Dritter Theil.
Leipzig
Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.
1859.
Neunzehntes Kapitel.
Eine Meinung.
Von sorgenvollem Wachen erschöpft schlief Mr. Lorry auf seinem Posten ein. Am zehnten Morgen seines Harrens erweckte ihn der helle Schein der Sonne, welcher in die Stube fiel, wo ihn während dunkler Nacht ein schwerer Schlummer überfallen hatte.
Er rieb sich die Augen und sah um sich; aber als er dies that, konnte er nicht klar werden, ob er nicht noch schlafe. Denn wie er an die Thüre des Zimmers des Doctors trat und hineinblickte, bemerkte er, daß die Schuhmacherbank mit dem Handwerkszeug bei Seite gestellt war und daß der Doctor lesend am Fenster saß. Er hatte seinen gewöhnlichen Morgenrock an und sein Antlitz (das Mr. Lorry deutlich sehen konnte) — obgleich noch sehr blaß — trug den Ausdruck der Aufmerksamkeit und ruhigen Vertieftheit.
Als Mr. Lorry gewiß geworden war, er wache, belästigten ihn einige Augenblicke noch Zweifel, ob das Schuhmachen der letzten Tage nicht bei ihm ein unruhiger Traum gewesen; denn sahen nicht seine Augen den Freund vor sich in seiner gewöhnlichen Tracht und seinem gewöhnlichen Ansehen und beschäftigt wie gewöhnlich? Und sahen sie irgend ein Zeichen, daß die Veränderung, die seiner Erinnerung so bestimmt eingeprägt war, wirklich vor sich gegangen war?
Dies fragte er sich blos in seiner ersten Verwirrung und in seinem ersten Erstaunen; denn die Antwort lag auf der Hand. Wenn die Erinnerung nicht die Folge eines wirklich entsprechenden und genügenden Vorfalls war, wie kam er — Charles Lorry — denn hierher? Wie ging es zu, daß er in seinen Kleidern auf dem Sopha in Dr. Manette’s Consultationszimmer eingeschlafen war und jetzt am frühen Morgen an der Thür des Schlafzimmers des Doctors mit sich über alle diese Zweifel zu Rathe ging?
Nach ein paar Minuten stand Miß Proß flüsternd an seiner Seite. Wenn ihn noch der Rest eines Zweifels gequält hätte, so hätte er vor ihrem Reden verschwinden müssen; aber er war sich jetzt klar geworden und hegte keinen Zweifel mehr. Er rieth an, die Zeit hingehen zu lassen, bis zur gewöhnlichen Frühstücksstunde und dann mit den Doctor zusammenzutreffen, als ob nichts Ungewöhnliches geschehen sei. Wenn er sich dann in seiner gewöhnlichen Gemüthsverfassung zeigte, wollte sich Mr. Lorry vorsichtig Raths bei der Autorität erholen, die zu befragen er sich in seiner Sorge so sehr gesehnt hatte.
Miß Proß fügte sich seinen Rathschlägen und der Plan ward mit aller Sorgfalt vorbereitet. Da Mr. Lorry Ueberfluß von Zeit für seine gewöhnliche methodische Toilette hatte, erschien er zur Frühstücksstunde schmuck und nett wie immer. Der Doctor war wie üblich gerufen worden und kam zum Frühstück.
So weit sich gewahr werden ließ, ohne über die vorsichtige und allmälige Annäherung hinauszugehen, auf welche Mr. Lorry sich beschränken mußte, glaubte er Anfangs seiner Tochter Hochzeit wäre gestern gewesen. Eine vorsätzlich hingeworfene Erwähnung des Wochen- und des Monatstages veranlaßte ihn nachzudenken und zu zählen und machte ihn offenbar unruhig. In jeder andern Hinsicht war er jedoch so sehr Herr seiner selbst, daß Mr. Lorry sich entschloß, sich bei der erwähnten Autorität Raths zu erholen. Und diese Autorität war er selbst.
Als sie daher mit dem Frühstück zu Ende und Alles weggeräumt worden und er und der Doctor wieder allein waren, sagte Mr. Lorry mit Gefühl: „Lieber Manette, ich möchte im Vertrauen Ihre Meinung über einen sehr merkwürdigen Fall hören, bei dem ich das tiefste Interesse fühle; das will sagen, er erscheint mir sehr merkwürdig; bei Ihrer größeren Erfahrung ist dies vielleicht nicht der Fall.“
Der Doctor blickte seine Hände an, an denen noch Spuren der frühern Beschäftigung zu bemerken waren, machte ein beunruhigtes Gesicht und hörte aufmerksam zu. Er hatte schon mehr als einmal seine Hände angesehen.
„Dr. Manette,“ sagte Mr. Lorry, indem er liebreich die Hand auf seinen Arm legte, „der Fall ist einem mir besonders werthen Freunde passirt. Bitte, schenken Sie mir Ihre Aufmerksamkeit und rathen Sie mir um seinetwillen — und vor Allem wegen seiner Tochter — wegen seiner Tochter, lieber Manette.“
„Wenn ich recht verstehe,“ sagte der Doctor mit gedämpfter Stimme, „so ist es eine Erschütterung des Geistes?“ —
„Ja.“
„Erzählen Sie ausführlich,“ sagte der Doctor, „geben Sie alle Einzelnheiten.“
Mr. Lorry sah, daß sie einander verstanden und fuhr fort: „Lieber Manette, es handelt sich um eine alte und sehr lange Erschütterung, welche das Gemüth oder — wie Sie es nennen, der Geist erlitten hat, — man weiß nicht wie lange, weil ich glaube, er selbst kann die Zeit nicht berechnen, und es giebt kein anderes Mittel, sie zu erfahren. Es handelt sich um eine Erschütterung, von der sich der Betreffende durch einen Proceß erholt hat, von dem er sich keine Rechenschaft ablegen kann — wie ich ihn einmal öffentlich sehr eindringlich erzählen hörte. Es handelt sich um eine Erschütterung, von der er sich so vollständig erholt hat, daß er ein sehr geistvoller Mann ist, fähig, alle seine Seelen- und Körperkräfte anzustrengen und beständig seine Kenntnisse, die schon sehr bedeutend waren, zu vermehren. Aber leider! (er hielt inne und holte tief Athem) hat er einen kurzen Rückfall gehabt.“
Der Doctor fragte mit gedämpfter Stimme. „Wie lange hat er gedauert?“
„Neun Tage und Nächte.“
„Wodurch zeigte er sich? Ich vermuthe,“ sagte er mit einem Blick auf seine Hände, „in der Wiederaufnahme einer alten Beschäftigung aus jener Zeit der Gemüthserschütterung?“
„So ist es.“
„Sagen Sie mir,“ fragte der Doctor bestimmt und gefaßt, obgleich in demselben gedämpften Tone, „haben Sie ihn jemals früher bei dieser Beschäftigung gesehen?“
„Einmal.“
„Und als er den Rückfall hatte, war er da in vielfacher oder in jeder Hinsicht wie früher?“
„Ich glaube, in jeder Hinsicht.“
„Sie sprachen von seiner Tochter. Weiß seine Tochter etwas von diesem Rückfall?“
„Nein. Er ist ihr verhehlt worden und ich hoffe, er wird ihr immer verhehlt bleiben. Er ist nur mir bekannt und einer andern Person, der ganz zu vertrauen ist.“
Der Doctor ergriff seine Hand und sagte halblaut: „Das war sehr gütig. Das war sehr rücksichtsvoll!“
Mr. Lorry drückte ihm wieder die Hand und Beide schwiegen auf eine Weile.
„Nun wissen Sie, lieber Manette,“ fuhr endlich Mr. Lorry in seiner liebreichsten und schonendsten Weise fort, „ich bin ein bloßer Geschäftsmann und unfähig, solche verwickelte und schwierige Sachen zu beurtheilen. Ich besitze nicht die dazu nöthigen Kenntnisse und nicht die nöthige Einsicht; ich bedarf des Rathes. Es giebt keinen Mann in der Welt, bei dem ich auf guten Rath so sehr rechnen kann, wie bei Ihnen. Sagen Sie mir, wie kommt dieser Rückfall? Ist ein zweiter zu fürchten? Könnte eine Wiederholung verhindert werden? Wie ist ein neuer Rückfall zu behandeln? Was sind überhaupt die Ursachen eines solchen? Was kann ich für meinen Freund thun? Nie kann es Jemandem mehr am Herzen gelegen haben, einem Freunde einen Dienst zu leisten, als jetzt mir; wenn ich nur wüßte — wie? Aber bei einem solchen Falle tappe ich ganz im Dunkeln. Wenn Ihr Scharfblick, Ihre Kenntniß und Ihre Erfahrung mir den rechten Weg zeigen könnte, so könnte ich vielleicht viel thun; ohne Leitung und ohne Rath kann ich nur wenig thun. Bitte, sprechen Sie mit mir die Sache durch; bitte, setzen Sie mich in Stand, ein wenig klarer zu sehen und lehren Sie mich ein wenig nützlicher zu sein.“
Dr. Manette saß nachdenklich da, als diese eindringlichen Worte gesprochen worden und Mr. Lorry drängte ihn nicht.
„Ich halte es für wahrscheinlich,“ sagte der Doctor mit sichtlicher Anstrengung, „daß der von Ihnen, werther Freund, beschriebene Rückfall dem Betroffenen nicht ganz unvorhergesehen gekommen ist.“
„Hat er ihn gefürchtet?“ — wagte Mr. Lorry zu fragen.
„Gar sehr.“ Er sagte dies mit einem unwillkürlichen Schauder. „Sie haben keinen Begriff, wie schwer eine solche Befürchtung auf dem Gemüth des Betreffenden lastet und wie schwer es ihm ist — ja fast unmöglich — sich zu zwingen — nur ein Wort über das, was ihn bedrückt, fallen zu lassen.“
„Würde es ihn nicht sehr erleichtern,“ fragte Mr. Lorry, „wenn er es über sich gewinnen könnte, sich während dieses heimlichen Brütens Jemandem anzuvertrauen?“
„Ich glaube wohl. Aber wie ich Ihnen schon sagte, es ist fast unmöglich. Ich glaube sogar, es ist in einigen Fällen ganz unmöglich.“
„Sagen Sie mir,“ sagte Mr. Lorry, indem er, nachdem Beide eine kleine Weile geschwiegen hatten, wieder liebreich die Hand auf den Arm des Doctors legte, „welcher Ursache würden Sie den Anfall zuschreiben?“
„Ich glaube,“ gab Dr. Manette zur Antwort, „die Ursache ist, daß der Gedankengang und die Erinnerung, durch welche die Krankheit zuerst entstanden ist, in ungewöhnlicher Weise wieder erweckt worden sind. Ich glaube, daß Rückerinnerungen von der schmerzlichsten Art mit großer Lebhaftigkeit wieder vor seine Seele getreten sind. Wahrscheinlich ist sein Gemüth schon seit langer Zeit von einer dunkeln Furcht behaftet gewesen, daß diese Erinnerungen wieder wach werden würden — ich meine, unter gewissen Umständen, bei einer gewissen Veranlassung. Er hat versucht, sich darauf vorzubereiten, aber vergeblich; vielleicht hat die Anstrengung, die er bei diesem Versuch gemacht hat, ihn weniger befähigt, dem Anfall zu widerstehen.“
„Ob er wohl weiß, was während des Rückfalls geschehen ist?“ — fragte Mr. Lorry mit natürlichem Zögern.
Der Doctor sah sich rathlos im Zimmer um, schüttelte den Kopf und antwortete mit gedämpfter Stimme: „Durchaus nicht!“
„Was nun die Zukunft betrifft,“ fing Mr. Lorry an.
„Was die Zukunft betrifft,“ sagte der Doctor, die Fassung wieder gewinnend, „so habe ich große Hoffnung. Da es dem Himmel in seiner Barmherzigkeit gefallen hat, ihn in so kurzer Frist wieder herzustellen, so möchte ich die beste Hoffnung haben. Ich sollte meinen, daß das Schlimmste vorbei sei.“
„Schön! Schön! Das ist guter Trost. Ich danke dem Himmel!“ — sagte Mr. Lorry.
„Ich danke dem Himmel!“ — wiederholte der Doctor mit von Andacht durchdrungenem Tone.
„Noch über zwei andere Punkte möchte ich unterrichtet sein,“ sagte Mr. Lorry. „Darf ich fortfahren?“
„Sie können Ihrem Freunde keinen besseren Dienst leisten.“ Der Doctor reichte ihm die Hand.
„Also der erste Punkt. Er liebt die Wissenschaften und ist von ungewöhnlicher Energie; mit großem Eifer widmet er sich der Erwerbung von Kenntnissen, dem Experimentiren und vielen andern Sachen. Sollte er darin vielleicht zu viel thun?“
„Ich glaube nicht. Es ist vielleicht gerade bei ihm das Charakteristische, beständig einer Beschäftigung zu bedürfen. Zum Theil ist es ihm vielleicht angeboren, zum Theil eine Folge des Seelenschmerzes. Je weniger er sich mit gesunden Dingen beschäftigte, desto größer war die Gefahr, in eine ungesunde Richtung einzulenken. Er hat es vielleicht selbst beobachtet und die Entdeckung gemacht.“
„Sie sind überzeugt, daß er sich nicht zu sehr anstrengt?“
„Ich glaube dessen ganz gewiß zu sein.“
„Lieber Manette, wenn er sich jetzt zu sehr anstrengte?“ —
„Lieber Lorry, ich bezweifle, daß dies leicht der Fall sein kann. Es ist ein heftiger Zug nach einer Richtung gewesen und dieser bedarf eines Gegengewichtes.“
„Entschuldigen Sie mich als zudringlichen Geschäftsmann. Nehmen wir für einen Augenblick an, daß er sich zu sehr anstrengte; würde eine Wiederkehr des Anfalls die Folge sein?“
„Ich glaube nicht... ich glaube nicht,“ sagte Dr. Manette mit der Entschiedenheit des Ueberzeugtseins, „daß etwas Anderes als diese eine Reihe von Ideenverbindungen ihn erneuern könnte. Ich glaube, daß in Zukunft nur ein ganz ungewöhnliches Anschlagen dieser Saite ihn erneuern kann. Nach dem, was geschehen ist, und nach seiner Genesung kann ich mir nur sehr schwer eine so heftige Berührung dieser Saite denken. Ich vertraue und glaube fast, daß die Umstände, unter denen der Anfall wiederkehren könnte, erschöpft sind.“
Er sprach mit der Zurückhaltung eines Mannes, welcher weiß, welche Kleinigkeit den künstlichen Organismus unseres Geistes in Unordnung bringen kann, und doch mit der Zuversicht eines Mannes, der seine Ueberzeugung langsam durch persönliche Leiden gewonnen hat. Es konnte seinem Freunde nicht einfallen, diese Ueberzeugung zu erschüttern. Er stellte sich getrösteter und ermuthigter, als er in Wirklichkeit war, und kam jetzt auf den zweiten und letzten Punkt. Er fühlte, daß es der schwierigste von allen war. Aber indem er sich an seine alte Sonntagsmorgen-Unterredung und an Alles, was er in den letzten neun Tagen gesehen, erinnerte, fühlte er, daß er ihn in Anregung bringen mußte.
„Die Beschäftigung, der er sich unter der Herrschaft dieses so glücklich geheilten Seelenleidens widmete,“ sagte Mr. Lorry mit einem Räuspern, „war Schmiedearbeit, wollen wir sagen, Schmiedearbeit. Wir wollen annehmen, um die Sache deutlich zu machen, daß er sich in seiner schlimmen Zeit gewöhnt hatte, an einer kleinen Schmiede zu arbeiten. Wir wollen sagen, daß man ihn unerwartet wieder an seiner Schmiede gefunden. Ist es nicht zu beklagen, daß er sie bei sich behält?“
Der Doctor hielt die Hand vor die Augen und klopfte unruhig mit dem Fuße auf den Boden.
„Er hat sie immer bei sich behalten,“ sagte Mr. Lorry mit einem bangen Blick auf seinen Freund. „Wäre es aber nun nicht besser, wenn er sie fortschaffte?“
Immer noch hielt der Doctor die Hand vor die Augen und klopfte mit dem Fuß unruhig auf den Boden.
„Sie finden es nicht leicht, mir einen Rath zu ertheilen?“ sagte Mr. Lorry. „Ich begreife wohl, daß es eine schwierige Frage ist. Und doch meine ich“ — und hier schüttelte er den Kopf und hielt inne.
„Sie sehen,“ sagte Dr. Manette nach einer Pause, „es ist sehr schwierig, die Bewegungen zu erklären, welche im innersten Gemüthe dieses armen Mannes sich geregt haben. Er sehnte sich mit so heißer Leidenschaft nach dieser Beschäftigung und sie war ihm so willkommen als sie kam; sie erleichterte jedenfalls seinen Schmerz so sehr dadurch, daß sie ihn von der Qual des Nachdenkens über Vergangenheit und Zukunft ablenkte, daß er seitdem den Gedanken nicht hat ertragen können, sich ganz von ihr zu trennen. Selbst jetzt, wo — wie ich glaube — er seine Sache für hoffnungsvoller hält, als je zuvor und von sich sogar mit einer Art Zuversicht spricht, erfüllt ihn der Gedanke, daß er die alte Beschäftigung brauchen und nicht bei der Hand haben könnte mit einem plötzlichen Gefühl des Entsetzens gleich demjenigen, was — wie man sich vorstellen kann — ein im Walde verirrtes Kind empfindet.“
Er sah aus wie das Gleichniß, das er brauchte, als er die Augen erhob, um Mr. Lorry anzusehen.
„Aber kann nicht — bedenken Sie wohl, ich frage, um mich zu unterrichten als ein einfacher Geschäftsmann, der nur mit so materiellen Gegenständen wie Guineen, Schillingen und Banknoten zu thun hat — kann nicht das Beisichbehalten der Sache das Festhalten an dem Gedanken nach sich ziehen? Wenn die Sache fortwäre, lieber Manette, könnte da nicht auch die alte Furcht mit weichen? Kurz — ist es nicht eine Nachgiebigkeit an die Furcht, die Schmiede zu behalten?“
Es folgte eine andere Pause.
„Sie müssen auch wissen,“ sagte der Doctor mit zitternder Stimme, „daß sie eine so alte Gefährtin ist.“
„Ich würde sie nicht behalten,“ sagte Mr. Lorry mit Kopfschütteln; denn er wurde um so fester, jemehr er sah, daß der Doctor unruhig wurde. „Ich würde rathen, sie zu opfern. Mir fehlt nur Ihre Erlaubniß. Ich bin überzeugt, daß es nicht gut thut. Ich bitte Sie, geben Sie mir Ihre Erlaubniß! — Um seiner Tochter willen, lieber Manette.“
Es war sehr seltsam anzusehn, welch’ ein innerlicher Kampf ihn erschütterte.
„Gut, so mag es in Ihrem Namen geschehen; ich gebe meine Einwilligung. Aber ich würde sie nicht wegnehmen während seiner Anwesenheit. Ich rathe, sie zu entfernen, wenn er nicht da ist; das Beste ist, er vermißt seine alte Begleiterin, wenn er von einer Reise wiederkehrt.“
Mr. Lorry machte sich dazu verbindlich und die Conferenz hatte ein Ende. Sie verbrachten den Tag auf dem Lande und der Doctor war ganz wieder hergestellt. An den drei folgenden Tagen blieb er ganz derselbe und am vierzehnten Tage reiste er ab, um sich zu Lucien und ihrem Gatten zu begeben. Mr. Lorry hatte ihm vorher auseinandergesetzt, welche kleine Täuschung er sich erlaubt hatte, um sein Schweigen zu erklären und er schrieb in diesem Sinne an Lucie und sie schöpfte keinen Verdacht.
Am Abend des Tags seiner Abreise begab sich Mr. Lorry mit einem Hackmesser, einer Säge, einem Meißel und einem Hammer, begleitet von Miß Proß mit einer brennenden Kerze, in des Doctors Zimmers. Dort bei geschlossenen Thüren und in geheimnißvoller und schuldbewußter Weise zerhackte Mr. Lorry die Schusterbank, während Miß Proß die Kerze hielt, als ob sie Gehülfin bei einem Morde wäre — wozu in der That ihr grimmiges Gesicht nicht schlecht paßte. Darauf schritt man ohne Verzug zum Verbrennen der Stücke an’s Küchenfeuer, und das Arbeitszeug, die Schuhe und das Leder wurden im Garten begraben. So böse erscheinen Zerstörungen und Geheimthun ehrlichen Gemüthern, daß Mr. Lorry und Miß Proß während der Ausführung ihrer That und des Wegschaffens ihrer Spuren fast wie Theilnehmer an einem schrecklichen Verbrechen sich fühlten und auch so aussahen.
Die Mitschuldigen.
Zwanzigstes Kapitel.
Eine Bitte.
Als das junge Ehepaar von seiner Reise zurückkehrte, war der Erste, der mit seinen Glückwünschen sich einstellte, Sydney Carton. Sie waren noch nicht viele Stunden zu Hause, als er erschien. Weder in seinen Lebensgewohnheiten, noch in seinem Aussehen, noch in seinen Manieren hatte er sich gebessert; aber er hatte ein gewisses Aussehen rauher Treue, welches Charles Darnay noch nicht an ihm beobachtet hatte. Er benutzte eine Gelegenheit, um Darnay bei Seite in ein Fenster zu nehmen und mit ihm zu reden, wo es Niemand hörte.
„Mr. Darnay,“ sagte Carton, „ich wünschte, wir wären Freunde.“
„Wir sind schon Freunde, hoffe ich.“
„Sie sind gütig genug, dies als bloße Redeformel zu sagen; aber ich meine keine Redeform. In der That aber, wenn ich sage, ich wünschte wir wären Freunde, so meine ich eigentlich auch das nicht so ganz.“
Charles Darnay, wie das nur natürlich war, fragte ihn in aller Freundlichkeit, was er meine?
„Wahrhaftig,“ sagte Carton mit einem Lächeln, „ich finde viel leichter das selbst zu begreifen, als es Ihnen begreiflich zu machen. Aber ich will es versuchen. Sie erinnern sich an eine gewisse famose Gelegenheit, wo ich betrunkener war, als — als gewöhnlich.“
„Ich erinnere mich an eine gewisse famose Gelegenheit, wo Sie mich zwangen zu gestehen, daß Sie getrunken hatten.“
„Ich erinnere mich auch daran. Der Fluch dieser Gelegenheit liegt schwer auf mir, denn ich denke immer daran zurück. Ich hoffe, es wird mir eines Tages, wenn alle Tage für mich zu Ende sind, angerechnet werden! — Werden Sie nicht unruhig; ich will keine Predigt halten.“
„Ich werde gar nicht unruhig. Es kann mich durchaus nicht beunruhigen, wenn Sie Etwas ernst auffassen.“
„Ach!“ sagte Carton mit einer gleichgültigen Bewegung der Hand, als ob er dies wegstreifte. „Bei der fraglichen Gelegenheit (eine von einer langen Reihe — wie Sie wissen) war ich unerträglich mit einem Geschwätz von: Sie gern haben und nicht gern haben. Ich wünschte, Sie könnten es vergessen.“
„Ich habe es längst vergessen.“
„Wieder eine bloße Redeform! Aber, Mr. Darnay, mir fällt das Vergessen nicht so leicht, wie Sie es bei sich darstellen wollen. Ich habe es keineswegs vergessen und eine meine Worte leicht hinnehmende Antwort trägt nichts dazu bei, es mich vergessen zu machen.“
„Wenn Sie meine Antwort für leichthin gegeben halten, so bitte ich um Verzeihung,“ sagte Darnay. „Ich wollte nur von einer Kleinigkeit abkommen, die Ihnen zu meiner Verwunderung zu schwer auf der Seele liegt. Ich erkläre Ihnen auf das Wort eines Gentleman, daß ich die Sache längst vergessen habe. Guter Gott! was war dabei zu vergessen? Hatte ich in dem großen Dienste, den Sie mir an jenem Tage leisteten, nichts Wichtigeres zu behalten?“
„Was den großen Dienst betrifft,“ sagte Carton, „so fühle ich mich verpflichtet, Ihnen zu gestehen, wenn Sie in dieser Weise davon reden, daß es ein bloßer Advocaten-Effect war. Ich weiß nicht, daß ich mich bekümmerte was aus Ihnen würde, als ich Ihnen diesen Dienst leistete. — Merken Sie wohl! Ich sage: Als ich ihn leistete; ich spreche von der Vergangenheit.“
„Sie stellen die Verpflichtung als sehr leicht dar; aber ich will nicht über Ihre Antwort böse sein.“
„Die reine Wahrheit, Mr. Darnay, glauben Sie mir! Doch ich bin von meinem Zwecke abgekommen; ich sagte: ich wünschte, wir möchten Freunde sein; nun kennen Sie mich: Sie wissen, daß ich aller höheren und besseren Bestrebungen unfähig bin. Wenn Sie es bezweifeln, so fragen Sie Stryver und er wird es Ihnen sagen.“
„Ich ziehe vor, mir meine eigene Meinung zu bilden, ohne ihn zu Hülfe zu nehmen.“
„Gut! Jedenfalls wissen Sie, daß ich ein liederlicher Mensch bin, der nie zu etwas Gutem nütze gewesen ist und sein wird.“
„Ich weiß nicht, was Sie sein werden.“
„Aber ich weiß es und Sie müssen mein Wort dafür nehmen. Gut: Wenn es Ihnen Nichts ausmacht, einen so nutzlosen Kerl und einen Kerl von so zweideutigem Rufe gelegentlich hier ab- und zugehen zu sehen, so bitte ich, mir zu erlauben, daß ich als privilegirte Person hier kommen und gehen darf; daß man mich als ein nutzloses (und ich würde hinzusetzen, wenn ich nicht eine Aehnlichkeit zwischen mir und Ihnen entdeckt hätte: als ein nicht zur Zierde gereichendes) Stück Möbel betrachtete, das alter Dienste wegen geduldet und nicht weiter beachtet wird. Ich glaube nicht, daß ich die Erlaubniß mißbrauchen werde. Ich wette hundert gegen Eins, daß ich sie schwerlich viermal des Jahres benutze. Aber ich gestehe, es würde mir eine Befriedigung sein zu wissen, daß ich sie hätte.“
„Wollen Sie’s versuchen?“
„Das heißt mit andern Worten: daß Sie mich ganz so betrachten wollen, wie ich’s wünsche. Ich danke Ihnen, Darnay. Ich darf mir diese Freiheit mit Ihrem Namen erlauben?“
„Ich sollte meinen, Carton.“
Sie schüttelten sich darauf die Hand und Sydney wendete sich weg. Eine Minute später war er allem äußeren Anschein nach so sehr ein bloßes Nebenstück wie je. Als er fort war und im Verlauf eines mit Miß Proß, dem Doctor und Mr. Lorry zugebrachten Abends erwähnte Charles Darnay diese Unterredung in allgemeinen Andeutungen und sprach von Sydney Carton als ein Räthsel der Sorglosigkeit und Unbekümmertheit um die Zukunft. Er sprach nicht von ihm in bitteren oder tadelnden Ausdrücken, sondern wie Jemand, der ihn sah, wie er sich zeigte.
Er hatte keine Ahnung, daß seine hübsche junge Gattin sich darüber Gedanken machen würde; aber als er später in ihr Zimmer zu ihr kam, wartete sie auf ihn mit dem alten hübschen sinnenden Ausdruck auf der Stirn.
„Wir machen uns heute Abend Gedanken?“ — sagte Darnay, indem er seinen Arm um sie legte.
„Ja, liebster Charles,“ gab sie ihm zur Antwort, indem sie ihn fragend und aufmerksam ansah; „wir sind ziemlich nachdenklich heute Abend, denn wir haben Etwas auf dem Herzen.“
„Was ist es, liebe Lucie!“
„Willst Du mir versprechen, mich nicht mit einer Frage zu bedrängen, wenn ich Dich bitte, sie nicht zu stellen?“
„Ob ich es versprechen will? Was würde ich nicht meiner Lucie versprechen?“
Ja, wahrhaftig! was hätte er ihr versagen können, wie er ihr mit der einen Hand das goldne Haar von der Wange zurückstrich und die andere auf das Herz legte, das für ihn schlug!
„Ich glaube, Charles, der arme Mr. Carton verdient mehr Rücksicht und Achtung, als sich in den Worten, die Du heute von ihm brauchtest, aussprach.“
„Wahrhaftig, mein Herz? Wie so?“
„Das ist eben das, was Du mich nicht fragen sollst. Aber ich glaube — ich weiß, er verdient es.“
„Wenn Du es weißt, so genügt es. Was verlangst Du von mir, mein Leben?“
„Ich wollte Dich bitten, Liebster, immer sehr entgegenkommend gegen ihn zu sein und sehr nachsichtig mit seinen Fehlern, wenn er nicht dabei ist. Ich wollte Dich bitten zu glauben, daß er ein Herz hat, das er selten, sehr selten zeigt und daß tiefe Wunden darin sind. Geliebter, ich habe es bluten sehen.“
„Es schmerzt mich tief,“ sagte Charles ganz erstaunt, „daß ich ihm irgendwie Unrecht gethan habe. Ich habe dies nie von ihm gedacht.“
„Lieber Mann, es ist so. Ich fürchte, er ist nicht anders zu machen; es ist kaum zu hoffen, daß in seinem Charakter oder in seinen Vermögensverhältnissen noch etwas zu bessern ist. Aber ich bin überzeugt, daß er des Guten und selbst des Edeln und Großherzigen fähig ist.“
Sie sah in der Reinheit ihres Glaubens an diesen verlornen Menschen so schön aus, daß ihr Gatte sie jetzt stundenlang hätte anblicken können.
„Und ach! mein Herz,“ bat sie, indem sie ihn fester umschlang, das Köpfchen an seine Brust legte und zu ihm emporblickte, „vergiß nicht, wie stark wir sind in unserem Glück und wie schwach er ist in seinem Elend.“
Die Bitte drang ihm in’s Herz.
„Ich werde es nie vergessen, liebes Herz! Ich werde es nie vergessen, so lange ich lebe.“
Er beugte sich zu ihr hernieder, küßte den rosigen Mund und schloß sie fest in seine Arme. Wenn ein einsamer Wanderer durch die dunkeln Straßen jetzt ihr unschuldiges Bekenntniß hätte hören und die Mitleidsthränen hätte sehen können, welche ihr Gemahl von dem sanften blauen Auge wegküßte, die ihn so liebevoll ansahen, so hätte nicht zum erstenmale sein Mund die Worte gesprochen:
„Gott segne sie ihres holdseligen Mitleids willen!“
Einundzwanzigstes Kapitel.
Wiederhallende Schritte.
Wie schon gesagt, war es eine wunderbare Ecke für Echo’s — die Ecke, wo der Doctor wohnte. Immer geschäftig den goldnen Faden aufrollend, der ihren Gatten und ihren Vater und sie und ihre alte Haushälterin und Gefährtin zu einem Leben ruhigen Glücks verband, saß Lucie in dem stillen Hause in der gedämpft wiederhallenden Ecke und lauschte dem Wiederhalle der Schritte von Jahren.
Zuerst gab es Zeiten, wo ihr — obgleich sie sich vollkommen glücklich als junge Gattin fühlte — langsam die Arbeit aus den Händen sank und ihre Augen sich trübten; denn es kam etwas in Echo’s, ein leichtes Trippeln aus weiter Ferne — fast noch nicht hörbar, was ihr Herz zu sehr erzittern machte. Aufgeregte Hoffnungen und Zweifel — Hoffnungen auf eine Liebe, wie sie ihr noch unbekannt war, — Zweifel, ob sie auf der Erde bleiben würde, um dieses neue Glück zu genießen, stritten sich in ihrer Brust. Unter den Echo’s klang es dann manchmal wie der Schall von Schritten an ihrem eignen frühen Grabe, und der Gedanke an den Gatten, der alsdann so allein zurückbleiben und sie so sehr bedauern würde, füllte ihre Augen mit heißen Thränen.
Diese Zeit ging vorüber und eine kleine Lucie lag an ihrer Brust. Dann vernahm man unter den nahenden Echo’s den Schall ihrer kleinen Füßchen und ihrer kindlich plaudernden Stimme. Mögen stärkere Echo’s noch so voll erschallen, — diese hörte die junge Mutter an der Wiege immer kommen. Sie kamen, und das schattige Haus wurde sonnig von dem fröhlichen Lachen des Kindes und der göttliche Kinderfreund, dem sie in ihren Sorgen das ihrige anvertraut hatte, schien das Kind in seine Arme zu nehmen, wie er die Kinder vor Zeiten nahm, und machte es ihr zu einer heiligen Freude.
Immer geschäftig den goldenen Faden aufrollend, der sie Alle zusammenband, und freundliches Glück überall verbreitend, wohin sie blickte, hörte Lucie in den Echo’s von Jahren nur wohlthuende und tröstende Klänge. Der Schritt ihres Mannes klang kräftig und glücklich unter ihnen; der ihres Vaters fest und gleichmäßig; ja selbst Miß Proß, im Geschirr von Bindfaden, weckt den Wiederhall als feuriges Roß mit der Peitsche gezüchtigt, schnaubend und die Erde stampfend, unter der Platane im Garten! Selbst wenn man unter den übrigen Klänge des Schmerzes vernahm, waren sie nicht bitter und verzweifelnd. Selbst wenn goldenes Haar, wie ihr eigenes, wie ein Glorienschein auf einem Kissen um das abgezehrte Gesicht eines Knaben lag und er mit strahlendem Lächeln sagte: „Lieber Papa und liebe Mama! es schmerzt mich sehr, Euch Beide zu verlassen und meine hübsche Schwester; aber man ruft mich und ich muß fort!“ — so waren es nicht lauter Thränen des Schmerzes, welche die Wangen der jungen Mutter benetzten, als die kindliche Seele von ihr schied. Man dulde sie und verbiete sie nicht. „Sie sehen meines Vaters Antlitz.“ O Vater! gesegnete Worte!
So mischte sich das Rauschen der Flügel eines Engels unter die andern Echo’s und sie waren nicht ganz von dieser Erde, sondern unter ihnen war dieser Hauch vom Himmel. Auch Seufzer des Windes, die über ein kleines Gartengrab wehten, mischten sich darunter und Lucie vernahm sie durch die stille Luft, wie die kleine Lucie mit komischem Ernst sich ihrer Morgenaufgabe widmend oder zu Füßen ihrer Mutter eine Puppe anputzend in den Zungen der beiden Städte plauderte, in deren Leben das ihrige verwebt war.
Selten gaben die Echo’s die Schritte Sydney Cartons zurück. Höchstens ein halb Dutzendmal des Jahres machte er von seinem Vorrechte Gebrauch, uneingeladen zu kommen, und saß unter ihnen den ganzen Abend lang. Er kommt nie von Wein erhitzt. Und etwas Anderes flüstern von ihm die Echo’s, was ächte Echo’s zu allen Zeiten geflüstert haben.
Hat ein Mann wirklich ein Weib geliebt, sie verloren und sie dann tadellos — obgleich unverändert — als Gattin und Mutter gekannt, so werden ihre Kinder stets eine seltsame Sympathie mit ihm haben — ein instinctartiges zartes Mitleiden mit ihm. Welch verborgene Fiber in der Seele dabei angerührt werde, kann kein Echo verkünden; aber es ist an dem und es war auch hier der Fall. Carton war der erste Fremde, welchen die kleine Lucie ihre runden Aermchen entgegenstreckte, und wie sie heranwuchs, behauptete er seinen Platz bei ihr. Der Kleine hatte fast noch zuletzt von ihm gesprochen. „Der arme Carton! Küßt ihn von mir!“
Mr. Stryver machte sich Platz unter den Juristen wie eine große Maschine, die sich durch trübes Wasser vorwärts arbeitet, und zog seinen nützlichen Freund hinter sich her wie ein in’s Schlepptau genommenes Boot. Da ein in solcher Lage befindliches Boot gewöhnlich sehr hin- und hergeworfen wird und meistens unter Wasser ist, so hatte auch Sydney ein feuchtes Leben zu führen, aber leichte und starke Gewohnheit, die leider in ihm viel leichter und stärker war als das anstachelnde Gefühl von Ehre oder Schande, machte es für ihn zum rechten Leben; und er dachte nicht mehr daran aufzuhören, des Löwen Schakal zu sein, als ein wirklicher Schakal daran denken würde ein Löwe zu werden. Stryver war reich, hatte eine blühende Wittwe mit Vermögen und drei Knaben geheirathet, die nichts besonderes Glänzendes an sich hatten, als das glatte Haar ihrer runden Köpfe.
Diese drei jungen Herren hatte Mr. Stryver, aus jeder Hautpore Gönnerschaft der beleidigendsten Art ausschwitzend, vor sich her wie drei Schafe nach der stillen Ecke in Soho getrieben und sie Luciens Gatten als Schüler angeboten mit den zartfühlenden Worten: „Heda, hier sind drei Portionen Butterbrod und Käse für Ihr eheliches Pickenick, Darnay!“ Die höfliche Zurückweisung dieser drei Portionen Butterbrod und Käse hatte Mr. Stryver mit großer Entrüstung erfüllt, von der er später bei der Erziehung der jungen Herren Nutzen zog, indem er ihnen einprägte, sich vor dem Stolze von Bettlern, gleich jenem Schulmeister, zu hüten. Auch pflegte er bei seinem schweren Wein Mrs. Stryver von den Künsten zu erzählen, mit welcher Mrs. Darnay ihn voreinst zu fangen versucht und wie er durch seine Schlauheit und Festigkeit dieses Gefangenwerden verhindert habe. Einige seiner Bekannten vom Kings-Benchgericht, die gelegentlich seinen schweren Wein und die Lüge zu kosten bekommen, entschuldigten die letztere damit, daß er sie so oft erzählt habe, daß er sie selbst glaube — jedenfalls eine so unverbesserliche Erschwerung eines ohnedies schon schweren Verbrechens, daß sie rechtfertigen würde, einen solchen Verbrecher an einen angemessenen abgelegenen Ort zu schaffen und ihn dort abseits zu hängen.
Diese waren unter den Echo’s, welche Lucie manchmal nachdenklich, manchmal lachend und ergötzt, aber immer im Genuß stillen Glückes in der wiederhallenden Ecke hörte, bis der sechste Geburtstag ihres Töchterchens kam. Aber auch andere Echo’s hatten während dieser ganzen Zeit aus der Ferne drohend herübergerollt, und gerade jetzt um die Zeit dieses Geburtstags nahmen sie einen grauenhaften Ton an, als bräche in Frankreich ein schweres Unwetter mit fürchterlich stürmischer See los.
Eines Abends, Mitte Juli 1789, kam Mr. Lorry noch spät von Tellsons und setzte sich neben Lucie und ihren Gatten in das dunkle Fenster. Es war eine schwüle wetterdrohende Nacht und sie dachten alle Drei an die längstvergangene Sonntagsnacht, wo sie an demselben Fenster den Blitzen zugesehen hatten.
„Ich fing schon an zu denken, daß ich die Nacht bei Tellsons würde zubringen müssen,“ sagte Mr. Lorry, indem er die braune Perrücke von der Stirn zurückschob. „Wir haben heute so viel zu thun gehabt, daß wir gar nicht wußten, was wir zuerst anfangen oder wohin wir uns wenden sollten. Es herrschen solche Besorgnisse in Paris, daß man uns mit Vertrauen geradezu überläuft! Unsere Kunden drüben scheinen nicht im Stande zu sein, uns ihr Vermögen schnell genug anzuvertrauen. Es ist offenbar unter ihnen eine Manie ausgebrochen, es herüber nach England zu senden.“
„Das hat ein schlimmes Aussehn,“ sagte Darnay.
„Ein schlimmes Aussehn, sagen Sie, lieber Darnay? Ja! aber wir wissen nicht, welcher Grund dafür vorhanden ist. Die Menschen sind so unverständig! Einige von uns bei Tellsons werden alt und wir können uns wirklich nicht ohne gehörige Veranlassung aus dem gewöhnlichen Schritt bringen lassen.“
„Aber Sie wissen, wie düster und drohend der Horizont aussieht,“ sagte Darnay.
„Das weiß ich recht wohl,“ stimmte Mr. Lorry bei, bemüht sich zu überreden, daß seine gewöhnliche Gutmüthigkeit für diesen Abend zur Säure geworden sei. „Aber ich bin entschlossen, nach dieses langen Tages Last übler Laune zu sein. Wo ist Manette?“
„Hier ist er!“ sagte der Doctor, der gerade jetzt in das dunkle Zimmer trat.
„Es freut mich, daß Sie zu Hause sind; denn diese übereilten Geschäfte und die schlimmen Gerüchte, mit welchen ich den ganzen Tag zu thun gehabt habe, haben mich ohne Grund ängstlich gemacht. Sie gehen doch nicht aus — hoff’ ich?“
„Nein; ich will eine Partie Triktrak mit Ihnen spielen, wenn Sie Lust haben,“ sagte der Doctor.
„Ich glaube nicht, daß ich Lust habe, wenn ich aufrichtig sein darf. Ich bin heute Abend nicht in Verfassung, es mit Ihnen aufzunehmen. Ist die Theestunde noch nicht vorüber, Lucie?“
„Natürlich haben wir auf Sie gewartet.“
„Ich danke Ihnen, meine Gute. Ist das liebe Kind schon zu Bett?“
„Es ist zu Bett und schläft ruhig.“
„Das ist recht; Alles gesund und wohl! Ich weiß nicht, weshalb hier etwas Anderes als Gesundheit und Wohlsein sein sollte — Gott sei Dank! Aber ich habe mich den ganzen Tag über so geärgert und ich bin nicht mehr so jung, wie ich war! Thee, meine Gute? Danke Ihnen. Jetzt nehmen Sie Ihren Platz in dem Kreise ein und dann wollen wir stillsitzen und den Echo’s zuhören, über die Sie Ihre Theorie haben.“
„Keine Theorie; es war eine Phantasie.“
„Eine Phantasie denn, mein kluges Weibchen,“ sagte Mr. Lorry und klopfte ihr liebkosend auf die Hand. „Aber es sind ihrer sehr viele und sie sind sehr laut — nicht wahr? Hören Sie nur!“
Ungestüm, toll und gefährlich sind die Schritte, wenn sie sich in Jemandes Leben drängen — Schritte, die, einmal roth gefärbt, nicht leicht wieder rein zu machen sind, — die Schritte, wie sie weit weg in St. Antoine toben, während der kleine Kreis an dem dunkeln Fenster in London sitzt.
St. Antoine war an diesem Morgen ein ungeheures schwarzes Hin- und Herwogen von Vogelscheuchen gewesen und über den Wogen dieses Meeres funkelte es häufig hell, wie Klingen und Bayonnette von Stahl in der Sonne glänzen. Ein fürchterliches Gebrüll erscholl aus der Kehle St. Antoine’s und ein Wald nackter Arme regte sich in der Luft, wie verdorrte Baumäste in einem Wintersturm und jede Hand hielt krampfhaft eine Waffe oder den Schein einer Waffe gepackt, welche die Tiefe ausspie, Niemand konnte sagen wie weit her.
Wer die Waffen vertheilte, woher sie kamen, durch wessen Vermittelung sie zu Dutzenden auf einmal wie eine Art Blitze über die Köpfe des Gewühles hinfuhren, hätte Niemand in dem Gedränge sagen können; aber Flinten wurden vertheilt und auch Patronen, Pulver und Kugeln, Stangen von Eisen und Holz, Messer, Aexte, Piken, jede Waffe, welche zornwüthender Scharfsinn entdecken oder ersinnen konnte. Leute, die nichts anderes finden konnten, mühten sich mit blutenden Händen ab, Steine und Ziegel aus der Mauer zu reißen. Jeder Puls und jedes Herz in St. Antoine war in hoher Fieberhitze. Jedes lebendige Geschöpf daselbst hielt das Leben für nichts und war mit einer wahnwitzigen Leidenschaft erfüllt, es hinzuopfern.
Wie ein Wirbel kochenden Wassers einen Mittelpunkt hat, so bewegt sich alles dieses Gewühl im Kreise um Defarge’s Weinladen herum und jeder Menschentropfen in dem Kessel zeigt eine Neigung, nach dem Mittelpunkte hingezogen zu werden, wo Defarge, schon ganz schwarz von Pulver und Schweiß, Befehle gab, Waffen vertheilte, diesen Mann zurückstieß, einen Andern hervorzog, Einen entwaffnete, um den Andern zu bewaffnen und in dem dichtesten Gewühl thätig war.
„Bleib in meiner Nähe, Jacques Drei!“ rief Defarge; „und Ihr Beide, Jacques Eins und Zwei, stellt euch Jeder an die Spitze von so viel Patrioten als Ihr zusammenbringen könnt. Wo ist meine Frau?“
„Hier bin ich!“ — sagte Madame ruhig wie immer, aber für heute nicht mit dem Strickstrumpf beschäftigt. Die entschlossene rechte Hand Madames hielt eine Axt anstatt der friedlichen Stricknadeln und in ihrem Gürtel stak ein Pistol und ein langes scharfes Messer.
„Wo gehst Du hin, Frau?“
„Vor der Hand mit Dir,“ sagte Madame. „Bald wirst Du mich an der Spitze von Frauen sehen.“
„Vorwärts also!“ — rief Defarge mit weithin hallender Stimme. „Patrioten und Freunde, wir sind bereit! Nach der Bastille!“
Mit einem Gebrüll, welches klang, als ob der Athem von ganz Frankreich das verabscheute Wort gesprochen, erhob sich das lebendige Meer Welle für Welle bis in die tiefsten Tiefen und fluthete hin nach jenem Punkte. Die Sturmglocke läutete, Trommeln schallten, das Meer wüthete und donnerte an seinen neuen Strand und der Angriff begann.
Tiefe Gräben, eine doppelte Zugbrücke, feste steinerne Mauern, acht große Thürme, Kanonen, Flinten, Feuer und Rauch. Durch das Feuer und durch den Rauch — in dem Feuer und in dem Rauch (denn das Meer warf ihn gegen eine Kanone und in dem Augenblick war er ein Kanonier geworden) arbeitete Defarge aus dem Weinschank wie ein mannhafter Soldat zwei heiße Stunden lang.
Tiefer Graben, eine Zugbrücke, feste steinerne Mauern, acht große Thürme, Kanonen, Flinten, Feuer und Rauch. Eine Zugbrücke gewonnen! „An’s Werk, Kameraden, an’s Werk! An’s Werk, Jacques Eins, Jacques Zwei, Jacques Tausend, Jacques Zweitausend, Jacques Zweihundertfünfzigtausend! Im Namen aller Engel und Teufel — was Ihr lieber habt —; an’s Werk!“ — So rief Defarge aus dem Weinschank immer noch an seiner Kanone, die längst heiß geworden war.
„Mir nach, Weiber!“ — rief Madame, seine Frau. „Was? wir können so gut todtschlagen, wie die Männer, wenn der Platz einmal genommen ist.“ Und um sie schaarten sich mit schrillem blutdürstigen Geschrei Haufen von Frauen, verschiedenartig bewaffnet, aber alle gleichbewaffnet mit Hunger und Rachedurst.
Kanonen, Flinten, Feuer und Rauch; aber immer noch der tiefe Graben, die letzte Zugbrücke, die festen steinernen Mauern und die acht großen Thürme. Leichte Störungen in dem wüthenden Meer entstanden durch die hinstürzenden Verwundeten. Blinkende Waffen, lodernde Fackeln, qualmende Wagenladungen, feuchtes Stroh, harte Arbeit an Barrikaden in allen Richtungen, Geheul, Gewehrsalven, Verwünschungen, Tapferkeit ohne Ende, Kanonendonner und Flintengeknatter und das wüthende Toben des lebendigen Meeres; aber immer noch der tiefe Graben und die letzte Zugbrücke, die festen steinernen Mauern und die acht großen Thürme und immer noch Defarge aus dem Weinschank an seiner Kanone, die durch den Dienst von vier heißen Stunden doppelt heiß geworden ist.
Eine weiße Fahne auf der Festung und eine Verhandlung — das läßt sich undeutlich erkennen durch den wüthenden Sturm, der nichts hörbar werden läßt, — und plötzlich steigt das Meer höher und höher und spült Defarge aus dem Weinschank über die heruntergelassene Zugbrücke an den festen steinernen Außenmauern vorbei und mitten unter die acht großen Thürme, die sich ergeben haben.
So unwiderstehlich war die Gewalt des ihn vorwärtstragenden Oceans, daß er eben so wenig Athem schöpfen oder den Kopf umdrehen konnte, als ob er in der Brandung des Südmeeres gekämpft hätte, bis er in dem vorderen Hofe der Bastille wieder festen Fuß faßt. Hier erkämpft er seinen Platz an einer Mauerecke und schaut um sich. Jacques Drei stand fast unmittelbar neben ihm; Madame Defarge, immer noch an der Spitze einiger ihrer Frauen, war weiter voraus sichtbar, das Messer in der Hand. Ueberall Tumult, Jauchzen, betäubende und wahnwitzige Verwirrung, rasendes Toben und doch eine wüthende stumme Pantomime.
„Die Gefangenen!“
„Die Acten!“
„Die geheimen Kerker!“
„Die Marterwerkzeuge!“
„Die Gefangenen!“
Von allen diesen Rufen und tausend unzusammenhängenden anderen hörte man; „Die Gefangenen!“ — am öftersten und deutlichsten heraus aus dem Meere, das hereintoste als gäbe es eine Ewigkeit von Menschen eben so gut wie von Zeit und Raum. Als die vordersten Wogen vorüberschossen und die Gefangenwärter mit fortrissen und sie alle mit augenblicklichem Tode bedrohten, wenn nur ein einziger geheimster Winkel unaufgeschlossen bliebe, legte Defarge seine starke Hand auf die Brust eines dieser Männer — eines Mannes mit einem grauen Kopf, der eine brennende Fackel in der Hand hatte — sonderte ihn von den übrigen und brachte ihn zwischen sich und die Mauer.
„Zeigt mir den Nordthurm!“ — sagte Defarge. „Rasch!“
„Ich will Euch getreulich hinführen,“ entgegnete der Mann. „Aber es ist Niemand dort.“
„Was heißt Einhundert und Fünf, Nordthurm?“ — fragte Defarge. „Rasch!“
„Was es heißt, Monsieur?“
„Ist damit ein Gefangener bezeichnet oder ein Kerker? Oder wollt Ihr, daß ich Euch todtschlage?“
„Schlagt ihn todt!“ — krächzte Jacques Drei, der dicht herangetreten war.
„Monsieur! es ist ein Gefängniß.“
„Führt mich hin!“
„So kommen Sie diesen Weg.“
Jacques Drei, mit dem gewöhnlichen gierigen Ausdruck um Mund und Augen und offenbar darüber getäuscht, daß das Zwiegespräch eine Wendung nahm, die kein Blut versprach, hielt Defarge’s Arm gepackt, wie dieser den Arm des Gefangenwärters gepackt hielt. Sie hatten während des Gesprächs ihre drei Köpfe dicht zusammengesteckt und selbst so konnten sie kaum einander verstehen — so fürchterlich war das Toben des lebendigen Meeres, wie es in die Festung eingebrochen war und die Höfe, Gänge und Treppen überschwemmt hatte. Auch draußen rings herum schlug es an die Mauern mit dumpfem Donner, aus welchem gelegentlich ein paar vereinzelte Jubelrufe hervorbrachen und wie Wellenstaub in die Luft flogen.
Durch düstere Gewölbe, wohin das Tageslicht nie gedrungen war, vorbei an unheimlichen Thüren finsterer Löcher und Käfige, gruftartige Treppen hinab und steile beschwerliche Stiegen von Stein und Ziegeln wieder hinauf, die ausgetrockneten Wasserfällen ähnlicher waren als Treppen, gingen Defarge, der Gefangenwärter und Jacques Drei festgeschlossen Arm in Arm mit aller möglichen Eile. Hie und da, vorzüglich zu Anfang, jagten einzelne Wogen der Ueberschwemmung an ihnen vorbei, aber als das Abwärtssteigen vorbei war und sie auf steinerner Wendeltreppe einen Thurm hinaufklimmten, waren sie allein. Hier eingeschlossen von den dicken Mauern und Gewölben hörten sie von dem Sturm in der Festung draußen nur ein fernes gedämpftes Rauschen, als ob das Getöse, in dem sie sich eben noch befunden, fast ihren Gehörsinn vernichtet hätte.
Der Gefangenwärter machte an einer niedrigen Thüre Halt, steckte einen Schlüssel in ein klirrendes Schloß, öffnete die Thüre langsam und sagte, als sie sich Alle bückten und hineintraten:
„Einhundert und Fünf, Nordthurm!“
Hoch oben in der Mauer befand sich eine kleine mit einem schweren Eisengitter verschlossene Oeffnung mit einem gemauerten Schirm davor, sodaß man nur den Himmel erblicken konnte, wenn man sich tief bückte und dann hinaufsah. Ein kleines nur wenige Fuß tiefes Kamin mit schweren eisernen Stäben davor; ein Haufen alter weißgrauer Holzasche auf dem Herde; ein Stuhl, ein Tisch und ein Strohlager: vier geschwärzte Wände und ein verrosteter Eisenring in einer derselben.
„Leuchtet langsam an den Wänden hin, daß ich sie sehen kann,“ sagte Defarge zu dem Gefangenwärter.
Der Mann gehorchte und Defarge folgte dem hellen Scheine sorgsam mit den Augen.
„Halt! — Sieh her, Jacques!“
„A — M,“ krächzte Jacques Drei, wie er gierig las.
„Alexander Manette,“ sagte ihm Defarge in’s Ohr, indem er den Buchstaben mit seinem von Pulver geschwärzten Zeigefinger folgte. „Und hier hat er geschrieben: Ein armer Arzt. Und jedenfalls hat er auch diesen Kalender in den Stein gekritzelt. Was habt Ihr in der Hand? Ein Brecheisen? Gebt her!“
Er hatte immer noch den Ladestock seiner Kanone in der Hand. Jetzt vertauschte er ihn rasch gegen das Brecheisen und schmetterte mit wenigen Schlägen den wurmzerfressenen Stuhl und Tisch in Stücke.
„Haltet die Fackel höher!“ — sagte er zornig zu dem Gefangenwärter. „Jacques, suche sorgfältig unter diesen Stücken nach. Und wart! Hier ist mein Messer! (Er warf es ihm hin.) Schneide das Bett auf und suche im Stroh. Ihr da! Haltet die Fackel höher!“
Mit einem drohenden Blick auf den Gefangenwärter kroch er auf den Herd, sah den Schornstein hinauf, klopfte an seine Wände mit dem Brecheisen und schüttelte an den eisernen Stäben davor. Nach einigen Minuten fiel etwas Kalk und Staub herab, dem er mit dem Kopfe auswich; und darin und in der alten Holzasche und in vier Spalten im Schornstein, welche seine Waffe gefunden oder gemacht hatte, suchte seine Hand sorgfältig.
„Nichts im Holze und nichts im Stroh, Jacques?“
„Nichts!“
„So wollen wir sie in der Mitte der Zelle auf einen Haufen sammeln. So! Ihr da — zündet ihn an!“
Der Gefangenwärter zündete den kleinen Haufen an, der hoch und heiß emporloderte. Sie ließen es fortbrennen, bückten sich wieder, um durch die niedrig gewölbte Thür zu kommen und kehrten nach dem Hofe zurück. Erst allmälig auf dem Rückweg schienen sie das Gehör wieder zu bekommen, bis sie wieder mitten in dem tosenden Meere waren.
Das Meer brandete und wogte hoch auf und wollte Defarge wieder haben. St. Antoine rief laut nach seinem Weinschenken, damit er der Hauptmann der Wache über den Commandanten sei, der die Bastille vertheidigt und das Volk todtgeschossen hatte. Anders konnte der Commandant nicht nach dem Stadthaus vor Gericht gebracht werden. Anders würde der Commandant entweichen und das Blut des Volkes (das nach vieljähriger Werthlosigkeit plötzlich einigen Werth bekommen hatte) ungerächt bleiben.
In dem heulenden Meer von Leidenschaft und Wuth, das der finstere alte Officier in seinem grauen Rock mit rothen Aufschlägen ganz einzuschließen schien, gab es blos eine ganz ruhige Gestalt und dieß war die Gestalt eines Weibes. „Seht — dort ist mein Mann!“ rief die Frau aus und wies auf ihn mit der Hand. „Seht Defarge!“ Sie stand unbeweglich dicht neben dem finstern alten Officier und blieb unbeweglich neben ihm stehen; blieb unbeweglich dicht neben ihm durch die Straßen, wie Defarge und die Uebrigen ihn fortschleppten; blieb unbeweglich dicht neben ihm, wie er seinem Ziele nahe war und Einer ihm von hinten einen Schlag versetzte; blieb unbeweglich dicht neben ihm, als der seit Langem gesammelte Regen von Stößen und Schlägen schwer niederfiel; war so dicht neben ihm, als er todt zusammensank, daß sie plötzlich lebendig geworden ihren Fuß auf sein Genick setzte und ihn mit dem scharfen lange bereit gehaltenen Messer den Kopf abschnitt.
Der Sturm bricht los.
Die Stunde war gekommen, wo St. Antoine seine schreckliche Idee zur Ausführung brachte, Menschen als Laternen in die Höhe zu ziehen, um zu zeigen, was er sein und thun konnte. St. Antoines Blut war in Wallung gekommen und das Blut der Tyrannei und der Herrschaft mit eiserner Hand war geflossen — geflossen die Stufen des Stadthauses hinab, wo der Leichnam des Commandanten lag — geflossen unter dem Schuh der Madame Defarge, wo sie ihn auf die Leiche gesetzt hatte, um diese besser köpfen zu können. „Laßt die Laterne herunter!“ rief St. Antoine, nach dem er sich mit wildem Blick nach einer neuen Todesart umgesehen; „hier müssen wir einen seiner Soldaten als Wache zurücklassen!“ Die hängende Schildwache war an ihrem Posten und das wüthende Meer wogte weiter....
Das Meer von schwarzen und drohenden Wassern und zerstörendem Gegeneinanderwogen, dessen Tiefe noch unergründet und dessen Kräfte noch unbekannt sind. Das erbarmungslose Meer von leidenschaftlich bewegten Gestalten, Stimmen der Rache und Gesichtern, die in Leiden so hart geworden sind, daß der Finger des Mitleids keinen Eindruck mehr auf sie machen kann.
Aber in dem Ocean von Gesichtern, auf welchen sich jede wilde und grimmige Leidenschaft im lebendigsten Ausdruck zeigte, befanden sich zwei Gruppen von Gesichtern — von sieben Gesichtern jede — die so grell von den übrigen abstachen, daß noch kein Meer merkwürdigere Wraks auf seinen Wogen getragen hat. Sieben Gesichter von Gefangenen, plötzlich befreit von dem Sturme, der ihre Gruft gesprengt, wurden hoch über den übrigen getragen; Alle erschrocken, verwirrt, verwundert und erstaunt, als ob der jüngste Tag gekommen wäre und die rings um sie Jauchzenden verlorne Seelen wären. Andere sieben Gesichter wurden noch höher getragen — sieben Leichengesichter, deren niedergesunkene Augenlider und halb sichtbare Augen den jüngsten Tag erwarteten. Gefühl- und regungslose Gesichter, aber mit einem etwas versteckten Ausdruck — nicht ganz ohne Ausdruck; Gesichter, die aussahen, als ob sie jetzt nur in grauenhaften Schweigen verharrten, um seiner Zeit wieder die heruntersinkenden Augenlider aufzuschlagen und mit blutlosen Lippen Zeugniß abzulegen: Du hast es gethan!
Sieben befreite Gefangene, sieben blutige Köpfe auf Piken, die Schlüssel der von einem ganzen Volke verfluchten Festung mit den acht starken Thüren, einige entdeckte Briefe und andere Andenken an Gefangene aus alter Zeit, die längst an gebrochenem Herz gestorben sind — Solches und Aehnliches tragen die lauthallenden Schritte St. Antoines durch die Straßen von Paris Mitte Juli Eintausend siebenhundert und neunundachtzig. Möge der Himmel die Phantasie Lucie Darnay’s täuschen und diese Schritte fern — fern von ihrem Leben halten! Denn sie sind ungestüm, wahnwitzig und gefährlich; und in den Jahren, so lange nach dem Auseinandergehen des Fasses vor Defarge’s Weinschank, sind sie nicht so leicht wieder rein zu waschen, wenn sie einmal roth gefärbt sind.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Die Fluth steigt immer noch.
Der hohläugige St. Antoine hatte nur eine Jubelwoche gehabt, in welcher er seine karge Portion von kargem und bittern Brode — so weit möglich — mit brüderlichen Umarmungen und Beglückwünschungen gewürzt hatte, als Madame Defarge wie gewöhnlich wieder hinter dem Ladentisch saß und über die Gäste die Aufsicht führte. Madame Defarge trug keine Rose im Kopftuch; denn die große Brüderschaft der Spione war in dieser einen kurzen Woche ausnehmend scheu geworden, sich der Barmherzigkeit des Heiligen anzuvertrauen. Die über die Straße hängenden Laternen hatten sich einen unheimlich elastischen Schwung angewöhnt.
Madame Defarge saß mit über einander geschlagenen Armen im Morgensonnenschein und schaute in den Weinladen und in die Straße hinein. In beiden standen verschiedene Gruppen von ärmlichem und schmutzigem Aussehen herum, aus deren Gesichtern aber zugleich das Bewußtsein, etwas zu gelten, herausblickte. Die zerlumpteste Nachtmütze, die schief über dem von Kummer und Noth todtbleichen Gesichte hing, sprach deutlich genug: Ich weiß, wie schwer es mir, dem Träger dieser Mütze, geworden ist, das Leben zu erhalten; aber weißt du auch, wie leicht es mir, dem Träger dieser Mütze, geworden ist, dir das Leben zu nehmen? Jeder nackte magere Arm, der bisher ohne Arbeit gewesen ist, kann jetzt jeden Augenblick zu dieser Arbeit greifen, wenn er nur will. Die Finger der strickenden Weiber zucken krampfhaft mit dem Bewußtsein, daß sie zerreißen können. St. Antoine hat ein anderes Aussehen gewonnen; hunderte von Jahren war es ihm eingehämmert worden und die letzten vollendeten Schläge hatten den richtigen Ausdruck mit gewaltiger Deutlichkeit herausgebracht.
Madame Defarge war sich dessen bewußt mit der unterdrückten Billigung, wie sie bei der Führung der Frauen von St. Antoine zu wünschen war. Eine von der Schwesterschaft strickte neben ihr. Die kleine, eher runde Frau eines heruntergekommenen Gewürzhändlers und Mutter von zwei Kindern hatte sich als zweite Führerin bereits den Ehrennamen des Racheengels erworben.
„Horch!“ — sagte der Racheengel. „Horch! Wer kommt?“
Als ob ein Pulverfaden von der äußersten Grenze des St. Antoine-Viertels bis an den Weinschank gelegt und jetzt plötzlich angezündet worden wäre, fliegt ein sich rasch verbreitendes Gemurmel heran.
„Es ist Defarge,“ sagt Madame. „Still Patrioten!“
Defarge tritt athemlos herein, nimmt die rothe Mütze vom Kopfe und sieht sich um.
„Hört — Ihr Alle!“ — sagt Madame. „Hört auf ihn!“
Defarge stand keuchend vor einem Hintergrund neugieriger Augen und offener Mäuler, der sich draußen vor der Thür gebildet hatte; alle Gäste im Weinschank waren aufgesprungen.
„Sprich, Mann! Was giebt es?“
„Neues aus der andern Welt!“
„Wie so?“ — rief Madame verachtungsvoll. „Aus der andern Welt?“
„Erinnert Ihr Euch Alle an den alten Foulon, der den Hungernden sagte, sie könnten Gras essen — und der gestorben und zur Hölle gefahren ist?“
„Wir Alle,“ tönte es aus allen Kehlen.
„Die Nachrichten sind von ihm. Er ist unter uns!“
„Unter uns?“ — tönte es wieder aus der allgemeinen Kehle. „Und todt?“
„Nicht todt! Er fürchtete sich so sehr vor uns — und mit Grund — daß er sich für todt ausgeben und für sich ein großes Leichenbegängniß ausrichten ließ. Aber sie haben ihn lebendig in einem Versteck in der Provinz aufgefunden und ihn hergebracht. Ich habe ihn eben jetzt als Gefangenen auf dem Wege nach dem Stadthause gesehen. Ich habe gesagt, daß er Grund hatte uns zu fürchten. Sprecht Alle: hat er Grund?“
Armer alter Sünder von mehr als siebzig Jahren, wenn du es nie gewußt hättest, so hättest du es jetzt gefühlt in deinem innersten Herzen, wenn du das antwortende Geheul vernommen hättest!
Eine Pause tiefen Schweigens folgte. Defarge und seine Frau sahen einander fest an. Der Racheengel bückte sich und man hörte eine Trommel klappern, wie sie dieselbe unter dem Ladentische hervorholte.
„Patrioten!“ rief Defarge mit entschlossener Stimme, „sind wir fertig?“
Augenblicklich stak das Messer der Madame Defarge in ihrem Gürtel; die Trommel rasselte auf der Straße, als ob sie und ein Trommler durch Zauberei zu einander geflogen wären; und der Racheengel eilte mit entsetzlichem Geschrei und ihre Arme um den Kopf bewegend wie vierzig Furien auf einmal von Haus zu Haus, um die Kameradinnen zu rufen.
Die Männer waren schrecklich anzusehn in dem blutdürstigen Zorn, mit welchem sie aus den Fenstern heraussahen, zu den Waffen griffen, die Jeder bei der Hand hatte, und auf die Straße stürzten; aber der Anblick der Frauen machte das Blut der Kühnsten gerinnen. Sie verließen die häuslichen Beschäftigungen, zu denen sie in ihrer Entblößung und bittern Armuth noch Veranlassung hatten, ließen ihre Kinder, ihre Alten und ihre Kranken auf dem bloßen Fußboden halb verhungert und nackt kauern und eilten hinaus mit fliegendem Haar und reizten mit wildestem Geschrei und wildesten Geberden sich und Andere zum Wahnsinn. „Der Schurke Foulon gefangen, Schwester! Der alte Foulon gefangen, Mutter! Der Schuft Foulon gefangen, Tochter!“ Dann brach ein anderer Haufe in die Mitte von diesen, schlug sich die Brüste, raufte sich das Haar aus und kreischte: „Foulon am Leben, Foulon, der den Hungernden rieth, Gras zu essen? Foulon, der meinem alten Vater sagte: Er könnte Gras essen, als ich ihm kein Brod geben konnte! Foulon, der meinem Säugling sagte: Er könnte Gras trinken, als diese Brüste vom Darben vertrocknet waren! O Mutter Gottes — dieser Foulon! O Himmel, unsre Noth! Höre mich, mein verhungertes Kind! Höre mich, mein todter Vater: Ich schwöre auf meinen Knieen hier auf diesem Steine, Euch an Foulon zu rächen! Gatten, Brüder und Söhne, gebt uns das Blut Foulons! Gebt uns den Kopf Foulons! Gebt uns das Herz Foulons! Gebt uns Leib und Seele Foulons! Zerreißt Foulon in Stücke und scharrt ihn ein, damit Gras aus ihm wachsen möge!“
Mit diesem Geschrei wirbelten Schaaren von Frauen zu blinder Wuth gereizt herum, schlugen — ohne Unterschied zwischen Freund und Feind zu machen — um sich, bis sie vor Leidenschaft in Ohnmacht sanken und vor dem Zertretenwerden nur von den Männern gerettet wurden, die zu ihnen gehörten.
Dessenungeachtet ward kein Augenblick verloren; — kein Augenblick! Dieser Foulon befand sich auf dem Stadthaus und konnte freigelassen werden. Niemals, wenn St. Antoine wußte, was für Noth, Unrecht und Schmach er selbst hatte erdulden müssen! Bewaffnete Männer und Frauen strömten so rasch aus dem Quartier und nahmen selbst die letzte Hefe mit solcher Anziehungskraft mit sich fort, daß nach einer Viertelstunde kein menschliches Geschöpf mehr in St. Antoine’s Schooß zu sehen war, als ein paar alte Mütterchen und die schreienden Kinder.
Nein. Sie machten jetzt Alle den Gerichtssaal gepreßt voll, wo dieser böse und häßliche alte Mann jetzt war, und flossen über in den freien Platz und in die Straße in der Nachbarschaft. Die beiden Defarge’s, Mann und Frau, der der Racheengel und Jacques Drei waren unter den Vordersten und nicht weit von ihm im Gerichtssaal.
„Seht!“ rief Madame und wies mit dem Messer auf ihn. „Seht den alten Schurken mit Stricken gebunden. Das war ein schöner Einfall, ihm einen Büschel Gras auf den Rücken zu binden. Haha! Das war ein schöner Einfall. Er mag es jetzt fressen!“ Madame nahm ihr Messer unter den Arm und klatschte in die Hände, wie im Theater.
Da die Leute unmittelbar hinter Madame Defarge die Ursache ihrer Befriedigung den hinter ihnen Stehenden mittheilten und diese sie wieder Andern verkündeten und diese Anderen noch Anderen, so durchhallte alsbald alle benachbarte Straßen ein rauschendes Händeklatschen. In ähnlicher Weise wurden während zwei bis drei Stunden langweiliger Gerichtsverhandlungen, in welchen mancher Scheffel voll Wörterspreu geworfelt wurde, Madame Defarge’s häufige Aeußerungen der Ungeduld mit wunderbarer Schnelligkeit in die Ferne getragen. Dies war um so leichter, als verschiedene Leute, die mit erstaunlicher Gewandtheit an der Außenseite des Gebäudes heraufgeklimmt waren und zu den Fenstern hereinsahen, Madame Defarge recht gut kannten und als Telegraph zwischen ihr und den Menschenmassen draußen dienten.
Endlich stieg die Sonne so hoch, daß sie einen freundlichen Strahl, wie ein Zeichen der Hoffnung oder des Schutzes, unmittelbar auf das Haupt des greisen Gefangenen warf. Das war zu viel; in einem Augenblick war die Schranke von Staub und Spreu, die so lange gehalten hatte, in alle vier Winde zerstreut und Saint Antoine hatte ihn!
Man wußte es sogleich bis an die äußersten Grenzen des Gewühles. Defarge war blos über eine Schranke und einen Tisch gesprungen und hatte den Unglücklichen in eine tödtliche Umarmung geschlossen — Madame Defarge war gefolgt und hatte einen der Stricke, mit denen er gebunden war, um ihre Hand geschlungen — der Racheengel und Jacques Drei waren noch nicht heran und die Männer an den Fenstern noch nicht in den Gerichtssaal heruntergeschossen wie Raubvögel von ihrem hohen Horste — als schon durch die ganze Stadt das Geschrei zu erschallen schien: „Bringt ihn heraus! An die Laterne!“ Niedergeworfen und emporgerissen, den Kopf zuvorderst auf die Stufen des Gebäudes, jetzt auf den Knieen, jetzt auf den Beinen, jetzt auf dem Rücken, geschleift und geschlagen und halb erstickt von den Bündeln Gras und Stroh, die hunderte von Händen ihm in’s Gesicht stießen, — zerrissen, zerschlagen, keuchend, blutbedeckt, aber immer um Gnade bittend und flehend; — jetzt sich leidenschaftlich gegen sein Schicksal wehrend mit einem kleinen freien Raume ringsum, wie die Leute sich einander rückwärts zogen, um ihn besser sehen zu können; — dann als ein todter Klotz durch einen Wald von Beinen gezogen, schleppte man ihn nach der nächsten Straßenecke, wo eine der verhängnißvollen Laternen hing und hier ließ ihn Madame Defarge los — wie eine Katze eine Maus losläßt — und sah ihn still und gefaßt an, während die Andern Alles fertig machten und er sie um Erbarmen anflehte. Die ganze Zeit über kreischten ihn die Weiber voller Leidenschaft an und die Männer forderten voller Grimm, ihn mit Gras im Munde zu hängen. Einmal zogen sie ihn hinauf und der Strick riß und sie fingen ihn mit Geheul in den Armen auf; zum zweiten Male zogen sie ihn hinauf und der Strick riß und sie fingen ihn mit Geheul in den Armen auf; dann war der Strick gnädig und hielt ihn und sein Kopf stak bald auf einer Pike mit Gras genug im Munde für St. Antoine, — um bei dem Anblick desselben zu tanzen.
Das war noch nicht das Ende von der Arbeit dieses Tages, denn St. Antoine brüllte und tanzte sein zorniges Blut so in die Hitze, daß es wieder aufkochte, als er gegen Abend vernahm, daß der Schwiegersohn des Ermordeten, auch ein Bedrücker und Feind des Volkes, mit einer Wache von fünfhundert Mann blos an Reiterei nach Paris gekommen. Saint Antoine schrieb seine Verbrechen auf große Papierbogen, bemächtigte sich seiner — hätte ihn aus dem Herzen einer Armee gerissen, um Foulon Gesellschaft zu leisten! — setzte seinen Kopf und sein Herz auf Piken und trug die drei Eroberungen des Tages mit entmenschtem Geheul durch die Straßen.
Nicht vor dunkler Nacht kehrten die Männer und Frauen zu den schreienden und ohne Brod gelassenen Kindern zurück. Dann wurden die ärmlichen Bäckerladen von langen Reihen belagert, die Alle geduldig warteten, um schlechtes Brod zu kaufen; und während sie mit leeren Magen warteten, vertrieben sie sich die Zeit mit beglückwünschenden Umarmungen wegen der Siege des Tages und mit wiederholtem Genusse durch Erzählen derselben. Allmälig verloren sich diese Gruppen zerlumpter Leute, und dann begannen dürftige Lichter in hohen Fenstern zu scheinen und dürftige Feuer wurden auf der Straße angemacht, an welchen Nachbarn in Gemeinschaft kochten und dann vor der Thüre zu Abend aßen.
Es war ein kärgliches und ungenügendes Abendessen ohne Ahnung von Fleisch oder der meisten andern Zuthat, als schlechtes Brod. Aber menschliche Gemeinschaft flößte den steinharten Lebensmitteln einigen Nahrungsstoff ein und wußte einige Funken von Heiterkeit herauszulocken. Väter und Mütter, die ihren vollen Antheil an den schlimmsten Blutthaten gehabt hatten, spielten gemüthlich mit ihren abgemagerten Kindern, und Liebende mit einer solchen Welt um sich und vor sich liebten und hofften.
Es war fast Morgen, als die letzte Gruppe Gäste Defarge’s Weinschank verließ und Mr. Defarge zu Madame, seiner Frau, mit heiserer Stimme sagte, als er die Thür verriegelte: „Endlich ist es gekommen, Frau!“
„Nun ja!“ — entgegnete Madame. „Beinahe.“
St. Antoine schlief; die Defarge’s schliefen; selbst der Racheengel schlief mit seinem heruntergekommenen Gewürzkrämer und die Trommel ruhte. Die Stimme der Trommel war die einzige Stimme in St. Antoine, welche Sturm und Blutvergießen nicht ermüdet hatte. Der Racheengel, als Hüter der Trommel, hätte sie wecken und ihr dieselben Töne entlocken können, wie vor der Einnahme der Bastille und vor dem Tode des alten Foulon; aber anders war es mit den heiseren Stimmen der Männer und Frauen von St. Antoine.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Feuer!
Es war eine Veränderung über das Dorf gekommen, wo der Brunnen plätscherte und wo der Straßenarbeiter täglich hinausging, um aus den Steinen auf der Landstraße die paar Bissen Brod herauszuklopfen, welche seine arme unwissende Seele und seinen armen abgezehrten Körper nothdürftig zusammenhielten. Das Gefängniß auf der Klippe sah nicht mehr so herrisch wie früher darein. Es waren Soldaten als Wache darin, aber nicht viele; es waren Officiere da, um die Soldaten zu bewachen, aber keiner wußte, was seine Leute thun würden — außer etwa, daß sie wahrscheinlich nicht thun würden, was er ihnen beföhle.
Weit und breit sah man zu Grunde gerichtetes Land, das nichts als Wüstenei war. Jedes grüne Blatt, jeder Gras- und Getreidehalm war so zusammengeschrumpft und dürftig, wie die elende Bevölkerung. Alles war entnervt, entmuthigt, gedrückt und gebrochen. Wohnungen, Einzäunungen, Hausthiere, Männer, Weiber und Kinder und der Boden, der sie trug — Alles ausgesogen und unfruchtbar geworden.
Monseigneur (oft als Individuum ein sehr würdiger Herr) war ein Segen für die Nation, gab Allem einen ritterlichen Ton, war ein elegantes Beispiel eines üppigen und glänzenden Lebens und noch viel mehr ähnlicher Art; dessenungeachtet hatte Monseigneur als Stand auf die eine oder andere Weise die Sachen auf diesen Punkt gebracht. Merkwürdig daß die Schöpfung, ausdrücklich für Monseigneur gemacht, sich so bald so ganz und gar ausquetschen läßt! Es muß doch etwas Kurzsichtiges in den Anordnungen des Ewigen sein! So war es aber doch; und da der letzte Tropfen Blut aus den Steinen herausgepreßt und die letzte Schraube der Folter so oft gedreht worden war, daß sie zu Schanden ging und sich drehte und drehte, ohne Etwas zu drücken, so fing Monseigneur an, vor einer so gemeinen und unerklärlichen Erscheinung davon zu laufen.
Aber das war nicht die Veränderung, die über dieses Dorf und viele andere ähnliche Dörfer gekommen war. Seit zwanzig Jahren und länger hatte Monseigneur es gedrückt und aufgesogen und es selten mit seiner Gegenwart beehrt, als um die Freuden der Jagd zu genießen, die bald im Hetzen der Leute, bald im Hetzen des Wildes bestanden, zu dessen Erhaltung Monseigneur — sehr erbaulich — weite Strecken zur unbebauten Wüstenei werden ließ. Nein. Die Veränderung bestand mehr in dem Erscheinen fremder Gesichter gemeiner Art, als in dem Verschwinden der vornehmen classischen und auch anderweitig seligen und beseligenden Gesichtszüge Monseigneurs.
Denn in diesen Zeiten sah wohl der Straßenarbeiter, wie er einsam im Staube arbeitete und sich selten mit dem Gedanken quälte, daß er Staub sei und wieder Staub werden müsse, sondern viel häufiger mit dem Gedanken beschäftigt war, wie wenig er zum Abendessen habe und wie viel mehr er essen würde, wenn er es hätte — in diesen Zeiten sah wohl der Straßenarbeiter, wie er die Augen von seiner einsamen Arbeit erhob und in die Landschaft hinausblickte, eine rauhe Gestalt zu Fuße sich nähern, wie sie früher selten in diesen Gegenden gesehen wurde, jetzt aber häufig war. Wie sie noch näher kam, bemerkte der Straßenarbeiter ohne Verwunderung, daß es ein zottelhaariger Mann von fast barbarischem Aussehen war, lang, in hölzernen Schuhen, die sogar dem Straßenarbeiter zu plump vorkamen, mit finstern schwarzgebranntem Gesicht, beschmutzt von dem Schlamm und Staub vieler Landstraßen, feucht von den sumpfigen Ausdünstungen vieler tiefen Gründe, bestreut mit den Dornen und Blättern und dem Moos vieler Schleichpfade durch die Wälder.
Ein solcher Mann kam über ihn wie ein Gespenst in der Mittagsstunde des Julitages, wie er auf einem Steinhaufen unter einem Erdrücken saß, der ihm einigen Schutz vor einem Hagelschauer gewährte.
Der Mann sah ihn an, sah das Dorf in der Tiefe an, die Mühle und das Gefängniß auf der Klippe. Als er diese Gegenstände in sich aufgenommen, sagte er in einem Dialekt, der eben noch verständlich war:
„Wie gehts, Jacques?“
„Alles wohl, Jacques!“
„Die Hand her!“
Sie gaben sich die Hände und der Mann setzte sich auf den Steinhaufen.
„Kein Mittagsessen?“
„Nichts als Abendessen jetzt!“ sagte der Straßenarbeiter mit hungrigem Gesicht.
„Es ist die Mode,“ grollte der Andere. „Ich finde nirgends ein Mittagsessen.“
Er holte eine schwarzgerauchte Pfeife hervor, stopfte sie, machte Feuer mit Stahl, Stein und Schwamm und zog an der Pfeife, bis sie in heller Gluth war. Dann hielt er sie plötzlich vor sich hin und ließ etwas hineinfallen, was er zwischen Zeigefinger und Daumen hatte und was aufflammte und mit einem Rauchwölkchen verpuffte.
„Die Hand her!“ Der Straßenarbeiter mußte es diesmal sagen, nachdem er die ganze Manipulation beobachtet hatte. Sie reichten sich wieder die Hände.
„Heute Nacht?“ sagte der Straßenarbeiter.
„Heute Nacht!“ sagte der Mann, indem er die Pfeife in den Mund steckte.
„Wo?“
„Hier!“
Er und der Straßenarbeiter saßen auf dem Steinhaufen und sahen sich schweigend einander an, während der Hagel zwischen ihnen durchfuhr, bis der Himmel über dem Dorfe wieder hell wurde.
„Zeigt mir’s!“ — sagte nun der Reisende, indem er nach dem Kamm des Hügels ging.
„Seht hin!“ — entgegnete der Straßenarbeiter mit ausgestreckter Hand. „Ihr geht hier hinab und gerade durch die Straße und am Brunnen vorbei“ —
„Zum Teufel mit alle dem!“ unterbrach ihn der Andere und ließ sein Auge über die Landschaft schweifen. „Ich gehe durch keine Straße und an keinem Brunnen vorbei. Also weiter!“
„Weiter also! Ungefähr zwei Stunden jenseits des Kammes jenes Hügels hinter dem Dorfe.“
„Gut. Wann hört Ihr auf zu arbeiten?“
„Mit Sonnenuntergang.“
„Wollt Ihr mich wecken ehe Ihr nach Hause geht? Ich bin zwei Nächte gewandert, ohne zu schlafen. Ich rauche meine Pfeife aus und werde dann schlafen wie ein Kind. Wollt Ihr mich wecken?“
„Gewiß!“
Der Wanderer rauchte seine Pfeife aus, steckte sie in die Brust, zog die schweren Holzschuhe aus und legte sich rücklings auf den Steinhaufen. Einen Augenblick darauf lag er in tiefem Schlafe.
Während der Straßenarbeiter seine staubige Arbeit fortsetzte und die weiter ziehenden Hagelwolken Streifen von hellem Himmel durchblicken ließen, denen silberne Streifen auf der Landschaft entsprachen, schien der kleine Mann (der jetzt eine rothe Mütze trug anstatt der frühern blauen) von der Gestalt auf dem Steinhaufen ganz verzaubert zu sein. Seine Augen wendeten sich so oft dorthin, daß er seinen Hammer nur mechanisch gebrauchte und sehr wenig von Statten brachte. Das sonnenverbrannte Gesicht, Haar und Bart so zottig und schwarz, die grobwollene Mütze, der fremdartige Anzug von selbst gesponnenen wollenen Stoff und rauhen Fellen, die ursprünglich mächtige aber von schmaler Kost abgezehrte Gestalt und das mürrische und verzweifelte Zusammenpressen der Lippen im Schlafe flößte den Straßenarbeiter ein Grauen ein. Der Wanderer war weit gereist und seine Füße waren wund und seine Knöchel blutig gerieben; seine großen Schuhe, mit Blättern und Gras gestopft, hatten ihm den langen Weg schwer gemacht und in seine Kleider waren Löcher gerathen. Der Straßenarbeiter bückte sich über ihn und versuchte zu sehen, ob er Waffen versteckt in der Brust oder sonst wo trage; aber vergebens, denn er schlief mit Armen, die eben so entschlossen über seine Brust gekreuzt waren, als er den Mund geschlossen hielt. Befestigte Städte mit ihren Palisaden, Wachthäusern, Thoren, Gräben und Zugbrücken erschienen dem Straßenarbeiter als so viel Luft gegenüber dieser Gestalt. Und wie er seine Augen von ihr zu dem Horizonte emporhob und sich umschaute, sah seine Phantasie ähnliche Gestalten, von keinem Hindernisse aufgehalten, über ganz Frankreich nach gemeinsamem Mittelpunkte wandern.
Der Mann schlief fort, gleichgültig gegen Hagelschauer und schönes Wetter dazwischen, gegen Sonnenschein auf sein Gesicht und Schatten, gegen die ihn schlagenden Klümpchen von trübem Eis und gegen die Diamanten, in welcher die Sonne sich verwandelte, bis die Sonne tief in Westen stand und der Himmel glühte. Nun nahm der Straßenarbeiter sein Arbeitszeug zusammen, um in das Dorf hinunter zu gehen und weckte den Andern.
„Gut!“ sagte der Wanderer und lehnte sich auf seinen Ellenbogen in die Höhe. „Zwei Stunden jenseits des Kammes jenes Hügels?“
„Ungefähr.“
„Ungefähr. Gut!“
Der Straßenarbeiter ging nach Hause, begleitet von dem Staube vor oder hinter ihm, je nachdem der Wind sich wendete und war bald am Brunnen, wo er sich unter die magern Kühe mischte, die dorthin zum Tränken gebracht wurden und denen er sogar mit zuzuflüstern schien, während er dem ganzen Dorfe halblaut erzählte. Als das Dorf sein kärgliches Abendmahl genossen, schlich es sich nicht zu Bett wie gewöhnlich, sondern trat wieder vor die Thür und blieb dort. Das Flüstern steckte auf eine merkwürdige Weise an, und als das Dorf nach Dunkelwerden sich um den Brunnen versammelte, zeigte es sich auch seltsam angesteckt von der Leidenschaft, nur nach einer Richtung erwartungsvoll an den Himmel zu blicken. Mr. Gabelle, Hauptbeamter des Ortes, wurde unruhig, trat allein hinaus auf sein Hausdach und blickte nur nach dieser einen Richtung, betrachtete hinter den Schornsteinen hervor die finster werdenden Gesichter unten am Brunnen und ließ den Küster, der die Kirchenschlüssel in Verwahrung hatte, sagen: es dürfte bald vielleicht Veranlassung kommen, die Sturmglocke zu läuten.
Die Nacht wurde dunkler. Die Bäume und das alte Château, die es von der gemeinen Welt abschlossen, rauschten in einem sich erhebenden Winde, als ob sie den schweren dunkeln Steinmassen drohten. Der Regen lief ungestüm die steinernen Stufen der beiden Treppenfluchten hinauf und schlug an die große Pforte wie ein schneller Bote, der die darinnen wecken will; einzelne Windstöße fuhren durch die Halle unter den alten Jagdspießen und Messern herum und eilten klagend die Treppen hinauf und schüttelte die Vorhänge des Bettes, in welchem der verstorbene Marquis geschlafen hatte. Von Osten, Westen, Norden und Süden, durch die Wälder kamen vier schwer einherschreitende ungekämmte Gestalten, das hohe Gras niedertretend und durch die Zweige brechend und traten vorsichtig in den Hof, wo sie sich begegneten. Vier Lichter zeigten sich dort plötzlich und bewegten sich in verschiedenen Richtungen fort und Alles war wieder finster.
Aber nicht lange. Gleich darauf fing das Château in seltsamer Weise an bei seinem eigenen Schimmer sichtbar zu werden, als ob es leuchtend würde. Dann spielte ein züngelndes Flämmchen hinter der Vordermauer, suchte sich durchsichtige Stellen aus und zeigte sich, wo Balustraden, Bogen und Fenster waren. Dann loderte es empor und wurde breiter und heller. Bald brachen die Flammen aus einem Dutzend der großen Fenster hervor und die aus starrem Schlaf erweckten steinernen Gesichter stierten aus Feuersgluth heraus.
Stimmen wurden um das Haus laut von den wenigen Leuten, die dort geblieben waren, und ein Pferd wurde gesattelt, auf dem ein Reiter in die Nacht hinaussprengte. Er ritt in wilder Hast durch die Finsterniß und machte erst Halt am Brunnen im Dorfe und das schaumbedeckte Roß stand vor Mr. Gabelle’s Thür. „Hülfe, Gabelle! Hülfe, Hülfe!“ Ungeduldig läutete die Sturmglocke; aber andere Hülfe (wenn das eine war) gab es nicht. Der Straßenarbeiter und zweihundertundfunfzig vertraute Freunde von ihm standen mit übereinander geschlagenen Armen am Brunnen und sahen sich die Feuersäule am Himmel an. „Das muß vierzig Fuß hoch sein,“ sagten sie mit ingrimmigem Frohlocken, und Keiner bewegte nur einen Finger.
Der Reiter vom Château und das schaumbespritzte Roß sprengten weiter durch das Dorf und den felsigen Abhang hinan zu dem Gefängniß auf der Klippe. An dem Thore stand eine Gruppe von Offizieren und sah dem Feuer zu, abseits von ihnen eine Gruppe Soldaten. „Hülfe, Ihr Herren Offiziere! das Château brennt; werthvolle Gegenstände können noch durch rechtzeitige Hülfe gerettet werden. Hülfe! Hülfe!“
Die Offiziere blickten hin nach den Soldaten, welche dem Feuer zusahen, ertheilten keine Befehle und gaben achselzuckend und sich ärgerlich in die Lippen beißend zur Antwort: „Es muß brennen!“
Wie der Reiter hinaus durch das Dorf und durch die Straße sprengte, illuminirte man im Dorfe. Der Straßenarbeiter und die zweihundertundfunfzig vertrauten Freunde faßten den Gedanken zu illuminiren wie ein Mann, liefen in alle Häuser hinein und stellten Lichter hinter jede trübe Fensterscheibe. Der allgemeine Mangel an Allem verursachte, daß man in einer etwas gebieterischen Weise Lichter von Mr. Gabelle borgte; und als dieser Beamte einen kurzen Augenblick sich widerwillig und säumig zeigte, bemerkte der Straßenarbeiter, sonst so ehrerbietig gegen jede Autorität, daß Kutschen gut wären, um Freudenfeuer anzuzünden und Postpferde gebraten werden könnten.
Das Château blieb sich selbst überlassen und brannte fort. Ein glühender Wind, geradewegs aus den höllischen Regionen kommend, fuhr in die wilde Lohe hinein und schien das Gebäude wegzublasen. In dem Auflodern und Niedergehen der Gluth sahen die steinernen Gesichter aus, als verzögen sie sich vor Schmerz. Wie große Massen von Stein und Balken niederstürzten, verdunkelte Qualm das Gesicht mit den beiden Grübchen; dann trat es wieder aus dem Rauch hervor als wäre es das Gesicht des hartherzigen Marquis, der auf dem Scheiterhaufen brannte und mit den Flammen kämpfte.
Das Schloß brannte; die nächsten Bäume, von den Flammen ergriffen, wurden versengt und schrumpften zusammen; ferner stehende Bäume, von den vier wilden Gestalten angezündet, umgaben den brennenden Bau mit einem neuen Wald von Rauch. Geschmolzenes Blei und Eisen kochte in dem Marmorbecken des Brunnens; das Wasser vertrocknete, die Löschhorndächer der Thürme verschwanden wie Eis in der Gluth und rannen in vier gezackten Flammenbächen an der Wand herunter. Große Risse und Spalten schossen in den festen Mauern ihre Zweige nach allen Richtungen, wie eben entstandene Krystallisationen; betäubte Vögel flatterten herum und stürzten in die Gluth; vier wilde Gestalten wanderten weiter nach Osten, nach Westen, nach Norden und nach Süden die rauchumhüllten Straßen entlang, geleitet von der Flamme, die sie angezündet, ihrem nächsten Ziele zu. Das erleuchtete Dorf hatte sich der Sturmglocke bemächtigt und läutete nach Beseitigung des rechtmäßigen Thürmers vor Freuden.
Nicht nur das, sondern das Dorf, durch Hunger, durch das Feuer und Glockengeläute einigermaßen verwirrt geworden, besann sich auf einmal, daß Mr. Gabelle mit der Einsammlung von Pachtgeldern und Steuern zu thun hatte — obgleich Gabelle in der neuesten Zeit selbst sehr kleine Abzahlungen von Steuern und Pachtgeldern gar nicht bekommen hatte — und verlangte ungeduldig mit ihm zu sprechen. Als Mr. Gabelle den wilden brüllenden Haufen sah, der sich vor seinem Hause versammelt hatte, verriegelte er seine Thüre fest und zog sich zurück, um bei sich Rath zu halten. Das Ergebniß dieser Conferenz war, daß Gabelle sich abermals auf das Dach hinter den Schornstein zurückzog, diesmal entschlossen, wenn man seine Thüre aufbräche (er war ein kleiner Mann aus dem Süden von rachsüchtigem Temperament) sich kopfüber hinunter zu stürzen und so ein oder zwei Mann todt zu schlagen.
Wahrscheinlich verbrachte Mr. Gabelle eine lange Nacht daselbst mit der Aussicht auf das Schloß als Feuer und Licht, und dem Anschlagen an seine Thür — verbunden mit dem frohlockenden Geläute, als Musik, nicht zu gedenken, daß ihm gegenüber vor dem Postgebäude eine Laterne hing, die zu seinen Gunsten von ihrem Platze zu entfernen, das Dorf ungemein viel Neigung zeigte. Ein prüfungsvoller Zustand, eine ganze Sommernacht hindurch an dem Rande eines finstern Meeres zu stehen, bereit, den Sprung hineinzuthun, auf den sich Mr. Gabelle gefaßt gemacht hatte. Aber der Morgen, des Menschen Freund, graute endlich und die Lichter im Dorfe waren ausgegangen und nun zerstreute sich glücklicher Weise das Volk. Jetzt stieg auch Mr. Gabelle herunter, diesmal noch mit dem Leben glücklich davon gekommen.
Im Umkreise von hundert Meilen und bei dem Schein anderer Feuer waren in dieser Nacht und in andern Nächten andere Beamte weniger glücklich, denn die aufgehende Sonne fand sie in voreinst friedlichen Straßen, wo sie geboren und erzogen worden, erhenkt; und andere Dorf- und Stadtbewohner waren weniger glücklich, als der Straßenarbeiter und seine Genossen, denn die Beamten und Truppen wendeten sich mit Erfolg gegen sie und henkten nun diese Partei. Aber die wilden Gestalten gingen nach Osten, nach Westen, nach Norden und nach Süden festen Schrittes, mochte geschehen was da wolle; und Wer immer aufgehängt ward — Feuer loderte. Die Höhe der Galgen, die es in Wasser verwandelt und gelöscht hätten, konnte kein Beamter mit aller Kunst der Mathematik mit Erfolg berechnen.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Vom Magnetfelsen angezogen.
In solchem wilden Treiben voll Mord und Brand waren drei stürmische Jahre vergangen. Drei neue Geburtstage der kleinen Lucie hatte der goldne Faden in das friedliche Gewebe ihres Lebens zu Hause gewoben.
Manche Nacht und manchen Tag hatten die Bewohner dieses stillen Hauses den Echo’s in der Ecke mit Herzen gelauscht, welche ihnen sanken, als sie die stürmischen Schritte vernahmen; denn die Schritte klangen ihnen wie die Schritte eines Volkes unter einem rothen Banner und mit dem Rufe: „Das Vaterland ist in Gefahr!“ zu wildem Wahnsinn bewegt und von schrecklichem, zu lange anhaltendem Zauberbann in reißende Thiere verwandelt. Monseigneur als Stand hatte sich losgesagt von der merkwürdigen Erscheinung, nicht gehörig gewürdigt und in Frankreich so wenig gebraucht zu werden, daß er beträchtliche Gefahr lief, dort fort und zugleich aus dem Leben geschickt zu werden. Wie der Bauer in den Mährchen, der mit unendlicher Mühe den Teufel citirt hat und bei seinem Anblick so erschrickt, daß er dem ewigen Feinde keine Frage vorlegen kann, sondern sofort ausreißt, so hatte auch Monseigneur, nachdem er viele, viele Jahre lang kühnlich das Vaterunser rückwärts gelesen und manchen andern mächtigen Zaubersegen gesprochen, um den Gottseibeiuns heraufzubeschwören, ihn kaum in seinen Schrecken gesehen, als er in seinem hochadeligen Selbst sich aus dem Staube machte.
Das glänzende Oeil de boeuf war verschwunden oder es wäre der Zielpunkt eines Orkans von nationalen Kugeln geworden. Es war nie ein gutes Auge zum Sehen gewesen — hatte lange in sich den Splitter von Lucifers Stolz, Sardanapals Ueppigkeit und eines Maulwurfs Blindheit gelitten — aber es war ausgefallen und verschwunden. Der Hof von dem exclusivsten innersten Kreis bis zu dem äußersten verrotteten Kreise, von Intrigue, Feilheit und Heuchelei — war ebenfalls verschwunden. Das Königthum war weg, war in seinem Palast belagert und „suspendirt“ worden, als die letzten Nachrichten herüberkamen.
Der August des Jahres Eintausend siebenhundert und zweiundneunzig war gekommen und Monseigneur war um diese Zeit nach allen vier Weltgegenden zerstreut.
In London war natürlich das Hauptquartier und der große Sammelplatz für Monseigneur Tellsons Bank. Geister sollen die Orte heimsuchen, wo ihre Körper am meisten verkehrten, und Monseigneur, ohne eine Guinee, suchte das Haus heim, wo ehedem seine Guineen zu sein pflegten. Außerdem war es der Ort, wohin die zuverlässigsten Nachrichten aus Frankreich am schnellsten kamen. Außerdem waren Tellsons ein nobles Haus und zeigten sich sehr großmüthig gegen alte Kunden, die von ihrer hohen Stellung herabgekommen waren. Ferner waren die Edelleute, welche noch bei Zeiten das kommende Unwetter gewahr geworden und in Voraussicht von Plünderung oder Confiscation vorsorglich Tellsons Rimessen gemacht hatten, dort für ihre dürftigen Standesgenossen immer zu erfragen. Dazu kommt noch, daß jeder neue Ankömmling aus Frankreich sich und seine Nachrichten — fast als verstände es sich von selbst — bei Tellsons meldete. Aus diesen vielen Gründen waren Tellsons damals — was französische Nachrichten betrifft — eine Art von Hauptbörse; und dies war im Publikum sowohl bekannt und es kamen dem zu Folge so häufig Nachfragen, daß Tellsons manchmal die neuesten Nachrichten auf einen Zettel schrieben und ihn in das Comptoirfenster steckten, damit Alle, welche durch das Tempelthor kamen, sie lesen konnten.
An einem nebelfeuchten Nachmittag saß Mr. Lorry an seinem Pulte und Charles Darnay stand neben ihm und unterhielt sich mit ihm halblaut. Die Strafzelle, in welcher früher die Conferenzen mit dem „Hause“ stattfanden, war jetzt die Nachrichtenbörse und zum Ueberfließen voll. Es war eine halbe Stunde ungefähr vor Schlußzeit.
„Aber wenn Sie auch der jüngste Mann unter den Lebenden wären,“ sagte Charles Darnay mit einigen Zögern, „so müßte ich doch einwenden —“
„Ich verstehe. Daß ich zu alt bin?“ sagte Mr. Lorry.
„Schlechtes Wetter, eine lange Reise, Unsicherheit der Transportmittel, Anarchie im Lande, eine Hauptstadt, die vielleicht selbst für Sie nicht sicher ist —“
„Lieber Charles,“ sagte Mr. Lorry mit heiterer Zuversicht, „Sie erwähnen einige Gründe gegen mein Hinreisen, nicht gegen mein Hierbleiben. Es ist sicher genug für mich; Niemand wird sich um einen alten Kerl von nahe an die Achtzig kümmern, wo es so viele Leute giebt, um die sich zu kümmern es mehr der Mühe verlohnt. Was die Anarchie in der Hauptstadt betrifft, so wäre ohne diese Anarchie eben keine Veranlassung, Jemanden von unserm Hause hier an unser Haus dort zu schicken, der die Stadt und das Geschäft von Alters her kennt und Tellsons Vertrauen besitzt. Was die Unsicherheit und die Länge der Reise und das Winterwetter betrifft, so möchte ich wissen, wer sich ein paar Unbequemlichkeiten für Tellsons aussetzen soll, wenn ich es nach so vieljährigem Dienste nicht thue?“
„Ich wollte, ich könnte selbst gehen,“ sagte Charles Darnay voller Unruhe wie Einer, welcher laut denkt.
„Wahrhaftig! Sie sind mir ein seltsamer Rathgeber!“ rief Mr. Lorry aus. „Sie möchten selbst hinübergehen? und Sie — ein geborner Franzose? Das nenne ich einen gescheidten Einfall!“
„Mein lieber Mr. Lorry! — eben weil ich ein geborner Franzose bin, ist mir der Gedanke (den ich jedoch hier nicht aussprechen wollte) oft durch den Kopf gegangen. Man kann nicht umhin zu glauben, wenn man einiges Mitgefühl mit diesem armen Volke gehabt und ihm einige Opfer gebracht hat“ — er sprach jetzt in seiner vorigen in Gedanken versunkener Weise — „daß man Gehör finden und so viel Einfluß gewinnen könnte, um manches Schlimme zu verhindern. Erst gestern Abend, nachdem Sie uns verlassen hatten und ich mit Lucien sprach.“ —
„Als Sie mit Lucien sprachen,“ wiederholte Mr. Lorry. „Ja. Ich wundere mich, daß Sie sich nicht schämen, Lucien beim Namen zu nennen! Sie möchten in einer solchen Zeit in Frankreich sein?!“
„Nun ich reise ja doch nicht hin,“ sagte Charles Darnay mit einem Lächeln. „Es ist mehr am Platze, wenn Sie sagen: Sie wollen reisen.“
„Ich werde auch reisen; im vollen Ernste. Die Wahrheit ist, mein lieber Charles,“ (Mr. Lorry warf einen Blick auf das „Haus“ im Hintergrunde und sprach mit gedämpfter Stimme) — „Sie können sich keinen Begriff machen von der Schwierigkeit, mit welcher unser Geschäft arbeitet, und von der Gefahr, in welcher unsere Papiere und Bücher drüben sind. Der Himmel weiß, wie viele Leute schwer compromittirt werden könnten, wenn einige unserer Documente in fremde Hände kämen oder vernichtet würden; und das kann in jedem Augenblick geschehen, wie Sie wissen; denn wer kann sagen, daß Paris heute nicht in Brand gesteckt oder morgen nicht geplündert wird? Nun kann kaum Jemand anders als ich (ohne Verlust kostbarer Zeit) eine einsichtige Auswahl unter ihnen vornehmen und sie vergraben oder sie auf andere Weise in Sicherheit bringen. Und ich soll still sitzen, wo Tellsons dies wissen und sagen — Tellsons, deren Brod ich diese sechszig Jahre gegessen habe — weil meine Gelenke ein bischen steif geworden sind? Was, Herr? Ich bin noch ein junger Bursch im Vergleich mit einem halben Dutzend alter Knackse hier!“
„Wie ich Ihren Muth und Ihre jugendliche Frische bewundere, Mr. Lorry!“
„Ach — Unsinn! Und lieber Charles,“ sagte Mr. Lorry wieder mit einem Blick auf das Haus, „Sie müssen bedenken, daß es fast unmöglich ist, gegenwärtig Etwas aus Paris herauszuschaffen — gleichgültig was es ist. Papiere und Kostbarkeiten wurden uns heute noch (ich spreche im strengsten Vertrauen, ich darf es kaum Ihnen sagen) von den seltsamsten Boten überbracht, die Sie sich denken können, und das Haupt eines jeden derselben hing an einem einzigen Haar, wie er durch die Barrière ging. Zu andern Zeiten gehen und kommen unsere Sachen so unbehindert, wie im geschäftsmäßigen Alt-England. Aber jetzt wird Alles angehalten.“
„Und reisen Sie wirklich heute Nacht?“
„Ich reise wirklich heute Nacht; denn die Sache ist zu dringlich geworden, um längern Verzug zu gestatten.“
„Und nehmen Sie keinen Begleiter mit?“
„Allerlei Leute sind mir vorgeschlagen worden; aber ich mag mit keinem von ihnen etwas zu thun haben. Ich denke Jerry mitzunehmen. Jerry ist seit langer Zeit regelmäßig Sonntag Abends meine Leibwache gewesen und ich bin an ihn gewöhnt. Niemand wird Jerry in Verdacht haben, etwas Anderes zu sein, als ein englischer Bulldogg oder eine andere Absicht zu hegen, als auf Jeden loszufahren, der Hand an seinen Herrn legt.“
„Ich muß nochmals sagen, daß ich Ihren Muth und Ihre jugendliche Frische von Herzen bewundere.“
„Ich muß nochmals sagen: Unsinn! Unsinn! Wenn ich diesen kleinen Auftrag ausgeführt habe, so werde ich vielleicht Tellsons Vorschlag annehmen, abzugehen und nach meiner Bequemlichkeit zu leben. Dann ist Zeit genug, an’s Altwerden zu denken.“
Das Zwiegespräch hatten Beide an Mr. Lorry’s gewöhnlichem Pulte geführt, wenige Schritte vor welchem Monseigneur voller Prahlerei über die Art, wie er sich binnen Kurzem an dem Lumpenvolk rächen werde, in dichtem Haufen stand. Es war zu sehr die Art Monseigneurs, in der Noth als politischer Flüchtling — und es war zu sehr die Art eingeborner britischer Rechtgläubigkeit, von dieser schrecklichen Revolution zu sprechen, als wäre sie die einzige Ernte unter dem Himmel, die nicht gesäet worden wäre — als ob nie etwas geschehen oder unterlassen worden wäre, was dazu geführt hätte — als ob Beobachter des Elends von Millionen in Frankreich und der mißbrauchten und in unrechte Canäle geleitete Hülfsquellen, die das Land hätte glücklich machen sollen, es vor Jahren nicht schon unausweichlich hätte kommen gesehen und nicht mit deutlichen Worten gesagt hätten, was sie sahen. Dieses Prahlen, verbunden mit den ausschweifenden Plänen Monseigneurs, einen Zustand der Dinge wieder herzustellen, der sich selbst zu Grunde gerichtet und die Geduld von Himmel und Erde erschöpft hatte, war von einem jeden Mann von gesundem Sinne, der die Wahrheit kannte, schwer zu ertragen, ohne sich dagegen zu verwahren. Und solches Prahlen, das in seine Ohren drang, wie eine störende Congestion des Bluts nach dem Kopfe, und eine auf seine Seele drückende Sorge hatte Charles Darnay bereits unruhig gemacht und erhielten ihn in diesem Zustande.
Unter den Sprechenden war Stryver von Kings-Bench-Bar nahe daran, vom Staate mit hohem Amte betraut zu werden, und daher besonders laut. Er erläuterte Monseigneur seine Pläne, das Volk in die Luft zu sprengen und es vom Angesicht der Erde zu vertilgen und überhaupt ohne es auszukommen, und noch viele andere Pläne zu ähnlichem Zweck, die in ihrer Natur alle verwandt mit dem Plane waren, das Geschlecht der Adler dadurch auszurotten, daß man ihnen Salz auf den Schwanz streute. Ihm hörte Darnay mit besonderem Widerwillen zu; und Darnay war noch in Zweifel, ob er gehen sollte, um nichts mehr zu hören, oder dableiben, um seinen Protest einzulegen, als das, was geschehen sollte, allmälig seine Gestalt annahm. Das „Haus“ trat zu Mr. Lorry und legte einen beschmutzten und unerbrochenen Brief vor ihn auf das Pult mit der Frage, ob er noch keine Spuren von der Person, an die er gerichtet, entdeckt habe? Das „Haus“ legte den Brief so dicht vor Darnay hin, daß er die Adresse sehen, um so rascher, als es sein eigner wahrer Name war. Die Adresse lautete übersetzt: „Sehr dringlich. An Mr. den ehemaligen Marquis St. Evrémonde aus Frankreich, zur Besorgung an die Herren Tellson u. Comp., Bankiers in London. England.“
Am Hochzeitsmorgen hatte Dr. Manette an Charles Darnay die einzige dringendste und ausdrücklichste Bitte gestellt, das Geheimniß dieses Namens — außer wenn er, der Doctor, ihn dieser Verpflichtung entbinde, ein unverbrüchliches zwischen ihnen sein zu lassen. Niemand sonst wußte, daß dies sein Name war, selbst seine Frau ahnte nichts; Mr. Lorry konnte keine Ahnung haben.
„Nein,“ gab Mr. Lorry dem „Hause“ zur Antwort, „ich habe, glaube ich, ihn Jedem der hier anwesenden Herren gezeigt, und Niemand kann mir sagen, wo der Herr zu finden ist.“
Da die Zeiger der Uhr sich der Schlußstunde des Comptoirs näherten, nahm der Strom der Gehenden die Richtung an Mr. Lorry’s Pult vorbei. Er hielt den Brief fragend empor, und Monseigneur sah ihn an in der Person dieses und jenes complottirenden und entrüsteten Refugiès; und Dieser und Jener, und die Anderen alle hatten von dem nicht aufzufindenden Marquis, englisch wie französisch etwas Geringschätziges zu sagen.
„Neffe, glaube ich, — aber jedenfalls entarteter Nachfolger — des hochgeehrten Marquis, der ermordet wurde,“ sagte Einer. „Ich schätze mich glücklich sagen zu können, daß ich ihn nie gekannt habe.“
„Eine Memme, die schon vor mehreren Jahren ihren Posten verlassen hat,“ sagte ein Anderer — ein Monseigneur, der sich die Beine zu oberst und halb erstickt in einem Heuwagen aus Paris hatte herausschaffen lassen.
„Von den neuen Lehren inficirt,“ sagte ein Dritter; — „stand dann in Opposition mit dem erlauchten Marquis, gab die Besitzungen auf als er sie erbte, und überließ sie dem Lumpengesindel. Und das wird ihn jetzt belohnen, wie er’s verdient, hoffe ich.“
„Was?“ tönte Stryvers kreischende Stimme. „Wirklich? Wäre es so ein Kerl? Seht seinen niederträchtigen Namen an. Verdammt soll er sein!“
Darnay, außer Stand sich länger zu halten, legte Mr. Stryver die Hand auf die Schulter und sagte:
„Ich kenne den Kerl.“
„Wirkich, beim Zeus?“ sagte Stryver. „Dann thun Sie mir leid.“
„Warum?“
„Warum, Mr. Darnay? Hören Sie nicht was er gethan hat? Fragen Sie nicht warum in solchen Zeiten.“
„Aber ich frage, warum?“
„Dann sage ich Ihnen noch einmal, Mr. Darnay, Sie thun mir leid. Es thut mir leid, Sie so außerordentliche Fragen stellen zu hören. Hier ist ein Kerl der, von der pestilenzialistischen und gotteslästerlichsten Teufelslehre inficirt, seine Besitzungen dem elendesten Abschaum der jemals en gros gemordet hat, überläßt, und Sie fragen, warum es mir leid thut, daß ein Mann, der die Jugend unterrichtet, ihn kennt? Nun, so will ich es Ihnen sagen. Ich beklage es, weil ich glaube, ein solcher Lump kann ansteckend sein. Das ist das, was ich meine.“
Seines Versprechens eingedenk, konnte Darnay sich nur mit größter Mühe halten, und sagte. „Sie verstehen den Gentleman vielleicht nicht.“
„Ich verstehe Sie in die Ecke zu treiben, Mr. Darnay,“ sagte Mr. Stryver, „und es soll geschehen. Wenn dieser Kerl ein Gentleman ist, so verstehe ich ihn nicht. Das können Sie ihm von mir sagen mit meinem Compliment. Sie können ihm auch von mir sagen, daß es mich wundert, warum er, nachdem er sein irdisches Hab und Gut und seine Stellung diesem Mordgesindel überlassen bat, nicht an dessen Spitze steht. Aber nein, Ihr Herren,“ sagte Mr. Stryver, indem er sich im Kreise umsah und mit den Fingern schnalzte, „ich kenne die Menschen einigermaßen, und sage Ihnen, daß Sie nie finden werden, daß ein Kerl wie dieser Kerl sich der Barmherzigkeit so kostbarer Protegés anvertrauen wird. Nein, meine Herren, nein, er wird sich so früh als möglich aus dem Staube machen.“
Mit diesen Worten, und mehrmals mit den Fingern schnalzend, bramarbasirte Mr. Stryver mit dem allgemeinen Beifall seiner Zuhörer auf die Straße hinaus. Mr. Lorry und Charles Darnay blieben bei dem allgemeinen Aufbruch in dem Comptoir allein an dem Pulte.
„Wollen Sie den Brief übernehmen?“ fragte Mr. Lorry. „Sie wissen wo er abzugeben ist?“
„Ja wohl.“
„Wollen Sie dem Herrn auseinandersetzen, daß wir vermuthen, er sei auf den bloßen Zufall, daß wir ihn befördern könnten, an uns geschickt worden, und daß er einige Zeit hier gelegen hat?“
„Das will ich thun. Reisen Sie von hier aus nach Paris ab?“
„Von hier aus, um acht Uhr.“
„Ich komme noch einmal her, um von Ihnen Abschied zu nehmen.“
Sehr unzufrieden mit sich, und mit Stryver und den meisten andern Menschen suchte Darnay so schnell als möglich die stillen Gegenden des Tempels auf, wo er den Brief aufbrach und las. Er lautete wie folgt:
„Gefängniß der Abbaye, Paris, 21. Juni 1792.
Monsieur, ehemaliger Herr Marquis!
Nachdem ich lange unter den Bewohnern des Dorfes in Lebensgefahr geschwebt habe, hat man mich mit groben Mißhandlungen und Schmähungen festgenommen, und den ganzen langen Weg zu Fuß nach Paris gebracht. Unterwegs habe ich viel gelitten. Das ist noch nicht Alles; mein Haus ist zerstört — dem Erdboden gleich gemacht worden.
Das Verbrechen, wegen dessen ich eingekerkert bin, Monsieur, früher Herr Marquis und wegen dessen ich vor Gericht erscheine und (ohne Ihre großmüthige Hülfe) das Leben verlieren soll, ist, wie sie mir sagen, Verrath an der Majestät des Volkes, insofern ich für einen Emigranten thätig gewesen bin. Vergebens stellte ich ihnen vor, daß ich, Ihren Befehlen gemäß, für das Volk und nicht gegen das Volk thätig gewesen sei. Vergebens stellte ich ihnen vor, daß ich vor der Beschlagnahme der Besitzungen der Emigranten die Steuern, welche die Leute aufgehört hatten zu zahlen, erlassen habe, daß ich keine Pachtgelder eingezogen, daß ich keine Klage angestrengt. Die einzige Antwort ist, daß ich für einen Emigranten thätig gewesen bin, und wer ist dieser Emigrant?
Ach, mein gnädigster Herr, früher Marquis, wo ist dieser Emigrant! Ich rufe im Schlafe, wo ist er? Ich frage den Himmel, ob er nicht kommen wird, um mich zu befreien! Keine Antwort. Ach mein Herr, früher Marquis, ich lasse meinen Ruf über das Meer erschallen in der Hoffnung, daß er vielleicht durch das große Bankierhaus Tellson Ihr Ohr erreiche!
Um der Liebe des Himmels willen, um der Gerechtigkeit, der Großmuth, der Ehre Ihres edlen Namens willen beschwöre ich Sie, Monsieur, früher Herr Marquis, mir zu Hülfe zu kommen und mich zu befreien. Mein Verbrechen ist, daß ich Ihnen treu gewesen bin. Ach, gnädigster Herr, verlassen Sie mich nicht!
Aus diesem gräulichen Kerker, wo jede Stunde mich dem Tode näher und näher bringt, übersende ich Ihnen, Monsieur, früher Herr Marquis, die Versicherung meiner schmerzerfülltesten und unglücklichen Dienstwilligkeit.
Ihr tiefbetrübter
Gabelle.“
Die in Darnay’s Gemüth schlummernde Unruhe wurde von diesem Brief zum kräftigsten Leben geweckt. Die Gefahr eines alten und bewährten Dieners, dessen einziges Verbrechen seine Treue gegen ihn und seine Familie war, starrte ihn so vorwurfsvoll in’s Gesicht, daß er, wie er überlegend im Tempelgarten auf und ab ging, fast sein Antlitz vor den Vorübergehenden hätte verbergen mögen.
Er wußte recht gut, daß er in seinem Entsetzen über die That, mit welcher die schlimmere That und der schlimme Ruf seines alten Geschlechts geprunkt hatte, in seinem Argwohn gegen seinen Onkel und in dem Abscheu mit welchem sein Gewissen den zusammenfallenden Bau betrachtet hatte, den man ihm zumuthete zu stützen, halb gehandelt hatte. Er wußte recht gut, daß in seiner Liebe zu Lucien sein Zurücktreten von seiner gesellschaftlichen Stellung — obgleich seinem Geiste keineswegs etwas Neues — übereilt und unverständig gewesen war. Er wußte, daß er systematischer und umsichtiger hätte verfahren sollen und daß er dies beabsichtigt hatte, daß es aber nie dazu gekommen war.
Das Glück des englischen Heimwesens, das er sich begründet; die Nothwendigkeit, immer beschäftigt zu sein; die raschen Veränderungen und Unruhen der Zeit, die sich so hastig drängten, daß die Ereignisse dieser Woche die unreifen Pläne der vorigen vernichteten und die Ereignisse der folgenden Woche Alles neu gestalteten, waren — wie er recht gut wußte — die Verhältnisse, denen er eben nachgegeben hatte — nicht ohne Sorge, aber doch ohne beständigen und nachhaltigen Widerstand. Daß er auf einen Augenblick zum thätigen Eingreifen gewartet und daß im Wirbel der Ereignisse die Zeit vorübergegangen war und der Adel Frankreich in Schaaren verließ, sein Eigenthum mit Beschlag belegt und zerstört und sein Namen abgeschafft wurde, war ihm so gut bekannt, wie es nur der neuen Gewalt in Frankreich bekannt sein konnte, die ihn vielleicht deshalb anklagte.
Aber er hatte Niemanden gedrückt, er hatte Niemanden eingekerkert; so wenig er mit Härte auf die Zahlung dessen, was ihm zugestanden, gedrungen, daß er alles dies freiwillig aufgegeben und sich durch eigne Kraft eine neue Stellung in der Welt erobert hatte, die ihm Brod gab. Mr. Gabelle hatte die heruntergekommene und überschuldete Besitzung nach schriftlichen Verhaltungsbefehlen verwaltet, die ihn anwiesen, die armen Leute zu schonen, ihnen das Wenige zu geben, was zu geben war — im Winter so viel Brennholz und im Sommer so viel Getreide, als die drängenden Gläubiger übrig ließen — und jedenfalls hatte er seiner Sicherheit wegen diesen Umstand documentarisch festgestellt, so daß er jetzt zu Tage kommen mußte.
Diese Rücksichten begünstigten den verzweifelten Entschluß, den Charles Darnay zu fassen begonnen hatte, nämlich nach Paris zu reisen.
Ja. Wie den Schiffer in der alten Sage hatten die Winde und Strömungen ihn in den Bereich des Magnetfelsens getrieben und dieser zog ihn an und er mußte folgen. Alles, was vor seine Seele trat, trieb ihn rascher und rascher und mit immer steigender Kraft der erschrecklichen Anziehungskraft in die Arme. Die in seiner Seele schlummernde Unruhe war gewesen, daß in seinem unglücklichen Vaterlande schlechte Werkzeuge für schlechte Ziele arbeiteten und daß Derjenige, welcher nicht umhin konnte zu wissen: er sei besser als Jene, nicht dort war um zu versuchen, ob er etwas thun könnte, dem Blutvergießen Einhalt zu thun und die Forderungen der Barmherzigkeit und Menschlichkeit zur Geltung zu bringen. Diese halb unterdrückte und halb ihm Vorwürfe machende Sorge hatte ihn dazu gebracht, einen Vergleich zwischen sich und dem wackern alten Herrn anzustellen, in dem das Pflichtgefühl so stark war; und unmittelbar auf diesen ihm so nachtheiligen Vergleich waren die geringschätzigen Aeußerungen Monseigneurs, die ihn tief verletzten, und die Stryvers, die aus alten Gründen doppelt verletzend für ihn waren, gefolgt. Darauf war Gabelle’s Brief gekommen, der Anruf an seine Gerechtigkeit, seine Ehre und seinen guten Namen von Seiten eines unschuldigen in Todesgefahr schwebenden Gefangenen.
Sein Entschluß war gefaßt. Er mußte nach Paris.
Ja. Der Magnetfelsen zog ihn an und er mußte vorwärts segeln bis er auf die Klippe lief. Er wußte von keinem Felsen; er sah kaum eine Gefahr. Die Beweggründe, aus denen er gehandelt hatte, wie er gethan, selbst wenn er es nur halb gethan, zeigten ihm sein Thun in einem Lichte, das ihn über die möglichen Folgen beruhigte. Dann erschien vor seinen Augen der herrliche Traum, Gutes thun zu können, der so oft die sanguinische Täuschung guter Menschen ist, und er sah sich sogar im Besitz von genügendem Einfluß, um diese wild gewordene Revolution, die so stürmische Pfade wandelte, zu leiten.
Wie er mit bereits gefaßtem Entschluß auf- und abging, überlegte er, daß weder Lucie noch ihr Vater vor seiner Abreise etwas erfahren durften. Lucien mußte der Trennungsschmerz erspart bleiben; und ihr Vater — immer abgeneigt, sich mit den gefährlichen Erinnerungen aus alter Zeit zu beschäftigen — durfte den Schritt erst als einen bereits geschehenen, über den jeder Zweifel beseitigt ist, erfahren. Wie viel von der Halbheit seiner Lage ihrem Vater in Folge der Abgeneigtheit desselben, alte Erinnerungen an Frankreich in seiner Seele zu wecken, zuzuschreiben war, besprach er jetzt nicht bei sich. Aber auch dieser Umstand hatte Einfluß auf seinen Entschluß.
Er ging, ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, auf und ab bis es Zeit war, wieder zu Tellsons zu gehen und von Mr. Lorry Abschied zu nehmen. Gleich nach seiner Ankunft in Paris wollte er seinen alten Freund aufsuchen; aber jetzt durfte er von seiner Absicht nichts wissen.
Ein Wagen mit Postpferden stand vor der Thür des Geschäfts und Jerry reisefertig daneben.
„Ich habe den Brief abgegeben,“ sagte Charles Darney zu Mr. Lorry. „Ich konnte nicht einwilligen, Sie mit einer schriftlichen Antwort zu belästigen, aber vielleicht nehmen Sie eine mündliche mit.“
„Das will ich — und gern, wenn es nicht gefährlich ist.“
„Durchaus nicht, obgleich Sie an einen Gefangenen in der Abbaye gerichtet ist.“
„Wie heißt er?“ fragte Mr. Lorry mit dem geöffneten Taschenbuche in der Hand.
„Gabelle.“
„Gabelle. Und was habe ich an den armen Gabelle im Gefängniß auszurichten?“
„Einfach: „„daß er den Brief empfangen hat und kommen wird.““
„Eine Zeit genannt?“
„Er wird morgen Abend seine Reise antreten.“
„Jemandes Namen zu nennen?“
„Nein.“
Er half Mr. Lorry, sich in eine Anzahl Ueberröcke und Mäntel einhüllen und begleitete ihn aus der warmen Atmosphäre des alten Comptoirs hinaus in die neblige Luft von Fleetstreet.
„Lucien und der kleinen Lucie meinen zärtlichsten Gruß!“ sagte Mr. Lorry beim Abschied; „und nehmen Sie sich ja recht in Acht bis ich wieder komme.“ Charles Darnay schüttelte den Kopf und lächelte zweifelnd wie der Wagen von dannen fuhr.
Diese Nacht (es war der 14. August) blieb er spät auf und schrieb zwei Briefe voller Innigkeit; — den einen an Lucien, in welchem er ihr auseinandersetzte, welch eine unumgängliche Pflicht ihn nach Paris treibe und warum er fest vertraue, dort für seine Person keine Gefahr zu laufen; — den andern an den Doctor, welcher Lucien und ihr geliebtes Kind seiner Obhut anempfahl und mit den stärksten Versicherungen von denselben Gegenständen sprach. Beiden schrieb er, daß er unmittelbar nach seiner Ankunft zum Beweis seiner Sicherheit Briefe abschicken werde.
Es war ein schwerer Tag — dieser Tag, zum erstenmal mit einem Geheimniß vor seinen Lieben unter ihnen zu verweilen. Es hielt schwer, den unschuldigen Betrug aufrecht zu erhalten, von dem sie auch nicht das Mindeste ahneten. Aber ein zärtlicher Blick auf seine glückliche und geschäftige Gattin befestigte ihn in dem Entschluß, ihr von dem Bevorstehenden nichts zu sagen (er war halb dazu geneigt gewesen, so seltsam erschien es ihm, etwas ohne ihre stille Beihülfe zu thun) und der Tag ging rasch vorüber. Zu zeitiger Abendstunde umarmte er sie und ihre kaum weniger geliebte Namensschwester, nahm unter dem Vorwand baldiger Rückkehr flüchtigen Abschied und trat dann mit schwerem Herzen in den dicken Nebel der Straße hinaus. Die unsichtbare Kraft zog ihn jetzt rasch an sich heran und alle Strömungen und Winde gingen entschieden in dieser Richtung. Er übergab seine beiden Briefe einem zuverlässigen Boten mit dem Befehl, sie eine halbe Stunde vor Mitternacht — und nicht eher — abzugeben, nahm Postpferde nach Dover und trat seine Reise an.
„Um der Liebe des Himmels willen, um der Gerechtigkeit, der Großmuth, der Ehre Ihres adeligen Namens willen!“ Mit diesem Ausruf des armen Gefangenen stärkte er manchmal seinen sinkenden Muth, als er Alles, was ihm auf Erden theuer war, verließ und widerstandslos auf den Magnetfelsen zutrieb.
Drittes Buch.
Des Sturmes Wüthen.
Erstes Kapitel.
Zu geheimer Haft.
Der Reisende der im Jahre 1792 von England nach Paris sich begab, kam langsam vorwärts. Mehr als zur Genüge schlechte Wege, schlechte Wagen und schlechte Pferde hätten ihn aufgehalten, wenn auch der gestürzte und unglückliche König von Frankreich noch in allem seinem Prunk auf dem Throne gesessen hätte; aber der Wechsel der Zeiten hatte noch andere Verhältnisse als diese geschaffen. In jedem Thor der Städte und in jedem Einnahmehause der Dörfer stand eine Schaar von Bürgern und Patrioten mit ihren Nationalgewehren in höchst schußbereitem Zustand, die alle Kommenden und Gehenden anhielt, sie der Kreuz und der Quer fragte, ihre Papiere besichtigte, nach ihren Namen in selbst angelegten Verzeichnissen suchte, sie zurückschickte oder gehen ließ, oder sie anhielt und in’s Gefängniß steckte, wie es ihr launenhaftes Urtheil oder ihre Einbildung zum Besten der einen und untheilbaren Republik und für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod! für gut fand.
Charles Darnay hatte nur wenige Meilen auf seiner Reise in Frankreich zurückgelegt, als er zu bemerken anfing, daß auch ihm in diesem Lande keine Hoffnung auf Rückkehr mehr leuchtete, bevor er nicht in Paris als guter Bürger anerkannt worden. Was jetzt immer geschehen mochte, er mußte seine Reise zum Ziele führen. Kein ärmliches Dorf schloß sich hinter ihm, kein gewöhnlicher Schlagbaum senkte sich hinter ihm über den Weg, von denen er nicht wußte, daß sie neue eiserne Thore in der Reihe derer waren, welche sich zwischen ihm und England schlossen. Die allgemeine Wachsamkeit umgab ihn so vollkommen, daß wenn er in einem Netz gefangen gewesen oder nach dem Orte seiner Bestimmung in einen Käfig geschafft worden wäre, er sich des Verlustes seiner Freiheit nicht vollständiger hätte bewußt sein können.
Diese allgemeine Wachsamkeit hielt ihn nicht nur auf der Landstraße zwanzigmal auf einer Station an, sondern hemmte auch sein Vorwärtskommen zwanzigmal dadurch, daß man ihm nachritt und zurückholte, ihm vorausritt und für sein Angehaltenwerden sorgte, oder mit ihm ritt und über ihn Wache hielt. Er hatte bereits mehrere Tage unterwegs in Frankreich zugebracht, als er in einer kleinen Stadt an der Landstraße, immer noch weit von Paris, todtmüde zu Bett ging.
Nichts als die Vorzeigung von Gabelles betrübten Brief aus seinem Gefängniß in der Abbaye hätte ihn so weit bringen können. An der Thorwache dieses kleinen Ortes hatten sie so viel Schwierigkeiten gemacht, daß er fühlte, in seiner Reise mußte jetzt ein kritischer Wendepunkt eintreten. Und es überraschte ihn daher verhältnißmäßig sehr wenig, als er in dem kleinen Gasthaus, wohin man ihn bis zum Morgen gewiesen hatte, in der Mitte der Nacht geweckt wurde; geweckt von einem schüchternen Mitglied der Ortsbehörde und drei bewaffneten Patrioten in grobwollenen rothen Mützen und mit Pfeifen im Munde, die sich auf das Bett setzten.
„Emigrant,“ sagte der Beamte, „ich werde Sie unter Escorte nach Paris schicken.“
„Bürger, ich verlange nichts mehr als nach Paris zu gelangen, obgleich ich die Escorte entbehren könnte.“
„Still geschwiegen!“ murrte eine Rothmütze und schlug mit dem Flintenkolben auf die Bettdecke. „Still geschwiegen, Aristokrat!“
„Es ist so wie der gute Patriot sagt,“ bemerkte der schüchterne Beamte. „Sie sind ein Aristokrat und müssen eine Escorte haben — und müssen dafür bezahlen.“
„Ich habe keine Wahl,“ sagte Charles Darnay.
„Wahl! Hört ihn nur!“ rief dieselbe grollende Stimme der Rothmütze wieder. „Als ob es keine Begünstigung wäre, Schutz vor der Laterne zu finden!“
„Es ist immer so, wie der gute Patriot sagt,“ bemerkte der Beamte. „Stehen Sie auf und ziehen Sie sich an, Emigrant.“
Darnay gehorchte und wurde nach der Thorwache zurückgebracht, wo andere Patrioten in rothen Mützen bei einem Wachtfeuer rauchten, tranken und schliefen. Hier bezahlte er schweres Geld für seine Escorte und mußte dann mit derselben um drei Uhr früh auf der regendurchweichten Landstraße weiter. Die Escorte bestand aus zwei berittenen Patrioten in rothen Mützen mit dreifarbigen Cocarden, und bewaffnet mit Gewehren und Säbeln aus dem Nationaleigenthum. Die Patrioten hatten Darnay in der Mitte, welcher sein eigenes Pferd lenkte; aber am Zaume desselben war ein Strick befestigt, den einer der Patrioten um die Hand geschlungen hatte. In diesem Aufzuge traten sie die Reise an, während der kalte Regen ihnen in’s Gesicht schlug und ritten mit schleppendem Trott über das schlechte Straßenpflaster der Stadt und hinaus auf die Landstraße, die nur einen Morast bildete. Ohne einen anderen Wechsel als in der Gangart der Pferde legten sie so im knietiefen Schlamm die Meilen zurück, die sie noch von der Hauptstadt trennten.
Sie reisten in der Nacht, machten ein oder zwei Stunden nach Tagesanbruch Halt und lagen still bis zur Abenddämmerung. Die beiden Patrioten waren so dürftig gekleidet, daß sie Stroh um ihre nackten Beine wickelten und auf die zerlumpten Schultern Stroh legten, um sie vor der Nässe zu schützen. Abgesehen von der persönlichen Unannehmlichkeit so begleitet zu werden, und von Besorgnissen für die Gegenwart, welche der Umstand erweckte, daß einer der Patrioten chronisch betrunken war und mit seinem Gewehr sehr leichtsinnig umging, ließ Charles Darnay trotz des ihm aufgelegten Zwanges keine ernstliche Furcht in seiner Brust emporkommen; denn er redete sich ein, daß dies nichts zu thun haben könnte mit der Gerechtigkeit einer individuellen Sache, die noch nicht vorgebracht war und mit Vorstellungen die, bestätigt von dem Gefangenen in der Abtei, noch zu machen waren.
Aber als sie die Stadt Beauvais erreichten — es war gegen Abend und die Straßen waren voller Leute — konnte er sich nicht verhehlen, daß die Dinge einen sehr beunruhigenden Anstrich annahmen. Unheil verkündende Gesichter umdrängten ihn, als er vor dem Posthaus abstieg, und viele Stimmen riefen laut aus dem Gewühl: „Nieder mit dem Emigranten!“
Eben im Absteigen begriffen, setzte er sich wieder in den Sattel als den sichersten Platz und sagte:
„Emigrant, meine Freunde! seht Ihr mich nicht hier in Frankreich aus eignem freien Willen?“
„Ihr seid ein verfluchter Emigrant,“ schrie ein Hufschmidt und drängte sich mit dem Hammer in der Hand wüthend in den Vordergrund; „und Ihr seid ein verfluchter Aristokrat!“
Der Postmeister stellte sich zwischen diesen Mann und den Zaum des Reiters (den jener offenbar im Auge hatte) und sagte besänftigend: „Laßt ihn; laßt ihn! er wird in Paris gerichtet.“
„Gerichtet!“ wiederholte der Hufschmidt und schwang den Hammer. „Ja! und verurtheilt als Verräther.“ Ein diesen Worten beistimmendes Geheul ertönte aus der Menge.
Dem Postmeister wehrend, welcher das Pferd in den Hof lenken wollte (der betrunkene Patriot saß ruhig im Sattel und sah zu, den Strick um die Hand gewickelt) sagte Darnay, sowie er seine Stimme vernehmbar machen konnte:
„Ihr täuscht euch oder ihr seid getäuscht worden, gute Freunde. Ich bin kein Verräther.“
„Er lügt!“ rief der Schmidt. „Er ist ein Verräther seit dem Decret. Sein Leben ist dem Volke verfallen. Sein verfluchtes Leben ist nicht mehr sein!“ In dem Augenblick, wo Darnay in den Augen der Menge sah, daß sie im Begriff stand auf ihn loszustürzen, lenkte der Postmeister sein Pferd in den Hof, die Escorte schloß sich ihm dicht an, und der Postmeister verschloß und verriegelte die wackeligen Thorflügel. Der Hufschmidt schlug mit dem Hammer dagegen und der Volkshaufen heulte, aber weiter geschah nichts.
„Was ist das für ein Decret, von dem der Schmidt sprach?“ fragte Darnay den Postmeister als er ihm gedankt hatte und im Hofe neben ihm stand.
„Ein Decret welches den Verkauf des Emigranteneigenthums anordnet.“
„Wann erlassen?“
„Am Vierzehnten.“
„Den Tag meiner Abreise von England!“
„Jedermann sagt, es wäre blos eins von mehreren und andere würden nachfolgen — wenn sie nicht schon da sind — welche alle Emigranten verbannen und die zurückkehrenden zum Tode verurtheilen. Das war es was er meinte, als er sagte, Ihr Leben gehörte nicht mehr Ihnen.“
„Aber diese Decrete sind noch nicht da?“
„Was weiß ich!“ sagte der Postmeister mit einem Achselzucken; „sie können da sein oder auch nicht. Es ist alles einerlei. Was wollen Sie mehr?“
Sie schliefen auf einer Streu unter dem Dach bis Mitternacht und brachen dann wieder auf als die ganze Stadt im Schlafe lag.
Unter den vielen an gewöhnlichen Dingen zu bemerkenden seltsamen Veränderungen, welche diesem seltsamen Ritt einen traumartigen Charakter gaben war nicht die mindeste, daß fast Niemand zu schlafen schien. Nachdem sie lange und einsam öde Landschaften entlang geritten waren, erreichten sie eine Gruppe armseliger Hütten, nicht in Dunkel gehüllt, sondern von Lichtern erglänzend, deren Bewohner mitten in der stillen Nacht in gespensterhafter Weise um einen verdorrten Freiheitsbaum tanzten, oder sich aufgestellt hatten und ein Freiheitslied sangen. Zum Glück jedoch schlief man diese Nacht in Beauvais so fest, daß sie sicher aus dem Thor gelangen konnten und sie befanden sich bald von Neuem auf der einsamen Landstraße. Sie ritten durch die frühzeitig eingetretene Nässe und Kälte dahin, an ausgesogenen Feldern vorbei, welche dieses Jahr keine Frucht getragen, und an rauchgeschwärzten Trümmern ausgebrannter Häuser vorüber und der einsame Ritt erhielt eine gelegentliche Abwechselung durch das plötzliche Hervorbrechen von Patriotenpatrouillen, welche auf allen Straßen Wache hielten und mit allen Vorüberreisenden ein Verhör anstellten. Mit Tagesanbruch standen sie endlich vor den Mauern von Paris. Das Thor war geschlossen und stark bewacht, als sie an dasselbe heranritten.
„Wo sind die Papiere des Gefangenen?“ fragte ein entschlossen aussehender Mann, dem Ansehen nach ein Vorgesetzter, den die Wache herausgerufen hatte.
Charles Darnay, dem das unangenehme Wort natürlich auffiel, machte dem Sprechenden bemerklich, daß er ein freier Reisender und französischer Bürger sei, geleitet von einer Escorte, welche ihm der anarchische Zustand des Landes aufgezwungen und die er bezahlt habe.
„Wo sind die Papiere des Gefangenen?“ fragte dieselbe Person ohne im mindesten auf ihn zu achten.
Der betrunkene Patriot hatte sie in der Mütze und gab sie hin. Als der Andere Gabelle’s Brief überlas, zeigte er einige Verwirrung und Ueberraschung und sah Darnay mit großer Aufmerksamkeit an.
Er verließ jedoch Escorte und Escortirten ohne ein Wort zu verlieren, und ging in die Wachtstube; unterdessen hielten sie immer noch im Sattel draußen vor dem Thore.
Charles Darnay sah sich während dieser Pause um und bemerkte, daß das Thor von einer gemischten Wache von Soldaten und Patrioten besetzt war, von denen jedoch die letzteren an Zahl bedeutend überwogen; auch fiel ihm auf, daß, während Wagen vom Lande mit Lebensmitteln und für ähnlichen Verkehr leicht genug Einlaß fanden, das Hinauskommen selbst für die harmlosesten Leute sehr schwer war. Ein bunter Haufen von Männern und Weibern, zu geschweigen von Thieren und Fuhrwerken mancherlei Art, wartete auf das Oeffnen des Thores; aber so genau wurde nach Namen und Herkunft der Personen gefragt, daß sie nur einzeln und sehr langsam hinaus gelangten. Einige dieser Leute wußten, daß sie noch so lange würden warten müssen, ehe man sie in’s Verhör nahm, daß sie sich auf die Erde ausstreckten, um zu schlafen oder zu rauchen, während andere mit einander sprachen oder herumstanden. Die rothe Mütze und die dreifarbige Cocarde waren allgemein sowohl bei Männern wie bei Frauen.
Zu geheimer Haft.
Als Darnay auf diese Weise wohl eine halbe Stunde gewartet hatte, trat wieder die vorige Autoritätsperson heraus und befahl der Wache das Thor zu öffnen. Dann übergab er der Escorte einen Empfangsschein für den Escortirten und forderte ihn auf abzusteigen. Das that Darnay, und die beiden Patrioten, sein müdes Pferd am Zügel führend, machten kehrt und ritten von dannen, ohne einen Fuß in die Stadt zu setzen.
Darnay folgte seinem Führer in eine nach schlechtem Wein und Tabak riechende Wachtstube, wo verschiedene Soldaten und Patrioten, schlafend oder wachend, betrunken oder nüchtern, oder in verschiedenen neutralen Zuständen zwischen Schlafen und Wachen, Trunkenheit und Nüchternheit, herumstanden und lagen. Die Erleuchtung der Wache, halb von den verlöschenden Oellampen der Nacht und halb von dem trüben Tage herrührend, war von entsprechend ungewissem Character. Einige Register lagen auf einem Pulte und ein Offizier von gemeinem finstern Aussehen saß vor denselben.
„Bürger Defarge,“ sagte er zu Darnay’s Begleiter, als er einen Zettel nahm, um darauf zu schreiben, „ist dies der Emigrant Evrémonde?“
„Das ist er.“
„Ihr Alter, Evrémonde?“
„Siebenunddreißig.“
„Verheirathet, Evrémonde?“
„Ja.“
„Wo verheirathet?“
„In England.“
„Richtig. Wo ist Ihre Frau, Evrémonde?“
„In England.“
„Richtig.“
„Sie sind in das Gefängniß La Force consignirt, Evrémonde.“
„Gerechter Himmel!“ rief Darnay. „Nach welchem Gesetz und wegen welchen Vergehens?“
Der Offizier sah einen Augenblick von seinem Zettel auf.
„Wir haben neue Gesetze, Evrémonde, und neue Vergehen seitdem Sie hier waren.“ Er sagte das mit einem harten Lächeln und schrieb weiter.
„Ich bitte Sie zu bemerken, daß ich freiwillig hierher gekommen bin, veranlaßt durch diese schriftliche Bitte eines Landsmannes, die vor Ihnen liegt. Ich verlange weiter nichts als Gelegenheit ihm ohne Aufschub zu Hülfe zu kommen. Ist das nicht mein Recht?“
„Emigranten haben keine Rechte, Evrémonde,“ lautete die gleichgültige Antwort. Der Offizier schrieb bis er fertig war, überlas noch einmal was er geschrieben, streute Sand darauf, und übergab den Zettel Defarge mit den Worten „zu geheimer Haft.“
Defarge winkte dem Gefangenen mit dem Papier, ihn zu begleiten. Der Gefangene gehorchte und eine Wache von zwei Patrioten begleitete ihn.
„Sind Sie es,“ fragte Defarge mit gedämpfter Stimme als sie die Stufen vor der Wache herab und nach der Stadt hineingingen, „der die Tochter Doctor Manette’s, ehemaligen Gefangenen in der Bastille, die nicht mehr ist, geheirathet hat?“
„Ja,“ gab Darnay mit überraschtem Blick zur Antwort.
„Ich heiße Defarge und besitze einen Weinschank im Quartier Saint Antoine. Vielleicht haben Sie von mir gehört.“
„Meine Frau kam in Ihr Haus, um ihren Vater abzuholen. Ja!“
Das Wort Frau schien in Defarge eine düstere Erinnerung zu wecken, und er fuhr mit plötzlicher Ungeduld auf: „Im Namen des scharfen Frauenzimmers das eben geboren und La Guillotine getauft worden ist, warum kommen Sie nach Frankreich?“
„Sie haben eben erst gehört warum. Glauben Sie nicht daß es wahr ist?“
„Schlimm genug für Sie, wenn es wahr ist,“ sagte Defarge, der während er sprach die Stirn runzelte und gerade vor sich hinsah.
„Ich sehe wohl, ich bin hier verloren. Alles ist hier so völlig anders geworden und geschieht so plötzlich und in so unbilliger Weise, daß ich unbedingt verloren bin. Wollen Sie mir eine kleine Hülfe leisten?“
„Nein.“ Defarge sprach immer noch, während er gerade vor sich hinsah.
„Wollen Sie mir eine einzige Frage beantworten?“
„Vielleicht. Je nachdem sie ist. Fragen Sie nur.“
„Werde ich in dem Gefängniß, in welches man mich so ungerechter Weise wirft, noch einigen freien Verkehr mit der Außenwelt haben?“
„Das werden Sie sehen.“
„Soll ich darin, im Voraus verurtheilt, und jedes Rechts zu meiner Vertheidigung beraubt, begraben liegen?“
„Das werden Sie sehen. Aber was liegt daran? Andere Leute haben in ähnlicher Weise in früheren Zeiten in schlimmeren Gefängnissen gelegen.“
„Aber nicht durch meine Schuld, Bürger Defarge.“
Defarge sah ihn blos finster an, und ging in hartnäckigem Schweigen neben ihm her. Je tiefer er in dieses Schweigen versank, desto schwächer wurde die Hoffnung — so dachte Darnay wenigstens — daß er sich erweichen lassen würde. Er beeilte sich daher fortzufahren.
„Es ist für mich von der größten Wichtigkeit (Sie wissen, Bürger, sogar besser als ich, von welcher Wichtigkeit) daß ich Gelegenheit bekomme, Mr. Lorry von Tellsons Bank, einem Herrn aus England, der gegenwärtig in Paris ist, die einfache Thatsache ohne weitere Bemerkung mitzutheilen, daß ich im Gefängniß La Force sitze. Wollen Sie das für mich thun?“
„Ich will nichts für Sie thun,“ gab Defarge mit mürrischem Trotz zur Antwort. „Meine Pflicht gehört dem Vaterlande und dem Volke. Ich bin der geschworne Diener Beider, gegen Sie. Ich mag nichts für Sie thun.“
Charles Darnay fühlte wie nutzlos es war weiter in ihn zu dringen, und außerdem war sein Stolz verletzt. Wie sie schweigend neben einander herschritten, konnte er nicht umhin zu bemerken, wie sehr das Volk daran gewöhnt war Gefangene durch die Straßen führen zu sehen. Selbst die Kinder beachteten ihn kaum. Ein paar Vorübergehende sahen sich um und einige drohten ihm mit der Faust als einem Aristokraten; im Uebrigen war es nicht merkwürdiger, einen gut gekleideten Mann in’s Gefängniß führen, als einen Arbeiter in seiner Arbeitsjacke auf Arbeit gehen zu sehen. In einer engen, dunkeln und schmutzigen Straße, durch welche sie kamen, sprach ein aufgeregter Redner von einem Stuhl zu einer aufgeregten Zuhörerschaft von den Verbrechen des Königs und der königlichen Familie gegen das Volk. Aus ein paar Worten, die er von den Lippen dieses Mannes im Vorbeigehen erhaschte, erfuhr Charles Darnay zuerst, daß der König eingekerkert sei, und die fremden Gesandten sämmtlich Paris verlassen hätten. Auf der Reise (außer in Beauvais) hatte er buchstäblich gar nichts erfahren. Die Escorte und die allgemeine Wachsamkeit hatten ihn vollkommen isolirt.
Daß er jetzt von viel größeren Gefahren umringt war als sich entwickelt hatten, wie er von England abreiste, wußte er natürlich jetzt. Daß diese Gefahren sich rasch um ihn vermehrt hatten, und sich noch rascher und rascher vermehren konnten, wußte er nun ebenso. Er konnte nicht umhin, sich zu sagen, daß er diese Reise nicht angetreten haben würde, wenn er die Ereignisse einiger wenigen Tage hätte voraussehen können. Und dennoch waren seine bösen Ahnungen nicht so düster, wie sie bei dem Lichte unserer spätern Zeit betrachtet, aussehen würden. So trübe die Zukunft war, war sie doch eine unbekannte Zukunft und ihre Dunkelheit erlaubte noch die Hoffnung der Ungewißheit. Von der entsetzlichen Metzelei mehrerer Tage und Nächte, welche, bevor noch der Zeiger viele Male das Zifferblatt umkreist hatte, ein großes blutiges Zeichen auf die gesegnete Erntezeit setzen sollte, wußte er ebenso wenig, als hätte sie erst in hunderttausend Jahren sein sollen. Das „scharfe Frauenzimmer, vor Kurzem geboren und La Guillotine getauft,“ war ihm oder der Masse des Volks kaum den Namen nach bekannt. Die Greuelthaten, die bald verübt werden sollten, waren vielleicht nicht einmal in den Köpfen derer, die sie verübten, geboren. Wie konnten sie einen Platz finden in den Vorahnungen eines sanften Gemüthes?
Daß er in langer Haft und harter Behandlung und in grausamer Trennung von Frau und Kind Unrecht werde erdulden müssen, sah er als wahrscheinlich oder gewiß voraus, aber darüber hinaus fürchtete er nichts Bestimmtes. Mit diesen Sorgen auf seiner Seele, schwer genug, sie in einen unheimlichen Gefängnißhof mitzunehmen, kam er im Gefängniß La Force an.
Ein Mann mit einem aufgedunsenen Gesicht öffnete das schwere Pförtchen, welchem Defarge „den Emigranten Evrémonde“ vorstellte.
„Was der Teufel! wie viele sollen noch kommen!“ rief der Mann mit dem aufgedunsenen Gesicht aus.
Defarge nahm den Empfangschein ohne den Ausruf zu beachten und entfernte sich mit seinen beiden Patrioten.
„Was der Teufel, sag ich noch einmal!“ rief der Kerkermeister aus, der jetzt mit seiner Frau allein war. „Wie viele sollen noch kommen!“
Die Frau des Kerkermeisters, die keine Antwort auf diese Frage hatte, erwiederte blos: „Man muß Geduld haben, mein Guter!“ Drei Schließer, welche auf ein Klingeln hereintraten, wiederholten den Rath und Einer setzte hinzu „um der Liebe zur Freiheit willen“; was an diesem Ort wie ein unpassender Schluß klang.
Das Gefängniß La Force war ein schauerliches Gefängniß, finster und schmutzig, und mit einem schrecklichen Geruch von ungesundem Schlaf darin. Es ist merkwürdig, wie bald sich der ekelhafte Dunst eingekerkerten Schlafs in allen solchen Orten, die nicht gut gehalten werden, bemerklich macht.
„Obenein zu geheimer Haft,“ murrte der Kerkermeister, wie er einen Blick auf den Zettel warf. „Als ob es nicht schon zum Ueberlaufen voll wäre.“
Uebellaunig reihete er das Papier zu vielen andern auf eine Nadel auf, und Charles Darnay erwartete sein weiteres Belieben wohl eine halbe Stunde lang, während welcher Zeit er abwechselnd in dem hochgewölbten Raume auf und ab ging oder auf einer steinernen Bank ausruhte, denn er wurde mit Absicht aufgehalten, damit der Oberschließer und dessen Untergebene sich sein Aussehen gehörig einprägten.
„Folgen Sie mir, Emigrant,“ sagte der Kerkermeister endlich, indem er nach einem Bund Schlüssel langte.
Durch das unheimliche Kerkerzwielicht folgte ihm der Gefangene durch Corridore und mehrere Treppen hinauf, und mehrere Thüren schlugen rasselnd hinter ihm zu, und wurden verschlossen, bis sie in ein großes niedriges gewölbtes Zimmer kamen, gedrängt voll von Gefangenen beiderlei Geschlechts. Die Frauen saßen an einem langen Tisch, lasen und schrieben, strickten, näheten und stickten; die Männer standen meistens hinter ihren Stühlen oder bewegten sich im Zimmer umher.
In dem unwillkürlichen Zusammendenken von Gefangenen mit entehrenden Verbrechen und Schande fühlte sich der neue Ankömmling von dieser Gesellschaft abgestoßen. Aber die alles übertreffende Unwirklichkeit seines langen fast dem Traumleben angehörenden Rittes war, daß sie alle auf einmal aufstanden und ihn mit aller Feinheit der damaligen Zeit und mit der ganzen gewinnenden Anmuth und Höflichkeit der vornehmen Welt begrüßten.
So seltsam getrübt war dieses Wesen durch das Kerkerleben und das Kerkerdüster, so gespenstig wurde es in dem dagegen schreienden Schmutz und Jammer, von dem es begleitet war, daß Charles Darnay sich vorkam, als ob er in einer Gesellschaft von Todten stände. Lauter Gespenster! das Gespenst der Schönheit, das Gespenst der Vornehmheit, das Gespenst der Anmuth, das Gespenst des Stolzes, das Gespenst der Frivolität, das Gespenst des Witzes, das Gespenst der Jugend, das Gespenst des Alters, sie warteten Alle auf ihre Entfernung von dem unwirthlichen Strande und sahen ihn an mit Augen, welche der Tod verändert hatte, den sie beim Eintritt in diesem Raum gestorben waren.
Er blieb erstarrt stehen. Der neben ihm wartende Kerkermeister und die andern sich im Zimmer herum bewegenden Schließer, die in der gewöhnlichen Ausübung ihres Amtes gut genug ausgesehen haben würden, sah so entsetzlich gemein aus neben den hier anwesenden bekümmerten Müttern und blühenden Töchtern — neben der Coquette, der jungen Schönheit und der gereiftern vornehm erzogenen Frau — daß die Verkehrung aller Erfahrung und Wahrscheinlichkeit, welche dieses Bild aus dem Schattenreich darstellte, den höchsten Grad erreichte. Gewiß lauter Gespenster! Gewiß war der lange traumhafte Ritt eine Krankheit gewesen, die ihn unter diese düstern Schatten gebracht!
„Im Namen der versammelten Leidensgefährten,“ sagte ein Herr von höfischem Aussehen und Benehmen, indem er vortrat, „habe ich die Ehre Sie in La Force willkommen zu heißen und mit Ihnen das Unglück zu beklagen, das Sie zu uns gebracht hat. Möge es von kurzer Dauer sein! Es wäre anderwärts eine Unhöflichkeit, ist es aber hier nicht, nach Ihrem Namen und Stand zu fragen?“
Charles Darnay raffte sich auf und beantwortete die gestellte Frage in so angemessenen Worten als er finden konnte.
„Aber ich hoffe,“ sagte der Herr, indem er den Oberschließer, welcher nach dem anderen Ende des Zimmers ging, mit den Augen folgte, „Sie sind nicht in geheimer Haft?“
„Ich weiß nicht was dieses Wort zu bedeuten hat, aber ich habe so sagen hören.“
„O, wie schade! wir beklagen das so sehr! aber fassen Sie Muth; verschiedene Mitglieder unserer Gesellschaft sind Anfangs in geheimer Haft gewesen, aber es hat nur kurze Zeit gedauert.“ Dann, setzte er mit lauterer Stimme hinzu: „es thut mir leid die Gesellschaft benachrichtigen zu müssen — in geheimer Haft.“
Ein Gemurmel der Theilnahme ließ sich vernehmen, als Charles Darnay durch das Zimmer nach einer Gitterthür ging, wo der Schließer seiner harrte und viele Stimmen — aus denen die sanften und mitleidigen Frauenstimmen vor allen hervorklangen — gaben ihm gute Wünsche und Trost mit. Er kehrte sich an der Gitterthür um, den innigsten Dank seines Herzens auszusprechen; sie schloß sich hinter dem Kerkermeister und die Erscheinungen verschwanden vor seinen Augen für immer.
Die Thür öffnete sich auf eine steinerne aufwärts führende Treppe. Als sie vierzig Stufen gestiegen waren (der Gefangene von einer halben Stunde zählte sie bereits), schloß der Kerkermeister eine niedrige schwarze Thür auf und sie traten in eine leere Zelle. Die Luft war kalt und feucht, aber der Raum war nicht finster.
„Ihre Zelle,“ sagte der Schließer.
„Warum werde ich allein eingesperrt?“
„Was weiß ich!“
„Kann ich Feder, Tinte und Papier kaufen?“
„Das steht nicht in meiner Instruction. Der Inspector wird Sie besuchen, und den können Sie fragen. Vor der Hand können Sie sich Ihr Essen kaufen und weiter nichts.“
Ein Stuhl, ein Tisch und eine Strohmatratze befanden sich in der Zelle. Als der Schließer vor dem Fortgehen einen musternden Blick auf diese Gegenstände und die vier Wände warf, kam eine wirre Phantasie über den an die kalte Mauer sich lehnenden Gefangenen, daß dieser Schließer in Gesicht und Leib so unnatürlich geschwollen wäre, daß er aussähe wie ein Mann der ertrunken und mit Wasser angefüllt sei. Als der Schließer fort war, dachte er in derselben wirren Weise, „nun bin ich allein als wäre ich todt.“ Wie er dann stehen blieb, um die Matratze zu besehen, wendete er sich mit Ekel davon ab und dachte: „Und hier in diesem kriechenden Gewürm spukt der Zustand des Körpers nach dem Tode vor.“
„Fünf Schritte lang und viereinhalb Schritt breit, fünf Schritt lang und viereinhalb Schritt breit, fünf Schritt lang und viereinhalb Schritt breit.“ Der Gefangene ging auf und ab in seiner Zelle, maß sie aus und das Brausen der Stadt tönte wie gedämpfte Trommeln, untermischt mit einem wilden Geheul von Stimmen. „Er machte Schuhe, er machte Schuhe, er machte Schuhe.“ Der Gefangene zählte wieder die Schritte und schritt schneller, um seine Gedanken von dieser letzten Wiederholung abzulenken. Die Gespenster, welche verschwanden, als das Pförtchen sich schloß. Eine Gestalt war darunter, eine schwarz gekleidete Dame, welche in einer Fenstervertiefung lehnte, und ein Sonnenstrahl fiel auf ihr goldenes Haar und sie sah aus wie **. Um Gottes willen, laßt uns weiter reisen durch die erleuchteten Dörfer, wo die Leute alle wach sind! ** Er machte Schuhe, er machte Schuhe, er machte Schuhe. ** Fünf Schritt lang und viereinhalb Schritt breit. Während solche abgerissene Vorstellungen aus den Tiefen seines Geistes emporstiegen und in seinem Kopfe wirbelten, schritt der Gefangene schneller und schneller auf und ab, und zählte und zählte hartnäckig; und das Brausen der Stadt veränderte sich so, daß es immer noch klang wie gedämpfte Trommeln, aber das Rauschen und Brausen durchzogen klagende Stimmen die er kannte.
Zweites Kapitel.
Der Schleifstein.
Tellsons Bank im Quartier Saint Germain von Paris befand sich in dem Flügel eines großen Hauses, zu dem man über einen von der Straße durch eine hohe Mauer und ein starkes Thor abgeschlossenen Vorhof gelangte. Das Haus gehörte einem großen Herrn, der darin gewohnt hatte bis er vor den bösen Zeiten in den Kleidern seines eigenen Koches flüchtete und glücklich über die Grenze kam. Ein vor Jägern fliehendes gehetztes Wild war er immer noch in seiner Metempsychosis derselbe Monseigneur, der, bevor er seine Chocolade an die hohen Lippen brachte, dazu die Kräfte von drei starken Männern in Anspruch nahm, ohne den Koch zu rechnen.
Als Monseigneur fort war, und die drei starken Männer für die Sünde, von ihm hohen Lohn bezogen zu haben, sich damit Absolution gaben, daß sie mehr als bereit und willig waren, ihm auf dem Altar der kommenden einen und untheilbaren Republik von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod, den Hals abzuschneiden, war Monseigneurs Haus erst sequestrirt und dann confiscirt worden. Denn alles ging so schnell und Decret folgte auf Decret mit so wilder Hast, daß jetzt am dritten Abend des Herbstmonates September patriotische Gerichtspersonen Monseigneurs Haus in Besitz genommen und es mit der dreifarbigen Fahne bezeichnet hatten und in seinen Staatszimmern Branntwein tranken.
Ein Geschäftslocal in London wie Tellsons Geschäft in Paris hätte das Haus bald von Sinnen und auf das Verzeichniß der Fallirten gebracht. Denn was würde gesetzte englische Verantwortlichkeit und Respectabilität gesagt haben zu Orangenbäumen in Kübeln in dem Vorhof einer Bank, oder gar zu einem Cupido über dem Zähltisch? Und doch gab es solche Dinge. Tellsons hatten den Cupido übertüncht, aber er war immer noch erkennbar in der Decke, wo er, auf das sparsamste mit Leinenzeug bedacht, von Früh bis Abends mit seinem Pfeil auf Gold zielte — wie er es ja sehr oft macht. In Lombardstreet in London hätte dieser junge Heide unvermeidlich Bankerot zur Folge gehabt, und dieselbe traurige Wirkung hätte ein verhangener Alkoven hinter dem unsterblichen Knaben und ein in die Wand eingelassener Spiegel, und endlich die durchaus nicht alten Commis hervorgebracht, welche auf die leiseste Aufforderung öffentlich tanzten. Jedoch französische Tellson’s konnten bei allen diesen Dingen vortrefflich bestehen, und so lange die Zeit überhaupt zu ertragen war, hatte sich Niemand darüber entsetzt und sein Geld aus der Bank gezogen.
Wie viel Geld in Zukunft aus Tellsons Bank gezogen und wie viel dort verloren und vergessen liegen bleiben würde; was für Silberzeug und Juwelen in Tellsons versteckten Koffern blind werden würden, während die, welche sie dort niedergelegt hatten, im Gefängnisse schmachteten, oder bald eines gewaltsamen Todes sterben sollten; wie viele Conti bei Tellsons in dieser Welt nie abgeschlossen werden konnten und in die andere Welt übertragen werden mußten, das konnte an diesem Abend Niemand sagen, ebenso wenig wie Mr. Jarvis Lorry, obgleich er über diese Fragen besorgt nachdachte. Er saß vor einem frisch angebrannten Holzfeuer (das schlimme und unfruchtbare Jahr war vor der Zeit kalt) und auf seinem ehrlichen und muthvollen Gesicht lag ein trüberer Schatten, als die Hängelampe werfen oder ein Gegenstand im Zimmer verzerrt wiedergeben konnte — ein Schatten des Grausens.
Er bewohnte in seiner Treue für das Haus, von dem er ein Theil geworden war, wie tief gewurzelter Epheu, Zimmer in der Bank. Sie erfreuten sich in Folge der patriotischen Besitznahme des Hauptgebäudes einer gewissen Art von Sicherheit, aber der wackere alte Herr dachte nie daran. Alle solche Nebensachen waren ihm gleichgültig, wenn er nur seine Pflicht that. Am anderen Ende des Vorhofes unter einer Colonade befand sich ein Wagenschuppen, und es standen sogar noch einige Kutschen Monseigneurs dort. An zwei von den Pfeilern waren zwei große helllodernde Fackeln befestigt, und im Schimmer derselben stand unter freiem Himmel ein großer Schleifstein: eine roh zugerichtete Maschine, welche man aus einer nahen Schmiede oder anderen Werkstatt in Hast hieher geschafft zu haben schien. Mr. Lorry war aufgestanden und hatte aus dem Fenster einen Blick auf diese harmlosen Gegenstände geworfen; aber ein Schauder überlief ihn und er kehrte wieder auf seinen Sitz vor seinem Feuer zurück. Er hatte nicht nur das Glasfenster, sondern auch die Jalousien davor geöffnet, und sie beide wieder zugemacht, und ein Schauer überlief seinen ganzen Körper.
Von den Straßen jenseits der hohen Mauer und des festen Thores tönte das gewöhnliche nächtliche Brausen der großen Stadt herüber, in welches sich dann und wann ein unbeschreiblich unirdischer Ton mischte, als ob ungewohnte Klänge haarsträubender Art hinauf zum Himmel tönten.
„Gott sei Dank,“ sagte Mr. Lorry und faltete die Hände, „daß Niemand von denen, die meinem Herzen nahe stehen, heute Nacht in dieser schrecklichen Stadt ist. Möge er sich aller derer erbarmen, die in Gefahr sind!“
Bald darauf läutete die Glocke an dem großen Thor und er dachte „sie sind wieder da!“ und lauschte. Aber es brach kein lärmender Haufe in den Vorhof, wie er erwartet hatte, und er hörte das Thor wieder zufallen und alles war still.
Die Unruhe und Bangigkeit, welche ihn befingen, erzeugten jene unbestimmte Sorge um die Bank, die bei so hochgespannten Gefühlen eine große Verantwortlichkeit von selbst zur Folge hat. Sie war wohl bewacht und er stand auf, um die zuverlässigen Leute zu besuchen, welche Wache hielten, als seine Thür plötzlich aufging und zwei Gestalten hereinstürzten, deren Anblick ihm vor Erstaunen zurücktreten machte.
Lucie und ihr Vater! Lucie, die Arme ihm entgegenstreckend und mit jenem alten Aussehen tiefen Ernstes so verstärkt, daß es schien als ob es ihrem Gesicht ausdrücklich aufgeprägt wäre, um ihm in dieser einen schweren Stunde ihres Lebens Kraft und Ausdruck zu verleihen.
„Was ist das!“ rief Mr. Lorry verwirrt und athemlos aus. „Was giebt es? Lucie! Manette! was ist vorgefallen? was bringt Euch hierher? Was giebt es?“
Mit starr auf ihn geheftetem Auge und bleichem und verstörtem Gesicht stöhnte sie flehend in seinen Armen „ach, mein Freund! mein Gatte!“
„Ihr Gatte, Lucie?“
„Charles.“
„Was ist mit Charles?“
„Er ist hier.“
„Hier in Paris?“
„Er ist hier seit einigen Tagen — seit dreien oder vieren — ich weiß nicht wie viel es sind — ich kann meine Gedanken nicht sammeln. Ein edelmüthiges Unternehmen hat ihn zu der Reise bewogen, ohne daß ich davon wußte; man hat ihn am Thore angehalten und in’s Gefängniß geschickt.“
Unwillkürlich schrie der Alte laut auf. Fast in demselben Augenblick läutete die Glocke an dem großen Thore von Neuem und schreiend und tobend hörte man einen Menschenhaufen sich in den Vorhof wälzen.
„Was ist das für ein Lärm?“ fragte der Doctor und stand auf, um an das Fenster zu treten.
„Sehen Sie nicht hinaus!“ rief Mr. Lorry. „Sehen Sie nicht hinaus! Manette, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, öffnen Sie das Fenster nicht!“
Der Doctor wendete sich um, mit der Hand auf dem Fensterwirbel und sagte mit einem kühlen muthigen Lächeln:
„Lieber Freund, in dieser Stadt habe ich ein gefeites Leben. Ich bin Gefangener in der Bastille gewesen. Es giebt keinen Patrioten in ganz Paris — in ganz Paris sage ich? in Frankreich, der, wenn er erfährt, daß ich Gefangener in der Bastille gewesen bin, mich nur anrühren würde, außer um mich mit Umarmungen halb zu ersticken, oder mich im Triumphe auf den Schultern zu tragen. Mein altes Leiden hat mir eine Macht verliehen, die uns zum Thore hereingebracht und uns dort Nachrichten von Charles verschafft, und uns hierher geführt hat. Ich wußte, daß es so sein würde; ich wußte, daß ich Charles aus aller Gefahr retten könnte; ich sagte dies Lucie. Was ist das für ein Lärm?“ Er legte wieder die Hand an den Fensterwirbel.
„Sehen Sie nicht hinaus,“ rief Mr. Lorry in vollster Verzweiflung. „Nein, gute Lucie, auch Sie nicht!“ Er umschlang sie mit seinen Armen und hielt sie zurück. „Erschrecken Sie nicht so, Gute. Ich schwöre Ihnen auf das Heiligste, daß ich von nichts Schlimmen weiß, was Charles zugestoßen ist; daß ich nicht einmal eine Ahnung von seiner Anwesenheit in dieser unseligen Stadt hatte. In welchem Gefängnisse ist er?“
„In La Force!“
„In La Force! liebe, liebe Lucie, wenn Sie jemals in Ihrem Leben ein Mädchen von Herz und Brauchbarkeit gewesen sind — und Sie waren immer beides — so müssen Sie sich jetzt fassen und genau so thun wie ich Ihnen heiße; denn vielmehr hängt davon ab, als Sie sich denken können oder ich Ihnen zu sagen vermag. Mit eigner Thätigkeit können Sie heute Nacht für Charles nichts ausrichten; Sie dürfen um keinen Preis ausgehen. Ich sage Ihnen dies, weil das, was ich von Ihnen um Charles Willen verlangen muß, das Schwerste von Allem ist. Sie müssen von diesem Augenblick an gehorsam und stumm sein, und sich still verhalten. Sie müssen mir erlauben, Ihnen ein Hinterzimmer in diesem Hause anzuweisen. Sie müssen Ihren Vater und mich auf zwei Minuten allein lassen und dürfen, da es Leben und Tod giebt in der Welt, nicht zögern.“
„Ich will Ihnen unbedingt gehorchen. Ich sehe in Ihren Gesicht, daß Sie wissen, es bleibt mir nichts anderes zu thun übrig. Ich weiß, daß Sie es gut meinen.“
Der Alte küßte sie und schob sie in sein Zimmer und drehte den Schlüssel hinter ihr um; dann eilte er zu dem Doctor zurück, öffnete das Fenster und zum Theil die Jalousie, legte die Hand auf den Arm des Doctors und sah mit ihm auf den Hof hinaus.
Sah hinaus auf einen Haufen Männer und Frauen; nicht zahlreich genug, noch lange nicht, um den Hof zu füllen, nicht mehr als vierzig oder fünfzig in Allem. Die, welche das Haus in Besitz genommen, hatten sie zum Thorweg hereingelassen und sie waren hereingeströmt, um an dem Schleifstein zu arbeiten, der offenbar für ihren Gebrauch hier als an einem passenden und vom Gewühl entlegenen Ort aufgestellt war.
Aber solche entsetzliche Arbeiter und solche entsetzliche Arbeit!
Der Schleifstein hatte eine doppelte Kurbel, und diese drehten in wahnwitziger Hast zwei Männer, deren Gesichter, wie ihr langes Haar zurückflog, so oft das Drehen des Schleifsteins die Gesichter empor brachte, einen gräßlicheren und wilderen Ausdruck trugen, als die Gesichter der wildesten Wilden in ihrer gräulichsten Verkleidung. Falsche Augenbrauen und falsche Schnurrbärte hatten sie sich aufgeklebt und ihre scheußlichen Gesichter waren ganz von Blut und Schweiß bedeckt und krampfhaft verzerrt von wüstem Heulen, und die von viehischer Aufregung und Mangel an Schlaf aus dem Kopfe tretenden Augen leuchteten in unheimlicher Gluth. Wie diese Wüthriche den Stein drehten und drehten und ihre verfilzten Locken bald nach vorn über die Augen, bald rückwärts auf die Schultern fielen, hielten einige Frauen ihnen Wein an die Lippen, daß sie trinken möchten, und von dem niedertropfenden Blut und dem niedertropfenden Wein, und dem Funkenregen, der aus dem drehenden Stein herausstob, schien die ganze Atmosphäre Blut und Feuer zu sein. Kein menschliches Wesen konnte das Auge in dem Haufen entdecken, das unbefleckt von Blut war. Einer den Andern drängend, um an den Schleifstein zu gelangen, standen bis an die Hüften nackte Männer, denen Arm und Brust mit Blut beschmiert waren; Männer in allerlei Lumpen, mit Blut auf diesen Lumpen; Männer, in teuflischer Lust geputzt mit Spitzen und Seidenzeug und Band von Frauenkleidern, alles befleckt und getränkt mit Blut. Aexte, Messer, Bayonnette, Säbel, die alle zum Schärfen an den Schleifstein gebracht wurden, waren roth von Blut. Einige hatten sich die schartigen Säbelklingen mit Streifen Leinwand oder Fetzen von Kleidungsstücken an die Hand fest gebunden, und auch diese Bänder, so verschieden sie waren, waren alle in dieselbe Farbe getaucht. Und wie die von Tollwuth erfüllten Besitzer dieser Waffen sie aus dem Funkenregen herausrissen und fort auf die Straße stürzten, glänzte dieselbe rothe Farbe in ihren tollwüthigen Augen; — Augen, welche mit einer gut gezielten Kugel zu versteinern jeder noch nicht entmenschte Zuschauer zwanzig Jahre seines Lebens gegeben hätte.
Alles dieses sahen sie in einem Augenblick, wie ein Ertrinkender oder jedes Menschenkind in jacher Todesgefahr eine Welt sehen könnte, wenn sie da wäre. Sie traten von dem Fenster zurück und der Doctor blickte fragend in seines Freundes todtenbleiches Gesicht.
„Sie ermorden die Gefangenen,“ flüsterte Mr. Lorry ihm zu, während er einen scheuen Blick auf die verschlossene Thür warf. „Wenn Sie Ihrer Sache sicher sind; wenn Sie wirklich die Macht haben, welche Sie zu besitzen glauben — und ich glaube Sie haben sie — so nennen Sie sich diesen Teufeln und lassen sie sich von ihnen nach La Force bringen. Es ist vielleicht zu spät, ich weiß das nicht, aber warten Sie keine Minute länger!“
Doctor Manette drückte ihm die Hand, eilte baarhäuptig aus dem Zimmer und war schon im Hofe, als Mr. Lorry wieder an das Fenster trat.
Sein langes weißes Haar, sein eigenthümliches Gesicht und die ungestüme Zuversicht, mit der er die Waffen bei Seite schob, brachten ihn in einem Augenblick bis mitten in den Haufen, wo der Schleifstein stand. Ein paar Secunden lang war eine Pause, dann entstand ein Drängen, und man vernahm ein Gemurmel und den unverständlichen Klang seiner Stimme; und dann sah Mr. Lorry, wie er inmitten des dichten Haufens mit dem Rufe „Hoch der Bastillengefangene! Hülfe für den Verwandten des Bastillengefangenen in La Force! Platz dort vorn für den Bastillengefangenen! Rettet den Gefangenen Evrémonde in La Force.“ und tausend antwortenden Rufen hinausgetragen ward.
Er schloß die Jalousien wieder mit bangem Herzen, machte das Fenster und den Vorhang zu, eilte zu Lucien und theilte ihr mit, daß ihr Vater Beistand bei dem Volke gefunden habe und fort sei, um ihren Gatten zu suchen. Er fand ihr Kind und Miß Proß bei ihr; aber es fiel ihm gar nicht ein über ihren Anblick zu erstaunen, bis lange Zeit nachher, wie er in solcher Stille, als dieser Nacht gestattet war, sie beobachtend dasaß.
Unterdessen war Lucie in dumpfer Betäubung vor ihm auf den Fußboden gefallen und hielt krampfhaft seine Hand fest. Miß Proß hatte das Kind auf Mr. Lorry’s Bett gelegt und ihr Kopf war allmälig auf das Kissen neben ihren kleinen Schützling gesunken. Ach die lange, lange Nacht, mit dem Gestöhn der armen Lucie! Und ach, die lange, lange Nacht, ohne daß ihr Vater mit Nachrichten zurück kam!
Noch zweimal in der Finsterniß läutete die Glocke und wieder strömten Volkshaufen herein und der Schleifstein drehte sich und sprühte Funken. „Was ist das?“ rief Lucie erschreckt. „Still! die Soldaten schleifen ihre Säbel,“ sagte Mr. Lorry. „Das Haus ist jetzt Nationaleigenthum und wird gewissermaßen als Waffenschmiede benutzt.“
Noch zweimal und nicht mehr, und das letzte Mal ging die Arbeit matt und unterbrochen vor sich. Bald darauf begann der Tag zu grauen, und er machte sich sanft von der ihn immer noch krampfhaft festhaltenden Hand los und schaute wieder vorsichtig hinaus. Ein Mann, so mit Blut befleckt, daß er ein schwer verwundeter Soldat hätte sein können, der unter den Leichen auf einer Wahlstatt wieder zum Bewußtsein kommt, stand von dem Pflaster neben dem Schleifstein auf und sah sich mit verstörtem Blick um. Gleich darauf wurde der thatenmüde Mörder im ungewissen Dämmerschein des Morgens eine der Kutschen Monseigneurs gewahr, wankte auf die Prachtcarosse zu, stieg hinein und machte die Thür hinter sich zu, um auf ihren üppigen Polstern auszuschlafen.
Der große Schleifstein, die Erde, hatte sich gedreht als Mr. Lorry wieder hinaus sah, und die Sonne schien roth in den Hof. Aber der kleinere Schleifstein stand dort einsam in der stillen Morgenluft mit einem Roth darauf, welches die Sonne ihm nicht gegeben hatte und nicht wegnehmen konnte.
Drittes Kapitel.
Der Schatten.
Eine der ersten Erwägungen, welche mit den Geschäftsstunden in dem Geschäftsmanne Mr. Lorry sich geltend machte, war, daß er kein Recht habe, Tellsons Geschäft durch Aufnahme der Gattin eines eingekerkerten Emigranten unter dem Dache der Bank in Gefahr zu bringen. Sein eignes Vermögen, seine Sicherheit und sein Leben hätte er ohne einen Augenblick zu zögern für Lucien und ihr Kind auf’s Spiel gesetzt; aber hier handelte es sich nicht um sein Eigenthum, und in dieser Geschäftsangelegenheit war er im strengsten Sinne ein Geschäftsmann.
Zuerst dachte er an Defarge, den er in dem Weinschank aufsuchen und über den sichersten Aufenthalt bei dem ungeordneten Zustand der Stadt zu Rathe ziehen wollte. Aber dieselbe Erwägung, welche ihn auf diesen Mann brachte, rieth auch wieder von ihm ab; denn er wohnte in dem am meisten fanatisirten Viertel und war jedenfalls dort von großem Einfluß und tief verstrickt in seine gefährlichen Umtriebe.
Da der Mittag kam und der Doctor noch nicht zurückkehrte und jede Minute Verzug Tellsons mehr gefährden konnte, ging Mr. Lorry mit Lucie zu Rathe. Sie sagte, daß ihr Vater davon gesprochen habe, in diesem Viertel in der Nähe des Bankhauses eine Wohnung auf kurze Zeit zu miethen. Da vom Geschäftsstandpunkte nichts dagegen einzuwenden war und Mr. Lorry voraus sah, daß, selbst wenn alles mit Charles gut ging und er wieder frei wurde, er doch keinesfalls die Stadt verlassen könnte, so ging er aus, um eine solche Wohnung zu suchen und fand eine passende weit hinten in einer abgelegenen Nebenstraße, wo die geschlossenen Jalousien aller andern Fenster eines hohen melancholischen Häuserblocks verkündeten, daß alles verlassen sei.
Nach dieser Wohnung brachte er sofort Lucien und ihr Kind und Miß Proß, und richtete sie dort so comfortabel ein, als ihm selbst mit Aufopferung seines eigenen Comforts möglich war. Er ließ ihnen Jerry, als einen Mann zum Ausfüllen des Thorwegs, der einen tüchtigen Schlag auf den Kopf aushalten konnte, und kehrte dann zu seinen eigenen Geschäften zurück. Vielfach zogen Unruhe und schwere Sorgen seine Aufmerksamkeit davon ab und langsam verstrich ihm der Tag.
Der Tag war zu Ende und mit ihm Mr. Lorry’s Arbeitsfähigkeit, als die Bank geschlossen ward. Er war abermals in demselben Zimmer wie gestern Abend allein, und überlegte was zunächst zu thun sei, als er Jemanden die Treppe herauf kommen hörte. Wenige Augenblicke darauf stand ein Mann vor ihm, der ihn mit einem scharf beobachtenden Blick beim Namen nannte.
„Ihr Diener,“ sagte Mr. Lorry. „Kennen Sie mich?“
Es war ein kräftig gebauter Mann mit dunklem Lockenhaar, fünfundvierzig bis fünfzig Jahre alt. Als Antwort wiederholte er ohne den Ton zu verändern:
„Kennen Sie mich?“
„Ich habe Sie irgend wo gesehen.“
„Vielleicht in meinem Weinschank?“
Voller Spannung und Aufregung sagte Mr. Lorry „Sie kommen von Doctor Manette?“
„Ja. Ich komme von Doctor Manette.“
„Und was sagt er? was schickt er mir?“
Defarge legte einen offenen Zettel in die ihm entgegengestreckte Hand. Es stand darauf von des Doctors Hand geschrieben:
„Charles ist sicher, aber ich kann diesen Ort noch nicht mit Sicherheit verlassen. Es ist mir die Vergünstigung zugestanden worden, dem Ueberbringer ein paar Zeilen von Charles an seine Frau mitgeben zu dürfen. Lassen Sie den Ueberbringer seine Frau sehen.“
Der Zettel war von La Force datirt vor einer Stunde.
„Wollen Sie mich nach der Wohnung seiner Frau begleiten,“ sagte Mr. Lorry mit erleichtertem Herzen als er den Zettel laut gelesen hatte.
„Ja,“ entgegnete Defarge.
Mr. Lorry beachtete kaum bis dahin, in welch seltsam zurückhaltendem und mechanischem Tone Defarge sprach, sondern setzte seinen Hut auf und ging mit ihm hinunter auf den Hof. Dort fanden sie zwei Frauen; eine mit Stricken beschäftigt.
„Wahrhaftig, Madame Defarge!“ sagte Mr. Lorry, der sie genau in derselben Stellung vor ungefähr siebzehn Jahren verlassen hatte.
„Sie ist’s,“ bemerkte ihr Gatte.
„Geht Madame mit uns?“ fragte Mr. Lorry, als er sah, daß sie sich ebenfalls in Bewegung setzte.
„Ja. Damit sie die Gesichter sehen und die Personen anerkennen kann. Es geschieht ihrer Sicherheit wegen.“
Dem Buchhalter fing Defarge’s Art und Weise an aufzufallen, und er heftete einen zweifelnden Blick auf ihn und ging voraus. Die beiden Frauen folgten; die andere war der Racheengel.
Sie gingen durch die dazwischen liegenden Straßen so rasch als möglich, stiegen die Treppe der neuen Wohnung hinauf, wurden von Jerry eingelassen und fanden Lucien allein und in Thränen. Sie gerieth fast außer sich über die Nachricht, welche Mr. Lorry ihr von ihrem Gatten gab, und drückte mit Wärme die Hand, die ihr den Zettel brachte, nicht ahnend was sie in der Nacht in der Nähe ihres Gatten gethan, und ohne einen bloßen Zufall ihm hätte anthun können.
„Geliebteste — fasse Muth. Ich befinde mich wohl und Dein Vater hat Einfluß in meiner Umgebung. Du kannst hierauf nicht antworten. Küsse unser Kind für mich.“
Weiter stand nichts auf dem Zettel. Es war jedoch so viel für die Empfängerin, daß sie sich von Defarge an seine Frau wendete und eine der strickenden Hände küßte. Es war eine leidenschaftliche, dankbare, aus dem Herzen kommende Handlung, aber die Hand gab keine Antwort, sondern fiel kalt und schwer wieder herunter und fing von Neuem an zu stricken.
Es war etwas in der Berührung der Hand, was Lucien auffiel. Sie wollte eben den Zettel in ihren Busen stecken und hielt inne, um mit aufgescheuchtem Blick Madame Defarge anzusehen. Madame Defarge erwiederte ihren Blick mit kaltem gleichgültigen Gesicht.
„Liebe Lucie,“ mischte sich Mr. Lorry erklärend ein, „es sind häufig Volksaufläufe auf den Straßen; und obgleich es nicht wahrscheinlich ist, daß sie jemals Sie beunruhigen werden, so wünscht doch Madame Defarge diejenigen zu sehen, welche sie durch ihren Einfluß in solchen Zeiten beschützen kann, um sie zu kennen. Ich glaube,“ sagte Mr. Lorry, der in seinen beruhigenden Worten unsicher stecken blieb, als das gleichgültig harte Wesen der drei Andern ihm mehr und mehr auffiel, „ich glaube so verhält es sich, Bürger Defarge?“
Defarge warf einen finstern Blick auf seine Frau und gab keine andere Antwort als ein mürrisch zustimmendes Brummen.
„Es wäre besser, liebe Lucie,“ sagte Mr. Lorry, um nichts zu versäumen was gewinnen oder versöhnen konnte, „wenn Sie auch die Kleine hereinkommen ließen, und unsere gute Proß. Unsere gute Proß, Defarge, ist eine englische Dame und versteht nicht französisch.“
Die fragliche Dame, deren tief eingewurzelte Ueberzeugung es mit jedem Ausländer mehr als aufnehmen zu können, nicht durch Noth oder Gefahr zu erschüttern war, trat mit über einander geschlagenen Armen ein und sagte auf englisch zu dem Racheengel, auf den ihre Blicke zuerst fielen: „Du mit dem frechen Gesicht könntest mir wohl gefallen! ich hoffe Du befindest Dich recht wohl!“ Sie bedachte auch Madame Defarge mit einem britischen Husten, aber keine von Beiden beachtete sie besonders.
„Ist das sein Kind?“ fragte Madame Defarge, indem sie zum ersten Male in ihrer Arbeit inne hielt und mit der Stricknadel auf die kleine Lucie deutete, als wäre sie der Finger des Schicksals.
„Ja, Madame,“ gab Mr. Lorry zur Antwort; „dies ist unseres armen Gefangenen geliebte Tochter und einziges Kind.“
Der Madame Defarge und ihren Begleitern folgende Schatten schien so düster und drohend auf das Kind zu fallen, daß die Mutter unwillkürlich neben dasselbe auf den Fußboden niederkniete, und es an die Brust drückte. Der Madame Defarge und ihren Begleitern folgende Schatten schien dann düster und drohend auf Mutter und Kind zu fallen.
„Es genügt, Defarge,“ sagte Madame Defarge. „Ich habe sie gesehen. Wir können gehen.“
Aber das zurückhaltende Wesen hatte drohendes genug — nicht sichtbar und zur Schau getragen, sondern undeutlich und mehr zu ahnen — um Lucien zu veranlassen zu sagen, während sie mit ihrer bittenden Hand Madame Defarge’s Kleid anfaßte:
„Sie werden gut sein gegen meinen armen Gatten? Sie werden ihm nichts Böses zufügen? Sie werden mich zu ihm bringen, wenn Sie können?“
„Mit Ihrem Gatten habe ich hier Nichts zu thun,“ entgegnete Madame Defarge und sah mit einer nicht aus dem Gleichgewicht zu bringenden Ruhe auf sie herab. „Blos die Tochter Ihres Vaters ist es, die mich hieher führte.“
„So haben Sie um meinetwillen Erbarmen mit meinem Gatten. Um meines Kindes willen! Es soll seine Händchen falten und Sie bitten, Erbarmen zu haben. Wir fürchten Sie mehr als jene Andern.“
Madame Defarge nahm dies als eine Schmeichelei auf und sah ihren Mann an. Defarge, der sich verlegen den Daumennagel zerbissen und sie angesehen hatte, zog sein Gesicht in strengere Falten zusammen.
„Was schreibt Ihr Mann auf dem Zettel?“ fragte Madame Defarge mit einem lauernden Lächeln. „Einfluß? Er sagt etwas von Einfluß?“
„Daß mein Vater in seiner Umgebung viel Einfluß hat,“ sagte Lucie, indem sie den Zettel hastig aus den Busen hervorholte, aber ihre besorgten Blicke nicht auf das Papier, sondern auf die Fragende heftete.
„Das wird ihn schon frei machen!“ sagte Madame Defarge. „Ganz gewiß.“
„Als Weib und Mutter,“ flehte Lucie sie aus tiefsten Herzen an, „bitte ich Sie, Erbarmen mit mir zu haben, und die Macht, die Sie besitzen, nicht gegen meinen schuldlosen Gatten, sondern für ihn zu verwenden! O, denken Sie als ein Kind desselben großen Vaters an mich, denken Sie meiner als Weib und als Mutter!“
Madame Defarge sah die Flehende so kalt wie vorhin an, und sagte dann zu ihrer Freundin, dem Racheengel:
„Die Frauen und Mütter, die wir gesehen haben, seit wir so klein waren wie dieses Kind, und kleiner noch, sind nicht sehr berücksichtigt worden, wie ihre Männer und Väter in den Kerker geworfen wurden und dort lange bleiben mußten? Haben wir nicht unser ganzes Leben lang unsere Schwestern in sich und ihren Kindern Armuth, Nacktheit, Hunger, Durst, Krankheit, Elend, Bedrückung und Vernachlässigung jeder Art erleiden sehen?“
„Wir haben nichts anderes gesehen,“ entgegnete der Racheengel.
„Wir haben dies lange getragen,“ sagte Madame Defarge, zu Lucien gewendet. „Urtheilen Sie selbst! Ist es wahrscheinlich, daß der Kummer einer Frau und Mutter jetzt bei uns von vielem Gewicht sein würde?“
Sie begann wieder zu stricken, und ging hinaus; der Racheengel folgte. Defarge bildete den Schluß und machte die Thüre zu.
„Muth, meine liebe Lucie,“ sagte Mr. Lorry, wie er sie aufhob. „Muth! Muth! so weit geht alles gut — viel, viel besser als es in letzter Zeit vielen Armen gegangen ist. Fassen Sie Muth und danken Sie Gott.“
„Ich vergesse nicht Gott zu danken, hoffe ich, aber dieses schreckliche Weib scheint einen Schatten auf mich und auf alle meine Hoffnungen zu werfen.“
„Beruhigen Sie sich,“ sagte Mr. Lorry. „Woher die Muthlosigkeit in diesem tapfern Herzchen? Es ist in der That ein Schatten! kein Wesen darin, Lucie.“
Aber der Schatten, den das Benehmen dieser Defarges verbreitete, fiel trotz alledem auch auf ihn, und in seinem innersten Herzen war er sehr besorgt darüber.
Viertes Kapitel.
Eine Pause im Sturm.
Dr. Manette kehrte erst am Morgen des vierten Tages seiner Abwesenheit zurück. So viel von dem was in jener schrecklichen Zeit geschehen, als Lucien nur verschwiegen werden konnte, blieb ihr so vollkommen fremd, daß sie erst viel später, als Frankreich und sie weit von einander getrennt waren, erfuhr, daß elf hundert wehrlose Gefangene beider Geschlechter und jedes Alters von dem Volke ermordet, vier Tage und Nächte mit dieser Schreckensthat geschändet worden waren, und daß die Luft, die sie einathmete, die letzten Seufzer der Erschlagenen aufgenommen hatte. Sie wußte nur, daß ein Angriff auf die Gefängnisse stattgefunden, daß alle politischen Gefangene in Gefahr gewesen waren, und daß der Pöbel einige herausgeschleppt und ermordet hatte.
Mr. Lorry erzählte dem Doctor unter der Bedingung strengsten Schweigens, auf der er nicht mit Nachdruck zu verweilen brauchte, daß ihn der Menschenhaufe mitten durch das mordende Gewühl nach dem Gefängniß La Force gebracht hatte. Dort im Gefängniß fand er ein selbsternanntes Gericht sitzen, welchem man die Gefangenen einzeln vorführte, und welches in rascher Folge Befehle ertheilte, sie fortzuschaffen, um sie niederzumetzeln oder sie frei zu lassen, oder (in seltenen Fällen) sie in ihre Zellen zurückzubringen. Von seinen Führern vor dieses Gericht gebracht, hatte er sich demselben als denjenigen genannt, der achtzehn Jahre lang im Geheimen und unverhört Gefangener in der Bastille gewesen; und einer von den zu Gericht Sitzenden war aufgestanden und hatte ihn recognoscirt, und dieser eine war Defarge gewesen.
Darauf hatte er sich in den auf dem Tische liegenden Verzeichnissen versichert, daß sein Schwiegersohn noch unter den lebenden Gefangenen war, und hatte dem Gericht — von welchem einige Mitglieder schliefen, einige wachten, einige befleckt von Mord und einige rein, einige nüchtern waren, und andere nicht — die dringendsten Vorstellungen gemacht, ihm Leben und Freiheit zu schenken. In den ersten tollen Demonstrationen, mit denen er als ein ausgezeichnetes Opfer des gestürzten Systems begrüßt worden war, hatte man ihm die Vorführung und das Verhör Charles Darnay’s vor dem selbst eingesetzten Gericht zugestanden. Er hatte auf dem Punkte gestanden, freigelassen zu werden, als in der zu seinen Gunsten herrschenden Stimmung plötzlich eine dem Doctor nicht verständliche Wendung eingetreten war, welche zu einer kurzen geheimen Berathung geführt hatte. Der Vorsitzende hatte dann Doctor Manette mitgetheilt, daß der Gefangene verhaftet bleiben müßte, aber um seinetwillen für unverletzlich erklärt werden solle. Gleich darauf war auf ein Zeichen der Gefangene wieder in das Innere des Gefängnisses geschafft worden; aber der Doctor hatte so nachdrücklich um Erlaubniß gebeten, da bleiben und sich versichern zu dürfen, daß sein Schwiegersohn weder durch bösen Willen noch durch bösen Zufall den Mordgesellen überliefert würde, deren Geheul vor dem Thore oft die Verhandlungen übertönte, daß er die Erlaubniß erlangte und in der Nähe des Blutgerichts verweilt hatte, bis alle Gefahr vorüber war.
Was er dort neben den kurzen Unterbrechungen von Essen und Schlafen gesehen, soll unerzählt bleiben. Die wahnwitzige Freude über die geretteten Gefangenen hatte ihn kaum weniger in Erstaunen gesetzt, als die wahnwitzige Grausamkeit, mit der die anderen in Stücke zerhackt wurden. Von einem Gefangenen erzählte er, der als frei von dem Gericht entlassen wurde, den aber aus Irrthum ein Wüthrich beim Hinausgehen mit der Pike verwundet hatte. Gebeten ihm beizuspringen und die Wunde zu verbinden, war der Doctor zu demselben Thor hinausgegangen und hatte ihn in den Armen einer Gesellschaft Samariter gefunden, die auf den Leichen ihrer Opfer saßen. Mit einer Inconsequenz, die so ungeheuerlich wie alles andere in dieser wie ein böser Traum verschwimmenden Nacht war, hatten sie dem Arzt geholfen und den Verwundeten mit sanfter Hand gepflegt — hatten eine Tragbahre für ihn gemacht und ihn sorglich von dannen getragen — und dann wieder zu ihren Waffen gegriffen, und von Neuem eine so gräßliche Metzelei begonnen, daß der Doctor sich die Augen mit den Händen zugedeckt hatte und in Ohnmacht gesunken war.
Wie Mr. Lorry sich dieses erzählen ließ, und das Gesicht seines jetzt zweiundsechzig Jahre alten Freundes beobachtete, entstand in ihm eine bange Besorgniß, daß so schaudererregende Erlebnisse die alte Gefahr zurückbringen könnten. Aber er hatte seinen Freund noch nie in seiner gegenwärtigen Erscheinung gesehen; er hatte ihn nie in seinem gegenwärtigen Charakter gekannt. Zum erstenmale fühlte jetzt der Doctor, daß sein Leiden Stärke und Macht war. Zum erstenmale fühlte er, daß er in diesem scharfen Feuer langsam das Eisen geschmiedet hatte, womit er die Kerkerthür des Gatten seiner Tochter aufbrechen und ihn befreien konnte. „Es hat alles zu einem guten Ziele geführt, mein Freund; es war nicht alles rein verloren. Wie mein geliebtes Kind mir geholfen hat, mich selbst wieder zu finden, will ich ihr jetzt helfen, ihr das liebste was sie hat zurückzugeben; mit Gottes Hülfe will ich es ausführen!“ so sprach Dr. Manette. Und als Jarvis Lorry die funkelnden Augen, das entschlossene Gesicht, die ruhige selbstbewußte Haltung des Mannes sah, dessen Leben, wie es ihm immer schien, wie eine Uhr so viele Jahre still gestanden, und dann wieder mit einer Energie zu gehen angefangen, die, während sein nützliches Wirken unterbrochen war, geschlummert hatte, da glaubte er es.
Größeres als dem Doctor damals zu bekämpfen oblag, hätte vor seiner Ausdauer nachgegeben. Während er an seinem Posten blieb als ein Arzt, der mit Menschen jeder Art, mit Gefangenen und Freien, mit Reichen und Armen, Guten und Schlimmen zu thun hat, benutzte er seinen persönlichen Einfluß so klug, daß er sehr bald der inspicirende Arzt von drei Gefängnissen und unter diesen von La Force war. Er konnte jetzt Lucien versichern, daß ihr Gatte nicht länger allein saß, sondern sich unter der allgemeinen Gesellschaft der Gefangenen befand; er sah ihren Gatten allwöchentlich und überbrachte ihr unmittelbar von seinem Munde zärtliche Botschaften; manchmal schickte er ihr einen Brief (obgleich nie durch Vermittelung des Doctors), aber sie durfte ihm nicht wieder schreiben; denn unter den vielen abenteuerlichen Besorgnissen vor Verschwörungen in den Gefängnissen, wiesen die allerabenteuerlichsten auf Emigranten hin, die Freunde und dauernde Verbindungen im Auslande hatten.
Dies neue Leben des Doctors war allerdings ein sorgenvolles Leben; aber der scharfblickende Mr. Lorry erkannte, daß ein neuer ihn aufrecht erhaltender Stolz damit verbunden war. Nichts unzukömmliches hatte dieser Stolz; es war ein natürliches und würdiges Gefühl; aber er beobachtete ihn als eine Merkwürdigkeit. Der Doctor wußte, daß bisher in den Gedanken seiner Tochter und seines Freundes seine Einkerkerung sich nicht von seinen persönlichen Leiden und Schwächen hatte trennen lassen. Jetzt war dies anders geworden und er wußte sich durch diese alte Prüfung mit Kräften ausgestattet, von welchen sie Beide für Charles Sicherheit und Freiheit erwarteten, und diese Veränderung hob seinen Geist so, daß er die Anführung und Leitung übernahm und von ihnen, als den Schwachen, verlangte ihm, als den Starken, zu vertrauen. Die Stellung, welche er und Lucie früher gegen einander einnahmen, war umgekehrt, aber nur wie die lebhafteste Dankbarkeit und Liebe sie umkehren konnten, denn er hätte sich nur erhoben fühlen können, ihr einen Dienst zu leisten, die ihm so viel geleistet hatte. „Ein merkwürdiges Schauspiel,“ dachte Mr. Lorry in seiner liebenswürdig schlauen Weise, „aber ganz natürlich und richtig; also übernehmen Sie die Führung, bester Freund, und behalten Sie dieselbe; sie könnte nicht in bessern Händen sein.“
Aber obgleich der Doctor keine Anstrengungen sparte, und nie zu versuchen aufhörte Charles Darnay die Freiheit zu verschaffen, oder ihn wenigstens vor Gericht zu bringen, so ging doch die allgemeine Strömung der Zeit zu schnell und stark gegen ihn. Die neue Aera begann; der König war gerichtet, verurtheilt und enthauptet; die Republik Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod, stand für Sieg oder Tod gegen die Welt in Waffen; die schwarze Fahne wehete Tag und Nacht von den großen Thürmen von Notre-Dame; dreihunderttausend Mann, aufgerufen sich gegen die Tyrannen zu erheben, erhoben sich aus allen den verschiedenen Landstrichen Frankreichs, als ob die Drachenzähne mit voller Hand ausgesäet worden und überall, im Thal und auf den Bergen, auf dem Fels, im Sand und im Schlamm, unter dem lächelnden Himmel des Südens, und unter den Wolken des Nordens, in Wald und Haide, in Weinbergen und Olivengärten, unter dem verkümmerten Gras und den Stoppeln, auf den fruchtbaren Ufern der breiten Ströme, und dem Geröll des Seestrandes Frucht getragen hätten. Welche Privatsorge konnte gegen die Sündfluth des Jahres Eins der Freiheit Stand halten — gegen die Sündfluth, die von unten in die Höhe stieg, und nicht von oben kam, vor der die Fenster des Himmels geschlossen waren, nicht offen standen!
Es war kein Stillstand, kein Erbarmen, kein Friede, kein Zwischenraum abspannender Rast, kein Abmessen der Zeit. Obgleich Tage und Nächte so regelmäßig ihren Kreislauf verfolgten, als damals, wo die Zeit noch jung war und aus Abend und Morgen der erste Tag ward, gab es doch keine andere Zeitrechnung. Der Sinn dafür ging in dem rasenden Fieber eines ganzen Volkes verloren, ganz so wie es in dem Fieber eines einzelnen Kranken geschieht. Jetzt ward das unnatürliche Schweigen einer ganzen Stadt unterbrochen, und der Scharfrichter zeigte dem Volke den Kopf des Königs — und jetzt, es schien fast in demselben Athemzuge, den Kopf seiner schönen Gemahlin, deren Haar in acht langen Monaten eingekerkerter Wittwenschaft voller Jammer und Noth grau geworden war.
Und dennoch, gehorsam dem seltsamen Gesetz des Widerspruchs, welches in allen solchen Fällen herrscht, war die Zeit lang, während sie so rasch vorbei sauste. Ein Revolutionsgericht in der Hauptstadt und vierzig oder fünfzigtausend Revolutionsausschüsse über das ganze Land verbreitet; ein Verdächtigengesetz, welches alle Sicherheit für Freiheit oder Leben wegnahm, und jeden Guten und Unschuldigen in die Hand jedes Schlechten und Schuldigen gab; Gefängnisse, vollgestopft von Leuten, die kein Verbrechen begangen hatten und kein Gehör erlangen konnten; alles dieses wurde festbegründete Ordnung und sich von selbst verstehendes Herkommen, und schien alter Brauch zu sein, bevor es viele Wochen alt war. Vor allem wurde das Auge mit einem scheußlichen Anblick so vertraut, als hätte es ihn vom Anfang der Welt an alle Tage gesehen — mit dem Anblick des scharfen Frauenzimmers, genannt La Guillotine!
Es war der allgemein beliebte Gegenstand für Scherze; sie war das beste Mittel für Zahnweh, sie war ein unfehlbarer Schutz vor dem Grauwerden der Haare, sie gab der Gesichtsfarbe eine eigenthümliche Zartheit, sie war das Nationalrasirmesser, welches sehr glatt rasirte; wer La Guillotine küßte, gukte durch das Fensterchen, und nießte in den Sack. Sie war das Zeichen der Wiedergeburt des Menschengeschlechts. Sie trat an die Stelle des Kreuzes. Kleine Guillotinen trugen Leute auf der Brust, von welchen das Kreuz verschwunden war, und man beugte sich vor der Guillotine und glaubte an sie, wo man das Kreuz verleugnete.
Sie hatte so viele Köpfe abgeschlagen, daß ihr Gestell und die Stelle, wo sie am meisten wüthete, von Blut durchtränkt war. Sie wurde auseinander genommen, wie ein künstliches Spielzeug für einen jungen Teufel, und wieder zusammengesetzt, wo man sie brauchte. Sie brachte den Beredtsamen zum Schweigen, schlug den Mächtigen nieder, vernichtete die Schönen und Guten. Zweiundzwanzig Freunden von hohem Ansehen im öffentlichen Leben, einundzwanzig Lebendigen und einem Todten, hatte sie an einem Morgen in ebenso viel Minuten die Köpfe abgeschlagen. Der oberste Beamte, der sie in Bewegung setzte, hatte den Namen des starken Mannes im alten Testament geerbt; aber so bewaffnet war er stärker als sein Namensvetter und blinder, und trug alltäglich die Thore von Gottes eignem Tempel fort.
Unter diesem Schrecken und dem Gezücht, das davon lebte, wandelte der Doctor in ruhiger Fassung einher — voller Vertrauen in seine Macht, vorsichtig ausdauernd in seinem Ziel, nie bezweifelnd, daß er Luciens Gatten schließlich retten werde. Aber der Strom der Zeit schoß so stark und tief vorbei, und riß die Zeit so ungestüm mit sich fort, daß Charles bereits ein Jahr und drei Monate im Gefängniß schmachtete, als der Doctor immer noch so voll ruhiger Zuversicht war. So viel bösartiger und wüthender war die Revolution in diesem Decembermonat geworden, daß die Flüsse im Süden sich von den Leichen der während der Nacht gewaltsam Ertränkten verstopften, und unter der südlichen Wintersonne Gefangene in Reihen und Vierecken niedergeschossen wurden. Immer noch wandelte der Doctor unter den Greueln mit ruhiger Fassung dahin. In dem Paris jener Zeit war Niemand besser als er bekannt; Niemand war in einer seltsameren Stellung. Schweigsam, menschenfreundlich, unentbehrlich im Hospital und Gefängniß, seine Kunst gleichmäßig unter Mördern und Opfern ausübend, war er ein Mann für sich. In der Ausübung seiner Kunst schied ihn das Aussehen und die Geschichte des Bastillegefangenen weit von allen andern Menschen. Er wurde nicht verdächtig oder in Frage gestellt, ebenso wenig als ob er vor etwa achtzehn Jahren auferstanden wäre, oder als Geist sich unter den Sterblichen bewegte.
Fünftes Kapitel.
Der Holzmacher.
Ein Jahr und drei Monate. Während dieser ganzen Zeit war Lucie jede Stunde jedes Tages nicht sicher, ob nicht am nächsten Morgen das Haupt ihres Gatten unter der Guillotine fallen würde. Jeden Tag rollten durch die gepflasterten Straßen schwerfällig die Karren mit Verurtheilten angefüllt. Schöne Mädchen, glänzende Frauen mit braunen, schwarzen und grauen Locken; Jünglinge; kräftige Männer und Greise; Edelleute und Bauern; lauter rother Wein für La Guillotine, alltäglich an’s Tageslicht gebracht aus den dunkeln Kellern der scheußlichsten Gefängnisse und ihr durch die Straßen zugeführt, damit sie ihren verzehrenden Durst lösche. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod; — letzterer am allerleichtesten von dir zu schaffen, o Guillotine!
Wenn das plötzliche Eintreten des Unglücks und die brausenden Räder der Zeit die Tochter des Doctors so betäubt hätten, daß sie den Ausgang in thatloser Verzweiflung abgewartet hätte, so wäre es ihr wie vielen andern gegangen. Aber von der Stunde an, wo sie in der Dachkammer Saint Antoine das weiße Haupt an ihren frischen Busen gedrückt, war sie ihren Pflichten treu geblieben. Sie war ihnen am treuesten in der Prüfungszeit, wie es bei allen im Stillen guten und loyalen Herzen immer sein wird.
Sobald sie in ihrer neuen Wohnung sich eingerichtet hatten, und ihr Vater von Neuem alltäglich seinem Berufe lebte, ordnete sie den kleinen Haushalt genau so als ob ihr Gatte bei ihnen sei. Alles hatte seinen bestimmten Ort und seine bestimmte Zeit. Der kleinen Lucie gab sie so regelmäßig Unterricht, als wären sie alle in ihrem englischen Heimwesen vereinigt. Die kleinen Kunstgriffe, mit welchen sie sich selbst in einen Schein des Glaubens hineinheuchelte, daß sie bald wieder bei einander sein würden — die kleinen Vorbereitungen für seine baldige Wiederkehr, das Hinsetzen seines Stuhles, und das Hinlegen seiner Bücher — diese und Abends das inbrünstige Gebet für einen geliebten Gefangenen insbesondere unter den vielen Unglücklichen im Kerker und im Schatten des Todes — waren fast die einzigen ausgesprochenen Erleichterungen, die sie ihrem schweren Herzen gönnte.
In ihrem Aussehen veränderte sie sich wenig. Die einfachen dunkeln Kleider, fast wie Trauertracht, in welchen sie und ihr Kind einhergingen, waren so schmuck und gut gehalten, wie die prächtigern Kleider glücklicherer Tage. Sie verlor an Farbe, und der alte Ausdruck der Spannung war fortwährend und nicht gelegentlich auf ihrem Gesicht zu sehen, im Uebrigen blieb sie sehr hübsch und anmuthig. Manchmal, wenn sie des Nachts den Vater küßte, brach der Schmerz hervor, den sie den ganzen Tag unterdrückt hatte, und sie sagte ihm, daß er unter dem Himmel ihr einziger Verlaß sei. Er antwortete immer entschlossen: „Nichts kann ihm geschehen, ohne daß ich es weiß, und ich weiß daß ich ihn retten kann, Lucie.“
Sie hatten noch nicht viele Wochen ihr neues Leben geführt, als ihr Vater eines Abends beim Nachhausekommen zu ihr sagte:
„Meine Gute, es ist im Gefängniß ein hohes Fenster, zu welchem Charles um drei Uhr Nachmittags manchmal Zutritt finden kann. Wenn er hin gelangen kann — was von vielen Ungewißheiten und Zufälligkeiten abhängt, — könnte er, glaubt er, Dich auf der Straße sehen, wenn Du Dich an einen gewissen Ort stellst, den ich Dir zeigen kann. Aber, meine arme Lucie, Du wirst ihn nicht sehen können, und selbst wenn es der Fall wäre, wäre es gefährlich für Dich ein Erkennungszeichen zu geben.“
„O, zeige mir die Stelle, Vater, und ich will jeden Tag hingehen.“
Von dieser Zeit an wartete sie dort in jeder Witterung zwei Stunden. Mit dem Glockenschlag Zwei war sie dort, und um Vier ging sie resignirten Gemüthes nach Hause. Wenn es nicht zu naß oder zu kalt für ihr Kind war, nahm sie es mit, zu andern Zeiten war sie allein; aber sie blieb keinen einzigen Tag aus.
Die Stelle war die dunkle und schmutzige Ecke eines krummen Gäßchens. Die Hütte eines Mannes, der Brennholz zersägte, war das einzige Haus an diesem Ende; alles übrige war Mauer. Am dritten Tage ihres Hinkommens nahm er Notiz von ihr.
„Guten Tag, Bürgerin.“
„Guten Tag, Bürger.“
Diese Form der Anrede war jetzt durch Decret vorgeschrieben. Sie war schon vor einiger Zeit unter den gesinnungstüchtigen Patrioten freiwillig eingeführt worden, war aber jetzt für Jedermann Gesetz.
„Gehen wieder hier spatzieren, Bürgerin?“
„Wie Sie sehen, Bürger!“
Der Holzmacher, der ein kleiner Mann von lebhaftem Geberdenspiel war (er war früher einmal Straßenarbeiter gewesen), sah hinauf nach dem Gefängniß, deutete mit dem Finger hin, hielt dann seine zehn Finger vor das Gesicht, um Eisenstäbe darzustellen, und blickte lachend hindurch.
„Aber es ist nicht meine Sache,“ sagte er und sägte weiter.
Am nächsten Tag erwartete er sie, und redete sie an sowie sie kam.
„Was! wieder hier spatzieren gehen, Bürgerin?“
„Ja, Bürger!“
„Ah! und mit einem Kinde. Deine Mutter, nicht wahr, kleine Bürgerin?“
„Soll ich ja sagen, Mama?“ flüsterte die kleine Lucie, und drängte sich dichter an die Mutter.
„Ja, liebes Kind.“
„Ja, Bürger.“
„Ach! aber es ist nicht meine Sache. Meine Arbeit ist meine Sache. Sehen Sie meine Säge! Ich nenne sie meine kleine Guillotine. La la la! la la la! und runter ist sein Kopf!“
Das abgesägte Stück Holz fiel zu Boden, wie er sprach, und er warf es in einen Korb.
„Ich nenne mich den Samson der Brennholz-Guillotine. Sehen Sie wieder her! Lu lu lu; lu lu lu! und runter ist ihr Kopf! Jetzt ein Kind. La la la; la la la! und runter ist sein Kopf. Die ganze Familie!“
Lucien überlief ein Schauder, wie er noch zwei Holzstücke in den Korb warf, aber wenn sie überhaupt herkommen wollte, während der Holzmacher arbeitete, mußte sie in seinem Gesichtsbereich sein. Daher redete sie ihn von nun an stets zuerst an, und gab ihm oft ein Trinkgeld, das er gern annahm, um ihn bei guter Stimmung zu erhalten.
Er war ein neugieriger Bursch, und manchmal, wenn sie ihn über dem Hinsehen auf die Gefängnißdächer und Gitter und im Erheben ihres Herzens zu ihrem Gatten ganz und gar vergessen hatte, entdeckte sie plötzlich, daß er, die Knie auf die Bank gestützt und die Säge ruhen lassend, sie betrachtete. „Aber es ist nicht meine Sache!“ sagte er meistens bei diesen Gelegenheiten, und fing rasch wieder zu sägen an.
In jedem Wetter, im Schnee und in der Kälte des Winters, in den schneidenden Winden des Frühlings, im heißen Sonnenschein des Sommers, im Regen des Herbstes, und wieder im Schnee und in der Kälte des Winters, verbrachte Lucie alltäglich zwei Stunden auf dieser Stelle; und jeden Tag beim Fortgehen küßte sie die Gefängnißmauer. Ihr Gatte sah sie (wie sie von ihrem Vater erfuhr) vielleicht alle fünf- bis sechsmale; zuweilen zwei- oder dreimal hintereinander; zuweilen aber auch eine Woche oder vierzehn Tage gar nicht. Es war genug, daß er sie, wenn alles gut ging, sehen konnte und sah, und auf diese Möglichkeit hin hätte sie die ganze Woche lang jeden Tag bis zum Abend ausgeharrt.
So verging die Zeit bis zum December, unter dessen Schrecken ihr Vater ruhigen Muthes einher ging. Eines Nachmittags als es ein wenig schneiete, traf sie an ihrer gewöhnlichen Ecke ein. Es war ein Tag wilden Jubels und ein Festtag. Auf dem Hinweg hatte sie die Häuser mit kleinen Piken, auf welche kleine rothe Mützen gesteckt waren, geschmückt gesehen; auch mit dreifarbigen Bändern und mit der überall sichtbaren Inschrift (dreifarbige Buchstaben waren die beliebtesten) „Eine und untheilbare Republik, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod!“
Die elende Bude des Holzmachers war so klein, daß ihre ganze Fläche für diese Inschrift sehr kärglichen Raum darbot. Er hatte sie jedoch sich von Jemanden schreiben lassen, der „Tod“ mit höchst unangemessener Schwierigkeit hineingequetscht hatte. Auf dem Dache prangte Pike und Mütze, wie es sich für einen guten Bürger geziemte, und in einem Fenster stand seine Säge, von der Aufschrift seine „kleine heilige Guillotine“ genannt — denn das Volk hatte jetzt das große scharfe Frauenzimmer kanonisirt. Sein Laden war geschlossen, und er war nicht da, was eine Erleichterung für Lucien war, und ihr gestattete allein zu bleiben.
Aber er war nicht weit weg, denn gleich darauf hörte sie das Lärmen und Brüllen eines sich nähernden Menschenhaufens, das sie mit Bangen erfüllte. Einen Augenblick später strömte ein wildes Gewühl um die Ecke der Gefängnißmauer, und in der Mitte desselben sah man den Holzmacher mit dem Racheengel Hand in Hand. Es konnten nicht weniger als fünfhundert Menschen sein, und sie tanzten wie fünftausend Dämonen. Sie hatten keine andere Musik, als ihren eigenen Gesang. Sie tanzten nach dem beliebten Revolutionslied in einem wilden Takt, der einem Zähneknirschen im Einklange glich. Männer und Frauen tanzten mit einander, Frauen tanzten mit einander, Männer tanzten mit einander, wie der Zufall sie zusammengeführt hatte. Anfangs war es blos ein Gewühl von rothen Mützen und schlechten wollenen Lumpen, aber wie die Straße voll wurde und der Tanz sich Lucien näherte, wurde das schauerliche Gespenst einer toll gewordenen Tanztour unter dem Haufen sichtbar. Die Einzelnen avancirten, retirirten, schlugen sich einander an die Hände, packten einander bei dem Kopfe, drehten sich allein im Kreise, faßten einander und drehten sich paarweise, bis viele von ihnen erschöpft hinsanken. Während diese liegen blieben, gaben sich die Uebrigen die Hand, und alle tanzten im Kreise herum; dann löste sich der Reigen, und in besonderen Kreisen von Zweien und Vieren drehten sie sich weiter, bis alle auf einmal still standen, wieder anfingen, in die Hände klatschten, sich packten und fortrissen, und dann in umgekehrter Richtung fortwirbelten. Plötzlich blieben sie wieder stehen, fingen mit einem neuen Takt an, bildeten Reihen die Straße entlang, und schossen mit tiefgesenkten Köpfen, und hoch in die Luft gehobenen Händen, wild heulend von dannen. Es war so in vollstem Sinne ein gefallener Tanz — ein ehedem unschuldiges Ding, das jetzt jeder Teufelei anheim gegeben war — eine ehedem gesunde Zerstreuung, jetzt zu einem Mittel geworden, das Blut zu entzünden, die Sinne zu verwirren, und das Herz zu verhärten. Die Grazie, die sich dabei noch zeigte, machte es nur um so häßlicher, denn sie verrieth, wie verkehrt und verderbt alle von Natur guten Dinge werden können. Der in diesen Tanz entblößte Jungfrauenbusen, der fast noch dem Kindesalter angehörige hübsche Kopf, der sich in dem Wahnwitz erhitzte, der zarte Fuß, der in diesem Sumpf von Blut und Schmutz tänzelte, waren Typen der aus den Gliedern gerenkten Zeit.
Das war die Carmagnole. Wie sie vorübersauste und Lucie mit Schrecken erfüllt und verwirrt in der Thür des Holzmachers stehen blieb, schwebten die Schneeflocken so ruhig herunter, und lagen so weich und weiß da, als ob das Ding nie gewesen wäre.
„Ach, mein Vater!“ denn er stand vor ihr, als sie die Augen wieder aufschlug, die sie eine Secunde mit der Hand zugedeckt hatte, „ein so entsetzliches, schlimmes Schauspiel.“
„Ich weiß, meine Liebe, ich weiß. Ich habe es viele Male gesehen. Beruhige Dich! keiner von ihnen würde Dir ein Leid zufügen.“
„Ich bin meinetwegen nicht unruhig, Vater. Aber wenn ich an meinen Gatten denke, und an die Barmherzigkeit dieser Leute —“
„Er wird sehr bald von ihrer Barmherzigkeit absehen können. Ich verließ ihn, als er zum Fenster hinaufkletterte, und ich komme es Dir zu sagen. Es kann uns hier Niemand sehen. Du kannst dort nach jenem höchsten schrägen Dach eine Kußhand schicken.“
„Ich thue es, Vater, und schicke ihm meine Seele mit hinauf!“
„Du kannst ihn nicht sehen, meine arme Lucie?“
„Nein. Vater,“ sagte Lucie mit heißen Thränen ihre Hand küßend, „nein.“
Schritte im Schnee. Madame Defarge. „Ich grüße Sie, Bürgerin,“ vom Doctor. „Ich grüße Sie, Bürger.“ Dies im Vorbeigehen. Nichts weiter. Madame Defarge ist verschwunden wie ein Schatten über den weißen Weg.
„Gieb mir den Arm, liebe Lucie. Geh seinetwegen mit heiterem und muthigem Gesicht von hier fort. Das war gut gemacht!“ Sie hatten den Ort verlassen; „es ist nicht umsonst. Charles ist für Morgen vorgeladen.“
„Für Morgen!“
„Es ist keine Zeit zu verlieren. Ich bin gut vorbereitet, aber es sind Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, die nicht ergriffen werden konnten, bevor er nicht wirklich vor Gericht gefordert war. Er hat die Ladung nicht bekommen, aber ich weiß, daß er sie noch in dieser Stunde erhalten, und nach der Conciergerie gebracht werden wird; ich habe frühzeitige Nachrichten. Du fürchtest Dich nicht?“
Sie konnte kaum antworten, „ich vertraue auf Dich.“
„Du kannst das unbedingt thun. Die Ungewißheit ist nun bald vorüber, mein Herz; Du wirst ihn binnen wenigen Stunden wiedersehen; ich habe ihn mit jedem möglichen Schutz umgeben. Ich muß Lorry sprechen.“
Er hielt inne. Man hörte ein dumpfes Rollen von Wagen in der Nähe. Beide wußten nur zu gut, was es bedeutete. Eins. Zwei. Drei. Drei Karren fuhren dahin über den weichen Schnee, mit ihrer dem Tode geweiheten Ladung.
„Ich muß Lorry sprechen;“ wiederholte der Doctor, indem er mit ihr in einer andern Richtung fortging.
Der wackere alte Herr war immer noch auf seinem Vertrauensposten, hatte ihn überhaupt nie verlassen. Er und seine Bücher wurden häufig über confiscirtes und zum Nationalgut geschlagenes Eigenthum zu Rathe gezogen. Was er den Eigenthümern retten konnte, rettete er. Es gab keinen unter den Lebenden, der besser bei dem aushielt, was Tellsons in Verwahrung hatten, und zu schweigen verstand.
Ein trüber roth und gelber Himmel, und ein von der Seine aufsteigender Nebel verkündete die nahende Dunkelheit. Es war fast Nacht, als sie die Bank erreichten. Der stattliche Palast Monseigneurs war ganz und gar verödet und verlassen. Ueber einem Haufen Staub und Asche im Hofe las man die Inschrift: „National-Eigenthum. Eine und untheilbare Republik. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod.“
Wer mochte das sein bei Mr. Lorry — der Besitzer des Reitüberrockes auf dem Stuhle — der nicht gesehen werden durfte? Von welchem neuen Ankömmling kam er heraus, aufgeregt und überrascht, um seinen Liebling in die Arme zu schließen? Wem wiederholte er ihre gestammelten Worte, als er mit gehobener Stimme, und den Kopf nach der Thür des Zimmers wendend, aus dem er gekommen war, sagte: „Nach der Conciergerie gebracht und für Morgen vorgeladen!“
Sechstes Kapitel.
Triumph.
Das gefürchtete Tribunal von fünf Richtern, dem öffentlichen Ankläger und den kurz weg sich entschließenden Geschworenen, saß jeden Tag. Jeden Abend erließen sie ihr Requisitionsverzeichniß, das von den Schließern der verschiedenen Gefängnisse ihren Gefangenen vorgelesen ward. Der stehende Schließerwitz war: „Ihr da drinnen, kommt heraus, und hört die Abendzeitung vorlesen!“
„Charles Evrémonde, genannt Darnay!“
So begann endlich die Abendzeitung in La Force.
So wie ein Name gerufen war, stellte sich sein Besitzer auf eine Denjenigen vorbehaltene Stelle, welche auf der verhängnißvollen Liste verzeichnet standen. Charles Evrémonde, genannt Darnay, hatte Grund die Sitte zu kennen; er hatte Hunderte so verschwinden sehen.
Der Schließer von aufgedunsenem Aussehen, der zum Lesen eine Brille trug, sah über dieselbe hinweg, um sich zu vergewissern, daß er auf seinen Platz getreten war, und las das Verzeichniß zu Ende, wobei er bei jedem Namen eine ähnliche kurze Pause machte. Es waren dreiundzwanzig Namen, aber nur zwanzig meldeten sich dazu; denn einer von den vorgeladenen Gefangenen war in dem Gefängniß gestorben und vergessen worden, und zwei waren bereits guillotinirt und ebenfalls vergessen. Das Verzeichniß wurde in dem gewölbten Raume verlesen, wo Darnay in der Nacht seiner Ankunft die versammelten Gefangenen gesehen hatte. Diese waren sämmtlich in der Metzelei umgekommen; jedes Menschenkind, um das er sich seither gekümmert, und das er seither hatte scheiden sehen, war auf dem Schaffot gestorben.
Es wurden einige Worte des Lebewohls und der Freundschaft gewechselt, aber der Abschied war bald vorüber. Es war ein alltägliches Ereigniß, und die Gesellschaft von La Force war mit Vorbereitungen zu Pfänderspielen und einem kleinen Concert für diesen Abend beschäftigt. Sie drängten sich an die Gitter und vergossen dort Thränen, aber es waren zwanzig Rollen in der beabsichtigten Abendunterhaltung neu zu besetzen, und die Zeit war nur kurz bis zur Schlußstunde, wo die gemeinsamen Zimmer und Corridore den großen Hunden überlassen wurden, welche dort während der Nacht Wache hielten. Die Gefangenen waren durchaus nicht gefühllos oder hartherzig; ihr Benehmen entstand nur in Folge der Bedingungen des Lebens jener Zeit. Ebenso, obgleich mit einem feinen Unterschied, war eine Art Begeisterung oder Rausch, der einige, wie wohl bekannt ist, verlockt hat, unnöthiger Weise die Guillotine herauszufordern, und durch sie zu sterben, nicht bloße Prahlerei, sondern manchmal Ansteckung der merkwürdig erschütterten öffentlichen Stimmung. In Pestzeiten fühlen sich manche Menschen im geheimen von der Krankheit angezogen, und fühlen einen entsetzlichen Drang, daran zu sterben. Und wir alle haben in unserer Brust ähnliche Wunder verborgen, die nur auf die geeigneten Umstände warten, um geweckt zu werden.
Der Weg nach der Conciergerie war kurz und dunkel; die Nacht in ihren von Ungeziefer behafteten Zellen war lang und kalt. Am andern Morgen erschienen funfzehn Gefangene vor den Schranken, ehe Charles Darnay aufgerufen ward. Alle Funfzehn wurden verurtheilt, und ihr Proceß hatte keine anderthalb Stunde gedauert.
Charles Evrémonde, genannt Darnay, erschien endlich vor Gericht.
Seine Richter saßen in Federhüten auf der Bank; aber die grobwollene rothe Mütze und die dreifarbige Cocarde waren der im Uebrigen vorherrschende Kopfputz. Wenn er die Geschwornen und die lärmende Zuhörerschaft betrachtete, hätte er meinen können, daß die gewöhnliche Ordnung der Dinge verkehrt sei, und die Verbrecher über die ehrlichen Leute zu Gericht säßen. Der niedrigste und grausamste Pöbel einer Stadt, die nie ohne eine Masse von niedrigen, grausamen und bösartigen Elementen ist, spielte die Hauptrolle, mischte sich lärmend in die Verhandlung, theilte Beifall und Tadel aus, und beschleunigte das Resultat ohne daß ihm Jemand hemmend in den Weg trat. Von den Männern war der größte Theil auf verschiedene Weise bewaffnet: von den Frauen trugen einige Messer, andere Dolche, einige aßen und tranken, während sie zusahen, viele strickten. Unter diesen letztern befand sich eine, die, während sie arbeitete, ein Stück gestricktes Zeug in Vorrath unter dem Arme hatte. Sie saß in der vordersten Reihe neben einem Manne, den er seit seiner Ankunft im Thore nicht wieder gesehen, den er aber sogleich als Defarge erkannte. Er bemerkte, daß sie ihm ein- oder zweimal in’s Ohr flüsterte, und daß sie seine Frau zu sein schien; aber was ihm an den beiden Gestalten am meisten auffiel, war, daß sie, obgleich sie in seiner nächsten Nähe saßen, ihn niemals anblickten. Sie schienen mit trotziger Entschlossenheit auf Etwas zu warten, und sahen die Geschwornen an, aber sonst Niemanden. Unter dem Präsidenten saß Doctor Manette in seiner gewöhnlichen einfachen Tracht. So weit der Gefangene sehen konnte, waren er und Mr. Lorry außer dem zum Gericht gehörigen Personen die Einzigen, welche ihre gewöhnlichen Kleider trugen, und nicht in der Carmagnolentracht einhergingen.
Charles Evrémonde, genannt Darnay, ward von den öffentlichen Anklägern vor Gericht gestellt als Emigrant, dessen Leben kraft des Decretes, welches alle Emigranten bei Todesstrafe verbannte, der Republik verfallen war. Es war gleichgültig, daß das Decret nach seiner Rückkehr nach Frankreich erlassen war. Hier war er, und dort war das Decret; er war in Frankreich festgenommen worden, und man verlangte seinen Kopf.
„Schlagt ihm den Kopf ab!“ brüllte die Zuhörerschaft. „Er ist ein Feind der Republik!“
Der Präsident klingelte, um das Geschrei zu beschwichtigen, und fragte den Gefangenen, „ob es nicht wahr sei, daß er viele Jahre in England gelebt habe?“
„Allerdings war dies der Fall.“
„Ob er nicht damals ein Emigrant gewesen? Wie er sich genannt habe?“
„Nicht Emigrant im Sinne und Geiste des Gesetzes, hoffe er.“
„Warum nicht?“ wünschte der Präsident zu wissen.
„Weil er freiwillig einen Titel und eine Stellung aufgegeben, die ihm Abneigung eingeflößt, und sein Vaterland verlassen habe — er erlaube sich zu bemerken, bevor das Wort Emigrant in seinem gegenwärtig von dem Gericht angenommenen Sinne in Gebrauch gewesen sei — um lieber von seiner eignen Arbeit in England, als von der Arbeit eines überbürdeten Volkes in Frankreich zu leben.“
„Welche Beweise er dafür habe?“
Er nannte die Namen von zwei Zeugen. Theophil Gabelle und Alexander Manette.
„Aber er habe sich in England verheirathet?“ erinnerte ihn der Präsident.
„Allerdings, aber nicht mit einer Engländerin.“
„Mit einer Bürgerin von Frankreich?“
„Ja, von Geburt.“
„Ihr Name und ihre Familie!“
„Lucie Manette, einzige Tochter des Doctor Manette, des guten Arztes, der dort sitzt.“
Diese Antwort machte einen glücklichen Eindruck auf die Versammlung. Ausrufe zum Wohle des wohlbekannten guten Arztes erschütterten den Gerichtssaal. So launenhaft war das Volk bewegt, daß sofort Thränen aus mehreren grausamen Augen rollten, die eben noch den Gefangenen wüthend angestiert hatten, als brennten sie vor Ungeduld, ihn auf die Straße hinauszuschleppen und todt zu schlagen.
Auf diesen wenigen Schritten seines gefährlichen Weges hatte Charles Darnay seinen Fuß genau nach Doctor Manette’s wiederholten Verhaltungsbefehlen gesetzt. Derselbe vorsichtige Rathgeber lenkte jeden Schritt, der noch vor ihm lag, und hatte jeden Zoll seines Weges vorbereitet.
Der Präsident fragte „warum er nach Frankreich, gerade zu diesem Zeitpunkte, und nicht früher zurückgekehrt sei?“
„Er sei nicht eher zurückgekehrt,“ gab er zur Antwort, „einfach weil er keine andern Subsistenzmittel, außer den aufgegebenen in Frankreich, besessen habe; während er in England sich durch Unterricht ertheilen in der französischen Sprache und Literatur ernährt habe. Er sei zurückgekehrt auf die dringende und schriftliche Bitte eines französischen Bürgers, der ihm gemeldet habe, sein Leben sei durch seine Abwesenheit gefährdet. Er sei zurückgekehrt, um das Leben eines Bürgers zu retten, und auf jede persönliche Gefahr hin Zeugniß für die Wahrheit abzulegen. Sei dies ein Verbrechen in den Augen der Republik?“
Der Pöbel rief voller Begeisterung „nein“ und der Vorsitzende schellte, um Schweigen zu erlangen, was ihm nicht gelang, denn er fuhr fort zu schreien „nein“ bis er nach eigenem Belieben aufhörte.
Der Präsident verlangte den Namen dieses Bürgers zu wissen? Der Angeklagte erklärte dieser Bürger sei sein erster Zeuge. Er berief sich auch zuversichtlich auf den Brief des Bürgers, den man ihn am Thore abgenommen und den man jedenfalls unter den vor dem Vorsitzenden liegenden Papieren finden werde.
Der Doctor hatte Sorge getragen und sich versichert, daß er dort war — und in diesem Stadium der Verhandlung wurde er vorgelegt und verlesen. Der Vorsitzende rief den Bürger Gabelle auf, damit er sich zu dem Briefe bekenne, und er that es. Bürger Gabelle deutete mit außerordentlicher Zartheit und Höflichkeit an, daß er in Folge des Geschäftsdranges, unter welchem das Gericht in Folge der großen Zahl der von ihm zu verurtheilenden Feinde der Republik lebe, einigermaßen in seinem Gefängnisse in der Abtei vergessen worden — thatsächlich fast ganz aus den patriotischen Erinnerungen des Gerichts verschwunden sei — bis vor drei Tagen, wo man ihn vorgeladen und ihn auf die Erklärung der Geschwornen, daß nach ihrer Ansicht die Anklage, soweit sie ihm gelte, durch die freiwillige Stellung des Bürgers Evrémonde, genannt Darnay, beantwortet sei, in Freiheit gesetzt habe.
Die Reihe im Verhör kam zunächst an Dr. Manette. Seine große persönliche Beliebtheit und die Bestimmtheit seiner Antworten machten einen bedeutenden Eindruck; aber als er fortfuhr, als er erzählte, daß der Angeklagte nach seiner Befreiung aus so langer Kerkerhaft sein erster Freund gewesen, daß der Angeklagte in England geblieben sei, und seine Tochter und ihn während ihrer Verbannung mit aufopfernder Liebe unterstützt habe; daß er, weit entfernt von der aristokratischen Regierung dieses Landes mit wohlwollenden Augen betrachtet zu werden, von derselben als ein Feind Englands und ein Freund der vereinigten Staaten vor Gericht gestellt worden — wie er diese Umstände mit dem größten Takt und der unmittelbaren Kraft der Aufrichtigkeit und Wahrheit darstellte, wurden die Geschwornen und das versammelte Volk eines Sinnes. Endlich, als er sich mit Namen auf Monsieur Lorry, einen mitanwesenden Herrn aus England, bezog, der gleich ihm Zeuge bei dieser englischen Gerichtsverhandlung gewesen und seine Aussage darüber bestätigen könne, erklärten die Geschwornen, sie hätten genug gehört und seien bereit abzustimmen, wenn der Vorsitzende ihre Stimmen entgegen nehmen wolle.
Jede Abstimmung (die Geschwornen stimmten laut und einzeln ab) begrüßte der Pöbel mit jauchzendem Beifall. Alle Stimmen waren zu Gunsten des Angeklagten und der Vorsitzende erklärte ihn für frei.
Jetzt begann einer jener außerordentlichen Auftritte, in welchen der Pöbel zuweilen seiner Launenhaftigkeit oder seinen bessern Regungen der Großmuth und Barmherzigkeit Genüge that, oder die es als eine Art Gegenrechnung gegen sein hoch aufgelaufenes Conto von blutiger Grausamkeit betrachtete. Niemand kann jetzt entscheiden, welchen Beweggründen solche außerordentliche Auftritte zuzuschreiben waren; wahrscheinlich ein Gemisch von allen dreien, wobei der zweite vorherrschte. Kaum war das freisprechende Urtheil ausgesprochen, als Thränen so reichlich flossen, wie zu andern Zeiten Blut und der Gefangene so viel brüderliche Umarmungen von so vielen Personen beiderlei Geschlechts als ihn erreichen konnten, auszuhalten hatte, daß er nach so langer und angreifender Einkerkerung in Gefahr kam vor Erschöpfung in Ohnmacht zu sinken; deshalb nicht weniger, weil er recht gut wußte, daß dieselben Leute unter dem Einfluß einer andern Strömung mit derselben Wuth auf ihn losgestürzt wären, um ihn in Stücke zu zerreißen und diese in den Straßen zu verstreuen.
Erst als man ihn entfernte, um den andern Angeklagten Platz zu machen, sah er sich von diesen Liebkosungen für den Augenblick befreit. Zunächst erschienen fünf zusammen vor Gericht, angeklagt als Feinde der Republik, weil sie derselben nicht durch Wort oder That beigestanden hatten. So eilig war das Gericht, sich und die Nation für die verlorne Gelegenheit zu entschädigen, daß diese fünf, verurtheilt binnen vierundzwanzig Stunden zu sterben, herunterkamen, ehe er den Ort verlassen hatte. Der erste derselben sagte es ihm mit den in den Gefängnissen üblichen Zeichen für den Tod — einem erhobenen Finger — und sie setzten alle laut hinzu „lange lebe die Republik!“
Bei diesen fünf hatte allerdings keine Zuhörerschaft die Verhandlungen verlängert; denn als er und Doctor Manette aus dem Thorwege heraustraten, war dort ein großer Volkshaufe versammelt, unter dem sich jedes Gesicht, das er im Gerichtssaal gesehen, zu befinden schien — mit Ausnahme von zweien, nach denen er sich vergeblich umschaute. Als er heraustrat, stürzte der Haufen wieder auf ihn zu, weinte, umarmte und jauchzte vor Wahnwitz, bis sogar der Strom, an dessen Ufer das tolle Schauspiel vor sich ging, toll zu werden schien, wie das Volk an seinem Gestade.
Sie setzten ihn auf einen Lehnsessel, den sie entweder aus dem Gerichtssaal selbst oder aus einem der Zimmer oder Gänge des Gebäudes geholt hatten. Ueber den Sessel hatten sie eine rothe Fahne geworfen und an die Rückenlehne eine Pike mit einer rothen Mütze darangebunden. Selbst des Doctors Bitte konnte nicht verhindern, daß er in diesem Triumphsessel auf den Schultern der Menge nach Hause getragen ward, während ein wildes Meer rother Mützen ihn umwogte und aus den stürmischen Wogen zuweilen solche Gesichter emporwarf, daß er sich mehr als einmal fragte, ob er etwa nicht recht bei Sinnen sei und in dem Karren nach der Guillotine fahre.
Wie im Traume fühlte er sich von dannen getragen, während sie jeden, dem sie begegneten umarmten und triumphirend auf den vom Tode Geretteten wiesen. So trugen sie ihn in den Hof des Gebäudes, wo er wohnte. Ihr Vater war vorausgeeilt, um Lucie vorzubereiten und als ihr Gatte vor sie trat, sank sie ihm bewußtlos in die Arme.
Als er sie an sein Herz drückte und ihr schönes Antlitz abwendete von den lärmenden Volkshaufen, daß seine Thränen und ihre Lippen sich ungesehen mit einander verschmelzen könnten, fingen einige von den Untenstehenden zu tanzen an. Augenblicks fielen auch alle Uebrigen in den Tanz ein und in dem ganzen Hofe wirbelte die Carmagnole. Dann setzten sie in den leeren Stuhl ein junges Mädchen aus dem Gewühl, um sie als Freiheitsgöttin von dannen zu tragen und dann, wie der Haufe sich in die benachbarten Straßen ergoß und das Gestade des Flusses entlang und über die Brücke, zog die Carmagnole sie alle in ihren Wirbel und riß sie mit fort.
Nachdem Charles Darnay des Doctors Hand gedrückt, wie er siegesbewußt und stolz vor ihm stand, nachdem er Mr. Lorry die Hand gedrückt, der von dem Kampf gegen die wüthende Fluth der Carmagnole athemlos hereintrat; nachdem er die kleine Lucie geküßt, die man zu ihm hinaufgehoben, damit sie die Aermchen um seinen Hals lege; und nachdem er die immer eifrige und getreue Proß umarmt, die das Kind emporgehoben, nahm er seine Gattin in seine Arme und trug sie hinauf in ihre Zimmer.
„Lucie! geliebtes Herz! ich bin in Sicherheit.“
„O, geliebter Charles, laß uns Gott dafür danken auf meinen Knieen, wie ich ihn darum gebeten habe.“
Voller Ehrfurcht beugten sie sich vor dem Herrn. Als sie wieder in seinen Armen lag sagte er zu ihr:
„Und jetzt rede mit deinem Vater, Geliebteste. Kein anderer Mann in ganz Frankreich hätte thun können, was er für mich gethan hat.“
Sie legte ihr Köpfchen an die Brust ihres Vaters, wie vor langer, langer Zeit sein greises Haupt an ihrem Busen geruht hatte. Er fühlte sich glücklich, daß er ihr so hatte vergelten können, er war belohnt für sein Leiden, er war stolz auf seine Kraft. „Du darfst nicht so schwach sein, liebes Herz,“ nickte er ihr zu; „Du darfst nicht so zittern. Ich habe ihn gerettet.“
Siebentes Kapitel.
Ein Klopfen an der Thür.
„Ich habe ihn gerettet.“ Das war keiner von den Träumen in die er sich oft wieder verirrt hatte; es war Wirklichkeit. Und doch zitterte seine Gattin und eine unbestimmte aber schwere Angst bedrückte sie.
Die ganze Luft ringsum war so schwül und finster, die Massen waren so leidenschaftlich rachgierig und launisch, Unschuldige mußten so fortwährend auf unbestimmten Verdacht oder durch tückische Bosheit den Tod erleiden, es war so unmöglich zu vergessen, daß viele, die eben so schuldlos waren, wie ihr Gatte, und anderen eben so theuer als er ihr war, Tag für Tag dem Schicksal verfielen, von dem er gerettet worden, daß ihr Herz sich nicht so erleichtert fühlen konnte, als es eigentlich hätte der Fall sein sollen. Die Dämmerung des Winternachmittags trat schon ein und selbst jetzt noch rollten die schauerlichen Todtenkarren dumpf durch die Straßen. Sie folgte ihnen mit dem Auge des Geistes und suchte ihn unter den Verurtheilten; und dann drängte sie sich dichter an ihn, den sie mit ihren Armen umschlungen hielt, und zitterte nur um so mehr.
Ihr Vater, wenn er ihr Trost zusprach, zeigte eine mitleidige Ueberlegenheit über dieses schwache Frauenherz, die wunderbar zu sehen war. Kein Dachstübchen mehr, kein Schuhmacher, kein Einhundertfünf, Nordthurm! Er hatte die Aufgabe gelöst, die er sich gestellt hatte, sein Versprechen war erfüllt, er hatte Charles gerettet. Nun konnten sich alle auf ihn stützen.
Ihr Haushalt war in der bescheidensten Art: nicht nur weil dies in diesen Zeiten das Sicherste war, sondern auch weil sie nicht reich waren und Charles während seiner Haft für sein schlechtes Essen und für seine Bewachung und zum Unterhalt der ärmeren Gefangenen viel Geld hatte bezahlen müssen. Theils deshalb und theils um keinen Spion im Hause zu haben, hielten sie keine Bedienung; der Bürger und die Bürgerin, die an dem großen Thorweg Pförtnerstelle vertraten, halfen gelegentlich aus; und Jerry — ihnen von Mr. Lorry fast ganz überlassen — gehörte so gut wie zum Haushalt und schlief jede Nacht dort.
Es war eine Verordnung der einen und untheilbaren Republik mit dem Motto: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod,“ daß an der Thür oder Thürpfoste jedes Hauses der Name jedes Inwohners lesbar in Buchstaben von einer gewissen Größe in einer gewissen, angemessenen Höhe vom Fußboden angeschrieben stehen müsse. So verzierte denn auch Mr. Jerry Crunchers Name die Thürpfoste unten, und wie der Nachmittag sich dem Abend zuneigte, erschien der Besitzer dieses Namens selbst, nachdem er einem Maler zugesehen, von dem Dr. Manette den Namen Charles Evrémonde, genannt Darnay, zu den übrigen hatte hinzufügen lassen.
Bei dem Mißtrauen und der Furcht, die damals Jedermann beherrschte, war man in den unschuldigsten Dingen vorsichtig. In dem kleinen Haushalt des Doctors wurden wie in vielen andern die Lebensbedürfnisse für den nächsten Tag jeden Abend in kleinen Quantitäten und in verschiedenen kleinen Läden gekauft. Keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und so wenig als möglich Gelegenheit zu geben, von sich reden zu machen und beneidet zu werden, war Jedermanns Wunsch.
Seit einigen Monaten hatten Miß Proß und Mr. Cruncher gemeinschaftlich die Einkäufe besorgt, wobei erstere das Geld unter ihrer Obhut hatte, Letzterer den Korb trug. Jeden Nachmittag um die Zeit, wo man die Straßenlaternen anbrannte, traten sie diesen Dienstgang an und brachten die nöthigen Einkäufe mit nach Hause. Obgleich Miß Proß durch ihr langes Verweilen in einer französischen Familie die französische Sprache hätte so gut verstehen können, wie ihre eigene, wenn sie Lust dazu gehabt hätte, so hatte sie doch eben nicht Lust dazu; demnach verstand sie nicht mehr von „dem Unsinn“ (wie sie es zu nennen beliebte) als Mr. Cruncher. Daher pflegte sie, wenn sie etwas einkaufen wollte, dem Verkäufer ein Substantiv ohne die mindeste Rücksicht auf die Natur des gewünschten Artikels an den Kopf zu werfen und wenn es zufälligerweise nicht der Name der verlangten Waare war, sich darnach umzusehen, sich des Gegenstandes zu bemächtigen und daran festzuhalten, bis der Handel geschlossen war. Um das Geschäft zu Ende zu führen, hielt sie stets als Gegengebot für den verlangten Preis einen Finger weniger in die Höhe als der Kaufmann, ohne die mindeste Rücksicht darauf zu nehmen, ob er viel oder wenig forderte.
„Nun, Mr. Cruncher,“ sagte Miß Proß, deren Augen vor Glückseligkeit roth waren: „wenn Sie fertig sind, bin ich auch fertig.“
Mit heiserer Stimme stellte sich Jerry Miß Proß zu Diensten. Sein Rost war schon längst ganz und gar abgeschliffen, aber die starrenden Spitzen seines Haares hatte nichts abfeilen können.
„Wir brauchen heute Alles mögliche,“ sagte Miß Proß, „und werden viel zu thun haben. Unter andern brauchen wir Wein. Schöne Toaste mögen diese Rothköpfe trinken, was für Wein wir ihnen immer einschenken mögen.“
„Sie werden ziemlich ebenso viel wissen, Miß, sollte ich meinen, ob sie Ihre Gesundheit trinken oder die des Schwarzen.“
„Wer ist das?“ fragte Miß Proß.
Mit einiger Schüchternheit erklärte Mr. Cruncher ihr, daß er den Gott sei bei uns meine.
„Ach,“ sagte Miß Proß, „man braucht gar keinen Dolmetscher, um zu wissen was diese Kerle meinen. Sie meinen nur Eines, und das ist Mauserei und mitternächtiger Mord.“
„Still, gute Proß! ich bitte Sie, seien Sie vorsichtig!“ sprach Lucie.
„Ja, ja, ja, ich will vorsichtig sein,“ sagte Miß Proß; „aber unter uns kann ich doch wohl sagen, daß ich hoffe, sie werden uns nicht mit ihren nach Zwiebeln und Tabak riechenden Umarmungen auf der Straße ersticken. Herzblättchen, rühren Sie sich ja nicht von dem Feuer, bis ich zurück bin! Nehmen Sie den lieben Mann in Acht, den Sie wieder gewonnen haben und entfernen Sie Ihr hübsches Köpfchen nicht von seiner Schulter, bis Sie mich wieder sehen! Darf ich mir eine Frage erlauben, Dr. Manette, ehe ich gehe?“
„Ich glaube Sie können sich diese Freiheit nehmen,“ gab der Doctor lächelnd zur Antwort.
„Um Gottes Willen sprechen Sie mir nicht von Freiheit; wir haben gerade genug davon,“ sagte Miß Proß.
„Still, gute Proß! Schon wieder?“ bat Lucie.
„Nun mein Herz,“ sagte Miß Proß mit emphatischem Kopfnicken, „das Kurze und das Lange davon ist, daß ich eine Unterthanin seiner allergnädigsten Majestät König Georg III. bin;“ Miß Proß machte bei dem Namen einen Knix; „und als solche habe ich den Grundsatz: Verwirr ihr tückisch Sinnen, ihr mörderisch Beginnen, Damit wir ihn gewinnen, Heil, unserm König, Heil.“
Mr. Cruncher wiederholte in einem Anfall von Loyalität in heiserem Baß Miß Proß Worte, wie in der Kirche.
„Es freut mich, daß Sie so viel vom Engländer in sich haben, obgleich ich wünschte, Sie hätten sich nicht durch Erkältung die Stimme verdorben,“ sagte Miß Proß beifällig. „Aber die Frage, Dr. Manette: Ist Aussicht vorhanden“ — das gute Geschöpf pflegte stets zu thun, als ob es das, was ihnen Allen große Sorge machte, sehr leicht nehme und brachte es so gelegentlich zur Sprache — „ist Aussicht vorhanden?“
„Ich fürchte, noch nicht. Es wäre noch gefährlich für Charles.“
„Hm, hm, hm!“ sagte Miß Proß und unterdrückte mit heiterem Gesicht einen Seufzer, wie sie einen Blick auf ihres Lieblings goldenes Haar warf, das im Feuerschein glänzte, „dann müssen wir Geduld haben und warten; das ist Alles. Wir müssen den Kopf hoch halten und vorsichtig kämpfen, wie mein Bruder Salomo zu sagen pflegte. Nun Mr. Cruncher! — Nicht von der Stelle, Herzblättchen!“
Sie gingen und ließen Lucien und ihren Gatten, ihren Vater und das Kind bei einem hellen Feuer zurück. Mr. Lorry wurde binnen Kurzem vom Comptoir erwartet. Miß Proß hatte die Lampe angezündet, aber sie abseits in eine Ecke gestellt, damit sie ungestört den Feuerschein genießen könnten. Die kleine Lucie saß neben ihrem Großvater und hatte die Händchen um seinen Arm geschlungen und er fing eben an ihr in einem Tone, der sich nicht viel über ein Flüstern erhob, eine Geschichte von einer großen mächtigen Fee zu erzählen, die eine Kerkermauer aufgethan und einen Gefangenen befreit hatte, der einmal der Fee einen Dienst geleistet. Alles war still und heimlich und Lucie fühlte sich ruhiger, als sie seit langer Zeit gewesen.
„Was ist das!“ rief sie auf einmal aus.
„Liebes Kind!“ sagte ihr Vater, indem er seine Erzählung unterbrach und seine Hand beruhigend auf die ihrige legte, „beherrsche dich. In welch aufgeregtem Zustande Du bist! Die geringste Sache — ein Nichts — erschreckt Dich. Dich, Deines Vaters Tochter?“
„Vater, ich glaubte fremde Schritte auf der Treppe zu vernehmen,“ entschuldigte sich Lucie mit blassem Gesicht und unsicherer Stimme.
„Liebes Kind, es ist todtenstill auf der Treppe.“
Wie er dies sagte schlug man heftig an die Thür.
„Ach, Vater, Vater. Was kann das sein! Verstecke Charles. Rette ihn!“
„Aber Kind,“ sagte der Doctor, indem er aufstand und seine Hand auf ihre Schulter legte, „ich habe ihn gerettet. Wie schwach Du bist Lucie! Laß mich hinausgehen.“
Er nahm die Lampe, ging durch die zwei dazwischenliegenden Zimmer und machte die Thüre auf. Man vernahm Waffengerassel und laute Schritte und vier rauhe Männer in rothen Mützen mit Säbel und Pistolen bewaffnet, traten ein.
„Bürger Evrémonde, genannt Darnay,“ sagte der Erste.
„Was sucht ihr?“ gab Darnay zur Antwort.
„Ich suche ihn. Wir suchen ihn. Ich kenne Euch, Evrémonde; ich habe Euch heute vor Gericht gesehen. Ihr seid von Neuem der Gefangene der Republik.“
Die Vier umringten ihn wie er dastand und Frau und Tochter ihn umschlungen hielten.
„Sagt mir wie und warum ich wieder verhaftet sein soll?“
„Ihr habt nur nach der Conciergerie zurückzukehren und werdet es morgen erfahren. Ihr seid auf morgen vorgeladen.“
Doctor Manette, den dieser Besuch so versteinert hatte, daß er mit der Lampe in der Hand da stand, wie eine Statue, bestimmt sie zu halten, wurde nach diesen Worten wieder lebendig, stellte die Lampe hin, trat vor den Sprechenden, faßte ihn nicht unsanft vorn an seinem rothwollenen Hemd an und sagte:
„Ihr kennt ihn, sagt Ihr. Kennt Ihr mich?“
„Ja, ich kenne Euch, Bürger Doctor.“
„Wir kennen Euch alle, Bürger Doctor,“ sagten die andern Drei.
Er sah sie zerstreut nach der Reihe an und sprach nach einer Pause mit halbgedämpfter Stimme:
„Wollt Ihr dann mir eine Frage beantworten? Wie geht es zu?“
„Bürger Doctor,“ sagte der Erste zögernd; „er ist von der Section St. Antoine angeklagt. Dieser Bürger,“ setzte er hinzu, auf den Zweiten der Eingetretenen deutend, „ist aus St. Antoine.“
Das Klopfen an der Thür.
Der Bezeichnete nickte mit dem Kopfe und wiederholte:
„Er ist von St. Antoine angeklagt.“
„Welches Vergehens wegen?“ fragte der Doctor.
„Bürger Doctor,“ sagte der Erste so zögernd wie vorher, „fragt nicht weiter. Wenn die Republik Opfer von Euch verlangt, so werdet Ihr als guter Patriot Euch gewiß glücklich schätzen, sie zu bringen. Die Republik geht Allem vor, der Wille des Volks ist Gesetz. Evrémonde, wir haben Eile.“
„Noch ein Wort,“ bat der Doctor. „Wollt Ihr mir sagen, wer ihn angeklagt hat?“
„Es ist gegen die Vorschrift,“ entgegnete der Erste; „aber Ihr könnt den von St. Antoine dort fragen.“
Der Doctor sah diesen an, der unruhig die Füße bewegte, sich den Bart rieb und endlich sagte:
„Eigentlich ist es gegen die Vorschrift, aber er ist angeklagt — und schwer — von dem Bürger und der Bürgerin Defarge. Und noch von Jemandem.“
„Wer ist das?“
„Fragt Ihr, Bürger Doctor?“
„Ja.“
„Dann,“ sagte der von St. Antoine mit einem seltsamen Blick, „werdet Ihr morgen Antwort erhalten. Jetzt bin ich stumm.“
Ende des dritten Theils.
Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck) in Leipzig.
Boz (Dickens)
Sämmtliche Werke.
Hundertundsechster Band.
Zwei Städte.
Vierter Theil.
Leipzig
Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.
1860.
Zwei Städte.
Eine Erzählung in drei Büchern.
Von
Boz (Charles Dickens).
Mit
Sechszehn Illustrationen von Hablot K. Browne.
Aus dem Englischen von Julius Seybt.