Zweiter Theil.
Leipzig
Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.
1859.
Siebentes Kapitel.
Monsieur le Marquis in der Stadt.
Monseigneur, einer der großen Herren von Macht und Einfluß bei Hofe, gab in seinem großen Hotel in Paris seine alle vierzehn Tage wiederkehrende Audienz. Monseigneur befand sich in seinen innern Gemächern, in dem Allerheiligsten für das Gedränge von Verehrern in der Reihe der Vorzimmer. Monseigneur war im Begriff, seine Chocolade zu sich zu nehmen. Monseigneur konnte mit Leichtigkeit gar Vielerlei zu sich nehmen, und einige wenige Unzufriedene behaupteten, er zehre ziemlich rasch Frankreich auf; aber die Morgen-Chocolade konnte nicht einmal ohne die Hülfe von vier starken Männern, außer dem Koch, über die Lippen Monseigneurs gelangen.
Ja. Es gehörten vier Männer dazu, alle vier von goldenen Treffen strahlend und der Oberste derselben außer Stande, mit weniger als zwei goldenen Uhren in der Tasche zu leben, nach dem schönen und geschmackvollen Beispiel Monseigneurs, alle vier dazu angestellt, die glückselige Chocolade bis an Monseigneurs Lippen zu bringen.
Ein Lakai brachte die Chocoladenkanne in die erhabene Gegenwart; ein zweiter quirlte sie zu Schaum mit dem kleinen Instrument, das er zu diesem Zwecke bei sich trug; ein dritter überreichte die Serviette; ein vierter (der mit den beiden goldenen Uhren) schenkte die Chocolade ein. Unmöglich konnte Monseigneur einen dieser Bedienten der Chocolade entbehren und seine hohe Stellung unter dem bewundernden Himmelsgewölbe behaupten. Einen schwarzen Flecken hätte es auf sein Wappenschild geworfen, wenn seiner Chocolade schmählich genug nur drei Leute aufgewartet hätten; von zweien wäre er gestorben.
Monseigneur war vergangene Nacht bei einem kleinen Souper gewesen, wo das Lustspiel und die große Oper in reizender Weise vertreten waren. Monseigneur war fast alle Nächte in bezaubernder Gesellschaft bei kleinen Soupers. So höflich und empfänglich war Monseigneur, daß Lustspiel und große Oper bei ihm viel mehr Einfluß auf die langweiligen Geschichten von Staatsangelegenheiten und Staatsgeheimnissen hatten, als die Bedürfnisse und Nöthen ganz Frankreichs. Ein glückliches Verhältniß für Frankreich, wie das stets so ist bei allen gleichbegünstigten Ländern! Wie es immer war für England (um ein Beispiel zu nehmen) in den vielbeklagten Tagen des lustigen Stuarts, der es verkaufte.
Monseigneur hatte einen wahrhaft edlen Begriff von allgemeinen Staatsgeschäften und dieser war, Jegliches in seiner Weise seinen Weg gehen zu lassen; und von besonderen Staatsgeschäften hatte Monseigneur den andern edlen Begriff, daß sie alle seinetwegen dawären, zur Vergrößerung seiner Macht und Bereicherung seiner Tasche. Von seinen allgemeinen und besonderen Genüssen und Freuden hatte Monseigneur die wahrhaft edle Meinung, daß die Welt ihretwegen dasei. Der Text seines Buches (von dem Original nur in einem einzigen Worte abweichend, was nicht viel bedeuten will) lautete: „die Erde und ihre Fülle sind mein, sagt Monseigneur.“ Trotzdem entdeckte Monseigneur langsam, daß seine Privat- und Staatsangelegenheiten in eine gemeine Verwirrung geriethen; und er hatte sich für beide einen Generalpächter zum Compagnon genommen. Für die Staatsfinanzen, weil Monseigneur durchaus Nichts mit denselben ausrichten konnte und sie daher Jemandem verpachten mußte, der mit ihnen fertig ward; für die Privatfinanzen, weil Generalpächter reich waren und Monseigneur, nachdem Generationen in großem Luxus und großer Verschwendung gelebt hatten, arm wurde. Demgemäß hatte Monseigneur seine Schwester aus einem Kloster genommen, so lange es noch Zeit war, dem Tod im Schleier, der billigsten Tracht, die sie tragen konnte, zu entgehen, und hatte mit ihrer Hand einen sehr reichen Generalpächter, der arm an Ahnen war, beglückt. Dieser Generalpächter, ausgerüstet mit einem vorschriftsmäßigen Rohrstock, mit einem goldenen Apfel oben darauf, befand sich jetzt unter den Wartenden in den Vorzimmern; demüthig verehrt von den Menschen, — immer mit Ausnahme der höheren Menschen vom Geblüt Monseigneurs, der eben so wie die eigene Gemahlin auf ihn mit der großartigsten Verachtung herabblickte.
Der Generalpächter war ein glanzvoller Mann. Dreißig Pferde standen in seinen Ställen, vierundzwanzig Bediente saßen in seinem Palaste, sechs Frauen bedienten seine Gemahlin. Als Einer, der keinen andern Beruf vorschützte, als zu rauben und Beute zu machen, wo er konnte, war der Generalpächter — wie viel immer seine ehelichen Verhältnisse zur Sittlichkeit im Allgemeinen beitragen mochten — wenigstens die größte Wirklichkeit unter allen den Personen, die heute im Hotel Monseigneurs auf Audienz warteten.
Denn die Gemächer, obgleich sie einen schönen Anblick darboten und mit jeder Verschiedenheit von Decoration ausgeschmückt waren, welche Geschmack und Kunst jener Zeit ersinnen konnten, waren in Wahrheit betrachtet keine gesunde Sache; in Bezug auf die Vogelscheuchen in Lumpen und Nachtmützen anderswo (und nicht so weit weg, daß die Wartthürme von Notre-Dame, von beiden Extremen fast gleich weit entfernt, sie nicht beide hätten sehen können) wären sie eine ausnehmend unbehagliche Sache gewesen — wenn das in Monseigneurs Palast überhaupt hätte Jemandes Sache sein können. Offiziere ohne militärische Kenntnisse; Schiffscapitäne, die nie ein Schiff gesehen hatten; Beamte, die keinen Begriff von Geschäften hatten; Geistliche mit eherner Stirn in der schlimmsten Welt weltlich gesinnt, wollüstigen Blicks, lockerer Zunge und noch lockerern Lebenswandels; Alle für ihren Beruf vollständig unfähig, Alle der frechsten Lüge schuldig, indem sie behaupteten, ihrem Berufe anzugehören, aber Alle in näherem oder fernerem Grade Standesgenossen Monseigneurs und deshalb in alle Staatsstellen gepfropft, bei denen Etwas zu verdienen war, konnten dutzendweise abgezählt werden. Leute, die mit Monseigneur oder dem Staat in keiner unmittelbaren Verbindung standen, aber ebenso wenig mit irgend Etwas, was echt und wirklich war, und die nie in ihrem Leben versucht hatten, ein wahres irdisches Ziel auf geradem Wege zu erreichen, waren in Ueberfluß vorhanden. Aerzte, die sich große Vermögen mit Geheimmitteln für eingebildete Krankheiten, die es nicht gab, erworben, lächelten in den Vorzimmern Monseigneurs ihre hochgebornen Patienten an. Projectenmacher, die jegliches Mittel zur Heilung der kleinen Krankheiten, an welchen der Staat litt, erfunden hatten, mit Ausnahme des Mittels, ernstlich an’s Werk zu gehen, um eine einzige Sünde mit der Wurzel auszurotten, betäubten bei der Audienz Monseigneurs mit ihrem bethörenden Geschwätz jedes Ohr, dessen sie habhaft werden konnten. Ungläubige Philosophen, welche die Welt mit Worten neu erschufen und babylonische Thürme aus Karten erbauten, um den Himmel damit zu erstürmen, sprachen in dieser glänzenden, bei Monseigneur versammelten Gesellschaft mit ungläubigen Chemikern, die sich mit Goldmachen beschäftigten. Feine Herren von der feinsten Erziehung, welche in jener merkwürdigen Zeit — wie auch jetzt noch — erkannt ward an ihren Früchten der Gleichgültigkeit gegen Alles, was werth ist, die Theilnahme des menschlichen Herzens in Anspruch zu nehmen, befanden sich in dem Hotel Monseigneurs in dem musterhaften Zustande geistiger Erschöpfung. Was die Häuslichkeiten betrifft, welche diese verschiedenen angesehenen Leute in der vornehmen Welt von Paris verlassen hatten, so wäre es den Spionen unter den versammelten Anbetern Monseigneurs — die eine gute Hälfte der ganzen feinen Gesellschaft ausmachten — schwer geworden, unter den Engeln dieser Sphäre ein einziges Weib zu entdecken, das sich durch ihr Aussehen oder ihr Benehmen als Mutter bekannt hätte. Ueberhaupt war über den bloßen Act hinaus, einem solchen kleinen Störenfried das Leben zu geben — womit der Name Mutter lange noch nicht verdient ist — in der modischen Welt so Etwas gar nicht bekannt. Bauerfrauen behielten die unmodischen Bälger bei sich und zogen sie auf, und reizende Großmütter von sechszig Jahren kleideten sich und soupirten, als ob sie zwanzig wären.
Der Aussatz der Unwirklichkeit entstellte jedes Menschenkind, das bei Monseigneur auf Audienz wartete. In den vordersten Vorzimmern befand sich ein halbes Dutzend Ausnahmemenschen, welche seit einigen Jahren eine unbestimmte Ahnung hatten, daß die Welt im Allgemeinen eher schief ginge. Um sie wieder auf den geraden Weg zu bringen, waren die Hälfte desselben Dutzend Mitglieder einer phantastischen Secte von Convulsionären geworden und überlegten eben jetzt bei sich, ob sie nicht auf der Stelle mit schäumendem Munde und Gebrüll in Epilepsie verfallen sollten — um damit zu Monseigneurs Leitung für die Zukunft einen außerordentlich verständlichen Wegweiser zu setzen. Außer diesen Derwischen gab es noch drei andere, Mitglieder einer andern Secte, welche die Welt mit einem Kauderwälsch von dem „Centrum der Wahrheit“ bessern wollte und behauptete, die Menschheit wäre aus dem Centrum der Wahrheit herausgekommen — was nicht vielen Beweises bedurfte —, aber noch nicht aus der Peripherie, und damit sie nicht über die Peripherie hinausfliege und sogar wieder in den Mittelpunkt komme, müsse man fasten und Geister citiren. Diese Leute hatten demnach einen lebhaften Verkehr mit der andern Welt — und verrichteten damit außerordentlich viel Gutes, das man nur leider nie zu sehen bekam.
Aber der Haupttrost war, daß die ganze Gesellschaft im Hotel Monseigneurs tadellos angezogen war. Wenn man nur hätte sicher sein können, daß der Tag des Gerichts ein Gallatag sein werde, so hätte jeder der Versammelten in alle Ewigkeit die Prüfung bestanden. Ein solches Frisiren und Pudern und Pomadisiren des Haares und so kunstvolles Schminken und Malen, so tapfere Degen für das Auge und so zartes Huldigen des Geruchssinnes mußten sicherlich alles Mögliche in alle Ewigkeit im besten Glanze erhalten. Die feinsten Herren von der feinsten Erziehung trugen an ihren Uhren niedliche Kleinodien, welche klimperten, wie sie sich schläfrig bewegten; diese goldenen Fesseln läuteten wie liebliche Glöckchen; und mit diesem Läuten und dem Rauschen von Brocat und Seide und feinem Linnen ging ein Regen durch die Luft, welches St. Antoine und seinen nagenden Hunger weit hinweg wehte.
Costüm war der eine unfehlbare Talisman und Zauber, der jegliches Ding auf seinem Platze erhalten mußte. Jedermann war für eine Maskerade costümirt, die nie aufhören sollte. Vom Tuilerienpalaste durch Monseigneur und den ganzen Hof, durch die Kammern, die Gerichtshöfe und die ganze Gesellschaft (mit Ausnahme der Vogelscheuchen) stieg die Maskerade bis zum Henker herab, der, um den Zauber nicht zu brechen, frisirt, gepudert, in goldbetreßtem Rock, Schuhen und weißseidenen Strümpfen sein Amt verrichten mußte. An Galgen und Rad — das Beil war eine Seltenheit — verrichtete Monseigneur Paris, wie nach bischöflichem Brauche seine Collegen aus der Provinz, Monsieur Orleans und die Andern, ihn nannten, in diesem schmucken Aufzuge sein Amt. Und wer unter der Gesellschaft an Monseigneurs Audienztag in diesem 1780sten Jahre unseres Herrn hätte zweifeln können, daß ein System, das seine Wurzel in einem frisirten und gepuderten Henker im Tressenrock, Schuhen und weißseidenen Strümpfen hatte, nicht selbst die Sterne überdauern würde!
Nachdem Monseigneur seine vier Leute ihrer Lasten entledigt und seine Chocolade zu sich genommen hatte, ließ er die Flügelthüren des Allerheiligsten aufthun und trat hinaus. O, die Unterwürfigkeit, die krummen Rücken und schmeichelnden Gesichter, die Servilität, die niedere Kriecherei, die jetzt zu sehen waren! Was das Demüthigen, körperlich und geistig, betrifft, so blieb in dieser Hinsicht Nichts für den Himmel übrig — was einer von den vielen Gründen gewesen sein mag, warum die Anbeter Monseigneurs ihn niemals belästigten.
Mit einem Worte der Verheißung hierhin und einem Lächeln dorthin, einem geflüsterten Wort für einen glücklichen Sclaven und einem Gruß mit der Hand für einen andern, wandelte Monseigneur leutselig durch seine Gemächer bis in die entlegene Region der Peripherie der Wahrheit. Dort kehrte Monseigneur um und ging desselbigen Weges zurück und schloß sich im gehörigen Verlauf der Zeit wieder ein in sein Allerheiligstes mit den Chocoladengeistern und ward nicht mehr gesehn.
Nachdem das Schauspiel vorüber war, wurde das Regen in der Luft fast zu einem kleinen Sturm und die lieblichen Glöckchen läuteten die Treppen hinunter. Bald blieb von dem ganzen Gedränge nur ein einziger Herr zurück und dieser, mit dem Hute unter dem Arm und der Tabaksdose in der Hand, ging langsam an den Spiegeln vorüber hinaus.
„Ich widme Euch dem Teufel!“ sagte dieser Herr, indem er in der letzten Thür stehen blieb und das Gesicht dem Allerheiligsten zukehrte.
Damit schüttelte er den Tabak von seinen Fingerspitzen, als ob er den Staub von seinen Füßen geschüttelt hätte und ging ruhig die Treppe hinab.
Er war ein Mann von ungefähr sechszig Jahren in schönen Kleidern, von stolzem Benehmen und mit einem Gesicht, gleich einer schönen Maske. Ein Gesicht von durchsichtiger Blässe; jeder Zug in demselben deutlich ausgeprägt, ein feststehender Ausdruck auf demselben. Die Nase, sonst tadellos geformt, hatte über jedem Nasenflügel eine kleine Vertiefung. In diesen beiden Vertiefungen ging die einzige kleine Veränderung vor sich, welche das Gesicht überhaupt jemals zeigte. Sie veränderten manchmal die Farbe und sie erweiterten und zogen sich manchmal zusammen durch Etwas wie ein schwaches Pulsiren; dann verliehen sie dem ganzen Gesicht einen Ausdruck der Falschheit und Grausamkeit. Betrachtete man es genauer, so entdeckte man, daß dieser Ausdruck durch die Linien des Mundes und die viel zu gerade und dünne Abgrenzung der Augäpfel unterstützt ward. Dennoch war das Gesicht in der Wirkung, die es hervorbrachte, ein schönes Gesicht und ein merkwürdiges Gesicht.
Der Besitzer desselben ging die Treppe hinunter in den Hof, stieg in seinen Wagen und fuhr fort. Während der Audienz hatten nicht Viele von den Versammelten mit ihm gesprochen; er hatte einen kleinen freien Raum um sich gehabt und Monseigneur hätte wärmer gegen ihn sein können. Unter diesen Umständen that es ihm fast wohl, das gemeine Volk vor seinen Pferden Platz machen und oft kaum dem Ueberfahrenwerden entgehen zu sehen. Sein Kutscher fuhr, als ob er auf einen Feind losstürmte und sein wüthendes Jagen vermochte den Herrn weder zu einer Miene noch zu einem Worte des Tadels. Selbst in dieser tauben Stadt und in diesem stummen Zeitalter war manchmal die Klage laut geworden, daß in den engen Straßen ohne Fußweg die rücksichtslose Patriziergewohnheit schnellen Fahrens das gewöhnlichere Volk in Gefahr brachte, die gesunden Glieder oder gar das Leben zu verlieren. Aber Wenige kümmerten sich so sehr darum, um ein zweites Mal daran zu denken und in dieser Weise, wie in allen andern, überließ man es dem großen Haufen, sich aus seiner Noth zu finden, so gut er konnte.
Der Aufenthalt am Brunnen.
Mit wildem Rasseln und Klappern und einer unmenschlichen Rücksichtslosigkeit, die man heutzutage nicht gut begreift, jagte der Wagen durch die Straßen und um Ecken herum, während Weiber laut schreiend vor ihm aus einander stoben und Männer einander bei dem Arm packten und Kinder aus dem Wege rissen. Endlich beim Umbiegen um eine Straßenecke bei einem Brunnen kam einem der Räder Etwas in den Weg, ein lauter Schrei ertönte aus dem Volke und die Pferde stiegen und schlugen aus.
Wenn letzteres nicht gewesen wäre, hätte der Wagen wahrscheinlich nicht gehalten; oft schon waren Wagen weiter gefahren und hatten ihre Verwundeten liegen lassen, und warum auch nicht? Aber der erschrockene Diener sprang hastig herunter und zwanzig Hände hatten die Zügel der Pferde gefaßt.
„Was ist geschehen?“ sagte Monsieur und sah ruhig aus dem Wagen heraus.
Ein langer Mann in einer Nachtmütze hatte ein Bündel unter den Hufen der Pferde hervorgerissen, hatte es auf den Unterbau des Brunnens gelegt, kniete in dem Schmutze und der Nässe der Straße nieder und heulte darüber wie ein wildes Thier.
„Pardon, Monsieur le Marquis!“ sagte ein zerlumpter Mann mit unterwürfiger Geberde, „es ist ein Kind.“
„Wozu macht er diesen abscheulichen Lärm? Ist es sein Kind?“
„Entschuldigen Sie, Monsieur le Marquis — es ist recht traurig — ja.“
Der Brunnen stand in einiger Entfernung; denn die Straße öffnete sich, wo er stand, auf einen kleinen freien Platz von fünfzehn oder zwanzig Schritten Breite. Wie der lange Mann plötzlich vom Erdboden aufsprang und auf den Wagen zugelaufen kam, legte Monsieur le Marquis einen Augenblick die Hand an den Degen.
„Todt!“ schrie der Mann in wilder Verzweiflung, indem er beide Arme gen Himmel erhob und den vornehmen Mann mit starrem Blick ansah. „Todt!“
Die Menge drängte sich um den Wagen und heftete die Blicke auf Monsieur le Marquis. In den vielen Augen, die ihn ansahen, zeigte sich Nichts, als Neugier und Spannung; kein Drohen und kein Zorn. Das Volk sagte auch Nichts; nach dem ersten Schrei war es stumm und blieb auch so. Die Stimme des unterwürfigen Mannes, der gesprochen hatte, war in ihrer übermäßigen Unterwürfigkeit tonlos und matt. Monsieur le Marquis ließ seine Blicke über sie hinschweifen, als ob sie Alle Nichts als Ratten wären, eben aus ihren Löchern hervorgekrochen.
Er zog die Börse.
„Ich kann mich nicht genug wundern,“ sagte er, „daß Ihr Leute Euch selbst und Eure Kinder nicht mehr in Acht nehmt. Einer oder der Andere von Euch ist immer im Wege. Wie kann ich wissen, welchen Schaden Ihr meinen Pferden gethan habt? Hier, gebt ihm das.“
Er warf ein Goldstück hinaus, daß der Diener es auflese und alle Hälse wurden lang, um zu sehen, wo es hinfiel. Der lange Mann schrie wieder in einem Tone, der nicht aus einer Menschenbrust zu kommen schien. „Todt!“
Die rasche Ankunft eines andern Mannes, dem die Uebrigen Platz machten, unterbrach ihn. Als der Arme diesen sah, fiel er schluchzend und weinend an seine Brust und wies auf den Brunnen, wo einige Frauen die kleine Leiche umstanden und sich scheu und sanft darum bewegten. Aber sie waren so stumm wie die Männer.
„Ich weiß Alles, ich weiß Alles,“ sagte der zuletzt Angekommene. „Faßt Euch, mein Gaspard! Besser für das arme kleine Wesen, so zu sterben, als zu leben. Es ist in einem Augenblick ohne Schmerz gestorben. Hätte es eine Stunde so glücklich leben können?“
„Ihr seid ein Philosoph, Freund,“ sagte der Marquis mit einem Lächeln. „Wie heißt Ihr?“
„Ich heiße Defarges.“
„Was seid Ihr?“
„Monsieur le Marquis, Weinschenk.“
„Hier nehmt, Philosoph und Weinschenk,“ sagte der Marquis und warf ihm ein Goldstück hin, „und verthut es nach Belieben. Kutscher, fahr’ zu!“
Ohne die versammelte Menge eines zweiten Blickes zu würdigen, lehnte sich Monsieur le Marquis in den Wagen zurück und es sollte eben weiter gefahren werden mit der Miene eines vornehmen Herrn, der zufällig etwas ganz Gemeines zerbrochen und es bezahlt hatte und das Geld entbehren konnte, als seine Seelenruhe plötzlich dadurch gestört wurde, daß ein Geldstück in den Wagen flog und klimpernd auf den Boden fiel.
„Halt!“ sagte Monsieur le Marquis. „Halt, Kutscher: Wer hat geworfen?“
Er blickte nach der Stelle, wo Defarges, der Weinschenk, noch vor einer Secunde gestanden hatte; aber der unglückliche Vater kniete auf dieser Stelle suchend auf dem Pflaster, und die Gestalt, welche neben ihm stand, war eine brunette, starke Frau, welche strickte.
„Ihr Hunde!“ sagte der Marquis, aber ruhig und mit unverändertem Gesicht, außer um die Vertiefung über den Nasenflügeln. „Ich würde ohne Anstand über Jeden von Euch wegfahren und ihn von der Erde vertilgen. Wenn ich wüßte, welcher Lump geworfen hat, und wenn er nahe genug wäre, wollte ich ihn mit den Rädern meines Wagens zermalmen.“
So gedrückt waren diese Menschen und so lange und so schlimme Erfahrung hatten sie von dem, was ein solcher Mann innerhalb des Gesetzes und über dasselbe hinaus ihnen anthun konnte, daß sich kein Mund, keine Hand, nicht einmal ein Auge regte. Unter den Männern nicht bei einem Einzigen. Aber die strickende Frau erhob die Augen und sah den Marquis fest in’s Gesicht. Es war nicht seiner Würde gemäß, das zu beachten; verachtungsvoll schweifte sein Blick über sie und alle die andern Ratten weg, und er legte sich wieder in den Wagen zurück und gab wieder den Befehl: „Fahr’ zu!“
Er fuhr fort und andere Kutschen fuhren ebenfalls in rascher Aufeinanderfolge vorüber; der Minister, der Staatsprojectenmacher, der Generalpächter, der Arzt, der Jurist, der Geistliche, die große Oper, das Lustspiel, der ganze Maskenball im bunten, ununterbrochenen Zuge fuhren vorüber. Die Ratten waren aus ihren Löchern hervorgekrochen, um das Schauspiel anzusehen und sie sahen ihm stundenlang zu, wobei Soldaten und Polizei oft zwischen sie und das Schauspiel traten und eine Kette bildeten, hinter welche sie sich verkrochen und durch die sie lugten. Der Vater hatte schon längst die kleine Leiche aufgehoben und war damit davon geschlichen, als die Frauen, welche sie mitleidig umstanden hatten, wie sie auf dem Unterbau des Brunnens lag, noch dort saßen und dem Rieseln des Wassers und dem Vorbeifahren des Maskenballes zusahen, — als das eine Weib, das, vor allen andern bemerklich, strickend dagestanden hatte, immer noch mit dem ruhigen Ausharren des Schicksals fortstrickte. Das Wasser des Brunnens rinnt dahin, der schnelle Fluß rinnt dahin, der Tag verrinnt in den Abend, so viel Leben in der Stadt verrinnt in den Tod, nach der Regel, „Zeit und Fluth warten auf Niemand.“ Die Ratten schliefen dicht zusammengedrängt wieder in ihren dunkeln Löchern, der Maskenball saß im hellen Kerzenschein beim Souper und jegliches Ding ging seines Weges.
Achtes Kapitel.
Monsieur le Marquis auf dem Lande.
Eine schöne Landschaft, von goldenen, aber nicht dichtbestandenen Weizenfeldern unterbrochen, Fleckchen dünn stehenden Roggens, wo Weizen hätte stehen sollen, Fleckchen kümmerlicher Bohnen und Erbsen, Fleckchen anderer geringer Stellvertreter für Weizen. Die unbelebte Natur war wie die Männer und Frauen, welche sie bewirthschafteten, mit einer vorherrschenden Neigung behaftet, sich als widerwillig vegetirend darzustellen,— mit einer niedergedrückten Stimmung sich aufzugeben und zu verwelken.
Monsieur le Marquis in seiner Reisekutsche (welche leichter hätte sein können), gefahren von vier Postpferden und zwei Postillons, fuhr langsam einen steilen Hügel hinauf. Ein rother Schimmer auf dem Antlitze Monsieurs le Marquis konnte seiner Vornehmheit keinen Eintrag thun; er kam nicht von inwendig; er rührte von einem außer seiner Controle stehende äußeren Umstande her, von der untergehenden Sonne.
Der Sonnenuntergang schien so glänzend in die Reisekutsche, als sie die Höhe erreichte, daß der darin Sitzende wie mit Purpur übergossen war. „Es wird gleich vorbei sein,“ sagte Monsieur le Marquis, mit einem Blick auf seine Hände.
In der That stand die Sonne so tief, daß sie gleich darauf unter den Horizont versank. Als der schwere Hemmschuh an das Rad gelegt war und der Wagen mit einem brenzlichen Geruch in einer Staubwolke den Berg hinabrutschte, verschwand die rothe Gluth rasch; da die Sonne und der Marquis mit einander bergunter gingen, war keine Gluth mehr vorhanden, als der Hemmschuh wieder entfernt ward.
Aber es blieb noch eine wellenförmige Landschaft, malerisch und weit, ein Dörfchen am Fuße eines Hügels, ein Abhang und Hügelrücken dahinter, ein Kirchthurm, eine Windmühle, ein Forst für die Jagd und ein Fels mit einer Burg auf der Spitze, die als Gefängniß diente. Auf alle diese allmälig in der niedersinkenden Dämmerung verschwimmenden Gegenstände blickte der Marquis mit der Miene eines Mannes, der sich der Heimath nähert.
Das Dörfchen hatte eine einzige ärmliche Straße, mit einer ärmlichen Brauerei, einer ärmlichen Gerberei, einer ärmlichen Schenke, einer ärmlichen Stallung für die Relais der Postpferde, einem ärmlichen Brunnen und allem andern gewöhnlichen ärmlichen Zubehör. Es hatte auch seine armen Einwohner. Alle seine Bewohner waren arm und viele derselben saßen vor ihren Hausthüren und schnitten Zwiebeln und Aehnliches zum Abendessen, während viele an dem Brunnen standen und Blätter und Gras und andere ähnliche Früchte der Erde, welche zur Noth gegessen werden konnten, wuschen. Ausdrucksvolle Anzeichen von dem, was sie arm machte, fehlten nicht; die Abgaben für den Staat, die Abgaben für die Kirche, die Abgaben für den Grundherrn, Localabgaben und Staatsabgaben mußten hier und dort bezahlt werden, wie ein großes Schild im Dörfchen sagte, so daß man sich wunderte, wie vom Dörfchen überhaupt noch Etwas übrig blieb.
Wenige Kinder waren sichtbar und keine Hunde. Was Männer und Weiber betrifft, so war ihre Wahl auf Erden sehr beschränkt — ein Leben unter den niedrigsten Bedingungen, unter denen es erhalten werden konnte, unten in dem Dörfchen unter der Mühle; oder Gefangenschaft und Tod in dem dräuenden Gefängniß auf dem Felsen.
Verkündet durch einen vorausreitenden Courier und von dem Klatschen der Peitschen seiner Postillone, die sich in der Abendluft schlangenartig um ihre Köpfe bewegten, als ob die Furien ihn begleiteten, ließ Monsieur le Marquis den Reisewagen an der Thür der Post anhalten. Sie war dicht beim Brunnen und die Landleute unterbrachen neugierig ihre Beschäftigung. Er ließ seine Blicke über sie wegschweifen und sah in ihnen, ohne es zu wissen, das langsame und sichere Abzehren von Antlitz und Gestalt durch Noth und Kummer, welches die Magerkeit der Franzosen zu einem englischen Aberglauben machte, der die Wahrheit fast hundert Jahre überleben sollte.
Monsieur le Marquis sah hinaus auf die unterwürfigen Gesichter, die sich vor ihm beugten, wie er sich vor Monseigneur gebeugt hatte — der einzige Unterschied war, daß diese Häupter sich nur beugten, um zu dulden und nicht um zu schmeicheln, — als ein ergrauter Chausseearbeiter unter die Umstehenden trat.
„Bringt mir den Kerl her!“ sagte der Marquis zu dem Courier.
Der Kerl wurde mit der Mütze in der Hand hergebracht und die andern Kerle drängten sich heran, um zuzuhören, ganz wie die Leute am Brunnen in Paris.
„Ihr standet an der Straße, als ich vorüber fuhr?“
„Ja, Monseigneur. Ich hatte die Ehre zu sehen, wie Euer Gnaden fuhren vorüber.“
„Wie ich die Höhe herauffuhr und oben auf der Höhe, nicht?“
„Ja, Monseigneur.“
„Wonach blicktet Ihr mit so starrem Auge?“
„Monseigneur, ich starrte den Mann an.“
Er bückte sich ein Wenig und wies mit seiner zerlumpten blauen Mütze unter den Wagen. Alle die Andern bückten sich auch, um unter den Wagen zu sehen.
„Was für ein Mann, Kerl? Und warum dorthin sehen?“
„Verzeihung, Monseigneur; er hing an der Kette des Hemmschuhs.“
„Wer?“ fragte der Reisende.
„Monseigneur, der Mann.“
„Der Teufel soll diese Esel holen! Wie hieß der Mann! Ihr kennt ja alle Leute dieser Gegend. Wer war der Mann?“
„Verzeihen Sie, Monseigneur! Er war nicht aus dieser Gegend. In meinem ganzen Leben habe ich ihn nie gesehen!“
„Er hing an der Kette? Um im Staube zu ersticken?“
„Mit Ihrer gnädigen Erlaubniß, Monseigneur, das war eben das Wunder. Der Kopf hing herunter. — So!“
Er drehte sich halb um und bog sich zurück, so daß das Gesicht zum Himmel gewendet war und der Kopf hinten über hing; dann stellte er sich wieder gerade, zerdrückte die Mütze in der Hand und machte eine Verbeugung.
„Wie sah er aus?“
„Monseigneur, er war weißer, als ein Müller. Ueber und über mit Staub bedeckt, weiß wie ein Gespenst, groß wie ein Gespenst!“
Der Vergleich machte einen tiefen Eindruck auf die Umstehenden; aber alle Augen, ohne sich erst mit andern Augen ins Einvernehmen zu setzen, blickten auf Monsieur le Marquis. Vielleicht um zu sehen, ob sein Gewissen ein Gespenst belästigte.
„Wahrhaftig, es war sehr gescheut von Euch,“ sagte der Marquis, in dem glücklichen Bewußtsein, daß solches Gewürm ihn nicht ärgern dürfe, „einen Dieb unten an meinem Wagen hängen zu sehen und Euer großes Maul nicht aufzuthun. Bah! Laßt ihn gehen, Monsieur Gabelle.“
Monsieur Gabelle war Postmeister und zugleich Steuerbeamter; er war mit großem Diensteifer herausgekommen, um dem Verhör beizuwohnen und hatte mit strenger Amtsmiene den Verhörten am zerlumpten Aermel festgehalten.
„Bah! Laßt ihn gehen!“ sagte Monsieur Gabelle.
„Nehmt diesen unbekannten Mann fest, wenn er für die Nacht ein Obdach hier im Dorfe suchen sollte, und versichert Euch, daß er ehrliche Absichten hat, Gabelle.“
„Monseigneur, ich bin zu sehr geehrt, Ihre Befehle ausführen zu dürfen.“
„Lief der Kerl fort? — Wo ist der Andere?“
Der Andere war bereits mit einem halben Dutzend besonderer Freunde unter dem Wagen und zeigte mit seiner blauen Mütze, wie der Mann an der Kette gehangen hatte. Ein anderes halbes Dutzend besonderer Freunde holte ihn rasch hervor und stellte ihn athemlos vor den Marquis hin.
„Lief der Mann fort, Kerl, als wir hielten, um zu hemmen?“
„Monseigneur, er stürzte kopfüber den Abhang hinunter, wie wenn sich Jemand in einen Fluß wirft.“
„Erkundigt Euch weiter danach, Gabelle. Kutscher, fahr’ zu!“
Das halbe Dutzend, welches die Kette beguckte, war immer noch zwischen den Rädern wie Schafe; die Räder drehten sich so rasch, daß sie sich glücklich schätzen konnten, Haut und Knochen unverletzt davon zu tragen; sie hatten wenig mehr davon zu tragen, sonst wären sie wohl nicht so glücklich gewesen.
Der rasche Lauf, in welchem der Wagen das Dorf verließ und den Abhang jenseits hinauf fuhr, wurde bald von der Steilheit des letztern verlangsamt. Allmälig verfielen die Pferde in Schritt und schwankend und polternd bewegte sich die Kutsche durch die vielen süßen Düfte einer Sommernacht. Die Postillone, deren Köpfe jetzt anstatt der Furien Tausende von Mücken umkreisten, flickten ruhig die Schwippen ihrer Peitschen aus; der Lakai ging neben den Pferden; den Courier hörte man in der dunkeln Ferne traben.
An der steilsten Stelle des Hügels befand sich ein kleiner Kirchhof mit einem Kreuz und einem neuen großen Bilde unseres Heilands daran; es war ein armseliges Holzbild, von einem ungeübten Holzschnitzer des Dorfes verfertigt, der aber den Körper nach dem Leben studirt hatte — vielleicht nach seinem eigenen Leben — denn er war schrecklich mager und abgezehrt.
Vor diesem traurigen Sinnbilde eines großen Elends, das seit vielen Jahren immer schlimmer geworden und noch nicht seinen Höhepunkt erreicht hatte, kniete eine Frau. Sie wendete den Kopf, als der Wagen sie erreichte, stand rasch auf und trat an den Kutschenschlag.
„Ach, Monseigneur! Monseigneur, eine Bittschrift.“
Mit einem Ausruf der Ungeduld, aber mit seinem unveränderten Gesicht, blickte der Marquis zum Wagenfenster hinaus.
„Was giebts! Immer Bittschriften!“
„Monseigneur. Um die Liebe des großen Gottes! Mein Mann, der Förster.“
„Was ist mit Eurem Manne, dem Förster? Es ist immer die alte Geschichte mit Euch Leuten. Euer Mann kann Etwas nicht bezahlen?“
„Er hat Alles bezahlt, Monseigneur, er ist gestorben.“
„Gut, so hat er Ruhe. Ich kann ihn Euch nicht wiedergeben.“
„Ach Gott, nein, Monseigneur! Aber er liegt dort unter einem dürftigen Rasenhügel.“
„Nun?“
„Monseigneur, es sind so viele dürftige Rasenhügel.“
„Was weiter?“
Sie sah alt aus, war aber jung. Sie geberdete sich in leidenschaftlichem Schmerz; abwechselnd schlug sie ihre abgezehrten Hände in wilder Leidenschaft zusammen und legte eine derselben auf den Wagenschlag — zärtlich und liebkosend, als hätte er ein menschliches Herz und könnte die bittende Berührung fühlen.
„Monseigneur, hören Sie mich! Monseigneur, hören Sie meine Bitte! Mein Mann starb aus Mangel; so Viele sterben aus Mangel; noch Viele werden aus Mangel sterben.“
„Was dann! Kann ich sie füttern?“
„Monseigneur, das weiß der gute Gott, aber ich verlange es nicht. Ich bitte nur, daß ein Stein oder Bret mit meines Mannes Namen auf sein Grab gestellt werde, als Zeichen, wo er liegt. Sonst wird die Stelle rasch vergessen, man findet sie nicht wieder, wenn ich an derselben Krankheit sterbe und man legt mich an einen anderen dürftigen Rasenhügel. Monseigneur! es sind ihrer so viele, sie vermehren sich so rasch, es ist so wenig Platz. Monseigneur! Monseigneur!“
Der Lakai hatte sie von dem Kutschenschlage weggeschoben, die Kutsche fuhr in raschem Trabe davon, die Postillone gaben den Pferden die Peitsche, das Weib blieb weit zurück und der Marquis, wieder von Furien geleitet, ließ rasch die ein oder zwei Stunden Entfernung, welche zwischen ihnen und dem Schlosse noch lagen, hinter sich.
Die lieblichen Düfte der Sternennacht regten sich ringsum und kamen so unparteiisch, wie der Regen fällt, auch der bestaubten, zerlumpten und arbeitsmüden Gruppe am Brunnen in der Nähe zu Gute, welcher der Straßenarbeiter mit Hülfe der blauen Mütze, ohne die er Nichts war, immer noch von dem Manne wie von einem Gespenst erzählte, so lange sie zuhören wollten. Allmälig, wie sie genug hatten, verlor sich Einer nach dem Andern und Lichter funkelten in kleinen Fenstern, welche Lichter, als die Fenster dunkel wurden und mehr Sterne sich zeigten, empor an den Himmel gefahren schienen, anstatt ausgelöscht worden zu sein.
Der Schatten eines großen Hauses mit hohem Dach und vielen überhängenden Bäumen lag zu dieser Stunde auf Monsieur le Marquis; und an die Stelle des Schattens trat der Schein einer Fackel, wie die Kutsche hielt und das große Thor des Schlosses sich vor dem Marquis aufthat.
„Ist Monsieur Charles aus England angekommen?“
„Monseigneur, noch nicht!“
Neuntes Kapitel.
Das Medusenhaupt.
Es war eine schwere Gebäudemasse, dieses Schloß Monseigneurs, mit einem großen, mit Steinen gepflasterten Hof davor und einer doppelten steinernen Treppenflucht, welche hinauf zu der steinernen Terrasse vor der Hauptthür führte. Es war überhaupt eine steinerne Geschichte mit schweren Balustraden von Steinen und steinernen Urnen und steinernen Blumen und steinernen Gesichtern und steinernen Löwenköpfen in allen Richtungen. Als ob ein Medusenhaupt es angesehen, als es vor zwei Jahrhunderten fertig geworden.
Monsieur le Marquis stieg die breite Treppenflucht von niedrigen Stufen hinauf, während die Fackel ihm immer noch vorleuchtete, und die Finsterniß genug störte, um eine Eule in dem Dache des großen Stallgebäudes dort unter den Bäumen zu lauten Vorstellungen zu bewegen. Im Uebrigen war Alles so still, daß die Fackel, die dem Marquis vorleuchtete und die andere Fackel, die ein Lakai an der großen Thür in die Höhe hielt, brannten, als ob sie in einem verschlossenen Staatszimmer anstatt in der freien Nachtluft wären. Einen anderen Laut, als den Ruf der Eule, vernahm man nicht, außer dem Plätschern eines Springbrunnens in seinem steinernen Becken; denn es war eine jener dunkeln Nächte, welche ihren Athem stundenlang anhalten und dann einen langen leisen Seufzer vernehmen lassen, und ihren Athem wieder anhalten.
Die große Thür fiel schallend hinter ihm zu und Monsieur le Marquis schritt durch eine Vorhalle, ausgeschmückt mit alten Schweinsspießen, Hirschfängern und anderen Jagdgeräthen; aber auch mit schweren Reitgerten und Reitpeitschen, deren Gewicht mancher seitdem zu seinem Wohlthäter Tod gegangene Landmann gefühlt hatte, wenn der gnädige Herr schlechter Laune war.
Monsieur le Marquis mied die größeren Zimmer, die nicht erleuchtet und für die Nacht schon zugeschlossen waren, und ging, während der Fackelträger immer noch voranleuchtete, die Treppe hinauf bis zu einer Thür auf einem Corridor. Diese ging auf und gestattete ihm Zutritt in seine eigne Privatwohnung von drei Zimmern, einem Schlafgemach und zwei anderen. Hohe gewölbte Räume ohne Teppiche auf dem Fußboden, mit großen eisernen Unterlagen auf dem Heerde des Kamins, um während des Winters mit Holz zu heizen, und allem einem Marquis gebührenden Luxus in einer üppigen Zeit und einem üppigen Lande. Die Mode des letzten Ludwig von dem Geschlechte, das nie ausgehen sollte — des vierzehnten Ludwigs — war in der reichen Ausstattung der Gemächer vorherrschend; aber es waren auch viele Gegenstände zu erblicken, die an alte Zeiten der Geschichte von Frankreich erinnerten.
Ein Tisch war im dritten der Zimmer gedeckt. Es war ein rundes Zimmer in einem der vier Thürme mit Dächern wie Lichtauslöscher; ein kleines hohes Zimmer, dessen eines Fenster weit offen stand, während die Jalousien geschlossen waren, so daß die finstere Nacht sich nur in schmalen horizontalen schwarzen Streifen zeigte, die mit breiten Streifen von Steinfarbe abwechselten.
„Mein Neffe ist noch nicht da, wie ich höre,“ sagte der Marquis mit einem Blick auf die Vorbereitung zum Abendessen.
Er war noch nicht da; aber man hatte ihn mit Monseigneur erwartet.
„Ah! Er wird wahrscheinlich heute Abend nicht kommen; aber laßt die Tafel, wie sie ist. Ich werde in einer Viertelstunde fertig sein.“
In einer Viertelstunde war Monseigneur fertig und setzte sich allein zu seinem üppigen und auserlesenen Mahle hin. Sein Stuhl stand dem Fenster gegenüber und er hatte seine Suppe gegessen und brachte sein Glas Bordeaux an den Mund, als er es wieder wegsetzte.
„Was ist das?“ fragte er ruhig und heftete aufmerksam den Blick auf die horizontalen Streifen von schwarzer und Steinfarbe.
„Monseigneur? Was!“
„Draußen vor den Jalousien. Macht die Jalousien auf.“
Es geschah.
„Nun?“
„Monseigneur! Es ist Nichts. Die Bäume und die Nacht — weiter ist Nichts draußen —“
Der Bediente hatte die Jalousien weit geöffnet, in die leere Nacht hinaus gesehen und drehte sich jetzt nach weiteren Verhaltungsbefehlen um.
„Gut!“ sagte der nicht aus der Fassung zu bringende Herr. „Mach’ sie wieder zu.“
Es geschah und der Marquis aß weiter. Er war halb fertig, als er abermals das halb zum Munde geführte Glas wieder hinsetzte, denn er hörte einen Wagen rollen. Er näherte sich rasch und machte vor dem Schlosse Halt.
„Sieh zu, wer gekommen ist.“
Es war der Neffe Monseigneurs. Er war zeitig am Nachmittage, nur wenige Stunden hinter Monseigneur, hergefahren. Er war rasch gefahren, aber doch nicht rasch genug, um Monseigneur unterwegs einzuholen. Man hatte ihm auf den Poststationen gesagt, daß Monseigneur vor ihm her fahre.
Man sollte ihm sagen, befahl Monseigneur, daß das Abendessen hier auf ihn warte und er gebeten werde, daran theilzunehmen. Nach einer kleinen Weile trat der Angekommene ein. In England hatte er Charles Darnay geheißen.
Monseigneur empfing ihn höflich, aber sie reichten sich nicht die Hände.
„Sie sind gestern von Paris abgereist, Sir?“ sagte er zu Monseigneur, als er an der Tafel Platz nahm.
„Gestern. Und Sie?“
„Ich komme direct.“
„Von London?“
„Ja.“
„Sie haben lange gezögert,“ sagte der Marquis mit einem Lächeln.
„Im Gegentheil, ich komme direct.“
„Verzeihen Sie! Ich glaube nicht, daß Sie unterwegs lange gezögert haben, sondern mit dem Entschluß zu reisen.“
„Ich hatte Abhaltung —“, der Neffe stockte einen Augenblick in seiner Antwort — „in Folge von Geschäften.“
„Natürlich,“ sagte der höfliche Onkel.
So lange ein Bedienter anwesend war, ward kein Wort weiter zwischen den Beiden gewechselt. Als Kaffee servirt war und sie sich wieder allein befanden, begann der Neffe ein Gespräch, indem er den Onkel ansah und den Augen des Gesichts begegnete, das wie eine schöne Maske aussah.
„Ich kehre zurück von einer Reise in Verfolg des Zieles, das Sie kennen. Es hat mich in große, unerwartete Gefahr gebracht; aber es ist ein heiliges Ziel und wenn es mich in den Tod geführt hätte, hätte es mich, hoffe ich, aufrecht erhalten.“
„Nicht in den Tod,“ sagte der Onkel; „es ist nicht nothwendig zu sagen in den Tod.“
„Ich bezweifle sehr,“ entgegnete der Neffe, „ob, wenn es mich bis an den Rand des Grabes geführt hätte, Sie einen Finger aufgehoben hätten, um mich zu retten.“
Das Vertiefen der Grübchen in der Nase und das Längerwerden der schönen geraden Linien in dem grausamen Gesicht antworteten ominös genug auf diese Vermuthung; der Onkel machte eine anmuthig protestirende Handbewegung, welche so offenbar eine bloße Höflichkeit war, daß sie nicht beruhigen konnte.
„Wahrhaftig, Sir,“ fuhr der Neffe fort, „nach dem, was ich weiß, können Sie eben so gut ausdrücklich darauf hingewirkt haben, den verdächtigen Verhältnissen, die mich umgaben, einen noch verdächtigeren Anstrich zu geben.“
„O, nein, nein,“ sagte der Onkel mit freundlichem Lächeln.
„Sei dem, wie ihm wolle,“ fing der Neffe wieder an und sah ihn mit tiefem Mißtrauen an, „ich weiß, daß Ihre Diplomatie mich durch jedes Mittel hindern und sich in Betreff der Mittel kein Gewissen machen würde.“
„Mein Bester, das habe ich Ihnen gesagt,“ sagte der Onkel mit einem leisen Zittern über den Nasenflügeln. „Haben Sie die Güte, nicht zu vergessen, daß ich Ihnen das vor langer Zeit gesagt habe.“
„Ich erinnere mich dessen wohl.“
„Ich danke Ihnen,“ sagte der Marquis mit der liebenswürdigsten Höflichkeit.
Der Klang seiner Stimme zitterte durch die Luft fast wie der Ton eines musikalischen Instruments.
„Wahrhaftig, Sir,“ fuhr der Neffe fort, „ich glaube, es ist zu gleicher Zeit Ihr Mißgeschick und mein Glück, was mir hier in Frankreich die Freiheit läßt.“
„Ich verstehe nicht ganz,“ erwiderte der Onkel, seinen Kaffee schlürfend. „Darf ich um nähere Erläuterung bitten?“
„Ich glaube, daß, wenn Sie nicht bei Hof in Ungnade wären und zwar schon seit Jahren, mich längst ein Lettre de Cachet auf unbestimmte Zeit auf eine Festung geschickt hätte.“
„Wohl möglich,“ sagte der Onkel mit großer Ruhe. „Um der Familienehre willen könnte ich mich sogar entschließen, Ihnen diese Ungelegenheit zu verursachen. Ich bitte es zu entschuldigen.“
„Ich bemerke, daß zu meinem Glücke der Empfang bei der vorgestrigen Audienz wie gewöhnlich ein kalter gewesen ist,“ bemerkte der Neffe.
„Ich möchte nicht sagen zu Ihrem Glücke, mein Werthester,“ entgegnete der Onkel mit der größten Höflichkeit; „ich bin dessen nicht so sicher. Eine gute Gelegenheit zum Nachdenken, verbunden mit den Vortheilen der Einsamkeit, würde vielleicht auf Ihr Schicksal mehr vortheilhaften Einfluß haben, als Sie selbst haben können. Doch ist es unnütz, darüber zu reden. Wie Sie sagen, bin ich darin im Nachtheil. Diese kleinen Besserungsmittel, diese sanften Hülfen für Familienmacht und Ehre, diese kleinen Begünstigungen, die Ihnen unbequem werden können, sind jetzt nur durch Fürsprache und Zudringlichkeit zu erlangen. Sie werden von so Vielen gesucht und verhältnißmäßig so Wenigen gewährt! Es war sonst nicht so, aber Frankreich hat sich in allen diesen Dingen verschlimmert. Unsere Vorväter hatten das Recht über Leben und Tod der umwohnenden gemeinen Heerde. Aus diesem Zimmer sind viele dieser Lumpen zum Galgen geführt worden; im nächsten Zimmer, in meinem Schlafzimmer, wurde ein Bursche auf der Stelle niedergestoßen, weil er ein unverschämtes Bedenken wegen seiner Tochter hatte — seiner Tochter! — Wir haben viele Vorrechte verloren; eine neue Philosophie ist Mode geworden; und die Behauptung unserer Stellung könnte (ich gehe nicht so weit zu sagen, würde, aber könnte) uns heutzutage wirkliche Ungelegenheiten verursachen. Sehr traurig!“
Der Marquis nahm eine kleine Prise aus seiner Dose und schüttelte den Kopf so graziös verzweifelnd, als er anständigerweise sein konnte, verzweifelnd an einem Lande, das noch ihn besaß, dieses große Mittel der Wiedererhebung.
„Wir haben unsere Stellung in alter und neuerer Zeit so behauptet,“ sagte der Neffe düster, „daß ich glaube, unser Name ist in Frankreich mehr gehaßt, als jeder andere.“
„Das wollen wir hoffen,“ sagte der Onkel. „Haß der Großen ist die unwillkürliche Huldigung der Kleinen.“
„In diesem ganzen Lande rings um uns,“ fuhr der Neffe in seinem früheren Tone fort, „giebt es kein Gesicht, welches mich mit einem anderen Gefühle ansieht, als dem der scheuen Unterwürfigkeit, der Furcht und Sclaverei.“
„Ein Compliment für die Bedeutung der Familie,“ sagte der Marquis, „verdient durch die Art und Weise, wie die Familie ihre Bedeutung aufrecht erhalten hat. Ha!“ und er nahm wieder eine kleine Prise und legte gleichgültig die Beine über einander.
Aber als der Neffe sich mit dem Ellbogen auf den Tisch stützte und gedankenvoll und niedergeschlagen die Augen mit der Hand bedeckte, blickte die schöne Maske ihn mit einem stärkeren Ausdruck von Neugier, Mißtrauen und Abneigung an, als sich mit der angenommenen Gleichgültigkeit des Mannes vertrug.
„Zwang und Gewalt ist die einzige dauernde Philosophie. Die scheue Unterwürfigkeit der Furcht und Sclaverei, mein Bester,“ bemerkte der Marquis, „erhält die Kerle der Peitsche gehorsam, so lange dieses Dach“ — mit einem Blick in die Höhe — „den Himmel hinaus sperrt.“
Das dauerte möglicherweise nicht so lange, als der Marquis meinte. Wenn er diese Nacht ein Bild des Schlosses hätte sehen können, wie es und fünfzig andere in ein Paar Jahren sein würde, so hätte er wahrscheinlich kaum das seinige in den rauchgeschwärzten, ausgeplünderten Trümmern erkannt. Und was das Dach betrifft, so hätte er finden können, daß es den Himmel auf eine ganz neue Art hinaussperrte — nämlich für immer aus den Augen der Leichen, in welche sein Blei aus hunderttausend Musketen gefeuert worden.
„Unterdessen,“ sagte der Marquis, „will ich die Ehre und Ruhe der Familie wahren, wenn Sie es nicht thun wollen. Aber Sie müssen müde sein. Wollen wir unsere Conferenz für heute schließen?“
„Noch einen Augenblick!“
„Eine Stunde, wenn Sie wünschen.“
„Sir!“ sagte der Neffe, „wir haben Unrecht gethan und ernten jetzt die Früchte.“
„Wir haben Unrecht gethan?“ wiederholte der Marquis mit einem fragenden Lächeln und deutete erst höflich auf seinen Neffen, dann auf sich.
„Unsere Familie; unsere ehrenreiche Familie, deren Ehre uns Beiden so sehr und in so verschiedener Weise am Herzen liegt. Selbst bei meines Vaters Lebzeiten haben wir unendliches Unrecht gethan und jede menschliche Creatur verletzt, die zwischen uns und unsere Laune trat. Aber brauche ich von meines Vaters Zeit zu sprechen, da sie zugleich die Ihrige war? Kann ich meines Vaters Zwillingsbruder, Miterben und nächsten Erbfolger von ihm trennen?“
„Das hat der Tod besorgt,“ sagte der Marquis.
„Und hat mich hier gelassen,“ gab der Neffe zur Antwort, „gefesselt an ein System, das mir entsetzlich ist, für das ich verantwortlich bin, in welchem mir aber jede Macht fehlt, Etwas zu thun; beständig bemüht, die letzte Bitte aus dem Munde meiner geliebten Mutter zu erfüllen und dem letzten Blick meiner geliebten Mutter zu gehorchen, die mich bat, Erbarmen zu haben und zu helfen; und fortwährend von dem Schmerz gequält, Beistand und Macht zum Helfen vergebens zu suchen.“
„Wenn Sie sie bei mir suchen, lieber Neffe,“ sagte der Marquis, indem er mit dem Zeigefinger seine Brust berührte, „so suchen Sie vergebens, dessen können Sie sicher sein.“
Jede von den fein gezogenen Furchen in dem fleckenlosen weißen Gesicht zog sich grausam und tückisch zusammen, wie er, die Dose in der Hand, seinen Neffen ruhig ansah. Noch einmal tupfte er ihn auf die Brust, als ob sein Finger die feine Spitze eines Degens wäre, welchen er ihm mit gewandter Kunst durch das Herz stieße, und sagte:
„Verehrtester, ich werde sterben und das System, unter welchem ich gelebt habe, Ihnen vermachen.“
Als er das gesagt hatte, nahm er noch eine letzte Prise und steckte die Dose in die Tasche.
„Seien Sie lieber vernünftig,“ setzte er dann hinzu, nachdem er mit einer kleinen Klingel auf dem Tische geschellt hatte, „und fügen Sie sich in Ihr natürliches Schicksal. Aber Sie sind verloren, Monsieur Charles.“
„Diese Besitzungen und Frankreich sind für mich verloren,“ sagte der Neffe düster; „ich entsage ihnen.“
„Können Sie ihnen schon entsagen? Frankreich vielleicht, aber der Besitzung? Es ist kaum der Mühe werth, es zu erwähnen; aber können Sie jetzt schon darüber verfügen?“
„Diesen Sinn wollte ich meinen Worten nicht geben. Wenn sie morgen von Ihnen an mich fielen —“
„Was, wie ich eitel genug bin zu hoffen, nicht wahrscheinlich ist —“
„— oder in zwanzig Jahren —“
„Sie erweisen mir zu viel Ehre,“ sagte der Marquis; „dennoch ziehe ich diese Annahme vor.“
„— So würde ich sie aufgeben und anderswo und irgendwie leben. — Ich gäbe wenig hin, denn was ist es hier mehr als ein Labyrinth von Elend und Verderben!“
„Ah?!“ sagte der Marquis und ließ seinen Blick durch das üppig ausgestattete Zimmer streifen.
„Dem Auge erscheint es hier schön genug; aber bei Tageslicht und unter freiem Himmel gesehen, ist es ein wüster Haufe von Verschwendung, schlechter Wirthschaft, Erpressung, Ueberschuldung, Tyrannei, Hunger, Nacktheit und Jammer.“
„Ah?!“ sagte der Marquis wieder in selbstzufriedener Weise.
„Wenn die Besitzung jemals mein Eigenthum wird, so gebe ich sie in eine Hand, welche besser geeignet ist, sie langsam, wenn es überhaupt möglich ist, von der Last zu befreien, die sie niederdrückt, so daß die armen Leute, welche sie nicht verlassen können und bis zur letzten Möglichkeit des Erduldens gedrückt worden sind, in einer andern Generation Aussicht haben, weniger zu leiden; aber meine Arbeit kann dies nicht sein. Es liegt ein Fluch darauf und auf diesem ganzen Lande.“
„Und Sie?“ fragte der Onkel. „Verzeihen Sie meine Neugier; gedenken Sie mit Hülfe Ihrer neuen Philosophie zu leben?“
„Um zu leben, muß ich thun, was andere meiner Landsleute, trotz ihres adeligen Wappens, vielleicht seiner Zeit werden thun müssen — arbeiten —“
„In England zum Beispiel?“
„Ja. Die Familienehre ist in diesem Lande sicher vor mir. Der Familienname kann von mir in keinem andern Lande leiden, denn ich führe ihn in keinem andern.“
Auf das Klingeln vorhin war das anstoßende Schlafzimmer erleuchtet worden. Es schien jetzt von dort hell durch die Thür herein. Der Marquis blickte nach dieser Richtung und lauschte den sich entfernenden Schritten seines Leibdieners.
„England besitzt sehr viel Anziehungskraft für Sie, wenn man bedenkt, daß Sie dort nicht besonders Ihr Glück gemacht haben,“ bemerkte er alsdann, indem er mit einem Lächeln sein ruhiges Gesicht dem Neffen zuwendete.
„Ich habe bereits gesagt, wie ich fühle, daß ich mein geringes Glück dort vielleicht Ihnen zu verdanken habe. Im Uebrigen ist es mein Asyl.“
„Diese prahlerischen Engländer sagen, es sei das Asyl Vieler. Sie kennen einen Landsmann, der einen Zufluchtsort dort gefunden hat? Einen Arzt?“
„Ja!“
„Mit einer Tochter?“
„Ja!“
„Ja,“ sagte der Marquis. „Sie sind müde. Gute Nacht!“
Als er sich in seiner höflichsten Weise verneigte, wußte er seinem lächelnden Gesicht und seinen Worten einen so geheimnißvollen Ausdruck zu geben, daß sein Neffe davon betroffen wurde. Zugleich verzogen sich die schmalen geraden Augenbrauen und die schmalen geraden Lippen und die Grübchen über den Nasenflügeln mit einem Sarkasmus, der diabolisch schön aussah.
„Ja,“ wiederholte der Marquis. „Ein Arzt mit einer Tochter. Ja. So fängt die neue Philosophie an? Sie sind müde. Gute Nacht!“
Es hätte ebensoviel genützt, eines von den Steingesichtern draußen am Schlosse zu befragen, als dieses Gesicht zu befragen. Der Neffe sah ihn vergeblich an, als er an ihm vorbei nach der Thüre ging.
„Gute Nacht!“ sagte der Onkel. „Ich erwarte mit Vergnügen, Sie morgen früh wiederzusehen. Angenehme Ruhe! Leuchte Monsieur nach seinem Zimmer! — und verbrenne Monsieur in seinem Bett, wenn Du Lust hast —“ setzte er zu sich selbst sprechend hinzu, ehe er wieder mit der Klingel schellte und seinen Leibdiener in sein Schlafzimmer rief.
Der Leibdiener kam und ging, Monsieur le Marquis ging in seinem weiten Schlafrock auf und ab, um sich in dieser schwülen, stillen Nacht langsam auf den Schlaf vorzubereiten. Wie er sich in dem Zimmer, die Füße in weiche Pantoffeln gesteckt, geräuschlos auf und ab bewegte, nahm er sich fast aus, wie ein verfeinerter Tiger. Er sah aus wie ein verzauberter Marquis von der unbußfertig verworfenen Art im Märchen, dessen periodische Umwandlung in Tigergestalt entweder eben vorbei oder im Anzuge war.
Er schritt in seinem üppig ausgestatteten Schlafzimmer auf und ab und musterte die Erinnerungen an die heutige Reise, wie sie ihm ungeheißen einfielen. Die langsame Fahrt den Hügel hinauf bei Sonnenuntergang, die untergehende Sonne, die Hinabfahrt, die Mühle, den Kerker auf den Felsen, das Dörfchen im Thale, die Landleute am Brunnen und den Straßenarbeiter, wie er mit seiner blauen Mütze auf die Kette unter dem Wagen wies.
Dieser Brunnen erinnerte ihn an den Brunnen von Paris, an die kleine Leiche, die auf dem Unterbau lag, an die Frauen, die sich darüberbückten, und an den Mann, der mit gen Himmel gestreckten Armen ausrief: „Tod!“
„Ich bin jetzt abgekühlt,“ sagte Monsieur le Marquis, „und kann zu Bett gehen.“
So, nachdem er nur eine Kerze auf dem großen Kamin brennend stehen gelassen, zog er die leichten Gazevorhänge um das Bett zu und hörte die Nacht ihr Schweigen mit einem langen Seufzer unterbrechen, als er sich zum Schlafen auf das Pfühl streckte.
Drei lange Stunden lang stierten die steinernen Gesichter draußen blind in die schwarze Nacht hinaus; drei lange Stunden lang klapperten die Pferde in den Ställen an ihren Raufen, bellten die Hunde und gab die Eule einen Ton von sich, der sehr wenig mit demjenigen gemein hatte, den ihr gewöhnlich die Poeten zuschreiben. Aber es ist die verstockte Gewohnheit solcher Geschöpfe, kaum jemals das zu sagen, was ihnen vorgeschrieben ist.
Drei lange Stunden lang stierten die steinernen Gesichter des Schlosses, Löwengesichter und Menschengesichter, blind in die Nacht hinaus. Todte Finsterniß lag auf der ganzen Landschaft, todte Finsterniß verwischte vollends, was der verwischende Staub auf allen Straßen übrig ließ. Der Gottesacker war so weit gekommen, daß seine dürftigen Rasenhügel nicht mehr von einander zu unterscheiden waren; die Gestalt am Kreuze hätte herabgestiegen sein können, so wenig sah man von ihr. In dem Dorfe schliefen Besteuerer und Besteuerte fest. Vielleicht von Festgelagen träumend, wie es häufig bei Hungernden geschieht, oder von Bequemlichkeit und Ruhe, wie der abgetriebene Sclave und der eingespannte Ochs, schliefen die abgemagerten Bewohner gesund und fühlten sich gesättigt und frei.
Drei dunkle Stunden hindurch floß der Brunnen im Dorfe ungesehen und ungehört und der Brunnen im Schlosse plätscherte ungesehen und ungestört — beide flossen dahin wie die Minuten, die aus der Quelle der Zeit entströmen. Dann wurde das graue Wasser beider gespenstig im Morgenlichte, und die Augen der steinernen Gesichter des Schlosses öffneten sich.
Es wurde heller und heller, bis endlich die Sonne die Wipfel der regungslosen Bäume vergoldete und ihren Glanz über den Hügel ausgoß. In der Gluth schien das Wasser des Schloßbrunnens zu Blut zu werden, und die steinernen Gesichter zu erröthen. Das Lied der Vögel klang laut und hell, und auf dem Simse des großen Fensters im Schlafgemach Monsieur le Marquis’ stimmte ein niedlicher Sänger aus voller Brust sein Lied an. Darüber schien das nächste steinerne Gesicht erstaunt die Augen aufzureißen und mit offenem Munde und heruntersinkender Unterkiefer entsetzt auszusehen.
Jetzt war die Sonne vollständig aufgegangen und es begann sich im Dorfe zu regen. Kleine Fenster wurden geöffnet, wacklige Thüren aufgeriegelt und die Leute traten, noch fröstelnd in der frischen Morgenluft, zu den Hütten heraus. Dann fing die selten erleichterte Tagesarbeit der Dorfbewohner von vorn wieder an. Einige gingen an den Brunnen; einige auf das Feld. Männer und Frauen dorthin, um zu hacken und zu graben; Männer und Frauen dahin, um nach dem halb verhungerten Vieh zu sehen und die knochendürren Kühe auf die dürftige Weide zu führen, welche an den Straßenrändern zu finden war. In der Kirche und vor dem Kreuze sah man die eine oder andere knieende Gestalt; und während vor dem letzteren Eine ihr Gebet verrichtete, versuchte die am Stricke geführte Kuh unter den paar Pflanzen am Fuße desselben ein Frühstück zu finden.
Das Schloß wachte später auf, wie sich’s für seinen vornehmeren Stand gebührte, wachte aber allmälig und sicher auf. Zuerst waren die einsamen Schweinsspieße und Hirschfänger roth geworden wie vor Alters; dann hatten sie scharf und schneidig in der Morgensonne geglänzt; jetzt wurden Thüren und Fenster geöffnet, die Pferde in den Ställen sahen sich nach dem Lichte und der Morgenfrische um, die zu den Thüren hereinströmten, Blätter glänzten und rauschten an eisernen Fenstergittern, Hunde zerrten an ihren Ketten und bäumten sich ungeduldig, um losgelassen zu werden.
Alle diese gewöhnlichen Vorfälle gehörten zu dem alltäglichen Treiben und der Wiederkehr des Morgens. Aber gewiß nicht das Läuten der großen Glocke des Schlosses, das treppauf und treppab Rennen, die in verstörter Eile über die Terrasse laufenden Gestalten, die schweren Tritte hier und dort und überall, das rasche Satteln von Pferden und das Fortjagen?
Welcher Wind verrieth diese Hast dem staubbedeckten Straßenarbeiter, der bereits auf der Höhe jenseit des Dorfes thätig war und sein Mittagbrod (es war kaum so viel, daß es für eine Krähe der Mühe werth war, danach zu hacken) auf einem Steinhaufen neben sich liegen hatte?
Hatten die Vögel, die ein paar Körnchen von der Kunde in die Ferne trugen, Etwas davon fallen lassen, wie sie zufällig Samenkörner ausstreuen? Sei dem, wie ihm wolle, der Straßenarbeiter lief an dem schwülen Morgen, als ob es sein Leben gelte, knietief im Staube, den Hügel hinab, und machte nicht eher Halt, als bis er am Brunnen war.
Sämmtliche Bewohner des Dorfes umstanden den Brunnen in ihrer gedrückten Weise und flüsterten einander zu, zeigten aber keine andere Gemüthsbewegung als gespannte Neugier und Staunen. Die auf die Weide geführten Kühe, die hastig wieder hereingebracht und an das Erste Beste angebunden waren, sahen mit stumpfer Gleichgültigkeit zu oder hatten sich hingelegt und käuten die spärlichen Hälmchen wieder, die sie auf ihrem Hin- und Herweg aufgelesen hatten. Einige von den Leuten des Schlosses und des Posthauses und alle von der Steuerbehörde waren mehr oder weniger bewaffnet und hatten sich auf der andern Seite der Straße rathlos zusammengedrängt. Bereits war der Straßenarbeiter in die Mitte einer Gruppe von fünfzig vertrauten Freunden vorgedrungen, und schlug sich mit der blauen Mütze auf die Brust. Was hatte das Alles zu bedeuten und was hatte es zu bedeuten, daß Monsieur Gabelle hastig sich hinter einem Bedienten aufs Pferd heben ließ und mit dem doppelt beladenen Rosse im Galopp davon jagte, wie eine neue Variation der Bürgerschen Lenore?
Es hatte zu bedeuten, daß oben im Schlosse ein steinernes Gesicht zu viel war.
Die Meduse hatte den Bau in der Nacht wieder angesehen, und das eine noch fehlende steinerne Gesicht hinzugefügt; das steinerne Gesicht, auf welches sie ungefähr zweihundert Jahre gewartet hatte.
Es lag auf dem Kissen Monsieur le Marquis’. Er sah aus wie eine schöne Maske, die plötzlich aufgeschreckt, zornig geworden und versteinert worden ist. In das Herz der steinernen Gestalt, die dazu gehörte, war ein Messer gestoßen. Um den Griff desselben war ein Papierstreifen gewickelt, auf welchem man die Worte las:
„Fahrt ihn rasch nach seiner Gruft. Dies von Jacques.“
Zehntes Kapitel.
Zwei Versprechen.
Mehrere Monate, der Zahl nach zwölf, waren gekommen und gegangen und Mr. Charles Darnay hatte sich als höherer Lehrer der französischen Sprache, der zugleich mit der französischen Literatur vertraut war, in England niedergelassen. Er las mit jungen Männern, die für das Studium einer lebenden Sprache, die über die ganze Welt gesprochen wird, Muße und Interesse finden konnten, und suchte einen Geschmack für die von ihr dargebotenen Schätze von Wissenschaft und Poesie zu wecken. Er konnte auch von ihnen in gutem Englisch berichten und sie in gutes Englisch übersetzen. Solche Lehrer waren damals nicht leicht zu finden; gewesene Prinzen und zukünftige Könige waren noch nicht unter die Schulmeister gegangen und noch war kein zu Grunde gerichteter Adel aus Tellson’s Hauptbüchern verschwunden, um Koch oder Zimmermann zu werden. Als ein Lehrer, dessen Bildung und Kenntnisse das Studium ungewöhnlich angenehm und nutzbar machten, und als eleganter Uebersetzer, der etwas mehr zu seiner Arbeit mitbrachte, als bloße Kenntniß des Wörtervorraths, wurde der junge Mr. Darnay bald bekannt und beschäftigt. Er war auch vertraut mit den Verhältnissen seines Vaterlandes und diese waren von täglich wachsendem Interesse. So kam er mit großer Ausdauer und unermüdlichem Fleiße vorwärts.
In London hatte er weder auf goldenem Pflaster zu gehen, noch auf einem Bett von Rosen zu ruhen gehofft; hätte er so hohe Erwartungen gehegt, so wäre er nicht vorwärts gekommen. Er hatte Arbeit erwartet, und fand sie und bewältigte sie mit aller seiner Kraft. Damit kam er vorwärts.
Einen gewissen Theil seiner Zeit verbrachte er in Cambridge, wo er Untergraduirte als eine Art geduldeter Schmuggler unterrichtete, der einen Schleichhandel mit europäischen Sprachen trieb, anstatt Griechisch und Lateinisch durch das vorschriftsmäßige Zollhaus einzuführen. Den Rest seiner Zeit verbrachte er in London.
Nun ist von den Tagen, wo es im Paradiese immer Sommer war, bis zu unseren Tagen, wo es in der Region der Gefallenen meistens Winter ist, die Menschenwelt unabänderlich einen Weg gegangen — Charles Darnay’s Weg — den Weg des Verliebens.
Er hatte Lucie Manette von der Stunde seiner Lebensgefahr an geliebt. Er hatte nie einen so lieblichen und herzgewinnenden Ton vernommen, als den Ton ihrer mitfühlenden Stimme; er hatte nie ein Gesicht gesehen, in dessen Schönheit sich so viel zärtliche Empfindung ausgesprochen, als in dem ihrigen, wie sie ihn ansah, als er an dem Rande des Grabes stand, das für ihn bereitet war. Aber er hatte ihr noch kein Wort davon gesagt: seit dem Mord in dem fernen verlassenen Schlosse mit dem Meere dazwischen und den langen, langen staubigen Landstraßen — in dem festen steinernen Schlosse, das ihm selbst wie der Nebel eines Traumes vorkam — war ein Jahr vergangen und er hatte ihr auch noch nicht mit einem einzigen Worte den Zustand seines Herzens verrathen.
Daß er seine Gründe dafür hatte, wußte er recht gut. Es war abermals ein Sommertag, als er, vor Kurzem von Cambridge in London angekommen, sich nach dem stillen Winkel in Soho begab, um eine Gelegenheit zu suchen, Dr. Manette sein Herz zu öffnen. Es war der Abend des Sommertages und er wußte, daß Lucie mit Miß Proß ausgegangen war.
Der Doctor las in seinem Lehnstuhle am Fenster. Die Energie, die ihn zu gleicher Zeit in seinen langen Leiden aufrecht erhalten und ihm dieselben doch auch fühlbarer gemacht hatte, hatte er allmälig wiedergewonnen. Er war jetzt wirklich ein sehr energischer Mann von großer Festigkeit, Willensstärke und Thatkraft. In seiner wiedergewonnenen Energie war er zuweilen etwas launenhaft und inconsequent, wie er sich auch in der Anwendung seiner andern wiedergewonnenen Eigenschaften gezeigt hatte; aber dies war nie häufig vorgekommen und war immer seltener geworden.
Er studirte viel, schlief wenig, konnte große Anstrengungen mit Leichtigkeit ertragen und war von immer sich gleichbleibender Gemüthsheiterkeit. Zu ihm trat jetzt Charles Darnay ein, bei dessen Anblick er das Buch weglegte und dem er die Hand darbot.
„Charles Darnay! Es freut mich, Sie zu sehen. Wir haben schon seit drei oder vier Tagen auf Ihr Kommen gerechnet. Mr. Stryver und Sydney Carton waren Beide gestern hier und waren darüber einig, daß Sie längst hätten da sein sollen.“
„Ich bin Ihnen sehr verpflichtet für Ihre Theilnahme an mir,“ gab er zur Antwort, ein wenig kalt in Bezug auf die beiden Genannten, obgleich sehr warm gegen den Doctor. „Miß Manette —“
„Befindet sich wohl,“ sagte der Doctor, als er stockte, „und Ihre Rückkehr wird uns Alle sehr freuen. Sie ist ausgegangen, um einige Wirthschaftseinkäufe zu machen, wird aber bald zurück sein.“
„Doctor Manette, ich wußte, daß ich sie nicht zu Hause finden würde. Ich benutzte die Gelegenheit, um mit Ihnen allein sprechen zu können.“
Es trat ein verlegenes Schweigen ein.
„Nun?“ sagte der Doctor, offenbar etwas gezwungen. „Rücken Sie Ihren Stuhl her und sprechen Sie.“
Er gehorchte, was den Stuhl betrifft, schien aber das Sprechen weniger leicht zu finden.
„Ich habe das Glück gehabt, Dr. Manette, seit etwa anderthalb Jahren auf so vertrautem Fuße mit Ihrer Familie zu leben,“ fing er endlich an, „daß ich hoffe, der Gegenstand, den ich berühren will, wird nicht —“
Er ward unterbrochen von dem Doctor, der die Hand ausstreckte, wie um ihn zu bitten, zu schweigen. Als er sie eine kleine Weile so gehalten, zog er sie wieder ein und sagte:
„Ist von Lucien die Rede?“
„Ja.“
„Es wird mir zu allen Zeiten schwer, von ihr zu sprechen. Es fällt mir sehr schwer, von ihr in diesem Tone sprechen zu hören, den Sie anwenden, Charles Darnay.“
„Es ist der Ton innigster Bewunderung, echtester Huldigung und tiefster Liebe, Doctor Manette,“ sagte er mit Ehrerbietung.
Es trat eine andere verlegene Pause ein, ehe der Vater eine Antwort gab.
„Ich glaube es. Ich lasse Ihnen Gerechtigkeit widerfahren; ich glaube es.“
Das Gezwungene in seinem Wesen war so offenbar und es war außerdem so offenbar, daß es aus einer Abneigung entstand, den angeregten Gegenstand zur Sprache zu bringen, daß Charles Darnay zögerte.
„Soll ich fortfahren, Sir?“
Wieder eine Pause.
„Ja, fahren Sie fort.“
„Sie ahnen, was ich sagen wollte, obgleich Sie nicht wissen können, wie ernst ich es meine und wie tief ich es fühle, ohne mein innerstes Herz zu kennen und die Hoffnungen und die Befürchtungen und die Zweifel, die es seit lange schon erfüllen. Lieber Doctor Manette, ich liebe Ihre Tochter aufs Innigste, Uneigennützigste, Hingebendste. Wenn es jemals Liebe auf der Welt gegeben hat, so liebe ich sie. Sie haben selbst geliebt; lassen Sie Ihre alte Liebe für mich sprechen!“
Der Doctor saß mit abgewendetem Gesicht und mit auf den Boden gehefteten Augen da. Bei den letzten Worten streckte er wieder hastig die Hand aus und rief:
„Nur das nicht! Schweigen Sie davon! Ich beschwöre Sie, erinnern Sie mich nicht daran!“
In seinem Aufschrei sprach sich so viel wirklicher Schmerz aus, daß er noch in Charles Darnay’s Ohren fortklang, lange nachdem er verhallt war. Er winkte mit der ausgestreckten Hand, als wollte er Darnay bitten inne zu halten. Letzterer legte es so aus und schwieg.
„Ich bitte Sie um Verzeihung,“ sagte der Doctor nach einigen Augenblicken in gedämpftem Tone. „Ich bezweifle nicht, daß Sie Lucien lieben; darüber können Sie ruhig sein.“
Er wendete sich in seinem Stuhle gegen ihn, aber er sah ihn nicht an, noch hob er den Blick zu ihm empor. Er ließ das Kinn auf die Hand sinken und das weiße lange Haar über das Gesicht fallen.
„Haben Sie mit Lucien gesprochen?“
„Nein!“
„Auch nicht an sie geschrieben?“
„Niemals!“
„Es wäre ungroßmüthig, mich zu stellen, als ob ich nicht wüßte, daß Ihre Selbstverleugnung von Ihrer Rücksichtnahme auf ihren Vater herrührt. Ihr Vater dankt Ihnen.“
Er reichte ihm seine Hand hin; aber seine Augen blieben auf dem Boden haften.
„Ich weiß,“ sagte Darnay voll Ehrerbietung, „und muß ich es nicht wissen, Dr. Manette, da ich Sie Beide Tag für Tag beisammen gesehen habe, daß zwischen Ihnen und Miß Manette eine so ungewöhnliche, so rührende, so innig mit den Verhältnissen, aus denen sie entstanden ist, verbundene Zuneigung besteht, daß es wenige ihresgleichen geben kann, selbst nicht in der Liebe zwischen Vater und Kind. Ich weiß, Dr. Manette — und wie könnte es anders sein — daß, verwoben mit der Liebe und dem Pflichtgefühle einer Tochter, die zur Jungfrau herangewachsen ist, sie in ihrem Herzen für Sie die ganze Liebe und das ganze Vertrauen des Kindes fühlt. Ich weiß, daß, wie sie in ihrer Kindheit ohne Eltern gewesen ist, sie jetzt mit der ganzen Beständigkeit und Innigkeit ihres gegenwärtigen Alters und Charakters, verbunden mit der Vertrauensbedürftigkeit und der Anhänglichkeit der Kinderjahre, in denen Sie ihr entrissen wurden, an Ihnen hängt. Ich weiß recht wohl, daß, wenn Sie ihr aus jener Welt drüben wären zurückgegeben worden, Sie in ihren Augen kaum mit einem heiligeren Charakter, als den sie Ihnen beilegt, bekleidet sein könnten. Ich weiß, daß, wenn sie Sie umarmt, die Hände des Kindes, des Mädchens und der Jungfrau Sie gleichzeitig umschlingen. Ich weiß, daß sie in ihrer Liebe für Sie ihre Mutter in ihrem eigenen Alter sieht und liebt, sie in meinem Alter sieht und liebt, ihre mit gebrochenem Herzen hinsiechende Mutter liebt, Sie während Ihrer schrecklichen Prüfung und Ihrer gesegneten Rückkehr in’s Leben liebt. Ich habe dies Tag und Nacht gewußt, seitdem ich Sie und Ihre Familie kenne.“
Ihr Vater saß stumm da, das Gesicht immer noch dem Boden zugewendet. Sein Athem ging etwas rascher; aber er unterdrückte jede andere Aufregung.
„Lieber Doctor Manette, da ich dies immer wußte und immer Ihre Tochter und Sie von diesem geheiligten Lichte umgeben sah, habe ich geschwiegen, so lange es in der Kraft des Menschenherzens liegt, zu schweigen. Ich habe gefühlt und fühle selbst jetzt noch, daß wenn ich meine Liebe — selbst meine Liebe — zwischen Sie Beide bringe, ich in Ihre Geschichte ein weniger gutes Bestandtheil mische. Aber ich liebe sie. Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich sie liebe!“
„Ich glaube es,“ gab ihr Vater trauervoll zur Antwort. „Ich habe es schon lange gedacht. Ich glaube es.“
„Aber glauben Sie nicht,“ sagte Darnay, den der klagende Ton der Stimme wie ein Vorwurf traf, „glauben Sie nicht, daß wenn meine Lebensverhältnisse so wären, daß ich Sie Beide, vorausgesetzt, ich wäre dereinst so glücklich, sie als Gattin zu besitzen, von einander trennen müßte, ich nur ein Wort von dem sagen würde, was ich jetzt geäußert habe. Außerdem daß ich wüßte, ein solches Beginnen wäre hoffnungslos, würde ich auch wissen, daß es eine Niedrigkeit wäre. Hätte ich eine solche Möglichkeit selbst für eine ferne Zeit in meinen Gedanken gehegt und in meinem Herzen verborgen — hätte ich sie jemals hegen können — so könnte ich jetzt nicht diese geehrte Hand anrühren.“
Bei diesen Worten legte er seine Hand auf die des Vaters.
„Nein, lieber Dr. Manette. Wie Sie ein aus Frankreich freiwillig Verbannter; wie Sie aus dem Vaterland vertrieben durch seine Zerrüttung, seinen Druck und seinen Jammer; wie Sie bemüht, in der Fremde durch eigne Anstrengung meinen Lebensunterhalt zu erwerben und auf eine glücklichere Zukunft hoffend, erwarte ich nur, Ihr Schicksal, Ihr Leben und Ihr Obdach zu theilen und Ihnen treu zu sein bis zum Tode. Nicht um mit Lucien ihr Vorrecht als Ihr Kind, Ihre Gefährtin und Ihre Freundin zu theilen; sondern um sie in dieser Rolle zu unterstützen und sie enger an Sie zu knüpfen, wenn dies möglich ist.“
Seine Hand ruhte immer noch auf der des Vaters. Indem er ihre Berührung für einen Augenblick erwiederte, aber nicht kalt, ließ der Vater beide Hände auf den Seitenlehnen des Stuhles ruhen und blickte zum ersten Male seit dem Anfang der Unterredung auf. Man sah in seinem Gesicht, daß er innerlich kämpfte; daß er kämpfte mit jenem gewöhnlichen Ausdruck, welcher eine Neigung hatte, in argwöhnischen Zweifel und scheue Furcht umzuschlagen.
„Sie sprechen mit so viel Gefühl und so männlich, Charles Darnay, daß ich Ihnen von ganzem Herzen danke, und Ihnen mein ganzes Herz ausschütten will — wenigstens so weit ich kann. Haben Sie einen Grund zu glauben, daß Lucie Sie liebt?“
„Nein. Bis jetzt nicht.“
„Hatten Sie als nächsten Zweck dieser vertraulichen Mittheilung den Wunsch im Auge, sich dessen mit meinem Wissen zu versichern?“
„Auch das nicht. Vielleicht hätte mir die Zuversicht, es zu thun, vor einigen Wochen gefehlt; vielleicht hätte ich (irrthümlich oder nicht) diese Zuversicht morgen gehabt.“
„Verlangen Sie von mir Rath?“
„Nein, Sir. Aber ich hielt es für möglich, daß Sie im Stande sein könnten, wenn Sie es für Recht hielten, mir einigen Rath zu ertheilen.“
„Wünschen Sie ein Versprechen von mir?“
„Allerdings.“
„Welches wäre das?“
„Ich weiß recht wohl, daß ich ohne Sie keine Hoffnung haben könnte. Ich sehe recht wohl ein, daß, selbst wenn Miß Manette mich in diesem Augenblick in ihrem unschuldigen Herzen hegte — glauben Sie nicht, daß ich so anmaßend bin, so Viel vorauszusetzen — ich diesen Platz nicht behaupten könnte gegen ihre Liebe zu ihrem Vater.“
„Wenn dies der Fall ist, sehen Sie dann auf der andern Seite ein, was dies nach sich zieht?“
„Ich sehe eben so gut ein, daß ein Wort ihres Vaters zu Gunsten eines Bewerbers gegen ihre Ansicht und die ganze Welt entscheidend sein würde. Aus diesem Grunde, Dr. Manette,“ sagte Darnay bescheiden, aber fest, „möchte ich Sie nicht um dieses Wort bitten und wenn es mein Leben gälte.“
„Ich bin dessen gewiß. Charles Darnay, Geheimnisse entstehen ebenso gut aus inniger Liebe, wie aus weiter Trennung; in ersterem Falle sind sie tief und verwickelt und schwer zu durchdringen. Meine Tochter Lucie ist in dieser einen Hinsicht ein solches Geheimniß für mich; ich habe über den Zustand ihres Herzens nicht einmal eine Vermuthung.“
„Darf ich fragen, Sir, ob Sie glauben, daß —“ da er stockte, setzte der Vater den Satz fort.
„Sich ein Anderer um sie bewirbt?“
„Das wollte ich sagen.“
Der Vater überlegte ein wenig, ehe er eine Antwort gab:
„Sie haben selbst Mr. Carton hier gesehen. Auch Mr. Stryver ist gelegentlich hier. Wenn überhaupt, könnte es nur einer von diesen Beiden sein.“
„Oder Beide,“ sagte Darnay.
„Ich hatte nicht an Beide gedacht; ich halte es bei keinem von Beiden für wahrscheinlich. Sie wünschen ein Versprechen von mir zu haben. Sagen Sie, welches?“
„Blos das Versprechen, daß, wenn Miß Manette ihrerseits Ihnen eine solche vertrauliche Mittheilung machen sollte, wie ich Ihnen jetzt vorzulegen gewagt habe, Sie Zeugniß von dem, was ich Ihnen gesagt habe und von Ihrem Glauben daran geben. Ich hoffe, Sie werden im Stande sein, so gut von mir zu denken, daß Sie Nichts gegen mich sagen. Ich spreche nicht mehr von dem hohen Werthe, den ich darauf lege; dies ist das Einzige, um was ich bitte. Der Bedingung, unter der ich darum bitte und deren Erfüllung Sie ein unbezweifeltes Recht haben zu fordern, werde ich pünktlich nachkommen.“
„Ich gebe das Versprechen ohne jede Bedingung,“ sagte der Doctor. „Ich glaube, Ihr Ziel ist einfach und wahrhaftig, wie Sie es angegeben haben. Ich glaube, Ihre Absicht ist, das Band zwischen mir und meinem anderen und vielgeliebteren Ich fester zu knüpfen und nicht zu lockern. Wenn sie mir jemals sagt, daß Sie ihr wesentlich sind zu ihrem vollkommnen Glück, so werde ich sie Ihnen geben. Wenn, Charles Darnay —“
Der junge Mann hatte die Hand des Anderen dankbar ergriffen; und die beiden Hände lagen noch in einander, als der Doctor fortfuhr:
„Wenn Einbildung, Gründe, Befürchtungen oder sonst Etwas aus alter oder neuer Zeit gegen den Mann sprechen sollten, den sie wirklich liebt, und die unmittelbare Verantwortlichkeit dafür nicht auf sein Haupt fiele, so sollten sie alle um ihretwillen vergessen sein. Sie ist mir Alles; sie wiegt mir mehr als meine Leiden, mehr als das erlittene Unrecht, mehr als — doch das sind leere Worte!“
So seltsam war die Art, wie er sich in Schweigen verlor, und so seltsam sein starrer Blick, als er aufgehört hatte zu sprechen, daß Darnay seine eigene Hand kalt in der Hand werden fühlte, welche langsam die seinige fallen ließ.
„Sie sagten Etwas zu mir,“ sagte Dr. Manette, während ein Lächeln sein Gesicht überflog. „Was war es doch gleich?“
Darnay wußte nicht, was er antworten sollte, bis er sich erinnerte, von einer Bedingung gesprochen zu haben. Deshalb antwortete er jetzt erleichtert:
„Das Vertrauen, das Sie mir schenken, verdient auch von meiner Seite mit den vollständigsten Vertrauen erwidert zu werden. Der Name, den ich jetzt trage, ist, obgleich nur mit geringer Veränderung der meiner Mutter, nicht mein wahrer Name. Ich wünsche Ihnen diesen zu nennen und ihnen zu sagen, warum ich in England bin.“
„Halt!“ sagte der Doctor.
„Ich möchte es, damit ich um so besser Ihr Vertrauen verdiene und kein Geheimniß vor Ihnen habe.“
„Halt!“
In einem Augenblicke hatte der Doctor mit beiden Händen die Ohren zugehalten; im nächsten hatte er beide Hände auf Darnay’s Mund gelegt.
„Sagen Sie ihn, wenn ich Sie darnach frage, nicht jetzt. Wenn Sie in Ihrer Werbung glücklich sind, wenn Lucie Sie liebt, mögen Sie mir ihn an Ihrem Hochzeitsmorgen sagen. Versprechen Sie mir das?“
„Gern.“
„Geben Sie mir Ihre Hand. Sie wird gleich nach Hause kommen und es ist besser, sie sieht uns heute Abend nicht beisammen. Gehen Sie! Schenke Gott Ihnen seinen Segen!“
Es war finster, als Charles Darnay ihn verließ und eine Stunde später noch finsterer, als Lucie nach Hause kam; sie eilte allein in das Zimmer — denn Miß Proß war ohne sich aufzuhalten in das obere Stock gegangen — und fand zu ihrer Verwunderung seinen gewöhnlichen Stuhl unbesetzt.
„Vater!“ rief sie ihn. „Lieber Vater!“
Sie erhielt keine Antwort, hörte aber ein dumpfes Hämmern aus seinem Schlafzimmer. Leichten Schrittes ging sie durch das Zwischenzimmer, blickte zur Thür hinein und kam erschrocken zurückgeeilt, halblaut vor sich hinjammernd, „was soll ich anfangen? was soll ich anfangen?“
Ihre Ungewißheit dauerte nur einen Augenblick, dann eilte sie zurück, klopfte an die Schlafzimmerthür und rief ihn mit sanfter Stimme. Das Hämmern hörte auf, sowie er ihre Stimme vernahm, und er kam sogleich heraus zu ihr und sie gingen lange Zeit mit einander auf und ab.
Sie kam mitten in der Nacht herunter aus ihrem Bett, um zu sehen, ob er schlafe. Er schlief einen schweren Schlaf und sein Schuhmacherhandwerkszeug und seine alte halbfertige Arbeit lagen da wie gewöhnlich.
Elftes Kapitel.
Ein Seitenstück.
„Sydney,“ sagte Mr. Stryver in derselben Nacht oder an demselben Morgen zu seinem Schakal; „braut noch eine Bowle Punsch; ich habe Euch Etwas zu sagen.“
Sydney hatte diese Nacht und vorige Nacht und vorvorige Nacht und viele Nächte hintereinander doppelt und dreifach gearbeitet und vor dem Beginn der langen Gerichtsferien unter Mr. Stryvers Acten tüchtig aufgeräumt. Endlich war er damit fertig; die Stryverschen Rückstände waren alle nachgeholt; Alles war erledigt, bis der November wieder mit seinen atmosphärischen und juristischen Nebeln kam und neues Korn auf die Mühle schüttete.
Sydney war in Folge so großer Anstrengung nicht munterer und nicht nüchterner geworden. Er hatte viel Extrahandtücher gebraucht, um sich durch die Nacht zu schleppen; eine Extraquantität Wein war den nassen Handtüchern vorausgegangen; und er war in einem sehr angegriffenen Zustande, wie er jetzt den Turban abriß und in das Waschbecken warf, in welchem er ihn während der letzten sechs Stunden von Zeit zu Zeit getränkt hatte.
„Braut Ihr die andere Bowle Punsch?“ sagte Stryver, der behäbig mit den Händen im Hosenbunde vom Sopha aufschaute, auf dem er ausgestreckt lag.
„Ja.“
„Nun, so hört mal! Ich will Euch Etwas sagen, was Euch vielleicht überraschen und Euch vielleicht sagen machen wird, daß ich doch nicht so gescheut sei, als Ihr gewöhnlich geglaubt hättet. Ich gedenke zu heirathen.“
„Wirklich?“
„Ja. Und nicht nach Geld. Was sagt Ihr nun?“
„Ich wüßte eben nicht, was ich sagen sollte. Wer ist es?“
„Rathet mal.“
„Kenne ich sie?“
„Rathet mal.“
„Um fünf Uhr früh, wo mein Kopf von der Arbeit und vom Weine brennt, habe ich keine Lust zu rathen. Wenn ich rathen soll, müßt Ihr mich zu Tische einladen.“
„Nun, so will ich’s Euch sagen,“ sagte Stryver, indem er sich langsam aufrichtete, bis er zum Sitzen kam. „Sydney, ich zweifle fast an der Möglichkeit, mich Euch verständlich zu machen, weil Ihr ein so entsetzlich herzloser Mensch seid.“
„Und Ihr,“ gab der mit dem Punschbrauen Beschäftigte zurück, „seid ein gefühlvolles und poetisches Gemüth.“
„Ha, ha,“ entgegnete Stryver mit prahlerischem Lachen, „obgleich ich keinen Anspruch darauf mache, eine Perle der Poesie zu sein (denn das, hoffe ich, weiß ich besser), so habe ich doch mehr Herz als Ihr.“
„Ihr habt mehr Glück, das ist Alles.“
„Das will ich nicht sagen. Ich meine, ich bin ein Mann von mehr —“
„Sagt Galanterie, weil Ihr einmal dabei seid,“ half ihm Carton ein.
„Gut! Ich will sagen Galanterie. Ich wollte sagen, daß ich ein Mann bin,“ sagte Stryver und blies sich seinem punschbrauenden Freunde gegenüber auf, „der mehr als Ihr darauf giebt, in Damengesellschaft angenehm zu sein, der sich mehr Mühe giebt, angenehm zu sein und der es besser versteht, angenehm zu sein.“
„Weiter,“ sagte Sydney Carton.
„Nein; aber ehe ich fortfahre,“ sagte Stryver und schüttelte in seiner polternden Weise den Kopf, „muß ich das aus Euch heraus haben. Ihr seid bei Dr. Manette aus- und eingegangen, so gut wie ich und mehr als ich. Aber wahrhaftig, ich habe mich geschämt wegen Eures mürrischen Wesens dort! Ihr habt Euch dort so verstockt und ingrimmig gezeigt, daß ich auf Seele und Ehre mich Eurer geschämt habe, Sydney.“
„Einem Mann mit Eurer Praxis vor Gericht müßte es sehr wohlthätig sein, sich wegen Etwas zu schämen,“ entgegnete Sydney; „Ihr solltet mir dafür sehr verbunden sein.“
„So kommt Ihr mir nicht los,“ gab ihm Stryver zur Antwort; „nein, Sydney, es ist meine Pflicht, Euch zu sagen — und ich sage es Euch in’s Gesicht zu Eurem Besten, daß Ihr in Gesellschaft verteufelt schlecht paßt. Ihr macht Euch geradezu unangenehm.“
Sydney trank ein volles Glas von dem Punsche aus, den er gebraut hatte und lachte.
„Seht mich an!“ sagte Stryver, indem er sich gerade richtete; „ich brauche mir weniger Mühe zu geben als Ihr, weil ich unabhängiger gestellt bin. Warum mache ich mich angenehm?“
„Das habe ich noch nie von Euch gesehen,“ brummte Carton.
„Weil es politisch ist; ich thue es aus Grundsatz. Und seht mich an! Ich komme vorwärts.“
„Ihr kommt aber gar nicht vorwärts mit der Auseinandersetzung Eurer Heirathspläne,“ gab Carton mit gleichgültiger Miene zur Antwort. „Ich wollte, Ihr bliebt dabei. Was mich betrifft, so müßt Ihr doch endlich einsehen, daß ich unverbesserlich bin.“
Er sagte dies, nicht ohne daß den Ton seiner Stimme Etwas von Bitterkeit durchklang.
„Ihr habt nicht den Beruf, unverbesserlich zu sein,“ gab sein Freund in keinem sehr besänftigenden Tone zur Antwort.
„Ich habe überhaupt keinen Beruf, zu sein,“ sagte Sydney Carton. „Wer ist die Dame?“
„Laßt Euch von der Nennung des Namens nicht unangenehm berühren, Sydney,“ sagte Mr. Stryver, mit prahlerischer Freundschaftlichkeit ihn auf die Enthüllung vorbereitend, „weil ich weiß, daß Ihr nicht die Hälfte von dem meint, was Ihr sagt; und wenn Ihr Alles meintet, so hätte es nicht Viel zu sagen. Ich mache diese kleine Vorrede, weil Ihr früher einmal von dieser jungen Dame in geringschätzigen Ausdrücken gesprochen habt.“
„Ich?“
„Gewiß; und in diesem Zimmer.“
Sydney Carton sah in sein Punschglas und sah seinen selbstgefälligen Freund an; trank seinen Punsch und sah wieder seinen selbstgefälligen Freund an.
„Ihr nanntet die junge Dame einen blondgelockten Puppenkopf. Die junge Dame ist Miß Manette. Wenn Ihr ein Kerl von Herz oder Zartgefühl oder überhaupt von Gefühl in dieser Richtung wäret, Sydney, so hätte ich Euch grollen können für diesen Ausdruck; aber das seid Ihr nicht. Euch fehlt dieses Gefühl ganz und gar, deshalb verletzt mich diese Aeußerung nicht mehr, als mich das Urtheil eines Mannes über eins meiner Bilder verletzen würde, der kein Auge für Malerei hat; oder über ein Musikstück von mir, wenn er kein Ohr für Musik hat.“
Sydney Carton trank mit großem Eifer Punsch; trank ihn in ganzen Gläsern und sah dabei seinen Freund an.
„Nun habe ich Euch Alles gesagt, Sydney,“ sagte Mr. Stryver. „Nach Geld frage ich nicht; sie ist ein reizendes Geschöpf und ich habe mir einmal in den Kopf gesetzt, nach meinem Geschmack zu wählen; im Ganzen glaube ich, kann ich es haben, nach meinem Geschmack zu wählen. Sie bekommt einen Mann, der so ziemlich wohlhabend ist, einen Mann, der rasch reich wird und einen Mann von einiger Auszeichnung; es ist ein ordentliches Glück für sie, aber sie verdient es. Wundert Ihr Euch, oder seid Ihr überrascht?“
Carton, immer noch seinen Punsch trinkend, gab zur Antwort: „Warum sollte ich überrascht sein?“
„Ihr seid damit einverstanden?“
Carton, immer noch seinen Punsch trinkend, gab zur Antwort: „Warum sollte ich nicht damit einverstanden sein?“
„Na,“ sagte sein Freund Stryver, „Ihr nehmt es leichter als ich glaubte und zeigt Euch weniger selbstsüchtig in Bezug auf mich, als ich erwartete; obgleich Ihr jetzt gut genug wißt, daß Euer alter Schulkamerad ein Mann von ziemlich starkem Willen ist. Ja, Sydney, ich habe dieses Leben satt, wenn gar keine Abwechslung dabei ist; ich fühle, daß es doch hübsch ist für einen Mann, eine Familie zu haben, in deren Kreise er verweilen kann, wenn er Lust dazu hat (wenn er keine hat, kann er wegbleiben), und ich fühle, daß Miß Manette sich in jeder Stellung gut ausnehmen und mir immer Ehre machen wird. So habe ich denn meinen Entschluß gefaßt. Und jetzt, Sydney, alter Knabe, möchte ich auch noch ein Wörtchen mit Euch über Eure Zukunft sprechen. Ihr seid auf einem schlimmen Wege; Ihr seid wahrhaftig auf einem schlimmen Wege. Ihr kennt den Werth des Geldes nicht, Ihr lebt mehr als flott und an einem schönen Tage werdet Ihr auf einmal daliegen, krank und ohne Geld. Ihr müßt Euch wahrhaftig nach einer Pflege umsehen.“
Die behäbige Gönnermiene, mit der er dies sagte, machte, daß er noch zweimal so dick und viermal so verletzend aussah, als er war.
„Ich sage Euch, faßt das wohl in’s Auge,“ fuhr Stryver fort. „Ich habe das in meiner Weise in’s Auge gefaßt, faßt das in Eurer andern Weise in’s Auge. Heirathet. Sorgt für Jemand, der Euch pflegt. Kümmert Euch nicht darum, daß Ihr keinen Geschmack, keinen Sinn und keinen Takt für Frauenumgang habt. Sucht Euch Jemanden, sucht Euch eine anständige Frau mit etwas Vermögen aus — eine Wirthin oder so Etwas — und heirathet sie, ehe schlimme Zeiten kommen. Das ist’s, was für Euch paßt. Das überlegt Euch, Sydney.“
„Ich werde es mir überlegen,“ sagte Sydney.
Zwölftes Kapitel.
Der Mann von Zartgefühl.
Nachdem Mr. Stryver einmal den Entschluß gefaßt hatte, mit großmüthiger Freigebigkeit der Tochter des Arztes seine Hand zu reichen, beschloß er auch, ihr das ihr bevorstehende Glück anzukündigen, bevor er die Stadt für die langen Gerichtsferien verließ. Nachdem er die Sache lange bei sich durchgesprochen, kam er zu dem Schluß, daß es das Beste sei, alle Präliminarien abzumachen und es dann in Muße zu überlegen, ob er ihr eine oder zwei Wochen vor den Michaelisassisen oder während der kurzen Weihnachtsferien vor den Hilariusassisen die Hand reichen solle.
Ueber die Stärke seiner Sache hatte er nicht den geringsten Zweifel, sondern sah das Verdict klar vor Augen. Den Geschwornen als solide Geld- und Vermögensfrage auseinandergesetzt, dem einzigen Gesichtspunkt, unter dem sie zu betrachten war — war es ein ganz einfacher Fall, der nicht die kleinste schwache Stelle hatte. Er rief sich für den Kläger auf, es war über seine Beweise nicht hinwegzukommen, der Advocat für den Beklagten gab die Sache auf und die Geschwornen traten nicht einmal zusammen, um das Verdict zu besprechen. Nachdem Mr. Stryver den Rechtsfall in correctester Form erprobt hatte, war er überzeugt, daß es keine einfachere Sache geben konnte.
Demgemäß weihte Mr. Stryver die lange Ferienzeit damit ein, daß er Miß Manette in bester Form nach Vauxhall einlud; da dies keinen Anklang fand, schlug er Ranelagh vor; da das unerklärlicher Weise auch keinen Anklang fand, geruhte er sich selbst in Soho vorstellen und dort sein großmüthiges Vorhaben erklären zu wollen.
Nach Soho lenkte daher Mr. Stryver seine Schritte vom Tempel, während die Blüthe der Ferienkindheit noch auf demselben lag. Jeder, der ihn sah, wie er einer aufgeblühten Pfingstrose gleich über den Bürgersteig schritt und alle schwächeren Leute aus dem Wege schob, konnte sehen, wie solid und stark er war.
Da er bei Tellsons vorbei ging und er ein Conto bei Tellsons hatte und zugleich Mr. Lorry als vertrauten Freund der Familie Manette kannte, kam Mr. Stryver auf den Gedanken einen Besuch im Contor zu machen und Mr. Lorry zu verrathen, welch glänzendes Gestirn heute noch über dem Horizont von Soho aufgehen werde. So stieß er die Thür auf, in deren Kehle das schwache Röcheln stak, stolperte die beiden Stufen hinunter, kam an den beiden alten Cassirern vorbei und trat in das dumpfige Hinterstübchen, wo Mr. Lorry vor großen für Zahlen liniirten Büchern an einem Fenster saß mit senkrechten eisernen Stäben davor, als ob es auch für Zahlen liniirt und jegliches Ding unter der Sonne eine Ziffer wäre.
„Wie geht’s Ihnen?“ sagte Mr. Stryver. „Ich hoffe, Sie befinden sich wohl!“
Es war Stryvers größte Eigenthümlichkeit, daß er für jeden Ort, oder für jeden Raum zu massig erschien. Er war um so viel zu massig für Tellsons, daß alte Commis in fernen Ecken mit flehenden Blicken aufschauten, als ob er sie gegen die Wand quetschte. Selbst „unser Haus“ — das in fernster Perspective in großartiger Ruhe die Zeitung las, zog mißliebig die Augenbrauen zusammen, als ob der Stryversche Kopf in seine hoch verantwortliche Schooßweste gefahren wäre.
Der discrete Mr. Lorry sagte in einem Musterton der Stimme, die er unter den Umständen empfehlen würde, „wie geht es Ihnen, Mr. Stryver? Wie geht es Ihnen, Sir?“ und reichte ihm die Hand. Die Art, wie er dem Andern die Hand schüttelte, hatte etwas Eigenthümliches, was man bei jedem Commis Tellsons bemerkte, so oft er einem Kunden während der Anwesenheit des Hauses im Geschäft die Hand schüttelte. Er schüttelte sie in einer sich selbst wegleugnenden Weise, als ob er es für Tellson u. Comp. thäte.
„Was wünschen Sie, Mr. Stryver?“ fragte Mr. Lorry in seinem Geschäftstone.
„Nein, ich danke Ihnen; mein Besuch gilt Ihnen persönlich, Mr. Lorry; ich möchte ein vertrauliches Wort mit Ihnen sprechen.“
„O, wirklich,“ sagte Mr. Lorry und neigte dem Andern das Ohr zu, während sein Blick nach „unserm Hause“ hinüberschweifte.
„Ich bin im Begriff,“ sagte Mr. Stryver, indem er seine Ellbogen vertraulich auf das Pult legte, worauf es, obgleich es ein großes Doppelpult war, nicht halb genug Pult für ihn zu sein schien. „Ich stehe im Begriff, Ihrer angenehmen kleinen Freundin, Miß Manette, einen Heirathsantrag zu machen, Mr. Lorry.“
Mr. Stryver in Tellsons Comptoir.
„O, du meine Güte!“ rief Mr. Lorry, indem er sich das Kinn rieb und seinen Besuch zweifelnd ansah.
„O, du meine Güte, Sir?“ wiederholte Stryver und trat zurück. „O, du meine Güte, Sir? was meinen Sie damit, Mr. Lorry?“
„Was ich damit meine?“ antwortete der Geschäftsmann, „natürlich nur Freundschaftliches und Anerkennendes und daß es Ihnen die größte Ehre macht, und — kurz ich meine Alles, was Sie sich nur wünschen können. Aber — wahrhaftig, Sie wissen, Mr. Stryver —“ Mr. Lorry hielt inne und schüttelte auf die wunderlichste Weise den Kopf, als ob er wider seinen Willen bei sich hinzusetzen müßte, „Sie wissen, daß Sie wirklich viel zu viel sind.“
„Na!“ sagte Stryver, indem er mit seiner streitsüchtigen Hand auf das Pult schlug, die Augen weit aufmachte und einen langen Athemzug that, „wenn ich Sie verstehe, Mr. Lorry, so will ich gehängt sein.“
Mr. Lorry zupfte sich seine kleine Perrücke über beiden Ohren zurecht, wie um das gewünschte Ziel besser zu erreichen, und biß in die Fahne einer Feder.
„Zum Teufel, Sir!“ sagte Stryver und sah ihn groß an, „bin ich nicht annehmbar?“
„Mein Gott, ja! Ja wohl. O, ja wohl, Sie sind annehmbar!“ sagte Mr. Lorry. „Wenn Sie sagen annehmbar, sind Sie annehmbar.“
„Bin ich nicht ein vermögender Mann?“ fragte Stryver.
„O! Wenn Sie von Vermögen sprechen, so sind Sie ein vermögender Mann,“ sagte Mr. Lorry.
„Und komme ich nicht vorwärts?“
„Wenn Sie vorwärts kommen wollen, müssen Sie vorwärts kommen,“ sagte Mr. Lorry, froh noch etwas zugestehen zu können, „Niemand kann daran zweifeln.“
„Was zum Kukuk meinen Sie aber denn, Mr. Lorry?“ fragte Mr. Stryver sichtbar entmuthigt.
„Hm! Ich — wollen Sie jetzt hingehen?“ fragte Mr. Lorry.
„Geraden Wegs!“ sagte Stryver mit einem Faustschlag auf das Pult.
„Dann glaube ich, ginge ich nicht hin, wenn ich wie Sie wäre.“
„Warum?“ sagte Stryver „Jetzt will ich Sie in die Enge treiben,“ und er drohte ihm, wie vor den Geschwornen, mit dem Finger. „Sie sind ein Geschäftsmann und müssen einen Grund haben. Geben Sie Ihren Grund an. Warum würden Sie nicht geben?“
„Weil ich in einer solchen Absicht nicht gehen würde, ohne einigen Grund zu dem Glauben zu haben, daß ich Erfolg haben würde.“
„Hol mich der und jener!“ rief Stryver aus, „aber das geht mir über Alles!“
Mr. Lorry warf einen Blick auf „unser Haus“ im Hintergrunde, einen andern auf den erzürnten Stryver.
„Hier ist ein Geschäftsmann — ein Mann von Jahren — ein Mann von Erfahrung — in einem Bankhaus,“ sagte Stryver; „und nachdem ich drei Hauptgründe eines vollständigen Erfolgs angeführt habe, ist kein Grund da! und er sagt’s mit dem Kopf auf dem Halse!“ Mr. Stryvers Bemerkung klang fast als ob er es weniger merkwürdig gefunden hätte, wenn er es mit abgeschlagenem Kopfe gesagt hätte.
„Wenn ich von Erfolg spreche, so spreche ich von Erfolg bei der jungen Dame; und wenn ich von Ursachen und Gründen spreche, die den Erfolg wahrscheinlich machen, so spreche ich von Ursachen und Gründen, die auf die junge Dame wirken würden. Die junge Dame, guter Herr,“ sagte Mr. Lorry, indem er sanft Stryvers Arm berührte, „die junge Dame. Die junge Dame ist vor Allem zu berücksichtigen.“
„Sie wollen also sagen, Mr. Lorry,“ sagte Stryver und stemmte die Arme wieder auf den Tisch, „daß es Ihre wohlüberlegte Meinung sei, die fragliche junge Dame sei ein coquettes Gänschen?“
„Das eben nicht. Ich will Ihnen blos sagen, Mr. Stryver,“ sagte Mr. Lorry mit geröthetem Gesicht, „daß ich von Niemanden ein geringschätziges Wort über diese junge Dame dulde, und daß, wenn ich einen Mann kennte — was ich nicht hoffe — dessen Bildung so gering und dessen Sinn so gemein und hochfahrend sein sollte, daß er sich nicht enthalten könnte von dieser jungen Dame an diesem Pulte unehrerbietig zu sprechen, selbst Tellsons mich nicht hindern sollten, ihm ordentlich meine Meinung zu sagen.“
Die Nothwendigkeit seinen Aerger nieder zu halten, hatten Mr. Stryvers Blutgefäße in einen gefährlichen Zustand versetzt, als an ihm die Reihe war, ärgerlich zu sein. Mr. Lorrys Adern, so methodisch sonst das Blut in ihnen floß, waren in keinem bessern Zustand als jetzt die Reihe an ihm war.
„Das war es, was ich Ihnen sagen wollte,“ sagte Mr. Lorry. „Es war nothwendig, damit kein Irrthum zwischen uns obwalte.“
Mr. Stryver kaute eine kleine Weile an dem Ende eines Lineals und schlug dann damit nach dem Tacte einer Melodie an seine Zähne, wovon er wahrscheinlich Zahnschmerzen bekam. Endlich unterbrach er die verlegene Pause mit den Worten:
„Das ist mir etwas Neues, Mr. Lorry. Sie rathen mir in allem Ernste an, nicht nach Soho zu gehen und ihr meine Hand anzubieten — meine Hand, die Hand Stryvers von Kings Bench Bar?“
„Fragen Sie mich um Rath, Mr. Stryver?“
„Allerdings.“
„Gut. Dann haben Sie ihn gehört und ihn buchstäblich wiederholt.“
„Ich kann weiter nichts sagen,“ lachte Stryver mit geärgerter Miene, „als daß Nichts — ha, ha! — in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft darüber gehen kann.“
„Verstehen Sie mich wohl,“ fuhr Mr. Lorry fort. „Als Geschäftsmann habe ich nicht das Recht überhaupt Etwas in dieser Sache zu sagen, denn als Geschäftsmann weiß ich nichts davon. Aber als alter Mann, der Miß Manette auf den Armen getragen hat, der vertrauter Freund Miß Manettes und auch ihres Vaters ist und sie Beide sehr lieb hat, habe ich gesprochen. Ich habe nicht zum Vertrauen aufgefordert, das vergessen Sie nicht. Sie glauben also jetzt, ich hätte unrecht?“
„Ich nicht!“ sagte Stryver und pfiff vor sich hin. „Ich kann es nicht übernehmen für dritte Personen gesunden Menschenverstand zu finden; ich kann ihn nur für mich finden. Ich setze gesunden Menschenverstand bei gewissen Leuten voraus; Sie setzen sentimentalen Firlefanz voraus. Es ist mir neu, aber Sie haben vielleicht recht.“
„Was ich voraussetzte, Mr. Stryver, beanspruche ich selbst zu qualificiren. Und verstehen Sie mich recht, Sir,“ sagte Mr. Lorry, während abermals eine rasche Röthe über sein Gesicht flog. „Ich dulde nicht — selbst nicht bei Tellsons — daß es ein Anderer, wer es auch sei, für mich qualificire.“
„Na! dann bitte ich um Verzeihung,“ sagte Stryver.
„Ich gewähre sie mit Vergnügen. Und danke Ihnen. Also, Mr. Stryver, was ich sagen wollte: — es könnte Ihnen schmerzlich sein Ihren Irrthum zu entdecken, es könnte Dr. Manette schmerzlich sein, Ihnen die Sache auseinandersetzen zu müssen, es könnte Miß Manette sehr schmerzlich sein, Ihnen die Sache auseinandersetzen zu müssen. Sie wissen, daß ich die Ehre und das Glück habe, auf vertrautem Fuß mit der Familie zu stehen. Wenn Sie wünschen, will ich ohne Sie irgendwie zu binden oder zu vertreten, recht gern versuchen, die Beobachtungen, auf die mein Rathschlag gegründet war, durch einige neue eigens zu diesem Zweck angestellte Beobachtungen zu berichtigen. Wenn Sie dann noch nicht befriedigt sind, so können Sie nur noch den Versuch machen selbst zu sehen und zu hören; wenn Sie dagegen zufriedengestellt sind und mein Rath lautet eben noch so wie heute, so wären alle Betheiligte da geschont, wo am meisten zu schonen ist. Was meinen Sie dazu?“
„Wie lange würden Sie mich in der Stadt festhalten?“
„O! Es ist nur eine Frage von ein Paar Stunden. Ich könnte heute Abend nach Soho gehen und dann später zu Ihnen kommen.“
„Nun gut, dann wollen wir es so machen,“ sagte Stryver; „ich werde also jetzt nicht hingehen, denn so hitzig bin ich nicht für die Geschichte. Ich erwarte Sie also heute Abend bei mir. Guten Morgen.“
Damit verließ Mr. Stryver mit vielem Geräusch das Bankhaus.
Der Advocat war scharfblickend genug, zu errathen, daß der alte Buchhalter sich nicht so bestimmt ausgedrückt haben würde, wenn er einen weniger soliden Grund, als moralische Gewißheit gehabt hätte. So unvorbereitet er für die große Pille war, die er zu verschlucken hatte, brachte er sie doch hinunter. „Und jetzt,“ sagte Mr. Stryver und drohte mit seinem Advocatenfinger dem Tempel im Allgemeinen, als sie hinunter war, „jetzt kommt es darauf an, euch Alle ins Unrecht zu bringen.“
Es war ein Stück von der Kunst eines Old-Bailey-Taktikers, in welchem er große Erleichterung fand. „Ihr sollt mich nicht ins Unrecht bringen, junge Dame,“ sagte Mr. Stryver. „Das will ich für Euch besorgen.“
Als daher Mr. Lorry noch den Abend um zehn Uhr sich bei Mr. Stryver einstellte, saß dieser mitten in einem Haufen von Büchern und Papieren, der besonders zu diesem Zweck aufgethürmt worden war und schien an nichts weniger als den Gegenstand der heutigen Morgenunterhaltung zu denken. Er verrieth sogar Ueberraschung, als er Mr. Lorry erblickte und war ganz und gar zerstreut und von Anderem in Anspruch genommen.
„Ich war also in Soho,“ sagte der gutmüthige Abgesandte, nachdem er sich eine gute halbe Stunde vergeblich abgemüht hatte, den Andern zu bewegen, das Gespräch auf den fraglichen Gegenstand zu bringen.
„In Soho?“ wiederholte Mr. Stryver gleichgültig. „Ja so! Woran denke ich nur?“
„Und ich bezweifle nicht, daß ich heute früh vollkommen Recht hatte,“ sagte Mr. Lorry. „Ich bin in meiner Meinung bestärkt worden und wiederhole meinen Rath.“
„Ich versichere Ihnen,“ entgegnete Mr. Stryver in der wohlwollendsten Weise, „daß es mir Ihretwegen leid thut und auch wegen des armen Vaters. Ich begreife wohl, daß dies immer ein wunder Fleck für die Familie bleiben wird; daher wollen wir nicht weiter davon sprechen.“
„Ich verstehe Sie nicht,“ sagte Mr. Lorry.
„Das kann ich mir wohl denken,“ entgegnete Stryver, indem er ihn besänftigend und als wollte er die Sache ein für allemal zum Abschluß bringen, zunickte; „thut nichts, thut nichts.“
„Doch es thut Etwas,“ wandte Mr. Lorry ein.
„Nein, es thut nichts; ich versichere es Ihnen, es thut nichts. Da ich geglaubt habe gesunden Sinn zu finden, wo kein gesunder Sinn vorhanden ist und einen lobenswerthen Ehrgeiz, wo kein lobenswerther Ehrgeiz vorhanden ist, so kann ich mir gratuliren, daß ich meinen Irrthum los bin und kein Schaden dabei geschehen ist. Junge Mädchen haben schon oft ähnliche Thorheiten begangen und haben sie oft genug schon in Armuth und Verlassenheit bereut. Von ganz unselbstsüchtigem Standpunkte aus thut es mir leid, daß aus der Sache nichts geworden ist, weil es in jeder materiellen Hinsicht für Andere ein Glück gewesen wäre; von einem selbstsüchtigen Standpunkte aus bin ich froh, daß Nichts d’raus geworden ist, weil ich in jeder materiellen Hinsicht schlecht dabei weggekommen wäre — es ist kaum nöthig, Ihnen zu sagen, daß ich gar nichts dabei gewinnen konnte. Es ist kein Schade geschehen. Ich habe um die junge Dame nicht angehalten und unter uns gesagt, ich weiß durchaus nicht ob ich bei näherer Ueberlegung jemals so weit gegangen wäre. Mr. Lorry, die thörichten Launen und nichtigen Coquetterien eines leeren Mädchenkopfes können Sie nie berechnen; das können Sie gar nicht von sich erwarten und immer werden Sie sich darin täuschen. Also lassen wir die Sache ruhen. Ich sage Ihnen, es thut mir leid, anderer Leute wegen, aber ich bin froh meinetwegen. Und ich bin Ihnen wirklich sehr verbunden, daß Sie mir erlaubten Sie zu sondiren und daß Sie mir Ihren Rath ertheilten; Sie kennen die junge Dame besser als ich; Sie hatten recht, es wäre niemals etwas für mich gewesen.“
Mr. Lorry war so verblüfft, daß er sich von Mr. Stryver ganz ruhig mit einer Miene, als ob dieser Edelmuth, Nachsicht und mitleidiges Wohlwollen auf sein irrendes Haupt herabschüttete, moralisch zur Thür hinausschieben ließ. „Sie müssen sich darüber zu trösten wissen, bester Herr,“ sagte Stryver; „sprechen Sie nicht weiter davon; ich danke Ihnen nochmals, daß Sie mir erlaubt haben, Sie zu sondiren: gute Nacht!“
Mr. Lorry stand draußen auf der Straße, ehe er wußte wo er war. Mr. Stryver lag ausgestreckt auf seinem Sopha und zog der Zimmerdecke eine schlaue Grimasse.
Dreizehntes Kapitel.
Der Mann ohne Zartgefühl.
Wenn Sydney Carton jemals irgendwo glänzte, so glänzte er jedenfalls nicht in dem Hause Dr. Manettes. Er war ein ganzes Jahr lang oft dort gewesen und war dort immer derselbe mürrische und übelgelaunte Gesell gewesen. Wenn ihm daran lag zu sprechen, sprach er gut; aber durch die Wolke der Gleichgültigkeit gegen Alles, die ihn mit so verhängnißvoller Nacht überschattete, drang nur sehr selten das Licht in ihn.
Und doch lag ihm Etwas an den Straßen der Nachbarschaft jenes Hauses und den bewußtlosen Steinen, welche ihr Pflaster bildeten. Manche Nacht wanderte er dort zwecklos und unglücklich herum, wenn der Wein ihn in keine vorübergehende frohe Laune versetzte; manches Morgengrauen zeigte seine einsame Gestalt, die immer noch dort verweilte, wenn die ersten Strahlen der Sonne sonst selten sichtbare architektonische Schönheiten an Kirchthürmen und hohen Gebäuden in starkes Relief brachten, wie vielleicht die stille Stunde ein Gefühl für bessere, aber sonst vergessene und unerreichbare Dinge in seine Seele brachte. In der letzten Zeit hatte das vernachlässigte Bett im Tempelhof ihn noch seltener gesehen, als früher; und oft, wenn er sich nur ein paar Minuten darauf geworfen hatte, sprang er wieder auf, denn mit dämonischer Gewalt zog es ihn nach jener Nachbarschaft.
An einem Augusttage, als Mr. Stryver (nachdem er seinem Schakal mitgetheilt hatte, daß er sich die Heirathsgeschichte noch einmal überlegt habe) mit seinem Zartgefühl nach Devonshire gefahren war, zu einer Zeit, wo der Anblick und Geruch von Blumen in den Straßen der City eine Ahnung vom Guten dem Schlechtesten, von Gesundheit dem Kränksten und von Jugend dem Aeltesten brachte, wanderte Sydney immer noch über dieses Pflaster. Anfangs unentschlossen und ziellos, wurden seine Schritte plötzlich von einem Vorsatz belebt und diesen Vorsatz nachkommend, brachten sie ihn an die Thür des Doctors.
Man wies ihn in das erste Stockwerk und dort fand er Lucien allein bei ihrer Arbeit. Sie war ihm gegenüber nie ganz unbefangen gewesen, und empfing ihn mit einiger Verlegenheit, als er unweit von ihrem Tische Platz nahm. Aber als sie ihm im Austausch der ersten paar Gemeinplätze ansah, bemerkte sie, daß er sich verändert hatte.
„Ich fürchte, Sie sind nicht wohl, Mr. Carton!“
„Das Leben, welches ich führe, Miß Manette, ist der Gesundheit nicht zuträglich. Was können solche Wüstlinge erwarten?“
„Ist es nicht — verzeihen Sie mir; ich habe die Frage angefangen und kann sie nicht mehr zurückhalten — ist es nicht jammerschade, kein besseres Leben zu führen?“
„Gott weiß, daß es eine Schande ist!“
„Warum führen Sie denn kein anderes?“
Als sie den Blick sanft zu ihm erhob, sah sie zu ihrem Erstaunen und ihrem Schmerz, daß Thränen in seinem Auge standen. Thränen klangen auch aus seiner Stimme, als er zur Antwort gab:
„Es ist schon zu spät dazu. Ich werde nie besser sein, als ich bin. Ich werde tiefer sinken und schlechter sein.“
Er stützte einen Ellenbogen auf den Tisch und deckte die Augen mit der Hand zu.
Der Tisch zitterte in der Pause, welche jetzt folgte.
Sie hatte ihn noch nie so weich gesehen und es schmerzte sie sehr. Er wußte das, ohne daß er sie ansah und sagte:
„Bitte, verzeihen Sie mir, Miß Manette. Ich komme aus aller Fassung, wenn ich denke, was ich Ihnen sagen möchte. Wollen Sie mich anhören?“
„Wenn es gut für Sie ist? Mr. Carton, wenn ich Sie glücklicher machen könnte, würde ich Sie mit Freuden anhören!“
„Gott segne Sie, für Ihr Erbarmen!“
Er nahm auf eine kleine Weile die Hand von den Augen und sprach in ruhigerem Tone.
„Fürchten Sie nicht, mich anzuhören. Weisen Sie nichts zurück von dem, was ich sage. Ich bin wie Einer der schon gestorben ist. Mein ganzes Leben könnte gewesen sein.“
„Nein, Mr. Carton. Ich bin überzeugt, daß der beste Theil noch kommen könnte; ich bin überzeugt, daß Sie noch Ihrer viel, viel würdiger werden können.“
„Sagen Sie, Ihrer würdig, Miß Manette, und obgleich ich es besser weiß, obgleich ich es in dem Geheimniß meines eigenen elenden Herzens besser weiß — werde ich es nie vergessen!“
Sie zitterte und war blaß geworden. Er kam ihr mit einer feststehenden Verzweiflung an sich selbst zu Hülfe, welche der Unterredung einen anderen Charakter gab als sie bei jedem Andern auf der Welt hätte haben können.
„Wenn es möglich gewesen wäre, Miß Manette, daß Sie die Liebe des Mannes hätten erwidern können, den Sie jetzt vor sich sehen — dieser verwüsteten und verlotterten Creatur, die sich selbst aufgegeben und sich selbst weggeworfen hat — so wäre er sich an diesem Tage und zu dieser Stunde trotz seines Glückes bewußt, daß er Sie in Elend und Noth, in Kummer und Reue bringen und mit sich selbst herunter in Schmutz und Schande ziehen würde. Ich weiß recht wohl, daß Sie keine Liebe für mich fühlen; ich verlange keine; ich danke sogar Gott, daß ich keine beanspruchen kann.“
„Kann ich Sie nicht ohne diese retten, Mr. Carton? Kann ich Sie nicht — verzeihen Sie mir wieder! — zu einem bessern Leben zurückführen? Kann ich in keiner Weise Ihr Vertrauen vergelten? Ich weiß, daß dies eine vertrauliche Mittheilung ist,“ sagte sie bescheiden, nach einigem Zögern und mit aufrichtigen Thränen, „ich weiß, daß Sie das Niemandem anders sagen würden. Kann ich es in keiner Weise zu Ihrem Besten wenden, Mr. Carton?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, Miß Manette, in keiner Weise. Wenn Sie mich noch ein wenig länger anhören wollen, so ist Alles geschehen, was Sie für mich thun können. Sie sollen wissen, daß Sie der letzte Traum meiner Seele gewesen sind. In meiner Gesunkenheit bin ich nicht so gesunken, daß der Anblick von Ihnen und Ihrem Vater und dieses Heimwesens und wie Sie es zu dem gemacht haben, was es ist, nicht in mir alte Schatten geweckt hätte, die ich längst für gestorben hielt. Seit ich Sie gekannt habe, hat mich eine Reue gequält, die ich für immer verlernt zu haben glaubte und habe ich alte Stimmen mir zurufen hören, mich zu erheben, von denen ich längst meinte, sie wären verstummt. Es kamen mir halbfertige Gedanken vom Frischen zu streben, neu anzufangen, Trägheit und Sinnlichkeit abzuschütteln, und mich wieder in den aufgegebenen Kampf zu stürzen. Träume, nichts als Träume, die in Nichts enden, aber ich hege den Wunsch, Sie wüßten, daß Sie dieselben in mir veranlaßt hätten.“
„Werden sie keine andere Frucht tragen? O, Mr. Carton, versuchen Sie es noch einmal!“
„Nein, Miß Manette, die ganze Zeit über habe ich gefühlt, daß ich es nicht verdiente. Und doch war ich schwach genug und bin es noch, den Wunsch zu hegen, daß Sie erfahren, mit welchem plötzlichen Einfluß Sie in mir, dem ausgebrannten Aschenhaufen, ein Feuer entzündet haben, aber ein Feuer, das, in seinem Wesen unzertrennlich von mir, Nichts lebendig macht, Nichts entzündet, keinen Dienst leistet und unnütz verbrennt.“
„Da ich das Unglück habe, Mr. Carton, Sie unglücklicher gemacht zu haben, als Sie waren, bevor ich Sie kannte —.“
„Sagen Sie das nicht, Miß Manette, denn Sie hätten mich gerettet, wenn es Jemand hätte thun können. Sie können nicht die Ursache sein, daß es schlimmer mit mir wird.“
„Da der Zustand, von dem Sie sprechen, jedenfalls durch meinen Einfluß mit entstanden ist — das meine ich — wenn ich es klar machen kann — kann ich dann Nichts thun, um Ihnen zu dienen? Geht mir jede Macht ab zum Guten auf Sie einzuwirken?“
„Das einzige Gute, dessen ich noch fähig bin, Miß Manette, auszuführen, bin ich hierher gekommen. Ich möchte für den Rest meines verfehlten Lebens die Erinnerung besitzen, daß ich Ihnen als den letzten Menschen auf der Welt mein Herz eröffnet habe, und daß Sie noch Etwas darin gefunden haben, was Sie beklagen und bemitleiden konnten.“
„Was, wie ich Sie auf’s Innigste, aus ganzem Herzen gebeten habe zu glauben, besserer Dinge fähig war, Mr. Carton!“
„Bitten Sie mich nicht mehr, es zu glauben, Miß Manette. Ich habe mich geprüft und ich weiß es besser. Ich thue Ihnen weh; ich bin bald fertig. Wollen Sie mir zu glauben erlauben, wenn ich an diesen Tag zurückdenke, daß ich das letzte Vertrauen in meinem Leben Ihrem reinen unschuldigen Herzen geschenkt habe, und daß es dort allein ruht und von Niemandem getheilt werden wird?“
„Wenn das ein Trost für Sie ist, ja!“
„Auch nicht dem Herzen, das Ihnen dereinst am Liebsten sein wird?“
„Mr. Carton,“ gab sie nach einer aufgeregten Pause zur Antwort, „es ist Ihr Geheimniß, nicht meines, und ich verspreche Ihnen es zu achten.“
„Ich danke Ihnen. Und noch einmal, Gott segne Sie.“
Er führte ihre Hand an seine Lippen und bewegte sich nach der Thür.
„Fürchten Sie nicht, Miß Manette, daß ich jemals dieses Gespräch auch nur durch eine Anspielung wieder aufnehme. Ich werde nie wieder darauf zurückkommen. Wenn ich todt wäre, könnten Sie dessen nicht sicherer sein. In meiner Sterbestunde werde ich die eine gute Erinnerung heilig halten — und ich werde Ihnen dafür danken und Sie dafür segnen — daß ich mein letztes Selbstbekenntniß Ihnen abgelegt habe und daß Sie meinen Namen, meine Fehler und mein Unglück mitleidvoll in Ihrem Herzen tragen. Möge es im Uebrigen leicht und glücklich sein!“
Er war so ganz anders als er sich sonst gezeigt hatte und es war so traurig zu denken, wie viel er weggeworfen und wie viel er jeden Tag brach liegen ließ und zu falschen Zwecken verwendete, daß Lucie Manette bekümmert um ihn weinte, als er in der Thür stand und auf sie zurückblickte.
„Trösten Sie sich!“ sagte er, „ich bin dieses Mitleid nicht werth, Miß Manette. Noch ein oder zwei Stunden und die gemeine Gesellschaft und ihre Gewohnheiten, die ich verachte, denen ich mich aber hingebe, werden mich solcher Thränen weniger würdig machen, als der erste beste Elende ist, der durch die Straßen kriecht. Trösten Sie sich! Aber in meinem Herzen werde ich immer gegen Sie sein, wie ich jetzt bin, obgleich ich äußerlich nicht anders erscheinen werde, als Sie mich bisher gekannt haben. Die vorletzte Bitte, die ich an Sie habe, ist, daß Sie mir dies glauben wollen.“
„Ich will es, Mr. Carton.“
„Meine letzte Bitte ist folgende; und mit ihr will ich Sie von einem Besuche erlösen, mit dem, wie ich wohl weiß, Sie nichts gemein haben und zwischen dem und Ihnen eine unüberschreitbare Kluft liegt. Ich weiß, es ist unnütz, sie auszusprechen, aber sie drängt sich mir aus der Seele. Für Sie und für jedes Herz, daß Ihnen theuer ist, würde ich Alles thun. Wäre meine Laufbahn von der bessern Art, daß ich darin Gelegenheit oder Fähigkeit zur Aufopferung hätte, so würde ich Ihnen und denen, welche Ihnen am Herzen liegen, jedes Opfer bringen. Versuchen Sie in ruhigen Stunden mich in diesem Einen für aufrichtig und bereit zu halten. Die Zeit wird kommen, die Zeit wird sehr bald kommen, wo Sie neue Bande geknüpft haben werden — Bande, die Sie noch inniger und fester an das Heimwesen knüpfen, dessen Zierde Sie sind — die theuersten Bande, die Sie jemals schmücken und erfreuen werden. O, Miß Manette, wenn das kleine Abbild des Gesichts eines glücklichen Vaters zu Ihnen aufblickt, wenn Sie sich in Ihrer eigenen Schönheitsblüthe von Neuem neben sich aufsprossen sehen, so denken Sie dann und wann, daß es einen Mann giebt, der sein Leben hingeben würde um ein Leben, das Sie lieben, zu erhalten.“
Er sagte „leben Sie wohl,“ sagte „ein letztes Gott segne Sie!“ und verließ sie.
Vierzehntes Kapitel.
Der ehrliche Gewerbsmann.
Vor den Augen Mr. Jeremiah Cruncher’s, wie er neben seinem gnomenhaften Sohn am Ausgange von Fleetstreet saß, bewegte sich jeden Tag eine endlose Verschiedenheit und Zahl von Gegenständen vorüber. Wer konnte überhaupt in Fleetstreet während der geschäftigen Stunden des Tages sitzen und nicht betäubt und verwirrt werden von zwei endlosen Prozessionen, von denen die eine beständig westwärts mit der Sonne, die andere ostwärts von der Sonne wegging, beide aber den Gefilden jenseits der rothen und goldenen Wolken, wo die Sonne untergeht, zustrebten!
Mit seinem Strohhalm im Munde sah Mr. Cruncher den beiden Strömen zu gleich dem alten Heiden der Sage, der seit mehrern Jahrhunderten einen Strom beobachten muß — nur daß Jerry nicht erwartete, daß seine Ströme sich jemals verlaufen würden. Auch wäre diese Aussicht nicht sehr hoffnungsvoll gewesen, da er einen kleinen Theil seines Einkommens der ihm von diesen Strömen gebotenen Gelegenheit verdankt, furchtsame Frauen (ziemlich wohlbeleibt und über die mittlern Jahre des Lebens hinaus), von Tellson’s Seite nach der gegenüberliegenden zu lootsen. Wenn Mr. Cruncher in jedem besondern Falle den auf diese Weise von ihm Geschützten auch nur ganz kurze Gesellschaft leistete, so gewann er doch stets so viel Interesse an der Dame, daß er den lebhaften Wunsch ausdrückte, die Ehre haben zu können, auf ihre Gesundheit zu trinken. Und mit den Gaben die er zur Erfüllung dieses wohlwollenden Wunsches erhielt, half er seinen Finanzen auf, wie eben bemerkt worden.
Es gab eine Zeit, wo ein Dichter auf einem Stuhl auf der Straße saß und Angesichts der Menschen träumte. Mr. Cruncher saß auch auf einem Stuhl auf der Straße; da er aber kein Dichter war, träumte er so wenig als möglich und schaute um sich.
Es war gerade um eine Zeit, wo die Stadt menschenleerer als gewöhnlich war, seiner Führung bedürftige Frauen sich weniger als gewöhnlich fanden und seine Angelegenheiten im Allgemeinen so wenig gediehen, daß in seiner Brust ein starker Verdacht aufkeimte, Mrs. Cruncher müsse irgendwo recht inbrünstig gebetet haben, als ein ungewöhnliches Gedränge Fleetstreet herabkam, und seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Mr. Cruncher erkannte bald, daß es ein Leichenbegängniß war, und daß das Volk diesem Leichenbegängniß hemmend entgegentrat, wodurch ein Auflauf entstand.
„Junge,“ sagte Mr. Cruncher zu seinem Sprößling „’s ist eine Leiche.“
„Hurrah, Vater!“ schrie der junge Jerry.
Der junge Herr sprach diesen frohlockenden Ruf mit geheimnißvoller Bedeutsamkeit aus. Der ältere Herr nahm den Ruf so übel, daß er seine Gelegenheit abpaßte und dem jungen Herrn Eins hinter die Ohren gab.
„Was soll das heißen? Wozu schreist Du Hurrah? Was willst Du damit Deinem eigenen Vater sagen, Du junger Spitzbube? Der Junge fängt an mir zu viel zu werden!“ — sagte Mr. Cruncher und betrachtete den hoffnungsvollen Sohn, „er und seine Hurrahs! daß ich nicht wieder so etwas von Dir höre, sonst sollst Du etwas von mir fühlen. Verstehst Du mich?“
„Ich meinte es nicht böse“ protestirte der junge Jerry, während er sich die Backe rieb.
„Nun so sei still,“ sagte Mr. Cruncher; „ich mag nichts von Deinem Nichtbösemeinen wissen. Hier steig’ auf den Stuhl und sieh Dir’s Gedränge an.“
Der Sohn gehorchte und der Menschenhaufe wälzte sich heran; er umgab brüllend und zischend einen Leichenwagen und eine Trauerkutsche von verschossenem Schwarz, in welcher letzterer ein einziger Leidtragender saß, angethan mit dem vielgebrauchten und halbverschossenen Flor und Trauermantel, welche man für eine solche Gelegenheit für unentbehrlich hielt. Dem Leidtragenden schien jedoch seine Rolle durchaus nicht zu gefallen; denn ein beständig sich vermehrender Pöbelhaufen umgab die Kutsche, verhöhnte ihn, schnitt ihm Gesichter und heulte und schrie fortwährend: „Hallo! Spione! Hurrah! Spione!“ und fügte dazu noch Beiworte, die zu zahlreich und zu kräftig waren, um sie hier wiederholen zu können.
Die Leichenbegängnisse besaßen zu allen Zeiten eine merkwürdige Anziehungskraft für Mr. Cruncher; er gerieth stets in große Aufregung, wenn eine Leiche vor Tellson’s vorbeigetragen ward. Natürlich mußte ein Leichenbegängniß mit dieser ungewöhnlichen Leichenbegleitung ihn in doppelte Aufregung versetzen und er fragte den Ersten, der gegen ihn anrannte: „Was ist los, Bruder? Wer ist es?“
„Ich weiß es nicht“ sagte der Mann. „Spione, Hallo — oh! Spione!“
Er fragte einen Andern. „Wer ist es?“
„Ich weiß es nicht“ entgegnete auch dieser, legte aber nichts destoweniger beide Hände wie ein Sprachrohr an den Mund und brüllte mit dem größten Eifer: „Spione! Hallo—oh! Spio—one!“
Endlich rannte eine über die Sache besser unterrichtete Person gegen ihn an und von dieser Person erfuhr er, daß das Leichenbegängniß einem gewissen Roger Cly gelte.
„War er ein Spion?“ fragte Mr. Cruncher.
„Ein Old-Baily-Spion“ gab der Andere zur Antwort.
„Hallo—oh! Hallo—oh! Old-Baily-Spio—o—on!“
„Jetzt weiß ich!“ rief Jerry aus, indem er an die Gerichtsverhandlung dachte, der er beigewohnt hatte. „Den kenne ich. Er ist todt?“
„Mausetodt“ entgegnete der Andere, „und er kann nicht todt genug sein. Holt ihn heraus! Spione! Holt sie heraus! Spione!“
Bei der vorherrschenden Abwesenheit irgend eines Gedankens war dieser Einfall so annehmbar, daß der Volkshaufe sogleich darauf einging und laut den Rath wiederholend, sie heraus zu holen, die beiden Wagen so dicht umdrängte, daß sie nicht weiterfahren konnten. Als dann Viele auf einmal die Kutschenthüren aufrissen, sprang der eine Leidtragende von selbst heraus und war für einen Augenblick in schlimmen Händen; aber er war so gewandt und benutzte seine Zeit so gut, daß er im nächsten Augenblick eine Nebenstraße hinablief, nachdem er den Trauermantel, den Hut, das lange Florband, das weiße Taschentuch und andere symbolische Thränen von sich geworfen hatte.
Das Leichenbegängniß des Spions.
Mit großem Jubel und Genuß zerriß diese das Volk in Stücke und zerstreute sie weit und breit, während die Gewerbsleute eilig ihre Läden zuschlossen; denn ein Auflauf scheute in jener Zeit vor Nichts zurück und war ein vielgefürchtetes Ungeheuer. Man machte bereits Anstalt, den Sarg heraus zu holen, als ein besonders erfinderisches Genie vorschlug, ihn lieber unter allgemeinem Jubel nach seinem Bestimmungsorte zu bringen. Da es sehr an praktischen Rathschlägen fehlte, nahm man auch diesen Rathschlag mit Beifall auf und die Kutsche füllte sich sofort mit acht Personen inwendig und einem Dutzend auf dem Dache, während auf den Leichenwagen so Viele kletterten, als dort nur irgend Platz finden konnten. Unter den ersten war Jerry Cruncher selbst, der bescheiden sein Haupt in der tiefsten Ecke der Trauerkutsche vor der Beobachtung Tellsons verbarg.
Die begleitenden Leichenbesorger legten zwar Verwahrung ein gegen diese Abänderungen in den Ceremonien; da aber der Fluß besorglich nahe war und verschiedene Stimmen von der Angemessenheit eines kalten Bades sprachen, um Widerspenstige zur Vernunft zu bringen, so war die Verwahrung wenig energisch. Der umgestaltete Leichenzug setzte sich wieder Bewegung. Ein Schornsteinfeger fuhr den Leichenwagen, berathen von dessen eigentlichem Kutscher, der zu diesem Zwecke unter strenger Aufsicht neben ihm sitzen blieb. Ein Obsthöker, ebenfalls von seinem Cabinetsminister begleitet, lenkte die Trauerkutsche. Ein Bärenführer, damals ein gern gesehener Gast auf der Straße, ward als neue Verschönerung gepreßt, ehe der Zug weit den Strand hinab gekommen war; und sein Bär, der schwarz und sehr schäbig war, gab dem Theil der Procession, in welchem er sich befand, ein ächtes Leichenbesorger-Aussehen.
So ging biertrinkend, rauchend, brüllend und die Trauer in endloser Abwechselung karrikirend, der wilde Haufe seinen Weg und wuchs mit jedem Schritte, während sich die Läden bei seinem Herannahen schlossen. Sein Ziel war die alte Pankratius-Kirche weit draußen vor der Stadt. Im Verlauf der Zeit langte er auch dort an, erzwang sich den Eingang in den Friedhof und setzte es schließlich durch, den verstorbenen Roger Cly nach seinem Sinn und gar sehr zu seiner Befriedigung zu begraben.
Mit dem Leichenbegängniß war man fertig und der Volkshaufe fing an, ein Bedürfniß nach neuer Unterhaltung zu fühlen. Da kam ein erfinderisches Genie, vielleicht dasselbe wie vorhin, auf den Einfall, zufällig Vorübergehende als Old-Baily-Spione zu denunziren und Rache an ihnen zu nehmen. Im Verfolg dieses humoristischen Einfalls wurde auf ein paar Dutzend harmlose Leute, die nie in ihrem Leben Old-Baily zu nahe gekommen waren, Jagd gemacht und sie wurden dann mit rauhen Händen herumgezerrt und mißhandelt. Der Uebergang von dieser Unterhaltung zum Fenstereinwerfen und weiter zum Demoliren von Bierhäusern war leicht und natürlich. Endlich nach mehreren Stunden, als verschiedene Pavillons zerstört und einige Gitter vor den Häusern ausgerissen worden waren, um die Kampflustigern unter dem Haufen zu bewaffnen, verbreitete sich das Gerücht, daß die Garde im Anzuge wäre. Vor diesem Gerücht schmolz der Volkshaufe allmählich zusammen und vielleicht kam die Garde, vielleicht kam sie nicht, und das war der gewöhnliche Verlauf eines Volksauflaufs.
Mr. Cruncher hatte der Schlußscene nicht beigewohnt, sondern war auf dem Kirchhofe zurückgeblieben, um sich mit Leichenbesorgern zu unterhalten. Der Ort übte einen beruhigenden Einfluß auf ihn aus. Er verschaffte sich eine Pfeife aus einem nahen Bierhause und rauchte sie, während er durch die Gitter blickte und seinen Gedanken nachhing.
„Jerry“ sagte Mr. Cruncher, in seiner gewöhnlichen Weise sich selbst anredend, „du hast heute diesen Cly gesehen und hast mit eignen Augen gesehn, daß er jung und gerade gewachsen ist.“
Nachdem er seine Pfeife ausgeraucht und noch eine kleine Weile seinen Gedanken nachgehangen hatte, wendete er seine Schritte heimwärts, damit er vor Ladenschluß seinen Posten vor Tellsons einnehmen könnte. Ob sein Nachdenken über die Sterblichkeit des Menschen seine Leber angegriffen hatte oder ob es mit seiner Gesundheit im Allgemeinen nicht ganz richtig war oder ob er einen ausgezeichneten Mann eine kleine Aufmerksamkeit erweisen wollte, geht uns hier weniger an, als daß er auf seinem Heimwege seinem ärztlichen Beistand — einem Chirurgen von großem Rufe — einen kurzen Besuch abstattete.
Der junge Jerry, nun von seinem Vater abgelöst, meldete, daß während seiner Abwesenheit nichts vorgefallen sei. Die Bank wurde geschlossen, die alten Commis kamen heraus, der Wächter erschien auf seinem Posten und Mr. Cruncher und sein Sohn gingen nach Hause zum Thee.
„Nun will ich Dir sagen, wie es ist“ sagte Mr. Cruncher zu seiner Frau, wie er in die Stube trat. „Wenn es heute Nacht mit meiner Spekulation schief geht, so will ich schon herausbringen, daß Du gegen mich gebetet hast und werde Dich dann bearbeiten, als ob ich’s gesehen hätte.“
Die niedergedrückte Mrs. Cruncher schüttelte den Kopf.
„Was, Du willst’s vor meinen Augen thun?“ — sagte Mr. Cruncher mit allen Anzeigen zorniger Besorgniß.
„Ich sage nichts.“
„Nun dann denke aber auch nichts. Du könntest eben so gut auf den Knieen herumrutschen, als denken. Das Eine ist so gut gegen mich, wie das Andere. Laß es ganz sein.“
„Ja, Jerry.“
„Ja, Jerry“ wiederholte Mr. Cruncher, indem er sich zum Thee hinsetzte. „Ha! immer heißt’s: Ja Jerry. Ja wohl, ’s ist schon gut, ja Jerry!“
Mr. Cruncher verband keine besondere Meinung mit diesen mürrischen Wiederholungen, sondern drückte damit nur, wie es andre Leute nicht selten auch thun, allgemeine ironische Unzufriedenheit aus.
„Du und Deine Ja, Jerry“ sagte Mr. Cruncher und biß ein derbes Stück aus seinem Butterschnitt, das er mit einem tüchtigen Schluck hinunterspülte. „Ha! ich sollte es meinen. Ich glaube Dir.“
„Du gehst heute Nacht aus?“ fragte seine Frau, als er wieder ein Stück abbiß.
„Ja!“
„Darf ich mitgehen, Vater?“ fragte sein Sohn rasch.
„Nein, das geht nicht! Ich gehe — wie Deine Mutter weiß — fischen. So ist es. Fischen gehe ich.“
„Deine Angel wird aber recht rostig; nicht wahr, Vater?“
„Das laß Du gut sein.“
„Bringst Du uns Fische mit, Vater?“
„Wenn ich keine mitbringe, wirst Du morgen fasten müssen,“ gab der Andere mit einem Kopfschütteln zur Antwort; „das ist Antwort genug für Dich; ich gehe erst aus, wenn Du längst zu Bett bist.“
Den Rest des Abends verbrachte er damit, ein scharfes Auge auf Mrs. Cruncher zu haben, und sie beständig im Gespräch zu erhalten, damit sie an keine Gebete zu seinem Nachtheile denken konnte. Zu diesem Zwecke trieb er auch seinen Sohn an, sie nicht aus dem Gespräch zu lassen und die Arme mußte mit ihm jede Beschwerde, die er gegen sie hatte, durchsprechen, damit sie nur nicht einen einzigen Augenblick ihren eigenen Gedanken nachhängen konnte. Der frömmste Mensch hätte für die Wirksamkeit eines aufrichtig gemeinten Gebets nicht kräftiger Zeugniß ablegen können, als er es durch dieses immer wache Mißtrauen in seine Frau that. Es war als ob Einer, der sich laut rühmte an keine Gespenster zu glauben, sich von einer Gespenstergeschichte Furcht einflößen ließe.
„Und vergiß es nicht,“ sagte Mr. Cruncher. „Daß Du mir morgen keine Geschichten machst! Wenn es mir als ehrlichem Gewerbsmann gelingt, ein gut Stück Fleisch auf den Tisch zu schaffen, so komme mir nicht mit Deiner Komödie, es nicht anrühren und nur Brod essen zu wollen. Wenn ich als ehrlicher Gewerbsmann für ein Glas Bier sorge, so sprich mir nicht von Wassertrinken. Wenn Du nach Rom gehst, mußt Du es machen wie die Leute in Rom. Rom wird es Dir noch schön anstreichen, wenn Du es nicht thust. Ich bin Dein Rom — weißt Du!“
Dann fing er wieder an zu brummen:
„Mit Deinem Wirthschaften gegen Deine eigne Speise und Trank! Ich weiß nicht, wie selten Du Speise und Trank Dir machen könntest mit Deinem Herumrutschen und herzlosen Benehmen. Sieh Deinen Jungen an: Er ist Dein Kind, nicht wahr? Er ist so dürr, wie eine Latte. Du willst eine Mutter sein und weißt nicht einmal, daß es die erste Pflicht einer Mutter ist, ihrem Sohn zu Fleisch zu verhelfen!“
Dies berührte den jungen Jerry auf einer empfindlichen Stelle. Er beschwor seine Mutter, ihre erste Pflicht zu erfüllen und, was sie auch sonst thäte und unterließe, vor allen Dingen besondere Sorge zu tragen, dieser von seinem Vater so rührend und zartfühlend beschriebenen Mutterpflicht nach zu kommen.
So verging der Abend in der Familie Cruncher, bis der Vater den Sohn zu Bett gehen hieß und die Mutter, der er denselben Befehl ertheilte, ihm gehorchte. Mr. Cruncher vertrieb sich die ersten Stunden der Nacht mit einsamem Pfeifen und traf erst Anstalten zum Aufbruch, als es fast ein Uhr war. Wie diese Geisterstunde herankam, stand er von seinem Stuhle auf, holte einen Schlüssel aus seiner Tasche, schloß einen Wandschrank auf und nahm einen Sack, ein Brecheisen von angemessener Größe, einen Strick, eine Kette und anderes Angelgeräthe ähnlicher Art heraus. Nachdem er diese Gegenstände in geschickter Weise an seinem Leibe untergebracht hatte, bedachte er Mrs. Cruncher noch mit einem Abschiedsfluch, löschte das Licht aus und ging.
Der junge Jerry, der sich gar nicht ausgezogen hatte, als er zu Bett ging, folgte sehr bald seinem Vater. Unter dem Schutze der Finsterniß folgte er ihm aus dem Zimmer die Treppe hinab in den Hof hinunter bis auf die Straße. Wieder in das Haus zu kommen machte ihm keine Sorge, denn es wohnten viel Leute darin und die Thür blieb die ganze Nacht angelehnt.
Getrieben von einem lobenswerthen Ehrgeiz, die Kunst und das Geheimniß des ehrlichen Gewerbes seines Vaters kennen zu lernen, behielt der junge Jerry, immer dicht an den Häusern, Mauern und Thorwegen hinschleichend, seinen ehrenwerthen Vater fortwährend im Auge. Der ehrenwerthe Vater schlug eine nördliche Richtung ein und war noch nicht weit gegangen, als sich ein anderer Schüler Isaak Waltons zu ihm fand und Beide nun in Gesellschaft weiter gingen.
Eine halbe Stunde nach dem Aufbruch hatten sie die trübe brennenden Laternen und die schlafenden Nachtwächter hinter sich und befanden sich auf einer einsamen Landstraße. Hier fand sich noch ein Liebhaber des Angelns zu ihnen und zwar so in aller Stille, daß, wenn der junge Jerry abergläubisch gewesen wäre, er hätte glauben können, der zweite Verehrer des edeln Zeitvertreibs hätte sich auf einmal in zwei Männer gespalten.
Die Drei gingen weiter und der junge Jerry ebenfalls bis die Drei an einer Stelle stehen blieben, wo die Straße durch einen Hohlweg lief. Oben auf dem Hohlweg sah man eine niedrige Mauer von Ziegelsteinen mit einem eisernen Gitter darüber. Im Schatten des Hohlwegs und der Mauer verließen alle Drei die Landstraße und lenkten in einen Seitenweg ein, dessen eine Seite die hier acht bis zehn Fuß hohe Mauer bildete. Das Nächste, was der junge Jerry, der sich in eine Ecke gekauert hatte, sah, war die Gestalt seines ehrenwerthen Vaters, der rasch ein eisernes Gitterthor hinaufkletternd sich ziemlich deutlich gegen den von einem Hof umgebenen und durch Wolken schwimmenden Mond abzeichnete. Er war bald auf der andern Seite und dann folgte der zweite Angler und der dritte. Sie alle ließen sich vorsichtig auf den Boden hinunter und blieben dort eine Weile liegen — vielleicht um zu horchen. Dann krochen sie auf Händen und Knien weiter.
Jetzt kam an den jungen Jerry die Reihe, sich der Gitterpforte zu nähern und er that es mit angehaltenem Athem. Er kauerte sich dort wieder in eine Ecke und sah, wie die drei Angler durch hohes struppiges Gras krochen, während alle Grabsteine auf dem Friedhofe — denn sie befanden sich auf einem großen Friedhofe — wie weiß gekleidete Gespenster zusahen und der Kirchthurm selbst wie das Gespenst eines ungeheuren Riesen herniederschaute. Sie waren noch nicht weit gekrochen, als sie Halt machten und sich aufrichteten. Und nun fingen sie an zu fischen.
Sie fischten zuerst mit einem Spaten. Gleich darauf machte der ehrenwerthe Vater ein Werkzeug, ungefähr gleich einem großen Korkzieher zurecht. Aber mit welchen Werkzeugen sie immer arbeiteten — sie arbeiteten mit Anstrengung, bis der dumpfe Schlag der Thurmglocke den jungen Jerry so erschreckte, daß er mit zu Berge stehendem Haar davon lief.
Doch sein lange gehegter Wunsch, mehr von diesen Sachen zu erfahren, hemmte nicht nur seinen Lauf, sondern bewog ihn auch, wieder um zu kehren. Sie fischten immer noch mit großer Ausdauer, als er zum zweiten Male zur Pforte hereinguckte; aber jetzt schien ein Fisch gebissen zu haben. Man hörte einen rumpelnden und ächzenden Ton unten in der Erde und die gekrümmten Rücken der Fischer strengten sich mächtig an, als wollten sie eine schwere Last heben. Langsam und allmählig brachten sie dieselbe auch aus der Erde heraus. Der junge Jerry wußte recht gut, was es sein würde; aber als er es erblickte und seinen ehrenwerthen Vater Anstalten machen sah es aufzubrechen, bemächtigte sich seiner bei dem noch neuen Anblick eine solche Angst, daß er wieder fortlief und nicht eher stehen blieb, als bis er wol eine halbe Stunde Wegs gelaufen war.
Auch jetzt wäre er nicht stehen geblieben, wenn er nicht unbedingt hätte Athem schöpfen müssen; denn er lief ein Gespensterwettrennen und wünschte sehnlichst, damit fertig zu sein. Er konnte sich nicht von dem Gedanken losmachen, daß der Sarg, den er gesehen, ihm nachlaufe, und wie er sich ihn dachte, wie er immer auf seinem schmalen Ende stehend ihm nachhoppe und stets auf dem Punkte stand, ihn einzuholen und an ihn heran zu hoppen — vielleicht gar seinen Arm zu nehmen — wurde es ihm fürchterlich zu Muthe. Es war auch ein allgegenwärtiger Dämon; denn während er die ganze Nacht hinter ihm zu einem Entsetzen machte, lief Jerry auf die Fahrstraße hinüber, um dunkeln Seitenwegen fern zu bleiben, aus denen der gespenstige Sarg ja hervorgehoppt kommen konnte — gleich einem wassersüchtigen Papierdrachen ohne Schweif und Flügel. Er versteckte sich auch in Thorwegen, wo er seine gräßlichen Schultern an den Thüren rieb und sie bis zu den Ohren heraufzog, als ob er lachte. Er lauerte in dunkeln Stellen auf der Straße und legte sich hinterlistig auf den Boden, daß der Laufende über ihn wegfalle. Die ganze Zeit über hoppte er ihm unaufhörlich hinten nach und kam immer näher, sodaß der Knabe halbtodt war, als er seine Hausthüre erreichte. Aber auch hier wollte er ihn nicht verlassen, sondern folgte ihm die Treppe hinauf mit einem dumpfklingenden Aufstoßen auf jeder Stufe, kletterte mit ihm in’s Bett und fiel todt und schwer auf seine Brust, wie er einschlief.
Aus schwerem Schlummer fand sich der junge Jerry in seiner Kammer nach Tagesanbruch und vor Sonnenaufgang durch die Anwesenheit seines Vaters in der Familienstube erweckt. Etwas mußte ihm schief gegangen sein; wenigstens schloß dies der junge Jerry aus dem Umstande, daß er Mrs. Cruncher bei den Ohren hielt und sie mit dem Hinterkopf gegen das Kopfbrett des Bettes stieß.
„Ich hab’ Dir’s vorausgesagt“ sagte Mr. Cruncher „und jetzt geschieht’s.“
„Jerry, Jerry, Jerry!“ bat seine Frau.
„Du raubst uns den Gewinn des Geschäfts“ sagte Jerry, „und ich und meine Compagnons leiden darunter. Du sollst ehren und gehorchen, warum zum Teufel thust Du es nicht?“
„Ich versuche eine gute Frau zu sein, Jerry“ betheuerte die Arme unter Thränen.
„Heißt das eine gute Frau sein, wenn Du Deinem Mann das Geschäft verdirbst? Heißt es, Deinen Mann ehren, wenn Du ihm Unehre auf sein Geschäft bringst? Heißt es Deinem Manne gehorchen, wenn Du ihm in den Hauptsachen seines Geschäfts nicht folgst?“
„Du hattest damals mit dem schrecklichen Geschäfte noch nichts zu thun, Jerry.“
„Es muß Dir genug sein, die Frau eines ehrenwerthen Gewerbsmannes zu sein,“ entgegnete Mr. Cruncher. „Du brauchst Dir deinen dummen Kopf nicht mit Rechnen zu zerbrechen, wann er sein Geschäft angefangen hat oder nicht. Ein ehrendes und gehorchendes Weib würde sich gar nicht um sein Geschäft kümmern. Du willst eine fromme Frau sein? Wenn Du eine fromme Frau bist, so will ich eine gottlose haben, Du hast nicht mehr natürliches Pflichtgefühl als in dem Bette der Themse hier Pfähle wachsen, und selbigermaßen muß es in Dich hineingeschlagen werden.“
Der Wortwechsel ging in halblautem Tone herüber und hinüber, und der Schluß desselben war, daß der ehrenwerthe Gewerbsmann seine mit Lehm beschmutzten Stiefeln von den Füßen schleuderte, und sich der Länge nach auf den Fußboden legte. Nachdem sein Sohn auf ihn, wie er, die schmutzigen Hände als Kissen benutzend, auf dem Rücken dalag, einen schüchternen Blick geworfen, streckte auch er sich aus, und schlief wieder ein.
Es gab keinen Fisch zum Frühstück, und auch sonst nicht viel. Mr. Cruncher war böser Laune, und hatte neben sich einen eisernen Topfdeckel liegen als Wurfgeschoß zur Züchtigung Mrs. Crunchers, wenn es ihr nur von fern einfallen sollte, an ein Tischgebet zu denken. Er bürstete und wusch sich zur gewöhnlichen Stunde, und ging mit seinem Sohne fort, um sich seinem Tagesgeschäft zu widmen.
Der junge Jerry, mit dem Stuhle unter dem Arme neben seinem Vater durch die lange und menschengedrängte Fleetstreet hertrabend, war ein ganz anderer junger Jerry als in der vergangenen Nacht, wie er durch die einsame Finsterniß vor seinem grausigen Verfolger ausriß. Seine Schlauheit war mit dem Tage wieder aufgewacht, und seine Gewissensbisse mit der Nacht verschwunden, mit welcher Eigenthümlichkeit er wahrscheinlich an diesem schönen Morgen weder in Fleetstreet noch in der City von London allein stand.
„Vater,“ fing der junge Jerry unterwegs an, vorsorglich außer Armbereich tretend, und den Stuhl zum pariren bereit haltend, „was ist ein Auferstehungsmann?“
Ueberrascht blieb Cruncher stehen, ehe er antwortete: „Wie soll ich das wissen?“
„Ich glaubte Du wüßtest Alles, Vater?“ meinte voll Unschuld der Knabe.
„Hm, nun ja,“ entgegnete Mr. Cruncher, indem er wieder weiterging, und den Hut abnahm, um seinen starr emporstehenden Haaren freien Spielraum zu geben, „’s ist ein Handelsmann.“
„Mit was für Waaren handelt er?“ fragte der Junge lebhaft weiter.
„Seine Waaren,“ sagte Mr. Cruncher, nachdem er es sich eine Weile überlegt hatte, „sind Artikel der Wissenschaft.“
„Leichen, nicht wahr, Vater?“ rieth mit rascher Auffassungsgabe der Knabe.
„Ich glaube, s’ist was der Art,“ sagte Mr. Cruncher.
„Ach Vater, ich möchte Auferstehungsmann werden, wenn ich groß genug dazu bin!“
Mr. Cruncher war besänftigt, aber schüttelte bedenklich den Kopf. „Das hängt ganz davon ab, wie Du Deine Talente entwickelst. Gieb Dir Mühe Deine Talente auszubilden, und sprich zu andern Leuten nie ein Wort mehr als Du mußt, dann aber kann man wirklich noch nicht wissen, wozu Du es einmal noch bringen kannst.“ Wie der junge Jerry, so ermuthigt, ein paar Schritte voraus ging, um den Stuhl in den Schatten des Tempelthors zu stellen, sagte Mr. Cruncher zu sich: „Jerry, du rechtschaffener Gewerbsmann, du hast Hoffnung, daß dieser Junge ein Segen wird, und eine Entschädigung für seine Mutter!“
Fünfzehntes Kapitel.
Stricken.
Das Trinken im Weinschank Monsieur Defarges hatte heute früher als gewöhnlich begonnen. Schon sechs Uhr Morgens sahen bleiche Gesichter, die durch die vergitterten Fenster blickten, drinnen andre Gesichter hinter ihrem Maße Wein sitzen. Monsieur Defarge schenkte in den besten Zeiten einen sehr dünnen Wein, aber heute schien er ungewöhnlich dünn zu sein. Uebrigens sauer oder säuernd, denn er brachte in den Gästen eine melancholische Stimmung hervor. Keine lustige bachanalische Flamme sprang aus den gekelterten Trauben Monsieur Defarges hervor, wol aber lag in den Hefen ein im dunkeln fortglimmendes Feuer versteckt.
Es war schon der dritte Morgen, seitdem das frühe Trinken in dem Weinschank Monsieur Defarges angefangen hatte. Begonnen hatte es Montag, und heute war Mittwoch. Es war aber mehr frühes Kopfzusammenstecken als Trinken gewesen, denn Viele hatten seit dem Oeffnen des Ladens dort zugehört und geflüstert und herumgestanden, die um ihre Seele zu retten nicht das kleinste Stück Geld auf den Ladentisch hätten legen können. Sie galten jedoch ebenso viel an dem Orte, als ob sie ganze Fässer Wein hätten bestellen können, und sie schlichen von einem Platz und von einer Ecke zur andern, Worte anstatt Wein mit gierigen Blicken verzehrend.
Der Weinschank.
Trotz ungewöhnlich zahlreichen Besuchs war der Besitzer des Weinschanks nicht sichtbar. Er ward nicht vermißt, denn Niemand der über die Schwelle kam sah sich nach ihm um, Niemand fragte nach ihm, Niemand wunderte sich, nur Madame Defarge auf ihrem Platz zu sehen, neben sich einen Teller voll abgegriffener kleiner Münzen, so sehr ihres ursprünglichen Gepräges verlustig geworden, als die Menschen, aus deren zerrissenen Taschen sie gekommen waren.
Die Spione, die in den Weinschank hineinguckten, wie sie jeden Ort, hoch oder niedrig, vom Königspalast bis zum Kerker beguckten, bemerkten vielleicht ein gespanntes Warten und eine vorherrschende Zerstreutheit. Das Kartenspiel ging nicht flott, die Dominospieler bauten nachdenklich Thürme mit den Steinen, Gäste malten mit vergossenem Wein Figuren auf den Tisch, und selbst Madame Defarge stach mit ihrem Zahnstocher in dem Muster auf ihrem Aermel herum, und sah und hörte etwas Unhörbares und Unsichtbares, was noch in weiter Ferne war.
So war St. Antoine in dieser Weinangelegenheit bis Mittag. Es war hoher Mittag, als zwei bestaubte Männer durch seine Straßen und unter seinen baumelnden Laternen hingingen. Der Eine war Monsieur Defarge, der Andere ein Straßenarbeiter in einer blauen Mütze. Ueber und über mit Staub bedeckt und verdurstet traten die Beiden in den Weinschank. Ihre Ankunft hatte eine Art Feuer in der Brust St. Antoines angezündet, das sich rasch weiter verbreitete wie sie durch die Straßen gingen, und in Augen und auf Gesichtern an den meisten Thüren und Fenstern glänzte. Aber Niemand folgte ihnen, und Niemand sprach, als sie in den Weinschank traten, obgleich die Augen eines Jeden auf ihnen ruhten.
„Guten Tag, ihr Herren!“ sagte Monsieur Defarge.
Das war vielleicht ein Signal, um das allgemeine Schweigen zu brechen. Denn im Chor antworteten die Anwesenden „Guten Tag!“
„Es ist schlechtes Wetter, ihr Herren!“ sagte Defarge kopfschüttelnd.
Darauf sah Jedermann seinen Nachbar an, und dann schlugen Alle die Augen nieder und blieben stumm sitzen. Nur Einer nicht, der aufstand und hinausging.
„Frau,“ sagte Defarge laut zu Madame Defarge. „Ich bin eine Anzahl Meilen mit diesem guten Straßenarbeiter, Namens Jacques, gewandert. Ich traf ihn — zufällig — anderthalb Tagereise von Paris. Er ist ein guter Mensch, dieser Straßenarbeiter, dieser Jacques. Gieb ihm zu trinken, Frau!“
Ein Zweiter stand auf und ging hinaus. Madame schenkte dem Straßenarbeiter, Namens Jacques ein, der eine blaue Mütze vor der Gesellschaft abnahm und trank. Aus der Brust seiner Blouse holte er ein Stück großes schwarzes Brod; von diesem biß er von Zeit zu Zeit ein Stück ab, und kaute und trank vor Madame Defarges Ladentisch. Ein Dritter stand auf und ging hinaus.
Defarge trank ebenfalls ein paar Schluck Wein — aber weniger als der Fremde, als ein Mann, dem das Getränk keine Seltenheit ist — und wartete bis der Andere gefrühstückt hatte. Er sah Niemand von den Anwesenden an, und Niemand sah ihn jetzt an; nicht einmal Madame Defarge, die ihren Strickstrumpf wieder genommen und strickte.
„Seid Ihr fertig mit Eurem Frühstück, Freund?“ fragte er dann.
„Ja, ich danke Euch.“
„Nun so kommt! Ich will Euch das Zimmer zeigen, das für Euch bestimmt ist. Es wird Euch vortrefflich passen.“
Aus dem Weinschank auf die Straße, von der Straße in einen Hof, vom Hofe eine steile Treppe hinauf, von der Treppe in eine Dachkammer — dieselbe Dachkammer, wo vormals ein weißköpfiger Mann auf einer niedrigen Bank gesessen, emsig mit Schuhmacherarbeit beschäftigt.
Jetzt war kein weißköpfiger Mann dort; aber wol die drei Männer, welche einzeln den Weinschank verlassen hatten. Doch zwischen ihnen und dem weißköpfigen Mann in der Fremde bestand die eine Verbindung, daß sie durch die Spalten in der Wand ihn einmal betrachtet hatten.
Defarge machte die Thür sorgfältig zu, und sprach in gedämpften Tone:
„Jacques Eins, Jacques zwei, Jacques drei! Dies ist der Zeuge, den ich, Jacques Nummer vier, bestellt habe. Er wird euch Alles erzählen. Sprecht, Jacques fünf!“
Der Straßenarbeiter mit der blauen Mütze in der Hand, wischte seine sonnenverbrannte Stirn damit und sagte: „Wo soll ich anfangen, Monsieur?“
„Fange bei’m Anfang an“ war Defarge’s nicht unverständige Antwort.
„Ich sah ihn also“ fing der Straßenarbeiter an, „vor einem Jahr im Sommer unter dem Wagen des Marquis an der Kette hängen. Sehet wie es war. Ich lasse meine Arbeit an der Straße liegen, die Sonne geht unter, der Wagen des Marquis fährt langsam die Höhe hinauf, er hängt an der Kette — so!“
Abermals gab der Straßenarbeiter die alte Vorstellung in welcher er jetzt von rechtswegen sicher sein mußte, da sie ein ganzes Jahr hindurch die unfehlbare und unentbehrliche Unterhaltung seines Dorfes gewesen war.
Jacques Nummer Eins unterbrach ihn und fragte, ob er den Mann schon früher einmal gesehen hätte?
„Nie“ gab der Straßenarbeiter zur Antwort, indem er sich wieder aufrichtete.
Jacques Nummer Drei fragte, wie er ihn dann später erkannt habe?
„An seiner langen Gestalt“ sagte der Straßenarbeiter halblaut und legte den Finger an die Nase. „Als Monsieur le Marquis am Abend fragte: „Wie sah er aus?“ gab ich zur Antwort: Lang wie ein Gespenst.“
„Ihr hättet sagen sollen: Klein wie ein Zwerg“ belehrte ihn Jacques Nummer Zwei.
„Ja was wußte ich! Die That war damals noch nicht gethan und er hat mir auch nichts anvertraut. Merkt wohl! Unter diesen Umständen biete ich mein Zeugniß nicht an. Monsieur le Marquis zeigte auf mich mit dem Finger, wie ich bei unserm kleinen Brunnen stand und sagte: „Bringt den Kerl dort her!“ Bei meinem Wort, Ihr Herren, ich biete mich nicht an.“
„Er hat recht darin, Jacques“ sagte Defarge zu dem, welcher ihn im Sprechen unterbrochen hatte. „Fahrt fort.“
„Gut!“ sagte der Straßenarbeiter mit geheimnißvoller Miene. „Der lange Mann ist verschwunden und wird gesucht — wie viele Monate? Neun, zehn, eilf?“
„Die Zahl ist gleichgiltig“ sagte Defarge. „Er war gut versteckt; aber das Unglück wollte zuletzt, daß er gefunden ward. Weiter.“
„Ich arbeite wieder an derselben Stelle an der Straße und die Sonne geht abermals zur Rüste. Ich nehme mein Arbeitszeug zusammen, um hinunter in mein Dorf zu gehen, wo es schon dunkel ist, als ich aufblicke und über die Höhe sechs Soldaten kommen sehe. In ihrer Mitte geht ein langer Mann mit gebundenen Armen — an die Seite gebunden — so!“
Mit Hilfe seiner unentbehrlichen Mütze stellte er einen Mann dar, dessen Ellenbogen hinten mit zusammengebundenen Stricken an den Hüften befestigt sind.
„Ich bleibe bei meinem Steinhaufen stehen, um die Soldaten und ihren Gefangenen vorbeigehen zu sehen (denn es ist eine einsame Straße, wo Alles, was vorbeikommt, des Ansehens werth ist), und zuerst — wie sie näher kommen — sehe ich weiter nichts, als daß es sechs Soldaten sind mit einem gebundenen langen Mann und daß sie fast schwarz aussehen — außer an der Seite, wo die Sonne zu Bett geht, wo sie einen rothen Rand haben, Messieurs. Auch sehe ich ihre langen Schatten auf der andern Seite der Straße gleich den Schatten von Riesen. Auch gewahre ich, daß sie mit Staub bedeckt sind und daß sich der Staub mit ihnen fortbewegt, wie sie herankommen, tramp, tramp! Aber wie sie ganz nahe kommen, erkenne ich den langen Mann und er erkennt mich. O wie gerne würde er den Abhang hinuntergesprungen sein wie an dem Abend, wo er und ich zuerst uns sahen dicht bei demselben Fleck!“
Er beschrieb es als ob er dort wäre und es war offenbar, daß er Alles lebendig vor sich sah; vielleicht hatte er in seinem Leben nicht viel gesehn.
„Ich verrathe den Soldaten nicht, daß ich den langen Mann kenne; er verräth den Soldaten nicht, daß er mich erkennt: wir sprechen mit den Augen mit einander. „„Vorwärts““ sagt der Anführer der Soldaten und wies auf das Dorf, „„bringt ihn rasch in sein Grab!““ Und sie trieben ihn rascher vorwärts. Seine Arme sind geschwollen, weil sie fest zusammengeschnürt sind; seine Holzschuhe sind groß und schwer und er geht lahm. Weil er lahm geht und daher langsam, stoßen sie ihn mit ihren Flinten vorwärts — so!“
Er macht die Bewegung eines Mannes nach, der von Flintenkolben fortgestoßen wird.
„Wie sie — wie toll — den Abhang hinunterlaufen, fällt er. Sie lachen und heben ihn wieder auf. Sein Gesicht ist blutig und mit Staub bedeckt, aber er kann es nicht abwischen; darauf lachen sie wieder. Sie bringen ihn in das Dorf; das ganze Dorf läuft zusammen; sie führen ihn an der Mühle vorbei und hinauf nach dem Gefängniß; das ganze Dorf sieht das Gefängnißthor in der dunkeln Nacht sich aufthun und ihn verschlingen — so!“
Er sperrt den Mund auf, so weit er kann und macht ihn wieder zu, daß die Zähne auf einander klappen. Als er keine Lust zeigte, den Effect dadurch zu verderben, daß er den Mund wieder aufmachte, sagte Defarge zu ihm: „Weiter, Jacques!“
„Das ganze Dorf geht wieder heim“ fährt der Straßenarbeiter mit gedämpfter Stimme weiter fort; „das ganze Dorf flüstert sich am Brunnen in die Ohren; das ganze Dorf schläft; das ganze Dorf träumt von dem Unglücklichen hinter den Schlössern und Riegeln des Gefängnisses auf dem Felsen, das er nie wieder verlassen soll, außer um zu sterben. Des Morgens mache ich, mit meinem Arbeitszeug auf der Schulter und im Gehen einen Bissen schwarzes Brod essend wie ich auf die Arbeit gehe, einen Umweg an dem Gefängniß vorbei. Dort sehe ich ihn hoch oben hinter dem eisernen Gitter eines Fensters mit blutigem und bestaubtem Gesicht wie den Abend vorher. Er hat keine Hand frei, um mir zuzuwinken; ich wage nicht ihn anzurufen; er sieht mich an wie ein todter Mann.“
Defarge und die drei Andern sahen sich finster an. Die Gesichter von allen Vieren hatten einen finstern, ingrimmigen, rachedürstenden Ausdruck, wie sie der Erzählung des Landmanns zuhörten. Sie benahmen sich dabei mit einem heimlichen Wesen, das doch zugleich etwas von einer Amtsmiene hatte. Sie hatten fast das Aussehen eines Gerichts; Jacques Eins und Zwei saßen auf dem alten Lotterbett, das Kinn auf die Hand gestützt und die Augen gespannt auf den Straßenarbeiter geheftet; Jacques Drei hinter ihnen, mit einem Knie auf das Bett gestützt und mit seiner aufgeregten Hand beständig über Mund und Nase fahrend; Defarge zwischen ihnen und dem Erzähler stehend, den er in das Licht an das Fenster postirt hatte, und abwechselnd diesen und die drei Andern ansehend.
„Weiter, Jacques,“ sagte Defarge.
„Dort oben in seinem Käfig bleibt er einige Tage. Das Dorf sieht verstohlen zu ihm hinauf, denn es fürchtet sich. Aber es sieht von Weitem beständig zu dem Gefängniß auf dem Felsen hinauf; und des Abends wenn die Tagesarbeit gethan ist und es sich um den Brunnen versammelt, um zu plaudern, wendeten sich alle Gesichter dem Gefängniß zu. Früher wendeten sie sich dem Posthause zu; jetzt blicken sie nach dem Gefängniß. Halblaut flüstern sie sich am Brunnen zu, daß er, obgleich zum Tode verurtheilt, nicht hingerichtet werden würde; sie erzählen sich, daß Bittschriften nach Paris gegangen sind, um vorzustellen, daß er durch den Tod seines Kindes wahnsinnig geworden; sie sagen, daß man dem König selbst eine solche Bittschrift überreicht habe. Was weiß ich? Es ist möglich. Vielleicht ja, vielleicht nein.“
„So hört denn, Jacques“ unterbrach Nummer Eins dieses Namens mit finsterem Ernste. „Wißt, daß eine Bittschrift dem König und der Königin überreicht wurde. Wir alle hier, Ihr selbst ausgenommen, haben gesehen, wie der König in seinem Wagen neben der Königin sitzend sie auf der Straße entgegennahm. Defarge, der hier steht, sprang auf Gefahr seines Lebens mit der Bittschrift in der Hand vor die Pferde.“
„Und hört noch weiter, Jacques!“ sagte der dahinterkniende von den Dreien; seine Finger glitten immer noch über das Gesicht mit einer auffällig gierigen Miene, als ob er nach etwas hungerte — was weder Speise noch Trank war. „Die Leibwache zu Fuß und zu Pferd umringte den Bittsteller und schlug ihn. Hört Ihr!“
„Ich höre, Messieurs.“
„Weiter also,“ sagte Defarge.
„Auf der andern Seite flüstern sie sich an den Brunnen zu“ fuhr der Erzähler fort, „daß er her zu uns geschafft worden ist, um an Ort und Stelle hingerichtet zu werden und daß er ganz gewißlich hingerichtet werden würde. Sie flüstern sich sogar einander zu, daß, weil er Monseigneur ermordet hat und weil Monseigneur der Vater seiner Unterthanen war, er als Vatermörder hingerichtet werden soll. Ein alter Mann sagt am Brunnen, daß man einem solchen die rechte Hand mit dem Messer verbrennt; daß man ihn in Einschnitte, welche man in seine Brust, in seine Beine und seine Arme macht, siedendes Oel, geschmolzenes Blei, brennendes Harz und brennenden Schwefel gießt, und daß man ihn endlich von vier starken Pferden in Stücke zerreißen läßt. Dieser alte Mann sagt, daß man dieß alles wirklich einem Missethäter zufügte, der einen Mordversuch auf den vorigen König, Ludwig XV. gemacht hatte. Aber wie kann ich wissen, ob er lügt oder nicht? Ich bin kein Gelehrter.“
„So merkt noch einmal wohl auf, Jacques!“ sagte der Mann mit der ruhelosen Hand und der gierigen Miene. „Der Name dieses Missethäters war Damiens und es geschah Alles bei hellem Tage und auf offener Straße in dieser Stadt Paris; und nichts fiel unter der unermeßlichen Menschenmenge, welche zusah, mehr auf, als die vielen vornehmen Damen, welche voll heißer Neugier bis zuletzt aushielten — Jacques, bei sinkender Nacht, wo ihm die Beine und ein Arm ausgerissen waren und er immer noch athmete! Und das geschah — wie alt seid Ihr?“
„Fünf und dreißig“ sagte der Straßenarbeiter, der wie sechszig aussah.
„Es geschah, als Ihr mehr als zehn Jahre alt waret; Ihr hättet es also sehen können.“
„Genug!“ sagte Defarge mit ingrimmiger Ungeduld. „Es lebe der Teufel! Weiter!“
„Weiter also! Einige flüstern Dieß, Andere flüstern Jenes; sie sprechen von nichts Anderem; selbst der Brunnen scheint nach dieser Melodie zu plätschern. Endlich eines Sonntags Nachts, als das ganze Dorf schlief, kamen Soldaten den Weg vom Gefängniß herab und ihre Gewehre klirrten auf den Steinen der Dorfgasse. Arbeitsleute graben und hämmern, Soldaten lachen und singen, und des Morgens steht an dem Brunnen ein Galgen vierzig Fuß hoch und vergiftet das Wasser.“
Der Straßenarbeiter sah mehr durch die niedrige Decke als zu derselben hinauf und wies mit dem Finger, als ob er den Galgen irgendwo im Himmel sähe.
„Alle Arbeit hört auf, Alle sammeln sich dort, Niemand treibt die Kühe aus, die Kühe sind mit den Uebrigen dort. Des Mittags hört man Trommelwirbel. Des Nachts sind Soldaten zu dem Gefängniß hinaufmarschirt und er kommt in der Mitte vieler Soldaten. Er ist gebunden wie früher und in seinem Munde steckt ein Knebel — mit einer straffen Schnur so festgemacht, daß es fast aussah, als ob er lachte.“ Er machte es nach, indem er mit den beiden Daumen von den Mundwinkeln bis zum Ohre die Backen in zwei lange Falten legte. „Oben auf dem Galgen steckt das blanke Messer, mit der Spitze gen Himmel gerichtet. Dort wird er vierzig Fuß hoch gehenkt — und bleibt hängen und vergiftet das Wasser.“
Sie sahen sich einander an, wie er sich mit seiner blauen Mütze das Gesicht abwischte, aus dem der Schweiß in großen Tropfen hervordrang, wie er sich das Schauspiel zurückrief.
„Es ist entsetzlich, Messieurs. Wie können die Frauen und Kinder Wasser holen? Wer kann des Abends unter diesem Schatten plaudern! — Unter dem Schatten habe ich gesagt? Als ich das Dorf verließ am Montag Abend als die Sonne zu Bett ging, und ich mich noch einmal von der Höhe umsah, da fiel der Schatten quer über die Kirche, quer über die Mühle, quer über das Gefängniß — schien wie ein gerader Strich über die Erde zu gehen bis dahin, wo der Himmel auf ihr ruht.“
Der hungerige Mann zerbiß einen seiner Finger, während er die drei Andern ansah, und der Finger zitterte ihm vor Gier.
„Das ist Alles, Messieurs. Ich verließ das Dorf mit Sonnenuntergang (wie mir gesagt worden war) und bin diesen und den nächsten halben Tag marschirt, bis ich diesen Kameraden traf (was mir auch gesagt worden war). Mit ihm setzte ich meinen Weg fort, bald zu Fuß und bald zu Wagen, gestern Nachmittag und diese Nacht, und hier bin ich nun!“.
Nach einem düstern Schweigen sagte Jacques Eins: „Gut! Ihr habt getreulich gethan und berichtet. Wollt Ihr draußen vor der Thür ein Weilchen warten?“
„Sehr gern“ sagte der Straßenarbeiter, worauf Defarge ihn hinausbrachte und dann wieder zurückkehrte.
Die Drei waren aufgestanden und hatten die Köpfe zusammengesteckt, wie er wieder in die Dachkammer trat.
„Was sagt Ihr, Jacques?“ fragte Nummer Eins. „Kommt er in’s Register?“
„Er kommt in’s Register als dem Verderben geweiht“ gab Defarge zurück.
„Prächtig!“ krächzte der Mann mit dem gierigen Gesichte.
„Das Schloß und das ganze Geschlecht?“ fragte der Erste.
„Das Schloß und das ganze Geschlecht!“ entgegnete Defarge. „Ausgerottet!“
Der Hungrige wiederholte mit befriedigtem Krächzen: „Prächtig!“ und fing an einem andern Finger zu kauen an.
„Seid Ihr sicher“ sagte Nummer Zwei zu Defarge „daß aus der Art und Weise, wie wir unser Register führen keine Ungelegenheiten entstehen werden? Doch unbezweifelt ist es sicher; denn Niemand als wir kann es entziffern; aber werden wir immer im Stande sein, es zu entziffern — oder, ich darf es nicht unerwähnt lassen, wird sie es immer entziffern können?“
„Jacques,“ sagte Defarge und richtete sich empor „selbst wenn meine Frau das Register nur in ihrem Gedächtniß behielte, würde sie kein Wort davon verlieren — nicht eine Sylbe. Mit ihren eigenen Maschen und ihren eignen Zeichen gestrickt wird es ihr immer so klar sein wie die Sonne. Verlaßt Euch auf Madame Defarge. Dem größten Feigling, welcher auf Erden lebt, wäre es leichter, sich aus dem Lebensbuch auszustreichen, als einen Buchstaben seines Lebens oder seiner Verbrechen aus dem gestrickten Register Madame Defarge’s.“
Die Drei ließen ein Gemurmel des Vertrauens und der Billigung hören und dann fragte der Hungrige: „Soll dieser Mann bald wieder zurückgeschickt werden? Ich hoffe es. Er ist sehr simpel; dürfte er nicht ein wenig gefährlich sein?“
„Er weiß nichts“ sagte Defarge, „wenigstens nicht mehr, als was ihn leicht an einen Galgen von derselben Höhe bringen kann. Ich nehme ihn auf mich; laßt ihn bei mir bleiben; ich nehme ihn unter meine Obhut und schaffe ihn seiner Zeit fort. Er wünscht die vornehme Welt zu sehen — den König, die Königin, den Hof; er soll sie Sonntags sehen.“
„Was?“ rief der Hungerige mit weit offenen Augen aus. „Ist es ein gutes Zeichen, daß er Königthum und Adel zu sehen wünscht?“
„Jacques“ sagte Defarge „zeige in der rechten Weise einer Katze Milch, wenn Du wünschest, daß sie Appetit darnach bekommen soll. Zeige in der rechten Weise einem Hund seine natürliche Beute, wenn Du wünschest, daß er sie, wenn die Zeit kommt — niederhetzt.“
Weiter ward nichts gesagt und dem Straßenarbeiter, der bereits auf der obersten Stufe halb eingeschlummert war, ward bedeutet, sich auf das Lotterbett zu legen und sich dort auszuruhen. Er ließ sich das nicht zwei Mal sagen und war bald eingeschlafen.
Ein so niedriger Sklave aus der Provinz hätte in Paris leicht schlechteres Quartier finden können, als in Defarge’s Weinschank. Außer daß ihn eine geheimnißvolle Scheu vor Madame beständig quälte, führte er ein ganz neues und angenehmes Leben. Aber Madame saß den ganzen Tag hinter ihrem Ladentisch, so offenbar nichts von ihm wissend und so besonders gewillt nicht zu bemerken, daß sein Hiersein in der geringsten Verbindung mit irgend einem Geheimniß stand, daß er in seinen Holzschuhen zitterte, so oft ihr Auge auf ihn fiel; denn er sagte sich innerlich, daß man unmöglich voraussehen könne, was diese Dame zunächst vornehmen werde, und er fühlte sich überzeugt, daß, wenn sie sich in ihren schön geschmückten Kopf setzte zu behaupten, sie habe ihn einen Mord verüben und alsdann seine Opfer schinden sehen, sie auch diese Rolle bis zu Ende spielen werde.
Als daher der Sonntag kam, war der Straßenarbeiter nicht von der Entdeckung bezaubert (obgleich er es sagte), daß Madame Monsieur und ihn nach Versailles begleiten sollte. Es war auch sehr störend, daß Madame auf dem ganzen Hinwege in dem Wagen strickte; eben so störend war es, daß Madame des Nachmittags unter dem versammelten Volk, welches wartete, um den Wagen des Königs und der Königin zu sehen, immer noch strickte.
„Sie sind sehr fleißig, Madame,“ sagte ein Nebenstehender zu ihr.
„Ja“ gab Madame Defarge zur Antwort; „ich habe viel zu thun.“
„Was stricken Sie, Madame?“
„Vielerlei.“
„Zum Beispiel?“
„Zum Beispiel Leichentücher“ gab Mad. Defarge ruhig zurück.
Sobald als möglich suchte sich der Mann einen andern Platz und der Straßenarbeiter wehte sich mit seiner blauen Mütze frische Luft zu, denn es kam ihm schrecklich schwül und drückend vor. Wenn er zu seiner Erfrischung einen König und eine Königin brauchte, so war er so glücklich, das Mittel bei der Hand zu haben; denn sehr bald kam der König mit dem großen Gesicht und die Königin mit dem schönen Gesicht in ihrer goldenen Kutsche heraus, begleitet von dem oeil de boeuf ihres glänzenden Hofes, einer Schaar lachender Damen und feiner Herren; und in Juwelen, Seide, Puder, Glanz und stolzen auf die ganze Welt herabsehenden schönen Gesichtern von Männern und Frauen schwelgte der Straßenarbeiter und berauschte sich so davon, daß er schrie. „Lange lebe der König! Lange lebe die Königin! Lange lebe Alles und Jedes!“ — als ob er nie ein Wort von dem allgegenwärtigen Jacques vernommen hätte. Dann kamen Gärten, Höfe, Terrassen, Springbrunnen, Rasenplätze, wiederum König und Königin, wiederum oeil de boeuf, noch mehr feine Herren und Damen, noch mehr Vivats, bis er vor lauter Schwärmerei weinte. Während dieser ganzen langen Zeit, wol drei Stunden lang, war Alles um ihn Vivatrufen und Freudenthränen und Defarge hielt ihn am Kragen fest, wie um ihn abzuhalten, auf die Gegenstände seiner kurzlebigen Verehrung loszustürzen und sie in Stücke zu zerreißen.
„Bravo!“ sagte Defarge, als es vorbei war, indem er ihn mit Gönnermiene auf den Rücken klopfte; „Ihr seid ein guter Junge!“
Der Straßenarbeiter kam jetzt wieder zu sich und glaubte fast, er habe sich mit seinen Freudenbezeigungen eines Fehlers schuldig gemacht; aber nein!
„Ihr seid der Bursche, den wir brauchen“ sagte Defarge ihm in’s Ohr. „Ihr verleitet diese Thoren zu dem Glauben, daß es ewig dauern werde. Dann sind sie um so anmaßender und das Ende kommt um so eher.“
„Ha!“ rief der Straßenarbeiter nach einigem Besinnen aus; „das ist wahr!“
„Diese Thoren wissen nichts. Während sie Euren Athem verachten und lieber Euch oder Hunderte, wie Euch ersticken sehen möchten, als einen ihrer Hunde oder Pferde, wissen sie blos, was ihnen Euer Athem sagt. So mögen sie sich dann noch eine kleine Weile täuschen; sie können sich nicht genug täuschen.“
Madame Defarge sah den Clienten geringschätzig an und nickte bestätigend.
„Was Euch betrifft“ sagte sie, „so würdet Ihr für Alles, wenn es nur mit Prunk und Lärm auftritt, Freudenthränen vergießen. Nicht wahr, das würdet Ihr thun?“
„Ich glaube wol, Madame. Für den Augenblick.“
„Wenn man Euch einen großen Haufen Puppen zeigte, die Ihr zu Eurem Nutzen auseinander nehmen und ausziehen solltet, so würdet Ihr die größte und prächtigste nehmen. Nicht wahr?“
„Ja!“
„Und wenn man Euch eine Schaar Vögel zeigte, die nicht fortfliegen könnte und Euch hieße, sie zu Eurem Nutzen ihrer Federn zu berauben, so würdet Ihr nach den Vögeln mit dem glänzendsten Gefieder greifen; nicht wahr?“
„Gewiß, Madame.“
„Ihr habt heute Puppen und Vögel gesehen,“ sagte Madame Defarge und schwenkte die Hand nach dem Orte, wo sie zuletzt gewesen waren. „Jetzt geht nach Hause!“
Sechszehntes Kapitel.
Immer noch stricken.
Madame Defarge und ihr Gemahl kehrten einträchtiglich nach Saint Antoine zurück, während ein Fleck in einer blauen Mütze sich durch die Finsterniß und den Staub und die langweiligen Meilen von Alleen an der Landstraße hinab langsam auf den Punkt des Compasses zu bewegte, wo das Schloß des jetzt im Grabe liegenden Monsieur le Marquis den flüsternden Bäumen zuhörte. So reichliche Muße hatten jetzt die steinernen Gesichter, den Bäumen und den Springbrunnen zu lauschen, daß die wenigen Vogelscheuchen aus dem Dorfe, welche in ihrem Suchen nach eßbaren Kräutern und dürrem Holz zum Heizen in den Gesichtsbereich des großen Schloßhofes und der Terrasse kamen, in ihrer ausgehungerten Phantasie den Gedanken faßten, daß der Ausdruck der Gesichter sich verändert habe. Ein Gerücht war in dem Dorfe gerade noch lebendig — es hatte ein schwaches und dürftiges Dasein gerade wie seine Bewohner — daß, als das Messer in das Herz fuhr, die Gesichter ihren Ausdruck des Zorns in Schmerz verwandelt hätten; daß als die baumelnde Gestalt vierzig Fuß über den Brunnen hinaufgezogen ward, sie sich wieder verändert und den harten Ausdruck befriedigter Rache angenommen hätten, den sie von da an immer tragen würden. In dem steinernen Gesicht über dem Fenster des großen Schlafzimmers, wo der Mord geschehen, zeigte man zwei kleine Grübchen in der steinernen Nase, die Jedermann erkannte und die Niemand vorher gesehen hatte; und bei den seltenen Gelegenheiten, wo zwei oder drei zerlumpte Landleute sich von der Menge trennten, um einen hastigen Blick auf den versteinerten Monsieur le Marquis zu werfen, dauerte es nicht lange, daß sie alle wieder unter dem Moos und den Blättern verschwanden, wie die glücklicheren Hasen die dort ihren Lebensunterhalt fanden.
Schloß und Hütte, steinernes Gesicht und baumelnde Gestalt, der rothe Fleck auf der steinernen Flur und das reine Wasser in dem Dorfbrunnen — tausende Acker Land — eine ganze Provinz von Frankreich — ganz Frankreich selbst — lagen unter dem Nachthimmel in einem kaum sichtbaren haarbreiten Streifen concentrirt. So ruht eine ganze Welt mit allen ihren Größen und Kleinheiten in einem funkelnden Stern. Und wie bloße menschliche Wissenschaft einen Lichtstrahl spalten und seine Zusammensetzung analysiren kann, so können erhabenere Geisteskräfte in dem schwachen Schimmer unserer Erde jeden Gedanken und jede Handlung, jegliches Laster und jegliche Tugend, jedwedes auf ihr lebenden verantwortlichen Geschöpfes lesen.
Die Defarge’s, Mann und Weib, erreichten beim Sternenschein in ihrem schwerfälligen Wagen das Thor von Paris, welches das natürliche Ziel ihrer Fahrt war. An dem Wachthause desselben ward — wie gewöhnlich — angehalten und wie gewöhnlich kamen Laternen heraus, um wie gewöhnlich zu fragen und zu examiniren. Monsieur Defarge stieg aus, denn er kannte dort einen oder zwei von den Wache habenden Soldaten und Einen von der Polizei. Letzterer war sein vertrauter Freund und er umarmte ihn zärtlich.
Als Saint Antoine die Defarges wieder in seinem Schooß aufgenommen und sie aus der Kutsche ausgestiegen, um ihren Weg zu Fuß durch den schwarzen Schlamm und den Unrath seiner Straßen sorgsam fortzusetzen, fragte Madame Defarge ihren Mann: „Sage, mein Freund, was hat Dir Jacques von der Polizei mitgetheilt?“
„Diesmal sehr wenig, aber Alles, was er weiß. Es ist ein neuer Spion für unser Quartier angestellt. Es können noch viele andere sein, aber er weiß nur von einem.“
„Gut!“ sagte Madame Defarge und zog die Augenbrauen mit kühler Geschäftsmiene in die Höhe. „So müssen wir ihn in unser Register aufnehmen. Wie heißt der Mann?“
„Es ist ein Engländer.“
„Um so besser. Wie heißt er?“
„Barsad,“ sagte Defarge mit französischer Aussprache. Aber er hatte ihn sich so genau vorsagen lassen, daß er ihn alsdann ganz richtig buchstabirte.
„Barsad,“ wiederholte Madame. „Gut. Taufname?“
„John.“
„John Barsad“, wiederholte Madame, nachdem sie den Namen noch einmal halb laut vor sich hingesprochen. „Gut. Wie sieht er aus? Weiß man es?“
„Alter ungefähr 40 Jahre; Größe ungefähr 5 Fuß 9 Zoll; Haar schwarz; Gesichtsfarbe dunkel; Aussehen im Allgemeinen hübsch; Augen dunkel; Gesicht lang und schmal; Adlernase, aber nicht gerade, sondern etwas nach der linken Backe zu gebogen; der Gesichtsausdruck dadurch lauernd.“
„Meiner Treu! Wie abgemalt!“ sagte Madame lachend. „Ich werde ihn morgen in das Register eintragen.“
Sie trat in den Weinschank, der bereits geschlossen war (denn es war Mitternacht) wo Madame Defarge sofort ihren Posten am Ladentisch einnahm, das während ihrer Abwesenheit eingegangene kleine Geld zählte, die Flaschen nachsah, die im Buche eingetragenen Posten prüfte, selbst Posten eintrug, den Dienstboten in jeder nur möglichen Weise controlirte und ihn schließlich zu Bett schickte. Dann schüttete sie zum zweiten Male den Teller mit dem Gelde aus und fing an, die Münzen in einer Kette einzelner Knoten in ihr Taschentuch einzuknüpfen, um sie für die Nacht aufzubewahren. In dieser ganzen Zeit ging Defarge mit der Pfeife im Munde auf und ab und bewunderte seine Frau im Stillen, ohne sich in die Geschäfte zu mischen; überhaupt ging er in dieser Stimmung, was Geschäfts- und häusliche Angelegenheiten betrifft, durch das Leben.
Die Nacht war schwül und in dem fest verschlossenen und in einer so unreinlichen Nachbarschaft liegenden Laden roch es unangenehm. Monsieur Defarge’s Geruchsnerven waren keineswegs sehr empfindlich, aber der Weinvorrath roch viel stärker, als er jemals schmeckte, und das war auch mit dem Rum und mit dem Branntwein und dem Anis der Fall. Er blies den vermischten Geruch von seiner Nase weg, wie er die ausgerauchte Pfeife weglegte.
„Du bist müde“ sagte Madame und blickte von den Knoten auf, die sie in das Taschentuch knüpfte. „Es sind nur die gewöhnlichen Gerüche.“
„Ich bin etwas müde“ gab ihr Mann zu.
„Du bist auch ein wenig gedrückt“ sagte Madame, deren rasches Auge nie mit den Rechnungen beschäftigt war, ohne auch einen Blick für ihn zu haben. „Ach! die Männer! die Männer!“
„Aber meine Liebe,“ fing Defarge an.
„Aber, mein Lieber!“ wiederholte Madame und nickte entschieden; „aber mein Lieber! Du bist entmuthigt heute Abend, mein Lieber!“
„Nun ja,“ sagte Defarge als ob ihm ein Gedanke aus dem Herzen herausgepreßt würde. „Es ist noch so lange hin.“
„Es ist noch lange hin!“ wiederholte seine Frau; „und was dauert nicht lange? Rache und Vergeltung fordern viele Zeit; es ist die Regel.“
„Es fordert keine lange Zeit, Jemanden mit dem Blitz zu treffen“ sagte Defarge.
„Wie viel Zeit gehört aber dazu, den Blitz zu machen und aufzubewahren?“ — fragte Madame ruhig. „Nun?“
Defarge blickte gedankenvoll auf, als ob darin allerdings etwas läge.
„Ein Erdbeben braucht keine lange Zeit, um eine Stadt zu zerstören“ sagte Madame. „Nun sage mir wie lange dauert es, ein Erdbeben vorzubereiten?“
„Ich vermuthe, sehr lange.“
„Aber wenn es fertig ist, bricht es los und zermalmt Alles vor sich. Unterdessen gährt es immer fort, obgleich man es nicht sieht oder hört. Das sei Dein Trost. Vergiß ihn nicht.“
Sie zog mit funkelnden Augen einen Knoten zu, als ob sie einen Feind erdrosselte.
„Ich sage Dir“ fuhr Madame fort, indem sie, um ihrer Rede Nachdruck zu geben, die rechte Hand ausstreckte, „daß, obgleich es lange unterwegs ist, es doch unterwegs und im Anzuge ist. Ich sage Dir, es zieht sich nie zurück und steht nie still. Ich sage Dir, es kommt immer näher. Sieh um Dich und bedenke, welches Leben die Welt — so weit wir sie kennen — führt; bedenke die Wuth und die Unzufriedenheit zu welcher die Jacquerie stündlich mit sicherer Aussicht auf Erfolg spricht. Kann so etwas ewig dauern? Bah! Ich möchte lachen.“
„Mein starkes Weib!“ entgegnete Defarge, der vor ihr mit etwas gesenktem Haupt und auf dem Rücken gelegten Händen stand, wie ein gelehriger und aufmerksamer Schüler vor seinem Lehrer. „Alles das ziehe ich nicht in Zweifel. Aber es hat schon lange Zeit gedauert und es ist möglich — Du weißt recht gut, Frau, es ist möglich — daß es während unserer Lebenszeit nicht kommt.“
„Nun gut, was dann?“ fragte Madame und knüpfte einen andern Knoten, als ob sie einen andern Feind erwürge.
„Nun ja!“ sagte Defarge mit einem halbklagenden und halb um Verzeihung bittenden Achselzucken. „Wir sehen dann den Sieg nicht.“
„Wir haben aber mit dazu geholfen“ entgegnete Madame und streckte ihre Hand mit energischer Geberde aus. „Nichts, was wir thun, geschieht vergebens. Ich glaube von ganzer Seele, daß wir den Sieg erblicken werden. Aber selbst wenn nicht, selbst wenn ich es gewiß wüßte, so zeige mir den Hals eines Aristokraten und Tyrannen und ich wollte doch —“
Hier knüpfte Madame mit festgeschlossenen Zähnen einen wirklich recht festen Knoten.
„Halt!“ rief Defarge ein wenig erröthend, als ob man ihn der Feigheit beschuldigte; „auch ich, Frau, werde vor Nichts zurückschrecken.“
„Ja! aber es ist Deine Schwäche, daß Du manchmal Dein Opfer und Deine Gelegenheit sehen willst, um frischen Muths zu bleiben. Behalte frischen Muth ohne das. Wenn die Zeit kommt laß einen Teufel und einen Tiger los; aber warte auf die Zeit, mit dem Tiger und dem Teufel an der Kette — Niemand sichtbar — aber immer bereit.“
Madame gab dem Schlußwort dieses Rathes dadurch Nachdruck, daß sie mit ihrer Kette von eingeknüpftem Geld auf den kleinen Ladentisch schlug, als ob sie dessen Gehirn ausschlüge und dann das Taschentuch mit unbefangener Miene unter den Arm nahm und bemerkte, daß es Zeit zum Schlafengehen sei.
Der nächste Mittag sah die wunderbare Frau auf ihrem gewöhnlichen Platze im Weinschanke fleißig mit Stricken beschäftigt. Eine Rose lag neben ihr und wenn sie manchmal einen Blick auf die Blume warf, so verlor sie dabei ihr gewöhnliches nachdenkliches Aussehen nicht. Im Laden waren wenig Gäste, welche tranken oder nicht tranken, saßen oder standen. Es war sehr heiß und Haufen von Fliegen, welche ihre neugierigen und abentheuerlichen Forschungen bis in die klebrigen Gläschen neben Madame ausdehnten, fielen todt auf den Boden. Ihr Untergang machte keinen Eindruck auf die andern spazierengehenden Fliegen, welche ihnen in der unbefangensten Weise zusahen (als ob sie selbst Elephanten oder etwas anderes den Fliegen eben so wenig Aehnliches wären), bis sie dasselbe Schicksal traf. Seltsam, wie leichtsinnig Fliegen sind! — Vielleicht dachten sie an diesem sonnigen Sommertage an dem Hof eben so.
Eine eben eintretende Gestalt warf einen Schatten auf Madame Defarge, von dem sie fühlte, daß er ein neuer war. Sie legte ihr Strickzeug hin und steckte die Rose mit einer Nadel in ihrem Kopftuche fest, ehe sie die Gestalt ansah.
Es war merkwürdig. In dem Augenblick, wo Madame Defarge die Rose in die Hand nahm, hörten die Gäste auf zu sprechen und fingen allmählig an, den Laden zu verlassen.
„Guten Tag, Madame,“ sagte der neue Ankömmling.
„Guten Tag, Monsieur!“
Sie sagte es laut, sprach aber zu sich selbst, wie sie ihr Strickzeug in die Hand nahm: „Ha! Alter ungefähr 40 Jahre; Größe ungefähr 5 Fuß 9 Zoll; Haar schwarz, Gesichtsfarbe dunkel; Aussehen im Allgemeinen hübsch; Augen dunkel; Gesicht lang und schmal; Adlernase, aber nicht gerade, sondern etwas nach der linken Backe zu gebogen; der Gesichtsausdruck dadurch lauernd! Guten Tag, Einer und Alle!“
„Haben Sie die Güte, mir ein Gläschen alten Cognac und einen Mundvoll kaltes frisches Wasser zu geben, Madame.“
Madame entsprach seinem Wunsche mit höflicher Miene.
„Süperber Cognac das, Madame!“
Es war das erste Mal, daß er so gelobt wurde, aber Madame Defarge kannte genug von seiner Entwickelungsgeschichte, um es besser zu wissen. Sie sagte jedoch, daß sich der Cognac geschmeichelt fühle, und nahm ihr Strickzeug wieder her. Der Gast betrachtete ihre geschäftigen Finger ein paar Augenblicke und benutzte dann die Gelegenheit, sich verstohlen in dem Laden umzusehen.
„Sie sind sehr geschickt im Stricken, Madame!“
„Ich bin daran gewöhnt.“
„Und auch ein hübsches Muster!“
„Meinen Sie wirklich?“ fragte Madame und sah ihn lächelnd an.
„Gewiß. Darf ich fragen, zu welchem Zweck Sie stricken?“
„Zur Zerstreuung“ sagte Madame immer noch mit freundlich lächelndem Gesicht, während ihre Finger behend sich bewegten.
„Nicht zum Gebrauch?“
„Das kommt darauf an. Vielleicht finde ich einmal eine Verwendung dafür. Wenn das der Fall ist,“ sagte Madame mit einem starken Athemzuge und indem sie kokett ernst mit dem Kopf nickte, „werde ich es verwenden.“
Es war merkwürdig; aber der Geschmack Saint Antoine’s schien ganz entschieden von einer Rose in ihrem Kopftuch verletzt zu werden. Zwei Männer waren eingetreten und im Begriff, sich etwas zu trinken zu bestellen, als sie bei’m Anblick der Blume stockten, vorgaben einen Freund zu suchen, der nicht da war, und wieder gingen. Auch von denen, welche dagewesen waren, als der fremde Gast eintrat, war Niemand mehr vorhanden. Einer nach dem Andern hatte den Laden verlassen. Der Spion hatte gut aufgepaßt, aber kein Zeichen entdecken können. Sie hatten sich in einer armuthbedrückten, ziellosen, zufälligen Weise weggeschlichen, die ganz natürlich und unverdächtig war.
„John“ markirte Madame, während sie weiter strickte und ihre Augen auf dem Fremden ruhten: „Bleibe noch und ich stricke auch „Barsad,“ ehe Du gehst.“
„Sie sind verheirathet, Madame?“
„Ja.“
„Haben auch Kinder?“
„Nein.“
„Das Geschäft scheint schlecht zu gehen?“
„Das Geschäft geht sehr schlecht; die Leute sind so sehr arm.“
„Ach das arme unglückliche Volk! Und so bedrückt — wie Sie sagen.“
„Wie Sie sagen,“ gab Madame berichtigend zurück und strickte dabei hurtig ein Extrazeichen in seinen Namen, das ihm nichts Gutes verhieß.
„Verzeihen Sie; gewiß brauchte ich den Ausdruck, aber natürlich denken Sie so. Das versteht sich von selbst.“
„Ich — denken?“ — entgegnete Madame mit gehobener Stimme. „Ich und mein Mann haben ohne Denken genug zu thun, diesen Weinschank offen zu halten. Unser einziger Gedanke hier ist, wie wir uns das Leben fristen sollen. Das ist’s, woran wir denken und es giebt uns von früh Morgens bis zum Abend genug zu denken, ohne daß wir uns Gedanken über Andere machen können. Ich — für Andere denken? Nein! Nein!“
Der Spion, welcher gekommen war, jeden Brosamen, den er finden oder erfinden konnte, aufzulesen, ließ in seinem lauernden Gesichte nicht durchblicken, daß er bis dahin umsonst gekommen war, sondern blieb — den Ellenbogen auf Madame Defarges kleinen Ladentisch gelegt — mit einer Miene herablassender Galanterie stehen und nahm dann und wann ein Schlückchen Cognac.
„Eine schlimme Geschichte, Madame, diese Hinrichtung Gaspard’s. Ach der arme Gaspard!“ sagte er mit einem Seufzer tiefsten Mitleids.
„Mein Gott!“ entgegnete Madame leichthin. „Wenn Leute Messer zu solchen Zwecken verwenden, so müssen sie dafür büßen. Er wußte im Voraus, was der Preis für seine Liebhaberei war. Er hat den Preis bezahlt.“
„Ich glaube,“ sagte der Spion im vertraulichsten Tone und in jeder Muskel seines arglistigen Gesichts verletzte revolutionäre Empfindlichkeit ausdrückend; „ich glaube, das Schicksal des armen Mannes hat in diesem Quartier viel Mitleid erregt und viel Aufregung verursacht? Ganz unter uns!“
„Wirklich?“ fragte Madame gleichgiltig.
„Nicht?“
„Hier ist mein Mann!“ sagte Madame Defarge.
Als der Inhaber des Weinschanks zur Thür hereintrat, griff der Spion grüßend an den Hut und sagte mit zuvorkommendem Lächeln: „Guten Tag, Jacques!“ Defarge blieb stehen und sah ihn verwundert an.
„Guten Tag, Jacques!“ wiederholte der Spion weder ganz so zuversichtlich noch mit einem so unbefangenen Lächeln wie das erste Mal.
„Sie irren sich, Monsieur,“ gab der Inhaber des Weinschanks zur Antwort. „Sie nehmen mich für einen Andern. Das ist nicht mein Name. Ich heiße Ernest Defarge.“
„Es ist ganz einerlei“ sagte der Spion leichthin, aber doch geschlagen; „guten Tag!“
„Guten Tag!“ antwortete Defarge trocken.
„Ich sagte eben zu Madame, mit der ich das Vergnügen hatte mich zu unterhalten, als Sie eintraten, daß ich gehört, das unglückliche Schicksal des armen Gaspard habe in Saint Antoine viele Theilnahme und große Aufregung hervorgerufen, und ein Wunder ist es nicht.“
„Ich habe nichts davon gehört“ sagte Defarge kopfschüttelnd; „ich weiß gar nichts.“
Nachdem er dies gesagt, trat er hinter den kleinen Ladentisch und blieb dort stehen, die Hand auf die Lehne des Stuhles seiner Frau gelegt. Ueber diese Schranke sah er den Mann an, dessen Gegner sie Beide waren und den Jedes von den Beiden mit dem größten Genuß hätte niederschießen können.
Der Spion, wohl geübt in seinem Gewerbe, veränderte nicht seine unbefangene Haltung, sondern trank sein Gläschen Cognac aus, nahm einen Schluck frisches Wasser und bat um ein andres Glas Cognac. Madame Defarge schenkte es ihm ein, nahm ihr Strickzeug wieder zur Hand und summte ein Liedchen vor sich hin.
„Sie scheinen in diesem Quartier gut bekannt zu sein, ich meine, besser als ich?“ bemerkte Defarge.
„Durchaus nicht; aber ich hoffe hier besser bekannt zu werden. Ich fühle so viel Theilnahme für die unglücklichen Bewohner.“
„Ha!“ brummte Defarge vor sich hin.
„Das Vergnügen Ihrer Unterhaltung, Monsieur Defarge“ fuhr der Spion fort, „erinnert mich daran, daß ich eigentlich die Ehre habe, Sie schon zu kennen — wenigstens dem Namen nach.“
„Wirklich?“ sagte Defarge sehr gleichgiltig.
„Ja wirklich. Als Dr. Manette freigelassen ward, übernahmen Sie — sein alter Diener — die Obhut über ihn, weiß ich. Er wurde Ihnen übergeben. Sie sehen, ich kenne die ganze Geschichte.“
„Es scheint so,“ sagte Defarge. Eine zufällige Berührung von dem Ellenbogen seiner Frau, wie sie strickte und vor sich hin sang, hatte ihn bedeutet, daß es das Beste sei zu antworten, aber mit möglichster Kürze.
„Zu Ihnen“ fuhr der Spion fort „kam seine Tochter; und aus Ihrer Pflege übernahm ihn seine Tochter begleitet von einem sauber gekleideten braunen Herrn; wie hieß er doch? — er trug eine kleine Perrücke — Lorry — von dem Bankierhause Tellson u. Comp. — und brachte ihn hinüber nach England.“
„Ganz richtig“ bestätigte Defarge.
„Sehr interessante Erinnerungen!“ sagte der Spion. „Ich habe Dr. Manette und seine Tochter in England gekannt.“
„Wirklich?“ sagte fragend Defarge.
„Sie hören jetzt selten von ihnen?“ sagte der Spion.
„Nur selten,“ erwiederte Defarge.
„Im Grunde hören wir jetzt gar nichts von ihnen“ fiel Madame ein, indem sie von ihrer Arbeit aufsah und ihr Liedchen abbrach. „Wir haben Nachricht von ihrer sicheren Ankunft und vielleicht noch einen oder zwei Briefe empfangen; aber seitdem sind sie allmählich ihren Lebensweg gegangen und wir den unsrigen und wir haben keinen Verkehr mit einander gehabt.“
„So ist es, Madame“ entgegnete der Spion. „Sie steht im Begriff sich zu verheirathen.“
„Sie steht im Begriff?“ wiederholte Madame. „Sie war hübsch genug, längst verheirathet zu sein. Ihr Engländer seid kaltherzig, wie mir scheint.“
„O! Sie wissen, daß ich Engländer bin?“
„Ihre Zunge ist englisch“ entgegnete Madame; „und wie die Zunge ist, muß meiner Ansicht nach auch der Mann sein!“
Er nahm die Erkennung nicht als ein Compliment auf; aber er schickte sich hinein und brach mit einem Lachen ab. Nachdem er seinen Cognac ausgenippt hatte, setzte er hinzu:
„Ja, Miß Manette steht im Begriff zu heirathen; aber keinen Engländer, sondern einen gebornen Franzosen. Und da wir von Gaspard sprachen (ach der arme Gaspard! es war grausam! grausam!) so ist es doch seltsam, daß sie den Neffen des Marquis heirathet, dessentwegen Gaspard so hoch hängen mußte; mit andern Worten — den gegenwärtigen Marquis. Aber er lebt unbekannt in England, er ist kein Marquis dort, sondern einfach Mr. Charles Darnay. D’Aulnais ist der Familienname seiner Mutter.“
Madame Defarge strickte ruhig weiter, aber auf ihren Mann brachte die Nachricht einen sichtbaren Eindruck hervor. Mochte er hinter dem kleinen Ladentische thun was er wollte, Feuer machen oder seine Pfeife anbrennen — er zeigte sich gefangen und seine Hand war unruhig. Der Spion wäre kein Spion gewesen, wenn er das nicht gesehen und das Gesehene sich nicht gemerkt hätte.
Nachdem er wenigstens diesen einen Treffer gehabt, dessen endgiltiger Werth freilich noch ungewiß war, und da außerdem keine Gäste erschienen, die ihm zu Entdeckungen verhelfen konnten, bezahlte Mr. Barsad seine Zeche und verabschiedete sich, nicht ohne auf die höflichste Weise zu bemerken, daß er das Vergnügen zu haben hoffe, Monsieur und Madame Defarge wieder zu sehen. Einige Minuten, nachdem er sie verlassen hatte, blieben Mann und Frau genau in der Stellung wie sie waren, im Fall er etwa zurückkehren sollte.
„Kann das, was er von Mademoiselle Manette sagt, wahr sein?“ sagte Defarge mit gedämpfter Stimme, während er immer noch rauchend und die Hand auf die Stuhllehne gelegt hinter seiner Frau stand.
„Da er es gesagt hat, ist es wahrscheinlich eine Lüge,“ erwiederte Madame, und zog die Augenbrauen ein wenig in die Höhe. „Aber es kann wahr sein.“
„Wenn es wahr ist —“ fing Defarge an und stockte.
„Wenn es wahr ist?“ wiederholte seine Frau.
— „Und wenn es geschieht und wir bei seinem Triumph noch am Leben sind — hoffe ich um ihretwillen, daß das Schicksal ihren Mann fern von Frankreich halten wird.“
„Ihres Mannes Schicksal,“ sagte Madame Defarge mit ihrer gewöhnlich ruhigen Fassung, „wird ihn hinführen, wo er hingehen soll und wird ihn zu dem Ende bringen, das ihm bestimmt ist. Das ist Alles, was ich weiß.“
„Aber ist es nicht sehr seltsam — ist es jetzt nicht wenigstens sehr seltsam“ — sagte Defarge, als ob er mehr einen Versuch machte, seine Frau zu bewegen, so viel zuzugeben, „daß nach aller unsrer Theilnahme für ihren Vater und für sie selber der Name ihres Gatten gerade jetzt neben dem des Höllenhundes, der uns eben verlassen hat, von Deiner Hand geächtet sein muß?“
„Seltsamere Dinge als diese werden geschehen, wenn es kommt“ gab Madame zur Antwort. „Sie sind jedenfalls Beide gezeichnet; und sie verdienen es Beide; das genügt.“
Sie wickelte das Strickzeug zusammen, als sie dies gesagt hatte und nahm gleich darauf die Rose aus dem Taschentuch, das um ihren Kopf gewunden war. Entweder hatte Saint Antoine einen geheimen Instinkt, daß die anstößige Zier entfernt war oder Saint Antoine lauerte auf ihr Verschwinden; wie dem immer sein möge — es faßte Muth, nach sehr kurzer Zeit sich wieder einzufinden und der Weinschank nahm sein gewöhnliches Aussehen wieder an.
Des Abends, zu welcher Zeit vor allen andern Saint Antoine das Inwendige auswendig kehrte und auf Thürstufen und Fensterbrettern saß und an die Ecken schmutziger Straßen und Höfe trat, um einen Mund voll frische Luft zu schöpfen, war Madame Defarge gewohnt, mit ihrem Strickzeug in der Hand, von Ort zu Ort und von Gruppe zu Gruppe zu gehn, als ein Sendbote — es gab viele ihres Gleichen — wie wir nicht wünschten, daß die Welt sie wieder erzeuge. Die Frauen strickten alle. Sie strickten unnütze Kleinigkeiten; aber die mechanische Arbeit war ein mechanischer Ersatz für Essen und Trinken; die Hände bewegten sich für die Kinnbacken und die Verdauungswerke; wenn die knochigen Finger stillgestanden hätten, hätten die Magen mehr die Qualen des Hungers gefühlt.
Aber wie die Finger sich bewegten, bewegten sich auch die Augen und die Gedanken. Und wie Madame Defarge von einer Gruppe zur andern ging, bewegten sich alle drei rascher und zorniger in jeder kleinen Gruppe Frauen, mit der sie gesprochen und die sie dann wieder verlassen hatte.
Ihr Mann stand rauchend vor seiner Thür und sah ihr mit bewundernden Blicken nach.
„Eine große Frau,“ sagte er, „eine starke Frau, eine gewaltige Frau, eine fürchterlich gewaltige Frau!“
Die Nacht stellte sich ein und dann vernahm man das Läuten von Kirchenglocken und das ferne Trommeln der königlichen Garde und immer noch saßen die Frauen dort und strickten. Nacht umfing sie. Noch eine andre Nacht kam eben so sicher, wo die Thurmglocken, die jetzt so schön in so manchen schlanken Thurme Frankreichs läuteten, zu donnernden Kanonen umgeschmolzen sein und die Trommeln eine schwache Stimme übertönen würden, welche diese Nacht allmächtig als die Stimme der Herrschaft und des Ueberflusses, der Freiheit und des Lebens war. So viel schloß sich um die Frauen zusammen, die immer noch strickten und strickten, daß sie sich selbst um einen noch ungebauten Bau herumschlossen, wo sie stricken und stricken sollten und fallende Köpfe zählen.
Siebenzehntes Kapitel.
Eine Nacht.
Nie ging die Sonne mit schönerem Glanze über der stillen Ecke in Soho unter, als an einem denkwürdigen Abend, wo der Doctor und seine Tochter zusammen unter der Platane saßen. Nie ging der Mond mit milderem Schimmer über dem großen London auf, als in jener Nacht, wo er sie immer noch unter dem Baume sitzend fand und durch dessen Blätter auf ihre Gesichter schien.
Lucie sollte morgen getraut werden. Sie hatte diesen letzten Abend für ihren Vater aufgespart und sie saßen allein unter dem Platanenbaum.
„Du bist glücklich, lieber Vater?“
„Ganz glücklich, mein Kind!“
Sie hatten wenig gesprochen, obgleich sie schon lange dort gesessen hatten. Als es noch hell genug gewesen war, um zu arbeiten und zu lesen, hatte sie sich weder mit ihrer gewöhnlichen Handarbeit beschäftigt, noch ihm vorgelesen. Viele, viele Male hatte sie unter dem Schatten des Baumes neben ihm genäht oder ihm vorgelesen; aber der heutige Tag war nicht wie ein anderer, und nichts konnte ihn einem andern gleich machen.
„Und auch ich fühle mich sehr glücklich heute Abend, lieber Vater. Ich fühle mich aufs Tiefste beglückt von der Liebe, mit der mich der Himmel gesegnet hat — von meiner Liebe zu Charles und Charles Liebe zu mir. Aber wenn mein Leben Dir nicht mehr geweiht sein sollte oder wenn ich durch meine Heirath nur um ein paar Straßen von dir getrennt würde, so würde ich mich unglücklicher fühlen und mir selbst mehr Vorwürfe machen, als ich dir sagen kann. Selbst so wie es ist —“
Selbst so wie es war, versagte ihr die Stimme.
In dem melancholischen Mondschein umarmte sie ihn und legte ihr Gesicht an seine Brust. In dem Mondschein, der immer melancholisch ist (wie es ja auch das Licht der Sonne ist — und das Licht, welches man das menschliche Leben nennt bei seinem Kommen und Gehen).
„Theuerster der Theuren! kannst Du mir dies letzte Mal sagen, daß Du Dich ganz fest überzeugt fühltest, daß niemals neue Neigungen, die ich fühle, oder neue Pflichten, die ich zu erfüllen habe, zwischen uns beide treten werden? ich weiß es wohl, aber weißt auch Du es? Fühlst Du Dich in Deinem innersten Herzen dessen fest überzeugt?“
Ihr Vater gab mit einer heitern Zuversicht, die kaum eine angenommene sein konnte, zur Antwort: „Ganz fest überzeugt, mein Herzenskind! Mehr als das,“ setzte er hinzu und küßte sie zärtlich. „Meine Zukunft liegt durch Deine Heirath, Lucie, viel heller vor mir, als sie ohne dieselbe jemals sein könnte oder war.“
„Wenn ich das hoffen könnte, Vater!“ —
„Glaube es mir, Liebe! Es ist in der That so. Bedenke, wie natürlich und einfach es ist, mein Herz, daß es so ist. Du mit Deiner Hingebung und mit Deiner Jugend kannst nicht recht die bange Sorge fühlen, die mich erfüllt hat, daß Dein Leben nicht etwa verbittert würde —“
Sie bewegte die Hand nach seinen Lippen, aber er nahm sie in die seinige und wiederholte das Wort.
— „Verbittert, mein Kind! verbittert meinetwegen und aus seiner natürlichen Bahn gedrängt. Deine Selbstlosigkeit kann nicht ganz begreifen, wie viel mir dieß Sorge gemacht hat; aber frage dich nur selbst, wie konnte mein Glück vollkommen sein, so lange das Deine unvollkommen blieb?“
„Wenn ich Charles nie gesehen hätte, Vater, wäre ich mit Dir ganz glücklich gewesen.“
Er lächelte über ihr unbewußtes Zugeständniß, daß sie ohne Charles unglücklich sein würde, da sie ihn gesehen hatte und gab zur Antwort: „Kind, Du hast ihn gesehen und es ist Charles. Wäre es nicht Charles gewesen, so würde es ein Andrer sein. Oder, wenn es kein Andrer wäre, so wäre ich die Ursache und dann hätte der dunkle Theil meines Lebens seinen Schatten über mich hinausgeworfen und wäre auf Dich gefallen.“
Es war zum ersten Male, außer bei der Gerichtsverhandlung, daß sie ihn auf seine Leidenszeit hindeuten hörte. Es brachte ein seltsames Gefühl in ihr hervor, während seine Worte ihr in dem Ohre klangen; und nach Jahren dachte sie noch daran.
„Sieh!“ sagte der Arzt von Beauvais und deutete mit der Hand nach dem Monde. „Ich habe ihn angesehen von meinem Kerker aus, als ich sein Licht nicht ertragen konnte. Ich habe ihn angesehen, wo der Gedanke, daß er auf das herniederschiene, was ich verloren, mir solche Qual war, daß ich meinen Kopf an den Wänden meines Kerkers hätte zerschmettern mögen. Ich habe ihn in einem so dumpfen und lethargischen Zustande angesehn, daß ich an nichts dachte, als an die Zahl von horizontalen Linien, die ich über den Vollmond ziehen, und an die Anzahl senkrechter Linien, mit denen ich sie kreuzen könnte.“ Er setzte in seiner in sich gekehrten und brütenden Weise hinzu, wie er den Mond anblickte: „Es waren zwanzig nach jeder Seite, weiß ich noch, und die zwanzigste konnte ich kaum hineinbringen.“
Das bange Gefühl, mit welchem sie ihn an diese Zeit zurückdenken hörte, ward stärker, als sie dabei verweilte; aber sonst war nichts beunruhigendes in seiner Weise. Er schien nur die Heiterkeit und das Glück seiner Gegenwart mit dem harten Leiden, welches vorbei war, zu vergleichen.
„Ich habe ihn angesehen und mir viel tausend Mal Gedanken über das ungeborne Kind gemacht, von dem ich weggerissen worden. Ob es am Leben sei, ob es lebendig zur Welt gekommen oder ob der Schreck, den die arme Mutter gehabt, es getödtet habe! Ob es ein Sohn sei, der seinen Vater eines Tages rächen könnte. (Es gab eine Zeit meines Kerkerlebens, wo mein Durst nach Rache ganz unerträglich war). Ob es ein Sohn sei, der nie seines Vaters Gesicht kennen würde; der dereinst selbst die Möglichkeit erwägen könnte, ob an dem Verschwinden seines Vaters nicht dessen eigner Wille und dessen eigne That schuld sei. Ob es eine Tochter sei, die zur Jungfrau heranwachsen würde!“
Sie drängte sich näher an ihn heran und küßte ihm Wange und Hand.
„Ich habe mir meine Tochter vorgemalt, wie sie mich ganz und gar vergessen oder vielmehr nie etwas von mir gewußt. Ich habe Jahr für Jahr ihr Lebensalter berechnet. Ich habe sie mir gedacht als Gattin eines Mannes, der nichts von meinem Schicksal wußte. Ich bin gänzlich verschwunden aus der Erinnerung der Lebendigen und in der nächsten Generation war mein Platz leer.“
„Ach Vater! blos zu hören, daß Du so von einer Tochter dachtest, die nie gelebt, preßt mir das Herz zusammen, als ob ich dieses Kind gewesen wäre.“
„Du, Lucie? Gerade aus der Tröstung und Rettung, die ich dir verdanke, entstehen diese Erinnerungen und treten jetzt in dieser letzten Nacht zwischen uns und den Mond. — Was sagt ich eben?“
„Sie wußte nichts von Dir. Sie kümmerte sich nicht um Dich.“
„Ja! Aber in andern mondhellen Nächten, wo die Melancholie und das Schweigen mich in andrer Weise berührt hatten, — wo sie mich mit einem Gefühl gleich einer bekümmerten Empfindung von Frieden erfüllten, soweit es eine Bewegung thun konnte, die Schmerz zu ihrer Grundlage hat — habe ich mir eingebildet, wie sie in meine Zelle kam und mich hinaus in die Freiheit draußen vor der Festung führte. Ich habe ihr Bild oft im Mondschein gesehen, wie ich Dich jetzt sehe; nur daß ich es nie in meinen Armen hielt; es stand zwischen dem kleinen vergitterten Fenster und der Thür. Aber Du verstehst, daß dieß nicht das Kind war, von dem ich spreche?“
„Die Gestalt war es nicht; das — das — Bild; die Einbildung?“
„Nein. Das war etwas Anderes. Es stand vor meinem gestörten Gesichtssinn, aber es bewegte sich nie. Das Phantom, welchem mein Geist nachging, war ein anderes und mehr der Wirklichkeit angehörendes Kind. Von seiner äußern Erscheinung weiß ich weiter nichts, als daß es ein Ebenbild seiner Mutter war. Die andere Gestalt sah eben so aus — wie du auch — aber sie war nicht dieselbe. Kannst Du mich begreifen, Lucie? Wohl kaum? Ich glaube fast, du hättest ein einsamer Gefangener sein müssen, um diese subtilen Unterschiede zu verstehen.“
Sein gesammeltes und ruhiges Wesen konnte nicht verhindern, daß sie ein Schauer überlief, wie er so versuchte, seine alten Stimmungen zu zergliedern.
„In dieser friedlichern Stimmung habe ich mir sie im Mondschein gedacht, wie sie zu mir kam und mich fortführte, um mir zu zeigen, daß ihr häusliches Leben als Gattin voll liebreicher Erinnerungen an ihren Vater war. Mein Bildniß hing in ihrem Zimmer und sie schloß mich in ihr Gebet ein. Sie führte ein thätiges, freudiges und nützliches Leben; aber mein unglückliches Schicksal ward darüber nie vergessen.“
„Ich war dieses Kind, lieber Vater. Ich war nicht halb so gut; aber in meiner Liebe war ich es.“
„Und sie zeigte mir ihre Kinder,“ sagte der Arzt von Bauveais, „und sie hatten von mir erzählen hören, und man hatte sie gelehrt, mich zu bemitleiden. Wenn sie vor einem Staatsgefängniß vorbeigingen, hielten sie sich fern von seinen dräuenden Mauern und blickten zu dem vergitterten Fenster hinauf und sprachen nur flüsternd. Sie konnte mich nie befreien; ich bildete mir immer ein, daß sie mich zurückbrächte, nachdem sie mir alle diese Dinge gezeigt hatte, aber alsdann sank ich, durch heiße Thränen erleichtert, auf meine Knie und segnete sie.“
„Ich bin das Kind, hoffe ich, geliebter Vater. Ach Herzensvater, willst du mich eben so innig für den morgenden Tag segnen?“
„Lucie! ich rufe diese alten Stimmungen zurück, weil ich heute Grund habe, dich inniger zu lieben, als Worte sagen können, und Gott für mein großes Glück zu danken. Meine Gedanken, auch wenn sie sich am höchsten verstiegen, sind nie dem Glücke nahe gekommen, das ich bei Dir gekannt habe und das unsrer wartet.“
Er umarmte sie, empfahl sie feierlichst dem Himmel und dankte diesem demüthig, daß er sie ihm geschenkt habe. Bald darauf gingen sie in’s Haus.
Es war Niemand zur Trauung eingeladen als Mr. Lorry; es war nicht einmal eine andere Brautjungfer da, als die unschöne Miß Proß. Die Verheirathung sollte keine Veränderung in ihrem Wohnorte nach sich ziehen; durch Miethung der obern Räume, die früher dem apokryphischen unsichtbaren Miethsmann gehörten, hatten sie sich im Stande gesehen, die Wohnung zu vergrößern und mehr wünschten sie nicht.
Dr. Manette war während des bescheidenen Abendessens sehr heiter. Nur drei Personen waren bei Tisch und Miß Proß war die dritte. Er bedauerte, daß Charles nicht da war; war mehr als halb geneigt, Einwendungen gegen die wohlgemeinte kleine Verschwörung, welche ihn fernhielt, zu machen, und trank liebevoll auf seine Gesundheit.
So kam für ihn die Zeit, Lucien gute Nacht zu sagen, und sie trennten sich. Aber in der Stille der dritten Morgenstunde kam Lucie wieder herunter und schlich sich in sein Zimmer — nicht frei von unbestimmten Besorgnissen. Alles war ruhig; und er schlummerte, das weiße Haar malerisch über das Kissen ausgebreitet und die Hände ruhig auf der Decke liegend. Das Licht, welches sie nicht brauchte, stellte sie in eine ferne Ecke in den Schatten, trat dann an das Bett und drückte ihm einen Kuß auf die Lippen; dann blieb sie über ihn gebeugt stehen und betrachtete ihn.
In seinem schönen Gesicht hatten die bittern Thränen der Gefangenschaft Spuren zurückgelassen; aber er deckte sie mit so entschiedenem Willen zu, daß sie sich selbst in seinem Schlummer nicht verriethen. Ein merkwürdigeres Gesicht in seinem ruhigen, entschlossenen und vorsichtigen Kampf mit einem unsichtbaren Gegner war in den ganzen weiten Reichen des Schlummers in dieser Nacht nicht zu finden.
Sie legte schüchtern ihre Hand auf die geliebte Brust und sprach ein Gebet, daß sie immer so treu an ihm halten möchte, als ihre Liebe sich sehnte und seine Leiden verdienten. Dann zog sie ihre Hand zurück, küßte ihn noch einmal auf den Mund und ging. So kam der Sonnenaufgang und die Schatten von dem Laube der Platane bewegten sich auf seinem Gesicht so leise, wie sich ihre Lippen für ihn betend bewegt hatten.
Achtzehntes Kapitel.
Neun Tage.
Der Hochzeitstag fing mit hellem Sonnenschein an und sie standen Alle fertig vor der geschlossenen Thür von dem Zimmer des Doctors, wo er mit Charles Darney sprach. Sie standen im Begriff, nach der Kirche zu gehen; die schöne Braut, Mr. Lorry und Miß Proß — für welche Letztere das Ereigniß durch ein allmähliches Aussöhnen mit dem Unvermeidlichen unbedingte Seligkeit gewesen wäre, ohne die im Hintergrund ihres Geistes lauernde Erwägung, daß ihr Bruder Salomo der Bräutigam hätte sein sollen.
„Also dazu,“ sagte Mr. Lorry, welcher die Braut nicht genug bewundern konnte und um sie herumgegangen war, um sie in ihrem einfachen hübschen Anzuge von jeder Seite recht ordentlich anzusehen — „also dazu, meine liebe Lucie, habe ich Sie als ganz kleines Kind über den Kanal gebracht! Du meine Güte! Wie wenig dachte ich mir damals, was ich that. Wie wenig ahnete ich das hohe Verdienst, welches ich mir um meinen Freund, Mr. Charles, erwarb.“
„Sie beabsichtigten es nicht,“ bemerkte die prosaische Miß Proß, „und wie konnten Sie es wissen? Unsinn!“
„Wirklich? Gut denn; aber weinen Sie nicht,“ sagte der sanfte Mr. Lorry.
„Ich weine nicht,“ sagte Miß Proß; „Sie weinen.“
„Ich, meine gute Proß?“ (Mr. Lorry war jetzt so weit gekommen, gelegentlich mit ihr scherzen zu dürfen).
„Sie weinten eben noch; ich habe es gesehen und wundere mich nicht darüber; ein solches Geschenk von Silberzeug — wie Ihres — reicht hin, um in jedes Auge Thränen zu bringen. Es ist keine Gabel und kein Löffel im Kasten,“ meinte Miß Proß, „über den ich gestern Abend, wie das Silberzeug ankam, nicht geweint hätte, bis ich nicht mehr sehen konnte.“
„Ich fühle mich sehr geschmeichelt,“ sagte Mr. Lorry, „obgleich ich — auf Ehre! — nicht die Absicht hatte, diese kleinen Erinnerungszeichen irgend Jemandem unsichtbar zu machen. Mein Gott! das ist eine Gelegenheit, welche Einen über Alles, was man verloren hat, nachdenken macht. Gott, Gott, Gott! zu denken, daß es jeden Tag seit fast funfzig Jahren eine Mrs. Lorry hätte geben können!“
„Durchaus nicht!“ warf Miß Proß ein.
„Sie meinen, es hätte nie eine Mrs. Lorry geben können?“ fragte der Herr dieses Namens.
„Bah!“ entgegnete Miß Proß; „Sie waren schon in der Wiege ein Hagestolz.“
„Na, auch das klingt wahrscheinlich,“ bemerkte Mr. Lorry, indem er die Perrücke über dem freundlichen Gesicht zurecht rückte.
„Und Sie waren zum Hagestolz bestimmt“ fuhr Miß Proß fort, „ehe Sie in die Wiege gelegt wurden.“
„Dann meine ich“ sagte Mr. Lorry, „bin ich höchst schäbig behandelt worden, und hätte man mir doch wenigstens eine Stimme bei der Wahl meiner zukünftigen Stellung gestatten sollen. Genug! Nun, meine liebe Lucie“ sagte er, indem er beruhigend den Arm um sie legte, „ich höre im nächsten Zimmer, daß sie kommen und Miß Proß und ich, als zwei förmliche Geschäftsleute, möchten gern die letzte Gelegenheit benutzen, um Ihnen etwas zu sagen, was Ihrem Herzen gut thun wird. Sie lassen Ihren guten Vater in Händen zurück, welche für sein Wohl so ernstlich und liebevoll, wie Sie selbst, sorgen werden; es soll alle mögliche Rücksicht auf ihn genommen werden; während der nächsten vierzehn Tagen, wo Sie in Warwickshire, oder dessen Nachbarschaft sind, müssen selbst Tellsons vergleichsweise vor Ihnen zurücktreten. Und wenn nach Ablauf dieser vierzehn Tage er zu Ihnen und zu Ihrem geliebten Gatten kommt, um Ihnen während der andern vierzehn Tage in Wales Gesellschaft zu leisten, sollen Sie sagen, daß wir Ihnen denselben in der besten Gesundheit und der glücklichsten Stimmung geschickt haben. Jetzt höre ich Jemandes Schritt sich der Thüre nähern. Gestatten Sie mir, ein geliebtes Kind mit einem altmodischen Hagestolzsegen zu küssen, bevor dieser Jemand Sie für sich in Anspruch nimmt.“
Einen Augenblick lang hielt er das liebliche Gesicht zwischen den beiden Händen, um sich noch einmal den wohlbekannten Ausdruck auf der Stirn zu betrachten, und legte dann das schöne goldne Haar an seine kleine braune Perrücke mit einer ächt innigen Liebe und einem Zartgefühl, welche, wenn solche Dinge altmodisch sind, so alt waren wie Adam.
Die Thür von des Doctors Zimmer ging auf und er trat mit Charles Darnay heraus. Er war so todtenbleich — was nicht der Fall gewesen war, als sie mit einander in das Zimmer gegangen waren — daß man auf seinem Gesichte auch keine Spur von Farbe sah. Aber in der Gefaßtheit seines Wesens war er unverändert, außer daß dem scharfen Blick Mr. Lorry’s eine schattenhafte Andeutung nicht unbemerkt blieb, daß der alte Ausdruck scheuen Zurückweichens und bangen Grauens vor Kurzem über ihn hinweggegangen war wie ein kalter Wind.
Er gab seiner Tochter den Arm und führte sie die Treppe hinab an den Wagen, den Mr. Lorry zu Ehren des Tages gemiethet hatte. Die Uebrigen folgten Alle in einem zweiten Wagen, und bald waren in einer nahen Kirche, wo keine fremden Augen neugierig zuschauten, Charles Darnay und Lucie Manette zu einem glücklichen Ehepaare vereint.
Außer den herben Thränen, welche durch das Lächeln der wenigen Versammelten glänzten, als die Ceremonie vorbei war, funkelten einige schöne Juwelen — kaum erlöst aus der finstern Nacht einer der Taschen Mr. Lorry’s — an der Hand der Braut. Sie kehrten zum Frühstück nach Hause zurück und Alles ging gut, und im gehörigen Verlauf der Zeit mischte sich das goldne Haar, das sich in der Dachstube in Paris unter die silbernen Locken des Schuhmachers gemengt hatte, wieder mit ihnen im Morgensonnenschein auf der Thürschwelle bei’m Scheidegruß.
Es war ein schwerer Abschied, obgleich nicht auf lange Zeit. Aber ihr Vater tröstete sie und sagte endlich, indem er sich sanft aus ihren Armen losmachte: „Nehmen Sie sie, Charles! Sie ist die Ihrige!“ Und aufgeregt winkte ihm ihre Hand noch aus dem Kutschenfenster zu — und sie war fort!
Da die stille Ecke kein Sammelplatz der Unbeschäftigten und Neugierigen war und die Vorbereitungen sehr einfach gewesen waren, blieben der Doctor, Mr. Lorry und Miß Proß ganz allein zurück. Als sie in den willkommenen Schatten der kühlen alten Halle zurückkehrten, bemerkte Mr. Lorry, daß eine große Veränderung in dem Doctor vorgegangen, als ob der dort emporgehobene goldene Arm ihm einen vergifteten Streich versetzt hätte.
Er hatte sich natürlich großen Zwang angethan und darauf war ein Rückschlag nur zu erwarten. Aber es war der alte scheue verlorene Blick, der Mr. Lorry beunruhigte; und als sie oben angekommen waren und der Doctor in zerstreuter Weise sich an den Kopf griff und niedergedrückt und schlaff in sein Zimmer schlich, mußte Mr. Lorry an Defarge, den Weinschenken, und die Fahrt durch die sternenhelle Nacht denken.
„Ich glaube“ flüsterte er Miß Proß nach reiflicher und sorgenerfüllter Ueberlegung zu, „ich glaube, es ist das Beste, wir reden ihn jetzt gar nicht an und stören ihn überhaupt nicht. Ich muß einmal nach Tellsons sehen; ich werde daher jetzt hingehen und gleich wieder da sein. Dann machen wir eine Spazierfahrt auf’s Land, essen dort und Alles wird wieder gut sein.“
Es war leichter für Mr. Lorry zu Tellsons hin zu gehen, als wieder von ihnen weg zu kommen. Er wurde zwei Stunden dort festgehalten. Als er zurückkehrte, ging er allein die alte Treppe hinauf ohne sich mit Nachfragen bei dem Diener aufzuhalten, trat in das Zimmer des Doctors und blieb erschrocken stehn, als er ein dumpfes Klopfen hörte.
„Guter Gott!“ sagte er, „was ist das?“
Mit bleichem Gesicht stand Miß Proß neben ihm. „O Gott! o Gott! Alles ist verloren!“ — rief sie händeringend. „Was soll ich meinem Herzblättchen sagen? Er kennt mich nicht und macht Schuhe!“
Mr. Lorry bemühte sich, sie zu beruhigen und ging selbst in das nächste Zimmer. Die Bank war dem Lichte zugekehrt wie damals, wo er zuerst den Schuhmacher hatte arbeiten gesehen. Er hatte den Kopf über die Arbeit gebeugt und war sehr fleißig.
„Dr. Manette! Lieber Freund! Dr. Manette!“
Der Doctor sah einen Augenblick zu ihm auf — halb fragend, halb als ob es ihn ärgerte, angeredet zu werden — und beugte sich wieder über seine Arbeit. Er hatte Rock und Weste abgelegt; das Hemd war vorn offen, wie immer, wenn er sich mit dieser Arbeit beschäftigte, und selbst das alte hohlwangige welke Gesicht war wieder da. Er arbeitete angestrengt — ungeduldig — als ob er einigermaßen fühlte, unterbrochen worden zu sein.
Mr. Lorry warf einen Blick auf die Arbeit, die er unter der Hand hatte, und bemerkte, daß es ein Schuh von der alten Größe und Form war. Er nahm den andern, der neben dem Arbeitenden lag und fragte diesen was es sei.
„Ein Promenadenschuh für eine junge Dame“ brummte er vor sich hin ohne aufzublicken. „Er sollte längst fertig sein. Lassen Sie ihn liegen.“
„Aber Dr. Manette! — Sehen Sie mich an.“
Er gehorchte in der alten mechanischen unterwürfigen Weise, ohne sich in der Arbeit zu unterbrechen.
„Sie kennen mich, bester Freund? Besinnen Sie sich. Dies ist nicht Ihre wahre Beschäftigung. Besinnen Sie sich, werther Freund!“
Nichts konnte ihn bewegen, wieder zu sprechen. Er blickte auf, aber nur eine Sekunde lang, wenn man es verlangte; aber keine Ueberredungskunst vermochte ihm ein Wort abzupressen. Er arbeitete, arbeitete und arbeitete stumm fort; Worte machten auf ihn denselben Eindruck, wie auf einen Menschen ohne Gehör oder auf die Luft. Der einzige Hoffnungsstrahl, den Mr. Lorry entdecken konnte, war, daß er manchmal verstohlen aufblickte ohne aufgefordert zu werden. Darin schien sich eine schwache Regung von Neugier und Verlegenheit auszudrücken — als ob er versuchte, einige innerliche Zweifel mit einander zu versöhnen.
Zweierlei prägte sich Mr. Lorry sofort vor allem Andern ein; erstens, daß dies vor Lucien geheim gehalten werde, und zweitens, daß es Allen seinen Bekannten ein Geheimniß bleiben müsse. Im Verein mit Miß Proß that er sofort Schritte, um für letzteres zu sorgen, indem er den Nachfragenden sagen ließ, der Doctor sei nicht wohl, und bedürfe einige Tage vollständigste Ruhe. Um den gutgemeinten Betrug, der an der Tochter verübt werden sollte, zu unterstützen, sollte Miß Proß ihr melden, daß er zu einer Consultation auf einige Tage verreist sei, und sich dabei auf einen fingirten Brief von zwei oder drei Zeilen beziehen, den er selbst mit derselben Post an sie abgeschickt.
Diese Maßregeln, die in jedem Falle rathsam waren, ergriff Mr. Lorry in der Hoffnung, daß er sich wieder erholte. Geschah dies bald, so hatte er noch einen andern Ausweg im Rückhalte, nämlich eine gewisse Autorität die er für die beste hielt, über des Doctors Fall zu Rathe zu ziehen.
In der Hoffnung auf seine Genesung, und weil alsdann der dritte Weg möglich ward, beschloß Mr. Lorry ihn sorgfältig, mit so wenig Aufsehen als dabei möglich war, zu beobachten. Er traf daher Einrichtung, zum ersten Mal in seinem Leben von Tellsons wegbleiben zu können, und bezog seinen Posten bei dem Fenster in demselben Zimmer.
Die Entdeckung ließ nicht lange auf sich warten, daß es schlimmer und unnütz war, ihn anzureden, da er, wenn man ihn drängte, unruhig und ärgerlich wurde. Er gab schon den ersten Tag diesen Versuch auf und beschloß, für alle Fälle fortwährend vor seinen Augen zu bleiben, als stummer Verwahrung gegen die Täuschung, in die er verfallen, oder verfiel. Er blieb daher auf seinem Platz in der Nähe des Fensters, mit Lesen und Schreiben beschäftigt, und in so mannichfaltiger und natürlicher Weise als er ersinnen konnte, zu verstehen gebend, daß er sich an einem Jedermann zugänglichen Ort befinde.
Dr. Manette nahm an diesem ersten Tage Speise und Trank an, wie sie ihm gereicht wurden, und arbeitete fort bis es zu finster ward um zu sehen — arbeitete noch als schon seit einer halben Stunde Mr. Lorry um keinen Preis im Stande gewesen wäre, noch zu lesen oder zu schreiben. Als er sein Handwerkszeug als nutzlos bis zum Morgen hinlegte, stand Mr. Lorry auf und sagte zu ihm:
„Wollen Sie ausgehen?“
Er blickte rechts und links neben sich auf den Fußboden, blickte auf, und wiederholte mit gedämpfter Stimme, alles in der alten Weise:
„Ausgehen!“
„Ja; wir wollen zusammen spazieren gehen; warum nicht?“
Er machte keine Anstrengung zu sagen warum nicht, und sprach kein Wort weiter. Aber Mr. Lorry glaubte zu bemerken, wie er sich in der Dämmerung, mit dem Ellenbogen auf den Knien und mit dem Kopfe in den Händen auf seiner Bank vorbeugte, und in einer verwirrten Weise fragte: „Warum nicht?“ Der Scharfblick des Geschäftsmanns bemerkte hier einen Vortheil und beschloß weiter darauf zu bauen.
Miß Proß und er theilten die Nacht in zwei Wachen und beobachteten ihn von Zeit zu Zeit von dem anstoßenden Zimmer aus. Er ging lange Zeit, ehe er sich hinlegte, auf und ab, aber als er sich niederlegte, schlief er ein. Des Morgens stand er frühzeitig auf, ging geraden Wegs nach seiner Bank und arbeitete.
An diesem zweiten Tage grüßte ihn Mr. Lorry beim Namen, und redete zu ihm von Gegenständen, die ihm in der letzten Zeit geläufig gewesen. Er gab keine Antwort, aber es war klar, daß er hörte was man sagte, und daß er darüber nachdachte, wenn auch verwirrt. Dies ermuthigte Mr. Lorry, mehrere Mal des Tags auch Miß Proß mit ihrer Arbeit in der Stube anwesend sein zu lassen, wo sie dann von Lucien und ihrem anwesenden Vater ganz ruhig und als ob nichts geschehen wäre, sprachen. Dies geschah still, und frei von aller Auffälligkeit, welche ihn hätte etwa beunruhigen können; und es erleichterte Mr. Lorry’s wohlwollendes Herz zu glauben, daß er öfters aufschaute, und daß ihm dabei einige Unverträglichkeiten der Umgebung mit den ihn beherrschenden Vorstellungen aufzufallen schienen.
Als es wieder dunkel ward, fragte ihn Mr. Lorry wie am Tage vorher:
„Wollen Sie ausgehen?“
Wie früher gab er zur Antwort: „Ausgehen?“
„Ja, wir wollen zusammen spazieren gehen. Warum nicht?“
Da auch diesmal Mr. Lorry keine Antwort bekommen konnte, stellte er sich als ob er ausginge, und kehrte erst nach einer Stunde zurück. Unterdessen hatte der Doctor Platz im Fenster genommen, und dort hinunter auf die Platane gesehen; aber als Mr. Lorry wieder kam, schlich er wieder nach der Bank.
Die Zeit verging sehr langsam, Mr. Lorry’s Hoffnung verdüsterte sich, und sein Herz wurde wieder schwerer, und wurde schwerer jeden Tag. Der dritte Tag kam und ging, der vierte, der fünfte. Fünf Tage vergingen, sechs Tage, sieben Tage, acht Tage, neun Tage.
Mit immer mehr schwindender Hoffnung und immer schwerer werdenden Herzen verlebte Mr. Lorry diese sorgenvolle Zeit. Das Geheimniß ward gut bewahrt, Lucie wußte nichts und war glücklich; aber er konnte sich nicht verbergen, daß der Schuhmacher, dessen Hand anfangs etwas aus der Uebung gekommen zu sein schien, schrecklich geschickt wurde, und daß er nie auf seine Arbeit so aufmerksam, daß seine Hände nie so flink und sicher gewesen, als in der Dämmerung des neunten Abends.
Ende des zweiten Theils.
Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck) in Leipzig.
Boz (Dickens)
Sämmtliche Werke.
Hundertundfünfter Band.
Zwei Städte.
Dritter Theil.
Leipzig
Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.
1859.
Zwei Städte.
Eine Erzählung in drei Büchern.
Von
Boz (Charles Dickens).
Mit
Sechszehn Illustrationen von Hablot K. Browne.
Aus dem Englischen von Julius Seybt.