen ich zu meinen Mitmenschen stehe, seien reine Geschäftsbeziehungen, wenn Sie bedenken, daß ich Sie seitdem nie gesehen habe. Nein; Sie sind seitdem das Mündel von Tellsons Haus gewesen und ich war seitdem in andern Geschäften von Tellsons Haus beschäftigt. Gefühle! Ich habe keine Zeit und keine Gelegenheit dazu. Ich verbringe mein ganzes Leben, Miß, mit dem Drehen einer ungeheuren geldmachenden Drehrolle.“

Nachdem Mr. Lorry diese seltsame Beschreibung der täglichen Routine seines Geschäftslebens gegeben, drückte er seine flachsblonde Perrücke mit beiden Händen auf dem Kopfe fest, — was ganz unnöthig war, denn Nichts konnte fester und glatter sitzen, als die Perrücke — und nahm seine frühere Stellung wieder ein.

„Soweit also, Miß, wie Sie richtig bemerkt haben, wäre dies die Geschichte Ihres vielbeklagten Vaters. Aber jetzt kommt der Unterschied. Wenn Ihr Vater nicht gestorben wäre, als er starb — erschrecken Sie nicht! wie Sie auffahren!“

Sie fuhr in der That auf. Und sie faßte seine Hand mit ihren beiden Händen krampfhaft.

„Bitte,“ sagte Mr. Lorry in besänftigendem Tone, indem seine linke Hand die Stuhllehne losließ und sich auf die bittenden Finger legte, welche sich so heftig zitternd an ihn anklammerten. „Bitte, beruhigen Sie sich — eine reine Geschäftssache — wie ich eben sagte.“

Der Ausdruck ihres Blickes brachte ihn so außer Fassung, daß er inne hielt und erst nach einer verlegenen Pause wieder anfing:

„Wie ich eben sagte — wenn Monsieur Manette nicht gestorben wäre; wenn er plötzlich und spurlos verschwunden wäre; wenn man ihn entführt hätte; wenn es schwer gewesen wäre, zu errathen, nach welchem schrecklichen Ort, obgleich der größte Scharfsinn keine Spur von ihm entdecken konnte; wenn er unter seinen Landsleuten irgend einen Feind hatte, welcher ein Vorrecht ausüben konnte, von dem zu meiner Zeit die kühnsten Leute drüben kaum in einem Flüstern zu sprechen wagten — z. B. das Vorrecht, unterzeichnete Verhaftsbefehle mit jedem Namen nach Belieben auszufüllen und den so Verhafteten auf jede beliebige Zeit der Vergessenheit eines Kerkers anheimzugeben; wenn seine Frau den König, die Königin, den Hof, die Geistlichkeit um Nachrichten von ihm angefleht hätte und Alles vergeblich; — dann wäre die Geschichte Ihres Vaters die Geschichte dieses unglücklichen Herrn, des Arztes von Beauvais.“

„Ich bitte Sie angelegentlichst, mir mehr zu sagen, Sir.“

„Ich werde gleich fortfahren. Können Sie es ertragen?“

„Ich kann Alles eher ertragen, als die Ungewißheit, in der Sie mich jetzt lassen.“

„Sie sprechen gefaßt und Sie sind wirklich gefaßt. Das ist gut!“ Obgleich sich in seinen Worten viel mehr Beruhigung aussprach, als in seinen Mienen. „Eine reine Geschäftssache. Betrachten Sie es als eine reine Geschäftssache — als eine Sache, die abgewickelt werden muß. Wenn die Gattin dieses Arztes, obgleich eine Dame von großem Muthe und starkem Charakter, unter diesem Unglück so schwer gelitten hätte, ehe ihr Kind geboren ward —“

„Das Kind war eine Tochter, Sir.“

„Eine Tochter. Eine — eine reine Geschäftssache. Beunruhigen Sie sich nicht, Miß, wenn die arme Dame vor der Geburt ihres Kindes so schwer gelitten hätte, daß sie zu dem Entschlusse kam, das arme Kind mit der Erbschaft nur des kleinsten Theils der Folter zu verschonen, deren Qual sie gekannt hatte, indem sie die Tochter in dem Glauben erzog, ihr Vater sei gestorben — nein, knien Sie nicht! In des Himmels Namen, knien Sie nicht vor mir.“

„Die Wahrheit. O guter, lieber Herr, wenn Sie ein Herz haben, die Wahrheit!“

„— reine Geschäftssache. Sie bringen mich ganz in Verwirrung, und wie kann ich eine Geschäftssache verhandeln, wenn ich in Verwirrung bin? Wir müssen ruhig und kaltblütig bleiben. Wenn Sie z. B. jetzt gütigst sagen wollten, wie viel neun mal neun Pence sind oder wieviel Schillinge zwanzig Guineen geben, so würde das für mich sehr erfreulich sein. Ich würde dann viel ruhiger sein über Ihren Gemüthszustand.“

Ohne unmittelbar diese Ansprache zu beantworten, saß sie so still, als er sie sehr sanft aufgehoben hatte, und die Hände, welche immer noch krampfhaft die seinigen umklammerten, zitterten so viel weniger, als vorhin, daß sich Mr. Jarvis Lorry etwas beruhigter fühlte.

„So ist’s recht, so ist’s recht. Muth! Geschäft! Sie haben ein Geschäft zu verrichten; ein nützliches Geschäft. Miß Manette, Ihre Mutter machte das so mit Ihnen. Und als sie starb — ich glaube an gebrochenem Herzen — nachdem sie nie müde geworden war, ihre vergeblichen Nachforschungen nach Ihrem Vater fortzusetzen, ließ sie Sie, ein zweijähriges Kind, zurück, daß Sie zu einer blühenden, schönen und glücklichen Jungfrau heranwüchsen, ohne die düstere Sorge, in beständiger Ungewißheit zu leben, ob Ihr Vater bald im Gefängniß verkümmerte oder lange, lange Jahre traurig dahinsiechte.“

Wie er diese Worte sprach, blickte er mit bewunderndem Mitleid auf das reiche, goldene Haar herab, als ob er bei sich dächte, daß es schon mit Grau durchzogen sein könnte. „Sie wissen, daß Ihre Eltern nicht sehr reich waren und daß das, was sie hatten, Ihrer Mutter und Ihnen gesichert wurde. Geld oder anderes Vermögen ist nicht entdeckt worden, aber —“

Er fühlte, daß die Händchen sich krampfhafter schlossen und hielt inne. Der Ausdruck auf der Stirn, der seine Aufmerksamkeit so sehr auf sich gezogen hatte, hatte sich zu einem Ausdruck der Seelenqual und des Schreckens vertieft.

„Aber er — er ist gefunden worden. Er lebt. Sehr verändert, wie nur zu wahrscheinlich ist; möglicherweise nur ein traurigster Rest von dem, was er war, obgleich wir das Beste hoffen wollen. Aber er lebt doch noch. Ihr Vater hat eine Zuflucht in dem Hause eines alten Dieners in Paris gefunden und dorthin gehen wir: ich, um ihn womöglich zu identificiren; Sie, um ihn dem Leben, der Liebe, der häuslichen Pflege und dem häuslichen Glück wiederzugeben.“

Ein Schauer überlief ihren Körper und ging auf ihn über. Sie sagte mit leiser, deutlicher, von feierlichem Grauen gedämpfter Stimme, als ob sie es in einem Traume sagte:

„Ich soll seinen Geist sehen! Es wird sein Geist sein — nicht er selbst!“

Mr. Lorry rieb in stiller Fassung die Hände, welche sich an seinen Arm klammerten. „So, so! Nur ruhig, nur ruhig! Sie wissen jetzt das Beste und das Schlimmste. Sie sind unterwegs zu dem armen Dulder und bei glücklicher See- und Landreise werden Sie bald an seiner geliebten Seite sein.“

Sie wiederholte mit derselben, von feierlichem Grauen gedämpften Stimme. „Ich bin frei, ich bin glücklich gewesen, aber sein Geist hat mich nie heimgesucht!“

„Nur noch Eins,“ sagte Mr. Lorry, mit besonderem Nachdruck, um damit in wohlthuender Weise ihre Aufmerksamkeit auf etwas Anderes zu lenken; „man hat ihn unter einem andern Namen gefunden; sein eigener ist seit langer Zeit vergessen oder verborgen gehalten worden. Es wäre schlimmer als nutzlos, danach zu forschen; schlimmer als nutzlos, zu fragen, ob er selbst seit Jahren vergessen oder absichtlich als Gefangener festgehalten wurde. Es wäre schlimmer als nutzlos, jetzt überhaupt Nachforschungen anzustellen, weil es gefährlich wäre. Besser kein Wort weiter von der Sache zu sagen und ihn wenigstens auf einige Zeit aus Frankreich zu entfernen. Selbst ich, so sicher ich als ein Engländer bin und selbst Tellsons, so wichtig sie für den französischen Credit sind, vermeiden, die Sache nur mit Einem Worte zu erwähnen. Ich habe auch kein Zettelchen Schriftliches, was sich darauf bezieht, bei mir. Es ist ganz und gar eine Sendung im geheimen Dienst. Meine Beglaubigungsschreiben, Notizen und Aufzeichnungen sind alle in der Einen Zeile zusammengefaßt „Wiederauferstanden“; was sonst wer weiß was sagen kann. Aber was ist das! Sie hört kein Wort! Miß Manette!“

Ganz regungslos und stumm und nicht einmal in ihren Stuhl zurückgesunken saß sie gänzlich gefühllos da, mit offenen und auf ihn gehefteten Augen und mit dem letzten Ausdruck auf ihrer Stirn wie eingeschnitten, oder wie eingebrannt. So krampfhaft hielt sie noch seinen Arm umklammert, daß er aus Furcht, ihr wehe zu thun, gar nicht wagte, sich von ihr los zu machen; deshalb rief er, ohne sich zu bewegen, laut um Hülfe.

Eine wild aussehende Frau, von der Mr. Lorry sogar in seiner Aufregung bemerkte, daß sie über und über roth war und rothes Haar hatte, und nach einer merkwürdigen, knapp anliegenden Mode gekleidet war und auf ihrem Kopf einen höchst wunderbaren Hut hatte, ungefähr von der Form eines hölzernen Metzenmaßes, oder eines großen Stiltonkäses, kam der Bedienung des Wirthshauses ein gut Stück voraus in das Zimmer gelaufen und schlichtete bald die Frage seiner Loslösung von der armen jungen Dame dadurch, daß sie eine muskulöse, sonnenverbrannte Hand auf seine Brust legte und ihn mit einem Schub an die nächste Wand warf.

(„Ich denke wirklich, das muß ein Mann sein!“ sagte Mr. Lorry athemlos bei sich, während er an die Wand flog.)

„Wo habt ihr denn die Augen!“ herrschte diese Gestalt die Bedienung des Gasthauses an. „Warum lauft ihr nicht und holt das Nöthige, anstatt hier zu stehen und mich anzustarren? Ich bin doch nichts so Merkwürdiges? Warum lauft ihr nicht und holt, was nöthig ist? Ihr sollt es schon kriegen, wenn ihr nicht auf der Stelle Riechsalz, kaltes Wasser und Essig bringt, und rasch!“

Sofort zerstreute sich die Dienerschaft, um diese Wiederbelebungsmittel herbeizuschaffen und sie legte sanft die Kranke auf ein Sopha und behandelte sie mit großer Geschicklichkeit und Zärtlichkeit. Sie nannte sie nur „mein Schäfchen!“ und „mein Täubchen!“ und breitete mit großem Stolz und großer Sorglichkeit ihr goldnes Haar auf ihren Schultern aus.

„Und Sie Brauner da!“ sagte sie, sich voller Zorn gegen Mr. Lorry wendend; „konnten Sie ihr nicht, was Sie ihr zu sagen hatten, sagen, ohne sie zum Tod zu erschrecken? Sehen Sie sie nur an, mit ihrem hübschen blassen Gesichtchen und ihren kalten Händen. Nennen Sie das ein Banquier sein?“

Mr. Lorry kam so ganz außer Fassung durch eine so schwierig zu beantwortende Frage, daß er nur von Weitem mit viel schwächerer Theilnahme und Demuth zusehen konnte, während die starke Frau, nachdem sie die Dienerschaft des Gasthauses durch die geheimnißvolle Androhung „es sie kriegen zu lassen,“ wenn sie neugierig und unthätig dablieben, davongescheucht hatte, durch ihre geschickten Bemühungen die Jungfrau nach und nach wieder zu sich brachte und zuletzt liebkosend ihr mattes Haupt an ihren Busen legte.

„Ich hoffe, sie wird sich jetzt erholen,“ sagte Mr. Lorry.

„Sie Braunem hat sie’s nicht zu danken, wenn sie sich wieder erholt. Mein Herzensschatz!“

„Ich hoffe,“ sagte Mr. Lorry, nach einer neuen Pause schwacher Theilnahme und Demuth, „daß Sie Miß Manette nach Frankreich begleiten?“

„Sehr wahrscheinlich, nicht wahr?“ entgegnete die starke Frau. „Wenn es jemals beabsichtigt gewesen wäre, daß ich über’s Salzwasser gehen sollte, glauben Sie dann, daß die Vorsehung mir meine Heimath auf einer Insel angewiesen hätte?“

Da dies eine andere schwer zu beantwortende Frage war, so zog sich Mr. Jarvis Lorry zurück, um sie sich zu überlegen.

Fünftes Kapitel.
Der Weinschank.

Ein großes Faß Wein war auf die Straße gefallen und geplatzt. Der Unfall war beim Abladen geschehen; das Faß war mit großer Raschheit heruntergerollt, die Reifen waren gesprungen und es lag auf dem Pflaster, unmittelbar vor der Thür des Weinschanks, zertrümmert wie eine zerknackte Nuß.

Alle Leute der Nachbarschaft hatten ihre Beschäftigung oder ihr Nichtsthun unterbrochen, um herbeizueilen und den Wein zu trinken. Das holprige, aus unregelmäßigen Steinen zusammengesetzte Pflaster der Straße, das mit seinen nach allen Seiten gerichteten Spitzen, wie man hätte meinen sollen, ausdrücklich bestimmt war, jedes lebendige Wesen, das ihnen zu nahe kam, lahm zu machen, hatte den Wein in kleine Pfützen vertheilt; und um diese standen, je nach der Größe, größere oder kleinere Gruppen. Einige Männer knieten nieder, schöpften mit beiden zusammengehaltenen Händen die Flüssigkeit auf, und schlürften oder versuchten es, Frauen, die sich über ihre Achseln vorbeugten, von dem Getränk mitzutheilen, ehe es ganz durch die Finger lief. Andere Männer und Weiber tauchten in die Pfützen halbzerbrochene Obertassen oder sogar Kopftücher der Weiber, die dann in dem Munde von Säuglingen trocken ausgequetscht wurden; andere legten kleine Dämme von Straßenschlamm an, um den Wein aufzuhalten; andere, von aus hohen Fenstern Zuschauenden benachrichtigt, schossen hierhin und dorthin, um kleinen Nebenströmen, die sich neue Richtungen eröffneten, den Weg abzuschneiden; noch andere widmeten sich den von Wein gesättigten und von Weinhefen gefärbten Dauben des Fasses und leckten oder zerkauten selbst die am meisten durchfeuchteten Bruchstücke mit heißer Begierde. Ein Abzugscanal, um den Wein ablaufen zu lassen, war nicht vorhanden, aber dennoch ward er vollständig aufgeschlürft, freilich mit einer tüchtigen Portion Straßenkoth vermischt.

Gellendes Lachen und fröhliches Plaudern — Stimmen von Frauen, Männern und Kindern durch einander — durchschallte die Straße, so lange dieser Weinscherz dauerte. Es war wenig Rohheit in dem Spiele und viel gute Laune. Es war etwas besonders Gemüthliches darin, eine sichtliche Neigung bei einem Jeden, sich zu einem Andern zu gesellen, was vorzüglich bei den Glücklichern oder Leichtblütigern zu lustigen Umarmungen, Händeschütteln und selbst Reihentänzen von einem Dutzend auf einmal führte. Als der Wein aufgetrunken war und die Stellen, wo er am reichlichsten geflossen hatte, von Fingern mit einem Gittermuster durchzogen waren, hörten diese Demonstrationen ebenso plötzlich auf, als sie angefangen hatten. Der Holzmacher, der seine Säge in dem Brennholz, das er sägte, hatte stecken lassen, setzte sie wieder in Bewegung; die Frau, die auf einer Hausthürstufe den Topf mit heißer Asche hatte stehen lassen, mit dem sie versucht hatte, ihre abgezehrten Hände oder Füße oder die ihres Kindes zu erwärmen, kehrte zu ihm zurück; Männer mit nackten Armen, verwirrten Locken und leichenfarbigen Gesichtern, die aus Kellern an das Wintertageslicht getreten waren, suchten wieder ihre unterirdischen Wohnungen auf und ein Düster verbreitete sich über die Umgebung, das ihr natürlicher zu sein schien, als Sonnenschein.

Der Wein war Rothwein gewesen und hatte das Pflaster der engen Straße in der Vorstadt St. Antoine in Paris, wo er vergossen worden, gefärbt. Er hatte viele Hände und viele Gesichter und viele bloße Füße und viele Holzschuhe gefärbt. Die Hand des Holzmachers ließ rothe Zeichen auf den Scheiten, die er zersägte, zurück; und die Stirn der Frau, die ihr Kind säugte, war gefärbt von dem alten Fetzen, den sie sich wieder um den Kopf gewickelt hatte. Die gierig an den Dauben des Fasses genagt hatten, hatten einen tigerhaften Blutmund; und ein so beschmierter langer Lustigmacher, dessen Kopf mehr außerhalb eines langen schmutzigen Sackes von einer Nachtmütze saß, als darin, malte mit seinem in die schmutzigen Weinhefen getauchten Finger an eine Wand — Blut.

Die Zeit war im Anzuge, wo auch dieser Wein auf dem Pflaster verspritzt werden und die Flecken desselben manchen Stein röthen sollten.

Und jetzt, wo das Düster sich wieder über St. Antoine sammelte, welches ein rasch vorübergehender Sonnenschein von seinem heiligen Gesicht verjagt hatte, wurde die Finsterniß gar schwer und Kälte, Schmutz, Krankheit, Unwissenheit und Mangel waren die Kammerherren, die den hohen Heiligen bedienten — lauter Edelleute von großer Macht, vornehmlich aber der letztgenannte. Musterstücke von einem Volke, das sich ein schreckliches Mahlen und wieder Mahlen in der Mühle hatte gefallen lassen, aber gewiß nicht in der märchenhaften Mühle, welche Alte wieder zu Jungen macht, standen vor Frost schüttelnd an jeder Ecke, gingen in jedem Thorweg aus und ein, sahen aus jedem Fenster heraus, flatterten in jedem Lumpenkleid, das der Wind in Bewegung setzte. Die Mühle, welche sie zu Schanden gemahlen hatte, war die Mühle, welche junge Leute alt mahlt; die Kinder hatten alte Gesichter und ernste Stimmen; und auf den Gesichtern der Erwachsenen und tief eingeprägt in jeder Falte des Alters war das Wort Hunger zu lesen. Es herrschte überall vor. Hunger ragte aus den hohen Häusern hervor in den jämmerlichen Kleidungsstücken, die auf Stangen und Stricken hingen; Hunger war in die Häuser selbst mit Stroh und Lumpen und Holz und Papier geflickt; Hunger wiederholte jedes Stückchen des Bettelrestes Brennholz, welches der Holzmacher zersägte. Hunger stierte hernieder von den rauchlosen Schornsteinen und sprang empor von der schmutzigen Straße, unter deren Kehricht sich kein Abfall von etwas Eßbarem befand. Hunger war die Firma des Bäckerladens, niedergeschrieben von jedem kleinen Laib seines kärglichen Vorraths von schlechtem Brod und in dem Wurstladen von jeder Zubereitung von Hundefleisch, das zum Verkauf angeboten ward. Der Hunger klapperte mit seinen dürren Knochen unter den Kastanien, die in dem Blechcylinder geröstet wurden; Hunger wurde in kleine Theilchen in jeden Dreierteller Suppe, in winzigen Kartoffelstückchen, geröstet von ein Paar widerwilligen Tropfen Oel, hinein geschnitten.

Seine Heimath war in allen Dingen für ihn geeignet. Eine enge, krumme Straße, voll ekelhaften Schmutz und Gestank, von der andere enge krumme Straßen ausliefen, alle bevölkert von Lumpen und Nachtmützen, und alle nach Lumpen und Nachtmützen riechend, und alle sichtbaren Dinge von einem unheimlich brütenden Aussehen, das Unheil ahnen ließ. In der abgehetzten Miene des Volkes lauerte noch ein Raubthiergedanke auf die Möglichkeit, sich gegen den Verfolger zu stellen. Obgleich die Leute gedrückt und gedemüthigt waren, fehlte es doch auch nicht an feurigen Augen unter ihnen; noch an zusammengepreßten Lippen, weiß von dem, was sie niederdrückten; oder an Stirnen, mit langen Runzeln, ähnlich den Galgenstricken, von denen sie träumten, als Dulder oder als Rächer. Die Schilder (und es gab deren fast so viele, als Läden waren) lauter schauerliche Bilder der Noth. Der Fleischer malte nur die magersten Knochenenden; der Bäcker die gröbsten, allerwinzigsten Brode. Die rohgemalten Zecher in den Weinläden raisonnirten über ihr knappes Maaß dünnen Weins oder Biers, und flüsterten unheimlich vertraulich mit einander. Nichts war in gutem und blühendem Zustande dargestellt, als Werkzeuge und Waffen; die Messer und Beile des Messerschmieds waren scharf und funkelnd, die Hämmer des Schmieds waren schwer und die Vorräthe des Büchsenmachers mörderisch. Die lahmmachenden Steine des Pflasters mit ihren vielen kleinen Pfützen von Schlamm und Wasser duldeten keine Bürgersteige, sondern gingen bis unmittelbar an die Hausthüren. Um das wieder gut zu machen, lief die Gosse die Mitte der Straße herab, wenn sie überhaupt lief, was aber nur nach schwerem Regen geschah, und dann lief sie mit vielen launenhaften und unberechenbaren Stößen in die Häuser. Quer über die Straße hingen in weiten Zwischenräumen schwerfällige Laternen an einem Strick und einem Flaschenzuge; Nachts, wenn der Laternenwärter diese heruntergelassen und angezündet und wieder hinaufgewunden hatte, wackelte eine Reihe düster brennender Dochte in schwächlicher, Schwindel erregender Weise hoch oben, als ob sie auf dem Meere wären. Und sie waren auch wirklich auf dem Meere und das Schiff und seine Mannschaft war von einem schweren Sturme bedroht.

Denn die Zeit war im Anzuge, wo die abgezehrten Vogelscheuchen dieser Region dem Laternenmann in ihrem Nichtsthun und ihrem Hunger so lange zugesehen hatten, daß sie auf den Gedanken kamen, seine Methode zu verbessern und an diesen Stricken und Flaschenzügen Menschenkinder hinaufzuwinden, um ein grelles Licht auf die Finsterniß ihres Zustandes zu werfen. Aber gekommen war die Zeit noch nicht, und jeder Wind, der über Frankreich wehte, setzte vergebens die Lumpen der Vogelscheuchen in Bewegung, denn die Vögel, gar schön von Gesang und Gefieder, ließen sich nicht warnen.

Der Weinschank lag an einer Ecke und war seinem äußeren Ansehen und seinen Gästen nach besser als die meisten andern, und der Herr des Weinschanks stand in gelber Weste und grünen Beinkleidern vor seiner Thür und sah dem Kämpfen um den verschütteten Wein zu. „S’ist nicht meine Sache,“ sagte er zuletzt mit einem Achselzucken. „Die Leute vom Markt haben’s verschüttet. Sie mögen ein anderes Faß bringen.“

Jetzt fielen seine Augen zufällig auf den langen Lustigmacher, der seinen Spaß an die Wand schrieb und er rief ihm über die Straße zu: „Heda, Gaspard, was machst Du da?“

Der Bursche wies mit prahlerischer Bedeutsamkeit, wie es Leute seines Gelichters oft machen, auf seinen Witz. Aber er verfehlte sein Ziel und machte gar keinen Eindruck, wie es ebenfalls oft Leuten seines Gelichters geht.

„Was soll das heißen? Bist Du ein Candidat für’s Irrenhaus?“ sagte der Weinwirth, indem er auf die andere Seite der Straße ging und den Witz mit einer Hand voll Straßenschlamm, nach dem er sich zu diesem Zwecke gebückt, auslöschte und überstrich. „Warum schreibst Du auf offener Straße? Giebt es keinen andern Ort, um solche Worte zu schreiben, he?“

Während er so sprach, ließ er seine andere, reine Hand (vielleicht zufällig, vielleicht nicht) auf das Herz des Spaßmachers fallen. Der Spaßmacher schlug mit seiner Hand darauf, machte einen hurtigen Luftsprung und kam wieder auf die Beine in einer phantastischen Tänzerstellung, den einen seiner Schuhe, den er beim Springen vom Fuße geschleudert, in der Hand und vor sich ausgestreckt haltend. Unter diesen Umständen nahm er sich wie ein Spaßmacher von äußerst, um nicht zu sagen grausam, praktischem Charakter aus.

„Ziehe ihn wieder an, ziehe ihn wieder an,“ sagte der Andere. „Nenne Wein, Wein und mache der Sache ein Ende.“ Mit diesem Rath wischte er sich seine schmutzige Hand auf dem Aermel des Spaßmachers ab — ganz überlegt, da er sich die Hand seinetwegen beschmutzt hatte; und ging dann wieder über die Straße und trat in die Weinschenke.

Dieser Weinwirth war ein kriegerisch aussehender Mann von dreißig Jahren mit einem Stiernacken, der heißes Blut haben mußte, denn obgleich es bitter kalt war, hatte er doch keinen Rock an, sondern hatte ihn über die Schulter geworfen. Auch die Hemdärmel hatte er aufgestreift und die braunen Arme waren bis an die Ellbogen bloß. Ebenso wenig trug er auf dem Kopfe etwas Anderes, als sein eigenes kurzgelocktes und kurzgeschnittenes, schwarzes Haar. Er war überhaupt ein schwarzer Mann mit guten Augen und einer guten offenen Breite zwischen ihnen. Im Ganzen von gutmüthigem, aber auch unerbittlichem Aussehen; offenbar ein Mann von starkem Entschluß und festem Willen; ein Mann, dem man nicht begegnen möchte, wenn er durch einen engen Paß, mit einem Abgrund an jeder Seite, eilt, denn Nichts würde ihn zum Umkehren bewegen.

Madame Defarge, seine Frau, saß im Laden hinter dem Ladentisch, als er eintrat. Madame Defarge war eine wohlbeleibte Frau von ungefähr demselben Alter wie er, mit einem aufmerksamen Auge, das selten etwas Bestimmtes anzusehen schien, einer großen, mit vielen Ringen geschmückten Hand, einem gefaßten Gesicht, starken Zügen und großer Ruhe im Benehmen. Aus dem Aussehen der Madame Defarge war man geneigt zu prophezeien, daß sie sich sehr selten in den Rechnungen, die sie zu besorgen hatte, zu ihrem Schaden irrte. Da Madame Defarge empfindlich gegen Kälte war, war sie in Pelz eingewickelt und hatte einen großen bunten Shawl um den Kopf gewunden, der aber immer noch ihre großen Ohrringe sehen ließ. Ihr Strickzeug lag vor ihr, aber sie hatte es weggelegt, um sich mit einem Zahnstocher die Zähne zu stochern. So beschäftigt und den rechten Ellbogen in die linke Hand gestützt, sagte Madame Defarge Nichts, als ihr Eheherr eintrat, sondern ließ nur ein kaum hörbares Husten vernehmen. Dies und das kaum eine Linie breite Emporziehen ihrer scharfgezeichneten schwarzen Augenbrauen sagten ihrem Manne, daß er gut thun würde, sich im Laden unter den Gästen nach etwaigen neuen Gästen umzusehen, welche gekommen waren, während er draußen auf der Straße gestanden hatte.

Der Weinwirth ließ demgemäß seine Blicke umherschweifen, bis sie auf einem ältlichen Herrn und einer jungen Dame haften blieben, die in einer Ecke saßen. Auch noch andere Gesellschaft war da: zwei Kartenspieler, zwei Dominospieler, drei, die am Ladentisch standen und einen kleinen Rest Wein zögernd austranken. Als er hinter den Ladentisch trat, bemerkte er, daß der ältliche Herr mit einem Blick zu der jungen Dame sagte. „Das ist unser Mann.“

„Was zum Teufel wollt ihr in dieser Galeere!“ sagte Monsieur Defarge zu sich; „ich kenne euch nicht.“

Aber er stellte sich, als ob er die beiden Fremden nicht beachtete und ließ sich mit den drei Gästen, die am Ladentisch tranken, in ein Gespräch ein.

„Wie geht es, Jacques?“ sagte einer von den Dreien zu Monsieur Defarge. „Ist der verschüttete Wein alle aufgetrunken?“

„Bis auf den letzten Tropfen, Jacques“, antwortete Monsieur Defarge. Als die Beiden mit diesem Austausch der Taufnamen fertig waren, ließ Madame Defarge, die sich immer in den Zähnen stocherte, ein anderes kaum hörbares Husten vernehmen und zog ihre Augenbrauen um eine andere Linienbreite in die Höhe.

„Nur selten,“ sagte der Zweite von den Dreien zu Monsieur Defarge, „haben diese elenden Lastthiere Gelegenheit, den Geschmack von Wein, oder von etwas Anderem als schwarzem Brod und Tod kennen zu lernen. Nicht wahr, Jacques?“

„Freilich, Jacques,“ entgegnete Monsieur Defarge.

Bei diesem zweiten Austausch des Taufnamens ließ Madame Defarge, immer noch mit ruhigster Fassung ihren Zahnstocher gebrauchend, wieder einen kaum hörbaren Husten vernehmen und zog ihre Augenbrauen noch um eine Linie empor.

Der Letzte von den Dreien kam jetzt an die Reihe, zu sprechen, wie er das leere Glas hinsetzte und mit den Lippen schmatzte.

„Ach, um so schlimmer! Ewig haben diese armseligen Lastthiere einen bittern Geschmack im Maule und ein beschwerliches Leben müssen sie führen. Nicht wahr, Jacques?“

„Freilich, Jacques“, war die Antwort Monsieur Defarge’s.

Dieser dritte Austausch des Taufnamens war eben vollzogen, als Madame Defarge den Zahnstocher weglegte, die Augenbrauen noch weiter in die Höhe zog und sich kaum merklich auf ihrem Stuhl bewegte.

„Ja so! Richtig!“ brummte der Mann vor sich hin. „Meine Herren — meine Frau —“

Die drei Gäste zogen vor Madame Defarge die Hüte ab und machten einen Kratzfuß. Sie nahm die Huldigung durch ein Neigen des Kopfes an und warf einen raschen Blick auf sie. Dann sah sie sich wie zufällig einmal im Laden um und nahm mit großer Ruhe und Fassung ihr Strickzeug her und vertiefte sich ganz in dasselbe.

„Guten Tag, meine Herren!“ sagte ihr Mann, der sie mit seinem hellen Auge aufmerksam beobachtet hatte. „Das möblirte Zimmer für ledige Herren, das Sie zu sehen wünschten und nach dem Sie sich erkundigten, als ich hinausging, ist im fünften Stock. Der Thorweg zur Treppe ist in dem kleinen Hofe, dicht nebenan, links — er wies mit seiner Hand nach dieser Richtung — gleich bei dem Fenster meines Ladens. Aber ich besinne mich jetzt, Einer von Ihnen ist schon dort gewesen und kann den anderen Herren den Weg zeigen. Leben Sie wohl, meine Herren!“

Sie bezahlten ihren Wein und verließen den Laden. Die Augen Monsieur Defarge’s beobachteten seine Frau beim Stricken, als der ältliche Herr aus seiner Ecke hervorkam und ihn um ein paar Worte bat.

„Sehr gern“, sagte Monsieur Defarge und trat ohne Weiteres mit ihm an die Thür.

Ihre Unterredung war sehr kurz, aber sehr entschieden. Fast bei dem ersten Worte fuhr Monsieur Defarge auf und zeigte die tiefste Aufmerksamkeit. Es hatte noch keine Minute gedauert, so nickte er und ging hinaus. Der Herr winkte dann der jungen Dame und auch sie ging hinaus. Madame Defarge strickte mit hurtigen Fingern und unbeweglichen Augenbrauen und sah Nichts.

Als Mr. Jarvis Lorry und Miß Manette in dieser Weise die Weinschenke verlassen hatten, gesellten sie sich Monsieur Defarge in dem Thorweg bei, nach welchem er soeben erst die anderen Gäste gewiesen hatte. Es war der Ausgang eines stinkenden, kleinen, finstern Hofes und der allgemeine Zugang zu einer großen Häusermasse, in der eine Unzahl Leute wohnte. In dem dämmerdunkeln, mit Ziegeln gepflasterten Eingang zu der dämmerdunkeln, mit Ziegeln gepflasterten Treppe ließ sich Monsieur Defarge auf ein Knie vor dem Kinde seines alten Herrn nieder und drückte ihre Hand an seine Lippen. Es war ein sanftes Beginnen, aber durchaus nicht sanft gethan; binnen wenigen Secunden war eine sehr merkwürdige Umwandlung mit ihm vorgegangen. Es war keine Gutmüthigkeit oder Offenheit mehr in seinem Gesicht zu sehen, sondern er war ein heimlicher, zorniger, gefährlicher Mann geworden.

„Es ist sehr hoch und schwer zu steigen. Besser, wir fangen langsam an,“ so sprach Monsieur Defarge in hartem Tone zu Mr. Lorry, wie sie anfingen, die Treppe zu ersteigen.

„Ist er allein?“ flüsterte Letzterer.

„Allein! Gott helfe ihm, wer sollte bei ihm sein?“ entgegnete der Andere in demselben gedämpften Tone.

„Er ist also immer allein?“

„Ja.“

„Nach eigenem Wunsch?“

„Aus eigener Nothwendigkeit. Wie er damals war, als ich ihn zuerst sah, nachdem sie mich aufgefunden und gefragt hatten, ob ich ihn zu mir nehmen und auf meine Gefahr verschwiegen sein wollte — so ist er jetzt noch.“

„Hat er sich sehr verändert?“

„Verändert!“

Der Weinwirth blieb stehen, um mit der Hand an die Mauer zu schlagen und einen fürchterlichen Fluch auszusprechen. Eine directe Antwort hätte nicht denselben Eindruck gemacht. Mr. Lorry’s Gemüth fühlte sich immer gedrückter, wie er und seine beiden Gefährten höher und höher stiegen.

Eine solche Treppe mit ihren Beigaben in dem ältern und stärker bevölkerten Theile von Paris wäre jetzt schlimm genug; aber damals war sie für ungewohnte und nicht abgehärtete Sinne geradezu abscheulich. Jede kleine Wohnung in diesem großen schmutzstrotzenden Haufen von einer hohen Gebäudemasse — das will sagen, das Zimmer oder die Zimmer innerhalb jeder Thür, die sich auf die allgemeine Treppe öffnete — ließ ihrem eigenen Kehrichthaufen auf ihren eigenen Treppen Platz, außer daß sie noch andern Kehricht zum Fenster hinauswarfen. Die dadurch erzeugte, gar nicht mehr zu beherrschende und hoffnungslose Fäulnißmasse hätte die Luft verpestet, selbst wenn Armuth und Entbehrung sie nicht mit ihren unfaßbaren Unreinigkeiten erfüllt hätten; diese beiden bösen Quellen im Verein machten sie fast unerträglich. Durch eine solche Atmosphäre, einen steilen, dunklen Schacht voll Schmutz und Gift hinauf, führte der Weg. Seiner eigenen und seiner jungen Gefährtin Aufregung nachgebend, die mit jedem Augenblicke größer wurde, machte Mr. Jarvis Lorry zweimal Halt, um zu rasten. Bei jedem dieser Ruhepunkte öffnete sich ein enges Fenstergitter, durch welches die wenigen guten Lüfte, die vielleicht noch unverdorben vorhanden waren, zu entweichen und alle verdorbenen und garstigen Dünste hereinzuschleichen schienen. Zwischen den verrosteten Stäben konnte man in einzelnen Streifen den Anblick der in wüster Unordnung übereinandergehäuften Gebäude erhaschen; und Nichts im Bereich des Auges, das näher oder tiefer war, als die Spitzen der beiden großen Thürme von Notredame, verrieth eine Spur von gesundem Leben oder gedeihlicher Zukunft.

Endlich war die letzte Stufe der Treppe erreicht und sie ruhten zum dritten Male aus. Noch eine Treppe, die noch steiler und schmäler war, mußte erstiegen werden, ehe sie das Dachgeschoß erreichten. Der Weinwirth, der immer ein Wenig vorausging, und immer auf der Seite, wo sich Mr. Lorry befand, als ob er fürchtete, daß die junge Dame eine Frage an ihn richten möchte, drehte sich hier um, fühlte in den Taschen des Rockes herum, den er über die Achsel geworfen hatte, und brachte einen Schlüssel heraus.

„Die Thür ist also verschlossen, Freund?“ sagte Mr. Lorry überrascht.

„Jawohl“, war die bitterernste Antwort Monsieur Defarge’s.

„Sie halten es für nothwendig, den Unglücklichen so einsam zu lassen?“

„Ich halte es für nothwendig, ihn einzuschließen.“ Monsieur Defarge flüsterte es ihm, sich dichter an ihn andrängend, ins Ohr und zog finster drohend die Stirne zusammen.

„Warum?“

„Warum! Weil er so lange eingeschlossen gelebt hat, daß er sich fürchten — wüthen — sich in Stücke zerreißen — sterben — ich weiß nicht, zu welchem Schaden kommen würde — wenn man seine Thür aufließe.“

„Ist es möglich?“ rief Mr. Lorry aus.

„Ist es möglich?“ wiederholte Defarge mit Bitterkeit. „Ja, und in einer schönen Welt leben wir, wenn es möglich ist und wenn viele andere solche Dinge nicht nur möglich sind, sondern auch geschehen — wirklich geschehen! — Unter diesem Himmel, und zwar jeden Tag. Lange lebe der Teufel! Vorwärts!“

Dieses Zwiegespräch war in so leisem Flüstern gehalten worden, daß kein Wort davon das Ohr der jungen Dame erreicht hatte. Aber sie zitterte jetzt von so starker Aufregung, und auf ihrem Gesicht drückte sich so tiefe Seelenangst aus und vor Allem solches Grauen und Entsetzen, daß Mr. Lorry sich verpflichtet fühlte, ihr mit ein paar Worten Beruhigung zuzusprechen.

„Muth, liebe Miß! Muth! Geschäft! Das Schlimmste wird in einem Augenblick vorbei sein. Wir brauchen blos die Zimmerthür hinter uns zu haben und das Schlimmste ist vorbei. Dann fängt alles Gute, aller Trost, alles Glück an, das Sie ihm bringen. Unser guter Freund hier wird Sie auf der andern Seite unterstützen. So ist’s recht, Freund Defarge. Nun vorwärts. Geschäft! Geschäft!“

Sie stiegen langsam und vorsichtig hinauf. Die Treppe war kurz und sie waren bald auf der letzten Stufe. Weil sie sich dort kurz wendete, standen sie auf einmal vor drei Männern, deren Köpfe dicht nebeneinander an eine Thür herabgebeugt waren und die durch ein paar Spalten oder Löcher in der Wand mit gespannter Aufmerksamkeit in das Zimmer blickten, zu welchem die Thür gehörte. Als sie dicht hinter sich Fußtritte vernahmen, drehten sich die Drei um, richteten sich auf und ließen sich als die drei Gäste Eines Namens erkennen, die unten im Weinschank getrunken hatten.

„Ueber der Ueberraschung Ihres Besuches habe ich sie ganz vergessen“, erklärte Monsieur Defarge. „Geht jetzt, Ihr guten Freunde, wir haben Geschäfte hier.“

Die Drei glitten an ihnen vorüber und gingen still hinunter.

Da keine andere Thür auf diesem Flur zu erblicken war und der Besitzer der Weinschenke gerade auf diese eine zuging, als sie wieder allein waren, fragte ihn Mr. Lorry halblaut mit einiger Schärfe:

„Lassen Sie Monsieur Manette wie eine Merkwürdigkeit sehen?“

„Ich zeige ihn in der Weise, wie Sie gesehen haben, einigen wenigen Auserwählten.“

„Ist das gut?“

„Ich glaube, es ist gut.“

„Wer sind die Wenigen? Wie wählen Sie sie aus?“

„Ich wähle sie als echte Männer meines Namens — Jacques ist mein Name —, denen das Schauspiel wahrscheinlich nützlich sein wird. Genug; Sie sind Engländer; das ist etwas Anderes. Warten Sie gefälligst hier einen Augenblick.“

Mit einer sie zum Zurückbleiben mahnenden Geberde bückte er sich und guckte durch einen Spalt in der Mauer. Bald richtete er sich wieder auf und schlug zwei- oder dreimal an die Thür — offenbar zu keinem andern Zweck, als ein Geräusch zu machen. In derselben Absicht strich er drei- oder viermal mit dem Schlüssel darüber, ehe er ihn mit derber Hand in das Schloß stieß und so geräuschvoll als möglich umdrehte.

Die Thür ging langsam nach innen auf, er blickte in das Zimmer hinein und sagte Etwas. Eine schwache Stimme gab eine Antwort zurück. Wenig mehr als eine einzige Silbe konnte von beiden Seiten gesprochen worden sein.

Er blickte über die Achsel zurück und winkte den beiden Anderen, einzutreten. Mr. Lorry umschlang die Tochter fest mit seinen Armen und hielt sie; denn er fühlte, daß sie zusammensinken werde.

„Eh — Eh — Eh — Geschäft — Geschäft!“ sprach er ihr zu, mit einer Feuchtigkeit auf den Wangen, die durchaus nicht geschäftsmäßig war. „Treten Sie ein, treten Sie ein!“

„Ich fürchte mich“, antwortete sie zusammenschauernd.

„Wovor? Vor wem?“

„Ich meine vor ihm. Vor meinem Vater.“

Durch ihren Zustand und durch die Mahnungen seines Führers gewissermaßen zur Verzweiflung gebracht, legte er den Arm, der auf seiner Schulter zitterte, sich um den Hals, hob sie empor und trug sie in das Zimmer. Er setzte sie gleich innerhalb der Thür wieder hin und unterstützte sie, während sie sich an ihn anklammerte.

Defarge zog den Schlüssel aus dem Schlosse, machte die Thür zu, verschloß sie inwendig, zog den Schlüssel wieder heraus und behielt ihn in der Hand. Alles dies that er methodisch und mit so lautem und klirrendem Lärm, als ihm hervorzubringen nur möglich war. Zuletzt ging er mit schwerem Tritt quer über die Stube nach dem Fenster hin. Dort blieb er stehen und drehte sich um.

Die Dachkammer, zu einer trockenen Niederlage für Brennholz und Aehnliches bestimmt, war eng und dunkel. Denn das Fenster, ein Giebelfenster, war eigentlich eine Thür im Dache mit einem Krahnbalken darüber, um das Holz von der Straße heraufzuwinden, ohne Glasscheiben und in der Mitte mit zwei Flügeln schließend, wie andere Thüren nach französischer Einrichtung. Um die kalte Luft hinauszusperren, war der eine Flügel dieser Thür fest zugeschlossen und der andere stand nur ein ganz klein Wenig auf. Ein so dürftiges Licht ward auf diese Weise hereingelassen, daß es beim ersten Hereintreten schwierig war, überhaupt Etwas zu sehen, und nur lange Gewohnheit konnte langsam in einem Menschen die Fähigkeit ausbilden, in solcher Dunkelheit eine die Augen in Anspruch nehmende Arbeit zu verrichten. Und doch wurde Arbeit dieser Art in der Dachkammer verrichtet; denn mit dem Rücken gegen die Thür und mit dem Gesicht nach dem Fenster, von wo der Besitzer des Weinschankes ihm zusah, saß ein Mann mit weißem Haar auf einer niedrigen Bank, über einen Schuh gebückt, an dem er fleißig nähte.

Sechstes Kapitel.
Der Schuhmacher.

„Guten Tag!“ sagte Monsieur Defarge, indem er auf den weißen Kopf herabsah, der sich tief auf den Schuh herabbückte.

Er hob sich für einen Augenblick und eine sehr schwache Stimme beantwortete den Gruß, als ob sie aus der Ferne käme:

„Guten Tag!“

„Ich sehe, Sie arbeiten immer noch angestrengt.“

Nach einer langen Pause hob der Kopf sich wieder und die Stimme antwortete. „Ja — ich arbeite.“ Diesmal hatten ein Paar hohle Augen den Fragenden angeblickt, ehe das Gesicht sich wieder senkte.

Die Tonlosigkeit der Stimme war Mitleid erregend, und schrecklich. Es war nicht die Tonlosigkeit physischer Schwäche, obgleich lange Einsperrung und karge Kost jedenfalls ihren Theil daran hatten. Ihre beklagenswerthe Eigenthümlichkeit war, daß es die Tonlosigkeit der Einsamkeit und des Nichtgebrauchs war. Sie war wie das letzte schwache Echo eines vor langer, langer Zeit erklungenen Tones. So ganz vollständig hatte er das Leben und das Metall der menschlichen Stimme verloren, daß er auf die Sinne denselben Eindruck machte, wie eine ehedem schöne Farbe, die zu einem kaum sichtbaren fahlen Flecken verblichen ist. So fahl und dumpf war sie, daß sie wie eine unterirdische Stimme klang. So deutlich sprach sie von einem hoffnungslosen und verlorenen Wesen, daß ein verhungerter Reisender, vom langen einsamen Wandern in einer Wüste erschöpft, sich an Heimath und Freunde in einem solchen Tone erinnert haben würde, ehe er sich zum Sterben hinlegte.

Einige Minuten stiller Arbeit waren verstrichen und die hohlen Augen hatten wieder aufgeschaut: nicht mit irgend einer Theilnahme oder Neugier, sondern mit einer stumpfen, mechanischen Wahrnehmung, daß die Stelle, wo der einzige Besuch, von dem sie Etwas wußten, gestanden hatte, noch nicht leer sei.

„Ich möchte etwas mehr Licht herein lassen,“ sagte Defarge, der seinen Blick nicht von dem Schuhmacher abgewendet hatte. „Sie können noch etwas mehr ertragen?“

Der Schuhmacher hielt in seiner Arbeit inne; schaute dann mit dem leeren Blick eines Menschen, der Worte vernimmt, ohne sie zu verstehen, auf den Fußboden auf der einen Seite neben sich nieder; dann ebenso auf die andere Seite; dann sah er den Sprechenden an.

„Was sagten Sie?“

„Sie können etwas mehr Licht ertragen?“

„Ich muß es ertragen, wenn Sie es hereinlassen.“ Er legte den schwächsten Schatten eines Nachdrucks auf das zweite Wort.

Der geöffnete Flügel wurde noch ein Wenig mehr geöffnet und alsdann befestigt. Ein breiter Streifen Licht fiel in die Dachkammer und zeigte den Arbeiter, mit einem halbfertigen Schuh auf dem Schooße, in seiner Beschäftigung innehaltend. Sein Arbeitszeug und verschiedene Stückchen Leder lagen auf dem Fußboden und auf der Bank. Er hatte einen weißen Bart, unordentlich geschnitten, aber nicht sehr lang, hohle Wangen und ausnehmend glänzende Augen. Die Hohlheit seiner Wangen und die Abgezehrtheit seines Gesichts hätten die Augen unter seinen noch dunkeln Augenbrauen und seinem wirren, weißen Haar groß aussehen lassen, wenn sie wirklich anders gewesen wären; aber sie waren von Natur groß und sahen jetzt unnatürlich groß aus. Das gelbe, zerrissene Hemd war vorn auf der Brust offen und zeigte, wie abgezehrt und ausgemergelt sein Körper war. Er selbst und seine alte Jacke von Segeltuch und seine herabhängenden Strümpfe und alle seine armseligen Fetzen von Kleidern waren in der langen Absperrung von Tageslicht und Tagesluft zu einer so stumpfen Eintönigkeit von Pergamentgelb verblichen, daß es schwer war, eines von dem andern zu unterscheiden.

Er hielt die eine Hand zwischen seine Augen und das Licht, und sogar die Knochen derselben schienen durchsichtig zu sein. So saß er da mit starrem, leerem Blick und hatte seine Arbeit unterbrochen. Er sah die vor ihm stehende Gestalt nie an, ohne vorher auf die eine und dann auf die andere Seite neben sich auf den Fußboden zu blicken, als ob er die Gewohnheit verloren, Oertlichkeit und Ton mit einander in Verbindung zu bringen; er sprach niemals, ohne zu vergessen, erst auf diese Weise zerstreut herumzuschweifen und zu sprechen.

„Wollen Sie heute noch die Schuhe fertig machen?“ fragte Defarge und winkte Mr. Lorry, vorzukommen.

„Was sagten Sie?“

„Wollen Sie diese Schuhe heute noch fertig machen?“

„Ich kann nicht sagen, daß ich es will. Ich glaube. Ich weiß nicht.“

Aber die Frage erinnerte ihn an seine Arbeit und er bückte sich wieder über dieselbe.

Mr. Lorry trat jetzt geräuschlos vor, ließ aber die Tochter an der Thür. Als er eine oder zwei Minuten lang neben Defarge gestanden hatte, blickte der Schuhmacher auf. Er verrieth kein Erstaunen über den Anblick einer zweiten Gestalt, aber die unruhigen Finger einer seiner Hände bewegten sich wie bewußtlos nach seinen Lippen, wie er den neuen Ankömmling ansah (seine Lippen und seine Nägel waren von derselben blassen Bleifarbe), und dann sank die Hand auf die Arbeit herab, und er bückte sich wieder über den Schuh. Der Blick und die Handlung hatten nur einen Augenblick in Anspruch genommen.

„Sie haben Besuch, wie Sie sehen,“ sagte Monsieur Defarge.

„Was sagten Sie?“

„Hier ist Besuch.“

Der Schuhmacher blickte wie vorhin auf, aber ohne eine Hand von der Arbeit zu entfernen.

„Hören Sie doch!“ sagte Defarge. „Hier ist Monsieur, der einen gutgemachten Schuh zu beurtheilen versteht, wenn er einen sieht. Zeigen Sie ihm den Schuh, an dem Sie arbeiten. Nehmen Sie ihn, Monsieur.“

Mr. Lorry nahm den Schuh.

„Sagen Sie Monsieur, was für ein Schuh es ist und wie der Verfertiger heißt.“

Es folgte eine längere Pause, als gewöhnlich, ehe der Schuhmacher antwortete.

„Ich vergesse, was Sie mich gefragt haben. Was sagten Sie?“

„Ich sagte, können Sie nicht, um Monsieur zu unterrichten, näher beschreiben, was das für ein Schuh ist?“

„Es ist ein Damenschuh. Es ist ein Promenadenschuh für eine junge Dame. Er ist nach der neuesten Mode. Ich habe die Mode nie gesehen. Ich habe ein Muster in der Hand gehabt.“ Er blickte mit einer vorübergehenden, leisen Regung von Stolz nach dem Schuh hin.

„Und wie heißt der Verfertiger?“ fragte Defarge.

Jetzt, wo seine Hände von keiner Arbeit in Anspruch genommen waren, legte er die Knöchel der rechten in die Hohle der linken, und dann die Knöchel der linken in die Hohle der rechten und strich dann mit einer Hand sich den Bart und so in regelmäßiger Aufeinanderfolge weiter, ohne einen Augenblick Unterbrechung.

Die Aufgabe, ihn aus der Gedankenlosigkeit herauszureißen, in welche er stets versank, nachdem er gesprochen hatte, war ziemlich dieselbe, wie wenn man einen sehr Schwachen aus einer Ohnmacht zu erwecken hat oder sich bemüht, in der Hoffnung, noch Etwas zu entdecken, die Seele eines rasch Sterbenden aufzuhalten.

„Fragten Sie mich nach meinem Namen?“

„Ja, freilich.“

„Einhundert und Fünf, Nordthurm.“

„Weiter Nichts?“

„Einhundert und Fünf, Nordthurm.“

Mit einem matten Ton, der kein Seufzer und kein Gestöhn war, bückte er sich wieder über seine Arbeit, bis das Schweigen abermals gebrochen ward.

„Sie sind kein gelernter Schuhmacher?“ fragte Mr. Lorry, indem er ihn mit festem Blicke ansah.

Seine hohlen Augen wendeten sich auf Defarge, als wollte er diesem die Frage übertragen; aber da keine Hülfe von dorther kam, wendeten sie sich wieder auf den Fragenden zurück, nachdem sie erst den Fußboden gesucht hatten.

„Ob ich ein gelernter Schuhmacher bin? Nein, ich war kein gelernter Schuhmacher. Ich — ich habe es hier gelernt. Ich habe es mir selbst gelehrt. Ich frug um Erlaubniß —“

Er bekam wieder seinen Anfall von Zerstreuung, der mehrere Minuten dauerte und während dessen er ganz wie vorhin mit den Händen spielte. Endlich wendeten sich seine Augen wieder langsam dem Gesichte zu, von dem sie abgeschweift waren; als sie wieder darauf ruhten, zuckte er zusammen und fing die abgebrochene Rede wieder an, ungefähr wie ein eben Aufwachender auf einen Gegenstand von voriger Nacht zurückkommt.

„Ich fragte um Erlaubniß, es mir lehren zu dürfen und ich erhielt sie nach langer Zeit und nach vielen Schwierigkeiten und ich habe seitdem fortwährend Schuhe gemacht.“

Wie er die Hand nach dem Schuh ausstreckte, den man ihm abgenommen hatte, sagte Mr. Lorry zu ihm, während er ihn immer noch fest ansah:

„Monsieur Manette, können Sie sich meiner nicht entsinnen?“

Der Schuh fiel dem Gefragten aus der Hand und dieser sah dem Fragenden starr in’s Gesicht.

„Monsieur Manette;“ Mr. Lorry legte seine Hand auf Defarge’s Arm; „können Sie sich nicht auf diesen Mann besinnen? Sehen Sie ihn an. Sehen Sie mich an. Dämmert keine Erinnerung an einen alten Banquier, ein altes Geschäft, an einen alten Diener, an eine alte Zeit in Ihrem Geiste auf, Monsieur Manette?“

Wie der viele Jahre Gefangengehaltene abwechselnd mit starrem Blick Mr. Lorry und Defarge ansah, drängten sich allmälig einige lange verlöschte Zeichen eines lebhaft denkenden Verstandes auf der Mitte der Stirn durch den schwarzen Nebel, der sich auf ihn gesenkt hatte. Sie waren wiederum überwölkt, sie waren schwächer, sie verschwanden; aber sie waren dagewesen. Und genau so wiederholte sich der Ausdruck auf dem schönen jugendlichen Gesicht der Tochter, die an der Wand sich nach einer Stelle hingeschlichen, wo sie ihn erblicken konnte und von wo sie ihn jetzt ansah, anfangs die Hände nur in entsetztem Mitleid erhoben, wenn nicht gar, um ihn entfernt zu halten und sich vor dem Anblick zu bewahren; aber jetzt, nach ihm ausgestreckt und vor heißer Inbrunst zitternd, das gespensterhafte Gesicht an ihre warme junge Brust zu legen und es durch Liebe dem Leben und der Hoffnung wiederzugewinnen — so genau wiederholte sich der Ausdruck (obgleich in deutlicherem Gepräge) auf ihrem schönen jugendlichen Gesicht, daß es aussah, als ob er wie ein sich bewegendes Licht sich von ihm auf sie verpflanzt hätte.

Dafür umfing ihn wieder Finsterniß. Er sah die Beiden immer weniger aufmerksam an und seine Augen suchten in düsterer Zerstreuung den Fußboden und blickten in der alten Weise um sich. Endlich nahm er mit einem tiefen, langen Seufzer wieder seinen Schuh her und ging von Neuem an seine Arbeit.

„Haben Sie ihn wiedererkannt, Monsieur?“ fragte Defarge halblaut.

„Ja; für einen Augenblick. Anfangs hielt ich es für ganz hoffnungslos, aber ich habe ohne alle Frage auf einen einzigen Augenblick das Gesicht gesehen, das ich früher so gut kannte. Still! Wir wollen weiter zurücktreten. Still.“

Sie war von der Wand der Dachkammer ganz nahe an die Bank herangetreten, auf der er saß. Es lag etwas Grauenhaftes in seinem Nichtswissen von der Gestalt, die ihre Hand hätte ausstrecken und ihn berühren können, wie er sich über die Arbeit bückte.

Kein Wort ward gesprochen, kein Geräusch gemacht. Sie stand wie ein Geist neben ihm, und er bückte sich über seine Arbeit.

Endlich traf es sich zufällig, daß er das Werkzeug, das er in der Hand hatte, mit seinem Schusterkneif vertauschen mußte. Er lag auf der Seite der Bank, wo sie nicht stand. Er hatte ihn hergenommen und bückte sich eben wieder, um fortzuarbeiten, als sein Blick auf den Saum ihres Kleides fiel. Er blickte empor und sah ihr Antlitz. Die beiden Andern wollten vorspringen, aber sie winkte ihnen mit einer Bewegung ihrer Hand. Sie hatte keine Angst, daß er mit dem Messer nach ihr stoßen könnte, obgleich sie so Etwas befürchteten.

Er starrte sie mit furchterfülltem Blick an und nach einiger Zeit fingen seine Lippen an, einige Worte zu bilden, obgleich man keinen Laut hörte. Allmälig hörte man ihn im Brausen seines keuchenden und mühsamen Athmens sagen:

„Was ist das?“

Während die Thränen ihre Wangen herabströmten, drückte sie ihre beiden Hände an seine Lippen und warf ihm Küsse zu; dann legte sie dieselben auf ihrer Brust zusammen, als ob sie seinen alten, schwachen Kopf dorthin legte.

„Ihr seid nicht des Kerkermeisters Tochter?“

Sie machte eine verneinende Bewegung.

„Wer seid Ihr?“

Da sie dem Tone ihrer Stimme noch nicht genug zutraute, setzte sie sich auf die Bank neben ihn. Er wich zurück, aber sie legte die Hand auf seinen Arm. Ein seltsamer Schauer durchzuckte ihn, wie sie dies that und man sah, wie er ihn überlief; er legte das Messer sanft hin, wie er sie anstierend dasaß.

Ihr goldnes Haar, welches sie in langen Locken trug, hatte sie hastig zurückgestrichen und es fiel jetzt über ihre Achseln herab. Schüchtern und zögernd streckte er die Hand danach aus, nahm einige Locken davon und musterte sie forschend. Noch während er dies that, verfiel er wieder in seine Zerstreuung und begann mit einem neuen tiefen Seufzer wieder, an seinem Schuh zu arbeiten.

Aber nicht lange. Sie ließ seinen Arm los und legte die Hand auf seine Schulter. Nachdem er zwei- oder dreimal zweifelnd danach geblickt, als ob er sich vergewissern wollte, daß er wirklich dort sei, legte er seine Arbeit weg, griff nach seinem Halse und nahm eine von Alter geschwärzte Schnur mit einem zusammengefalteten Lappen davon ab. Er machte das Packetchen sorgfältig auf seinem Knie auf und brachte den Inhalt heraus; nur eine oder zwei lange goldene Haare, die er vor langer, langer Zeit auf seinem Finger aufgewunden hatte.

Er nahm ihr Haar wieder in die Hand und betrachtete es aufmerksam. „Es ist dasselbe. Wie ist dies möglich? Wo war das? Wie war das!“

Wie der sich zusammenfassende Ausdruck auf seine Stirn zurückkehrte, schien er sich bewußt zu werden, daß er auch auf ihrem Antlitz lag. Er drehte sie voll nach dem Lichte und schaute sie an.

„An jenem Abend, wo man mich hinausrief, hatte sie ihren Kopf auf meine Schulter gelegt, — sie war besorgt über mein Ausgehen, ich jedoch nicht, — und als man mich nach dem Nordthurm brachte, fanden sie diese auf meinem Aermel. „Die werdet Ihr mir doch lassen? Sie können nie die Flucht meines Leibes unterstützen, wohl aber die meines Geistes.“ Das waren die Worte, die ich sprach. Ich erinnere mich ihrer noch recht gut.“

Er bildete die Worte dieser Rede viele Male mit den Lippen, ehe er sie aussprechen konnte. Als er aber laute Worte dafür fand, kamen sie zusammenhängend, obgleich langsam.

„Wie war das? Wart Ihr’s?“

Abermals wollten die beiden Zuschauer vorspringen, wie er sich mit erschreckender Plötzlichkeit gegen sie wendete. Aber sie blieb ganz ruhig sitzen, während er sie fest packte, und sagte nur mit gedämpfter Stimme:

„Ich bitt’Euch, gute Herren, kommt uns nicht zu nahe, sprecht nicht, bewegt Euch nicht.“

„Hört!“ rief er aus. „Wessen Stimme war das?“

Seine Hände ließen sie los, wie er diesen Schrei ausstieß und fuhren in sein weißes Haar, welches sie in wilder Wuth zerrissen. Der Schrei verklang wieder, wie Alles, außer seinem Schuhmachen, sich wieder verlor, und er faltete das kleine Packet wieder zusammen und versuchte es wieder um seinen Hals zu hängen; aber er sah sie immer noch an und schüttelte trübe den Kopf.

„Nein, nein, nein; Ihr seid zu jung, zu blühend. Es kann nicht sein. Seht, was der Gefangene geworden ist. Das sind nicht die Hände, die sie hatte, das ist nicht das Gesicht, das sie kannte, diese Stimme hat sie nie gehört. Nein, nein. Sie war — und er war vor den langsamen Jahren des Nordthurms — Jahrhunderte vorher. Wie heißt Ihr, holder Engel?“

Seinen sanfteren Ton und sein gemildertes Wesen als ein glückliches Zeichen begrüßend, sank die Tochter vor ihm auf die Knie und legte ihm die flehenden Hände auf die Brust.

„O Herr, zu einer andern Zeit sollt Ihr meinen Namen erfahren und wer meine Mutter war und wer mein Vater, und wie ich ihre traurige Geschichte nie gekannt habe. Aber ich kann es Euch jetzt nicht sagen und nicht hier. Alles, was ich hier und jetzt sagen darf, ist, daß ich Euch bitte, Eure Hände auf mein Haupt zu legen und mich zu segnen. Küsset mich, küsset mich! O mein Geliebtester!“

Der Schuhmacher.

Ueber sein winterlich weißes Haupt fielen ihre goldenen Locken, die es erwärmten und erleuchteten, als glänze das Licht der Freiheit auf ihn nieder.

„Wenn Ihr in meiner Stimme — ich weiß nicht, ob es so ist, aber ich hoffe, es ist so — wenn Ihr in meiner Stimme eine Erinnerung an eine Stimme hört, die Euch einst wie liebliche Musik in’s Ohr klang, so weinet darüber! Wenn Ihr beim Befühlen meines Haares Etwas fühlt, was Euch an ein geliebtes Haupt erinnert, das an Eurer Brust lag, als Ihr jung und frei war’t, so weinet darüber! Wenn ich durch das Hindeuten auf ein Heimwesen, das unser harrt, ein Heimwesen, wo ich Euer mit aller meiner Pflicht und all meinem treuen Dienst gewärtig sein will, die Erinnerung an ein Heimwesen zurückbringe, das verödet blieb, während Euer armes Herz verschmachtete, so weinet darüber!“

Sie hielt ihn fester umschlungen und wiegte ihn an ihrer Brust wie ein Kind.

„Wenn ich Dir, Geliebtester, sage, daß Deine Qual vorbei ist, und daß ich hergekommen bin, um Dich von hier zu erlösen und daß wir nach England gehen, um in Frieden und Ruhe zu leben, und wenn ich dadurch in Dir den Gedanken hervorrufe, daß Dein nützliches Leben mit so frecher Hand brach gelegt worden ist und daß Dein heimathliches Frankreich so grausam an Dir gehandelt hat, so weine darüber! Und wenn ich Dir sage, wie ich heiße und Dir von meinem noch lebenden Vater und meiner verstorbenen Mutter erzähle und Du erfährst dabei, daß ich vor meinem geehrten Vater niederknien und ihn um Verzeihung flehen muß, weil ich nie um seinetwegen den ganzen Tag lang gerungen und die ganze Nacht gewacht und geweint habe, weil die Liebe meiner armen Mutter diese Qual vor mir verbarg, so weine darüber! Beweine sie und beweine mich! Dankt Gott, Ihr guten Herren! Ich fühle seine heiligen Thränen auf meinem Gesicht und sein Schluchzen trifft mich in’s Herz. O seht! Dankt Gott für uns, dankt Gott!“

Er war in ihre Arme gesunken und verbarg das Antlitz an ihrer Brust: ein so rührender Anblick und doch so schrecklich in dem ungeheuren Unrecht und Leiden, das vor ihm her gegangen war, daß die beiden Zuschauer sich das Gesicht verhüllten.

Als die Stille der Dachkammer lange ungestört geblieben war und die stürmisch bewegte Brust und erschütterte Gestalt endlich die Ruhe gewonnen hatte, die allen Unwettern folgen muß — für die Menschheit ein Sinnbild der Ruhe und des Schweigens, in welche der Sturm, genannt Leben, sich schließlich verlieren muß — traten sie heran, um den Vater und die Tochter vom Boden aufzuheben. Er war allmälig auf die Ziegelflur gesunken und lag da in müder Halberstarrung. Sie hatte sich neben ihn gesetzt, so daß sein Haupt auf ihrem Arm liegen konnte und ihre langen Locken ihn wie ein Vorhang vor dem Lichte schützten.

„Wenn wir es,“ sagte sie und reichte ihre Hand Mr. Lorry, wie er sich über sie beugte, nachdem er sich mehrere Male geräuschvoll die Nase geputzt hatte, „ohne ihn zu stören, einrichten könnten, Paris sogleich zu verlassen, so daß er gleich vor der Hausthüre von hier wegführe —“

„Aber, bedenken Sie. Wird die Reise gut für ihn sein?“ fragte Mr. Lorry.

„Gewiß besser, glaube ich, als hier in dieser Stadt zu bleiben, die so schrecklich für ihn ist.“

„Es ist wahr,“ sagte Defarge, der neben dem Alten kniete und zuhörte. „Mehr als das, es ist aus allen Gründen das Beste für Monsieur Manette, wenn er nicht mehr in Frankreich ist. Soll ich einen Wagen und Postpferde miethen?“

„Das ist Geschäft,“ sagte Mr. Lorry und nahm auf der Stelle seine methodischen Manieren wieder an; „und wenn Geschäfte zu verrichten sind, so ist es am besten, ich nehme sie in die Hand.“

„Dann haben Sie die Güte, uns hier zu verlassen,“ drang Miß Manette in ihn. „Sie sehen, wie ruhig er geworden ist und Sie brauchen Nichts zu besorgen, wenn Sie mich mit ihm allein lassen. Warum auch? Wenn Sie die Thür zuschließen wollen, damit wir nicht gestört werden, bezweifle ich nicht, daß Sie ihn bei Ihrer Rückkehr so ruhig finden, wie Sie ihn verlassen haben. Jedenfalls will ich ihn unter meine Obhut nehmen, bis Sie wiederkommen und dann wollen wir ihn sogleich fortschaffen.“

Sowohl Mr. Lorry wie Defarge waren nicht recht geneigt, auf diesen Vorschlag einzugehen und hätten es lieber gesehen, wenn einer von ihnen zurückgeblieben wäre. Aber da nicht nur Pferde und Wagen, sondern auch Reisepapiere zu besorgen waren, und da die Zeit drängte, denn der Tag neigte sich seinem Ende zu, so einigte man sich schließlich dahin, die zu besorgenden Geschäfte zu theilen und fortzueilen, um sie zu verrichten.

Dann, wie der Abend anbrach, legte die Tochter ihr Haupt auf den harten Fußboden dicht neben ihren Vater und bewachte ihn. Die Finsterniß wurde dichter und dichter, und sie lagen Beide still da, bis ein Licht durch die Risse in der Mauer glänzte.

Mr. Lorry und Monsieur Defarge hatten Alles zur Reise fertig gemacht und außer Reisemänteln und Umhüllungen Brod und Fleisch, Wein und heißen Kaffee besorgt. Monsieur Defarge setzte Speisen und Getränke und die Lampe, die er mitgebracht, auf die Schuhmacherbank (es war sonst Nichts in der Dachkammer, als eine Bettmatratze), und er und Mr. Lorry weckten den Gefangenen und halfen ihm auf die Beine.

Kein menschlicher Verstand hätte in dem scheuen, leeren Staunen seines Gesichts die Geheimnisse seiner Seele lesen können. Ob er wußte, was geschehen war, ob er sich besann, was sie zu ihm gesagt hatten, ob er wußte, daß er frei war, das waren Fragen, die kein Scharfsinn hätte lösen können. Sie versuchten, ihn anzureden, aber er war so verlegen und so außerordentlich langsam im Antworten, daß sie über seine Verwirrung besorgt wurden und übereinkamen, vor der Hand keine weiteren Versuche mit ihm zu machen. Er hatte eine heftige scheue Art, den Kopf in die Hände zu nehmen, die man früher nicht an ihm bemerkt hatte. Aber der bloße Klang der Stimme seiner Tochter machte ihm einige Freude und so oft sie sprach, wendete er sich nach ihr hin.

In der unterwürfigen Weise eines Menschen, der seit Langem gewohnt ist, dem Zwange zu gehorchen, aß und trank er, was sie ihm zu essen und zu trinken gaben und legte den Mantel und die andern Umhüllungen an, die sie ihm hinreichten. Er ließ sich es gern gefallen, daß seine Tochter ihren Arm durch den seinigen zog und nahm und behielt ihre Hand in seinen beiden Händen.

Sie fingen an hinabzusteigen; Monsieur Defarge voran mit der Lampe, Mr. Lorry zum Schluß der kleinen Procession. Sie waren noch nicht viele Stufen die lange Haupttreppe hinuntergekommen, als er stehen blieb und das Dach und ringsum die Wände anstarrte.

„Du erinnerst dich des Ortes, Vater? Du erinnerst Dich, hierhergekommen zu sein?“

„Was sagtest Du?“

Aber ehe sie die Frage wiederholen konnte, murmelte er eine Antwort, als ob er sie wiederholt hätte.

„Mich erinnern? Nein, ich erinnere mich nicht daran. Es ist so lange Zeit her.“

Daß er nicht das Mindeste davon wußte, aus seinem Gefängniß nach diesem Hause gebracht worden zu sein, war offenbar. Sie hörten ihn vor sich hinmurmeln: Einhundert und Fünf, Nordthurm; und wenn er sich umsah, suchte er sichtlich die starken Festungsmauern, die ihn so lange eingeschlossen hatten. Als sie den Hof erreichten, veränderte er instinktmäßig seinen Schritt, als erwartete er, auf eine Zugbrücke zu treten; und als keine Zugbrücke kam und er den Wagen auf offener Straße warten sah, ließ er die Hand seiner Tochter fallen und griff wieder nach dem Kopfe.

Es stand kein Gedränge um die Thür; man bemerkte Niemand an den vielen Fenstern; nicht einmal ein zufällig Vorübergehender befand sich auf der Straße. Eine unnatürliche Stille und Verlassenheit herrschten daselbst. Nur Eine Seele war zu sehen und das war Madame Defarge, die gegen das Thürgewände lehnte, strickte und Nichts sah.

Der Gefangene war in den Wagen gestiegen und seine Tochter war ihm gefolgt, als Mr. Lorry’s Fuß auf dem Wagentritt von der mit kläglicher Stimme vorgebrachten Bitte aufgehalten ward, ihm das Schuhmacherhandwerkszeug und die halbfertigen Schuhe mitzugeben. Madame Defarge rief sogleich ihrem Mann zu, daß sie sie holen wolle und ging strickend aus dem Laternenschein durch den Hof. Sie brachte sie sehr bald herüber und reichte sie hinein; — und unmittelbar darauf lehnte sie wieder am Thürgewände, strickte und sah Nichts.

Defarge stieg auf den Bock und sagte dem Postillon: „Nach der Barrière!“ Der Postillon klatschte mit der Peitsche und sie rasselten unter den trübe brennenden, über ihnen sich schaukelnden Laternen hin.

Unter den über ihnen sich schaukelnden Laternen — die immer heller in den bessern Straßen und immer trüber in den schlechtern Straßen sich schaukelten — und vorbei an hellerleuchteten Läden und Kaffeehäusern, fröhlichem Menschengewühl und Theaterthüren nach einem der Thore der großen Stadt. Soldaten mit Laternen standen dort an der Wache. „Ihre Papiere!“ „Hier sind sie, Herr Offizier!“ sagte Defarge, indem er abstieg und ihn ernst bei Seite nahm. „Das sind die Papiere des Herrn, dem mit dem weißen Kopf. Sie sind mir mit ihm übergeben worden im —“ er ließ seine Stimme sinken — die militärischen Laternen bewegten sich aufgeregt, eine von ihnen streckte sich mit einem Arm in Uniform in den Wagen hinein und die zu dem Arm gehörenden Augen sahen sich nicht mit einem alltäglichen oder allnächtlichen Blick Monsieur mit dem weißen Kopf an. „Es ist gut. Kann passiren!“ von der Uniform. „Adieu!“ von Defarge. Und so unter einer bald zurückgelegten Allee von schwächer und schwächer brennenden, sich oben schaukelnden Laternen hinaus unter den großen Sternenhain.

Unter diesem Gewölbe unbeweglicher und ewiger Sonnen, einige so entfernt von dieser kleinen Erde, daß die Gelehrten uns erzählen, es sei zweifelhaft, ob ihre Strahlen sie bis jetzt als einen Punkt im Weltenraume, wo Etwas gethan oder gelitten wird, entdeckt hätten, waren die Schatten der Nacht breit und schwarz. Durch den ganzen, kalten, ruhelosen Zwischenraum bis zum Tagen flüsterten sie abermals Mr. Jarvis Lorry — der dem begrabenen und wiederausgegrabenen Manne gegenüber saß und darüber grübelte, was für geistige Kräfte ihm für immer verloren gegangen und welche der Wiederherstellung fähig sein möchten — die alte Frage zu:

„Ich hoffe, Sie treten gerne wieder in’s Leben ein?“

Und die alte Antwort:

„Das weiß ich nicht.“

Zweites Buch.
Das goldene Haar.

Erstes Kapitel.
Fünf Jahre später.

Tellsons Bank am Tempelthor war ein altmodischer Ort, selbst im Jahre 1780. Es war ein sehr kleines, sehr dunkles, sehr häßliches, sehr unbequemes Local. Es war auch altmodisch in der moralischen Eigenschaft, daß die Compagnons des Hauses stolz auf seine Kleinheit, stolz auf seine Dunkelheit, stolz auf seine Häßlichkeit, stolz auf seine Unbequemlichkeit waren. Sie rühmten selbst seine ausgezeichneten Leistungen nach diesen Seiten hin und waren von der tiefen Ueberzeugung erfüllt, daß, wenn weniger an ihm auszusetzen wäre, es weniger respectabel wäre. Das war kein passiver Glaube, sondern eine active Waffe, welche sie gegen bequemer eingerichtete Geschäftslocale schwangen. „Tellsons (sagten sie) brauchen keinen Platz, um sich umzudrehen, Tellsons brauchen kein Licht, Tellsons brauchen keine Verschönerung. Das wäre vielleicht bei Noakes u. Comp. der Fall, oder bei Snooks Gebrüder; aber bei Tellsons Gott sei Dank nicht!“

Jeder der Compagnons hätte seinen Sohn enterbt, wenn er sich unterfangen hätte, von dem Umbau von Tellsons Local zu sprechen. In dieser Hinsicht war es mit dem Hause ziemlich ebenso, wie mit dem Lande, welches sehr oft seine Söhne enterbte, weil sie Verbesserungen in Gesetzen und Gebräuchen vorschlugen, die seit Langem zu den größten Uebelständen gezählt hatten, aber deshalb nur um so respectabler waren.

So war es gekommen, daß Tellsons Geschäftslocal die Alles übertreffende Vollkommenheit der Unbequemlichkeit war. Nachdem man eine Thür von blödsinniger Halsstarrigkeit mit einem schwachen Geröchel in der Kehle aufgebrochen, fiel man zwei Stufen hinab in das Local selbst und kam in einem elenden kleinen Laden mit zwei kleinen Zahltischen zur Besinnung, wo in der Hand der ältesten Männer die Anweisung zitterte, als ob der Wind sie bewegte, während sie die Unterschrift am trübsten aller Fenster, das ein beständiges Regenbad von Schmutz von Fleetstreet auszuhalten hatte und noch dunkler wurde durch das dicke, schwere Eisengitter vor demselben und den dunkeln Schatten des Tempelthors, besichtigten. Verlangte das Geschäft, „unser Haus“ zu sehen, so wurde man in eine Art Carcerzelle hinten hinaus gebracht, wo man über ein übelangewendetes Leben nachdachte, bis „unser Haus“, die Hände in den Taschen, hereintrat und man ihn in dem unheimlichen Zwielicht kaum mit blinzelnden Augen ansehen konnte.

Das Geld, das man bekam, hielt sich in wurmzerfressenen, alten, hölzernen Schubkästen auf, von denen Theilchen in die Nase oder in die Kehle kamen, wenn man sie auf- oder zumachte. Die Banknoten hatten einen dumpfigen Geruch, als ob sie schleunigst wieder zu Lumpen vermoderten. Das Silberzeug, das man dem Hause anvertraut hatte, war in Kellern mitten unter Senkgruben untergebracht und schlechte Ausdünstungen verdarben seine gute Politur in ein oder zwei Tagen. Die Documente fanden ihren Aufenthalt in aus Küchen und Waschhäusern extemporirten Archiven und schwitzten vor Verdruß sämmtliches Fett aus ihren Pergamenten in die Luft des Contors hinaus. Die leichteren Kästen mit Familienpapieren kamen eine Treppe hoch in einen geräumigen Saal, in welchem immer eine große Speisetafel stand und nie ein Diner war und wo selbst noch im Jahre 1780 die Erstlingsbriefe deiner alten Geliebten oder deiner kleinen Kinder vor Kurzem erst von dem Schrecken erlöst waren, durch die Fenster von den mit einer Abyssiniens oder Ashanties würdigen sinnlosen Brutalität auf dem Tempelthor aufgesteckten Köpfen beliebäugelt zu werden.

Aber freilich war damals vom Leben zum Tode bringen ein in allen Gewerben und Ständen, und nicht am Mindesten bei Tellsons, sehr beliebtes Recept. Der Tod ist das Heilmittel der Natur für alle Dinge, und warum nicht auch das der Gesetzgebung? Demnach ward der Fälscher hingerichtet; wer eine falsche Banknote ausgab, wurde hingerichtet; wer einen Brief unrechtmäßig aufbrach, wurde hingerichtet; wer vierzig Schilling und sechs Pence entwendete, wurde hingerichtet; der, dem ein Pferd vor Tellsons Thür zum Halten übergeben worden und der sich damit aus dem Staube machte, wurde hingerichtet; der Falschmünzer, und hatte er nur einen falschen Schilling geprägt, wurde hingerichtet; drei Viertheile von denen, welche die Töne in der ganzen Scala des Verbrechens anschlugen, wurden hingerichtet. Nicht etwa, daß damit im Mindesten dem Verbrechen vorgebeugt wurde — man hätte fast behaupten können, daß das Gegentheil der Fall war — aber man wurde dadurch wenigstens für diese Welt die Mühe und Beschwerde jedes einzelnen Falles los und schnitt jede weitere damit verbundene Sorge ab. So hatten Tellsons in ihrer Zeit, wie andere größere Geschäfte unter ihren Zeitgenossen, so oft dem Halsabschneiden obgelegen, daß, wenn die davon betroffenen Köpfe, anstatt im Stillen beseitigt zu werden, auf dem Tempelthore aufgesteckt worden wären, sie wahrscheinlich das wenige Licht, welches das Erdgeschoß hatte, in einer ziemlich bedeutsamen Weise abgesperrt hätten.

In allerlei Ställe und unbegreifliche Winkel eingepfercht, besorgten bei Tellsons die ältesten aller Männer das Geschäft mit ernster Würde. Bekam ein junger Mann eine Stelle in Tellsons Londoner Geschäft, so versteckten sie ihn irgendwo, bis er alt wurde. Sie hoben ihn an einem finstern Orte auf, gleich einem Käse, bis er den echten Tellsonduft und -Schimmel bekommen hatte. Erst dann durfte er sich sehen lassen, mit großer Brille über großen Büchern brütend und mit seinen Kniehosen und Gamaschen die allgemeine Würde der Firma erhöhend.

Vor Tellsons — nie, um keinen Preis darin, außer wenn er gerufen — hatte ein Mann seinen Posten, der als gelegentlicher Ausläufer und zugleich als das lebendige Schild des Hauses diente. Während der Geschäftsstunden war er nie abwesend, außer wenn er ausgeschickt worden, und dann war er durch seinen Sohn vertreten, einen unheimlichen Gnomen von zwölf Jahren, der sein Ebenbild war. Die Leute erzählten sich, daß Tellsons von ihrer Höhe herab den Ausläufer duldeten. Das Haus hatte immer Jemanden dieses Berufs geduldet und der Verlauf der Zeit hatte diesen Mann an die Stelle gebracht. Sein Geburtsname war Cruncher, und als er in kindlicher Unschuld durch Stellvertreter in der ostwärts gelegenen Pfarrkirche von Houndsditch den Werken des Teufels entsagt hatte, hatte man diesem Namen noch den Taufnamen Jerry beigefügt.

Der Schauplatz war Mr. Crunchers Privatwohnung in Hanging-Sword-alley, Whitefriars; die Zeit halb acht Uhr an einem windigen Maimorgen anno Domini 1780. (Mr. Cruncher nannte das Jahr unseres Herrn immer Anna Domino, offenbar in der Meinung, daß die christliche Zeitrechnung von der Erfindung eines beliebten Spieles durch eine Dame, welche demselben ihren Namen gegeben, beginne.)

Mr. Crunchers Zimmer lagen in keiner saubern Nachbarschaft und waren blos zwei der Zahl nach, selbst wenn man eine Kammer mit einer einzigen Glasscheibe als eins zählte. Aber sie waren sehr reinlich gehalten. So früh es noch am windigen Maimorgen war, war doch das Zimmer, in welchem er im Bett lag, ganz sauber gefegt; und der schwerfällige, hölzerne Tisch, auf dem die zum Frühstück geordneten Tassen standen, war mit einem sehr reinen, weißen Tuch überbreitet.

Mr. Cruncher ruhte unter einer Decke von bunten Musterflecken wie ein Harlekin im Schooße seiner Familie. Anfangs schlief er fest, aber allmälig fing er an, sich im Bette herumzuwälzen, bis er sich, das starre Haar so spitz in die Höhe stehend, als ob es die Bettlaken in lauter Streifen zerreißen müßte, langsam erhob. Als er das gethan, rief er im Tone äußerster Entrüstung aus:

„Verdammt will ich sein, wenn sie’s nicht schon wieder thut!“

Eine Frau von ordentlichem und sauberm Aussehen stand mit Hast und Aufregung genug, um zu zeigen, daß sie die Gemeinte war, vom Knien in einer Ecke auf.

„Was!“ sagte Mr. Cruncher, und sah sich nach seinem Stiefel um. „Du thust es schon wieder. — Du?“

Nachdem er dem Morgen diesen zweiten Gruß geweiht hatte, warf er als dritten einen Stiefel nach der Frau. Es war ein sehr schmutziger Stiefel, der zugleich den Leser mit der merkwürdigen Thatsache aus Mr. Crunchers häuslicher Einrichtung bekannt machen mag, daß er sehr oft nach dem Schluß des Contors mit reinen Stiefeln nach Hause kam und doch, wenn er nächsten Morgen aufstand, dieselben Stiefeln sehr schmutzig vorfand.

„Na!“ sagte Mr. Cruncher, nachdem er das Ziel verfehlt hatte — „was treibst Du denn eigentlich, Du Teufelscreatur?“

„Ich sagte nur mein Morgengebet her.“

„Sagt ihr Morgengebet her. Du bist mir eine Schöne! Was willst Du damit sagen, daß Du Dich hinwirfst und gegen mich betest?“

„Ich bete nicht gegen Dich, ich bete für Dich.“

„Das ist nicht wahr. Und wenn es wahr wäre, so ließ ich mir es nicht gefallen. Sieh, Jerry! Deine Mutter ist eine schöne Creatur, wirft sich auf die Knie hin und betet gegen Deines Vaters Glück. Du hast eine gute Mutter, mein Sohn. Du hast eine fromme Mutter, mein Sohn; rutscht auf ihren Knien herum und betet, daß der liebe Gott dem eigenen, einzigen Kinde Brod und Butter aus dem Munde nehmen möge!“

Der kleine Cruncher, der noch im Hemd war, nahm dies sehr übel und verbat sich sehr ernstlich bei seiner Mutter, daß sie ihm Etwas von seiner Leibesnahrung wegbete.

„Und was denkst Du denn, Du eingebildetes Geschöpf,“ sagte Mr. Cruncher mit unbewußter Inconsequenz, „was Deine Gebete werth sind? Sag’ mir einmal, wie hoch Du Deine Gebete anschlägst!“

„Sie kommen nur aus dem Herzen, Jerry. Mehr sind sie nicht werth.“

„Mehr sind sie nicht werth,“ wiederholte Mr. Cruncher. „Dann sind sie nicht viel werth. Aber mag dem sein, wie ihm wolle, ich sage Dir, ich lasse nicht gegen mich beten. Meine Mittel erlauben mir das nicht. Ich will mich nicht durch Dein Winseln unglücklich machen lassen; wenn Du auf den Knien herumrutschen willst, so thue es für Deinen Mann und Dein Kind, und nicht gegen sie. Hätte ich nur nicht eine unnatürliche Frau und dieser Junge nur nicht eine unnatürliche Mutter, so hätte ich vorige Woche was verdient, anstatt daß mir Dein frommer Firlefanz nur Unglück gebracht hat. Verdammt will ich sein!“ sagte Mr. Cruncher, der sich während dieser ganzen Zeit angezogen hatte, „ob mich nicht theils das Beten, theils das oder jenes verwünschte Ding für die ganze vorige Woche in das ärgste Pech gebracht hat, das jemals ein armer Teufel von einem ehrlichen Gewerbsmann gehabt hat. Jerry, zieh Dich an, Junge, und während ich mir die Stiefeln putze, hab’ ein Auge auf die Mutter und rufe mich, wenn sie wieder Lust zeigt, auf den Knien herumzurutschen. Denn ich sage Dir,“ sprach er weiter zu der Frau gewendet, „ich lasse mir’s in dieser Weise nicht gefallen. Ich bin so zusammengeschüttelt, wie ein Fiakerwagen, ich bin so schläfrig, wie Laudanum, und meine Gliedmaßen sind so überarbeitet, daß ich ohne die Schmerzen darin gar nicht wüßte, welche mir und welche einem Andern gehörten, und doch habe ich deshalb keinen Dreier mehr in der Tasche; und ich will wetten, Du hast vom frühesten Morgen bis zum spätesten Abend Alles gethan, um zu verhindern, daß Etwas in meine Tasche kommt, und ich lasse es mir nicht gefallen, Du Höllenbraten! Und was sagst Du jetzt?“

Weiter machte sich nun sein Zorn mit halblautem Vorsichhinbrummen Luft. „Ja, ja, jawohl! Und fromm bist Du auch. Du willst Dich dem Wohlergehen Deines Mannes und Kindes widersetzen, Du? Wirklich?“ und mit ähnlichen sarkastischen Aeußerungen widmete sich Mr. Cruncher wieder dem Stiefelputzen und den allgemeinen Vorbereitungen für das Tagesgeschäft. Unterdeß hatte sein Sohn, dessen Haupt mit etwas kleineren eisernen Spitzen besetzt war und dessen junge Augen dicht bei einander standen, wie die seines Vaters, seine Mutter, wie befohlen, wachsam im Auge behalten. Er erschreckte diese arme Frau von Zeit zu Zeit höchlichst dadurch, daß er aus einer Schlafkammer, wo er seine Toilette machte, mit einem unterdrückten Ausruf. „Du willst schon wieder ’rumrutschen, Mutter — heda, Vater!“ herausgeschossen kam und, nachdem er diesen falschen Lärm gemacht, mit einem unkindlichen Grinsen wieder hineinschoß.

Mr. Crunchers Laune hatte sich nicht im Mindesten verbessert, als er zum Frühstück kam. Er rügte mit besonderer Bitterkeit, daß Mrs. Cruncher im Stillen ein Tischgebet sprach.

„Was, Du Höllenbraten! Was machst Du da? Fängst Du schon wieder an!“

Seine Frau entschuldigte sich, daß sie blos ein Tischgebet gesprochen.

„Das lässest Du bleiben!“ sagte Mr. Cruncher und sah um sich, als ob er eher erwartete, das Brod in Folge des Gebets seiner Frau verschwinden zu sehen. „Ich lasse mir’s nicht gefallen, aus Haus und Hof gebetet zu werden, ich lasse mir das bischen Brod nicht vom Tische wegbeten. Daß du mir’s bleiben lässest!“

Ausnehmend roth und grimmig um die Augen, als ob er die ganze Nacht in einer Gesellschaft gewesen, die durchaus kein gemüthliches Ende genommen, zerzauselte Jerry Cruncher sein Frühstück mehr, als daß er es aß und knurrte dabei wie der vierfüßige Inwohner einer Menagerie. Gegen neun Uhr legte sich sein borstiges Wesen etwas und mit einem so respectabeln und geschäftsmäßigen Aeußern, als er über sein wahres Ich decken konnte, ging er seiner Tagesbeschäftigung nach.

Es konnte kaum ein Gewerbe genannt werden, trotzdem daß er sich so gern „einen ehrlichen Gewerbsmann“ nannte. Sein Geschäftscapital bestand in einem hölzernen Sessel, verfertigt aus einem Stuhle, von dem man die zerbrochene Lehne abgesägt hatte, welchen Sessel der junge Jerry, neben seinem Vater herlaufend, jeden Morgen unter das Contorfenster zunächst dem Tempelthore stellte, wo er mit Hinzufügung der ersten Hand voll Strohs, das von einem vorübergehenden Wagen geraubt werden konnte, um die Füße des Ausläufers vor Kälte und Nässe zu bewahren, den Lagerplatz für den Tag bildete. Auf diesem seinem Posten war Mr. Cruncher in Fleetstreet und im Tempel ebenso bekannt, wie das Thor selbst und fast ebenso häßlich von Aussehen.

Ein Viertel vor neun Uhr auf seinem Posten eingetroffen, noch zur rechten Zeit, um vor den ältesten Männern, wie sie zu Tellsons hineingingen, grüßend an den dreieckigen Hut zu fassen, saß Jerry an diesem windigen Maimorgen auf seinem Sessel und der junge Jerry stand neben ihm, wenn er es nicht vorzog, Streifzüge durch das Thor zu machen, um vorübergehenden Jungen, die klein genug zu diesem liebenswürdigen Zweck waren, körperliches und geistiges Leid schmerzlichster Art zuzufügen. Vater und Sohn, die sich einander außerordentlich ähnlich sahen, hatten, wie sie schweigend dem Verkehr in Fleetstreet zusahen und dabei ihre beiden Köpfe so nahe an einander brachten, wie die Augen bei Beiden waren, eine merkwürdige Aehnlichkeit mit ein Paar boshaften Affen. Die Aehnlichkeit wurde durch den zufälligen Umstand nicht vermindert, daß der ältere Jerry Stroh zerbiß und ausspuckte, während die beweglichen Augen des jungen Jerry ihn so ruhelos beobachteten, wie alles Andere in Fleetstreet.

Einer der angestellten Ausläufer in Tellsons Contor steckte jetzt auf einmal den Kopf durch die Thür und rief:

„Heda, Jerry!“

„Hurrah, Vater! das fängt heute Morgen frühzeitig mit der Arbeit an!“

Nachdem sein Vater in das Contor hineingetreten war, setzte sich der junge Jerry auf den Stuhl, trat die Erbschaft des Strohs an, das sein Vater zerkaut hatte und dachte nach:

„Immer rostig! Seine Finger sind immer rostig!“ brummte der junge Jerry vor sich hin. „Wo kriegt mein Vater all den Rost her? Hier kriegt er doch keinen Rost an die Finger?“

Zweites Kapitel.
Ein Schauspiel.

„Ihr seid jedenfalls in Old Bailey wohlbekannt?“ sagte einer der ältesten Contordiener zu Jerry, dem Ausläufer.

„Ja—a, Sir!“ entgegnete Jerry in etwas mürrisch-stockender Weise. „Ich bin in Bailey bekannt.“

„Richtig. Und Ihr kennt Mr. Lorry?“

„Ich kenne Mr. Lorry viel besser, als Old Bailey, Sir, viel besser,“ sagte Jerry, fast wie ein widerwilliger Zeuge in dem fraglichen Gerichtslocal, „viel besser, als ich, ein ehrlicher Gewerbsmann, Old Bailey zu kennen wünsche.“

„Sehr gut. Sucht also die Thür, wo die Zeugen hineingehen und zeigt dem Thürsteher dieses Billet für Mr. Lorry. Er wird Euch dann hineinlassen.“

„In den Saal, Sir?“

„In den Saal.“

Mr. Crunchers Augen schienen noch ein Wenig näher zusammenzurücken und mit einander die Frage zu tauschen: Was denkst du davon?

„Habe ich im Saale zu warten, Sir?“ fragte er als Ergebniß dieser Conferenz.

„Das will ich Euch gleich sagen. Der Thürsteher schickt das Billet zu Mr. Lorry und Ihr macht Euch durch irgend eine Geberde Mr. Lorry bemerklich und zeigt ihm, wo Ihr steht. Dann habt Ihr weiter Nichts zu thun, als zu warten, bis er Euch braucht.“

„Ist das Alles, Sir?“

„Das ist Alles. Er wünschte einen Boten bei der Hand zu haben. Durch dieses Billet wird er benachrichtigt, daß Ihr da seid.“

Als der alte Handlungsdiener überlegsam das Billet zusammenbrach und mit der Adresse versah, bemerkte Mr. Cruncher, nachdem er ihm stillschweigend zugesehen, bis er zum Abtrocknen auf dem Löschpapier kam:

„Es wird sich wohl heute um Fälschung handeln?“

„Um Hochverrath!“

„Da steht Viertheilen drauf. Barbarei!“

„Es ist Gesetz und Recht,“ bemerkte der alte Diener und sah ihn überrascht durch die Brille an.

„S’ist hart vom Gesetz, einen Menschen zu verunstalten, meine ich. Es ist hart genug, ihm das Leben zu nehmen, aber es ist sehr hart, ihn zu verunstalten, Sir.“

„Ganz und gar nicht,“ entgegnete der alte Diener. „Sprecht gut vom Gesetz. Tragt Sorge für Eure Brust und Eure Stimme, guter Freund, und laßt das Gesetz für sich selber Sorge tragen. Den Rath gebe ich Euch.“

„S’ist die Nässe, Sir, die sich mir auf Brust und Stimme legt,“ sagte Jerry. „Daran können Sie selbst sehen, auf welchem nassen Wege ich mir mein tägliches Brod verdienen muß.“

„Schon gut, schon gut,“ sagte der alte Diener; „jeder hat seinen eigenen Weg, sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben. Manche thun es auf nassem Wege und manche auf trockenem Wege. Hier ist der Brief. Sputet Euch!“

Jerry nahm den Brief und sprach zu sich mit viel weniger innerer Ehrerbietung, als er äußerlich zur Schau trug, „Ihr wollt ein Geriebener sein,“ machte seine Verbeugung, unterrichtete seinen Sohn im Vorbeigehen von seiner Bestimmung und ging seines Wegs.

Sie henkten zu jener Zeit in Tyburn. Die Straße vor dem Newgatekerker vorüber hatte noch nicht jene gräßliche Notorität erlangt, die jetzt an ihr haftet. Aber das Gefängniß war ein greuelvoller Ort, wo fast jegliche Ausschweifung und Schlechtigkeit verübt ward und wo böse Krankheiten sich erzeugten, die mit den Gefangenen in den Gerichtssaal kamen und manchmal von der Verbrecherbank geraden Wegs auf den Lord-Oberrichter losstürzten und ihn von seinem Sitz herunterzerrten. Mehr als einmal war es geschehen, daß der Richter in der schwarzen Mütze sein eigenes Urtheil so sicher wie das des Gefangenen sprach und sogar noch vor ihm starb. Im Uebrigen war Old Bailey berühmt als eine Art von Sterbestation, von wo leichenblasse Reisende beständig in Karren und Kutschen eine gewaltsame Reise in die andere Welt antraten, wobei sie zwei und eine halbe englische Meile Stadt- und Landstraße durchfuhren, und wenn überhaupt, nur in wenigen guten Bürgern einen heilsamen Abscheu erregten. So mächtig ist die Gewohnheit und so wünschenswerth, daß sie von Anfang an gute Gewohnheit sei. Auch war Old Bailey berühmt wegen des Prangers, eine weise und uralte Einrichtung, welche eine Strafe verhängte, deren Schärfe Niemand ermessen konnte; auch wegen des Prügelpfahls, eine andere liebe und altbewährte Einrichtung, deren Wirksamkeit anzusehen sehr vermenschlichend und mildernd auf das Gemüth wirkte; auch wegen ausgedehnter Geschäfte in Blutgeld, ein anderes Bruchstück der Weisheit unserer Vorväter, das systematisch zu den schrecklichsten für Geld begangenen Verbrechen führte. Im Ganzen war zu jener Zeit Old Bailey eine auserlesene Erläuterung des Spruchs: „Was ist, ist Recht“; ein Spruch, der ebenso Alles abschließend sein würde, als er die Trägheit fördernd ist, wenn er nicht die unangenehme Consequenz in sich schlösse, daß Nichts, was jemals war, Unrecht sein könne.

Der Bote bahnte sich einen Weg durch das unsaubere Gedränge mit der Geschicklichkeit eines Mannes, der gewohnt ist, ohne Aufsehen zu machen vorwärts zu kommen, fand die Thüre, welche er suchte und gab durch eine Klappe in derselben seinen Brief hinein. Denn damals bezahlten die Leute, um das Schauspiel in Old Bailey zu sehen, gerade wie sie bezahlten, um das Schauspiel in Bedlam zu sehen — nur daß die erstere Unterhaltung viel theurer zu stehen kam. Deshalb waren alle Thüren von Old Bailey gut bewacht, mit einziger Ausnahme der gefälligen Thüren, durch welche die Gesellschaft die Verbrecher hinein ließ, denn diese standen immer weit offen.

Nach einigen Worten und Besinnen ging die Thüre widerwillig ein ganz klein Wenig auf und erlaubte Mr. Jerry Cruncher, sich in den Gerichtssaal hineinzuquetschen.

„Was ist dran?“ fragte er flüsternd den Mann, der sein Nachbar geworden war.

„Noch Nichts.“

„Was kommt dran?“

„Der Hochverrath.“

„Der zum Viertheilen, he?“

„Jawohl,“ entgegnete der Mann mit Gusto; „er wird auf einer Hürde hinausgeschleift, um halb gehängt zu werden und dann wird man ihn abschneiden und vor seinen eigenen Augen aufschlitzen und dann wird man seine Eingeweide herausnehmen und verbrennen, während er zusieht und dann wird man ihm den Kopf abhacken und sein Rumpf wird geviertheilt. So lautet das Urtheil.“

„Wenn sie ihn schuldig finden, wollt Ihr sagen?“ setzte Jerry als Vorbehalt hinzu.

„O! Sie werden ihn schuldig finden,“ sagte der Andere. „Da braucht Ihr nicht zu sorgen.“

Mr. Crunchers Aufmerksamkeit zog jetzt der Thürsteher auf sich, der mit dem Billet in der Hand auf Mr. Lorry zuging. Mr. Lorry saß an einem Tisch unter den Herren in den Perrücken, nicht weit von einem Herrn in der Perrücke, dem Vertheidiger des Angeklagten, der einen großen Stoß Papiere vor sich hatte und fast gerade gegenüber einem andern Herrn in der Perrücke, der beide Hände in den Hosentaschen hatte und dessen ganze Aufmerksamkeit, wenn Mr. Cruncher ihn jetzt oder später anblickte, von der Decke des Gerichtssaals in Anspruch genommen zu sein schien. Nachdem Jerry einigemal mürrisch gehustet und sich das Kinn gerieben und Zeichen mit der Hand gemacht hatte, zog er die Beobachtung Mr. Lorry’s auf sich, der aufgestanden war, um sich nach ihm umzusehen und ihm ruhig zunickte und sich wieder setzte.

„Was hat der in der Sache zu thun?“ fragte der Mann, mit dem er gesprochen hatte.

„Das weiß ich nicht,“ sagte Jerry.

„Und was habt Ihr dabei zu thun, wenn man fragen darf?“

„Das weiß ich auch nicht,“ sagte Jerry.

Der Eintritt des Richters und eine darauf folgende große Bewegung und allmäliges Beruhigen im Gerichtssaal unterbrachen das Zwiegespräch. Im nächsten Augenblick wurde die Angeklagtenloge der Brennpunkt des allgemeinen Interesses. Zwei Schließer, die dort gestanden hatten, gingen hinaus und der Gefangene wurde hereingebracht und vor seine Richter gestellt.

Alle Anwesenden, mit Ausnahme des einen Herrn in der Perrücke, der sich die Decke betrachtete, hefteten neugierig ihre Augen auf ihn. All’ der menschliche Athem in dem Saale rollte auf ihn zu wie ein Meer, oder ein Wind, oder ein Feuer. Neugierige Gesichter sahen um Pfeiler und Ecken, um einen Blick auf ihn zu werfen. Zuschauer in den hinteren Räumen standen auf, um sich auch nicht ein Haar von ihm entgehen zu lassen; Leute, die in der Mitte des Saals standen, legten ihre Hände auf die Schultern der vor ihnen Stehenden, um sich auf irgend Jemandes Unkosten einen Anblick von dem Manne zu verschaffen — stellten sich auf die Zehenspitzen, stiegen auf Simse, standen auf fast Nichts, um jeden Zoll von ihm zu sehen. Besonders bemerklich unter diesen Letzteren machte sich Jerry, welcher aussah wie ein lebendig gewordenes Stück der mit eisernen Spitzen besetzten Mauer von Newgate. Er zielte nach dem Angeklagten mit dem biergeschwängerten Duft eines Trunkes, den er unterwegs zu sich genommen und hauchte ihn aus, daß er sich mit den Wellen andern Bieres und Gins und Thee’s und Kaffee’s und was sonst noch vermische, welche auf den Angeklagten zuflutheten und sich bereits in einem schmutzigen Nebel und Regen an den großen Fenstern hinter ihm brachen.

Der Zielpunkt aller dieser neugierig stierenden und aufgeregten Blicke war ein junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, von hübschem Wuchs und hübschem Gesicht, mit sonnenverbrannten Wangen und dunklen Augen. Dem Stande nach war er ein Gentleman. Er war einfach schwarz oder sehr dunkel grau gekleidet, und sein langes und dunkles Haar war hinten im Nacken mit einem Bande zusammengebunden, mehr um nicht zu belästigen, als zur Zierde. Wie sich eine Gemüthsbewegung durch jede körperliche Umhüllung ausdrückt, so machte sich die Blässe, welche seine Lage rechtfertigte, durch das Braun seiner Wange erkennbar und zeigte, daß die Seele stärker war, als die Sonne. Im Uebrigen war er ganz unbefangen, er verbeugte sich vor dem Richter und blieb ruhig stehen.

Die Theilnahme, mit welcher dieser Mann angestiert und angehaucht ward, machte der Menschheit keine Ehre. Wäre er von einem weniger entsetzlichen und grausenhaften Urtheil bedroht gewesen, — wäre eine Möglichkeit vorhanden gewesen, daß ihm eine einzige der Scheußlichkeiten desselben erspart worden wäre — so hätte er ebenso viel an Anziehungskraft verloren. Die Gestalt, die verurtheilt werden sollte, so gräßlich zerstückt zu werden, war der anziehende Anblick; das unsterbliche Wesen, das geschlachtet und zerfleischt werden sollte, rief die Aufregung hervor. Mit welchem Firniß auch die verschiedenen Zuschauer diese, jenachdem sie in der Selbsttäuschung geschickt waren, übertünchen mochten, im Grunde war es nur scheußliche Blutgier.

Schweigen im Gerichtssaal! Charles Darnay hatte gestern „nicht schuldig“ eingewendet gegen eine Anklage, die ihn (mit endlosem unverständlichem Wortgeklingel) beschuldigte, ein falscher Verräther an unserm erlauchten, erhabenen, vortrefflichen u. s. w. Fürsten, unserm Herrn, dem König, zu sein, indem er bei verschiedenen Gelegenheiten und durch verschiedene Mittel und Wege Ludwig, König von Frankreich, in seinen Kriegen gegen unsern gedachten erlauchten, erhabenen, vortrefflichen u. s. w. Fürsten, unsern Herrn, den König, Beistand geleistet; indem er nämlich zwischen den Besitzungen unseres gedachten erlauchten, erhabenen, vortrefflichen u. s. w. Fürsten, unseres Herrn, des Königs und denen des gedachten Ludwigs von Frankreich hin- und hergereist, und boshafter, hinterlistiger, verrätherischer Weise (und noch mit andern bösen Adverbien) dem gedachten Ludwig von Frankreich verrathen habe, welche Streitkräfte unser gedachter erlauchter, erhabener, vortrefflicher u. s. w. Fürst, unser Herr, der König, für Canada und Nordamerika auszurüsten im Begriff stehe. Soviel verstand Jerry, dessen Haar immer spitzer empor stieg, wie die juristischen Worte sich häuften, zu seiner ungeheuren Befriedigung, und er kam so allmälig zu dem Verständniß, daß der vorgenannte und wieder und wieder vorgenannte Charles Darnay dort vor ihm stand, um sein Urtheil zu empfangen; daß die Geschwornen vereidigt wurden; und daß der Herr Generalanwalt sich bereit machte, zu sprechen.

Der Angeklagte, der im Geiste von jedem Einzelnen der Anwesenden gehängt, geköpft und geviertheilt wurde und sich Alles recht wohl bewußt war, ließ sich weder von dieser Umgebung einschüchtern, noch trat er ihr mit einer theatralischen Miene entgegen. Er war ruhig und aufmerksam; beobachtete die einleitenden Verhandlungen mit ernstem Interesse und ließ seine Hände auf dem Bret vor sich so gefaßt ruhen, daß sie auch nicht ein Blättchen von den Kräutern, mit denen es bestreut war, von der Stelle rückten. Ueberhaupt war der ganze Saal mit Kräutern bestreut und mit Essig besprengt, als Schutzmittel gegen Kerkerluft und Kerkerfieber.

Ueber dem Haupte des Angeklagten hing ein Spiegel, um das Licht auf ihn herabzuwerfen. Eine Unzahl von Verworfenen und Unglücklichen hatten ihr Bild darin gesehen und waren von seiner Oberfläche und von der Erde verschwunden. Von welch einer gräßlichen Gespensterschaar müßte dieser Saal heimgesucht sein, wenn der Spiegel die Bilder, die er auf seiner glatten Fläche gezeigt, jemals zurückgeben wollte, wie das Meer seine Todten wieder von sich giebt. Ein flüchtiger Gedanke an die Ehrlosigkeit und die Schmach, die das Glas widergespiegelt, mochte dem Angeklagten in den Sinn kommen. Wie dem immer sein möge, eine Veränderung seiner Stellung ließ ihn gewahr werden, daß ein Streifen Licht auf sein Gesicht falle und er blickte in die Höhe, und als er den Spiegel sah, röthete sich sein Gesicht und seine rechte Hand schob die Kräuter weg.

Dabei geschah es zufällig, daß er das Gesicht nach der Seite des Saales wendete, die sich ihm zur linken Hand befand. Fast auf einer Höhe mit seinen Augen saßen in der Ecke der Richterbank zwei Personen, auf denen sein Auge sofort haften blieb, so auffällig und mit einer solchen Veränderung seines Gesichts, daß alle Augen, die sich auf ihn gewendet hatten, sich auf diese Beiden wendeten.

Die Zuschauer sahen in den beiden Gestalten eine junge Dame von kaum mehr als zwanzig Jahren und einen Herrn, der offenbar ihr Vater war; einen Herrn von sehr merkwürdigem Aussehen, wegen seines schlohweißen Haares und einer gewissen unbeschreiblichen Intensivität des Gesichtsausdrucks; nicht der Außenwelt zugewendet, sondern grübelnd und mit sich selbst beschäftigt. Wenn dieser Ausdruck auf seinem Gesicht lag, sah er aus, als wäre er alt; verschwand er aber manchmal vorübergehend, — wie z. B. jetzt, wie er mit seiner Tochter sprach, so wurde er ein schöner Mann, der noch nicht über das kräftige Mannesalter hinaus ist.

Seine Tochter hatte die eine ihrer Hände durch seinen Arm gezogen, wie sie neben ihm saß und die andere darauf gelegt. Eingeschüchtert von dem Schauspiel, das sie vor sich sah, und voller Mitleid für den Angeklagten, hatte sie sich dicht an den Vater herangedrängt. Auf ihrer Stirn las man deutlich eine Alles vergessende Angst und ein Mitleid, die für Nichts Sinn hatten, als für die Gefahr des Angeklagten. Dies war so deutlich zu lesen, so natürlich und lebendig ausgedrückt, daß Neugierige, die kein Mitleid mit ihm gehabt hatten, sich von ihrem Anblick rühren ließen; und durch den Saal ging ein Geflüster, wer sind sie?

Jerry, der Ausläufer, der seine Beobachtungen für sich in seiner Weise gemacht hatte und der in seinem tiefen Nachdenken den Rost von seinen Fingern gesogen hatte, machte den Hals lang, um zu hören, wer sie wären. Das Gedränge um ihn hatte sich noch dichter zusammengedrängt und die Anfrage an den nächsten Gerichtsdiener befördert und von diesem kam die Antwort langsam zurück; endlich kam sie auch an Jerry:

„Zeugen.“

„Auf welcher Seite?“

„Gegen.“

„Gegen welche Seite?“

„Gegen den Angeklagten.“

Der Richter, dessen Auge der allgemeinen Richtung gefolgt war, sammelte sich wieder, lehnte sich in seinem Sitz zurück und hielt sein Auge auf den Mann geheftet, dessen Leben in seiner Hand lag, wie der Herr Generalanwalt aufstand, um den Strick zu drehen, die Axt zu schärfen und die Nägel in das Schaffot zu schlagen.

Drittes Kapitel.
Eine Enttäuschung.

Der Herr Generalanwalt hatte den Geschwornen mitzutheilen, daß der Angeklagte vor ihnen, obgleich jung an Jahren, doch alt sei in den hochverrätherischen Praktiken, wegen deren jetzt das Gesetz seinen Kopf fordere. Daß sein Verkehr mit dem Landesfeinde nicht ein Verkehr von heute oder von gestern oder nur vom vorigen oder vorvorigen Jahre sei. Daß es unzweifelhaft sei, daß der Angeklagte schon seit längerer Zeit als dieser zwischen Frankreich und England in geheimen Geschäften, über die er keine ehrliche Auskunft geben könne, hin- und hergereist sei. Daß, wenn es in der Natur hochverrätherischer Umtriebe liege, zum Ziele zu führen (was glücklicher Weise nie der Fall sei), die wirkliche Boshaftigkeit und Strafbarkeit dieses Unterfangens noch unentdeckt sein könnte. Daß jedoch die Vorsehung es einer Person ohne Furcht und ohne Tadel eingegeben habe, den verbrecherischen Plänen des Angeklagten nachzuspüren und sie, erfüllt von Entsetzen, Sr. Majestät oberstem Staatssecretär und höchst ehrenwerthem Geheimen Rath zu enthüllen. Daß er diesen Patrioten ihnen vorführen werde. Daß seine Stellung und Haltung in der That und im Ganzen erhaben sei. Daß er des Angeklagten Freund gewesen, aber nachdem er in einer glücklichen und einer bösen Stunde seine Niederträchtigkeit entdeckt, beschlossen habe, den Verräther, den er nicht länger an seinem Busen wärmen konnte, auf dem geheiligten Altar des Vaterlandes zu opfern. Daß, wenn in Großbritannien wie im alten Griechenland und Rom Wohlthätern des Gemeinwesens Bildsäulen errichtet würden, dieser ausgezeichnete Bürger sicherlich durch eine geehrt werden würde. Daß dies aber wahrscheinlich nicht der Fall sein würde, da es hier nicht Sitte sei. Daß die Tugend, wie die Dichter sagten (in vielen Stellen, von denen er wüßte, daß die Geschwornen sie Wort für Wort auswendig kännten; worauf die Gesichter der Geschwornen ein Schuldbewußtsein, daß sie kein Wort von den Stellen wüßten, verriethen), gewissermaßen ansteckend sei, vor Allem aber die herrliche Tugend, welche man Patriotismus oder Vaterlandsliebe nenne. Daß das erhabene Beispiel dieses fleckenreinen und untadelhaften Zeugen für die Krone, von dem zu sprechen für Jeden eine Ehre sei, nicht ohne Eindruck auf den Bedienten des Angeklagten geblieben sei und in diesem einen heiligen Entschluß erzeugt habe, die Kästen und Taschen seines Herrn zu durchsuchen und seine Papiere bei Seite zu schaffen. Daß er (der Herr Generalanwalt) auf einen Versuch gefaßt sei, über diesen bewundernswürdigen Bedienten tadelnde und geringschätzende Bemerkungen zu machen; aber daß im Allgemeinen er ihn seinen (des Herrn Generalanwalts) Brüdern und Schwestern vorziehe und ihn mehr als seinen (des Herrn Generalanwalts) Vater und seiner Mutter ehre. Daß er mit Zuversicht die Geschwornen auffordere, dasselbe zu thun. Daß die Aussage dieser beiden Zeugen, verbunden mit den von ihnen entdeckten, schriftlichen Beweisen, die ihnen vorgelegt werden würden, beweisen könnten, daß der Angeklagte im Besitz von Standeslisten der Streitkräfte Sr. Majestät und Nachweisen über ihre Standquartiere und Ausrüstung, sowohl zu Wasser wie zu Lande gewesen, die keinen Zweifel übrig lassen würden, daß er regelmäßig diese Nachweise einer feindlichen Macht mitgetheilt habe. Daß nicht nachgewiesen werden könne, daß diese Schriften von der Hand des Angeklagten seien; daß dies aber ganz gleichgültig sei, oder vielmehr um so besser für die Anklage, da daraus hervorgehe, wie schlau der Angeklagte in seinen Vorsichtsmaßregeln sei. Daß die Beweise fünf Jahre zurückgehen und den Angeklagten mit seinen strafbaren Plänen bereits wenige Wochen vor dem allerersten Gefecht zwischen den englischen Truppen und den Amerikanern beschäftigt zeigen würden. Daß aus diesen Gründen die Geschwornen, als loyale Geschworne (als welche er sie kenne) und als verantwortliche Geschworne (wie sie selbst wüßten) unbedingt den Unglücklichen schuldig finden und mit ihm ein Ende machen müßten, ob sie wollten oder nicht. Daß sie niemals ihr Haupt ruhig auf ihr Kissen legen könnten; daß sie nie den Gedanken ertragen könnten, daß ihre Weiber den Kopf ruhig auf ihre Kissen legten; daß es ihnen niemals in den Sinn kommen könnte, daß ihre Kinder ruhig den Kopf auf das Kissen legten; mit Einem Worte, daß sie und die Ihrigen in Zukunft nie auch nur eine Stunde ruhigen Schlafs genießen würden, wenn dem Angeklagten nicht das Haupt abgeschlagen würde. Diesen Kopf verlangte der Herr Generalanwalt schließlich von ihnen im Namen von Allem mit einem vollen Klange was ihm einfiel, und auf seine feierliche Versicherung hin, daß er den Angeklagten bereits als einen todten Mann betrachte.

Als der Generalanwalt schwieg, ging ein Gesurre durch den Hof, als ob den Angeklagten, in Vorausahnung dessen, was er bald sein werde, eine Wolke von großen Schmeißfliegen umschwärme. Als es sich wieder legte, erschien der fleckenreine Patriot auf der Zeugenbank.

Der Generalfiscal verhörte nun nach der Einleitung seines Vorgängers den Patrioten. Name: John Barsad, Gentleman. Die Geschichte seiner reinen Seele war genau so, wie der Herr Generalanwalt sie beschrieben hatte — vielleicht ein Wenig zu umständlich, wenn sie einen Fehler hatte. Nachdem er seinen edlen Busen dieser Bürde entledigt, hätte er sich gern bescheiden zurückgezogen, aber der Herr in der Perrücke mit den Papieren vor sich, der nicht weit von Mr. Lorry saß, wünschte ihm einige Fragen vorzulegen. Der Herr in der Perrücke gegenüber sah immer noch die Decke des Saales an.

War er vielleicht selbst früher Spion gewesen! Nein, er wies diese niedrige Verleumdung mit Entrüstung zurück. Wovon lebte er? Von seiner Besitzung. Wo seine Besitzung liege? Das könne er so genau nicht sagen. Worin sie bestehe? Das ginge Niemanden Etwas an. Ob er sie geerbt habe? Ja. Von wem? Von einem entfernten Verwandten. Von einem sehr entfernten? Von einem ziemlich entfernten. Jemals im Gefängniß gewesen? Gewiß nicht. Nie im Schuldgefängniß gesessen? Wüßte nicht, daß das hierher gehöre. Nie im Schuldgefängniß gesessen? Sprechen Sie. Niemals? Ja. Wie viele Mal? Zwei oder drei Mal. Nicht fünf oder sechs Mal? Vielleicht. Welchen Standes? Gentleman. Jemals mit Fußtritten regalirt? Wäre vielleicht möglich. Häufig? Nein. Jemals einen Fußtritt bekommen und die Treppe hinuntergeworfen worden? Ganz gewiß nicht; bekam einmal einen Fußtritt oben an der Treppe und fiel aus eigenem Antrieb hinunter. Damals hinuntergeworfen worden, weil er mit falschen Würfeln gespielt? Etwas der Art habe der betrunkene Lügner gesagt, der sich der Realinjurie schuldig gemacht, aber es sei nicht wahr. Ob er schwören könne, daß es nicht wahr sei? Ganz bestimmt. Ob er jemals von falschem Spiele gelebt? Niemals. Ob er vom Spielen gelebt? Nicht mehr als andere Herren. Ob er von dem Angeklagten Geld geborgt? Ja. Ob er es ihm wiederbezahlt? Nein. War nicht die Bekanntschaft mit dem Angeklagten, die im Grunde eine sehr oberflächliche war, dem Angeklagten in Postkutschen, Wirthshäusern und Packetschiffen aufgedrängt worden? Nein. Weiß er bestimmt, daß er bei dem Angeklagten diese Musterrollen gesehen? Gewiß. Wisse Nichts weiter von den Musterrollen? Nein. Hätte sie z. B. nicht selbst herbeigeschafft? Nein. Erwarte nicht für sein Auftreten als Zeuge bezahlt zu werden? Nein. Sei nicht im regelmäßigen Sold und Anstellung der Regierung zum Schlingenlegen? O, bei Leibe nicht. Oder sonst Etwas zu thun? O, bei Leibe nicht. Ob er das beschwören könne? Noch zwei- und dreimal. Sei von keinen andern bewegt und bestimmt, als von Beweggründen des reinen Patriotismus? Von keinen andern.

Der tugendhafte Bediente, Roger Cly, schwur sich mit großer Behendigkeit durch das Verhör. Er war in gutem Glauben und Herzenseinfalt vor vier Jahren in die Dienste des Angeklagten getreten. Er hatte den Angeklagten am Bord des Calais-Packetschiffs gefragt, ob er einen gewandten Burschen brauche und der Angeklagte hatte ihn in Dienst genommen. Er hatte den Angeklagten nicht gebeten, den gewandten Burschen aus Barmherzigkeit in Dienst zu nehmen, — hatte nie an so Etwas gedacht. Bald darauf fing er an, Verdacht hinsichtlich des Angeklagten zu schöpfen und ein Auge auf ihn zu haben. Beim Ordnen seiner Kleider auf der Reise hatte er ähnliche Papiere wie diese wiederholt in den Taschen des Angeklagten gesehen. Diese Papiere hatte er aus dem Schubkasten in dem Pulte des Angeklagten genommen. Er hatte sie nicht erst dorthin gelegt. Er hatte gesehen, wie der Angeklagte dieselben Papiere französischen Herren in Calais zeigte, und ähnliche Papiere französischen Herren in Calais und in Boulogne. Er liebe sein Vaterland und hätte so Etwas nicht ertragen können und hätte Anzeige gemacht. Er sei nie in Verdacht gewesen, eine silberne Theekanne gestohlen zu haben; er sei hinsichtlich einer Senfbüchse verleumdet worden, aber es hätte sich gefunden, daß sie nur plattirt gewesen sei. Er kenne den vorigen Zeugen seit sieben oder acht Jahren; das sei bloßes zufälliges Zusammentreffen. Er nenne es nicht ein merkwürdig seltsames Zusammentreffen; die Zusammentreffen wären meistens merkwürdig. Auch nenne er es kein merkwürdiges Zusammentreffen, daß reine Vaterlandsliebe auch sein einziger Beweggrund sei. Er sei ein echter Britte und hoffe, es gebe noch viele gleich ihm.

Die Schmeißfliegen summten wieder und der Generalanwalt rief Mr. Jarvis Lorry auf.

„Mr. Jarvis Lorry, Sie sind Handlungsdiener in Tellsons Bank?“

„Ja.“

„Veranlaßten Sie an einem gewissen Freitag Nachts im November 1775 Geschäfte, von London nach Dover mit der Postkutsche zu reisen?“

„Ja.“

„Waren noch andere Passagiere in der Kutsche?“

„Zwei.“

„Stiegen sie unterwegs im Verlaufe der Nacht aus?“

„Allerdings.“

„Mr. Lorry, sehen Sie den Angeklagten an. War er einer der beiden Passagiere?“

„Ich getraue mir nicht, Ja zu sagen.“

„Sieht er einem dieser beiden Passagiere ähnlich?“

„Beide waren so eingewickelt, und die Nacht war so finster, und wir waren Alle so zurückhaltend, daß ich mir nicht einmal getrauen kann, diese Frage zu beantworten.“

„Mr. Lorry, sehen Sie den Angeklagten noch einmal an. Denken Sie ihn sich so eingewickelt, wie jene beiden Passagiere, würde dann sein Aussehen oder sein Wuchs es unwahrscheinlich machen, daß er Einer derselben gewesen wäre.“

„Nein.“

„Sie wollen nicht beschwören, Mr. Lorry, daß er keiner von den Beiden gewesen sei?“

„Nein.“

„So sagen Sie wenigstens, er könnte Einer von den Beiden gewesen sein?“

„Ja. Ausgenommen, daß ich mich erinnere, daß die Beiden — ebenso wie ich — sich vor Straßenräubern fürchteten und der Angeklagte sieht nicht aus, als ob er sich fürchtete.“

„Haben Sie jemals ein Bild der Furchtsamkeit gesehen, Mr. Lorry?“

„Ei, gewiß.“

„Mr. Lorry, sehen Sie den Angeklagten noch einmal an. Wissen Sie mit Bestimmtheit, ihn früher schon einmal gesehen zu haben?“

„Ja.“

„Wann?“

„Wenige Tage nach jener Reise kehrte ich aus Frankreich zurück und in Calais kam der Angeklagte an Bord des Packetschiffs, auf dem ich zurückfuhr und machte die Reise mit mir.“

„Um welche Zeit kam er an Bord?“

„Kurz nach Mitternacht.“

„Mitten in der Nacht. War er der einzige Passagier, der zu dieser ungewöhnlichen Stunde an Bord kam?“

„Er war zufällig der einzige.“

„Das „zufällig“ ist hier gleichgültig, Mr. Lorry. Er war der einzige Passagier, der mitten in der Nacht an Bord kam?“

„Ja.“

„Reisten Sie allein, Mr. Lorry, oder hatten Sie Begleitung?“

„Ich hatte zwei Begleiter. Einen Herrn und eine Dame. Sie sind hier.“

„Sie sind hier. Haben Sie mit dem Angeklagten gesprochen?“

„Kaum einige Worte. Das Wetter war stürmisch, die Ueberfahrt lang und beschwerlich, und ich lag fast während der ganzen Zeit auf einem Sopha.“

„Miß Manette!“

Die junge Dame, auf welche sich vorhin alle Blicke gewendet hatten und sich jetzt wieder wendeten, stand auf. Ihr Vater erhob sich mit ihr und behielt ihre Hand unter seinem Arme.

„Miß Manette! Sehen Sie den Angeklagten an.“

Solchem Mitleid und so tief fühlender Jugend und Schönheit gegenübergestellt zu werden, war eine viel härtere Prüfung für den Angeklagten, als dem ganzen Gedränge gegenüber zu stehen. Er stand mit ihr, so zu sagen, allein an dem Rande seines Grabes und alle die neugierig starrenden Augen ringsum konnten ihm für den Augenblick nicht die Kraft geben, ganz unbefangen zu bleiben. Seine unruhige rechte Hand vertheilte die vor ihm gestreuten Kräuter in eingebildete Blumenbeete in einem Garten; unter seinen Bemühungen, sein Athmen im regelmäßigen Zuge zu erhalten, zitterten die Lippen, aus welchen das Blut nach dem Herzen zurückströmte. Das Gesumme der Schmeißfliegen erhob sich lauter als vorhin.

„Miß Manette, haben Sie den Angeklagten früher gesehen?“

„Ja, Sir.“

„Wo?“

„Am Bord des Packetschiffs, von dem eben gesprochen worden und bei derselben Gelegenheit.“

„Sie sind die junge Dame, von der eben gesprochen worden?“

„O, unglücklicherweise bin ich es!“

Der klagende Ton ihres Mitleids verlor sich in die weniger wohltönende Stimme des Richters, wie er ziemlich schroff sagte: „Beantworten Sie die Fragen, die Ihnen vorgelegt werden und machen Sie keine Bemerkungen dazu.“

„Miß Manette, haben Sie auf der Fahrt über den Canal mit dem Angeklagten gesprochen?“

„Ja, Sir.“

„Was haben Sie mit ihm gesprochen?“

Während ringsum das tiefste Schweigen herrschte, begann sie mit schwacher Stimme:

„Als der Herr an Bord kam —“

„Meinen Sie den Angeklagten?“ fragte der Richter mit gerunzelter Stirn.

„Ja, Mylord.“

„Dann sagen Sie, der Angeklagte.“

„Als der Angeklagte an Bord kam, bemerkte er, daß mein Vater“ — sie wendete ihm einen liebevollen Blick zu, wie er neben ihr stand — „sehr erschöpft und angegriffen war. Mein Vater war so angegriffen, daß ich nicht wagte, ihn aus der freien Luft zu entfernen, und ich ließ auf dem Deck, neben der Kajütentreppe, ein Bett für ihn machen und setzte mich auf das Deck neben ihn, um auf ihn Acht zu haben. Es waren keine andern Passagiere auf dem Schiffe, als wir vier. Der Angeklagte war so gütig, um Erlaubniß zu bitten, mir einen Rath geben zu dürfen, wie ich meinen Vater vor Wind und Wetter, besser als ich es gethan, schützen könnte. Was ich gethan hatte, reichte nicht aus, da ich nicht wußte, wie der Wind stehen würde, nachdem wir den Hafen verlassen hatten. Er half mir dem Mangel abhelfen. Er sprach sich sehr theilnehmend und gütig über meinen Vater aus und ich bin überzeugt, es kam ihm von Herzen. In dieser Weise wurden wir mit einander bekannt.“

„Erlauben Sie mir, Sie einen Augenblick zu unterbrechen. War er allein an Bord gekommen?“

„Nein.“

„Wie Viele kamen mit ihm?“

„Zwei französische Herren.“

„Sprachen sie viel mit einander?“

„Sie sprachen mit einander bis zum letzten Augenblick, wo die französischen Herren wieder mit dem Boote an’s Land fahren mußten.“

„Machten sie sich unter einander mit Papieren zu thun, gleich diesen Papieren hier?“

„Einige Papiere gingen bei ihnen von Hand zu Hand, aber ich weiß nicht, was für Papiere es waren.“

„Sahen sie in Gestalt und Format wie diese aus?“

„Das ist wohl möglich, aber ich weiß es wahrhaftig nicht, obgleich sie ganz in meiner Nähe flüsternd miteinander sprachen: weil sie oben an der Kajütentreppe standen, um das Licht der dort hängenden Laterne zu benutzen; die Laterne brannte trübe und sie sprachen sehr leise und ich konnte nicht verstehen, was sie sprachen und sah nur, daß sie Papiere durchgingen.“

„Was sprach der Angeklagte mit Ihnen, Miß Manette?“

„Der Angeklagte sprach sich ebenso offen gegen mich aus, wie er in Folge meiner hülflosen Lage gütig und freundlich und meinem Vater hülfreich war. Ich hoffe,“ sagte sie in Thränen ausbrechend, „daß ich ihm nicht schlechten Dank zahle, indem ich ihn heute zu Schaden bringe.“

Großes Gesumme der Schmeißfliegen.

„Miß Manette, wenn der Angeklagte nicht klar erkennt, daß Sie die Aussagen, welche zu machen Ihre Pflicht ist — welche Sie machen müssen — und welchen Sie sich gar nicht entziehen können — mit großem Widerwillen abgeben, so steht er einzig unter den Anwesenden da. Bitte, fahren Sie fort.“

„Er sagte mir, daß er in schwierigen und wichtigen Geschäften reise, welche den Betheiligten leicht Ungelegenheiten verursachen könnten und daß er deshalb unter falschem Namen reise. Er sagte, daß ihn sein Geschäft veranlaßt habe, nach Frankreich zu reisen und daß es ihn möglicherweise noch auf lange Zeit nöthigen werde, zu wiederholten Malen zwischen Frankreich und England hin und her zu reisen.“

„Sagte er Nichts von Amerika, Miß Manette? Besinnen Sie sich genau.“

„Er versuchte, mir auseinanderzusetzen, wie der Streit entstanden und sagte, daß, soweit er urtheilen könnte, es englischer Seits ein ungerechter und thörichter Streit sei. In scherzendem Tone setzte er hinzu, daß George Washington sich vielleicht in der Geschichte einen so großen Namen erwerben werde, als Georg III. Aber er meinte das nicht böse: er sagte es mit Lachen und um die Zeit zu vertreiben.“

Jeder stark ausgeprägte Gesichtsausdruck des Haupthandelnden in einem Auftritt von großem Interesse, dem viele Augen zusehen, wird unwillkürlich von dem Zuschauer nachgeahmt werden. Peinlich und angstvoll gespannt war der Ausdruck ihrer Züge, wie sie ihr Zeugniß abgab und während der Pausen, die sie machen mußte, um dem Richter Zeit zu lassen, es niederzuschreiben, den Eindruck beobachtete, den ihre Aussagen auf die Advocaten für und gegen die Anklage machten. Unter den Zuschauern im ganzen Saale zeigte sich derselbe Gesichtsausdruck und zwar in so hohem Grade, daß eine große Mehrzahl der Gesichter Spiegelbilder der Zeugin hätten sein können, als der Richter von seinen Notizen aufschaute, um mit einem fürchterlichen Blick die schreckliche Ketzerei wegen George Washington zu bestrafen.

Der Generalanwalt erklärte jetzt dem Richter, daß er es der Vorsicht und der Form wegen für nothwendig halte, den Vater der jungen Dame, Dr. Manette, als Zeugen aufzurufen. Er wurde demnach aufgerufen.

„Dr. Manette, sehen Sie den Angeklagten an. Haben Sie ihn früher einmal gesehen?“

„Einmal. Als er mich in meiner Wohnung in London besuchte. Es mag drei oder drei und einhalb Jahr her sein.“

„Erkennen Sie ihn als Ihren Reisegefährten am Bord des Packetschiffs, oder können Sie uns Etwas von seiner Unterhaltung mit Ihrer Tochter sagen?“

„Nein, Sir, weder das Eine noch das Andere.“

„Ist ein eigenthümlicher und besonderer Grund vorhanden, daß Sie Keines von Beiden thun können?“

Er gab mit gedämpfter Stimme zur Antwort. „Ja.“

„Sie haben das Unglück gehabt, in Ihrem Vaterlande ohne Proceß und sogar ohne Anklage eine lange Haft zu erleiden, Dr. Manette?“

Er antwortete in einem Tone, der Jedem zu Herzen ging. „Eine lange Haft.“

„Sie waren zu jener Zeit erst vor Kurzem frei geworden?“

„Das sagt man mir.“

„Können Sie sich aus jener Zeit an gar Nichts erinnern?“

„Nein. Mein Gedächtniß ist wie verschwunden von einem Zeitpunkt an — ich kann nicht einmal sagen, welcher Zeitpunkt das war, wo ich mich in meiner Gefangenschaft mit dem Verfertigen von Schuhen beschäftigte, bis zu der Zeit, wo ich mich in London mit meiner guten Tochter hier wiederfand. Sie war mir vertraut geworden, als ein gnädiger Gott mir die Kräfte meines Geistes wiedergab; aber ich bin sogar außer Stande zu sagen, wie sie mir vertraut geworden ist. Ich kann mich durchaus nicht besinnen, wie es gegangen ist.“

Der Generalanwalt setzte sich nieder und Vater und Tochter nahmen ebenfalls wieder Platz.

Ein merkwürdiger Zwischenfall trat jetzt ein. Das Ziel der Beweisführung war, zu zeigen, daß der Angeklagte mit einem noch unbekannten Mitschuldigen in jener Freitag-Nacht im November vor fünf Jahren mit der Dover Postkutsche gereist und, um Entdeckung zu vermeiden, des Nachts an einem Orte ausgestiegen sei, wo er nicht geblieben, sondern von wo er einige Dutzend Meilen nach einer Garnisons- und Hafenstadt zurückgereist sei, und daß er dort Erkundigungen eingezogen habe. Ein Zeuge war da, welcher ihn zu der erforderlichen Stunde im Frühstückszimmer eines Gasthauses in dieser Garnisons- und Hafenstadt, wo er auf Jemanden wartete, gesehen haben wollte. Die Kreuzfragen des Vertheidigers des Angeklagten lockten keine andern Antworten hervor, als daß er den Angeklagten nie bei einer andern Gelegenheit gesehen, als der Herr in der Perrücke, der die ganze Zeit über die Decke des Saales angesehen hatte, ein oder zwei Worte auf ein Zettelchen schrieb, es zusammendrehte und dem Vertheidiger hinüberwarf. Dieser wickelte das Zettelchen in der nächsten Pause aus einander und betrachtete den Angeklagten mit großer Aufmerksamkeit und Neugier.

Die Aehnlichkeit.

„Sie bleiben also dabei, daß Sie ganz sicher sind, daß es der Angeschuldigte gewesen?“

Der Zeuge war seiner Sache ganz gewiß.

„Haben Sie jemals Jemanden gesehen, der dem Angeklagten sehr ähnlich sah?“

Nicht so ähnlich, sagte der Zeuge, daß er sie hätte verwechseln können.

„Sehen Sie sich genau jenen Herrn an, meinem gelehrten Freund gegenüber,“ sagte er, indem er auf Denjenigen deutete, der ihm das Zettelchen zugeworfen hatte, „und dann sehen Sie sich den Angeschuldigten genau an. Was sagen Sie nun? Sehen sie sich einander sehr ähnlich?“

Wenn man abzieht, daß der gelehrte Freund vernachlässigt und verliederlicht, wenn nicht gar etwas verlumpt aussah, so waren sie allerdings einander ähnlich genug, um nicht nur den Zeugen, sondern auch alle Anwesenden zu überraschen, als sie einander so gegenübergestellt wurden. Nachdem Mylord ersucht worden war, den gelehrten Freund zu veranlassen, seine Perrücke abzulegen und er keine sehr gnädige Einwilligung gegeben hatte, wurde die Aehnlichkeit noch viel auffälliger. Mylord fragte Mr. Stryver (den Vertheidiger des Angeklagten), ob nun zunächst Mr. Carton (Name des gelehrten Freundes) wegen Hochverraths angeklagt werden solle? Nein, entgegnete Mr. Stryver dem Oberrichter; aber er wollte den Zeugen fragen, ob nicht das, was einmal geschehen sei, zweimal geschehen könne; ob er so zuversichtlich gesprochen haben würde, wenn er einen solchen schlagenden Beweis für seine Uebereilung eher gesehen hätte; ob er, nachdem er ihn gesehen, noch so zuversichtlich sei, und Aehnliches mehr. Das Ergebniß von dem Allen war, daß dieser Zeuge rein vernichtet war und dieser Theil der Beweisführung vollständig in’s Wasser fiel.

Mr. Cruncher hatte um diese Zeit, während er den Zeugenaussagen aufmerksam zuhörte, ein ganzes Frühstück von Rost von seinen Fingern abgesaugt. Er hatte nun aufzumerken, wie Mr. Stryver die Sache des Angeklagten den Geschwornen anpaßte, gleich einem vollständigen Anzug, und ihnen zeigte, wie der Patriot Barsad ein bezahlter Spion und Verräther, ein schamloser Seelenverkäufer und einer der größten Schurken auf Erden seit Judas sei — und in der That schien er dieses Lob durch sein Aussehen zu rechtfertigen. Wie der tugendsame Diener Cly sein Freund und Compagnon und dieser Stelle ganz würdig sei; wie die Spüraugen dieser Fälscher und Meineidigen sich den Angeklagten als Opfer ausersehen hätten, weil ihn, der von französischer Herkunft sei, gewisse Familienangelegenheiten in Frankreich oft nöthigten, Reisen über den Canal zu machen, — obgleich Rücksichten auf Andere, die seinem Herzen nahe stünden, ihm verböten, zu sagen, von welcher Art diese Familienangelegenheiten wären, auch wenn er damit sein Leben retten könnte. Wie die Aussagen, welche sie der jungen Dame abgepreßt, deren Seelenangst dabei sie Alle gesehen, gar Nichts bewiesen als daß die kleinen unschuldigen Galanterien und Höflichkeiten zwischen den Beiden stattgefunden, welche zwischen einem jungen Herrn und einer jungen Dame, die sich zufällig begegnen, vorzukommen pflegen — mit Ausnahme jener Hindeutung auf George Washington, die gar zu ausschweifend und unmöglich sei, um für etwas Anderes als einen colossalen Spaß gelten zu können. Wie es eine Schwäche für die Regierung sein würde, mit diesem Versuch durch Ausbeutung der niedrigsten Nationalantipathien und Besorgnisse nach Popularität zu haschen, nicht zum Ziele zu gelangen und deshalb der Generalanwalt so Viel daraus gemacht habe, als nur möglich sei; wie dessenungeachtet die Anklage sich auf Nichts gründe, als auf Aussagen so niederträchtiger und ehrloser Art, wie sie nur zu oft derartige Anklagen schändeten und von welchen die Hochverrathsprocesse dieses Landes nur zu reichliche Beispiele gäben. Aber hier unterbrach ihn Mylord mit einem so ernsthaften Gesicht, als ob es nicht wahr gewesen wäre und sagte, daß er nicht ruhig auf der Richterbank sitzen und derartige Anspielungen anhören dürfe.

Mr. Stryver rief dann seine paar Zeugen auf, und Mr. Cruncher hatte dann aufzupassen, wie der Herr Generalanwalt den ganzen Anzug, den Mr. Stryver den Geschwornen angepaßt hatte, um und um wendete, und zeigte, wie Barsad und Cly sogar noch hundert Mal besser wären, als er geglaubt hätte und der Angeklagte noch hundert Mal schlechter. Zuletzt kam Mylord selbst, der dem Anzug bald das Auswendige nach innen, bald das Inwendige nach außen kehrte, aber doch im Ganzen sehr entschieden ein Sterbekleid für den Angeklagten daraus zurecht schnitt.

Und jetzt traten die Geschwornen zusammen, um das Urtheil zu erwägen, und die Schmeißfliegen fingen wieder an zu summen.

Mr. Carton, der so lange die Decke des Gerichtssaals angesehen hatte, wechselte selbst in dieser Pause der Aufregung weder seinen Platz, noch seine Haltung. Während sein gelehrter Freund Mr. Stryver seine Papiere vor sich auf einen Stoß zusammenlegte, mit den in seiner Nähe Sitzenden flüsternd sprach und von Zeit zu Zeit mit banger Erwartung nach den Geschwornen hinblickte, während alle Zuhörer und Zuschauer sich mehr oder minder bewegten und in neue Gruppen zusammentraten; während sogar Mylord von seinem Sitz aufgestanden war und langsam auf der Estrade auf- und abging, nicht ohne in dem Publicum den Verdacht zu erwecken, daß er in einigermaßen fieberhafter Aufregung sei, saß dieser eine Mann gleichgültig zurückgelehnt da, den zerrissenen Talar halb von der Schulter gerissen, die ungekämmte Perrücke schief auf den Kopf gesetzt, die Hände in den Taschen und die Augen an die Decke geheftet, wie den ganzen Tag über. Ein Gebahren, das mit allen Rücksichten auf Welt und Menschen gebrochen zu haben schien, gab ihm nicht nur etwas Abstoßendes und Gemeines, sondern verminderte die große Aehnlichkeit, die zwischen ihm und dem Angeklagten unzweifelhaft bestand (welche durch den gesammelten Ernst, den er einen Augenblick angenommen, als sie mit einander verglichen worden, noch vermehrt war), so sehr, daß mehrere von dem Publikum, die ihn jetzt betrachteten, zu einander sagten, sie hätten kaum geglaubt, daß die Beiden sich so ähnlich wären. Mr. Cruncher theilte die Bemerkung seinem nächsten Nachbar mit und setzte hinzu: „Ich wette eine halbe Guinee, daß der nicht viele Processe hat. Sieht nicht aus wie ein Mann, dem sich viele anvertrauen, nicht wahr?“

Und doch war dieser Mr. Carton viel aufmerksamer auf das, was geschah, als er zu sein schien; denn jetzt, als Miß Manette’s Köpfchen ihrem Vater auf die Brust gesunken war, wurde er es zuerst gewahr und sagte laut: „Thürsteher! Springen Sie der jungen Dame bei. Helfen Sie dem Herrn, sie hinauszuführen. Sehen Sie nicht, daß sie gleich niedersinken wird?“

Laut äußerte sich das Bedauern, wie sie hinausgebracht wurde und ebenso lebhaft die Theilnahme für ihren Vater. Es hatte ihm offenbar großen Schmerz verursacht, daß man ihn an die im Kerker verlebte Zeit erinnert hatte. Während des Verhörs verrieth er starke innere Aufregung und der sinnende oder brütende Gesichtsausdruck, der ihn alt machte, war seitdem wie eine schwere Wolke auf seinem Antlitz liegen geblieben. Wie er hinaus ging, sprachen die Geschwornen, die sich umgedreht und kurze Zeit berathen hatten, durch ihren Vormann.

Sie konnten nicht einig werden und wünschten abzutreten. Mylord (der vielleicht immer noch nicht George Washington vergessen hatte) zeigte sich etwas verwundert, daß sie nicht einig waren, aber er gab seine huldvolle Einwilligung, daß sie unter Verschluß und Bewachung abtreten könnten und trat selbst ab. Die Verhandlung hatte den ganzen Tag gedauert und die Lampen im Saal wurden jetzt angebrannt. Es machte sich die Meinung geltend, daß die Geschwornen lange ausbleiben würden. Die Zuhörer verloren sich, um Erfrischungen zu sich zu nehmen und der Angeklagte zog sich in den Hintergrund der Angeklagten-Loge zurück und setzte sich.

Mr. Lorry, der der jungen Dame und ihrem Vater gefolgt war, erschien jetzt wieder und winkte Jerry, der bei der verminderten Theilnahme des Publikums leicht zu ihm kommen konnte.

„Jerry, wenn Ihr Etwas genießen wollt, so habt Ihr jetzt Zeit dazu. Aber haltet Euch in der Nähe. Ihr hört jedenfalls, wenn die Geschwornen wieder eintreten. Ihr müßt mit ihnen wieder hier sein, denn Ihr sollt den Wahrspruch nach der Bank tragen. Ihr seid der rascheste Bote, den ich kenne und könnt lange vor mir am Tempelthor sein!“

Jerry hatte gerade genug Stirn, um die Hand daran zu legen, und er legte sie daran in Anerkennung dieser Mittheilung und eines Schillings. Mr. Carton trat in diesem Augenblick zu den Beiden und legte die Hand auf Mr. Lorry’s Arm.

„Was macht die junge Dame?“

„Sie ist sehr bekümmert, aber ihr Vater tröstet sie und sie fühlt sich sehr erleichtert, seitdem sie nicht mehr im Saale ist.“

„Ich werde es dem Angeklagten sagen. Für einen respectabeln Herrn von der Bank, wie Sie sind, schickt es sich natürlich nicht, mit ihm vor Anderer Augen zu sprechen.“

Mr. Lorry wurde roth, als ob er sich bewußt wäre, dieses Bedenken bei sich erwogen zu haben und Mr. Carton ging auf die Angeklagten-Loge zu. Da der Ausgang aus dem Saale in derselben Richtung lag, so folgte ihm Jerry, ganz Auge, Ohr und in Spitzen emporstehendes Haar.

„Mr. Darnay!“

Der Angeklagte trat sofort hervor.

„Es wird Ihnen natürlich daran gelegen sein, Etwas von dem Befinden der Zeugin Miß Manette zu hören. Sie erholt sich rasch. Sie ist schon viel besser geworden.“

„Es thut mir unendlich weh, die Ursache ihrer Aufregung zu sein. Können Sie ihr das mit meinem innigsten Danke mittheilen?“

„Das könnte ich wohl. Ich werde es auch thun, wenn Sie es verlangen.“

Mr. Carton war in seinem Benehmen so gleichgültig und rücksichtslos, daß es fast verletzte. Er stand da, dem Angeklagten halb den Rücken zugekehrt, und stützte sich mit dem Ellbogen bequem auf die Schranke vor der Anklagebank.

„Ich bitte Sie darum. Nehmen Sie meinen herzlichsten Dank dafür an.“

„Was erwarten Sie, Mr. Darnay?“ fragte Carton, immer noch halb von ihm abgewendet.

„Das Schlimmste.“

„Das ist das Klügste, was Sie thun können und das Wahrscheinlichste, was Ihnen widerfahren kann. Aber ich glaube, daß sie abgetreten sind spricht zu Ihren Gunsten.“

Da Stehenbleiben während des Hinausgehens aus dem Saale nicht erlaubt war, so hörte Jerry weiter Nichts, sondern verließ sie, wie sie Beide unter dem ihre Gestalten zurückgebenden Spiegel neben einander standen, einander so ähnlich im Gesicht, und so unähnlich im Wesen.

Anderthalb Stunden vergingen langsam in den von Dieben und Gesindel erfüllten Gängen unten, obgleich Fleischpastetchen und Ale die Zeit vertreiben halfen. Der heisere Bote, der unbequem auf einer Bank saß, nachdem er dieses Erfrischungsmittel zu sich genommen, war eingeduselt, als Stimmenbrausen und ein Strom von Menschen, welche die Richtung nach der im Gerichtssaal hinaufführenden Treppe einschlugen, ihn mit sich fortriß.

„Jerry, Jerry!“

Mr. Lorry rief ihn bereits an der Thür, als er dort eintrat.

„Hier, Sir! S’ist kaum zum Durchkommen. Hier bin ich, Sir!“

Mr. Lorry reichte ihm ein Papier über das Gedränge hinweg. „Rasch! Habt Ihr’s?“

„Ja, Sir.“

Mit hastigen Zügen war auf das Papier geschrieben: „Freigesprochen.“

„Wenn Sie diesmal die Botschaft „Wiederauferstanden“ geschickt hätten,“ brummte Jerry im Fortgehen vor sich hin, „so würde ich dasmal gewußt haben, was Sie meinten.“

Er hatte keine Gelegenheit, etwas Anderes zu sagen, oder nur zu denken, bis er aus Old Bailey hinaus war; denn das Gebäude entleerte sich mit einem Ungestüm, daß ihn der Menschenstrom fast umgerissen hätte und ein lautes Gesumme verbreitete sich in der Straße, als ob die getäuschten Schmeißfliegen sich zerstreuten, um anderes Aas aufzusuchen.

Viertes Kapitel.
Zum Glückwunsch.

Aus den schwach erleuchteten Gängen des Gerichtsgebäudes verliefen sich die letzten Reste des Menschengedränges, das den ganzen Tag über dort zusammengepreßt gewesen war, als Dr. Manette, Lucie Manette, seine Tochter, der Sachwalter für die Vertheidigung und sein Rechtsbeistand, Mr. Stryver, den eben freigelassenen Mr. Charles Darnay umstanden und ihn zu seiner Rettung vom Tode beglückwünschten.

Es wäre bei viel hellerem Lichte schwierig gewesen, in Dr. Manette mit dem geistvollen Gesicht und der aufrechten Haltung den Schuhmacher des Dachstübchens in Paris wiederzuerkennen. Aber Niemand konnte ihn zweimal ansehen, ohne seine Aufmerksamkeit gefesselt zu fühlen, selbst wer nicht Gelegenheit gehabt hatte, seine Beobachtung auf den trauervollen Tonfall seiner gedämpften, ernsten Stimme und die Zerstreutheit auszudehnen, deren Ausdruck sich mitunter ohne jeden sichtbaren Grund unvorbereitet über sein Gesicht verbreitete. Während ein äußerer Anlaß, und zwar eine Hindeutung auf seine langjährige Qual, stets — wie während der Gerichtsverhandlung — diese Stimmung aus den Tiefen seiner Seele heraufbeschwor, stellte sie sich auch von selbst ein und verbreitete ein Düster über ihn, das denen, welche seine Geschichte nicht kannten, so unbegreiflich war, als hätten sie den Schatten der wirklichen Bastille im Sommersonnenschein auf ihn fallen sehen, während der Körper der Bastille dreihundert Meilen weit entfernt war.

Nur seine Tochter besaß die Fähigkeit, diesen schwarzen Schatten von seinem Gemüth zu bannen. Sie war der goldene Faden, der ihn mit einer Vergangenheit und mit einer Gegenwart verknüpfte, die beide auf der andern Seite seines Leidenslebens lagen; und der Klang ihrer Stimme, das Licht ihres Antlitzes, die Berührung ihrer Hand hatten fast immer einen höchst wohlthätigen Einfluß auf ihn. Fast immer, denn sie konnte sich einiger Fälle erinnern, wo ihre Macht wirkungslos geblieben war, aber dies waren nur wenige und unbedeutende Fälle und sie glaubte, sie würden nicht wiederkehren.

Mr. Darnay hatte ihr mit Inbrunst und dankbar die Hand geküßt, und sich zu Mr. Stryver gewendet, dem er mit Wärme dankte. Mr. Stryver, ein Mann von wenig mehr als dreißig Jahren, der aber zwanzig Jahre älter aussah, als er war, wohlbeleibt, laut, roth, geradezu und frei von jedem störenden Zartgefühl, hatte eine Art, sich moralisch und physisch in Gesellschaften und Unterhaltungen vorzudrängen, die Bürgschaft dafür gab, daß er sich auch seinen Weg in der Welt bahnen würde.

Glückwünsche.

Er hatte noch nicht die Perrücke und den Talar abgelegt und sagte, indem er sich vor seinem Clienten so breit hinstellte, daß er den unschuldigen Mr. Lorry ganz aus der Gruppe drängte: „Es freut mich, Sie mit Ehren durchgebracht zu haben, Mr. Darnay. Es war eine über die Maaßen schändliche und niederträchtige Anklage, die aber nichtsdestoweniger leicht hätte zu einer Verurtheilung führen können.“

„Sie haben mich für mein Leben verpflichtet — in zweifachem Sinne,“ sagte sein Client, indem er seine Hand ergriff.

„Ich habe mein Möglichstes für Sie gethan, Mr. Darnay; und mein Möglichstes ist so gut wie das eines Andern, glaube ich.“

Da hier offenbar Jemand sagen mußte, viel besser, so sagte es Mr. Lorry; vielleicht nicht ganz uneigennützig, sondern mit der eigennützigen Absicht, wieder in die Gruppe hineinzukommen.

„Meinen Sie?“ sagte Mr. Stryver. „Nun, Sie sind den ganzen Tag dabei gewesen und müssen’s wissen. Sie sind übrigens auch Geschäftsmann.“

„Und als solcher,“ sprach Mr. Lorry, den der Vertheidiger des Angeklagten jetzt in die Gruppe zurückgedrängt hatte, wie er ihn vorher hinausgedrängt, „als solcher bitte ich Dr. Manette, diese Conferenz abzubrechen und uns Alle nach Hause zu schicken. Miß Lucie sieht leidend aus, Mr. Darnay hat einen schrecklichen Tag gehabt, wir sind Alle fertig.“

„Sprechen Sie für sich, Mr. Lorry,“ sagte Stryver; „ich habe noch die Nacht zu arbeiten. Sprechen Sie für sich.“

„Ich spreche für mich,“ gab Mr. Lorry zur Antwort, „und für Mr. Darnay und für Miß Lucie und — Miß Lucie, meinen Sie nicht, daß ich für uns Alle sprechen darf?“ Er legte einen Nachdruck auf die Frage und begleitete sie mit einem Blick auf ihren Vater.

Auf seinem Antlitz war ein seltsamer Ausdruck, mit dem er Darnay ansah, gewissermaßen festgefroren: Ein forschender Ausdruck, der sich allmälig zu einem Ausdruck der Abneigung und des Mißtrauens vertiefte und in welchen sich sogar Furcht mischte. Während dieser seltsame Ausdruck auf seinem Gesicht lag, waren seine Gedanken in die Ferne geschweift.

„Vater,“ sagte Lucie, indem sie sanft die Hand auf seinen Arm legte.

Er schüttelte langsam den Schatten von sich ab und drehte sich nach ihr um.

„Wollen wir nach Hause gehen, Vater?“

Mit einem langen, tiefen Athemzug gab er zur Antwort: „Ja.“

Die Freunde des freigesprochenen Angeklagten waren in der von ihm selbst ausgegangenen Meinung fortgegangen, daß er diesen Abend noch nicht werde in Freiheit gesetzt werden. Die Lampen in den Gängen waren fast alle ausgelöscht, die eisernen Thüren wurden klappernd und rasselnd zugeschlossen und der unheimliche Ort war verödet bis morgen früh, wo Galgen, Pranger, Prügelpfahl und Brandmarkungseisen von Neuem ihren Zehnten forderten.

Zwischen ihrem Vater und Mr. Darnay trat Lucie Manette hinaus in die freie Luft. Man rief einen Fiacre und Vater und Tochter fuhren darin von dannen.

Mr. Stryver war in den Gängen von ihnen geschieden, um die Garderobe aufzusuchen. Noch eine Person, welche sich der Gruppe nicht zugesellt und ebenso wenig mit einem von den Andern ein Wort getauscht hatte, die sich aber an die Wand gelehnt hatte, wo der Schatten derselben am dunkelsten war, war schweigend den Uebrigen gefolgt und hatte zugesehen, bis der Wagen fortfuhr. Er trat nun zu Mr. Lorry und Mr. Darnay, die auf der Straße stehen geblieben waren.

„Aha, Mr. Lorry! Geschäftsleute können jetzt mit Mr. Darnay sprechen.“

Niemand hatte ein anerkennendes Wort für Mr. Cartons Antheil an den Verhandlungen des Tages gehabt; Niemand hatte darauf Acht gegeben. Er hatte den Advocatentalar abgelegt, ohne daß sein Aussehen dadurch besser geworden wäre.

„Wenn Sie wüßten, welche Kämpfe der Geschäftsmann zu bestehen hat, wenn sein Inneres getheilt ist zwischen gutmüthigem Wollen und Geschäftsrücksichten, so würden Sie lachen, Mr. Darnay.“

Mr. Lorry wurde roth und sagte mit Wärme: „Sie haben das schon einmal gesagt, Sir. Wir Geschäftsleute, die einem Hause dienen, sind nicht unsere eigenen Herren. Wir müssen an das Haus mehr als an uns selbst denken.“

„Das weiß ich, das weiß ich,“ warf Mr. Carton gleichgültig ein. „Seien Sie nicht ärgerlich, Mr. Lorry. Sie sind so gut wie die Andern, das bezweifle ich nicht; besser, wage ich zu sagen.“

„Und ich muß wahrhaftig sagen, Sir,“ fuhr Mr. Lorry fort, ohne auf ihn zu hören, „ich weiß eigentlich nicht, was Sie die Sache angeht. Wenn Sie mir, der ich so viel älter bin als Sie, erlauben wollen, es auszusprechen, so glaube ich kaum, daß dies Sache Ihres Geschäfts ist.“

„Meines Geschäfts! Mein Gott, ich habe kein Geschäft,“ sagte Mr. Carton.

„Es ist schade, daß Sie keins haben, Sir.“

„Das glaube ich auch.“

„Wenn Sie ein Geschäft hätten,“ fuhr Mr. Lorry fort, „so würden Sie vielleicht sich demselben widmen.“

„Du meine Güte, nein! — Ich gewiß nicht,“ sagte Mr. Carton.

„Ich sage Ihnen, Sir,“ sagte Mr. Lorry, ganz ärgerlich über seine Gleichgültigkeit, „ein Geschäft ist eine sehr gute Sache und eine sehr respectable Sache. Und ich sage Ihnen, Sir, wenn das Geschäft seine Rücksichten fordert und manchen Zwang auflegt, so weiß Mr. Darnay, als junger Mann von Herz, diesen Umstand zu berücksichtigen. Mr. Darnay, gute Nacht. Gott segne Sie, Sir! Ich hoffe, Sie sind heute für ein gedeihliches und glückliches Leben aufbewahrt worden. — Heda, Sänfte!“

Vielleicht ein wenig ärgerlich über sich selbst, wie über den Sachwalter, stieg Mr. Lorry hastig in die Sänfte und ließ sich nach Tellsons Bank tragen. Carton, der nach Portwein roch und nicht ganz nüchtern zu sein schien, lachte dann und sagte zu Darnay:

„Ein seltsamer Zufall ist’s, der Sie und mich zusammenführte. Es muß eine seltsame Nacht für Sie sein, hier auf der Straße allein mit Ihrem Doppelgänger zu stehen?“

„Es kommt mir noch gar nicht recht vor, als ob ich dieser Welt angehörte,“ entgegnete Charles Darnay.

„Das wundert mich nicht; es ist nicht lange her, daß Sie ziemlich weit auf Ihrem Wege nach einer andern waren. Nach Ihrer Sprache sind Sie angegriffen.“

„Mir kommt es vor, als wäre ich sehr angegriffen.“

„Warum, zum Kukuk, gehen Sie dann nicht zu Tisch? Ich für meinen Theil habe gegessen, während diese Strohköpfe mit einander zu Rathe gingen, welcher Welt Sie angehören sollten — dieser oder einer andern. Ich will Ihnen aber wenigstens das nächste Gasthaus zeigen, wo man gut ißt.“

Er nahm ohne Umstände den Arm Darnay’s, führte ihn Ludgate-Hill hinab nach Fleet-Street und dort durch einen langen, überbauten Gang in ein Wirthshaus. Dort wies man sie in ein kleines Zimmer, wo Charles Darnay sich bald bei einem guten, einfachen Diner und gutem Weine stärkte, während Carton ihm gegenüber an demselben Tisch saß, seine besondere Flasche Portwein vor sich hatte und ihm mit seiner halb insolenten Manier zusah.

„Nun, fühlen Sie jetzt, daß Sie wieder diesem irdischen Schauplatz angehören, Mr. Darnay?“

„Ich bin schrecklich verwirrt über Zeit und Ort; aber soweit bin ich hergestellt, um das zu fühlen.“

„Es muß Ihnen zur unendlichen Befriedigung gereichen.“

Er sagte das mit Bitterkeit und schenkte sich sein Glas wieder voll, das ziemlich groß war.

„Was mich betrifft, so ist mein größter Wunsch, zu vergessen, daß ich zu dieser Welt gehöre! Sie hat nichts Gutes für mich — außer Wein, gleich diesem — und ich habe nichts Gutes für sie. So gleichen wir uns in diesem Punkte nicht sehr. In der That fange ich an zu glauben, daß wir uns in keiner Einzelheit sehr ähnlich sind.“

Von der Aufregung des Tages noch verwirrt und von der Anwesenheit seines Doppelgängers mit dem gemeinen Betragen wie von einem Traum befangen, wußte Charles Darnay nicht, was er antworten sollte und antwortete zuletzt gar nicht.

„Da Sie jetzt mit dem Essen fertig sind,“ fuhr Carton gleich darauf fort, „so sollten Sie doch eine Gesundheit ausbringen, Mr. Darnay; warum thun Sie es nicht?“

„Auf wen soll ich eine Gesundheit ausbringen?“

„Mein Gott, der Name schwebt Ihnen auf der Zunge. Es sollte wenigstens und es muß der Fall sein, ich schwöre darauf.“

„Miß Manette also!“

„Gut, Miß Manette!“

Carton sah seinen Begleiter fest an, während er den Toast trank und warf dann das Glas über die Schulter an die Wand, wo es in tausend Stücke zerbrach; dann klingelte er und bestellte ein neues Glas.

„Eine schöne junge Dame, um sie im Dunkeln nach der Kutsche zu geleiten, Mr. Darnay!“ sagte er und schenkte sich sein neues Glas voll.

Ein kaum merkbares Runzeln der Stirn und ein kurzes Ja war die Antwort.

„Und von einer so schönen jungen Dame bedauert und beweint zu werden! Wie mag das wohl thun? Ich glaube, es ist werth, sich einen Proceß um sein Leben machen zu lassen, wenn man dafür Gegenstand solchen Erbarmens und Mitleids wird. Nicht wahr, Mr. Darnay?“

Abermals zog Darnay vor, keine Antwort zu geben.

„Ihre Botschaft machte ihr schreckliche Freude, als ich sie ihr überbrachte. Nicht, daß sie dieselbe besonders an den Tag legte, aber meiner Meinung nach war es entschieden der Fall.“

Die Anspielung erinnerte Darnay noch zur rechten Zeit, daß dieser unangenehme Gesell ihm aus eigenem Antrieb im Laufe des Tages aus einer Verlegenheit geholfen hatte. Er brachte das Gespräch darauf und dankte ihm für seine Vermittelung.

„Ich verlange weder Ihren Dank, noch verdiene ich ihn,“ sagte der Andere gleichgültig. „Erstens war keine Mühe dabei, und zweitens weiß ich gar nicht, weshalb ich es eigentlich gethan habe. Mr. Darnay, erlauben Sie mir eine Frage?“

„Mit Vergnügen, und die Antwort ist nur ein geringfügiger Dank für Ihre freundlichen Dienste.“

„Glauben Sie, daß ich Sie besonders gern habe?“

„Wahrhaftig, Mr. Carton, ich habe mir diese Frage selbst noch nicht vorgelegt,“ entgegnete der Andere, einigermaßen von der Anrede in Verwirrung gebracht.

„Nun, so legen Sie sich jetzt einmal die Frage vor.“

„Sie haben gehandelt, als ob Sie mich gern hätten; aber ich glaube nicht, daß es der Fall ist.“

„Ich glaube es auch nicht,“ sagte Carton. „Ich fange an, von Ihrem Urtheil eine sehr gute Meinung zu bekommen.“

„Nichtsdestoweniger,“ fuhr Darnay fort, indem er aufstand, um zu klingeln: „zürnen Sie nicht, hoffe ich, daß ich die Rechnung bestelle und daß wir ohne böses Blut zwischen uns von einander scheiden.“

Carton erwiderte: „Durchaus nicht!“ Darnay klingelte. „Bezahlen Sie die ganze Rechnung?“ sagte Carton. Auf seine bejahende Antwort fuhr er fort: „Dann bringen Sie mir noch eine halbe Flasche von diesem Wein, Kellner, und wecken Sie mich dann um 10 Uhr.“

Charles Darnay stand auf, nachdem er die Rechnung bezahlt hatte und wünschte dem Andern gute Nacht. Ohne den Wunsch zu erwidern, stand auch Carton auf und sagte mit fast drohender oder herausfordernder Miene: „Noch ein Wort, Mr. Darnay: Sie glauben, ich bin betrunken?“

„Ich glaube, Sie haben getrunken, Mr. Carton.“

„Sie glauben? Sie wissen, daß ich getrunken habe.“

„Da ich es einmal sagen muß, ja.“

„Dann sollen Sie auch wissen, warum. Ich bin ein blasirtes Plackholz, Sir. Ich kümmere mich um keinen Menschen auf Erden und kein Mensch auf Erden kümmert sich um mich.“

„Sehr zu bedauern. Sie hätten Ihre Talente besser benutzen können.“

„Vielleicht, Mr. Darnay; vielleicht auch nicht. Seien Sie jedoch nicht stolz auf Ihr nüchternes Gesicht; Sie wissen nicht, wozu Sie noch kommen können. Gute Nacht!“

Als er allein war, nahm der seltsame Mann ein Licht, trat vor einen Spiegel an der Wand und betrachtete sich in demselben genau.

„Findest Du besondern Gefallen an dem Menschen?“ redete er halblaut sein Bild an; „warum solltest Du besondern Gefallen an einem Menschen finden, der Dir ähnlich sieht? An Dir ist Nichts, was gefallen könnte, das weißt Du. Hol Dich der Kukuk! Was Du aus Dir gemacht hast! Ein guter Grund, Dich zu Jemand hingezogen zu fühlen, weil er Dir zeigt, wie Du Dich heruntergebracht hast und was aus Dir hätte werden können! Tausche den Platz mit ihm; würden dann diese blauen Augen Dich angesehen haben, wie ihn und würde Dich dann dieses aufgeregte Gesicht bemitleidet haben, wie ihn? Sei nicht blöde und sage es offen heraus. Du hassest den Burschen.“

Er setzte sich, um Trost zu suchen, zu seiner halben Flasche Wein, trank sie in wenigen Minuten aus, legte dann den Kopf auf den Tisch und schlief ein, während sein Haar in wirren Locken auf seine Arme fiel und ein großer Räuber im Lichte Unschlitttropfen auf ihn herabfallen ließ.

Fünftes Kapitel.
Der Schakal.

Jene Zeit war eine Zeit des Zechens, und die meisten Männer zechten stark. So sehr hat sich dieses seitdem gebessert, daß eine mäßige Angabe der Quantität Wein und Punsch, die damals ein Mann im Verlauf einer Nacht hinuntertrinken konnte, ohne seinem Ruf als vollkommner Gentleman im Mindesten Eintrag zu thun, heutzutage wie eine lächerliche Uebertreibung erschiene. Der gelehrte Stand der Juristen blieb in seinen bacchantischen Neigungen gewiß nicht hinter andern Ständen zurück; und auch Mr. Stryver, der sich bereits auf dem raschen Wege zu einer ausgedehnten und gewinnbringenden Praxis befand, gab in dieser Hinsicht seinen Collegen ebenso wenig nach, wie in den trockneren Zweigen der Jurisprudenz.

Beliebt in Old Bailey und auch in den Assisen, hatte Mr. Stryver bereits begonnen, vorsichtig die untern Stufen der Leiter wegzuhauen, auf welcher er emporstieg. Die Assisen und Old Bailey hatten jetzt ihren Günstling ausdrücklich in ihre sehnsüchtigen Arme zu rufen, wenn sie ihn sehen wollten und täglich konnte man das geröthete Gesicht Mr. Stryvers dem Lord-Oberrichter in dem Gerichtshof der Kingsbench gegenüber erblicken, wie er aus einem Perrückenbeet sich hervordrängte, einer großen Sonnenblume gleich, die aus einem verwilderten Garten voll grell bunter Blumen zur Sonne emporstrebt.

Die Collegen hatten früher von Mr. Stryver gesagt, daß er zwar zungengeläufig sei und sich keine Bedenken mache und keck angreife, was er in die Hand nehme, daß er aber nicht jene Fähigkeit besitze, den wesentlichen Inhalt aus einem Haufen von Daten herauszuziehen, welche einer der wesentlichsten und auffälligsten Züge advocatorischer Begabung ist. Aber in dieser Hinsicht hatte er sich merkwürdig gebessert. Je größer seine Praxis ward, desto größer schien seine Fähigkeit zu werden, den Kern und das Mark jedes Geschäfts zu finden; und so spät des Nachts er auch mit Sidney Carton poculirte, konnte er doch am Morgen die Hauptpunkte seiner Rechtssache an den Fingern herzählen.

Sidney Carton, der trägste und zukunftsloseste Mann aller Männer, war Stryvers großer Verbündeter. Was die Beiden zwischen dem Hilariustag und dem Michaelstag zusammen tranken, hätte ein königliches Schiff flott machen können. Stryver hatte nie in einer Rechtssache zu thun, ohne daß Carton dabei saß, die Hände in den Taschen und die Decke des Gerichtssaales anstarrend; sie bereisten denselben Assisenbezirk und verlängerten selbst da ihre gewöhnlichen Orgien bis tief in die Nacht, und Manche wollten Carton am hellen lichten Tage verstohlen und nicht ganz fest auf den Beinen gleich einer liederlichen Katze nach Hause schleichen gesehen haben. Endlich wurde es unter denen, die an der Sache Interesse nahmen, ruchbar, daß zwar Sidney Carton nie ein Löwe werden würde, daß er aber ein erstaunlich guter Schakal sei, und daß er in dieser bescheidenen Eigenschaft Stryver treue Dienste leiste.

„Zehn Uhr, Sir!“ sagte der Kellner, dem er aufgetragen hatte, ihn zu wecken. — „Zehn Uhr, Sir!“

„Was giebt’s?“

„Zehn Uhr, Sir!“

„Was soll das? Zehn Uhr Nachts?“

„Ja, Sir! Euer Ehren befahlen mir, Sie zu wecken.“

„Ah! ich besinne mich. Gut, gut.“

Nach ein Paar halben Versuchen, wieder einzuschlafen, die der Kellner geschickt dadurch vereitelte, daß er fünf Minuten lang beständig das Feuer schürte, stand er auf, warf den Hut auf den Kopf und ging fort. Er ging in den Tempel, erfrischte sich einigermaßen, indem er zweimal auf dem Pflaster von Kingsbench-walk und Paper-buildings auf und ab ging und suchte Mr. Stryvers Expedition auf.

Stryvers Schreiber, der diesen Conferenzen nie beiwohnte, war nach Hause gegangen und der Principal machte selbst die Thüre auf. Er hatte Hausschuhe an und einen weiten Schlafrock, und der Hals war der größeren Bequemlichkeit wegen bloß. Er hatte das etwas verstörte, angegriffene Aussehen um die Augen, welches man bei allen flott Lebenden, aber angestrengt Arbeitenden von Jeffries abwärts bemerkt, und welches man unter verschiedenen künstlerischen Verhüllungen durch die Portraits jedes zechenden Zeitalters verfolgen kann.

„Ihr kommt etwas spät, Gedächtniß,“ sagte Stryver.

„Um die gewöhnliche Zeit; vielleicht eine Viertelstunde später.“

Sie gingen in ein schwarz geräuchertes Zimmer, dessen Wände von Büchern und dessen Tische und Fußboden von Papieren bedeckt waren und wo ein helles Feuer brannte. Ein Theekessel dampfte vor demselben und mitten unter Stößen Akten stand ein Tisch mit mehreren Flaschen Wein und Cognac und Rum und Zucker und Citrone.

„Ihr habt schon Eure Flasche getrunken, sehe ich, Sidney.“

„Zwei, glaube ich. Ich habe mit dem Clienten von heute gegessen; oder ihm zugesehen — s’ ist Alles Eins!“

„Das war ein schöner Einfall, Sidney, Eure Aehnlichkeit zu benutzen. Wie kamt Ihr darauf? Wann ist es Euch aufgefallen?“

„Ich dachte, er wäre eigentlich ein hübscher Kerl und dachte mir, ich wäre ungefähr auch so ein Bursch gewesen, wenn ich nur etwas Glück gehabt hätte.“

Mr. Stryver lachte, bis sein frühgekommenes Bäuchlein wackelte. „Ihr und Euer Glück, Sidney! Geht an die Arbeit, geht an die Arbeit!“

Mürrisch genug machte es sich der Schakal mit seinem Anzug bequem, ging in ein anstoßendes Zimmer und trat mit einem großen Krug kaltem Wasser, einem Waschbecken und ein oder zwei Handtüchern wieder heraus. Er tauchte die Handtücher in das Wasser, rang sie wieder aus und legte sie dann zusammengebrochen in einer scheußlich aussehenden Weise auf den Kopf. So setzte er sich an den Tisch hin und sagte. „Jetzt bin ich fertig.“

„Es ist nicht viel zu thun, Gedächtniß,“ sagte Mr. Stryver munter, wie er sich unter seinen Papieren umsah.

„Wie viel?“

„Nur zwei Sachen.“

„Gebt mir die schwerste zuerst.“

„Hier ist sie, Sidney. Nun vorwärts!“

Der Löwe legte sich dann bequem auf das Sopha auf der einen Seite des Tisches mit den Flaschen, während der Schakal an seinem besondern mit Papieren bedeckten Tische auf der andern Seite saß, so daß er die Flaschen und Gläser bei der Hand hatte. Mit letzteren beschäftigten sich Beide fleißig, aber jeder auf eine andere Art; der Löwe lag meistens sinnend da, die Hände im Hosenbund und in das Feuer blickend oder gelegentlich ein leichteres Actenstück durchmusternd, wogegen der Schakal mit gerunzelter Stirn und aufmerksamem Gesichte so vertieft in seine Aufgabe war, daß seine Augen nicht einmal der Hand folgten, die er nach dem Glase ausstreckte, sondern daß er oft eine oder zwei Minuten lang umhertappte, ehe er das Glas fand.

Ein oder zweimal stieß der Schakal auf so schwierige Punkte, daß er sich genöthigt sah, aufzustehen und die Handtücher von Neuem naß zu machen. Von diesen Wanderungen nach dem Wasserkrug und dem Waschbecken kam er mit so wunderbaren Variationen seines nassen Turbans zurück, daß Worte sie nicht beschreiben können, und sein Aufzug wurde noch lächerlicher durch das ernsthafte, in Gedanken vertiefte Gesicht.

Endlich hatte der Schakal ein tüchtiges Mahl für den Löwen und brachte es ihm dar. Der Löwe nahm es mit Ueberlegung und Vorsicht, traf seine Auswahl, machte seine Bemerkungen darüber und der Schakal unterstützte ihn dabei. Als das Mahl verzehrt war, steckte der Löwe die Hände wieder in den Hosenbund und streckte sich aus, um zu überlegen. Der Schakal erfrischte dann die Kehle mit einem vollen Glase und den Kopf mit frischgenäßten Handtüchern und beschäftigte sich mit der Zurechtmachung eines zweiten Mahles; dieses wurde dem Löwen in derselben Weise dargebracht und war nicht eher verzehrt, als bis die Glocken drei Uhr früh verkündeten.

„Und jetzt, da wir fertig sind, Sidney, schenkt Euer Glas Punsch ein,“ sagte Mr. Stryver.

Der Schakal nahm die nassen Handtücher vom Kopf, die ihre Feuchtigkeit ausdampften, schüttelte sich, gähnte, fröstelte und schenkte ein Glas voll.

„Eure Rathschläge über das Verhör der Kronzeugen waren sehr solid heute, Sidney. Jede Frage zog.“

„Meine Rathschläge sind immer solid, sollt’ ich meinen?“

„Das ziehe ich nicht in Zweifel. Was hat Euch übler Laune gemacht? Trinkt ein Glas Punsch und spült die üble Laune hinunter.“

Mit einem entschuldigenden Brummen schenkte sich der Schakal abermals das Glas voll.

„Der alte Sidney Carton von der alten Shrewsbury-Schule,“ sagte Stryver und wiegte nachdenklich den Kopf, wie er sich den Schulkameraden in der Gegenwart und in der Vergangenheit betrachtete. „Der alte grillige Sidney. In einer Minute heiter und in der nächsten niedergeschlagen.“

„Ja wohl,“ entgegnete der Andere mit einem Seufzer, „derselbe Sidney, mit demselben Glück. Selbst damals machte ich die Arbeiten für die Andern und selten meine eigenen.“

„Und warum nicht?“

„Das weiß der Himmel. Es war meine Art so, vermuthe ich.“

Er saß da, die Hände in die Taschen gesteckt und die Beine vor sich ausgestreckt und sah in das Feuer.

„Carton,“ sagte sein Freund und stellte sich mit herausfordernder Miene vor ihn hin, als ob das Kamin der Ofen wäre, in welchem ausdauernder Fleiß geschmiedet würde und das Beste, was man für den alten Sidney Carton von der alten Shrewsbury-Schule thun könne, wäre, ihn hineinzustoßen. „Eure Art ist und war immer eine lahme Art. Ihr bringt keine Energie und kein Wollen mit. Seht mich an.“

„Ach, dummes Zeug!“ entgegnete Sidney mit einem unbefangenen und gutmüthigen Lachen, „spielt nur nicht den Prediger.“

„Wie bin ich geworden, was ich geworden bin?“ sagte Stryver; „wie bring’ ich zu Stande, was ich zu Stande bringe?“

„Zum Theil dadurch, daß Ihr mich bezahlt, um Euch zu helfen, glaube ich. Aber es ist nicht der Mühe werth, mir oder der Luft darüber Reden zu halten; was Ihr thun wollt, das thut Ihr. Ihr war’t immer in der vordersten Reihe, und ich war immer in der letzten.“

„Ich mußte auch erst in die vorderste Reihe kommen; ich war nicht darin geboren, sollt’ ich meinen.“

„Ich war bei dem wichtigen Vorfall nicht Zeuge; aber meiner Meinung nach seid Ihr in der ersten Reihe geboren.“ Dabei lachte er wieder und der Andere stimmte ein.

„Vor Shrewsbury und in Shrewsbury und seitdem wir aus Shrewsbury weg sind,“ fuhr Carton fort, „habt Ihr von selbst Euren Platz gefunden und ich den meinigen. Selbst als wir zusammen im Quartier latin wohnten und Französisch lernten und französisches Recht und andere französische Sachen, die uns nicht viel nutzten, wart Ihr immer am Platze und ich war immer nirgends.“

„Und wessen Schuld war das?“

„Bei meiner Seele, ich weiß wahrhaftig nicht, ob es nicht Eure Schuld war. Ihr stießet und drängtet und triebt immer in einer so rastlosen Weise vorwärts, daß mir nichts Anderes übrig blieb, als zu ruhen und zu rosten. S’ist übrigens eine trübselige Sache, von der eigenen Vergangenheit zu sprechen, wenn der Tag anfängt zu grauen. Bringt mich auf etwas Anderes, ehe ich gehe.“

„Gut! Stoßt mit mir auf die hübsche Zeugin an,“ sagte Stryver und hielt ihm das Glas hin. „Bringt Euch das nicht in gute Stimmung?“

Allem Anschein nach nicht, denn sein Gesicht verdüsterte sich wieder.

„Hübsche Zeugin,“ brummte er vor sich hin und sah in das Glas. „Ich habe heute den ganzen Tag mit Zeugen zu thun gehabt; was für eine hübsche Zeugin meint Ihr?“

„Des malerischen Doctors Tochter, Miß Manette.“

„Die hübsch!“

„Meint Ihr nicht?“

„Nein.“

„Aber, Mensch, sie war die Bewunderte des ganzen Gerichtshofes.“

„Zum Kukuk mit der Bewunderung des ganzen Gerichtshofes! Wer hat Old Bailey zu einem Schönheitsrichter gemacht? Den blondgelockten Puppenkopf meint Ihr?“

„Wißt Ihr was, Sidney,“ sagte Mr. Stryver, indem er ihn forschend ansah und langsam mit der Hand über sein geröthetes Gesicht strich, „wißt Ihr, daß ich fast glaubte, Ihr sympathisirtet mit dem blondgelockten Puppenkopf und entdecktet sehr rasch, was dem blondgelockten Puppenkopf zustieß?“

„Entdeckte rasch, was ihm zustieß! Wenn ein Mädchen, Puppenkopf oder nicht, ein Paar Ellen vor eines Mannes Nase in Ohnmacht fällt, so kann er es ohne Perspectiv sehen. Ich stoße mit Euch an, aber ich leugne die Schönheit. Und jetzt mag ich nicht mehr trinken; ich gehe zu Bett.“

Als Stryver ihn mit einem Lichte hinausbegleitete, um ihm die Treppe hinunter zu leuchten, sah der Morgen mit kaltem Schimmer durch die von Staub und Ruß blind gewordenen Fenster. Als er aus dem Hause trat, war die Luft kalt und still, der Himmel trübe, der Fluß dunkel und ohne Leben, die ganze Umgebung wie eine menschenleere Wüste. Und Staubwirbel kräuselten in dem Morgenwinde, als ob der Wüstensand in weiter Ferne aufgewirbelt sei und die erste vorausgeschickte Welle desselben die Stadt zu überschütten beginne.

Unbenutzte Kräfte in sich und eine Wüste ringsum, blieb dieser Mann unterwegs stehen und sah einen Augenblick aus der Wüste vor sich eine Fata morgana ehrenwerthen Strebens und selbstverleugnender Ausdauer emporsteigen. In der schönen Stadt dieses Gesichtes waren luftige Gallerien, von wo Liebe und Anmuth auf ihn herabsahen, Gärten, in welchen die Lebensfrüchte reich am Baume hingen, Gewässer der Hoffnung, die vor seinen Augen funkelten. Ein Augenblick — und Alles war verschwunden. Er kletterte eine hohe Treppe in einem Häuserhaufen hinauf in sein Stübchen, warf sich in seinen Kleidern auf ein verwahrlostes Bett und das Kissen wurde feucht von vergeblichen Thränen.

Traurig, traurig ging die Sonne auf, und sie sah kein traurigeres Schauspiel, als den Mann von guten Fähigkeiten und guten Regungen, unfähig, sie geregelt zu benutzen, unfähig, sich zu helfen und sein Glück zu gründen, erfüllt von dem Bewußtsein seiner Schwächen und in bitterer Verzweiflung sich in sein Loos ergebend.

Sechstes Kapitel.
Hunderte von Leuten.

Die stille Wohnung Dr. Manette’s lag in einem stillen Straßenwinkel nicht weit von Soho-square. Am Nachmittag eines schönen Sonntags, wo die Wellen von vier Monaten über die Verhandlungen wegen der Hochverrathsanklage gerollt waren und sie, was das Interesse und das Gedächtniß des Publikums betrifft, weit hinaus in das Meer getragen hatten, wandelte Mr. Jarvis Lorry durch die sonnigen Straßen, um von Clerkenwell, wo er wohnte, zu dem Doctor zu gehen, bei dem er essen sollte. Nach verschiedenen Rückfällen in seine Geschäftsgleichgültigkeit war Mr. Lorry des Doctors Freund geworden und der stille Straßenwinkel war der sonnige Theil seines Lebens.

An diesem schönen Sonntag wandelte Mr. Lorry zeitig des Nachmittags aus drei verschiedenen Gewohnheitsgründen Soho zu. Erstens weil er an schönen Sonntagen vor dem Essen oft mit dem Doctor und Lucien spazieren ging; zweitens weil er an nicht schönen Sonntagen gewohnt war, bei ihnen als Hausfreund zu verweilen und mit Plaudern, Lesen, aus dem Fenster Sehen und Aehnlichem den Tag zu verbringen; drittens trug er sich mit gewissen kleinen Zweifeln und wußte, daß die Lebensweise des Doctors diese Zeit zu der geeignetsten machte, wo er ihre Lösung finden könnte.

Ein gemüthlicherer Winkel, als der Winkel, wo der Doctor wohnte, war in London nicht zu finden. Es war eine Sackgasse, und die vordern Fenster der Wohnung des Doctors hatten eine angenehme kleine Perspective einer Straße vor sich, die etwas Abgeschiedenes hatte. Es standen damals wenig Gebäude nördlich von Oxfordroad und Waldbäume gediehen und Waldblumen und Hagedorn blühten in den jetzt verschwundenen Feldern. In Folge davon wehte frische Landluft mit kräftiger Freiheit in Soho und ganz in der Nähe gab es manche gegen Süden gewendete Mauer, an welcher die Pfirsiche zu ihrer Zeit reif wurden.

Die Sommersonne traf in den frühen Stunden des Tages mit hellem Scheine den Winkel; aber wenn die Straße heiß wurde, lag die Ecke im Schatten, obgleich nicht so tief im Schatten, daß man nicht hätte in den hellen Sonnenglanz hineinsehen können. Es war eine kühle Stelle, ruhig, aber heiter, ein wunderbarer Ort für Echo’s und ein wahrer Rettungshafen vor dem wüsten Straßenlärm.

Ein ruhiges Schiff gehörte auf einen solchen Ankerplatz und es war auch vorhanden. Der Doctor bewohnte zwei Stockwerke eines großen, stillen Hauses, wo der Sage nach bei Tage verschiedene Gewerbe betrieben wurden, aber sehr wenig von sich hören ließen, während sie sich bei Nacht ganz und gar fern hielten. In einem Hintergebäude, zu dem man durch einen Hof gelangte, in welchem eine Platane mit ihren grünen Blättern rauschte, sollten Orgeln gebaut und Silber getrieben und Gold geschlagen werden, und zwar von einem geheimnißvollen Riesen, der einen goldenen Arm aus der Mauer an der Vorderseite herausreckte — als ob er sich selbst zu Gold geschlagen hätte, und alle Besucher mit einem ähnlichen Schicksal bedrohte. Von diesen Gewerben oder von einem einsamen Miethsmann, der angeblich im dritten Stock wohnte, oder von einem Fabrikanten von Kutschenbeschlag, der ein Contor im Hofe haben sollte, wurde sehr wenig gehört oder gesehen. Gelegentlich sah man einen vereinzelten Arbeitsmann, der den Rock anzog, durch den Hof gehen, oder einen Fremden sich umsehen, oder man hörte ein fernes Pochen von dem goldenen Riesen. Dies waren jedoch die einzigen Ausnahmen, die zum Beweise der Regel erforderlich waren, daß die Sperlinge in der Platane hinter dem Hause und die Echo’s in dem Winkel vor demselben vom Sonntag Morgen bis zum Sonnabend Abend freie Verfügung über den Ort hatten.

Doctor Manette empfing die Patienten, welche sein alter Ruf und das Wiederaufleben desselben durch das Lautwerden seiner wunderbaren Geschichte ihm verschaffte. Seine wissenschaftlichen Experimente führten ihm ebenfalls einige Kunden zu und er verdiente so viel, als er brauchte.

An alle diese Dinge dachte Mr. Jarvis Lorry, als er an der Thür des stillen Hauses in der Ecke an dem schönen Sonntag Nachmittag klingelte.

„Ist Dr. Manette zu Hause?“

„Er muß gleich nach Hause kommen.“

„Ist Miß Lucie zu Hause?“

„Sie muß gleich nach Hause kommen.“

„Ist Miß Proß zu Hause?“

Möglicherweise zu Hause, aber jedenfalls unmöglich zu bestimmen, ob Miß Proß wünsche, die Thatsache des Zuhauseseins zuzugeben oder nicht.

„Da ich selbst hier zu Hause bin,“ sagte Mr. Lorry, „will ich hinaufgehen.“

Obgleich die Tochter des Doctors von dem Lande ihrer Geburt Nichts gewußt hatte, schien sie doch von diesem die Fähigkeit geerbt zu haben, Viel mit geringen Mitteln zu machen, welche eine der nützlichsten und angenehmsten Eigenheiten der Franzosen ist. So einfach der Hausrath war, so war derselbe durch viele kleine verzierende Zuthaten, die an sich ohne Werth waren, aber von Geschmack und Empfindung zeugten, gehoben, sodaß die Gesammtwirkung höchst angenehm war. Die Aufstellung aller Gegenstände, von dem Größten bis zum Kleinsten, in den Zimmern, der Zusammenklang der Farben, die anmuthige Verschiedenartigkeit und die nicht minder anmuthigen Gegensätze, welche hier bei sehr bescheidenen Mitteln durch geschickte Hände, urtheilende Augen und verständigen Takt erreicht worden, waren zugleich so hübsch an sich und erinnerten so lebhaft an die junge Dame, die sie hergestellt hatte, daß es Mr. Lorry vorkam, als ob selbst die Stühle und Tische ihn mit einem Anklang von dem Ausdrucke, den er jetzt so gut kannte, fragten, ob es ihm auch so recht sei?

Drei Zimmer befanden sich in einem Stockwerk, und da die Zwischenthüren alle offen standen, damit die Luft frei durch dieselben ziehen könne, ging Mr. Lorry aus einem in’s andere und verfolgte mit einem stillen Lächeln die Aehnlichkeit, die sich der ganzen Umgebung, wie er meinte, aufgeprägt hatte. Das erste Zimmer war das Empfangszimmer und in ihm befanden sich Luciens Vögel und Blumen und Bücher, ihr Arbeitstisch und ihr Malkasten; das zweite war das Consultationszimmer des Doctors, das zugleich als Speisezimmer diente; das dritte, abwechselnd licht und dunkel bemalt von dem Schatten des Platanenbaumes im Hofe, war das Schlafzimmer des Doctors — und dort in einer Ecke stand die nicht mehr gebrauchte Schuhmacherbank mit dem Handwerkszeug daneben, ungefähr in demselben Zustand, wie ehedem in dem fünften Stockwerk des unheimlichen Hauses neben dem Weinschank in der Vorstadt St. Antoine in Paris.

„Ich wundere mich,“ sagte Mr. Lorry und blieb stehen, „daß er diese Erinnerung an seine Leiden hier behält!“

„Und warum wundern Sie sich darüber?“ war die kurz angebundene Frage, die ihn überraschte.

Sie kam aus dem Munde der Miß Proß, des wilden, rothen Frauenzimmers mit der kräftigen Hand, dessen Bekanntschaft er zuerst in dem Gasthaus „König Georg“ in Dover gemacht und seitdem cultivirt hatte.

„Ich sollte meinen,“ fing Mr. Lorry wieder an.

„Pah! Sie wollen meinen!“ sagte Miß Proß; und Mr. Lorry redete nicht weiter.

„Wie gehts Ihnen?“ fragte dann die Dame mit einiger Schärfe und doch so, als wollte sie ausdrücken, daß sie ihm nicht böse sei.

„Ich befinde mich ziemlich wohl, ich danke Ihnen,“ antwortete Mr. Lorry bescheiden, „wie geht es Ihnen?“

„Nicht übermäßig gut,“ sagte Miß Proß.

„Wirklich?“

„Ja, wirklich,“ sagte Miß Proß. „Mein Herzblättchen macht mir viel Sorgen.“

„Wirklich?“

„Um des Himmels Willen, sagen Sie etwas Anderes, als Ihr ewiges Wirklich, oder Sie peinigen mich zu Tode,“ sagte Miß Proß, deren Charakter, abgesehen von ihrer Statur, äußerste Kürze war.

„Also in der That,“ sagte Mr. Lorry, der Veränderung wegen.

„In der That ist schlecht genug,“ entgegnete Miß Proß, „aber besser. Ja, ich mache mir sehr viel Sorgen.“

„Darf ich nach der Ursache fragen!“

„Mir kann es nicht gleich sein, wenn Leute, die meines Herzblättchens durchaus nicht werth sind, dutzendweise hierher kommen, um sie zu sehen,“ sagte Miß Proß.

„Kommen Dutzende zu diesem Zwecke?“

„Hunderte,“ sagte Miß Proß.

Es war dieser Dame eigenthümlich (wie einigen andern Leuten vor ihrer Zeit und seither), daß sie, so oft ihre ursprüngliche Behauptung in Frage gestellt wurde, dieselbe übertrieb.

„Du meine Güte!“ bemerkte Mr. Lorry, als das Sicherste, was er thun konnte.

„Ich habe mit dem guten Kinde zusammengewohnt — oder das gute Kind hat bei mir gewohnt und mich dafür bezahlt, was ich gewiß nicht verlangt hätte, darauf können Sie schwören, wenn ich mir oder ihr mit Nichts das Leben hätte fristen können, — seitdem sie zehn Jahre alt war. Und es ist wirklich sehr hart,“ sagte Miß Proß.

Da Mr. Lorry nicht mit Bestimmtheit errathen konnte, was sehr hart sei, schüttelte er den Kopf, indem er diesen wichtigen Theil seines Selbst als eine Art Feenmantel brauchte, der jeglichem Dinge paßte.

„Immer finden sich allerlei Leute, die nicht im Mindesten meines Herzblättchens würdig sind,“ sagte Miß Proß. „Als Sie damit anfingen —“

„Ich soll damit angefangen haben, Miß Proß?“

„Nun, wer denn? Wer hat denn ihren Vater wieder lebendig gemacht?“

„Ach! Wenn das der Anfang war, —“ sagte Mr. Lorry.

„Nun, das Ende war es doch gewiß nicht, sollte ich meinen? Ich sage, als Sie damit anfingen, war es hart genug; nicht daß ich an Dr. Manette Etwas auszusetzen habe, außer daß er einer solchen Tochter nicht würdig ist, was keine Schande für ihn ist, denn es war unter keinen Verhältnissen zu erwarten, daß Jemand ihrer würdig sein sollte. Aber es ist wahrhaftig doppelt und dreifach hart, wenn nach ihm (dem ich es hätte verzeihen können) noch eine Unzahl Leute kommen, um mir meines Herzblättchens Liebe wegzunehmen.“

Mr. Lorry wußte, daß Miß Proß sehr eifersüchtig war, aber er wußte jetzt auch, daß sie unter der Decke ihrer Excentricität eins jener selbstlosen Geschöpfe war, die man nur unter Frauen findet, die aus reiner Liebe und Bewunderung sich der Jugend, die sie längst verloren, der Schönheit, die sie nie besessen, Fähigkeiten, deren sie sich nie rühmen konnten, schönen Hoffnungen, die ihrem düstern Leben nie leuchteten, zum willenlosen Sclaven ergeben. Er kannte genug von der Welt, um zu wissen, daß es nichts Köstlicheres giebt, als den treuen Dienst des Herzens; und so, wie er hier geleistet ward und so frei, wie er hier von jedem Schatten der Selbstsucht war, hatte er eine so hohe Achtung davor, daß er in der Austheilung von Belohnungen, die er innerlich vornahm, — wir Alle beschäftigen uns oft mit solchen Gedanken — Miß Proß den Engeln viel näher stellte, als viele Damen, für welche Natur und Kunst viel mehr gethan hatten und die ein Conto bei Tellsons hatten.

„Es hat nie einen Mann gegeben und wird nie einen geben, der meines Herzblättchens würdig ist, mit Ausnahme eines einzigen,“ sagte Miß Proß, „und das war mein Bruder Salomo, wenn er nicht in seinem Leben fehl gegangen wäre.“

Das war wieder ein Beispiel. Mr. Lorry’s Nachforschungen über Miß Proß’ Lebensgeschichte hatten die Thatsache festgestellt, daß ihr Bruder Salomo ein herzloser Lump war, der ihr Alles, was sie hatte, genommen, um damit zu speculiren und sie dann in ihrer Armuth, ohne das geringste Mitleid zu fühlen, hatte sitzen lassen. Miß Proß’ fester Glaube an Salomo (mit Abrechnung einer bloßen Kleinigkeit für diesen Irrthum) war eine sehr ernsthafte Sache für Mr. Lorry, und trug nicht wenig dazu bei, seine gute Meinung von ihr zu mehren.

„Da wir jetzt gerade für den Augenblick allein und Beide praktische Leute sind,“ sagte er, als sie wieder in das Empfangszimmer zurückgekehrt waren und freundschaftlich neben einander Platz genommen hatten, „so erlauben Sie mir die Frage — erwähnt der Doctor in seinen Gesprächen mit Lucien niemals seiner Schuhmacherzeit?“

„Nie!“

„Und doch behält er diese Bank und das Handwerkszeug bei sich?“

„Ah!“ erwiderte Miß Proß mit Kopfschütteln. „Aber ich will nicht sagen, daß er nicht bei sich selbst daran denkt.“

„Glauben Sie, daß er viel daran denkt?“

„Ja, gewiß,“ sagte Miß Proß.

„Können Sie sich einbilden —“ fing Mr. Lorry an, als Miß Proß ihn kurz unterbrach.

„Bilden Sie sich nie Etwas ein?“

„Sie haben Recht; meinen Sie — Sie meinen doch manchmal?“

„Dann und wann,“ sagte Miß Proß.

„Meinen Sie also,“ fuhr Mr. Lorry mit einem stillen Lächeln in seinen hellen Augen fort, wie er sie wohlwollend anblickte, „daß Dr. Manette seine Meinung über die Ursache seines harten Schicksals und vielleicht über den Namen seines Feindes hat?“

„Ich weiß Nichts davon, als was mir Herzblättchen davon sagt.“

„Und was sagt sie?“

„Daß sie glaubt, er hat seine Meinung.“

„Nun, seien Sie nur nicht böse, daß ich Ihnen alle diese Fragen vorlege, weil ich ein einfacher, langweiliger, praktischer Mann bin und Sie eine praktische Frau sind.“

„Langweilig?“ fragte Miß Proß ruhig.

Mr. Lorry hätte das bescheidene Beiwort gern ungesagt gemacht und gab zur Antwort: „Nein, nein, nein. Gewiß nicht. Um wieder zur Sache zu kommen: ist es nicht merkwürdig, daß Dr. Manette, der jedenfalls, wie wir Alle überzeugt sind, kein Verbrechen begangen hat, niemals diese Frage berührt? Ich will nicht sagen mir gegenüber, obgleich er seit vielen Jahren mit mir Geschäftsbeziehungen hat und wir jetzt mit einander befreundet sind; ich will sagen mit der Tochter, die ihn so innig liebt und die er selbst so innig liebt? Glauben Sie mir, Miß Proß, ich rege die Sache nicht aus Neugier an, sondern aus aufrichtiger Theilnahme.“

„Nun, so viel ich weiß, und wenig genug ist das, werden Sie sagen,“ sagte Miß Proß, besänftigt durch seinen apologetischen Ton, „er fürchtet sich vor der ganzen Sache.“

„Er fürchtet sich?“

„Ich sollte meinen, es wäre einfach genug, warum er sich fürchtet. Es ist eine schreckliche Erinnerung. Außerdem verdankt er jener Zeit, daß er sich selbst verloren hat. Da er nicht weiß, wie er sich verloren oder wie er sich wiedergefunden hat, so ist er vielleicht niemals sicher, ob er sich nicht wieder verliert. Das allein würde die Sache nicht angenehm machen, sollte ich meinen.“

Das war eine tiefere Bemerkung, als Mr. Lorry erwartet hatte. „Richtig,“ sagte er, „und es ist ein schrecklicher Gedanke. Dennoch quält mich ein Zweifel, Miß Proß, ob es gut für Dr. Manette ist, daß er darüber immer bei sich allein brütet. Der Zweifel und die Unruhe, die mir dieser Gedanke verursacht, haben mich eigentlich veranlaßt, mich Ihnen heute anzuvertrauen.“

„Es läßt sich dem nicht abhelfen,“ sagte Miß Proß kopfschüttelnd. „Schlagen Sie diese Saite an, und es wird sofort schlimmer mit ihm. Besser, Sie rühren sie gar nicht an. Mit Einem Worte, sie muß unangerührt bleiben, mag man wollen oder nicht. Manchmal steht er mitten in der Nacht auf, und wir hören ihn hier über uns in seinem Zimmer auf- und abgehen, auf- und abgehen. Herzblättchen weiß, daß er dann im Geiste in seinem alten Gefängniß auf- und abgeht, auf- und abgeht. Sie eilt hinauf und sie gehen mit einander auf und ab, auf und ab, bis er wieder ruhig ist. Aber er sagt ihr nie ein Wort von dem wahren Grunde seiner Ruhelosigkeit, und sie hält es für das Beste, gegen ihn Nichts davon zu erwähnen. Schweigend gehen sie auf und ab, auf und ab, bis ihre Liebe und ihre Anwesenheit ihn wieder zu sich gebracht hat.“

Obgleich Miß Proß Nichts von Einbildungskraft wissen wollte, lag doch in ihrem Wiederholen der Worte auf und ab ein Bewußtsein der Qual, ohne Abwechslung von einem einzigen traurigen Gedanken verfolgt zu werden, welches Zeugniß dafür ablegte, daß sie selbst Einbildungskraft besaß.

Wir haben schon erwähnt, daß der Straßenwinkel wunderbar im Besitz von Echo’s war; der Widerhall kommender Schritte war so laut geworden, daß es schien, als ob das bloße Erwähnen des müden Auf- und Abgehens ihn geweckt hätte.

„Da sind sie!“ sagte Miß Proß, indem sie aufstand und das Gespräch abbrach, „und jetzt werden wir bald Hunderte von Leuten hier haben.“

Es war ein so merkwürdiger Winkel in seinen akustischen Eigenschaften, daß, wie Mr. Lorry an dem offenen Fenster stand, und dem Kommen von Vater und Tochter, deren Schritte er hörte, entgegensah, er sich einbildete, sie würden nie kommen. Nicht nur hörte der Widerhall auf, als ob die Schritte vorübergegangen wären, sondern man vernahm statt ihrer den Widerhall anderer Schritte, die nie kamen und die plötzlich wieder verhallten, wenn sie ganz nahe zu sein schienen. Doch Vater und Tochter erschienen endlich und Miß Proß stand an der Hausthür bereit, sie zu empfangen.

Es sah gar hübsch aus, wie Miß Proß, sonst so wild und roth und unwirsch, oben im Zimmer angekommen, ihrem Herzblatt den Hut abnahm und ihn mit den Zipfeln ihres Taschentuchs wischte und den Staub davon abblies und ihr den Mantel abnahm und diesen zusammenlegte, und ihr das reiche Haar mit einem Stolze glatt strich, als ob das Haar ihr eigenes und sie das eitelste und schönste aller Frauenzimmer wäre. Auch war es gar hübsch anzusehen, wie Lucie sie umarmte und ihr dankte und gar nicht dulden wollte, daß sie sich so um sie bemühte — welches letztere sie aber nur scherzender Weise sagen durfte, sonst hätte sich Miß Proß, tief verletzt, auf ihr Zimmer zurückgezogen und hätte geweint.

Es war auch hübsch anzusehen, wie der Doctor ihnen zusah und zu Miß Proß sagte, daß sie Lucien verziehe und dies mit einem Ton und mit Blicken sagte, welche ebenso viel und mehr Verzeihendes in sich hatten, als Miß Proß, wenn es möglich gewesen wäre. Auch Mr. Lorry war ein gar hübscher Anblick, wie er in seiner kleinen Perrücke Alle wohlwollend ansah und seinem Junggesellenstern dankte, daß er ihm in seinen alten Tagen in ein solches Heimwesen geleuchtet. Aber keine Hunderte von Leuten kamen, um zuzusehen und Mr. Lorry erwartete vergeblich die Erfüllung von Miß Proß’ Voraussagung.

Essenszeit kam und immer noch keine Hunderte von Leuten.

In der Einrichtung des kleinen Haushaltes hatte Miß Proß die Aufsicht über die untern Regionen übernommen und verrichtete stets Wunderdinge. Ihre Diners, obgleich auf sehr bescheidenem Fuße, waren immer so gut gekocht und so gut servirt, und so sinnreich in ihrer halb englischen, halb französischen Einrichtung, daß Nichts besser sein konnte. Da Miß Proß’ Freundschaft von ganz und gar praktischer Art war, hatte sie Soho und die angrenzenden Provinzen nach verarmten Franzosen durchstöbert, die, mit Schillingen und halben Kronen bestochen, ihre culinarischen Geheimnisse verriethen. Von diesen versprengten Söhnen und Töchtern Galliens hatte sie so wunderbare Künste gelernt, daß die Frau und das Mädchen, welche ihren Küchenstab bildeten, sie für eine Zauberin oder Aschenbrödels Pathe hielten, die ein Huhn, ein Kaninchen, oder etwas Grünzeug aus dem Garten holen ließ und daraus machte, was sie wollte.

An Sonntagen aß Miß Proß mit am Tisch des Doctors, aber an andern Tagen bestand sie darauf, ihr Mahl zu unbekannten Stunden entweder in den untern Regionen, oder in ihrem Zimmer im zweiten Stock zu sich zu nehmen, — in einer blauen Stube, wo Niemand außer ihrem Herzblättchen jemals Zutritt fand. Bei solchen Gelegenheiten wurde Miß Proß, durch Herzblättchens freundliches Gesicht und freundliche Bemühungen, ihr zu gefallen, erweicht, sehr gemüthlich und so verging das heutige Sonntagessen auch sehr gemüthlich.

Es war ein schwüler Tag und nach dem Essen schlug Lucie vor, den Wein hinaus unter die Platane zu tragen und dort im Freien zu sitzen. Da sich Alles um sie drehte und bewegte, gingen sie hinaus unter die Platane und sie trug den Wein zum besondern Besten Mr. Lorry’s hinunter. Sie hatte sich seit einiger Zeit zu Mr. Lorry’s Mundschenk gemacht und während sie unter der Platane saßen und mit einander plauderten, sorgte sie dafür, daß sein Glas beständig voll war. Geheimnißvolle Rückseiten und Enden von Häusern lugten herein, während sie plauderten, und die Platane über ihren Häuptern flüsterte ihnen in ihrer eigenen Weise zu.

Aber die Hunderte von Leuten stellten sich immer noch nicht ein. Mr. Darnay erschien, während sie unter der Platane saßen, aber das war nur Einer.

Dr. Manette empfing ihn freundlich, und das that auch Lucie. Aber Miß Proß ward plötzlich von einem Zucken in ihrem Gesicht und ihrem Körper befallen und zog sich in das Haus zurück. Sie war nicht selten ein Opfer dieses Leidens, welches sie im vertrauten Gespräch ihre Laune nannte.

Der Doctor war in seiner besten Stimmung und sah besonders jung aus. Die Aehnlichkeit zwischen ihm und Lucie war bei solchen Gelegenheiten besonders groß, und wie sie neben einander saßen und sie das Köpfchen auf seine Schulter lehnte, während er den Arm auf die Lehne ihres Stuhls gelegt hatte, war es sehr wohlthuend, die Aehnlichkeit zu verfolgen.

Sie hatten den ganzen Tag über vielerlei Gegenstände und mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit gesprochen. „Sagen Sie, Dr. Manette,“ sagte Mr. Darnay, wie sie unter der Platane saßen — und er sagte es im natürlichen Verlauf des Gesprächs, das sich um die alten Gebäude Londons drehte — „haben Sie sich den Tower einmal von Innen angesehen?“

„Lucie und ich sind dort gewesen; aber nur im Fluge. Wir haben jedoch genug gesehen, um zu wissen, daß es ein sehr interessanter Ort ist; wenig mehr.“

„Ich war dort, wie Sie wissen,“ sagte Darnay mit einem Lächeln, aber doch dabei vor Entrüstung erröthend, „in einer andern Eigenschaft und nicht in einer Eigenschaft, welche das Umsehen besonders begünstigt. Sie erzählten mir aber eine seltsame Geschichte, als ich dort war.“

„Und die war?“ fragte Lucie.

„Bei einem Umbau stießen die Maurer auf einen alten Kerker, der seit vielen Jahren zugemauert und vergessen war. Jeder Stein der innern Wände war mit Inschriften bedeckt, welche Gefangene hineingeschrieben hatten — mit Jahreszahlen, Namen, Klagen und Gebeten. Auf einem Eckstein in einem Winkel hatte ein Gefangener, wahrscheinlich ehe er zur Hinrichtung geführt worden, als letztes Wort fünf Buchstaben eingegraben. Das dazu verwendete Werkzeug war unvollkommen gewesen und die Arbeit war hastig und mit unsicherer Hand verrichtet worden. Anfangs las man die fünf Buchstaben GRABJ, aber als man genauer hinsah, stellte sich der letzte Buchstabe als ein T heraus. Von einem Gefangenen mit diesem Anfangsbuchstaben war nirgends Etwas verzeichnet, und man erschöpfte sich in Vermuthungen, wie er wohl geheißen haben möchte. Endlich sprach Jemand die Meinung aus, die Buchstaben wären keine Anfangsbuchstaben, sondern das vollständige Wort „Grabt“. Man untersuchte sehr sorgfältig den Fußboden unter der Inschrift und fand in der Erde unter einem Stein die Asche eines Papiers, vermischt mit der Asche eines ledernen Beutels oder Gehäuses. Was der unbekannte Gefangene geschrieben hatte, wird nie gelesen werden; aber er hatte Etwas geschrieben und es vergraben, um es vor dem Schließer zu verstecken.“

„Vater!“ rief Lucie aus. „Sie sind unwohl!“

Er war plötzlich aufgesprungen und hielt die Hand vor die Stirn. Sein Aussehen und sein Blick erfüllten sie Alle mit Schrecken.

„Nein, Liebe, ich bin nicht unwohl. Es fallen große Regentropfen und die haben mich erschreckt. Es ist besser, wir gehen hinein.“

Er erholte sich fast augenblicklich wieder. Der Regen fiel wirklich in großen, schweren Tropfen und er zeigte, daß seine Hand davon benetzt war. Aber er äußerte kein einziges Wort in Bezug auf die Entdeckung, von der Darnay eben erzählt, und wie sie in das Haus gingen, wurde das geschäftliche Auge Mr. Lorry’s auf seinem Gesicht, wie es sich gegen Charles Darnay wendete, denselben eigenthümlichen Ausdruck, mit dem es sich in den Gängen des Gerichtsgebäudes ihm zugewendet hatte, gewahr oder glaubte es wenigstens.

Er erholte sich jedoch so rasch wieder, daß Mr. Lorry der Sicherheit seines geschäftlichen Auges nicht ganz sicher war. Der Arm des goldenen Riesen in der Halle war nicht ruhiger, als er selbst, als er unter ihm stehen blieb, um zu äußern, daß er vor kleinen Schreckanfällen noch nicht sicher sei, wenn er es je sein werde, und daß der Regen es gewesen, was ihn erschreckt habe.

Es wurde Theezeit und Miß Proß bereitete den Thee mit einem andern Anfall ihrer Laune, aber immer noch waren nicht Hunderte von Leuten da. Mr. Carton hatte sich eingefunden, aber nun waren es blos Zwei.

Die Nacht war so drückend schwül, daß, obgleich sie bei offenen Thüren und Fenstern saßen, die Wärme lästig wurde. Als sie mit dem Thee fertig waren, rückten sie Alle an eins der Fenster heran und sahen hinaus in die trübe Dämmerung. Lucie saß neben ihrem Vater; Darnay saß neben ihr; Carton lehnte an einem Fenster. Die Vorhänge waren weiß und lang und die Windstöße, die in dem Winkel wirbelten, machten sie bis zur Decke hinauf fliegen und bewegten sie wie Gespensterflügel.

„Der Regen fällt immer noch in großen, schweren und seltenen Tropfen,“ sagte Dr. Manette. „Es kommt langsam.“

„Es kommt sicher,“ sagte Carton.

Sie sprachen leise, wie es Leute, die auf Etwas mit Spannung warten, meistens thun; wie Leute, die in einem dunkeln Zimmer auf den Blitz warten, immer thun.

Auf den Straßen war großes Laufen von Leuten, die nach Hause eilten, um ein Obdach zu haben, ehe das Gewitter losbrach; der Winkel mit den wunderbaren Echo’s hallte wider von dem Schalle kommender und gehender Schritte, aber Niemand kam.

„Eine Unzahl Leute, und doch eine Einsamkeit!“ sagte Darnay, als sie eine Weile gelauscht hatten.

„Macht es nicht einen bänglichen Eindruck, Mr. Darnay?“ äußerte Lucie. „Manchmal habe ich hier Abends gesessen, bis es mir vorgekommen ist, — aber selbst bei dem bloßen Schatten einer thörichten Einbildung wird es mir heute, wo Alles so schwarz und feierlich ist, schauerlicher zu Muthe —“

„Lassen Sie es uns auch schauerlich werden. Sie dürfen doch sagen, was es ist?“

„Sie werden es für ein Nichts halten. Solche Einfälle machen nur auf Den Eindruck, dem sie zuerst kommen, glaube ich; sie lassen sich nicht mittheilen. Ich habe manchmal des Abends hier allein gesessen und gelauscht, bis es mir klar war, daß die Echo’s nur der Widerhall aller Schritte aller Menschen wären, die auf unser Leben Einfluß haben würden.“

„Wenn dem so ist,“ warf Sidney Carton in seiner gleichgültig mürrischen Weise ein, „so werden wir es einmal mit einer großen Menge zu thun haben.“

Die Schritte hörten nicht auf und wurden immer rascher und rascher. Der Winkel hallte von ihrem Schalle wider; einige, wie es schien, in der Ferne; einige, wie es schien, in dem Zimmer; einige kamen, andere gingen, einige wurden unterbrochen, andere standen ganz still; alle aber in entfernteren Straßen und kein einziger im Bereich des Auges.

„Sind alle Schritte bestimmt, zu Jedem von uns zu kommen, Miß Manette, oder haben wir sie unter uns zu theilen?“

„Das weiß ich nicht, Mr. Darnay, ich sagte Ihnen gleich, es sei eine thörichte Einbildung, aber Sie verlangten es zu wissen. So oft ich mich ihrem Eindrucke hingegeben habe, war ich allein und dann habe ich mir eingebildet, es wären die Schritte der Leute, die auf mein Leben und auf das meines Vaters Einfluß haben würden.“

„Sie mögen nur zu mir kommen,“ sagte Carton. „Ich lege ihnen keine Fragen vor und stelle keine Bedingungen. Ein großer Menschenhaufe wälzt sich auf uns zu, Miß Manette und ich sehe — Beim Blitz!“ Er setzte die letzten Worte hinzu, nachdem ein heller Strahl vom Himmel heruntergeschossen war, der ihn, am Fenster lehnend, sehen ließ.

„Und ich höre ihn!“ setzte er hinzu, nachdem ein Donnerschlag verhallt war. „Sie kommen in Hast, voll Wildheit und Wuth!“

Es war das laute Niederrauschen des Platzregens, das er damit bildlich darstellte und es unterbrach ihn, denn es übertönte jede Stimme. Ein heftiges Unwetter brach mit diesem Regenguß aus und Donner und Blitz und Regen kannten keinen Augenblick Unterbrechung, bis der Mond um Mitternacht aufgegangen war.

Die große Glocke der St. Paulskirche dröhnte Eins durch die kühl und hell gewordene Luft, als Mr. Lorry, geleitet von Jerry in hohen Stiefeln und mit einer Laterne versehen, den Rückweg nach Clerkenwell antrat. Es gab einsame Stellen auf dem Wege zwischen Soho und Clerkenwell und Mr. Lorry, ihrer Unsicherheit eingedenk, hatte Jerry für diese Begleitung regelmäßig in Dienst genommen, obgleich dieser Dienst gewöhnlich zwei gute Stunden früher geleistet wurde.

„Was das für eine Nacht war, Jerry! Fast eine Nacht,“ sagte Mr. Lorry, „um die Todten aus ihren Gräbern aufstehen zu machen.“

„Ich habe nie ’was mit der Nacht zu schaffen, Master — und hoffe es auch in der Zukunft nicht — sie geht mich Nichts an,“ gab Jerry zur Antwort.

„Gute Nacht, Mr. Carton!“ sagte der Buchhalter. „Gute Nacht, Mr. Darnay. Werden wir jemals eine solche Nacht zusammen durchleben?“

Vielleicht. Vielleicht, daß der große Menschenhaufe sich brausend und brüllend auch auf sie zuwälzt.

Ende des ersten Theils.

Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck) in Leipzig.


Boz (Dickens)

Sämmtliche Werke.

Hundertundvierter Band.

Zwei Städte.

Zweiter Theil.

Leipzig

Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

1859.


Zwei Städte.

Eine Erzählung in drei Büchern.

Von

Boz (Charles Dickens).

Mit

Sechszehn Illustrationen von Hablot K. Browne.

Aus dem Englischen von Julius Seybt.