Vierter Theil.
Leipzig
Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.
1860.
Achtes Kapitel.
Gute Karte.
In glücklicher Unbekanntschaft mit dem neuen Schicksalsschlag zu Hause, ging Miß Proß durch sehr enge Straßen auf der neuen Brücke über den Fluß, während sie beständig innerlich die verschiedenen Einkäufe herzählte, die sie zu machen hatte. Mr. Cruncher mit dem Korb ging neben ihr. Sie blickten beide rechts und links in die meisten der Läden, an denen sie vorbeigingen, beobachteten mit vorsichtigem Auge alle Volkshaufen, und wichen jeder allzu aufgeregten Gruppe von Sprechenden aus. Die Abendluft war rauh und kaum verstattete der Nebel über dem Flusse, auf welchem flackernde Lichter schimmerten und lautes Getöse erdröhnte, die Boote zu erkennen, die den Gewehre für die Armee der Republik anfertigenden Schmieden zur Werkstätte dienten. Wehe dem Manne, der dieser Armee Streiche spielte oder unverdiente Beförderung darin erlangte! Besser für ihn, wenn sein Bart niemals gewachsen wäre, denn das Nationalrasirmesser rasirte ihn glatt weg.
Fertig mit dem Ankauf einer kleinen Anzahl Küchenbedürfnisse und eines Maßes Oel für die Lampe, dachte Miß Proß an den Wein den sie brauchte. Nachdem sie einen forschenden Blick in verschiedene Weinläden geworfen, blieb sie vor dem Schild „des guten Republikaners Brutus“ stehen, nicht weit vom Nationalpalast, ehedem und später wieder die Tuilerien, das ihr seinem Aussehen nach so ziemlich gefiel. Der Laden sah stiller aus als die anderen, an denen sie bisher vorbeigekommen und war, obgleich roth genug von Patriotenmützen, doch nicht so roth wie die Uebrigen. Nachdem Miß Proß Mr. Cruncher zu Rathe gezogen und ihn von gleicher Meinung gefunden, trat sie in seiner Begleitung in den „guten Republikaner Brutus“ ein.
Nicht ohne einen forschenden Blick auf die qualmenden Kerzen, auf die mit der Pfeife im Munde mit schmierigen Karten und gelben Dominosteinen Spielenden, auf den rußgeschwärzten Arbeiter mit nackter Brust und nackten Armen, der eine Zeitung vorlas, während die anderen zuhörten; auf die Waffen die viele im Gürtel trugen, andere einstweilen abgelegt hatten; auf die zwei oder drei mit dem Kopfe auf den Tische Schlafenden, die in dem damals üblichen hochschultrigen kurzen, zottigen, schwarzen Spenzer, in dieser Stellung wie schlafende Bären oder Hunde aussahen, näherten sich die beiden Fremden dem Ladentisch um zu kaufen was sie brauchten.
Als ihr Wein ausgemessen ward, verabschiedete sich ein Mann von einem andern in einer Ecke und stand auf um zu gehen. Er mußte an Miß Proß vorbei. Kaum hatte diese sein Gesicht erblickt, so stieß sie einen Schrei aus und schlug die Hände zusammen.
Zwiefaches Erkennen.
In einem Augenblicke war die ganze Gesellschaft aufgesprungen. Daß Jemand ermordet worden, weil er einem Andern nicht hatte recht geben wollen, war das Wahrscheinlichste. Jedermann erwartete Jemanden auf den Boden sinken zu sehen, sah aber nur einen Mann und eine Frau, die sich mit weitaufgerissenen Augen anstarrten; der Mann dem ganzen äußeren Ansehen nach ein Franzose und ein gesinnungstüchtiger Republikaner; die Frau eine Vollblutengländerin.
Was die Zöglinge des „guten Republikaners Brutus“, als sie sich so enttäuscht sahen, sagten, hätte für Miß Proß und ihren Beschützer ebenso gut hebräisch oder chaldäisch sein können und wenn sie ganz Ohr gewesen wären. Aber sie hatten in ihrem Erstaunen für Nichts Gehör. Denn es muß hervorgehoben werden, daß nicht blos Miß Proß vor Erstaunen und Aufregung außer sich war; sondern daß auch Mr. Cruncher — obgleich wie es schien auf seine eigene und besondere Rechnung — sich vor Verwunderung nicht fassen konnte.
„Was giebt’s?“ sagte der junge Mann, der Miß Proß gegenüber stand, in ärgerlichem schroffem Tone (obgleich leise) und auf englisch.
„Ach Salomo, lieber Salomo!“ rief Miß Proß und schlug ihre Hände wieder zusammen; „nachdem ich so viele Jahre nichts von Dir gesehen oder gehört habe, Dich endlich hier zu finden!“
„Nenne mich nicht Salomo. Willst Du mir den Tod auf den Hals schicken?“ fragte der Mann in verstohlener und verschüchterter Weise.
„Bruder, Bruder!“ rief Miß Proß mit hellen Thränen aus; „bin ich jemals so hartherzig gegen Dich gewesen, daß Du mir so Etwas zutrauen kannst?“
„Dann halte Dein geschwätziges Maul,“ gebot Salomo, „und komm auf die Straße hinaus, wenn Du mit mir sprechen willst? Bezahle Deinen Wein und komm. Wer ist der da?“
Miß Proß schüttelte ihr liebendes und bekümmertes Haupt über ihren keineswegs liebreichen Bruder und gab durch Thränen zur Antwort: „Mr. Cruncher.“
„Er mag auch mit herauskommen,“ sagte Salomo. „Hält er mich für ein Gespenst?“
Allem Anschein nach war Mr. Cruncher dieser Meinung, wenigstens nach seinem Aussehen zu urtheilen. Er sagte jedoch kein Wort und Miß Proß, die Tiefen ihres Strickbeutels mit großer Beschwerde durch ihre Thränen durchforschend, bezahlte den Wein. Während sie dies that, wendete sich Salomo an die Zöglinge des guten Republikaners Brutus und sprach auf französisch einige erklärende Worte zu ihnen, die sie Alle veranlaßten ihre früheren Plätze wieder einzunehmen und sich ihren eben unterbrochenen Beschäftigungen von Neuem zu widmen.
„Nun, was willst Du von mir?“ fragte Salomo, als er an der dunkeln Straßenecke stehen blieb.
„Wie hart von einem Bruder, von dem ich nie meine Liebe abgewendet habe,“ rief Miß Proß aus, „mich so zu bewillkommnen und so kalt zu bleiben.“
„Da. Hols der Kukuk! Da,“ sagte Salomo, und stieß mit seinem Mund auf die Lippen der Schwester. „Bist Du nun zufrieden?“
Miß Proß schüttelte nur den Kopf und weinte stille Thränen.
„Wenn Du erwartest, daß ich überrascht sein soll,“ sagte ihr Bruder Salomo, „so täuschest Du Dich; ich wußte daß Du hier warst; ich erfahre nur von wenigen nicht, wenn sie nach Paris kommen. Wenn Du wirklich nicht wünschest, mein Leben zu gefährden — was ich halb für möglich halten könnte — so geh’ so bald als möglich Deinen Weg und laß mich meinen gehen. Ich habe viel zu thun. Ich bin Beamter.“
„Mein englischer Bruder Salomo,“ sagte Miß Proß mit einem trauervollen Aufblick ihrer thränenschweren Augen gen Himmel, „der in sich das Zeug hatte einer der besten und größten Männer seines Vaterlandes zu werden, ein Beamter unter Ausländern, und solchen Ausländern! Fast lieber hätte ich den lieben Jungen in seinem —“
„Sagte ich’s nicht!“ unterbrach sie ihr Bruder heftig. „Ich wußte es ja! Du willst mein Tod sein. Meine eigene Schwester wird mich verdächtig machen. Gerade wie es mir anfängt besser zu gehen!“
„Der gnädige und barmherzige Himmel verhüte das!“ rief Miß Proß aus. „Viel lieber möchte ich Dich nicht wiedersehen, lieber Salomo, obgleich ich Dir immer von Herzen gut gewesen bin und es immer bleiben werde. Sage mir nur ein liebreiches Wort und gieb mir nur die Versicherung, daß keine Entfremdung zwischen uns herrscht und ich will Dich nicht länger aufhalten.“
Gute Miß Proß! als ob die Entfremdung zwischen ihnen ihre Schuld gewesen wäre. Als ob Mr. Lorry es nicht schon vor Jahren in der stillen Ecke in Soho gewußt hätte, daß dieser kostbare Bruder ihr Geld durchgebracht und sie dann sitzen gelassen hatte!
Er sagte jedoch das liebreiche Wort mit einer viel trotzigeren Herablassung und Gönnermiene, als er hätte zeigen können, wenn das thatsächliche Verhältniß zwischen den beiden gerade umgekehrt gewesen wäre, so wie es stets überall geschieht, so groß die Welt ist, als Mr. Cruncher die Hand auf seine Schulter legte und mit heiserer Stimme die unerwartete und eigenthümliche Frage stellte:
„Hört ’mal! mit Verlaub! Heißt ihr eigentlich John Salomo, oder Salomo John?“
Der Beamte wandte sich mit plötzlichem Mißtrauen gegen ihn. Er hatte vorher kein Wort gesprochen.
„Na, sprecht nur!“ sagte Mr. Cruncher. „John Salomo oder Salomo John? Sie nennt Euch Salomo und sie muß es wissen, da sie Eure Schwester ist. Und ich weiß, daß Ihr John heißt, wißt Ihr. Welcher von den beiden Namen kommt zuerst? und wie steht es mit dem Namen Proß? So hießt Ihr nicht über dem Wasser.“
„Was meint Ihr?“
„Na ich weiß nicht alles, was ich meine; denn ich kann mich nicht besinnen, wie Ihr über dem Wasser drüben geheißen habt.“
„Nicht?“
„Nein. Aber ich will schwören es war ein Name von zwei Sylben.“
„Wirklich?“
„Ja. Der andere Name war einsylbig. Ich kenne Euch. Ihr waret als Spion Zeuge in Old Bailey. Wie hießt Ihr nur damals im Namen des Lügenvaters, der Euer eigener Vater ist?“
„Barsad,“ fiel eine andere Stimme ein.
„Das ist der Name für eintausend Pfund!“ rief Jerry.
Der eben gesprochen hatte, war Sydney Carton. Er hatte die Hände unter den Schößen seines Reitrocks auf den Rücken gelegt und stand so nachlässig neben Mr. Cruncher, wie er sich in Old Bailey zu zeigen pflegte.
„Erschrecken Sie nicht, meine gute Miß Proß. Ich überraschte gestern Abend Mr. Lorry mit meiner Ankunft; wir kamen überein, daß ich mich nirgendwo zeigen sollte bis Alles in Ordnung war oder bis ich mich nützlich machen könnte; ich komme hierher, um ein paar Worte mit Ihrem Bruder zu sprechen. Ich wollte Ihr Bruder betriebe ein besseres Geschäft als dieser Mr. Barsad. Ihretwegen wünschte ich, Mr. Barsad wäre kein Schaf der Gefängnisse.“
„Schaf der Gefängnisse“ war damals unter den Kerkermeistern ein Spitzname für einen Spion. Der Spion, der blaß war, wurde noch blässer und fragte ihn wie er wagen könnte —
„Das will ich Ihnen erklären,“ sagte Sydney. „Ich sah Sie zufällig, Mr. Barsad, aus dem Conciergerie-Gefängnisse kommen, während ich mir vor ein oder zwei Stunden die Mauern betrachtete. Sie haben ein Gesicht, das auffällt, und ich habe ein gutes Gedächtniß für Gesichter. Daß ich Sie dort sah, erweckte meine Neugier und da ich einen Grund habe (der Ihnen nicht unbekannt ist), Sie mit dem Unglück eines jetzt sehr unglücklichen Freundes in Verbindung zu bringen, so ging ich Ihnen nach. Ich trat gleich hinter Ihnen in den Weinschank hier und setzte mich in Ihre Nähe. Aus Ihrer ganz rückhaltlosen Unterhaltung und dem, was unter Ihren Bewunderern von Mund zu Mund ging, ward es mir nicht schwer zu errathen, womit Sie sich beschäftigen. Und allmälich bekam das, was ich auf’s Geradewohl gethan hatte, einen gewissen Zweck, Mr. Barsad.“
„Was für einen Zweck?“ fragte der Spion.
„Es wäre beschwerlich und vielleicht gefährlich ihn hier auf der Straße auseinander zu setzen. Können Sie mir nicht ein paar Minuten zu einer vertraulichen Unterredung schenken — in Tellsons Bank vielleicht?“
„Drohen Sie?“
„O, sollte ich das gethan haben?“
„Warum soll ich also mit Ihnen gehen?“
„Wahrhaftig, Mr. Barsad, das kann ich Ihnen nicht sagen, wenn Sie es nicht thun können.“
„Sie wollen es mir nicht sagen, Sir?“ fragte der Spion unentschlossen.
„Sie haben ganz das Richtige getroffen, Mr. Barsad. Ich will es Ihnen nicht sagen.“
Cartons nachlässiges und doch bestimmtes Wesen kam seiner Raschheit und Gewandtheit bei dem, was er im Geheimen vorhatte und bei einem solchen Manne wie dieser war, mächtig zu Hülfe. Sein geübtes Auge sah es und beutete es auf das Beste aus.
„Na, ich sagte Dir’s gleich,“ sagte der Spion mit einem vorwurfsvollen Blick auf seine Schwester; „wenn mir daraus ein Unglück erwächst, so bist Du daran schuld.“
„Ach kommen Sie nur, Mr. Barsad!“ rief Sydney aus. „Seien Sie nicht undankbar. Ohne meine Achtung für Ihre Schwester, hätte ich vielleicht nicht auf so angenehme Weise einen kleinen Vorschlag eingeleitet, den ich Ihnen zu unserer gegenseitigen Zufriedenheit zu machen gedenke. Gehen Sie mit mir nach der Bank?“
„Ich will hören was Sie zu sagen haben. Ja, ich will Sie begleiten.“
„Ich schlage vor erst Ihre Schwester bis an die Ecke Ihrer Straße zu bringen. Erlauben Sie mir Ihren Arm, Miß Proß. Es ist für Sie nicht gerathen um diese Zeit in dieser Stadt ohne Schutz auszugehen, und da Ihr Begleiter Mr. Barsad kennt, will ich ihn mit zu Mr. Lorry nehmen. Sind wir fertig? So wollen wir gehen!“
Nicht viel später, und noch bis an das Ende ihres Lebens erinnerte sich Miß Proß, daß, wie sie ihre Hand auf Sydney’s Arm legte, und ihn mit einem bittenden Blick ansah Salomo nichts zu Leide zu thun, ein energischer Wille in seinem Arm und eine Art Begeisterung in den Augen lag, die nicht nur im Widerspruch mit seinem sorglosen Wesen stand, sondern auch den Mann veränderten und erhoben. Sie war damals mit Besorgnissen um ihren Bruder, der ihre Liebe so wenig verdiente und mit Sydney’s beruhigenden Versicherungen zu sehr beschäftigt, um das, was sie sah, gehörig zu beachten.
Sie verließen sie an der Ecke der Straße und Carton schlug dann den Weg nach Mr. Lorry’s Comptoir ein, das nur noch wenige Minuten entfernt war. John Barsad oder Salomo Proß ging neben ihm.
Mr. Lorry hatte eben gegessen und saß vor einem gemüthlichen kleinen Holzfeuer. Vielleicht sah er in den Flackern der Flamme das Bild des jüngeren ältlichen Herrn von Tellsons, der nun vor vielen Jahren in die glühenden Kohlen im König Georg in Dover geschaut hatte. Er sah sich um als sie eintraten und zeigte sich überrascht, als er einen Fremden erblickte.
„Miß Proß’ Bruder, Sir,“ sagte Sydney. „Mr. Barsad.“
„Barsad?“ wiederholte der alte Herr, „Barsad? ich muß den Namen kennen — und das Gesicht.“
„Ich sagte Ihnen Sie hätten ein Gesicht, das man nicht leicht vergißt, Mr. Barsad,“ bemerkte Carton kühl. „Bitte nehmen Sie Platz.“
Als er selbst einen Stuhl nahm, half er Mr. Lorry’s Gedächtniß dadurch nach, daß er zu Mr. Lorry mit gerunzelter Stirn sagte: „Zeuge bei jener Gerichtsverhandlung.“ Mr. Lorry erinnerte sich nun sofort und betrachtete seinen neuen Gast mit unverholenem Abscheu.
„Miß Proß hat Mr. Barsad als den zärtlichen Bruder erkannt, von dem Sie gehört haben,“ sagte Carton, „und er hat die Verwandtschaft anerkannt. Ich habe noch eine schlimmere Nachricht. Darnay ist von Neuem verhaftet.“
Voll Bestürzung rief der alte Herr aus: „Was sagen Sie da! Ich verließ ihn vor zwei Stunden in Sicherheit und frei, und will jetzt wieder zu ihm gehen!“
„Trotzdem verhaftet. Wann ist es geschehen, Mr. Barsad?“
„Jetzt eben, wenn überhaupt.“
„Mr. Barsad ist die beste Autorität die man haben kann, Sir,“ sagte Sydney, „und ich erfuhr es aus Mr. Barsad’s Aeußerungen gegen einen Freund und Mitspion, bei einer Flasche Wein, daß die Verhaftung stattgefunden. Er verließ die Gerichtsboten an der Thür und sah wie der Portier sie einließ. Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß er wieder verhaftet ist.“
Mr. Lorry’s geschäftsmännisches Auge las in dem Gesichte des Sprechenden, daß es reiner Zeitverlust sei bei diesem Punkte zu verweilen. Verwirrt, aber sofort fühlend, daß Etwas auf seine Geistesgegenwart ankommen könnte, beherrschte er sich und hörte in schweigender Aufmerksamkeit zu.
„Nun will ich hoffen,“ sagte Sydney zu ihm, „daß der Name und Einfluß Dr. Manette’s ihm ebenso hülfreich sei morgen — Sie sagten er würde morgen vor Gericht erscheinen, Mr. Barsad?“ —
„Ja; ich glaube.“
„— Ihm ebenso hülfreich sein wird, wie heute. Aber vielleicht ist es nicht der Fall. Ich gestehe Ihnen, Mr. Lorry, ich bin in meiner Zuversicht dadurch wankend geworden, daß Dr. Manette nicht die Macht gehabt hat, seine Verhaftung zu verhindern.“
„Er hat vielleicht vorher Nichts davon gewußt,“ sagte Mr. Lorry.
„Gerade das ist sehr beunruhigend, wenn wir die eigenthümlichen Verhältnisse bedenken, in denen er zu seinem Schwiegersohne steht.“
„Das ist wahr,“ mußte Mr. Lorry anerkennen, während er die Hand unruhig an das Kinn legte und die Augen voller Unruhe und Sorge auf Carton heftete.
„Mit einem Worte,“ sagte Sydney, „es ist eine verzweifelte Zeit, wo verzweifelte Partien um verzweifelte Einsätze gespielt werden. Der Doctor mag auf die Gewinnchance spielen; ich spiele auf die Verlustchance. Keines Mannes Leben ist des Kaufens werth. Wer heute im Triumph vom Volke nach Hause getragen wird, kann morgen verurtheilt sein. Der Einsatz um den ich im schlimmsten Falle zu spielen entschlossen bin ist ein Freund in der Conciergerie. Und der Freund, den ich mir selbst zu gewinnen hoffe, ist Mr. Barsad.“
„Da müssen Sie gute Karten haben, Sir,“ sagte der Spion.
„Ich will sie einmal ansehen. — Mr. Lorry, Sie kennen meine Schwäche; geben Sie mir einen Schluck Branntwein.“
Er wurde gebracht und er trank ein Glas — noch ein Glas — und schob dann die Flasche gedankenvoll bei Seite.
„Mr. Barsad,“ fuhr er in dem Tone eines Mannes fort, der wirklich das Spiel, das er in der Hand hat, durchmustert; „Schaf der Gefängnisse, Emissär republikanischer Ausschüsse, bald Schließer, bald Gefangener, immer Spion und geheimer Angeber, hier um so werthvoller als Engländer, da ein Engländer weniger den Verdacht der Bestechung in einem solchen Charakter ausgesetzt ist, als ein Franzose, stellt sich seinen Brodherren unter einem falschen Namen vor. Das ist ein sehr guter Trumpf. Mr. Barsad, jetzt von der republikanischen französischen Regierung angestellt, stand früher im Dienste der aristokratischen englischen Regierung, des Feindes Frankreichs und der Freiheit. Das ist ein sehr hoher Trumpf. Die Sache ist klar wie der Tag in diesem Lande des Mißtrauens, daß Mr. Barsad, immer noch bezahlt von der aristokratischen englischen Regierung, der Spion Pitts ist, der verrätherische, an ihrem Busen sich wärmende Feind der Republik, der englische Verräther und Anstifter alles Unheils, von dem soviel gesprochen wird und der so schwer zu finden ist. Das ist ein Trumpf, der gar nicht zu überstechen ist. Kennen Sie nun meine Karte, Mr. Barsad?“
„Ich weiß nicht wie Sie sie spielen werden,“ entgegnete der Spion etwas unruhig.
„Ich spiele mein As, Denunciation Mr. Barsads bei dem nächsten Sectionscomité. Sehen Sie sich Ihre Karten an, Mr. Barsad, was Sie dagegen haben. Nehmen Sie sich Zeit.“
Er griff nach der Flasche, schenkte sich abermals ein Glas Branntwein ein und trank es. Er sah, daß der Spion zu fürchten anfing, er könnte sich in eine Aufregung trinken, die ihn bewöge seine Anzeige sofort zu machen. Wie er dies bemerkte, schenkte er sich noch ein anderes Glas ein und trank es.
„Sehen Sie sich Ihre Karten genau an, Mr. Barsad. Nehmen Sie sich Zeit.“
Die Karten waren schlechter, als selbst Carton glaubte. Mr. Barsad sah Verlustkarten, von denen Sydney Carton Nichts wußte. Gezwungen sein ehrenhaftes Gewerbe in England aufzugeben, weil er gar zu zuversichtlich und zu oft falsch geschworen, — nicht weil man ihn nicht mehr brauchte; unsere englischen Gründe uns der Oeffentlichkeit und der Abwesenheit von Spionen zu rühmen, sind neuern Ursprungs — war er über den Canal gegangen und hatte eine Anstellung in Frankreich angenommen; zuerst als Versucher und Aushorcher unter seinen dortigen Landsleuten; allmälich auch als Versucher und Aushorcher unter den Eingeborenen. Er wußte, daß er unter der gestürzten Regierung als geheimer Agent zum Spioniren in St. Antoine und dem Weinschank Defarge’s gedient hatte; daß er von der wachsamen Polizei soviel Einzelnheiten über Dr. Manette’s Einkerkerung, Befreiung und Geschichte mitgetheilt erhalten, als er zur Anknüpfung einer vertraulichen Unterhaltung mit den Defarges brauchte; daß er bei Madame Defarge den Versuch gemacht und in glänzendster Weise abgefallen war. Er erinnerte sich immer mit Furcht und Zittern, daß dieses schreckliche Weib gestrickt hatte, während sie mit ihm sprach und ihn Unheil verkündend angesehen hatte, wie sich ihre Finger bewegten. Er hatte sie seitdem in der Section St. Antoine gesehen, wie sie immer und immer wieder ihre gestrickten Register vorbrachte und Leute anklagte, die dann unwiderruflich der Guillotine verfielen. Er wußte, daß jeder der gleich ihm beschäftigt war, nie sicher war; daß Flucht unmöglich sei; daß er unter den Schatten des Beiles festgebunden, und trotz der niederträchtigsten Gefügigkeit und des schwärzesten Verrathes im Dienste des herrschenden Schreckensregiments ein einziges Wort das Beil zum Fallen bringen könnte. Einmal angeklagt und auf so schwere Gründe hin, wie sie ihm jetzt einfielen, sah er voraus, daß das schreckliche Weib, von deren erbarmungslosem Charakter er so viele Beweise gesehen, gegen ihn das verhängnißvolle Register vorlegen und die letzte Möglichkeit seiner Rettung vernichten würde. Abgesehen davon, daß alle, die ihr Wesen im Heimlichen treiben, leicht einzuschüchtern sind, hatte er schlechte Karten genug in seinem Spiele, um Grund zu haben einigermaßen blaß zu werden, als er sie durchging.
„Ihre Karten scheinen Ihnen nicht besonders zu gefallen,“ sagte Sydney mit der größten Ruhe. „Halten Sie die Partie?“
„Ich glaube, Sir,“ sagte der Spion kriechend, indem er sich an Mr. Lorry wendete, „ich darf einen Herrn von Ihren Jahren und Ihrem Wohlwollen bitten, diesem andern viel jüngeren Herrn vorzustellen, ob er es unter irgend welchen Verhältnissen für seine Stellung passend finden kann das erwähnte As zu spielen. Ich gebe zu, daß ich ein Spion bin und daß spioniren als ein unehrenhafter Beruf betrachtet wird — obgleich sich ihm Jemand widmen muß; aber dieser Herr ist kein Spion und warum sollte er sich so weit erniedrigen, freiwillig die Rolle zu übernehmen?“
„Ich spiele mein As, Mr. Barsad,“ sagte Carton, indem er die Antwort auf sich nahm und nach der Uhr sah, „ohne mich im Mindesten zu bedenken und in wenigen Minuten.“
„Ich hätte gehofft,“ sagte der Spion immer noch mit einem Blick auf Mr. Lorry, um ihn womöglich in das Gespräch zu ziehen, „daß die Achtung, welche sie beide Herren für meine Schwester fühlen“ —
„Ich könnte Ihrer Schwester keinen besseren Beweis von meiner Achtung für sie geben, als wenn ich sie von ihrem Bruder endlich erlöste,“ sagte Sydney Carton.
„Meinen Sie wirklich, Sir?“
„Ich bin in diesem Punkte fest entschlossen.“
Das geschmeidige Wesen des Spions, das so seltsam von der zur Schau getragenen Grobheit seiner Kleider und wahrscheinlich auch von seinem gewöhnlichen Benehmen abstach, sah sich so vollständig geschlagen von der Undurchdringlichkeit Cartons — der ein Geheimniß für ehrlichere und weisere Männer war — daß er ganz und gar unsicher ward. Während er noch unentschlossen dasaß fing Carton wieder an, immer noch als ob er sein Spiel durchmusterte:
„Und wahrhaftig, wenn ich mir es näher überlege, sollte ich fast meinen, ich hätte noch eine andere gute Karte hier, die ich noch nicht aufgezählt habe. Dieser Freund und Mitspion, der wie wir sagten in der Provinz angestellt ist; wer war das?“
„Ein Franzose. Sie kennen ihn nicht,“ sagte der Spion rasch.
„Ein Franzose?“ wiederholte Carton nachdenklich und als ob er gar nicht auf ihn hörte, obgleich er das Wort wiederholte. „Hm; wohl möglich.“
„Er ist ein Franzose, auf mein Wort,“ sagte der Spion; „obgleich es nicht von Wichtigkeit ist.“
„Obgleich es nicht von Wichtigkeit ist,“ wiederholte Carton in derselben mechanischen Weise — „obgleich es nicht von Wichtigkeit ist — nein, es ist nicht von Wichtigkeit. Nein. Und doch kenne ich das Gesicht.“
„Ich glaube nicht. Ganz gewiß nicht. Es ist unmöglich,“ sagte der Spion.
„Unmöglich,“ sagte Sydney Carton, halblaut und nachdenklich vor sich hin, während er sich noch ein Glas (es war zum Glück ein kleines) einschenkte. „Unmöglich! Sprach gut Französisch. Aber doch mit einem fremden Accent, wie mir vorkam.“
„Mit einem Accent aus der Provinz,“ sagte der Spion.
„Nein. Mit einem fremden Accent!“ rief Carton aus und schlug mit der offenen Hand auf den Tisch, wie es auf einmal hell in ihm wurde. „Cly! verkleidet, aber derselbe Mann. Wir hatten den Menschen in Old-Bailey vor.“
„Diesmal übereilen Sie sich, Sir,“ sagte Barsad mit einem Lächeln, das seiner Adlernase eine Extrawendung nach einer Seite gab; „hier räumen Sie mir wirklich einen Vortheil über Sie ein. Cly (von dem ich jetzt, da es so lange her ist, unverholen sagen kann, daß er mein Compagnon war) ist seit mehreren Jahren todt. Ich habe ihn in seiner letzten Krankheit gepflegt. Er ist in London begraben, auf dem Kirchhofe von St. Pancratz im Felde. Seine damalige Unpopularität bei dem ungezogenen Pöbel hielt mich ab seiner Leiche zu folgen, aber ich habe ihn mit in den Sarg gelegt.“
Hier bemerkte Mr. Lorry von seinem Sitz aus einen höchst merkwürdigen, spukhaften Schatten an der Wand. Seiner Entstehung nachgebend, entdeckte er daß sein Ursprung ein plötzliches, außerordentliches Emporsträuben und Steiferwerden aller ohne dies schon emporgesträubten und steifen Haare auf Mr. Crunchers Haupt war.
„Lassen Sie uns verständig und billig sein,“ sagte der Spion. „Um Ihnen zu zeigen wie sehr Sie sich irren und wie unbegründet Ihre Annahme ist, will ich Ihnen ein Certificat über Cly’s Beerdigung vorlegen, das ich zufällig in meinem Taschenbuche habe“ — er holte es mit unruhiger Eile aus der Tasche und machte es auf. „Da ist es, o sehen Sie es an, sehen Sie es an! Sie können es in die Hand nehmen; es ist keine Fälschung.“
Hier sah Mr. Lorry, wie der Schatten an der Wand länger wurde und Mr. Cruncher aufstand und vortrat.
Ungesehen von dem Spion stand er neben demselben und legte wie ein Polizeidienergespenst die Hand auf seine Schulter.
„Diesen Roger Cly, Master,“ sagte Mr. Cruncher mit einem undurchdringlichen Gesichte. „Den haben Sie in den Sarg gelegt?“
„Jawohl.“
„Wer hat ihn denn herausgenommen?“
Barsad sank in seinen Stuhl zurück und stotterte: „was wollt Ihr damit sagen?“
„Ich will sagen,“ versetzte Mr. Cruncher, „daß er gar nicht d’rin gewesen ist. Nein, ganz gewiß nicht! Ich will mir den Kopf abhacken lassen, wenn er jemals d’rin gewesen ist.“
Der Spion sah die beiden Herren der Reihe nach an; beide betrachteten mit sprachlosem Erstaunen Jerry.
„Ich will’s Euch sagen,“ versetzte Jerry, „Pflastersteine und Erde habt Ihr in dem Sarge begraben. Kommt mir nicht mit Eurer Geschichte, Ihr hättet Cly begraben. Das war reiner Leim. Ich und zwei andere wissen es.“
„Woher wißt Ihr es?“
„Was geht das Euch an? Teufel,“ prahlte Mr. Cruncher, „mit Euch habe ich es also von alter Zeit her zu thun wegen Eurer schändlichen Betrügereien an ehrlichen Gewerbsleuten! Ich will Euch bei der Kehle packen und erdrosseln für eine halbe Guinee.“
Sydney Carton, der mit Mr. Lorry bei dieser neuen Wendung vor Staunen verstummt war, forderte jetzt Mr. Cruncher auf, sich zu mäßigen und sich zu erklären.
„Ein andermal, Sir,“ entgegnete dieser ausweichend „es ist jetzt keine gute Zeit zum Erklären. Wobei ich bleibe, ist, daß er recht gut weiß, daß Cly niemals im Sarge gelegen hat. Wenn er nur mit einem Wort von einer einzigen Silbe behaupten will, er hätte d’rin gelegen, so packe ich ihn entweder an der Kehle und erdrossele ihn für eine halbe Guinee“ — Mr. Cruncher wiederholte das, als ob es ein ganz großmüthiges Anerbieten sei — „oder ich gehe fort und zeige ihn an.“
„Hm! eins ist gewiß,“ sagte Carton. „Ich habe noch eine Trumpfkarte, Mr. Barsad. Unmöglich können Sie hier, in diesem wüthenden Paris, wo Argwohn die Luft erfüllt, eine Anklage überleben, wenn Sie im Verkehr mit einem andern aristokratischen Spion stehen, der dieselben Antecedenzien hat wie Sie, und bei dem außerdem der verdächtige Umstand zu bedenken ist, daß er sich todt gestellt hat, und wieder lebendig geworden ist! Ein Complot in den Gefängnissen, angezettelt von dem Ausländer gegen die Republik. Eine hohe Karte — eine sichere Guillotinenkarte! Halten Sie die Partie?“
„Nein!“ entgegnete der Spion. „Ich gebe sie auf. Ich gebe zu, daß wir so unpopulär bei dem zuchtlosen Pöbel waren, daß ich nur auf die Gefahr hin, in einer Pferdeschwemme ertränkt zu werden, England verlassen konnte, und daß Cly so hin und her gehetzt ward, daß er ohne diesen Betrug gar nicht lebendig fortgekommen wäre. Aber wie dieser Mann weiß, daß es ein Gaukelspiel war, ist mir ein Wunder über alle Wunder.“
„Zerbrecht Euch nicht den Kopf über diesen Mann,“ entgegnete der streitfertige Mr. Cruncher; „es wird Euch Mühe genug machen diesem Herrn Eure Aufmerksamkeit zu schenken. Und merkt’s Euch noch einmal!“ — Mr. Cruncher ließ sich nicht abhalten seine Großmuth etwas auffällig zur Schau zu tragen — „ich packe Euch an der Kehle und erdrossele Euch für eine halbe Guinee.“
Der Spion wendete sich von ihm an Sydney Carton und sagte mit mehr Entschiedenheit: „wir müssen zum Abschluß kommen. Ich muß bald auf meinen Posten und meine Zeit pünktlich einhalten. Sie sagten, Sie hätten mir einen Vorschlag zu machen; wie lautet er? Ich erkläre Ihnen von vorn herein, es nützt Ihnen Nichts, zuviel von mir zu verlangen. Verlangen Sie Etwas von mir in meiner amtlichen Stellung, was meinen Kopf in außerordentliche Gefahr bringt, so will ich mein Leben lieber auf die Chancen einer abschläglichen, als einer zustimmenden Antwort wagen. So würde ich meine Wahl treffen. Sie sprachen von Verzweiflung. Wir alle hier sind verzweifelt. Vergessen Sie nicht! ich kann Sie anklagen, wenn ich es für gut finde und ich kann mich durch steinerne Mauern hindurchschwören und Andere können das auch. Nun sagen Sie, was wollen Sie von mir?“
„Nicht sehr viel. Sie sind Schließer in der Conciergerie?“
„Ich sage Ihnen ein für allemal, es ist durchaus kein Entweichen möglich,“ sagte der Spion fest.
„Warum sagen Sie mir Etwas wonach ich nicht gefragt habe? Sie sind Schließer in der Conciergerie?“
„Zuweilen.“
„Sie können es sein wann Sie wollen?“
„Ich habe zu allen Zeiten freien Zutritt dort.“
Sydney Carton schenkte noch ein Glas Branntwein ein, goß es langsam auf die Asche aus und sah zu wie sich die Flüssigkeit verlief. Als der letzte Tropfen den Boden erreicht hatte, stand er auf und sagte:
„Soweit haben wir von diesen beiden Herren gesprochen, weil ich wünschte, daß die Stärke meines Spiels nicht blos uns zweien bekannt sei. Kommen Sie hier in das dunkele Zimmer, wo ich noch ein letztes Wort mit Ihnen zu sprechen habe.“
Neuntes Kapitel.
Das Spiel ist gemacht.
Während Sydney Carton und der Spion in dem dunklen Nebenzimmer waren und so leise miteinander verhandelten, daß man auch keinen Ton hörte, sah Mr. Lorry Jerry mit nicht geringem Zweifel und Mißtrauen an. Die Art, wie dieser ehrliche Gewerbsmann sich dabei benahm, war nicht geeignet, Vertrauen einzuflößen; er wechselte das Bein auf welchem er stand so oft, als ob er fünfzig dieser Gliedmaßen hätte und sie alle nacheinander versuchte; er besah sich die Fingernägel mit sehr verdächtiger Aufmerksamkeit; und so oft er Mr. Lorry’s Blick begegnete, befiel ihn der eigenthümliche, trockene Husten, der die hohle Hand vor den Mund zu führen pflegt und selten, wenn jemals, eine mit vollkommener Offenheit des Charakters verbundene Schwäche ist.
„Jerry,“ sagte Mr. Lorry, „tretet näher.“
Mr. Cruncher näherte sich ihm seitlings, die eine Schulter vor.
„Was seid Ihr noch gewesen außer Ausläufer?“
Nach einigem Nachdenken, begleitet von einem gespannten Blick auf seinen Gönner, kam Mr. Cruncher auf den glänzenden Einfall zu antworten: „agriculturischer Charakter.“
„Ich habe eine schlimme Ahnung,“ sagte Mr. Lorry und drohte ihm zürnend mit dem Zeigefinger, „daß Ihr das respectable und große Haus Tellson als falsches Schild benutzt habt und einer ungesetzlichen Beschäftigung der verworfensten Art nachgegangen seid. Wenn das der Fall gewesen ist, so erwartet nicht, daß ich ein gutes Wort für Euch einlege, wenn wir nach England zurückkehren. Wenn es der Fall gewesen ist, so erwartet nicht, daß ich Euer Geheimniß achte. Ich kann nicht dulden, daß Tellson’s hintergangen werden.“
„Ich hoffe, Sir,“ bat der beschämte Mr. Cruncher, „daß ein alter Herr wie Sie, dem ich die Ehre gehabt habe Ausläuferdienste zu leisten bis ich grau davon geworden bin, sich es zweimal überlegen wird, selbst wenn es an dem wäre — ich sage nicht daß es ist, eben selbst wenn es wäre. Und was dabei zu bedenken ist, daß, wenn es wäre, selbst dann nicht alle Schuld auf eine Seite fiele. Es sind zwei Seiten bei der Sache. Es könnte Aerzte geben zur gegenwärtigen Stunde, die ihre Guineen verdienen, wo ein ehrlicher Gewerbsmann nicht seinen Dreier verdient. — Dreier! Nein, noch nicht seinen halben Dreier — halben Dreier! Nein, noch nicht seinen Vierteldreier — die ihr Bankconto haben wie Dampf bei Tellsons, und verstohlen mit ihren medicinischen Augen den Gewerbsmann anzwinkern, während sie aus der Bank kommen und in ihren Wagen steigen — Ah! auch mit Dampf, wenn nicht noch mit mehr. Na, das hieße auch Tellsons hinter’s Licht führen. Denn man kann nicht zur Gans Sauce geben und zum Gänserich keine. Und dann kommt Mrs. Cruncher oder kam wenigstens in der Altenglandzeit und würde morgen bei der ersten Veranlassung gegen das Geschäft in einer Weise rutschen, die ruinirlich wäre — rein ruinirlich. Während die Weiber dieser Aerzte nicht rutschen — die lassen’s bleiben! oder wenn sie rutschen, rutschen sie wegen mehr Patienten und wie kann man die Einen haben ohne die Anderen? Und dann sorgen die Leichenbesorger und die Kirchspielschreiber, und die Todtengräber, und die Privatwächter (alle geizig und alle dabei) dafür, daß ein Mann nicht viel dabei verdient, selbst wenn es so wäre. Und das Wenige, was ein Mann verdient würde ihm nie gedeihen, Mr. Lorry. Ja, es würde ihm nie gedeihen; er möchte immer gern das Geschäft aufgeben, wenn er nur wüßte wie er herauskommen sollte, wenn er einmal d’rin ist — selbst wenn es so wäre.“
„Pfui!“ sagte Mr. Lorry, der trotzdem den Verbrecher mit milderem Auge ansah. „Schon der Gedanke empört mich, wenn ich Euch ansehe.“
„Um was ich Sie eben demüthig bitten wollte, Sir,“ fuhr Mr. Cruncher fort, „selbst wenn es so wäre, und ich sage nicht, daß es so ist“ —
„Keine Hinterzüge,“ sagte Mr. Lorry.
„Nein, ganz gewißlich nicht,“ entgegnete Mr. Cruncher, als ob seinen Gedanken oder seinem Thun nichts ferner läge — „ich sage nicht, daß es so ist — um was ich Sie demüthig bitten wollte ist Folgendes. Auf dem Stuhle wissen Sie, dort bei dem Temple-Thor drüben, sitzt mein Junge, auferzogen und aufgewachsen um bald ein Mann zu sein, der Ihnen Botenlaufen und Alles für Sie thun kann, bis Ihre Hacken sind, wo jetzt Ihr Kopf ist, wenn Sie es sonst wünschen. Wenn es so wäre, was ich noch gar nicht sage, (denn ich will keine Hinterzüge machen, Sir,) so lassen Sie diesen Jungen seines Vaters Stelle einnehmen und für seine Mutter sorgen; verrathen Sie den Vater dieses Jungen nicht — thuen Sie es nicht, Sir, und lassen Sie den Vater einen ordentlichen Gräber werden, und wieder gut machen, was er schlecht gemacht hat durch Ausgraben — wenn es so wäre — indem er sie ordentlich und richtig einscharrt und ein verfluchter Kerl sein will, wenn er sie wieder ausgraben läßt. Das, Mr. Lorry,“ sagte Mr. Cruncher, und wischte sich die Stirn mit dem Rockärmel ab, zum Zeichen, daß er sich dem Schlusse seiner Rede näherte, „das ist’s, um was ich Sie bitten wollte, Sir. Der Mensch kann hier nicht ersehen wie schrecklich es zugeht, was Subjecte ohne Köpfe betrifft — Gott! reichlich genug vorhanden, um den Preis herunter zu drücken bis auf’s Trägerlohn und kaum das, — ohne seine ernsten Gedanken zu bekommen. Und das wären meine Gedanken, wenn es so wäre und ich bitte Sie nicht zu vergessen, daß ich das, was ich gesagt habe, in der guten Sache gesagt habe, wo ich hätte schweigen können.“
„Das wenigstens ist wahr,“ sagte Mr. Lorry. „Schweigen wir jetzt davon. Vielleicht werdet Ihr noch meine Fürsprache haben, wenn Ihr sie verdient und in Werken bereut — nicht in Worten. Ich brauche keine Worte mehr.“
Mr. Cruncher fuhr mit den Knöcheln an die Stirn, als Sydney Carton und der Spion aus dem dunkeln Nebenzimmer erschienen. „Leben Sie wohl, Mr. Barsad!“ sagte der erstere; „unsere Verabredung ist getroffen und Sie haben Nichts weiter von mir zu fürchten.“
Er setzte sich auf einen Stuhl vor dem Kamin, Mr. Lorry gegenüber. Als sie allein waren, fragte Mr. Lorry, was er ausgerichtet habe?
„Nicht viel. Wenn es mit den Gefangenen schlimm gehen sollte, habe ich mir für einmal Zutritt zu ihm gesichert.“
Auf Mr. Lorry’s Gesicht sprach sich traurige Enttäuschung aus.
„Es ist Alles, was ich thun konnte,“ sagte Carton. „Zuviel verlangen hieße dieses Mannes Kopf unter das Beil bringen und wie er selbst sagt, es könnte ihm nichts Schlimmeres geschehen, wenn wir ihn denuncirten. Das war offenbar die schwache Seite unseres Spiels. Dem läßt sich nicht abhelfen.“
„Aber Zutritt zu ihm,“ sagte Mr. Lorry, „wenn es schlimm vor Gericht gehen sollte, kann ihn nicht retten.“
„Das habe ich nie gesagt.“
Mr. Lorry’s Augen suchten allmälig das Feuer; seine Theilnahme für Lucien und der schwere Schlag dieser zweiten Verhaftung, schwächten sie allmälig; er war jetzt ein alter Mann, in der letzten Zeit von vielem Kummer bedrückt, und Thränen rollten seine Wangen herab.
„Sie sind ein guter Mensch und ein treuer Freund,“ sagte Carton in einem andern Tone als bisher. „Verzeihen Sie, wenn ich Ihre Bewegung bemerke. Ich könnte nicht meinen Vater weinen sehen und achtlos dabei sitzen. Und ich könnte Ihren Schmerz nicht mehr achten, wenn Sie mein Vater wären. Doch dieses Unglück ist Ihnen erspart.“
Obgleich er diese letzten Worte mit einem Anklang seiner gewöhnlichen blasirten Weise sprach, war doch sowol im Tone seiner Stimme, wie in seiner Rührung so viel ächtes Gefühl und Achtung, daß Mr. Lorry, der ihn nie von seiner bessern Seite gesehen, ganz davon überrascht war. Er reichte ihm die Hand und Carton drückte sie sanft.
„Um wieder auf den armen Darnay zu kommen,“ sagte Carton. „Sagen Sie ihr nichts von dieser Zusammenkunft oder dieser Verabredung. Es würde sie nicht in den Stand setzen ihn zu sehen. Sie könnte glauben, es sollte im schlimmsten Falle dazu dienen ihm die Mittel zukommen zu lassen, dem Urtheil vorzugreifen.“
Mr. Lorry hatte daran nicht gedacht und er warf auf Carton einen raschen Blick, um zu sehen ob er so etwas im Sinne habe. Es schien so; er gab den Blick zurück und verstand ihn offenbar.
„Sie könnte sich tausenderlei denken,“ sagte Carton, „und jeder dieser Gedanken würde nur ihre Seelenangst vermehren. Sprechen Sie nicht zu mir von ihr; wie ich Ihnen sagte, als ich zuerst zu Ihnen kam: es ist besser, daß ich sie nicht sehe. Auch ohne das kann ich ihr die kleinen Hülfen leisten, zu denen sich vielleicht Gelegenheit findet. Sie gehen jedenfalls zu ihr? Ich bedaure sie aufrichtigst.“
„Ich gehe jetzt hin.“
„Das freut mich. Sie hängt so fest an Ihnen und verläßt sich so fest auf Sie. Wie sieht sie aus?“
„Bekümmert und unglücklich, aber sehr schön.“
„Ach!“
Es war ein langer, schmerzdurchdrungener Ton, wie ein Seufzer — fast wie ein Schluchzen. Es veranlaßte Mr. Lorry’s Augen Carton anzusehen, dessen Gesicht dem Feuer zugewendet war. Ein Licht oder ein Schatten (der alte Herr hätte nicht sagen können, welches von beiden) verschwand von demselben so rasch, wie an einem stürmischen und doch schönen Tage ein Lichtwechsel über einen Wiesenhang fliegt, und er hob den Fuß um eins der kleinen brennenden Holzscheite, das von dem Heerde fallen wollte, zurückzuschieben. Er trug den weißen Reitrock und die Stolpenstiefeln, die damals Mode waren und der Gegensatz dieser hellen Tracht zu seinem langen braunen, zwanglos und fast ungeordnet um das Gesicht hängendem Haar, machte ihn sehr blaß aussehend. Seine Unbekümmertheit um Feuerschaden war merkwürdig genug, um Mr. Lorry zu einem warnenden Wort zu veranlassen; er hatte den Stiefel immer noch auf die sprühenden Kohlen des brennenden Scheites gesetzt, als es unter dem Gewicht seines Fußes zerquetscht wurde.
„Ich hatte es vergessen,“ sagte er.
Mr. Lorry mußte ihn wieder ansehen. Wie er die Angegriffenheit der von Natur schönen Züge bemerkte, konnte er nicht umhin, an den den Gefangenengesichtern eigenen Ausdruck zu denken, der ihm ja jetzt so oft vor Augen kam.
„Und Ihre Geschäftsobliegenheiten hier sind jetzt zu Ende, Sir?“ sagte Carton jetzt zu ihm.
„Ja. Wie ich Ihnen gestern Abend sagte, als Lucie so unerwartet kam, habe ich endlich Alles hier gethan, was gethan werden konnte. Ich hoffte sie in vollkommener Sicherheit zurückzulassen und dann von Paris abzureisen. Ich habe meinen Passirschein. Ich war reisefertig.“
Beide schwiegen.
„Sie können auf ein langes Leben zurücksehen, Sir,“ sprach Carton endlich sinnend.
„Ich stehe in meinem 78. Jahre.“
„Sie sind Ihr ganzes Leben lang von Nutzen gewesen; ausdauernd und beständig beschäftigt; mit Vertrauen, mit Achtung und Verehrung angesehen?“
„Ich bin Geschäftsmann gewesen seitdem ich Mann bin. Ja, ich kann wohl sagen schon als Jüngling.“
„Und sehen Sie, welche Stelle Sie mit 78 Jahren einnehmen. Wie viele Leute werden Sie vermissen, wenn sie leer ist!“
„Ein einsamer alter Junggeselle,“ gab Mr. Lorry kopfschüttelnd zur Antwort. „Niemand wird mir eine Thräne nachweinen.“
„Wie können Sie das sagen? Würde sie nicht um Sie weinen? und ihr Kind nicht?“
„Ja, ja, Gott sei Dank. Ich nahm’ es nicht so genau mit meinen Worten.“
„Es ist ein Grund, Gott dafür zu danken; nicht?“
„Gewiß, gewiß.“
„Wenn Sie heut Nacht zu Ihrem einsamen Herzen sagen müßten „„ich habe die Liebe und Zuneigung, die Dankbarkeit oder Achtung keines menschlichen Wesens gewonnen; kein Herz denkt zärtlich an mich; Niemand erinnert sich meiner wegen eines Dienstes oder einer Hülfe die ich ihm geleistet habe!““ so wären Ihre 78 Jahre achtundsiebenzig schwere Flüche; würde das nicht der Fall sein?“
„Sie haben Recht, Mr. Carton; es würde so sein.“
Sydney sah wieder in das Feuer und fuhr nach einer Pause von einigen Augenblicken weiter fort:
„Ich möchte Ihnen wol eine Frage vorlegen: — scheint Ihnen Ihre Kindheit weit zurück zu liegen? Erscheinen Ihnen die Tage, wo Sie auf Ihrer Mutter Schoos saßen, als Tage einer längst entschwundenen Vergangenheit?“
Auf seinen herzlicheren Ton eingehend gab Mr. Lorry zur Antwort.
„Vor zwanzig Jahren, ja; gegenwärtig Nein. Denn wie ich dem Ende immer näher komme, wandere ich im Kreise und der Anfang tritt mir immer näher. Es scheint dies eine der freundlichen Erleichterungen und Vorbereitungen des Abgangs zu sein. Mein Herz kennt jetzt viele, lange Zeit schlummernde Erinnerungen an meine hübsche junge Mutter (und ich so alt jetzt!) und an die Tage, wo das, was wir die Welt nennen, mir noch nicht so wirklich erschien und meine Fehler noch nicht zur Gewohnheit geworden waren.“
„Ich verstehe das Gefühl!“ rief Carton aus, und eine helle Röthe flog über sein Gesicht. „Und Sie fühlen sich besser davon?“
„Ich hoffe es.“
Carton brach hier das Gespräch ab, indem er aufstand und dem andern seinen Ueberrock anziehen half; „aber Sie,“ sagte jetzt Mr. Lorry, „Sie sind noch jung.“
„Ja,“ sagte Carton. „Ich bin nicht alt, aber die Art wie ich jung gelebt habe, war nicht der Weg zum Altwerden. Genug von mir.“
„Und gewiß auch von mir,“ sagte Mr. Lorry. „Gehen Sie aus?“
„Ich will Sie bis an ihre Hausthür begleiten. Sie kennen ja meine Lust am Herumstreifen und meine Ruhelosigkeit. Wenn ich mich lange Zeit in den Straßen herumtreiben sollte, so machen Sie sich keine Sorge; ich werde früh schon wieder da sein. Sie gehen morgen in die Gerichtssitzung?“
„Ja, leider.“
„Auch ich werde da sein, aber unter den Zuschauern. Mein Spion verschafft mir einen Platz. Nehmen Sie meinen Arm, Sir.“
Mr. Lorry that dies und sie gingen die Treppe hinab und traten auf die Straße. Wenige Minuten brachten sie an Mr. Lorry’s Bestimmungsort. Dort verließ ihn Carton, blieb aber in einiger Entfernung stehen und kehrte nach dem Thorweg zurück, als er geschlossen war, und legte die Hand daran. Er hatte gehört, daß sie jeden Tag nach dem Gefängniß ging. „Hier ist sie herausgekommen“ sagte er, „diesen Weg ist sie gegangen, diese Steine muß sie oft betreten haben. Ich folge ihrem Wege.“
Es war 10 Uhr Nachts als er vor dem Gefängniß La Force, wo sie hundertmal gestanden hatte, ankam. Ein kleiner Holzhacker, der seinen Laden zugemacht hatte, rauchte vor demselben seine Pfeife.
„Guten Abend, Bürger,“ sagte Sydney Carton im Vorbeigehen stehen bleibend; denn der Mann sah ihn forschend an.
„Guten Abend, Bürger.“
„Was macht die Republik?“
„Ihr meint die Guillotine? Es geht nicht schlecht. Dreiundsechszig heute. Wir müssen bald auf ein volles Hundert kommen. Samson und seine Leute klagen manchmal, sie würden müde. Ha, ha, ha! er ist ein so drolliger Kerl, dieser Samson. Solch’ ein Barbier!“
„Geht Ihr oft hin?“ —
„Ihn rasiren zu seh’n? Immer. Jeden Tag. Solch’ ein Barbier! Ihr habt ihn arbeiten sehen?“
„Nie.“
„So geht ja hin und seht zu, wenn er einmal volle Arbeit hat. Denkt es Euch nur, Bürger, er rasirte heute Dreiundsechszig in weniger als zwei Pfeifen! In weniger als zwei Pfeifen. Auf Ehrenwort!“
Wie das grinsende kleine Ungeheuer die Pfeife in die Höhe hielt, die er rauchte um zu zeigen, wie er die Zeit des Scharfrichters controllirte, fühlte Carton einen so lebhaften Wunsch in sich rege werden, ihn todt zu seinen Füßen niederzustrecken, daß er sich weg wendete.
„Aber Ihr seid kein Engländer,“ sagte der Holzhacker, „obgleich Ihr wie ein Engländer angezogen seid.“
„Doch“, sagte Carton, indem er wieder still stand und sich über die Achsel umsah.
„Ihr sprecht wie ein Franzose.“
„Ich habe früher hier studiert.“
„Ah ha, ein vollkommener Franzose! Gute Nacht, Engländer.“
„Gute Nacht, Bürger.“
„Aber vergeßt ja nicht hinzugehen und Euch den drolligen Kerl anzusehen,“ rief ihm der kleine Mann noch nach. „Und nehmt eine Pfeife mit!“
Sydney war kaum um eine Ecke, so blieb er mitten auf der Straße unter einer düster brennenden Laterne stehen und schrieb mit dem Bleistift Etwas auf einen Zettel. Dann ging er mit dem entschlossenen Schritt eines Mannes, der seinen Weg recht gut kennt, durch mehrere dunkele und schmutzige Gassen — viel schmutziger als gewöhnlich; denn selbst die vornehmsten Straßen blieben in dieser Schreckenszeit ungereinigt — und blieb vor einem Apothekerladen stehen, den der Besitzer eben mit eigenen Händen schließen wollte. Es war ein kleiner trüber, eckiger Laden in einer krummen, bergaufgehenden Straße, gehalten von einem kleinen, trüben, eckigen Manne.
Mit einem „Guten Abend, Bürger“ trat Carton an den Ladentisch und gab dem Apotheker den Zettel. „Hui!“ pfiff dieser leise, als er ihn las. „Hi, hi, hi!“
Sydney Carton beachtete dies nicht und der Chemiker sagte:
„Für Euch, Bürger?“
„Für mich!“
„Ihr werdet Sorge tragen sie nicht unter einander zu mischen, Bürger? Ihr wißt was die Folgen sind, wenn sie untereinander kommen?“
„Vollkommen.“
Der Apotheker bereitete verschiedene Pulver und übergab sie ihm in kleinen Packetchen. Er steckte sie einzeln in die Brusttasche seines Leibrocks, zählte das Geld dafür auf den Tisch und verließ gelassenen Schrittes den Laden. „Es ist vor Morgen nichts mehr zu thun,“ sagte er zum Monde aufblickend. „Ich kann nicht schlafen.“
Es war nicht der alte, verletzend blasirte, oder an sich selbst verzweifelnde Ton, mit dem er diese Worte sprach. Er sprach vielmehr in der mit sich abgeschlossenen Weise eines müden Wanderers, der nach langer anstrengender Irrfahrt endlich den richtigen Weg gefunden hat und sein Reiseziel vor sich sieht.
Vor langer Zeit, als er unter seinen Mitschülern als ein Jüngling von großen Hoffnungen berühmt gewesen, war er seines Vaters Leiche gefolgt. Seine Mutter war schon vor Jahren gestorben. Die feierlichen Worte, die der Geistliche an seines Vaters Grab gelesen, traten jetzt, wie er durch die dunkeln Straßen in dem schweren Schatten der Nacht ging, während hoch über ihm die Wolken hastig über den Mond flogen, vor seine Seele. „Ich bin die Auferstehung und das Leben, sagt der Herr, wer an mich glaubet der soll ewig leben, ob er auch stürbe: und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“
In einer, von der Guillotine beherrschten Stadt, in nächtlicher Einsamkeit, mit natürlicher Theilnahme an dem Schicksale der Dreiundsechszig, welche an diesem Tage hingerichtet worden und an das der Opfer des morgenden Tages, die ihr Schicksal in den Gefängnissen erwarteten, und der Opfer noch so vieler zu erwartenden Morgen, war die Ideenverbindung, welche ihm diesen Spruch in’s Gedächtniß brachte leicht zu finden. Er suchte sie nicht, sondern wiederholte den Spruch und ging weiter.
Mit einem feierlichen Interesse an den erleuchteten Fenstern, wo Leute schlafen gingen, ein paar stille Stunden hindurch die sie umgebenden Schrecken vergessend; an den Thürmen der Kirchen, wo keine Gebete zum Himmel drangen, denn so weit auf dem Wege zur Selbstvernichtung war im Volke die Reaction durch lange Jahre priesterlichen Truges, priesterlichen Plünderung und Ausschweifung zurückgeprallt; an den entlegenen Friedhöfen, jetzt, wie über dem Eingang stand „dem ewigen Schlummer gewidmet“; an den übervollen Kerkern; und an den Straßen, durch welche die Verurtheilten schockweise zu einem Tode fuhren, der so alltäglich und handgreiflich geworden war, daß das Volk an all dieses blutige Arbeiten der Guillotine nicht einmal eine Gespenstersage zu knüpfen wußte; mit einem feierlichen Interesse an dem ganzen Leben und Sterben der Stadt, die allmälich in die kurze nächtliche Unterbrechung ihres täglichen Wüthens versank, ging Sydney Carton wieder über die Seine, um die helleren Straßen aufzusuchen.
Man sah nur wenige Kutschen; denn wer in Kutschen fuhr ward leicht verdächtig, und Vornehmheit setzte auf den Kopf eine rothe Nachtmütze und zog schwere Schuhe an und ging zu Fuß. Aber die Theater waren alle gefüllt und die Leute strömten in heiterer Stimmung heraus, wie er vorbeiging, und begaben sich plaudernd nach Hause. An der Thür eines der Theater stand ein kleines Mädchen mit einer Mutter, die einen Uebergang über die Straße durch den Schmutz suchten. Er trug die Kleine hinüber und bat sie, ehe der schüchterne Arm sich von seinem Hals los machte, um einen Kuß.
„Ich bin die Auferstehung und das Leben, spricht der Herr, wer an mich glaubet der wird ewig leben, ob er auch stürbe: und wer lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“
Jetzt wo die Straßen still waren und die Nacht sich eingestellt hatte, klangen die Worte aus dem Widerhall seiner Schritte und aus der Luft. Vollkommen ruhig und gefaßt sprach er sie manchmal vor sich hin wie er seines Weges ging; aber er hörte sie immer.
Die Nacht verging und wie er auf der Brücke stand und dem Wasser lauschte, das an den Uferrändern der Insel von Paris plätscherte, wo die malerische Verwirrung von Häusern und Dom hell im Mondlichte schien, kam kalt der Tag und sah wie ein Leichengesicht aus dem Himmel herunter. Da wurde die Nacht mit dem Mond und den Sternen blaß und starb, und für eine kurze Zeit schien die Schöpfung der Herrschaft des Todes übergeben zu sein.
Aber die herrliche Sonne ging auf und schien diese Worte, welche die ganze Nacht ihn umklungen hatten mit ihren langen und hellen Strahlen gerade und warm ihm in’s Herz zu senden. Und wie er voll Ehrfurcht das Auge zum Himmel erhob, schien sich eine Lichtbrücke zwischen ihm und der Sonne durch die Luft zu wölben, während der Strom unter ihm funkelte.
Die starke Strömung, so schnell, so tief und so sicher, war in der Morgenstille wie ein gleich gestimmter Freund. Er ging den Fluß entlang weit von den Häusern, und schlummerte in dem warmen Sonnenscheine am Ufer ein. Als er wieder erwachte und aufstand, blieb er noch eine kleine Weile stehen und sah einem Wirbel zu, der sich zwecklos bis der Strom ihn verschlang drehte, um ihn hinaus in’s Meer zu tragen. — „Gleich mir!“
Ein Boot mit einem Segel von der Farbe eines halbgebleichten, todten Blattes kam jetzt langsam den Fluß herunter, trieb vor ihm vorbei und verschwand in der Ferne. Wie auch die Furche, die es im Wasser gezogen, verschwunden war, schloß er das Gebet um barmherzige Erwägung seiner Fehler und Irrthümer, das sich aus seinem Herzen losgerungen, mit den Worten: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“
Mr. Lorry war bereits ausgegangen als er zu ihm kam und es war leicht zu vermuthen, wo der gute Alte war. Sydney Carton trank nur eine Tasse Kaffee, aß ein wenig Brot und begab sich, nachdem er sich gewaschen und die Wäsche gewechselt, nach dem Gerichtssaal.
Dort war schon Alles lebendig und laut, als das schwarze Schaf — vor dem viele scheu zurückwichen — ihn in eine dunkle Ecke unter den Zuschauern drängte. Mr. Lorry war da und Dr. Manette war da. Sie war da, und saß neben ihrem Vater.
Als man ihren Gatten hereinführte, sah sie ihn mit einem Blick an, so tröstend, so ermuthigend, so voll bewundernder Liebe und zärtlichem Mitleid und doch so muthvoll um seinetwillen, daß er ihm das gesunde Blut in das Antlitz rief, seine Blicke strahlen machte und sein Herz mit neuem Leben erfüllte. Wäre Jemand dagewesen um die Wirkung ihres Blickes auf Sydney Carton zu beobachten, so hätte er genau dieselben Folgen gesehen.
Vor diesem ungerechten Gericht gab es keine, oder so gut wie keine Ordnung im Verfahren, welche dem Angeklagten angemessenes Gehör sicherte. Es hätte gar keine solche Revolution stattfinden können, wenn alle Gesetze, Formen und Ceremonien nicht erst so ungeheuerlich mißbraucht worden wären, daß die selbstmörderische Rache der Revolution von selbst auf den Gedanken kam, sie alle in den Wind zu schlagen.
Die Augen Aller wendeten sich auf die Geschworenen. Dieselben gesinnungstüchtigen Patrioten und guten Republikaner, wie Gestern und Vorgestern und Morgen und Uebermorgen. Hervorstechend war einer unter ihnen, ein Mann mit einem gierigen Gesicht, dessen Finger sich beständig um seine Lippen bewegten und dessen Aussehen die Zuschauer sehr befriedigte. Ein mordlustiger, cannibalenhaft aussehender, blutdürstiger Geschworener war dieser Jacques Drei von St. Antoine. Die ganze Jury sah aus wie eine Jury von Hunden, eingeschworen um Wild zu verurtheilen.
Aller Augen wendeten sich nun auf die fünf Richter und den öffentlichen Ankläger. Dort war heute keine Milde zu erwarten. Grausame, unnachgiebige, mörderische Geschäftsgesichter. Dann suchte jedes Auge ein anderes Auge im Gedränge und wechselte mit ihm einen beifälligen Blick; und Köpfe nickten sich einander zu, bevor sie mit gespannter Aufmerksamkeit sich vorwärtsdrängten.
Charles Evrémonde, genannt Darnay. Gestern freigelassen, von Neuem angeklagt und wieder verhaftet. Anklage ihm gestern Nacht übergeben. Verdächtig und angeklagt als Feind der Republik, Aristokrat, Mitglied einer Tyrannenfamilie, eines Geschlechts das geächtet, weil es seine abgeschafften Privilegien zur schändlichen Bedrückung des Volkes gebraucht. Charles Evrémonde, genannt Darnay, in Folge dieser Aechtung unbedingt todt vor dem Gesetz.
So ungefähr in ebenso wenig oder weniger Worten sprach der öffentliche Ankläger. Der Präsident fragte, ob der Angeklagte offen oder geheim denuncirt sei?
„Offen, Präsident.“
„Von wem?“
„Von drei Stimmen. Ernest Defarge, Weinschenk in St. Antoine.“
„Gut.“
„Therese Defarge, seine Frau.“
„Gut.“
„Alexander Manette, Arzt.“
Ein großer Lärm entstand im Saale und in demselben sah man Dr. Manette blaß und zitternd von seinem Platz aufspringen.
„Präsident, ich protestire mit Entrüstung gegen diese Angabe als eine Fälschung und einen Betrug. Ihr wißt, daß der Angeklagte der Gatte meiner Tochter ist. Meine Tochter und die zu ihr gehören sind mir lieber als das Leben. Wo und wer ist der falsche Verschwörer, welcher sagt, daß ich den Gatten meines Kindes anklage?“
„Seid ruhig, Bürger Manette. Der Autorität des Gerichts den Gehorsam verweigern, würde Euch selbst außerhalb des Gesetzes stellen. Was Ihr da sagt vom theurer sein als Euer Leben, so kann einem guten Bürger Nichts so theuer sein wie die Republik!“
Lauter Beifall begrüßte diese Zurechtweisung. Der Präsident klingelte und begann mit Wärme von Neuem.
„Wenn die Republik von Euch das Opfer Eures eigenen Kindes verlangte, so hättet Ihr keine andere Pflicht, als es zu opfern. Hört auf das, was der Ankläger zu sagen hat. Bis dahin schweigt.“
Wüthender Beifall ertönte ringsum. Dr. Manette nahm seinen Platz ein während er sich mit zitternden Lippen umschauete; seine Tochter drängte sich dichter an ihn heran. Der gierige Mann unter den Geschworenen rieb sich die Hände und brachte dann von Neuem die Finger an den Mund.
So wie die Ruhe soweit hergestellt worden war um eine Fortsetzung des Verfahrens möglich zu machen, ward Defarge aufgerufen, der in kurzen Worten auseinander setzte, daß er als bloßer Knabe noch im Dienste des Doctors gestanden, als dieser verhaftet worden, und dann über seine Befreiung und über den Zustand in welchem ihm der Doctor nach seiner Freilassung übergeben worden, berichtete. Darauf folgte noch ein kurzes Verhör, denn das Gericht verrichtete seine Arbeit schnell.
„Ihr habt gute Dienste bei der Einnahme der Bastille geleistet, Bürger?“
„Ich glaube.“
Hier kreischte ein aufgeregtes Weib aus dem Gedränge heraus: „Ihr waret dort einer der besten Patrioten. Warum soll man es nicht sagen? Ihr bedientet an jenem Tage ein Geschütz und waret unter den ersten die in das verwünschte Nest eindrangen. Patrioten, ich spreche die Wahrheit!“
Es war der Racheengel, der, stürmisch gelobt von dem lauten Beifall der Zuhörer, sich so in die Verhandlung mischte.
Der Präsident klingelte; aber der Racheengel, durch die ihm zu Theil gewordene Aufmunterung warm geworden, kreischte: „was geht mich die Klingel an!“ wofür er wiederum rauschendes Lob erntete.
„Erzählt dem Gericht, was Ihr an jenem Tage in der Bastille gethan habt, Bürger.“
„Ich wußte,“ sagte Defarge, während er hinab auf seine Frau sah, die unten an den Stufen stand, auf die er getreten war und ihn fest im Auge behielt; „ich wußte daß dieser Gefangene, von dem ich spreche, in einer Zelle, genannt 105 Nordthurm, gesessen hatte. Ich wußte das von ihm selbst. Er kannte sich selbst bei keinem andern Namen als 105 Nordthurm, als er unter meiner Obhut Schuhe machte. Als ich meine Kanone an jenem Tage bediente, nahm ich mir vor, wenn wir den Platz einnehmen sollten, die Zelle zu untersuchen. Wir nahmen ihn ein. Mit einem Mitbürger, der sich unter den Geschworenen befindet, begebe ich mich, von einem Kerkermeister geleitet, nach der Zelle. Ich durchsuche sie ganz genau. In einem Loch im Schornstein, wo ein Stein herausgearbeitet und wieder hineingesetzt worden, finde ich ein beschriebenes Papier. Dies ist das beschriebene Papier. Ich habe es mir zur Obliegenheit gemacht, mehrere Proben der Handschrift Dr. Manette’s zu besichtigen. Dies ist die Handschrift Dr. Manette’s. Ich lege dies Papier, geschrieben von der Hand des Dr. Manette in die Hände des Präsidenten.“
„Man lese es vor.“
Unter tiefstem Schweigen, wobei der vor Gericht gestellte Gefangene zärtlich seine Gattin ansah, seine Gattin nur ihre Augen von ihm abwendete, um mit bekümmerter Theilnahme ihren Vater zu betrachten, Dr. Manette seinen Blick auf den Vorleser geheftet hielt, Madame Defarge die ihrigen nie von dem Gefangenen abwendete, Defarge mit seinem Auge nie das schon im Vorgenusse schwelgende Auge seiner Frau verließ, und alle anderen Blicke sich gespannt auf den Doctor wendeten, der Niemanden ringsum sah, ward das Papier verlesen.
Zehntes Kapitel.
Das Wesen des Schattens.
„Ich, Alexander Manette, unglücklicher Arzt, geboren in Beauvais und später wohnhaft in Paris, schreibe diese traurige Geschichte in meiner Jammerzelle in der Bastille im letzten Monat des Jahres 1767. Ich schreibe es auf den Raub, in seltenen Zwischenräumen, unter jeder Schwierigkeit. Ich gedenke es in der Schornsteinwand zu verstecken, wo ich langsam und mühsam einen sicheren Platz für dasselbe hergestellt habe. Dort findet es vielleicht eine mitleidige Hand, wenn ich und mein Schmerz unter der Erde sind. Ich schreibe diese Worte nur mit einem verrosteten Nagel und mit abgeschabtem Ruß aus dem Schornstein, untermischt mit Blut, im letzten Monat des zehnten Jahres meiner Gefangenschaft. Hoffnung ist ganz aus meiner Brust verschwunden. Ich weiß aus schrecklichen Symptomen die ich an mir bemerkt habe, daß mein Geist nicht lange mehr ungeschwächt bleiben wird, aber ich erkläre feierlich, daß ich gegenwärtig noch im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte bin — daß mein Gedächtniß gut und zuverlässig ist — und daß ich die Wahrheit schreibe, so wahr ich für diese, meine letzten niedergeschriebenen Worte, mögen sie von menschlichen Augen gelesen werden oder nicht, vor dem ewigen Gott Rechenschaft ablegen muß.
„In einer bewölkten Mondscheinnacht in der dritten Woche des Decembers (ich glaube es war der zweiundzwanzigste dieses Monats) im Jahre 1757, ging ich um frische Luft zu schöpfen auf einem abgelegenen Theile des Seine-Quais ungefähr eine Stunde Wegs von meiner Wohnung in der Straße der medicinischen Schule spazieren, als ein Wagen sich mir in sehr raschem Laufe näherte. Wie ich zur Seite trat um den Wagen vorbeizulassen, da er mich sonst hätte umfahren können, sah ein Kopf zum Fenster heraus und eine Stimme rief dem Kutscher zu zu halten.
„Der Wagen hielt, sowie der Kutscher die Pferde zügeln konnte, und dieselbe Stimme rief mich beim Namen. Ich antwortete. Der Wagen war jetzt mir soweit voraus, daß zwei Herren Zeit hatten die Kutschenthür zu öffnen und auszusteigen ehe ich sie erreichte. Ich bemerkte, daß beide in Mäntel gehüllt waren, wie es schien um nicht erkannt zu werden. Wie sie nebeneinander, nicht weit von dem Wagentritt, standen, bemerkte ich auch, daß sie beide von meinem Alter sein mochten, oder eher jünger und daß sie sich sehr ähnlich waren im Wuchs, in der Haltung, in der Stimme und soweit ich sehen konnte, auch im Gesicht.
„„Sie sind Dr. Manette?“ sagte der Eine.
„„Ja.“
„„Dr. Manette, früher in Beauvais,“ sprach der Andere; „„der junge Arzt, ursprünglich ein geschickter Chirurg, der seit den letzten paar Jahren in Paris zu solchem Ruf gelangt ist?“
„„Meine Herren,“ gab ich zurück, „„ich bin der Dr. Manette von dem sie in so schmeichelhaften Ausdrücken sprechen.“
„„Wir waren in Ihrer Wohnung,“ sagte der Erste, „„und da wir nicht so glücklich waren Sie dort zu finden und hörten, daß Sie wahrscheinlich in dieser Gegend spazieren gingen, fuhren wir hierher in der Hoffnung Ihnen zu begegnen. Wollen Sie gefälligst in den Wagen steigen?“
„Die Manier beider war gebieterisch und während des eben erwähnten Gesprächs hatten sich beide so gestellt, daß sie zwischen mir und der Wagenthür standen. Sie waren bewaffnet. Ich nicht.“
„„Meine Herren,“ sagte ich, „„verzeihen Sie mir; aber ich erkundige mich gewöhnlich, wer mir die Ehre erweist, meine Hülfe in Anspruch zu nehmen und von welcher Beschaffenheit der Fall ist, wo ich Hülfe leisten soll.“
„Die Antwort die ich darauf von dem erhielt, der als Zweiter gesprochen hatte, war: „„Doctor, Ihre Clienten sind Leute vom Stande. Was die Beschaffenheit des Falls betrifft, so sagt uns unser Vertrauen auf Ihre Kunst, daß Sie denselben viel besser durch eigene Anschauung kennen lernen werden, als wir ihn Ihnen beschreiben können. Genug. Wollen Sie gefälligst in den Wagen steigen?“
„Ich konnte Nichts thun als mich fügen und stieg schweigend ein. Beide folgten mir und der Letzte sprang herein, nachdem der Tritt aufgeklappt war. Der Wagen ward gewendet und fuhr mit der früheren Schnelligkeit davon.
„Ich wiederhole diese Unterredung genau so, wie sie vor sich ging. Ich bezweifle nicht, daß sie Wort für Wort dieselbe war. Ich beschreibe Alles genau so, wie es sich zutrug und zwinge meinen Geist, nicht von seinem Gegenstande abzuschweifen. Wo ich die Zeichen mache, die hier folgen, breche ich vor der Hand ab und verberge meine Papiere im Versteck. ****
„Der Wagen hatte die Straße bald hinter sich, fuhr zur Nord-Barriere hinaus und auf der Landstraße weiter. Ohngefähr drei Viertelstunden vor der Barriere — ich schätzte damals die Entfernung nicht ab, aber bei einer spätern Gelegenheit — lenkte der Wagen von der Hauptstraße ab und hielt gleich darauf vor einem einsam gelegenen Hause. Wir stiegen alle Drei aus und gingen auf einem weichen, feuchten Fußwege durch einen Garten, wo ein vernachlässigter Springbrunnen übergelaufen war, nach der Hausthür. Auf das Schellen mit der Glocke ward sie nicht sofort geöffnet und einer meiner Führer schlug den Mann, der an die Thür kam, mit einem schweren Reithandschuh ins Gesicht.
„Es war nichts in dieser Handlung, was meine besondere Aufmerksamkeit erregte; denn ich hatte gemeine Leute öfter wie Hunde schlagen sehen. Aber der Andere von den Brüdern, der ebenfalls ärgerlich war, schlug den Mann auch und dabei waren die Brüder in Haltung und Aussehen so vollkommen gleich, daß ich jetzt gewahr wurde, es waren Zwillingsbrüder.
„Schon wie wir am äußern Thor (das verschlossen war und das einer der Brüder, um uns einzulassen, geöffnet und dann von Neuem zugeschlossen hatte) abgestiegen waren, hatte ich ein lautes Schreien von einem obern Zimmer her gehört. Man führte mich geradewegs nach diesem Zimmer; das Schreien wurde immer lauter, wie wir die Treppe hinauf stiegen, und ich fand eine Kranke im hitzigen Fieber auf einem Bett liegen.
„Die Kranke war ein Weib von großer Schönheit und jung; jedenfalls nicht viel über Zwanzig. Ihr Haar war wirr und zerzaust und ihre Arme mit Schärpen und Taschentüchern niedergebunden. Ich bemerkte, daß diese Binden alle von Herrenkleidern herrührten. Auf einer derselben, einer mit Fransen besetzten Schärpe für einen Festanzug, sah ich ein adliches Wappen und den Buchstaben E eingestickt.
„Ich sah dies in der ersten Minute, wo ich vor der Kranken stand; denn in ihren ruhelosen Bewegungen hatte sie sich auf dem Rande des Bettes auf das Gesicht gelegt, das Ende der Schärpe in den Mund bekommen und lief Gefahr zu ersticken. Mein Erstes war, meine Hand auszustrecken, um ihr freies Athmen zu verschaffen, und wie ich die Schärpe auf die Seite schob, fiel mein Blick auf die Stickerei in dem Zipfel.
„Ich wendete sie sanft um, legte meine Hände auf ihre Brust, um sie zu beruhigen und sah ihr in’s Gesicht. Ihre Augen standen weit offen und waren ganz verstört, und sie stieß fortwährend durchdringendes Geschrei aus und wiederholte die Worte: „Mein Mann, mein Vater und mein Bruder!“ und zählte dann bis zwölf und sagte: „„still!“ Einen Augenblick und nicht länger hielt sie inne, um zu horchen, und dann fing sie wieder an zu schreien und wiederholte die Worte: „„Mein Mann, mein Vater und mein Bruder!“ und zählte bis zwölf und sagte „„still!“ Immer in derselben Ordnung und in derselben Weise. Es fand auch keine Unterbrechung statt außer der einzigen, regelmäßigen kurzen Pause und immer wieder fing die Reihe der Schmerzensrufe von vorn an.“
„„Wie lange hat dies gedauert?“ fragte ich.
„Zur Unterscheidung will ich die Brüder den älteren und den jüngeren nennen; mit dem Aelteren meine ich denjenigen, der die meiste Autorität ausübte. Der Aeltere antwortete jetzt: „„seit ungefähr dieser Stunde in letzter Nacht.“
„„Sie hat einen Mann, einen Vater und einen Bruder?“
„„Einen Bruder.“
„„Ich spreche nicht mit ihrem Bruder?“
„Er antwortete mit großer Verachtung: „„Nein.“
„„Ihre Gedanken müssen neuerlich mit der Zahl 12 zu thun gehabt haben?“
„Der jüngere Bruder warf ungeduldig ein: „„mit 12 Uhr.“
„„Sehen Sie, meine Herren,“ sagte ich, während ich immer noch die Hände auf ihrer Brust ruhen ließ, „„wie unnütz ich so, wie sie mich hergebracht haben, hier bin. Wenn ich gewußt hätte, was ich hier finden würde, hätte ich mich versorgen können. So geht unwiederbringliche Zeit verloren. In diesem abgelegenen Hause sind jedenfalls keine Arzneien zu haben.“
„Der ältere Bruder sah den jüngern an, welcher gleichgültig zur Antwort gab: „„es ist ein Medizinkasten hier“ und ihn aus einem Alkoven brachte und auf den Tisch stellte. ****
„Ich machte einige von den Fläschchen auf, roch daran und brachte den Stöpsel an die Lippen. Wenn ich etwas Anderes als narkotische Arzneien, die für sich schon Gift waren, hätte anwenden können, so durfte ich diese nicht gebrauchen.“
„„Trauen Sie den Arzneien nicht?“ sagte der jüngere Bruder.
„„Sie sehen, Monsieur, daß ich von ihnen Gebrauch machen will,“ gab ich zur Antwort und sagte weiter Nichts. Mit großer Schwierigkeit und nach vielen Bemühungen gelang es mir der Kranken die gewünschte Dosis einzuflößen. Da ich sie nach einiger Zeit wiederholen wollte und ihre Wirkung beobachten mußte, setzte ich mich neben das Bett nieder. Als Aufwärterin diente ein verschüchtertes und gedrücktes Weib (die Frau des Mannes, der uns geöffnet hatte), das in einer Ecke stand. Das Haus war feucht und verfallen, mittelmäßig ausgestattet — offenbar vor kurzem erst und nur vorübergehend bewohnt. Die Fenster waren mit dicken, alten Tapeten zugenagelt um den Schall des Schreiens abzudämpfen. Dieses dauerte immer noch in seiner regelmäßigen Reihenfolge fort, das Geschrei: „„mein Mann, mein Vater und mein Bruder!“ das Zählen bis 12 und „„still!“ Die Kranke raste so heftig, daß ich mir nicht getraute die Binden von den Armen zu entfernen; aber ich hatte nachgesehen, daß sie nicht schmerzten. Das Einzige, was mich bei dem Fall ermuthigte, war, daß meine Hand auf der Brust der Leidenden so viel besänftigenden Einfluß hatte, daß minutenlange Unterbrechungen in den krampfhaften Bewegungen des Körpers eintraten. Auf das Geschrei machte dies keinen Eindruck; kein Pendel konnte regelmäßiger sein.“
„Weil meine Hand diese Wirkung hervorrief, hatte ich wol eine halbe Stunde neben dem Bett gesessen und die beiden Brüder waren im Zimmer geblieben, bevor der Aeltere sagte:
„Es ist noch ein anderer Kranker da.“
„Ich erschrak und sagte: „„ist es ein dringender Fall?“
„„Es ist besser Sie sehen selbst nach,“ gab er gleichgültig zur Antwort und nahm einen Leuchter. ****
„Der andere Kranke lag in einem Hinterzimmer, zu dem eine zweite Treppe führte, eigentlich in einer Art Bodenraum über einem Stalle. Ein Theil desselben war mit einer niedrigen Gypsdecke versehen; das Uebrige war oben offen bis zu dem Hahnebalken des Daches und nur einzelne Balken vertraten die Stelle der Decke. In diesem Theile lagen Heu und Stroh, Reißbündel als Feuerholz und ein Haufen Aepfel im Sande. Ich hatte durch diesen Theil zu gehen um in den andern zu gelangen. Mein Gedächtniß ist genau und treu. Ich stelle es in diesen Einzelnheiten auf die Probe und sehe sie alle in dieser meiner Zelle in der Bastille fast am Ende des zehnten Jahres meiner Haft, wie ich sie in jener Nacht sah.
„Auf einem Heubündel auf dem Boden, mit einem Kissen unter dem Kopf geschoben lag ein hübscher Bauernbursch — ein halber Knabe noch von kaum 17 Jahren. Er lag auf dem Rücken, die Zähne fest zusammengebissen, die rechte Hand auf die Brust gepreßt und mit den funkelnden Augen gerade in die Höhe sehend. Ich konnte nicht entdecken wo die Wunde war, wie ich neben ihm niederkniete und mich über ihn beugte; aber ich konnte sehen, daß er an einer Wunde von einem scharfen spitzen Instrument starb.
„„Ich bin Arzt, armer Junge,“ sagte ich. „„Laß mich Deine Wunde untersuchen.“
„„Ich mag sie nicht untersuchen lassen,“ gab er zur Antwort; „„laßt sie sein.“
„Sie war unter seiner Hand und ich besänftigte ihn so, daß er mir die Hand wegzunehmen gestattete. Die Wunde war ein Degenstich, zwanzig oder vierundzwanzig Stunden alt, aber kein Arzt hätte ihn retten können, wenn auch sofort darnach gesehen worden wäre. Er näherte sich jetzt rasch seinem Ende. Wie ich meine Augen auf den älteren Bruder heftete, sah ich wie er auf diesen hübschen, sterbenden Burschen herabblickte, als wäre er ein verwundeter Vogel oder ein Hase, oder ein Kaninchen; durchaus nicht als ob er ein Mitmensch wäre.
„„Wie ist dies zugegangen, Monsieur?“ sagte ich.
„„Ein wahnwitziger Hund von einem Bauer, ein Leibeigener, zwang meinen Bruder den Degen zu ziehen und ist von meines Bruders Degen gefallen — wie ein Cavalier.““
„Keine Spur von Mitleid, Schmerz oder menschlichem Mitgefühl war in dieser Antwort zu hören. Der Sprecher schien zuzugeben, daß es unangenehm sei, daß diese andere Art von Creatur hier im Sterben lag und daß es besser gewesen, wenn er in dem gewöhnlichen dunkeln Lauf seines Ungezieferlebens gestorben wäre. Er war ganz unfähig Mitleid mit dem Knaben oder seinem Schicksale zu fühlen.
„Die Augen des Burschen hatten sich langsam ihm zugewendet, als er gesprochen hatte und richteten sich jetzt langsam auf mich.
„„Doctor, sie sind sehr stolz, diese Edelleute; aber wir gemeines Volk sind manchmal auch stolz. Sie berauben uns, beleidigen uns, prügeln uns, schlagen uns todt, aber dennoch bleibt uns manchmal ein klein wenig Stolz übrig. Sie — haben Sie sie gesehen, Doctor?“
„Man hörte das Schreien hier, obgleich durch die Entfernung gedämpft. Er bezog sich darauf, als ob sie in diesem Raume läge.
„Ich sagte: „„ich habe sie gesehen.“
„„Es ist meine Schwester, Doctor. Diese Edelleute haben ihre schändlichen Rechte auf die Schamhaftigkeit und Tugend unserer Schwestern viele Jahre lang ausgeübt, aber wir haben noch gute Mädchen unter uns. Ich weiß es und von meinem Vater habe ich es auch sagen hören. Sie war ein gutes Mädchen. Sie war Braut eines guten jungen Mannes; eines seiner Pächter. Wir waren alle seine Pächter — dieses Mannes der dort steht. Der Andere ist sein Bruder, der Schlimmste eines schlimmen Geschlechts.“
„Nur mit der größten Schwierigkeit sammelte der Knabe körperliche Kraft genug um zu sprechen; aber seine Seele sprach mit schrecklichem Nachdruck.
„„Wir wurden von diesem Mann, der dort steht, so ausgeplündert, wie es alle diese höheren Wesen mit uns gemeinen Hunden thun — ohne Erbarmen von ihm besteuert, gezwungen ohne Lohn für ihn zu arbeiten, gezwungen unser Korn auf seiner Mühle zu mahlen, gezwungen Heerden von seinen zahmen Vögeln mit der kümmerlichen Frucht unserer Felder zu füttern, während wir bei Lebensstrafe nicht ein einziges Huhn für uns selbst halten durften, ausgeplündert und ausgesaugt bis zu dem Grade, daß, wenn wir einmal ein Stückchen Fleisch hatten, wir es bei verschlossener Thür und zugemachten Laden voller Angst aßen, damit seine Leute es nicht sähen und es uns wegnähmen — ich sagte, wir wurden so ausgesaugt, und niedergehetzt und gepeinigt, daß unser Vater sagte, es sei eine schreckliche Sache ein Kind in die Welt zu setzen und wir sollten lieber beten, daß unsere Weiber unfruchtbar blieben und unser elendes Geschlecht ausstürbe!“
„Ich hatte vorher nie das Gefühl des Unterdrücktseins wie eine Flamme hervorbrechen sehen. Ich hatte vermuthet, daß es irgendwo bei dem Volke verborgen schlummern müsse; aber ich hatte es nie hervorbrechen sehen, bis ich es bei diesem sterbenden Knaben sah.
„„Aber doch verheirathete sich meine Schwester, Doctor. Der Arme kränkelte damals und sie heirathete ihren Geliebten, damit sie ihn in ihrer Hütte pflegen könnte — in unserer Hundehütte, wie sie dieser Mann nennen würde. Sie war noch nicht viele Wochen verheirathet, als dieses Mannes Bruder sie sah und Gefallen an ihr fand und dieser Mann bat, sie ihm zu leihen — denn wozu sind Ehemänner unter uns da! Er war bereitwillig genug, aber meine Schwester war gut und tugendhaft und haßte seinen Bruder mit einem nicht minder starken Hasse als ich. Was thaten diese beiden nun um ihren Mann zu bewegen, sie zu bereden, ihm den Willen zu thun?“
„Die Augen des Knaben die bis jetzt mich angesehen hatten, wendeten sich jetzt langsam dem andern zu und ich sah in den beiden Gesichtern, daß Alles wahr war. Selbst jetzt noch in dieser Bastille kann ich die beiden entgegengesetzten Arten von Stolz sehen; bei dem Cavalier lauter nachlässige Gleichgültigkeit; bei dem Bauer lauter niedergetretenes Gefühl und leidenschaftliche Rache.
„„Sie wissen, Doctor, daß es zu den Rechten dieser Edelleute gehört uns gemeine Hunde in Karren einzuspannen, und mit uns zu fahren. So spannten sie ihn ein und fuhren mit ihm. Sie wissen es ist eins von ihren Rechten, uns die ganze Nacht in ihren Gärten wachen zu lassen um die Frösche zum Schweigen zu bringen, damit ihr edler Schlaf nicht gestört werde. Sie ließen ihn die ganze Nacht hindurch im ungesunden Nebel wachen und schickten ihn des Morgens wieder in das Geschirr. Aber er ließ sich nicht bewegen. Nein! Als sie ihn eines Mittags ausspannten, damit er esse — wenn er Etwas zu essen finden konnte — schluchzte er zwölfmal, einmal für jeden Schlag der Glocke, und starb an ihrem Busen.“
„Nichts als der Entschluß alles erlittene Unrecht zu erzählen, hätte den Knaben noch am Leben erhalten können. Er zwang die sich sammelnden Schatten des Todes zurück, wie er seine geballte rechte Faust zwang geballt zu bleiben und die Wunde zuzuhalten.
„„Dann entführte sie der Bruder mit der Erlaubniß und selbst mit der Hülfe dieses Mannes; trotz dem, was sie seinem Bruder gesagt haben muß — und was das war wird Ihnen nicht lange unbekannt bleiben, Doctor — sein Bruder nahm sie zu sich zu seinem Kurzweil auf einige Tage. Ich sah sie auf der Straße vorbeifahren. Als ich die Nachricht nach Hause brachte, brach meines Vaters Herz; er sprach nie eines der Worte, welche es erfüllten. Ich brachte meine junge Schwester (denn ich habe noch eine), an einen Ort außer dem Bereich dieses Mannes und wo sie wenigstens ihm nie lehnspflichtig sein wird. Dann spürte ich den Bruder hier auf und stieg vorige Nacht ein — ein gemeiner Hund, aber mit den Degen in der Hand. — Wo ist das Dachfenster? Es muß hier herum sein?“
„Das Zimmer verdunkelte sich vor seinem Blick; die Welt schloß sich enger um ihn zusammen. Ich sah mich um und bemerkte, daß das Heu und Stroh auf dem Fußboden zertreten war, als ob ein Kampf stattgefunden hätte.
„„Sie hörte mich und kam hereingestürzt. Ich gebot ihr uns nicht zu nahe zu kommen, bis er todt sei. Er kam und warf mir erst einige Stücken Geld hin; dann schlug er mit der Peitsche nach mir. Aber ich, obgleich ein gemeiner Hund, schlug ihn so, daß er den Degen ziehen mußte. Er mag ihn in noch so viele Stücke brechen, den Degen, den er mit meinem gemeinen Blute gefärbt hat; er zog ihn um sich zu vertheidigen — wehrte sich mit seiner ganzen Kunst um sein Leben.“
„Mein Blick war erst vor wenigen Secunden auf einen zerbrochenen Degen unter dem Heu gefallen. Es war ein Cavalierdegen. An einer andern Stelle lag ein alter Degen, wie ihn die Soldaten tragen.
„„Jetzt richten Sie mich auf, Doctor; richten Sie mich auf. Wo ist er?“
„Er ist nicht hier,“ sagte ich, in der Meinung, daß er von dem Bruder spreche.
„Er! so stolz diese Edelleute sind, fürchtet er sich doch vor meinem Anblicke. Wo ist der Mann der hier war? Wenden Sie ihm mein Gesicht zu.“
„Ich that es, indem ich den Kopf des Knaben auf mein Knie legte. Aber für den Augenblick mit außerordentlicher Kraft ausgestattet, stand er ganz auf und zwang mich dasselbe zu thun, sonst hätte ich ihn nicht stützen können.
„„Marquis,“ sagte der Knabe mit hocherhobener rechter Hand und mit den weitgeöffneten Augen ihn ansehend, „„für den Tag, wo für alle diese Sachen Rechenschaft abgelegt werden muß, lade ich Euch und die Eurigen bis zu dem Letzten Eures schlimmen Geschlechts vor, Euch wegen dieser Thaten zu verantworten. Ich zeichne Euch mit diesem blutigen Kreuze zum Gedächtniß meiner Ladung. Auf den Tag, wo für alle diese Thaten Rechenschaft abgelegt werden muß, lade ich Euren Bruder, den Schlimmsten Eures schlimmen Geschlechts, vor, sich noch besonders wegen dieser Thaten zu verantworten. Ich zeichne ihn mit diesem blutigen Kreuze zum Gedächtniß meiner Ladung.“
„Zweimal griff er mit der Hand nach der Wunde in die Brust und machte mit dem Zeigefinger ein Kreuz in die Luft. Mit noch erhobenen Finger blieb er eine Weile stehen, und wie die Hand niedersank, sank er mit ihr und ich legte seine Leiche auf den Fußboden hin. ****
„Als ich wieder an das Bett des jungen Weibes trat, fand ich es ganz in derselben Reihenfolge wie vorhin und ohne die mindeste Linderung im Fieber phantasirend. Ich wußte, daß dies viele Stunden dauern könnte und wahrscheinlich mit dem Schweigen des Todes enden würde.
„Ich gab ihr die frühere Dosis noch einmal ein und blieb neben dem Bett sitzen, bis die Nacht weit vorgerückt war. Das Durchdringende ihres Geschreies nahm nie ab, nie wurden ihre Worte weniger deutlich und nie ordneten sie sich in einer anderen Folge. Immer lauteten sie: „„mein Mann, mein Vater und mein Bruder! Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, eilf, zwölf. „Still!“
„Dies dauerte 26 Stunden von der Zeit an, wo ich sie zuerst gesehen. Ich war zweimal gekommen und gegangen und saß wieder neben ihr, als sie schwächer zu werden anfing. Ich that was ich unter diesen Verhältnissen thun konnte und allmälig sank sie in eine Lethargie und lag wie todt da.
„Es war, als ob nach einem langen und schrecklichen Unwetter Wind und Regen sich endlich gelegt hätten. Ich band ihre Arme los und rief die Frau mir beizustehen um sie in die gehörige Lage zu bringen und die Kleider, die sie zerrissen hatte, zu ordnen. Jetzt erst bemerkte ich, daß sie in einem Zustande war, wo vor kurzem erst Mutterhoffnungen in ihr entstanden waren; und nun verlor ich die wenige Hoffnung, die ich bis dahin noch gehabt hatte.
„„Ist sie todt?“ fragte der Marquis, den ich immer noch den älteren Bruder nennen werde, wie er gestiefelt und gespornt vom Pferde in das Zimmer trat.
„„Nicht todt,“ sagte ich; „„aber sie liegt im Sterben.“
„„Welche Lebenskraft diese gemeinen Menschen besitzen!“ sagte er und blickte mit einiger Neugier auf die Sterbende herab.
„„Es liegt eine wunderbare Kraft im Schmerz und in der Verzweiflung,“ gab ich zur Antwort.
„Er lachte erst und runzelte dann die Stirn. Er schob mit dem Fuß einen Stuhl neben den meinigen, befahl der Frau hinauszugehen und sagte mit gedämpfter Stimme:
„„Doctor, ich fand meinen Bruder in diese Verlegenheit verwickelt und empfahl ihm, Ihre Hülfe in Anspruch zu nehmen. Ihr Ruf ist groß und als junger Mann, der noch eine Zukunft vor sich hat, werden Sie wahrscheinlich Ihr eigenes Interesse nicht aus den Augen setzen. Was Sie hier gesehen haben sind Sachen, die man sehen, aber nicht besprechen darf.“
„Ich lauschte dem Athem der Kranken und vermied es, eine Antwort zu geben.
„„Beehren Sie mich mit Ihrer Aufmerksamkeit, Doctor?“
„„Monsieur,“ sagte ich; „„in meinem Berufe werden Mittheilungen von Patienten immer als Vertrauenssache betrachtet.“ Ich war vorsichtig in meiner Antwort; denn was ich gesehen und gehört hatte, machte mich sehr unruhig.
„Ihr Athem wurde so leise, daß ich nach dem Puls und nach dem Herzen fühlte. Es war gerade noch Leben in ihr, und nicht mehr. Als ich mich umsah, fand ich, daß beide Brüder mich mit gespannten Blicken beobachteten. ****
„Das Schreiben wird mir so schwer, die Kälte ist so streng, ich bin so voller Angst entdeckt und in eine unterirdische, finstere Zelle gebracht zu werden, daß ich diese Erzählung abkürzen muß. Mein Gedächtniß ist wie immer noch so treu wie zu Anfang; es kann sich jedes Wortes, das zwischen mir und diesen Brüdern gewechselt ward erinnern und könnte es niederschreiben.
„Sie schleppte sich noch eine Woche hin. Gegen das Ende konnte ich, wenn ich das Ohr dichter an ihre Lippen legte, ein paar Silben verstehen, die sie an mich richtete. Sie fragte mich, wo sie sei, und ich sagte es ihr; wer ich sei, und ich sagte es ihr. Vergeblich fragte ich sie nach ihrem Familiennamen. Sie schüttelte den Kopf auf dem Kissen und behielt ihr Geheimniß, wie der Knabe.
„Ich hatte keine Gelegenheit ihr eine Frage vorzulegen bis ich den Brüdern gesagt hatte, sie sei ihrem Ende nahe und könnte nicht noch einen Tag erleben. Bis dahin hatte, obgleich die Kranke nur wußte, daß die Frau und ich da waren, stets einer oder der andere der Brüder argwöhnisch hinter dem Vorhange zu Häupten des Bettes gesessen, so lange ich da war. Aber als es soweit gekommen war, schien es ihnen gleichgültig zu sein, was ich noch mit ihr sprechen könnte; als ob — der Gedanke kam mir in den Sinn — ich auch im Sterben läge.
„Ich bemerkte stets, daß sich ihr Stolz empfindlich davon verletzt fühlte, daß der jüngere Bruder (wie ich ihn nenne) den Degen mit einem Bauersmann, und noch dazu mit einem bloßen Knaben, gekreuzt hatte. Die einzige Erwägung, welche wirklich die Seele der Brüder zu belästigen schien, war, daß dies höchst entwürdigend für die Familie und lächerlich sei. So oft ich den Blicken des jüngeren Bruders begegnete, sagte mir sein Ausdruck, daß er einen tiefen Groll gegen mich hege, weil ich diesen Umstand von dem Knaben erfahren hatte. Er war geschmeidiger und höflicher gegen mich als der ältere; aber dies sah ich. Ich sah auch, daß ich in den Augen des älteren ein Stein des Anstoßes war.
„Meine Kranke starb zwei Stunden vor Mitternacht — der Zeit nach nach meiner Uhr fast in derselben Minute, wo ich sie zuerst gesehen. Ich war allein bei ihr als ihr armes junges Haupt sanft auf eine Seite sank und alle ihre irdischen Leiden und Schmerzen vorbei waren.
„Die Brüder warteten in einem Zimmer im Erdgeschoß, voller Ungeduld fortzureiten. Während ich allein neben dem Bett saß, hatte ich gehört, wie sie mit der Reitpeitsche an die Stiefeln schlugen und auf- und abgingen.
„„Endlich ist sie todt?“ sagte der ältere als ich eintrat.
„„Sie ist todt,“ sagte ich.
„„Ich wünsche Dir Glück, Bruder,“ waren seine Worte als er sich umdrehte.
„Er hatte mir vorher schon Geld angeboten, das ich nicht angenommen hatte. Er legte mir jetzt eine Rolle Geld in die Hand. Ich nahm sie, legte sie aber auf den Tisch. Ich hatte mir die Sache überlegt und war entschlossen Nichts zu nehmen.
„„Bitte, entschuldigen Sie,“ sagte ich; „„unter diesen Verhältnissen, nein.“
„Sie sahen einander an, aber erwiderten meine Verbeugung, als ich mich vor ihnen verneigte und wir schieden, ohne daß einer von uns nur ein Wort weiter sprach. ****
„Ich bin müde, müde, müde — niedergedrückt von so vielem Jammer. Ich kann nicht lesen, was ich mit dieser abgezehrten Hand geschrieben habe.
„Am nächsten Morgen in der Frühe wurde die Rolle Geld in einem Kästchen mit meiner Adresse darauf an meiner Thür abgegeben. Ich hatte vom ersten Augenblicke mir ernstlich überlegt, was ich thun sollte. An diesem Tage entschloß ich mich in einem Privatschreiben an den Minister zu berichten, bei was für Patienten und an welchem Orte man meine Hülfe in Anspruch genommen; mit einem Worte, alle Umstände anzugeben. Ich wußte was Hofeinfluß war und welche Vorrechte der Adel hatte und erwartete, daß man von der Sache nie wieder hören werde; aber ich wollte mein Gewissen einer Last entledigen. Ich hatte die Sache streng geheim gehalten, selbst vor meiner Frau; und auch dies beschloß ich in meinem Briefe zu melden. Eine wirkliche Gefahr für mich fürchtete ich nicht; aber ich wußte, daß es Andern gefährlich werden könnte, wenn sie wußten, was ich wußte.
„Ich war diesen Tag sehr in Anspruch genommen, und konnte meinen Brief diesen Abend nicht beenden. Um ihn zum Schlusse zu bringen, stand ich nächsten Morgen lange vor meiner gewöhnlichen Zeit auf. Es war der letzte Tag des Jahres. Der Brief lag eben vollendet vor mir, als man mir meldete, daß eine Dame mich zu sehen wünsche. ****
„Die Aufgabe, die ich mir gestellt habe, geht jeden Tag mehr über meine Kräfte. Es ist so kalt, so finster, meine Sinne sind so stumpf und die düstere Stimmung die mich bedrückt ist so schrecklich.
„Die Dame war jung, einnehmend und schön, aber nach ihrem Aeußeren nicht bestimmt, lange zu leben. Sie stellte sich mir als die Gattin des Marquis A. Evrémonde vor. Ich brachte den Titel, mit welchem der Bauerbursche den älteren Bruder angeredet hatte mit dem Anfangsbuchstaben, den ich auf der Schärpe gestickt gesehen, in Verbindung und kam unschwer zu dem Schlusse, daß ich diesen Edelmann vor sehr kurzer Zeit gesehen hatte.
„Mein Gedächtniß ist immer noch zuverlässig, aber ich kann die Worte unserer Unterredung nicht niederschreiben. Ich argwöhne, daß ich strenger beobachtet werde als bisher, und weiß nicht, zu welcher Zeit man mich beobachtet. Sie hatte die Hauptthatsachen der traurigen Geschichte ihres Gatten und daß man mich zu Rathe gezogen theils errathen, theils entdeckt. Sie wußte nicht, daß das Mädchen todt war. Sie hatte gehofft, wie sie mir mit großer Betrübniß sagte, ihr heimlich die mitfühlende Theilnahme eines Frauenherzens zu zeigen. Sie hatte gehofft, den Zorn des Himmels von einem Hause abzulenken, das seit langen Jahren dem schwerduldenden Volke verhaßt war.
„Sie hatte Gründe, zu glauben, daß noch eine jüngere Schwester lebte, und ihr heißester Wunsch war, dieser Schwester zu helfen. Ich konnte ihr weiter Nichts sagen, als daß wirklich eine solche Schwester vorhanden sei; weiter wußte ich Nichts. Gerade in der Hoffnung, daß ich ihr den Namen und den Aufenthalt der Schwester angeben könnte, hatte sie sich unter dem Siegel des Vertrauens an mich gewendet. Während ich bis zu dieser traurigen Stunde beide nicht kenne. ****
„Die Zettel gehen mir aus. Einer wurde mir gestern mit einer Drohung weggenommen. Ich muß meine Aufzeichnung heute zu Ende bringen.
„Sie war eine gute Dame, von einem mitleidigem Herzen und nicht glücklich in ihrer Ehe. Wie konnte Dies auch sein! Der Bruder mißtrauete ihr und haßte sie, und wendete allen seinen Einfluß gegen sie; sie fürchtete ihn und fürchtete auch ihren Gatten. Als ich sie hinunter bis an die Thür begleitete, saß ein Kind, ein hübscher Knabe von zwei bis drei Jahren in ihrem Wagen.
„„Seinetwegen, Doctor,“ sagte sie, und wies mit thränenden Augen auf ihn, „„möchte ich soviel gut machen, als ich mit meinen schwachen Kräften kann. Es kann ihm sein Erbe sonst nie zum Segen gereichen. Ich habe eine Ahnung, daß wenn keine andere Sühne der Schuld dargebracht wird, man es ihm eines Tages anrechnet. Was ich mein nennen kann — es ist wenig mehr als ein paar Juwelen — soll er — es soll das erste Gebot seines Lebens sein, — mit dem Mitleid und dem tiefen Bekümmerniß seiner todten Mutter dieser schwer verletzten Familie geben, wenn die Schwester entdeckt werden kann.“
„Sie küßte den Knaben und sagte, ihn liebkosend: „„es ist um Deiner selbst willen, lieber Sohn. Du wirst es thun, Charles?“ Der Knabe erwiderte mit frischem Muthe: „„Ja!“ Ich küßte ihr die Hand und sie schloß ihn in ihre Arme und fuhr, ihn liebkosend, fort. Ich habe sie nie wieder gesehen.
„Da sie den Namen ihres Gatten in der Meinung gesagt hatte, daß ich ihn kenne, erwähnte ich ihn in meinem Briefe weiter nicht. Ich siegelte meinen Brief und gab ihn noch an demselben Tage selbst ab, da ich ihn keinen andern Händen anvertrauen wollte.
„An diesem Abend, den letzten Abend des Jahres, klingelte ein Mann in schwarzem Anzuge an meiner Thür, verlangte mich zu sprechen und folgte leise meinem Bedienten, Ernest Defarge, einem jungen Burschen, die Treppe hinauf. Als mein Bedienter in das Zimmer trat, wo ich mit meiner Gattin saß — o meine Gattin, Geliebte meines Herzens! meine schöne, junge englische Gattin! — sahen wir den Mann, den er an der Hausthür zurückgelassen zu haben glaubte, stumm hinter ihm stehen.
„„Ein dringender Fall in der Straße St Honoré,“ sagte er. Er würde mich nicht lange aufhalten, ein Wagen wartete auf mich.“
„Er brachte mich hierher, er brachte mich in mein Grab. Als ich aus dem Hause heraus getreten war, warf man mir von Hinten ein schwarzes Tuch über das Gesicht und zog es fest über den Mund zusammen und band mir die Arme. Die beiden Brüder kamen aus einer dunkeln Ecke über die Straße herüber und identifizirten mich mit einer einzigen Handbewegung. Der Marquis zog aus seiner Tasche meinen Brief hervor, zeigte ihn mir, verbrannte ihn an dem Lichte einer Laterne, die ihm ein Bedienter hinhielt und trat die glimmende Asche mit dem Fuße aus. Kein Wort ward gesprochen. Man brachte mich hierher, man brachte mich in mein lebendiges Grab.
„Wenn es Gott gefallen hätte, es während all’ dieser schrecklichen Jahre dem harten Herzen eines dieser Brüder einzugeben, mir Nachricht von meinem geliebten Weibe zukommen zu lassen — mir nur ein einziges Wort zu sagen, ob sie lebendig oder todt sei, so hätte ich glauben können, daß er sie noch nicht ganz verlassen hätte. Aber jetzt glaube ich, daß das Blutzeichen des Kreuzes verhängnißvoll für sie ist und daß sie an seiner Gnade keinen Theil haben. Und sie und ihre Nachkommen bis zum Letzten ihres Geschlechts klage ich, Alexander Manette, unglücklicher Gefangener in dieser letzten Nacht des Jahres 1767 in meiner unerträglichen Seelenqual den Zeiten an, wo für alle diese Dinge Rechenschaft gegeben werden muß. Ich klage sie an vor dem Himmel und vor der Erde.“
Wuthgeheul ertönte, als dieses Document zum Schluß gelesen war. Es war ein wildes, leidenschaftliches Geheul, aus dem nichts herauszuhören war, als die Gier nach Blut. Die Erzählung weckte die rachgierigsten Leidenschaften der Zeit und es gab kein Haupt in der Nation, das dieser Rache nicht gefallen wäre.
Wozu noch vor diesem Gericht und diesem Publicum hervorheben, wie die Defarges das Papier nicht mit den andern in der Bastille gefundenen Denkschriften veröffentlicht, sondern es behalten hatten, um die rechte Zeit abzuwarten? Wozu noch hervorheben, daß der Name dieser verabscheuten Familie längst von St. Antoine in den Bann gethan und in das verhängnißvolle Register gestrickt war? Der Mann lebte nicht, dessen Tugenden und Verdienste ihn an diesem Tage und an dieser Stelle gegen eine solche Anklage aufrecht erhalten hätten.
Und um so schlimmer war es für den Angeklagten, daß der Ankläger ein wohlbekannter Bürger, sein eigener vertrauter Freund, der Vater seiner Gattin war. Eine der wahnwitzigen Begierden der Volksmasse galt Nachahmungen der zweifelhaften öffentlichen Tugenden des Alterthums und Opfern des eignen Ich’s auf dem Altar des Volks. Als daher der Vorsitzende sagte (sonst hätte sein eigener Kopf auf seiner Schulter gewackelt), daß der gute Arzt der Republik sich durch Ausrottung einer verhaßten Aristokratenfamilie noch verdienter um die Republik mache, und daß er jedenfalls ein wonniges Gefühl heiliger Freude empfinden würde, indem er seine Tochter zur Wittwe und ihr Kind zu einer Waise machte, da herrschte wilde Aufregung, patriotische Inbrunst im Saale, keine Spur menschlichen Mitgefühls.
„Viel Einfluß hat der Doctor hier, nicht wahr?“ sagte Madame Defarge halblaut vor sich hin und lächelte den Racheengel an. „Rettet ihn nur, Doctor, rettet ihn!“
Bei jeder Abstimmung eines Geschworenen brauste es wie wildes Meerestosen durch den Saal. Noch eine Stimme und noch eine Stimme. Immer lauteres Tosen.
Einstimmig verurtheilt. Von Herzen und der Abstammung nach ein Aristokrat, ein Feind der Republik, ein notorischer Volksbedrücker. Zurück in die Conciergerie und den Tod binnen vierundzwanzig Stunden!
Elftes Kapitel.
Dämmerung.
Die unglückliche Gattin des Unschuldigen, der zum Tode verurtheilt worden, sank unter dem Spruch zusammen, als wäre sie tödtlich getroffen. Aber kein Laut kam über ihre Lippen; und so stark war die Stimme in ihr, welche ihr vorstellte, daß sie vor Allen in der Welt ihn in seinem Jammer aufrecht halten müsse und ihn nicht vermehren dürfe, daß diese Stimme sie selbst von diesem Schlage rasch wieder emporhob.
Da die Richter an einer öffentlichen Straßenfestlichkeit Theil zu nehmen hatten, vertagte sich das Gericht. Der Lärm und die rasche Bewegung des sich durch viele Ausgänge leerenden Saales hatte noch nicht aufgehört, als Lucie, Nichts als Liebe und Tröstung im Gesicht, aufrecht dastand und die Arme nach ihrem Gatten ausstreckte.
„O, wenn ich ihn anrühren könnte! Wenn ich ihn nur einmal umarmen könnte! Ach gute Bürger, wenn ihr soviel Mitleid mit uns haben wolltet!“
Es war außer den zweien von den vieren, die den Angeklagten gestern verhaftet hatten, nur noch ein Schließer da, und Barsad. Die Zuhörer waren alle hinausgeströmt um das Schauspiel auf den Straßen anzusehen. Barsad schlug den Uebrigen vor, „laßt sie ihn umarmen; es ist ja nur ein Augenblick.“ Stillschweigend gaben die Andern ihre Einwilligung und sie geleiteten sie über die Bänke im Saale nach einer erhöheten Stelle, wo er, wenn er sich über die Schranken der Anklagebank vorbog, sie in seine Arme schließen konnte.
„Leb’ wohl, Liebling meiner Seele. Meinen letzten Segen auf Dein Haupt. Wir werden uns wiedersehen, wo die Müden Ruhe finden.“
Das waren die Worte ihres Gatten als er sie an seine Brust schloß.
„Ich kann es tragen, lieber Charles. Der Herr hält mich aufrecht; gräme Dich nicht um meinetwillen. Einen letzten Segen für unser Kind.“
„Ich schicke ihn durch Dich. Ich küsse es durch Dich. Ich sage ihm Lebewohl durch Dich.“
„Mein Gatte. Nein! Noch einen Augenblick!“ Er riß sich von ihr los. „Wir werden nicht lange getrennt bleiben. Ich fühle, daß dies bald mein Herz brechen wird; aber ich werde meine Pflicht thun, so lange es geht, und wenn ich sie verlasse, so wird Gott unserer Tochter Freunde erwecken, wie er sie mir erweckt hat.“
Ihr Vater war ihr gefolgt und wäre vor Beiden auf die Knie gefallen, wenn ihn nicht Darnay bei der Hand gefaßt und ausgerufen hätte:
„Nein, nein! was haben Sie gethan, daß Sie vor uns knieen sollten! Wir wissen jetzt, welchen Kampf Sie vor Zeiten zu bestehen hatten. Wir wissen jetzt, was Sie zu dulden hatten, als Sie meine Herkunft argwöhnten und als Sie Gewißheit darüber erhielten. Wir wissen jetzt, welche natürliche Antipathie Sie ihretwegen bekämpften und besiegten. Wir danken Ihnen aus vollem Herzen und mit all unserer Liebe und Pflicht. Der Himmel sei mit Ihnen!“
Des Vaters einzige Antwort war, mit den Händen in die weißen Haare zu fahren und sie mit lautem Jammern zu ringen.
„Es konnte nicht anders sein,“ sagte der Gefangene, „Alles hat so zusammengewirkt wie es gekommen ist. Es war das stets vergebliche Bestreben meiner armen Mutter Gebot nachzukommen, was mich zuerst in verhängnißvolle Berührung mit Ihnen brachte. Aus so Bösem konnte nie Gutes kommen, und ein glücklicheres Ende lag nicht in dem Wesen eines so unglücklichen Anfangs. Trösten Sie sich und verzeihen Sie mir. Der Himmel segne Sie!“
Als man ihn fortführte, lies ihn seine Frau los und sah ihm nach mit zum Gebet gefalteten Händen und mit einem strahlenden Ausdruck auf ihrem Antlitz, in welchem selbst ein tröstendes Lächeln war. Als er durch die Gefangnenthür verschwand, wendete sie sich um, legte ihren Kopf zärtlich an ihres Vaters Brust, versuchte zu sprechen und sank bewußtlos zu seinen Füßen nieder.
Da trat aus der dunkeln Ecke, die er nie verlassen hatte, Sydney Carton hervor und hob sie auf. Nur ihr Vater und Mr. Lorry waren bei ihr. Sein Arm zitterte als er sie in die Höhe hob und ihren Kopf unterstützte. Aber in seinem Gesicht sprach sich nicht blos Mitleid aus, — es lag auch ein Anflug von Stolz darin.
„Soll ich sie nach einem Wagen tragen? Ich fühle ihre Last nicht.“
Er trug sie leichten Schrittes nach der Thür und legte sie mit zärtlicher Sorgfalt in eine Kutsche. Ihr Vater und ihr alter Freund stiegen hinein und er nahm neben dem Kutscher Platz.
Als sie den Thorweg erreichten, wo er vor wenigen Stunden noch gestanden um sich im Dunkeln auszumalen, auf welche Steine des rauhen Pflasters sie den Fuß gesetzt, hob er sie wieder aus dem Wagen und trug sie die Treppe hinauf in ihre Wohnung. Dort legte er sie auf ein Lager, wo ihre Tochter und Miß Proß über sie weinten.
Nach der Verurtheilung.
„Bringen Sie sie nicht zum Bewußtsein,“ sagte er leise zu der Letzteren, „sie befindet sich besser so; bringen Sie sie nicht zu sich, so lange sie nur an Ohnmachten leidet.“
„Ach Carton, Carton, lieber Carton!“ rief die kleine Lucie, indem sie ihn in einem leidenschaftlichen Ausbruche des Schmerzes mit ihren Aermchen umschlang. „Jetzt, wo Du gekommen bist, wirst Du gewiß Etwas thun um Mama zu helfen und Papa zu retten! Ach siehe sie nur an, lieber Carton! Kannst Du, von allen Leuten, die sie lieb haben, ertragen, sie so zu sehen?“
Er beugte sich über die Kleine herab und legte ihre blühende Wange an sein Gesicht. Dann schob er sie sanft bei Seite und betrachtete ihre bewußtlos daliegende Mutter.
„Ehe ich gehe,“ sagte er und stockte. — „Darf ich sie küssen?“
Man erinnerte sich später, daß, als er sich über sie beugte und ihre Stirne mit seinen Lippen berührte, er halblaut einige Worte gesprochen. Die kleine Lucie, die ihm zunächst stand erzählte später, und erzählte noch ihren Enkeln, als sie eine schöne alte Dame war, daß sie ihn sagen hörte: „ein Leben das Sie lieben.“
Als er hinaus in das nächste Zimmer gegangen war, wendete er sich plötzlich zu Mr. Lorry und ihren Vater um, die ihm folgten und sagte zu letzterem:
„Dr. Manette, Sie hatten noch gestern großen Einfluß; machen Sie noch einen Versuch. Diese Richter und alle diese Machthaber sind Ihnen sehr befreundet und für Ihre Dienste sehr dankbar; nicht wahr?“
„Nichts, was sich auf Charles bezog blieb mir verborgen. Ich hatte die stärksten Zusicherungen, daß ich ihn retten würde; und es gelang mir.“ Er gab die Antwort in großer Unruhe und sehr langsam.
„Versuchen Sie noch einmal. Es sind nur wenige kurze Stunden bis morgen Nachmittag, aber machen Sie den Versuch.“
„Ich gedenke den Versuch zu machen. Ich will keinen Augenblick zögern.“
„Das ist gut. Ich habe erlebt, daß Energie wie die Ihrige große Dinge ausgerichtet hat — obgleich,“ setzte er zugleich mit einem Lächeln und einem Seufzer hinzu, „noch nie so große Dinge. Aber machen Sie den Versuch! So wenig werth das Leben ist, wenn wir es schlecht anwenden, so ist es doch diese Bemühung werth. Wenn das nicht der Fall wäre, kostete es kein Opfer es hinzugeben.“
„Ich gehe auf der Stelle zu dem Ankläger und dem Vorsitzenden,“ sagte Dr. Manette, „und noch zu anderen, die ich lieber nicht nennen will. Ich will auch schreiben und — aber halt! es ist eine öffentliche Festlichkeit und Niemand wird vor Dunkelwerden zu Hause zu finden sein.“
„Das ist wahr. Nun, es ist im besten Falle eine verzweifelte Hoffnung und nicht viel verzweifelter, wenn sie bis Dunkelwerden aufgeschoben wird. Ich möchte gern wissen, was Sie ausrichten; obgleich ich sagen muß, ich hoffe nichts! Wann denken Sie diese Leute gesehen zu haben, Dr. Manette?“
„Unmittelbar nach Dunkelwerden, hoffe ich. In den nächsten ein oder zwei Stunden.“
„Es wird bald nach Vier finster. Nehmen wir die längste Frist an. Wenn ich um 9 Uhr zu Mr. Lorry komme, werde ich dann von unserm Freunde oder von Ihnen selbst hören können, was Sie ausgerichtet haben?“
„Ja.“
„Ich wünsche Ihnen viel Glück!“
Mr. Lorry folgte Sydney nach der Saalthür, legte die Hand auf seine Schulter als er gehen wollte, und veranlaßte ihn dadurch sich umzudrehen.
„Ich habe keine Hoffnung,“ sagte Mr. Lorry mit gedämpfter und bekümmerter Stimme.
„Ich auch nicht.“
„Wenn einer von diesen Männern, oder alle geneigt wären ihm das Leben zu lassen — was eine starke Voraussetzung ist; denn was ist ihnen sein oder jedes anderen Menschen Leben! — so bezweifle ich, daß sie es, nach der Demonstration im Gerichtssaale, wagen dürften.“
„Das thue ich auch. In diesem Geheul hörte ich den Fall des Beiles.“
Mr. Lorry lehnte sich mit dem Arm gegen das Thürgewände und legte sein Gesicht darauf.
„Lassen Sie den Muth nicht sinken,“ sagte Carton sehr sanft, „weinen Sie nicht. Ich bestärkte Dr. Manette in diesem Vorsatze, weil ich fühlte, daß der Gedanke daran ihr eines Tages tröstlich sein würde. Sonst könnte sie denken: „„sein Leben wurde leichtsinnig hingegeben“ und das könnte ihr Kummer machen.“
„Ja, ja, ja“ entgegnete Mr. Lorry, und trocknete sich die Augen, „Sie haben Recht. Aber er wird sterben; es ist keine Hoffnung mehr.“
„Ja. Er wird sterben; es ist keine Hoffnung mehr,“ gab Carton zurück. Und ging mit festem Schritte die Treppe hinab.
Zwölftes Kapitel.
Nacht.
Sydney Carton stand auf der Straße, ohne recht zu wissen, wohin er gehen sollte. „In Tellsons Comptoir um 9 Uhr,“ sagte er nachdenklich. „Ist es gut, wenn ich mich unterdessen zeige? Ich glaube. Es ist das Beste, daß diese Leute wissen es ist ein Mann wie ich bin, hier. Es ist eine gute Vorsichtsmaßregel und kann eine nothwendige Vorbereitung sein. Aber ruhig, ruhig! Ich muß es erst ausdenken.“
Er hemmte seine Schritte, die sich bereits seinem Ziele zugewendet hatten, ging noch einigemal in der bereits dunkel werdenden Straße auf und ab und verfolgte den Gedanken bis in seine letzten Consequenzen. Sein erster Eindruck ward nur bestätigt. „Es ist das Beste,“ sagte er zuletzt, „wenn diese Leute wissen, daß ein Mann wie ich bin, hier ist.“ Und er wendete seine Schritte St. Antoine zu.
Defarge hatte sich bei Gelegenheit der Gerichtsverhandlung „Inhaber eines Weinschanks in der Vorstadt St. Antoine“ genannt. Für einen der die Stadt kannte war es nicht schwer, sein Haus zu finden, ohne weiter zu fragen. Nachdem sich Carton seiner Lage vergewissert, verließ er wieder diese engeren Straßen, speiste bei einem Restaurant und sank nach dem Essen in einen gesunden Schlaf. Zum ersten Male seit vielen Jahren hatte er kein starkes Getränk genossen. Seit gestern Nacht hatte er nichts getrunken als ein paar Glas leichten, dünnen Wein, und vorige Nacht hatte er den Branntwein langsam auf Mr. Lorry’s Heerd ausgegossen, wie Jemand, der damit nichts mehr zu thun hat.
Es war 7 Uhr als er erfrischt aufwachte, und auf die Straße hinaustrat. Auf dem Wege von St. Antoine blieb er vor einem Ladenfenster stehen, wo sich ein Spiegel befand und band sein loses Halstuch etwas anders, zog sich den Rockkragen zurecht und ordnete sein Haar. Als er damit fertig war, suchte er Defarge’s Weinschank auf und trat ein.
Es war zufällig kein Gast im Laden als Jaques Drei mit den ruhelosen Fingern und der krächzenden Stimme. Dieser Mann, den er unter den Geschwornen gesehen hatte, stand vor dem kleinen Ladentische in Gespräch mit den beiden Defarge’s. Der Racheengel nahm an der Unterhaltung Theil, wie ein ordentliches Mitglied der Wirthschaft.
Als Carton eintrat, Platz nahm und (in ziemlich schlechtem Französisch) ein Glas Wein verlangte, warf Madame Defarge erst einen achtlosen Blick auf ihn, dann einen aufmerksameren, und dann einen noch aufmerksameren, und trat dann selbst an seinen Tisch und fragte ihn, was er bestellt habe.
Er wiederholte was er schon gesagt hatte.
„Engländer?“ fragte Madame Defarge, indem sie fragend ihre dunkeln Augenbrauen in die Höhe zog.
Nachdem er sie angesehen, als ob er selbst ein einzelnes französisches Wort nur langsam verstände, gab er mit seinem früheren, stark ausgeprägten, fremden Accent zur Antwort: „Ja Madame, ja. Ich bin Engländer.“
Madame Defarge kehrte an den Ladentisch zurück um den Wein einzuschenken, und als er eine Jakobinerzeitung nahm und sich stellte, als ob er mit schwerem Bemühen sie zu verstehen versuchte, hörte er sie sagen: „ich schwöre es euch, ganz wie Evrémonde.“
Defarge brachte ihm den Wein und sagte ihm „guten Abend.“
„Wie?“
„Guten Abend.“
„Ah! guten Abend, Bürger,“ sagte er und schenkte dabei sein Glas ein. „Ah! und guter Wein. Es lebe die Republik!“
Defarge trat an den Ladentisch zurück und sagte: „er sieht ihm allerdings ein Wenig ähnlich.“ Madame erwiderte mit Entschiedenheit: „ich sage Dir, er sieht ihm sehr ähnlich.“ Jaques Drei bemerkte friedenstiftend: „Das kommt daher, daß Ihr soviel an ihn denkt, Bürgerin.“ Der liebenswürdige Racheengel setzte lachend hinzu: „ja meiner Treu! und Du freuest Dich so sehr darauf ihn morgen noch einmal zu sehen!“
Carton folgte den Zeilen und Worten seiner Zeitung mit langsamem Zeigefinger und aufmerksamem und in sich versunkenem Gesicht. Sie lehnten alle mit den Armen auf dem Ladentische und steckten, leise sprechend, die Köpfe zusammen. Nach einem Schweigen von einigen Augenblicken, während welchem sie ihn Alle angesehen hatten, ohne daß er sich dadurch in seiner Lectüre stören ließ, setzten sie ihr Gespräch fort.
„Es ist richtig, was Madame sagt,“ bemerkte Jaques Drei. „Warum aufhören? Darin liegt viel Wahres. Warum aufhören?“
„Nun ja,“ warf Defarge ein, „aber einmal aufhören muß man doch. Im Grunde ist die Frage immer noch wo?“
„Mit der Ausrottung,“ sagte Madame.
„Prächtig,“ krächzte Jaques Drei. Auch der Racheengel gab höchst befriedigt seine Zustimmung.
„Ausrottung ist ein guter Grundsatz, Frau,“ sagte Defarge etwas beunruhigt; „im Allgemeinen sage ich Nichts dagegen. Aber dieser Doctor hat viel gelitten; Ihr habt ihn heute gesehen; Ihr habt sein Gesicht beobachtet, wie das Papier gelesen ward.“
„Ich habe sein Gesicht beobachtet!“ wiederholte Madame verächtlich und zornig. „Ja, ich habe sein Gesicht beobachtet. Ich habe gesehen, daß es nicht das Gesicht eines wahren Freundes der Republik ist. Er mag sein Gesicht in Acht nehmen.“
„Und Du hast den Schmerz seiner Tochter gesehen,“ sagte Defarge in begütigendem Tone, „der schrecklicher Schmerz für ihn sein muß!“
„Ich habe seine Tochter gesehen!“ wiederholte Madame; „ja, ich habe seine Tochter gesehen, mehr als einmal. Ich habe sie heute beobachtet und habe sie zu andern Zeiten beobachtet. Ich habe sie beobachtet im Gerichtssaal und ich habe sie auf der Straße beim Gefängniß beobachtet. Ich brauche nur den Finger aufzuheben —!“ Sie schien ihn aufzuheben (Cartons Augen verließen die Zeitung nicht) und ihn mit einem Klirren auf dem Tisch vor sich fallen zu lassen, als ob das Beil gefallen wäre.
„Die Bürgerin ist herrlich!“ krächzte der Geschworene.
„Sie ist ein Engel,“ sagte der Racheengel und umarmte sie.
„Was Dich betrifft,“ fuhr Madame in unversöhnlichen Tone zu ihrem Gatten gewendet, fort, „so würdest Du, wenn es von Dir abhinge — was glücklicher Weise nicht der Fall ist — noch heute diesen Mann retten.“
„Nein!“ protestirte Defarge. „Nicht wenn es durch Indiehöhenehmen dieses Glases geschehen könnte! Aber ich würde dabei stehen bleiben. Ich sage, hört hier auf.“
„Seht Ihr also, Jaques,“ sagte Madame Defarge zornig „und siehe auch Du mein Racheengel! Jetzt hört! Wegen anderer Verbrechen als Tyrannen und Volksbedrücker habe ich dieses Geschlecht seit langer Zeit auf meinem Register verurtheilt zur Vernichtung und Ausrottung. Fragt meinen Mann, ob es nicht an dem ist.“
„Es ist an dem.“ sagte Defarge ohne gefragt zu werden.
„Im Anfang der großen Tage, als die Bastille fiel, findet er das heutige Papier und bringt es mit nach Hause. Und mitten in der Nacht, wo hier alles fort und alles draußen zugeschlossen ist, lesen wir es hier auf dieser Stelle bei dem Scheine dieser Lampe. Fragt ihn, ob es nicht an dem ist.“
„Es ist an dem,“ stimmte Defarge bei.
„Diese Nacht sage ich ihm, als wir das Papier gelesen haben und die Lampe ausgebrannt ist, und der Tag über diese Laden und durch diese eisernen Gitter hereinscheint, daß ich nun ein Geheimniß mitzutheilen habe. Fragt ihn, ob es nicht an dem ist.“
„Es ist an dem,“ stimmte Defarge wieder bei.
„Ich theile ihm dieses Geheimniß mit. Ich schlage mit diesen beiden Händen diese Brust, wie ich es jetzt thue und sage zu ihm. „„Defarge, ich ward unter den Fischern am Meeresstrand erzogen und diese von den beiden Evrémondes so schwer verletzte Bauernfamilie, von der dieses Papier erzählt, ist meine Familie. Defarge, diese Schwester des tödtlich verwundeten Knaben war meine Schwester, dieser Gatte war meiner Schwester Gatte, dieses neugeborne Kind war ihr Kind, dieser Bruder war mein Bruder, dieser Vater war mein Vater, diese Todten sind meine Todten und diese Ladung, sich wegen dieser Sachen zu verantworten, habe ich geerbt. Fragt ihn, ob es an dem ist.“
„Es ist an dem,“ stimmte Defarge noch einmal bei.
„Dann gebietet dem Sturme und dem Feuer Stillstand,“ entgegnete Madame, „aber nicht mir.“
Ihre beiden Zuhörer schienen einen köstlichen Genuß in dem todtbringenden Charakter ihres Hasses zu finden — Carton konnte fühlen wie bleich ihr Gesicht war, ohne sie zu sehen — und beide zollten ihr hohe Lobsprüche. Defarge, eine schwache Minorität, sagte einige Worte zur Erinnerung an die mitleidige Gemahlin des Marquis, aber brachte von seiner Frau weiter nichts heraus, als eine Wiederholung ihrer letzten Antwort: „gebiete dem Sturme und dem Feuer Stillstand; nicht mir!“
Gäste traten ein und die Gruppe löste sich auf. Der englische Gast bezahlte, was er genossen hatte, zählte das Geld, was er herausbekam, nach, ohne sich damit zurecht finden zu können, und fragte als Fremder nach dem Wege nach dem Nationalpalast. Madame Defarge brachte ihn bis an die Thür, nahm seinen Arm und wies ihm die Richtung. Der englische Gast dachte dabei, daß es eine gute That sein könnte, diesen Arm zu packen, ihn empor zu heben, und scharf und tief darunter zu stoßen.
Aber er ging seines Weges und war bald in dem Schatten der Gefängnißmauer verschwunden. Zur bestimmten Stunde kam er aus demselben hervor um wieder in Mr. Lorry’s Zimmer zu erscheinen, wo er den alten Herrn in ruheloser Angst auf- und abgehend fand. Er sagte, er wäre bis vor kurzem bei Lucien gewesen und hätte sie nur auf wenige Minuten verlassen, um der Verabredung gemäß hier zu sein. Ihr Vater war, seitdem er das Bankhaus gegen 4 Uhr verlassen, nicht wiedergesehen worden. Sie hatte einige schwache Hoffnung, daß seine Vermittlung Charles retten könnte; aber sie war sehr schwach. Er war jetzt mehr als fünf Stunden vom Hause weg: wo konnte er sein?
Mr. Lorry wartete bis Zehn; da aber Dr. Manette nicht zurückkehrte und er Lucien nicht allein lassen wollte, so kamen sie überein, daß er wieder zu ihr gehen und um Mitternacht noch einmal nach dem Bankhause kommen sollte. Unterdessen wollte Carton allein bei dem Feuer auf den Doctor warten.
Er wartete und wartete und die Uhr schlug Zwölf; aber Dr. Manette kehrte nicht zurück. Mr. Lorry kam wieder und brachte keine Kunde von ihm. Wo konnte er sein?
Sie besprachen noch diese Frage und waren fast geneigt den Schatten einer Hoffnung auf seine verlängerte Abwesenheit zu bauen, als sie ihn auf der Treppe hörten. So wie er in das Zimmer trat war es offenbar, daß Alles verloren war.
Ob er wirklich bei Jemandem gewesen war, oder ob er während dieser ganzen Zeit die Straßen durchwandert hatte, ist nie bekannt geworden. Wie er dastand und sie anstierte, wendeten sie sich mit keiner Frage an ihn; denn sein Gesicht sagte ihnen Alles.
„Ich kann sie nicht finden,“ sagte er, „und ich muß sie haben. Wo ist sie?“
Kopf und Hals waren bloß und wie er einen hülflosen Blick ringsum schweifen ließ, zog er seinen Rock aus und ließ ihn auf den Fußboden fallen.
„Wo ist meine Bank? Ich habe sie überall gesucht und kann sie nicht finden. Wo habt Ihr meine Arbeit hingethan? Die Zeit drängt: ich muß die Schuhe fertig machen.“
Sie sahen sich einander an und die letzte Hoffnung entschwand aus ihrem Herzen.
„Bitte, bitte!“ sagte er mit weinerlicher Stimme; „gebt mir meine Arbeit.“
Da er keine Antwort erhielt, raufte er sich das Haar und stampfte mit dem Fuße auf den Boden, wie ein Kind das seinen Willen nicht hat.
„Quälen Sie nicht einen armen, unglücklichen Mann,“ bat er dann mit einem herzzerreißenden Aufschrei; „geben Sie mir meine Arbeit! Was soll aus uns werden, wenn diese Schuhe heute Nacht nicht fertig werden?“
Von Sinnen, rein von Sinnen!
Es war so offenbar nutzlos ihm verständig zuzusprechen, oder zu versuchen ihn zu sich zu bringen, daß jeder von den Beiden, wie auf Verabredung, eine Hand auf seine Schulter legte und ihn durch das Versprechen, sie wollten ihm seine Arbeit schaffen, bewogen, vor dem Feuer Platz zu nehmen. Er sank in den Stuhl, stierte in die Kohlen und fing an zu weinen. Als ob Alles, was seit der Dachstubenzeit geschehen war ein flüchtiger Traum gewesen, sah Mr. Lorry ihn zu derselben Gestalt zusammenschrumpfen, die Defarge unter seiner Obhut gehabt hatte.
Gerührt und zugleich erschrocken über diesen plötzlichen Zusammensturz, wie sie alle beide waren, hatten sie doch nicht Zeit sich solchen Empfindungen hinzugeben. Seine alleinstehende Tochter, ihrer letzten Hoffnung und Stütze beraubt, sprach zu mächtig zu ihnen. Wieder sahen sie sich wie verabredet mit einem und demselben Worte auf den Lippen an. Carton sprach zuerst:
„Die letzte Hoffnung ist hin; sie war nicht groß. Ja; es ist das Beste Sie bringen ihn hin zu ihr. Aber wollen Sie, bevor Sie gehen, mir noch für einen Augenblick aufmerksames Gehör schenken? Fragen Sie nicht nach dem Warum der Bedingungen die ich stellen werde, und des Versprechens das ich zu fordern gedenke; ich habe einen Grund — einen triftigen Grund.“
„Ich bezweifele es nicht,“ gab Mr. Lorry zur Antwort. „Fahren Sie fort.“
Die Gestalt auf dem Stuhle zwischen ihnen wiegte sich unterdessen stöhnend vorwärts und rückwärts. Sie sprachen in demselben Tone, wie wenn sie des Nachts bei einem Krankenbette wachten.
Carton bückte sich um den Rock aufzuheben, der fast unter seinen Füßen lag. Während er dies that, fiel ein Brieftäschchen heraus, in welchem der Doctor gewöhnlich seine Tagesbesuche verzeichnete. Carton hob es auf und fand ein zusammengebrochenes Papier darin. „Wir sollten Das wohl ansehen?“ sagte er. Mr. Lorry nickte zustimmend. Er schlug es auseinander und rief aus. „Gott sei Dank!“
„Was ist es!“ fragte Mr. Lorry begierig.
„Einen Augenblick! ich komme gleich darauf. Erstlich,“ er steckte die Hand in die Tasche und brachte ein anderes Papier heraus, „hier ist das Certificat, welches mir erlaubt, diese Stadt zu verlassen. Sehen Sie es an. Sie sehen — Sydney Carton, ein Engländer?“
Mr. Lorry hielt es aufgeschlagen in seiner Hand und sah in sein ernstes Gesicht.
„Heben Sie es bis Morgen für mich auf. Ich sehe ihn morgen, wie Sie wissen und es ist besser ich nehme es nicht mit in’s Gefängniß.“
„Warum nicht?“
„Ich weiß nicht; es ist mir lieber so. Jetzt nehmen Sie dies Papier, das Dr. Manette in seiner Tasche trug. Es ist ein ähnliches Certificat, welches ihn und seine Tochter und ihr Kind in den Stand setzt zu jeder Zeit zum Thor hinaus und über die Grenze zu kommen. Nicht wahr?“
„Ja!“
„Vielleicht hat er es sich gestern als letzte und äußerste Vorsichtsmaßregel verschafft. Von welchem Tage ist es datirt? aber das thut nichts zur Sache; sehen Sie nicht erst nach; legen Sie es sorgfältig zu meinem und zu Ihrem Paß. Jetzt merken Sie wohl auf! Erst in den letzten paar Stunden wurde ich ungewiß, ob er einen solchen Erlaubnißschein hätte oder haben könnte. Er ist gut bis er zurückgenommen wird. Aber er kann zurückgenommen werden und ich habe Grund zu glauben, daß Dies sehr bald geschehen wird.“
„Sie sind nicht in Gefahr?“
„Sie sind in großer Gefahr. Sie sind in Gefahr einer Anklage von Madame Defarge. Ich weiß es von ihren eigenen Lippen. Ich habe heute Abend von dieser Frau Aeußerungen belauscht, welche mir ihre Gefahr als sehr nahe und bedrohlich darstellten. Ich habe keine Zeit verloren und seitdem mit dem Spion gesprochen. Er bestätigt meine Befürchtung. Er weiß, daß ein Holzhacker, der nicht weit von dem Gefängniß wohnt, mit den Defarges in Verbindung steht und von Madame Defarge verhört worden ist und ihr gesagt hat, daß er gesehen hätte, wie sie“ — er nannte nie Luciens Namen — „mit Gefangenen Zeichen und Signale gewechselt hat. Es ist leicht vorauszusehen, daß der Vorwand der gewöhnliche sein wird, eine Gefängnißverschwörung, und daß ihr Leben auf dem Spiele steht — und vielleicht das ihres Kindes — und vielleicht das ihres Vaters — denn man hat beide mit ihr an jenem Orte gesehen. Machen Sie kein so entsetztes Gesicht. Sie können sie noch Alle retten.“
„Der Himmel gebe es, Carton! aber wie?“
„Das will ich Ihnen gleich sagen. Es kommt ganz auf Sie an und es kann auf keinen bessern Mann ankommen. Diese neue Anklage wird jedenfalls erst nach dem morgenden Tage eingereicht werden; wahrscheinlich erst zwei oder drei Tage später; noch wahrscheinlicher eine Woche später. Sie wissen, es ist ein todteswürdiges Verbrechen ein Opfer der Guillotine zu betrauern. Sie und ihr Vater würden unzweifelhaft sich dieses Verbrechens schuldig machen, und diese Frau (deren Unversöhnlichkeit und Ausdauer im Haß ich gar nicht beschreiben kann) würde warten, um damit noch ihre Sache zu verstärken und den Erfolg doppelt sicher zu machen. Sie folgen mir?“
„So aufmerksam und mit so viel Vertrauen auf Das, was Sie sagen, daß ich für den Augenblick selbst dieses Unglück vergesse,“ erwiederte er, auf den Doctor deutend.
„Sie haben Geld, und können für die schnellsten Mittel, die Küste zu erreichen, sorgen. Ihre Vorbereitungen, nach England zurückzukehren, sind schon seit einigen Tagen vollendet. Morgen beizeiten halten Sie Ihre Pferde bereit, daß sie um 2 Uhr Nachmittags reisefertig dastehen.“
„Es soll geschehen!“
Es lag Etwas so inbrünstiges und Muth einflößendes in seinem Tone, daß die Stimmung auf Mr. Lorry überging und er so rasch war wie ein Jüngling.
„Sie sind ein Mann von edlem Herzen. Sagte ich nicht, daß wir uns auf keinen bessern verlassen könnten? Theilen Sie ihr noch heute Abend mit, was Sie von der Gefahr wissen, die sie und ihr Kind und ihren Vater bedroht. Heben Sie letzteres besonders hervor; denn sie würde ihr schönes Haupt gern und willig neben dem ihres Gatten unter das Beil legen.“ Seine Stimme zitterte einen Augenblick; dann fuhr er ruhiger fort. „Um ihres Kindes und ihres Vaters willen prägen Sie ihr die Nothwendigkeit ein, mit diesen Beiden und mit Ihnen zu dieser Stunde Paris zu verlassen. Sagen Sie ihr, es sei ihres Gatten letzte Anordnung gewesen. Sagen Sie ihr, daß mehr darauf ankommt, als sie zu glauben oder zu hoffen wagen darf. Sie glauben, daß ihr Vater, selbst in diesem traurigen Zustande, sich ihr fügen wird; meinen Sie nicht?“
„Ich bin dessen überzeugt.“
„Ich dachte mir es. Treffen Sie in aller Stille und Vollständigkeit alle diese Vorbereitungen hier im Hofe so, daß Sie sogar alle schon im Wagen sitzen. Sowie ich komme, nehmen Sie mich auf und fahren fort.“
„Ich warte also unter allen Umständen auf Sie?“
„Sie haben mein Certificat mit den übrigen, wie Sie wissen und heben mir meinen Platz auf. Warten Sie blos darauf, daß mein Platz besetzt ist und dann nach England!“
„Nun, dann hängt doch nicht alles von einem alten Manne ab, sondern ich werde einen jungen und eifrigen Mann neben mir haben,“ sprach Mr. Lorry und drückte seine eifrige, aber doch so ruhige und feste Hand.
„Mit Gottes Hülfe, ja! Versprechen Sie mir auf das Feierlichste, daß Sie sich durch nichts bestimmen lassen einen andern Weg einzuschlagen, als wir uns jetzt versprochen haben zu wählen.“
„Durch nichts, Carton.“
„Erinnern Sie sich morgen an die Worte: die geringste Abweichung von dem verabredeten Plane, oder der geringste Verzug — aus welchem Grunde es immer sei — kann verursachen, daß nicht ein Leben gerettet werden kann und viele Leben unvermeidlich geopfert werden müssen.“
„Ich werde ihrer gedenken. Ich hoffe meinen Theil getreulich auszuführen.“
„Und ich hoffe dasselbe zu thun. Nun leben Sie wohl!“
Obgleich er Dies mit einem ernsten Lächeln sagte und sogar die Hand des Alten an seine Lippen drückte, schied er doch noch nicht von ihm. Er half ihm die sich immer noch vor dem verlöschenden Feuer wiegende Gestalt soweit zu wecken, daß man ihr einen Mantel umthuen und einen Hut aufsetzen und sie zum Fortgehen bewegen konnte, um die Bank und die Arbeit zu suchen, nach der sie so kläglich verlangte. Er ging auf die andere Seite der Gestalt und geleitete sie bis in den Hof des Hauses, wo das betrübte Herz — so glücklich in jener denkwürdigen Zeit, wo er ihm sein eigenes verödetes Herz enthüllt hatte — die schreckliche Nacht durchwachte. Er blieb noch allein ein paar Augenblicke in dem Hofe stehen und blickte hinauf zu dem lichterhellten Fenster ihres Zimmers. Ehe er fortging, sendete er noch ein segnendes Wort hinauf und ein Lebewohl.
Dreizehntes Kapitel.
Zweiundfünfzig.
In dem schwarzen Gefängniß der Conciergerie erwarteten die Verurtheilten des Tages ihr Schicksal. Es waren so viele, wie es Wochen im Jahre giebt. Zweiundfünfzig sollten an diesem Nachmittag den Lebensstrom der Stadt hinunter in die grenzenlose, ewige See schwimmen. Ehe sie ihre Zellen verlassen hatten, waren schon neue Bewohner derselben bezeichnet; ehe ihr Blut sich mit dem gestern vergossenen Blute vermischt hatte, war das Blut, das morgen sich mit den ihrigen vermischen sollte, bereits ausgesucht.
Zweiundfünfzig waren abgezählt. Von dem Generalpächter von siebenzig Jahren, dessen Reichthümer sein Leben nicht erkaufen konnten, bis zur Nähterin von zwanzig, deren Armuth und Unbedeutendheit sie nicht zu retten im Stande war. Physische Krankheiten, durch menschliche Laster und Versäumnisse erzeugt, suchen sich Opfer jeden Standes aus; und die schreckliche moralische Seuche, geboren von unsagbaren Leiden, unerträglichem Druck und herzloser Gleichgültigkeit, traf ebenfalls ohne Unterschied.
Charles Darnay, allein in seiner Zelle, hatte sich mit keiner schmeichelnden Selbsttäuschung getröstet, seitdem er aus der Gerichtssitzung zurück war. In jeder Zeile der vorgelesenen Erzählung hatte er sein Todesurtheil gehört. Er hatte vollständig begriffen, daß ihn kein persönlicher Einfluß retten, daß er in Wirklichkeit von Millionen verurtheilt war und daß Einzelne nichts für ihn thun könnten.
Dennoch war es nicht leicht, mit dem Gesicht seiner geliebten Gattin noch frisch vor ihm, sich gefaßten Sinnes auf Das vorzubereiten, was seiner wartete. Das Band, das ihn mit dem Leben verknüpfte, war stark und es war sehr, sehr schwer zu lösen; allmälich und nach langen Bemühungen hier ein wenig gelockert, schloß es sich dort um so fester; und wenn er seine ganze Kraft gegen die eine Hand wendete und diese nachgab, schloß sich die andere wieder. Es herrschte auch ein wildes Treiben in allen seinen Gedanken, ein stürmisches und erhitztes Bewegen in seinem Herzen, das Resignation nicht dulden wollte. Wenn er sich für einen Augenblick resignirt fühlte, schienen seine Gattin und sein Kind, die ihn überleben sollten, dagegen Protest zu erheben und die Entsagung zu einem selbstischen Gefühl zu machen.
Aber dies Alles war blos ein Anfang. Es dauerte nicht lange, so stellte sich die Erwägung ein, daß keine Schande in dem Schicksal sei, dem er entgegen ging, daß jeden Tag Viele denselben Weg, ungerecht verurtheilt, wandelten und ihn mit festem Schritte gingen. Zunächst kam der Gedanke, daß es von höchster Wichtigkeit für den zukünftigen Seelenfrieden der Theueren, die er auf der Erde zurückließ, sei, ruhige Fassung zu zeigen. So wurde allmälich sein Gemüth ruhiger und gerieth in eine Stimmung, wo seine Gedanken sich viel höher erhoben und er Trost von Oben holen konnte.
Bevor es am Abend seiner Verurtheilung dunkel geworden, war er so weit auf seinem letzten Wege gekommen. Man hatte ihm gestattet, Schreibmaterialien und ein Licht zu kaufen, und er setzte sich hin um zu schreiben bis zu dem Zeitpunkt, wo das Licht in den Gefängnissen ausgelöscht werden mußte.
Er schrieb einen langen Brief an Lucien, in welchem er ihr erzählte, daß er von ihres Vaters Haft nichts gewußt, bis er davon durch sie gehört, und daß es ihm ebenso wenig wie ihr selbst bekannt gewesen, daß sein Vater und sein Oheim Schuld an diesem Unglück gewesen, bis das Papier verlesen worden. Er hatte ihr bereits auseinandergesetzt, daß es ihr Vater — warum, sei jetzt wohl einzusehen — zur einzigen Bedingung bei ihrer Verlobung gemacht und es sich an ihrem Hochzeitsmorgen noch besonders habe versprechen lassen, ihr den Namen zu verheimlichen, den er aufgegeben hatte. Um ihres Vaters willen bat er sie, niemals nachzuforschen, ob ihr Vater das Vorhandensein des Papieres vergessen, oder ob er daran erinnert worden durch die Geschichte aus dem Tower, an jenem längst vergessenen Sonntage unter dem lieben Platanenbaume im Garten. Wenn er eine bestimmte Erinnerung an dasselbe gehabt, so sei er jedenfalls überzeugt gewesen, daß es mit der Bastille verbrannt sei, als er es unter den Reliquien von Gefangenen, welche die Stürmenden dort gefunden und welche in allen Zeitungen beschrieben worden, nicht erwähnt gefunden hatte. Er bat sie — obgleich er hinzusetzte, daß er recht wohl wisse wie überflüssig das sei — ihren Vater damit zu trösten, daß sie ihm bei jeder Gelegenheit in der schonendsten Weise die Wahrheit einpräge, daß er nichts gethan habe, weßwegen er sich begründete Vorwürfe zu machen habe, sondern stets um ihrer beider willen in Selbstvergessenheit voran gegangen sei. Nachdem er sie noch einmal gebeten, sich seiner letzten dankbaren Liebe und seines Segens ewig zu erinnern und ihren Schmerz zu überwinden, um für ihr geliebtes Kind zu sorgen, beschwor er sie nächst diesem, ihren Vater zu trösten.
An diesen schrieb er in derselben Weise; aber er sagte ihm noch, daß er ausdrücklich seine Gattin und sein Kind seiner Obhut übergebe. Und er sagte ihm Dies sehr eindringlich in der Hoffnung, ihn dadurch vor Niedergeschlagenheit oder einem gefährlichen Rückfall in den alten Zustand, der nur zu sehr zu befürchten war, zu bewahren.
Mr. Lorry legte er alle seine Lieben an’s Herz und setzte seine irdischen Angelegenheiten auseinander. Nachdem dies mit vielen Aeußerungen dankbarer Freundschaft und warmer Zuneigung geschehen, war Alles fertig. An Carton dachte er nicht ein einziges Mal. So voll war seine Seele von den Anderen.
Er hatte Zeit diese Briefe zu beenden, bis die Lichter ausgelöscht wurden. Als er sich auf sein Strohbett streckte, glaube er mit dieser Welt abgeschlossen zu haben.
Aber sie winkte ihn zurück in seinem Schlummer und zeigte sich ihm in leuchtenden Gestalten. Frei und glücklich, wieder in dem alten Hause in Soho (obgleich es ganz anders aussah als das wirkliche Haus), in unerklärlicher Weise befreit und der Sorgen entledigt, war er wieder mit Lucien vereint und sie sagte ihm, daß alles ein Traum und er nie fortgewesen sei. Eine Pause des Vergessens und dann hatte er geduldet und dann war er wieder bei ihr, todt und in Frieden und doch war kein Unterschied in ihnen. Noch eine Pause der Vergessenheit und er wachte in düsterer Morgenstunde auf, ohne zu wissen wo er war und was geschehen, bis es ihm wie ein Blitz durch den Kopf fuhr, dies ist mein Sterbetag!
So war er durch die Stunden zu dem Tage gekommen, wo die zweiundfünfzig Köpfe fallen sollten. Und jetzt, wo er gefaßt war und hoffte, seinem Ende mit ruhigem Heldenmuthe entgegen gehen zu können, nahmen seine wachenden Gedanken eine neue Richtung an, die sehr schwer zu bewältigen war.
Er hatte nie das Instrument gesehen, das ihm das Leben nehmen sollte. Wie hoch es über dem Boden war, wie viele Stufen es hatte, wo man ihn hinstellen und wie man ihn anfassen würde, ob die Hände, die ihn anfaßten, roth gefärbt sein würden, nach welcher Seite man ihm das Gesicht wenden, ob er vielleicht der Erste oder Letzte sein würde: diese und viele ähnliche Fragen, von seinem Willen ganz und gar unabhängig, drängten sich ihm unzählige Male auf. Mit Furcht hatten sie nichts zu thun: er war sich keiner Furcht bewußt. Sie rührten eher von einem merkwürdigen, sich immer wieder aufdringenden Wunsche her, zu wissen was zu thun sei, wenn die Zeit kam; ein Wunsch, der in riesenmäßigem Mißverhältniß zu den wenigen kurzen Augenblicken stand, auf die es sich bezog; ein verwundertes Fragen, welches mehr dem Regen eines anderen Geistes in dem seinigen, als ihm selbst angehörte.
Die Stunden vergingen, wie er auf- und abging, und die Thurmglocken schlugen die Stunden, die ihm nie wieder schlagen sollten. Neun Uhr war vorbei für immer, Zehn vorbei für immer, Elf vorbei für immer, Zwölf sollte zum letzten Male schlagen. Nach einem harten Kampfe mit der excentrischen Stimmung, die ihm zuletzt zu schaffen gemacht, hatte er sie überwunden.
Er ging auf und ab und wiederholte sich halblaut ihre Namen. Der schwerste Kampf war vorüber. Er konnte auf- und abgehen, frei von störenden Gedanken und für sich und für sie beten.
Zwölf für immer vorüber.
Man hatte ihm gesagt, die letzte Stunde werde Drei sein und er wußte, daß man ihn etwas früher abholen würde, da die Wagen schwer und langsam durch die Straßen rumpelten. Deßhalb beschloß er an Zwei als an die Stunde zu denken, und sich in der Zwischenzeit so zu stärken, daß er hernach im Stande sei andere zu stärken.
Regelmäßig, mit über der Brust gekreuzten Armen auf- und abgehend, ein ganz anderer Mann wie der Gefangene der in La Force auf- und abgegangen war, hörte er ohne Ueberraschung, wie es Eins von ihm weg schlug. Die Stunde war so lang gewesen, wie die meisten anderen Stunden. Dem Himmel fromm dankbar für seine wiedergewonnene Fassung, dachte er: nur noch eine Stunde, und wendete sich, um wieder auf- und abzugehen.
Draußen vor der Thür, in dem gemauerten Gange, hörte man Schritte. Er blieb stehen.
Der Schlüssel klirrte im Schloß und wurde umgedreht. Ehe die Thür aufging, oder wie sie aufging, sagte ein Mann mit gedämpfter Stimme auf Englisch: „er hat mich hier nie gesehen; ich bin ihm aus dem Wege gegangen. Gehen Sie allein hinein; ich warte hier. Verlieren Sie keine Zeit!“
Die Thür wurde rasch geöffnet und wieder zugemacht und vor ihm stand, ruhig, gefaßt, mit einem Lächeln auf dem Gesicht und den Finger warnend auf den Lippen, Sydney Carton.
Es lag etwas so helles, so strahlendes und merkwürdiges in dem Ausdrucke seines Gesichts, daß der Gefangene für den ersten Augenblick ungewiß war, ob die Erscheinung nicht ein Geschöpf seiner Phantasie sei. Aber er sprach und es war seine Stimme; er ergriff die Hand des Gefangenen und es war der Druck einer wirklichen Hand.
„Von allen Menschen auf der Welt hätten Sie mich am wenigsten zu sehen erwartet?“ sagte er.
„Ich konnte nicht glauben, daß Sie es wären. Ich kann es jetzt kaum glauben. Sie sind nicht verhaftet?“ Diese Befürchtung kam ihm plötzlich in den Sinn.
„Nein. Ich besitze zufällig eine Macht über einen der Schließer hier und durch Anwendung derselben stehe ich vor Ihnen. Ich komme von ihr — von Ihrer Gattin, lieber Darnay.“
Der Gefangene drückte ihm feurig die Hand.
„Ich überbringe eine Bitte von ihr.“
„Welche?“
„Eine höchst ernste, dringende und nachdrückliche Bitte, an Sie gerichtet in dem rührendsten Tone der Ihnen so theueren Stimme, deren Sie sich so gut erinnern.“
Der Gefangene wendete sein Gesicht halb weg.
„Sie haben keine Zeit zu fragen, warum ich sie bringe und was sie zu bedeuten hat; ich habe keine Zeit es Ihnen zu sagen. Sie müssen sie erfüllen — ziehen Sie Ihre Stiefeln aus und ziehen Sie dafür meine an.“
Es stand ein Stuhl an der Wand der Zelle hinter dem Gefangenen. Mit Blitzesschnelle hatte Carton ihn hineingedrückt und stand vor ihm in Strümpfen.
„Ziehen Sie meine Stiefeln an, rasch, rasch!“
„Carton, es ist kein Entfliehen hier möglich; es ist nicht durchzuführen. Sie werden nur mit mir sterben. Es ist Wahnwitz.“
„Es wäre Wahnwitz, wenn ich Sie aufforderte zu entfliehen; aber thue ich Das? Wenn ich Sie auffordere zu dieser Thür hinauszugehen, so sagen Sie mir es ist Wahnwitz und bleiben Sie. Tauschen Sie mit mir die Halsbinde und den Rock. Unterdessen gestatten Sie mir dies Band von Ihren Haaren loszubinden und Ihre Haare auseinander zu schütteln wie diese!“
Mit wunderbarer Raschheit und mit einer Kraft des Willens und der That, die wunderbar erschien, zwang er ihm alle diese Veränderungen auf. Der Gefangene war in seinen Händen wie ein kleines Kind.
„Carton! lieber Carton! es ist Wahnwitz. Es ist nicht durchzuführen, es kann nicht geschehen; es ist versucht worden und immer fehl geschlagen. Ich bitte Sie durch Ihren Tod nicht die Bitterkeit des meinigen zu vermehren.“
„Fordere ich Sie auf, lieber Darnay, zur Thür hinaus zu gehen? so wie ich Das thue, sagen Sie Nein. Hier ist Feder und Tinte und Papier auf dem Tische. Ist Ihre Hand ruhig genug zum Schreiben?“
„Sie war es als Sie eintraten.“
„So schreiben Sie, was ich Ihnen vorsage. Rasch, Freund, rasch!“
Darnay drückte die Hand vor seine brennende Stirn und setzte sich an den Tisch. Carton, die rechte Hand in der Brust, stand dicht neben ihm.
„Schreiben Sie genau, was ich Ihnen vorsage.“
„An wen adressire ich es?“
„An Niemanden.“
Carton hatte immer noch die Hand in der Brust.
„Datire ich es?“
„Nein.“
Der Gefangene blickte bei jeder Frage auf. Carton, mit der Hand in der Brust neben ihm stehend, sah auf ihn herab.
„„Wenn Sie sich““ diktirte Carton, „„der Worte erinnern, welche wir vor langer Zeit mit einander gesprochen haben, so werden Sie dies leicht begreifen, wenn Sie es sehen. Ich weiß Sie erinnern sich derselben. Es liegt nicht in Ihrer Art zu vergessen.““
Er zog die Hand aus der Brust, aber gerade jetzt blickte der Gefangene in seiner wirren Verwunderung auf und die Hand blieb, Etwas gefaßt haltend, stecken.
„Sie haben geschrieben „„zu vergessen?““ sagte Carton.
„Ja. Ist das eine Waffe in Ihrer Hand?“
„Nein, ich bin nicht bewaffnet.“
„Was haben Sie in der Hand?“
„Sie sollen es gleich wissen. Schreiben Sie weiter; es sind nur noch wenige Worte. Er diktirte wieder. „„Ich danke Gott, daß die Zeit gekommen ist, wo ich sie beweisen kann. Daß ich es thue verursacht mir weder Schmerz, noch Reue.““ Wie er diese Worte, die Augen auf den Schreibenden geheftet, sprach, brachte er die Hand langsam und vorsichtig bis dicht an das Gesicht des Schreibenden.
Die Feder fiel Darnay aus der Hand und er blickte verstört um sich.
„Was ist das für ein Dunst?“ fragte er.
„Dunst?“
„Etwas, das an mir vorbeigeschwebt ist?“
„Ich habe Nichts bemerkt; es kann hier nicht sein. Nehmen Sie die Feder wieder und schreiben Sie. Rasch, rasch!“
Als ob sein Gedächtniß geschwächt, oder sein Geist gestört wäre, machte der Gefangene eine Anstrengung seine Aufmerksamkeit zu sammeln. Wie er Carton mit bewölkten Augen und kürzeren Athemzügen ansah, blickte ihn dieser — die Hand wieder in der Brust — fest in’s Gesicht.
„Rasch, rasch!“
Der Gefangene beugte sich noch einmal über das Papier.
„„Wenn es anders gewesen wäre““; Cartons Hand bewegte sich von neuem vorsichtig und langsam niederwärts; „„so hätte ich nie die längere Gelegenheit benutzt. Wenn es anders gewesen wäre““; die Hand war vor dem Gesichte des Gefangenen, „„so hätte ich nur um so mehr zu verantworten. Wenn es anders gewesen wäre““ — Carton sah nach der Feder und bemerkte, daß sie nur noch unlesbare Zeichen auf das Papier machte.
Er bewegte die Hand nicht wieder nach der Brust. Der Gefangene sprang mit vorwurfsvollen Blick auf, aber Cartons Hand lag dicht und fest auf seinen Nasenlöchern und sein linker Arm hatte ihn um die Hüfte gefaßt. Einige kurze Augenblicke versuchte er schwach sich des Mannes zu erwehren, der gekommen war um sein Leben für ihn hinzugeben; aber nach vielleicht einer Minute lag er bewußtlos auf dem Boden.
Rasch, und ohne zu zögern zog Carton die Kleider des Gefangenen an, kämmte sein Haar zurück und band es mit dem Bande, das der Gefangene getragen hatte. Dann rief er leise: „Dort draußen, herein! herein!“ und der Spion erschien.
„Seht Ihr ihn?“ sagte Carton aufblickend, wie er auf einem Knie neben dem Bewußtlosen kniete und ihm das Papier in die Brust schob; „ist Eure Gefahr sehr groß?“
„Mr. Carton,“ gab der Spion, furchtsam mit dem Finger schnippend, zur Antwort, „das ist in dem Geschäftsdrange hier die Gefahr für mich nicht, wenn Sie Ihren ganzen Plan getreulich ausführen.“
„Macht Euch keine Sorge um mich. Ich halte treu aus, bis zum Tode.“
„Das müssen Sie auch, Mr. Carton, wenn die Zahl 52 richtig sein soll. Wenn Sie sie in diesem Anzuge vollzählig machen, habe ich keine Furcht.“
„Fürchtet Nichts! ich werde bald außer Stande sein Euch zu schaden und die übrigen werden, will’s Gott, bald weit weg von hier sein. Jetzt ruft Leute und bringt mich nach dem Wagen.“
„Sie?“ sagte der Spion voller Unruhe.
„Ihn, mit dem ich getauscht habe. Ihr geht zu demselben Thore hinaus, zu dem wir hereingekommen sind?“
„Natürlich.“
„Ich war schwach und angegriffen, als ich kam und bin jetzt, wo ihr mich fortbringt, noch angegriffener. Der Abschied hat mich überwältigt. So Etwas ist hier oft, nur zu oft geschehen. Rasch, ruft Leute!“
„Ihr schwört, mich nicht zu verrathen?“ sagte der zitternde Spion, als er noch einmal stehen blieb.
„Mensch, Mensch!“ entgegnete Carton und stampfte mit dem Fuße; „habe ich noch nicht feierliche Eide genug geschworen dies durchzuführen, daß Ihr jetzt die kostbaren Augenblicke verschwendet? Bringt ihn selbst nach dem Hofe, den Ihr kennt, schafft ihn selbst in den Wagen, zeigt ihn selbst Mr. Lorry; sagt ihm selbst, ihm kein anderes Wiederbelebungsmittel, als frische Luft zukommen zu lassen und meiner Worte und seines Versprechens von gestern Abend zu gedenken und von dannen zu fahren!“
Der Spion entfernte sich und Carton setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hände. Der Spion kehrte gleich darauf mit zwei Männern zurück.
„Ah, ah, ah!“ sagte einer derselben, als er den auf den Boden Gesunkenen sah. „So betrübt zu erfahren, daß sein Freund einen Gewinn in der Lotterie der heiligen Guillotine gezogen hat?“
„Ein guter Patriot,“ sagte der andere, „könnte kaum betrübter sein, wenn der Aristokrat eine Niete gezogen hätte.“
Sie hoben den Bewußtlosen auf, legten ihn auf eine Tragbahre, die sie vor der Thür stehen hatten und bückten sich um ihn fortzutragen.
„Die Zeit ist kurz, Evrémonde“, sagte der Spion in warnendem Tone.
„Ich weiß es,“ gab Carton zur Antwort. „Tragt Sorge für meinen Freund, bitte ich Euch nochmals, und verlaßt mich.“
„So kommt,“ sagte Barsad zu dem anderen. „Tragt ihn hinunter!“
Die Thür schloß sich und Carton war allein. Mit gespanntester Aufmerksamkeit horchend, lauschte er auf jeden Ton, der Verdacht oder Allarm anzeigen könnte. Man vernahm keinen. Man hörte Schlüssel sich drehen, Thüren rasseln, Tritte durch entlegene Gänge schallen, aber kein ungewöhnliches Geschrei oder Lärmen machte sich vernehmlich. In einer kleinen Weile athmete er freier auf, setzte sich an den Tisch und horchte wieder, bis es zwei Uhr schlug.
Töne vor denen er sich nicht fürchtete, denn er errieth was sie bedeuteten, machten sich jetzt hörbar. Mehrere Thüren wurden hintereinander geöffnet und zuletzt seine eigene. Ein Schließer, mit einem Verzeichniß in der Hand, blickte herein, sagte blos „folgt mir, Evrémonde!“ und er folgte ihm in eine große dunkele Halle. Es war ein trüber Wintertag und die Dunkelheit drinnen und draußen machte, daß er die anderen die hereingebracht wurden, um hier gebunden zu werden, nicht gut erkennen konnte. Einige standen, Einige saßen, Einige jammerten und gingen ruhelos auf und ab; aber das waren wenige. Die große Mehrzahl war ruhig und stumm, und sah starr auf den Boden.
Wie er an der Wand in einer dunkeln Ecke stand, während noch einige von den Zweiundfünfzig nach ihm hereingebracht wurden, blieb einer im Vorbeigehen bei ihm stehen, um ihn als Bekannten zu umarmen. Ein angstvoller Gedanke, entdeckt zu werden, fuhr ihm durch die Seele; aber der andere ging weiter. Ein paar Augenblicke später stand ein schwächlich gebautes Mädchen, mit lieblichem, aber abgezehrtem Gesicht, auf welchem keine Spur Farbe sichtbar war, und großen, weit offenen, geduldigen Augen von der Bank auf, wo er sie sitzen gesehen hatte, und trat an ihn heran.
„Bürger Evrémonde,“ sagte sie, und berührte ihn mit ihrer kalten Hand. „Ich bin eine arme kleine Nähterin und war mit Euch in La Force.“
Er murmelte vor sich hin: „richtig. Ich vergesse weshalb Ihr angeklagt waret?“
„Wegen Verschwörung. Obgleich der gerechte Himmel weiß, daß ich unschuldig bin. Ist es wahrscheinlich? Wer soll auf den Einfall kommen mit einem armen, schwachen Geschöpf, wie ich bin, zu complotiren?“
Das trübe Lächeln, mit dem sie dies sagte, rührte ihn so, daß Thränen seine Augen füllten.
„Ich fürchte mich nicht, zu sterben, Bürger Evrémonde, aber ich habe Nichts gethan. Ich sterbe nicht ungern, wenn die Republik, welche uns Armen soviel Gutes bringen soll, durch meinen Tod gewinnt; aber ich begreife nicht, wie das zugehen soll, Bürger Evrémonde. Ein so armes, kleines schwaches Ding!“
Als das letzte auf Erden, wofür sein Herz warm und sanft fühlen sollte, trat ihm dieses arme Mädchen entgegen.
„Ich hörte Ihr wäret freigelassen, Bürger Evrémonde, ich hoffte es sei wahr?“
„Ich war frei. Aber man hat mich wieder verhaftet und verurtheilt.“
„Wenn ich mit Euch fahre, Bürger Evrémonde, wollt Ihr mir dann erlauben Eure Hand zu nehmen? Ich fürchte mich nicht, aber ich bin klein und schwach und dies wird mir mehr Muth geben.“
Wie die geduldigen Augen ihm ins Gesicht blickten, sah er darin sich erst Zweifel und dann Staunen ausdrücken. Er drückte die abgezehrte, jugendliche Hand und legte die Finger an die Lippen.
„Ihr sterbt für ihn?“ flüsterte sie.
„Und für seine Frau und sein Kind. Still! Ja.“
„Oh, wollt Ihr mir erlauben, Eure wackere Hand zu nehmen, Fremder?“
„Still! Ja, arme Schwester; bis zuletzt.“ —
Dieselben Schatten die auf das Gefängniß fallen, fallen zu derselben Stunde des frühen Nachmittags auf die Barriere, mit dem Menschengedränge um dieselbe herum, als eine Paris verlassende Kutsche vorfährt, um examinirt zu werden.
„Wer ist d’rin? Papiere!“
Die Papiere werden herausgegeben und gelesen.
„Alexander Manette, Arzt. Franzose. Welcher ist es? Das ist er; dieser hülflose, halbe Worte murmelnde, in halben Irrsinn versunkene alte Mann.“
„Allem Anscheine nach ist der Bürger Doctor nicht recht bei Sinnen? Das Revolutionsfieber ist viel zu hitzig für ihn gewesen?“
„Viel zu hitzig.“
„Ha! viele leiden daran. Lucie. Seine Tochter. Französin. Welche ist sie?“
„Das ist sie.“
„Muß wohl sein. Lucie, Gattin Evrémondes; nicht wahr?“
„He! Evrémonde hat eine Bestellung anders wohin. Lucie, ihr Kind. Die Kleine da?“
„Sie und keine andere.“
„Gieb mir einen Kuß, Evrémondes Kind. Jetzt hast Du einen guten Republikaner geküßt; Etwas Neues in Deiner Familie; vergiß es nicht! Sydney Carton, Advocat. Engländer. Welcher ist es?“
„Er liegt dort in der Ecke des Wagens.“ Auf ihn zeigt man den Fragenden.
„Allem Anscheine nach ist der englische Advocat ohnmächtig geworden?“
„Man hofft er werde sich in frischer Luft wieder erholen. Er ist schwach von Gesundheit und der Abschied von einem Freunde, der sich das Mißfallen der Republik zugezogen hat, hat ihn sehr erschüttert.“
„Weiter Nichts? Das ist nicht viel! Viele haben sich das Mißfallen der Republik zugezogen und müssen zu dem kleinen Fenster hinaussehen. Jarvis Lorry, Bankier. Engländer. Welcher ist es?“
„Ich bin es. Natürlich, da ich der letzte bin.“ Jarvis Lorry ist ausgestiegen und steht am Kutschenschlage, von einer Gruppe Beamten verhört. Sie gehen langsam um den Wagen herum und steigen gemächlich auf denselben hinauf, um zu sehen was für Gepäck auf dem Dache liegt. Das Landvolk steht umher, drängt sich an die Kutschenthüren und stiert neugierig hinein; ein kleines Kind, auf dem Arme seiner Mutter, streckt, von dieser angeleitet, seine Aermchen aus, damit es das Weib eines Aristokraten berühre, der unter der Guillotine gestorben ist.
„Hier sind Eure Papiere, Jarvis Lorry.“
„Kann man abreisen, Bürger?“
„Man kann abreisen. Vorwärts Postillon! Glückliche Reise!“
„Lebt wohl, Bürger. — Und die erste Gefahr wäre hinter uns!“
Das sind wieder die Worte Jarvis Lorry’s, wie er die Hände faltet und zum Himmel blickt. Es ist Angst im Wagen und Weinen und das schwere Athmen der bewußtlosen Reisenden.
„Fahren wir nicht zu langsam? Können wir sie nicht bewegen schneller zu fahren?“ fragte Lucie angstvoll den Alten.
„Das würde zu sehr wie Flucht aussehen. Wir dürfen sie nicht zu sehr treiben; es würde Verdacht erwecken.“
„Sehen sie sich um, ob wir verfolgt werden.“
„Die Straße ist frei, liebe Lucie. Bis jetzt werden wir nicht verfolgt.“
Häuser zu zweien oder dreien, einsame Pachthöfe, verfallene Gebäude, Färbereien, Gerbereien und ähnliches offenes Land, Alleen von laublosen Bäumen, ziehen an uns vorbei. Das harte holprige Pflaster ist unter uns, der weiche tiefe Schlamm zu beiden Seiten. Manchmal lenken wir in den Schlamm hinüber, um von den Steinen weg zu kommen, die uns bis auf die Knochen schütteln, und manchmal bleiben wir dort in tiefen Gleisen und Löchern stecken. Die Qual unserer Ungeduld ist dann so groß, daß wir in unserer verstörten Angst und Eile lieber aussteigen und laufen oder uns verstecken möchten — Alles, nur nicht Halt machen.
Hinter uns wieder offenes Land, ringsum wieder verfallene Gebäude, einsame Pachthöfe, Färbereien, Gerbereien und ähnliches, Häuser in Gruppen von zwei oder drei, Alleen von laublosen Bäumen. Haben diese Leute uns hintergangen und fahren sie uns auf einem andern Wege zurück? Ist das nicht derselbe Ort, den wir schon einmal sahen? Gott sei Dank, nein. Ein Dorf. „Sehen Sie sich um, sehen Sie sich um ob wir verfolgt werden! Still! das Posthaus.“
In Muße werden die vier Pferde ausgespannt; in Muße bleibt die Kutsche auf der kleinen Straße stehen ohne Pferde und ohne alle Wahrscheinlichkeit, daß sie jemals wieder in Bewegung kommen werde; in Muße werden die neuen Pferde einzeln sichtbar; in Muße kommen auch die neuen Postillone und binden langsam neue Knoten in ihre Peitschen; in Muße zählen die alten Postillone ihr Geld, verrechnen sich und sind unzufrieden mit dem Resultat. Während der ganzen Zeit schlagen unsere übervollen Herzen mit einer Schnelligkeit, welche den schnellsten Lauf des schnellsten Pferdes, das jemals geboren worden, übertreffen würde.
Endlich sitzen die neuen Postillone im Sattel und die alten sind hinter uns. Wir sind durch das Dorf, den Berg hinauf, wieder hinab und fahren durch die feuchte Niederung. Plötzlich fangen die Postillone an mit lebhaften Geberden miteinander zu reden und die Pferde werden heftig angehalten. Wir werden verfolgt!
„He da! im Wagen drinnen, he da!“
„Was giebts?“ fragte Mr. Lorry zum Fenster heraus.
„Wie viele, sagten sie?“
„Ich verstehe Euch nicht — auf der letzten Post.“
„Wie viele heute unter der Guillotine?“
„Zweiundfünfzig.“
„Ich sagte es ja! eine schöne Zahl! mein Mitbürger hier, wollte blos von Zweiundvierzig wissen; zehn Köpfe mehr sind schon des Habens werth. Die Guillotine arbeitet schön. Ich liebe sie. Vorwärts. Vorwärts!“
Die Nacht breitete ihre dunkeln Schleier aus. Er bewegt sich wieder; er fängt an lebendig zu werden und verständlich zu sprechen; er findet sich wieder unter den Seinen; er fragt ihn bei seinem Namen, was er in der Hand hat. O, hab’ Erbarmen, gnädiger Himmel und hilf uns! Seht hinaus, seht hinaus, ob wir nicht verfolgt werden.
Der Wind fährt hinter uns her, und die Wolken fliegen uns nach, und der Mond schwimmt hinter uns her, und die ganze stürmische Nacht scheint uns zu verfolgen; aber soweit werden wir von nichts Anderem verfolgt.
Vierzehntes Kapitel.
Ausgestrickt.
Zu derselben Zeit, wo die Zweiundfünfzig ihr Schicksal erwarteten, hielt Madame Defarge eine heimliche, nichts Gutes bedeutende Berathung mit dem Racheengel und Jaques Drei von der revolutionären Jury. Nicht im Weinschank berieth sich Madame Defarge mit diesen Ministern, sondern unter dem Schuppen des Holzhackers, der früher Straßenarbeiter gewesen war. Der Holzhacker selbst nahm nicht an der Conferenz Theil, sondern hielt sich in einiger Entfernung, wie ein fern stehender Trabant, der nicht sprechen oder seine Meinung sagen darf, ehe man ihn auffordert.
„Aber unser Defarge ist jedenfalls ein guter Republikaner?“ sagte Jaques Drei, „nicht wahr?“
„Es giebt keinen besseren in Frankreich,“ betheuerte der zungenfertige Racheengel mit schriller Stimme.
„Still, Racheengel,“ sagte Madame Defarge, indem sie mit leichtem Stirnrunzeln ihre Hand der Sprechenden auf den Mund legte. „Laß mich sprechen. Mein Mann, Mitbürger, ist ein guter Republikaner und ein Mann voll Muth; er hat sich um die Republik wohl verdient gemacht und besitzt ihr Vertrauen. Aber mein Mann hat seine Schwächen, und er ist schwach genug, mit diesem Doctor Mitleid zu fühlen.“
„Es ist sehr schade,“ krächzte Jaques Drei, indem er zweifelnd den Kopf schüttelte und mit seinen grausamen Fingern an seinem hungrigen Munde spielte; „es ist nicht ganz wie ein guter Bürger; es ist zu beklagen.“
„Seht,“ sagte Madame, „mir ist dieser Doctor gleichgültig. Er mag seinen Kopf behalten oder verlieren, ich kümmere mich nicht darum; mir ist es einerlei. Aber die Evrémondes müssen alle ausgerottet werden und das Weib und das Kind müssen dem Gatten und Vater folgen.“
„Sie hat einen schönen Kopf dazu,“ krächzte Jaques Drei. „Ich habe blaue Augen und goldenes Haar dort gesehen und sie sahen reizend aus als Sanson sie in die Höhe hielt.“ Der blutgierige Wüthrich sprach wie ein Epikuräer.
Madame Defarge schlug die Augen nieder und dachte ein Wenig nach.
„Auch das Kind,“ bemerkte Jaques Drei mit nachdenklichem Genießen seiner Worte, „hat goldenes Haar und blaue Augen. Und wir haben selten ein Kind dort. Es ist ein hübscher Anblick!“
„Mit einem Worte,“ sagte Madame Defarge wieder aufblickend, „ich kann meinem Manne in dieser Sache nicht trauen. Ich fühle nicht nur seit letzter Nacht, daß ich ihm die Einzelheiten meiner Pläne nicht mittheilen darf, sondern ich fühle auch, daß bei längerem Warten Gefahr vorhanden ist, daß er sie warnt und daß sie entfliehen.“
„Das darf nicht sein,“ sagte Jaques Drei; „Niemand darf davon kommen. Wir haben noch nicht halb genug wie es jetzt geht. Wir sollten jeden Tag Hundertzwanzig haben.“
„Mit einem Wort“ fuhr Madame Defarge fort, „mein Mann hat nicht meinen Grund diese Familie bis zur Ausrottung zu verfolgen, und ich habe nicht seinen Grund mit diesem Doctor Mitleid zu fühlen. Ich muß daher für mich handeln. Kommt her, kleiner Bürger.“
Der Holzhacker, der sie mit dem Respect und der Unterwürfigkeit tödtlicher Furcht betrachtete, trat, mit der Hand an seiner rothen Mütze, heran.
„Was diese Signale betrifft, kleiner Bürger,“ sagte Madame Defarge mit Strenge, „die sie mit dem Gefangenen gewechselt hat; seid Ihr bereit heute noch als Zeuge dafür aufzutreten?“
„Ja, ja, warum nicht!“ erklärte der Holzhacker. „Alle Tage, in jedem Wetter von Zwei bis Vier, immer signalisirend, manchmal mit der Kleinen, manchmal ohne dieselbe. Ich weiß, was ich weiß, mit meinen Augen habe ich es gesehen.“
Während er sprach, machte er allerlei Geberden, wie in zufälliger Nachahmung einiger wenigen von den vielen Signalen, die er nie gesehen hatte.
„Offenbar Complot,“ sagte Jaques Drei. „Nicht zu bezweifeln!“
„Sind die Geschwornen sicher?“ fragte Madame Defarge, und sah ihn mit einem düstern Lächeln an.
„Verlaßt Euch auf die patriotischen Geschworenen, Bürgerin. Ich stehe für meine Mitgeschworenen.“
„Jetzt laßt uns noch einmal sehen,“ sagte Madame Defarge überlegend. „Kann ich diesen Doctor für meinen Mann entbehren? Ich habe Nichts für und Nichts gegen ihn. Kann ich ihn entbehren?“
„Er würde als ein Kopf zählen,“ bemerkte Jaques Drei mit gedämpfter Stimme. „Wir haben wirklich nicht Köpfe genug; es wäre schade, sollte ich meinen.“
„Er wechselte mit ihr Signale, als ich sie sah,“ erwiederte Madame Defarge; „ich kann von den Einen nicht sprechen, ohne den Anderen zu erwähnen; und ich darf nicht stumm sein und die ganze Sache diesem kleinen Bürger hier überlassen. Denn ich bin kein schlechter Zeuge.“
Der Racheengel und Jaques Drei wetteiferten mit einander in leidenschaftlichen Betheuerungen, daß sie die vortrefflichste und bewunderungswürdigste aller Zeuginnen sei. Um nicht zurückzubleiben, nannte sie der kleine Bürger „eine himmlische Zeugin.“
„Er muß sehen wie er fährt,“ sagte Madame Defarge. „Nein; ich kann ihn nicht entbehren! Ihr seid beschäftigt um drei Uhr; Ihr geht zu der Hinrichtung. — Ihr?“
Diese letzte Frage galt dem Holzhacker, der hastig mit Ja antwortete und die Gelegenheit ergriff um hinzuzusetzen, daß er der eifrigste aller Republikaner sei und der unglücklichste aller Republikaner sein würde, wenn ihm Jemand den Genuß raubte, seine Nachmittagspfeife zu rauchen, und dabei dem drolligen Nationalbarbier zuzusehen. Er betheuerte Dies mit soviel Nachdruck, daß man ihn in Verdacht hätte haben können, (und vielleicht hatten ihn auch die schwarzen Augen der Madame Defarge, die verächtlich auf ihn herabsah, in diesem Verdachte) er hege jede Stunde des Tages seine kleinen besonderen Befürchtungen für seine persönliche Sicherheit.
„Ich muß auch hin,“ sagte Madame. „Nachdem es vorbei ist — sagen wir um 8 Uhr Abends — kommt ihr zu mir nach St. Antoine, und wir reichen dann die Anzeige gegen diese Leute bei meiner Section ein.“
Der Holzhacker sagte, er werde sich stolz und geschmeichelt fühlen, der Bürgerin Befehl auszuführen. Die Bürgerin blickte ihn an, er wurde verlegen, wich ihrem Blicke aus, wie es ein Hündchen gethan haben würde, zog sich unter sein Holz zurück und versteckte seine Verwirrung hinter dem Griffe seiner Säge.
Madame Defarge winkte dem Geschwornen und dem Racheengel etwas näher an die Thür zu kommen, und setzte ihnen dort ihre weiteren Pläne mit folgenden Worten auseinander:
„Sie wird jetzt zu Hause sein und den Augenblick seines Todes erwarten. Sie wird trauern und weinen. Sie wird in einem Gemüthszustande sein, die Gerechtigkeit der Republik in Zweifel zu ziehen. Sie wird voller Sympathien für ihre Familie sein. Ich werde zu ihr gehen.“
„Welch bewundernswerthes Weib, welch anbetungswürdiges Weib!“ rief Jaques Drei entzückt aus. „Ach Herz meines Herzens!“ rief der Racheengel und umarmte sie.
„Nimm Du mein Strickzeug,“ sagte Madame Defarge und legte es in die Hände ihrer Adjutantin, „und halte es für mich bereit auf meinem gewöhnlichen Platze. Sorge für meinen gewöhnlichen Stuhl. Geh geraden Weges hin, denn es wird wahrscheinlich heute größerer Zulauf sein, als gewöhnlich.“
„Ich führe mit Freuden die Befehle meiner Vorgesetzten aus,“ erwiederte der Racheengel und küßte sie auf die Wange. „Du wirst nicht zu spät kommen?“
„Ich werde vor dem Anfange dort sein.“
„Und ehe die Wagen ankommen. Sorge ja dafür, mein Herz, daß Du da bist ehe die Wagen ankommen!“ rief ihr der Racheengel nach; denn sie war schon auf der Straße draußen.
Madame Defarge winkte mit der Hand zum Zeichen, daß sie verstanden hatte und sicher zur rechten Zeit da sein werde, und ging dann die schmutzige Straße entlang und um die Ecke der Gefängnißmauer. Der Racheengel und der Geschworene sahen ihr nach, voll von stillem Lobe ihrer schönen Gestalt und ihrer ausgezeichneten sittlichen Eigenschaften.
Es gab damals viele Frauen, auf welche die Zeit ihre entsetzlich entstellende Hand legte; aber es war vor allen keine mehr zu fürchten, als diese erbarmungslose Frau, welche jetzt durch die Straßen ging. Von starkem und furchtlosem Charakter, scharfem und raschem Verstande, großer Entschlossenheit, ausgestattet mit jener Schönheit, die nicht nur ihrer Besitzerin Festigkeit und Unversöhnlichkeit einzuflößen schien, sondern auch andere zu einer instinktmäßigen Anerkennung dieser Eigenschaften brachte, war sie ein Charakter, wie er in dieser wilden Zeit unter allen Verhältnissen zur Geltung kommen mußte. Aber von Kindheit an über dem bitteren Gefühl erlittenen Unrechts brütend und erfüllt von unversöhnlichem Haß gegen Eine Klasse, war sie durch die Gelegenheit der Zeit zu einer Tigerin geworden. Sie war ohne alles Mitleid. Wenn sie jemals diese Tugend besessen hatte, so war sie ganz aus ihr verschwunden.
Es war ihr Nichts, daß ein Unschuldiger für die Sünden seiner Väter sterben sollte; sie sah nicht ihn, sondern sie. Es war ihr Nichts, daß seine Gattin eine Wittwe und seine Tochter eine Waise wurde; das war unzureichende Strafe, weil sie ihre natürlichen Feinde und ihre Beute waren und als solche kein Recht hatten zu leben. Ganz hoffnungslos war es, sie zu erweichen, weil sie kein Mitleid kannte, nicht einmal mit sich selbst. Wenn sie in einem der vielen Tumulte, an denen sie betheiligt gewesen, auf der Straße erschlagen worden wäre, so hätte sie sich gewiß nicht bemitleidet; ja, wenn man sie morgen zur Guillotine verurtheilt hätte, so wäre sie mit keinem sanfteren Gefühle zum Tode gegangen, als einem grausamen Wunsche mit dem, der sie in den Tod schickte, den Platz zu tauschen.
Ein solches Herz trug Madame Defarge unter ihrem groben Kleide. So sorglos es angelegt war, stand ihr das Kleid doch in einer gewissen unheimlichen Weise und ihr dunkles Haar sah schön aus unter der groben, rothen Mütze. In ihrem Busen versteckt war ein geladenes Pistol. In ihrem Gürtel versteckt befand sich ein scharfes Messer. So angethan und mit der Zuversicht eines solchen Charakters und der geschmeidigen Sicherheit einer Frau einherschreitend, die in ihrer Kindheit gewohnt gewesen, barfuß und barbeinig über den feuchten Meeresstrand zu gehen, suchte Madame Defarge ihren Weg durch die Straßen.
Als man vorige Nacht den Plan der Abreise der Kutsche ausgesonnen, die in diesem Augenblicke gerade die Vervollständigung ihrer Ladung erwartete, hatte die Schwierigkeit, Miß Proß mit darin aufzunehmen, Mr. Lorry viel Kopfzerbrechen verursacht. Es war nicht blos wünschenswerth, die Kutsche nicht so schwer zu belasten, sondern auch von der höchsten Wichtigkeit, die von dem Durchsuchen und dem Verhör der Reisenden beanspruchte Zeit bis auf das Aeußerste zu beschränken, da ihre Rettung von der Ersparniß weniger Sekunden an diesem und jenem Orte abhängen konnte. Zuletzt schlug er, nach sorgfältiger Erwägung, vor, daß Miß Proß und Jerry, welche die Stadt zu allen Zeiten verlassen konnten, um drei Uhr in dem leichtesten der damals üblichen Fuhrwerke abreisen sollten. Nicht belästigt mit Gepäck, konnten sie die Kutsche bald einholen, dann vorausfahren und auf den Stationen im Voraus Pferde bestellen. So waren sie im Stande die Reise während der kostbaren Nachtstunden, wo Verzug am Gefährlichsten war, erheblich zu beschleunigen.
Da Miß Proß in dieser Anordnung die Hoffnung sah, in dieser drängenden Noth wirkliche Dienste zu leisten, begrüßte sie dieselbe mit Freuden. Sie und Jerry hatten die Kutsche abfahren sehen, hatten gewußt wer es war, den Salomo brachte, hatten zehn Minuten in allen Qualen der Spannung verlebt, und beendigten nun ihre Vorbereitungen um der Kutsche zu folgen, während Madame Defarge, immer noch durch die Straßen wandelnd, der im übrigen verlassenen Wohnung, wo sie jetzt zu Rathe gingen, immer näher kam.
„Nun, was meinen Sie, Mr. Cruncher,“ fragte Miß Proß, deren Aufregung so arg war, daß sie kaum sprechen oder stehen konnte, „was meinen Sie dazu, wenn wir nicht von hier abfahren? Daß heute hier schon ein anderer Wagen weggefahren ist, könnte Verdacht erwecken.“
„Meine Meinung, Miß, ist, daß Sie Recht haben,“ antwortete Mr. Cruncher. „Und auch, daß ich zu ihnen halten will, im Recht oder im Unrecht.“
„Furcht und Hoffnung für unsere liebe Herrschaft lassen mich so wenig zum Bewußtsein kommen,“ fuhr Miß Proß mit hellen Thränen fort, „daß ich außer Stande bin einen Plan zu fassen. Können Sie einen Plan fassen, mein guter Mr. Cruncher?“
„Was meine zukünftige Lebensweise betrifft, Miß,“ entgegnete Mr. Cruncher, „so hoffe ich es. Was den gegenwärtigen Gebrauch dieses meines alten Kopfes betrifft, so glaube ich nicht. Wollen Sie mir den Gefallen thun, Miß, sich zwei Versprechen und Gelübde zu merken, die ich in dieser jetzigen Krisis machen möchte?“
„Ach, um des Himmels Willen,“ rief Miß Proß immer noch laut weinend, „nur gleich heraus mit der Sprache, damit wir mit ihnen fertig werden.“
„Erstlich,“ sagte Mr. Cruncher, der am ganzen Leibe zitterte und mit leichenblassem und feierlichem Gesicht sprach, „wenn unsere arme, gute Herrschaft glücklich heraus ist, will ich es nie wieder thun, nie, nie wieder thun!“
„Ich bin fest überzeugt, Mr. Cruncher,“ entgegnete Miß Proß, „daß Sie es nie wieder thun werden, was es auch sein mag, und ich bitte Sie, es nicht für nothwendig zu halten näher darauf einzugehen, was es ist.“
„Nein, Miß,“ gab Jerry zurück, „Sie sollen weiter Nichts davon hören. Zweitens, wenn meine gute arme Herrschaft glücklich herausgekommen ist, so will ich gar nie mehr Etwas gegen Mrs. Crunchers Rutschen sagen, nie, nie wieder!“
„Was das immer für eine Wirthschaftseinrichtung sein mag,“ sagte Miß Proß, indem sie versuchte sich zu fassen, „so bezweifle ich nicht, daß es das Beste ist, Sie überlassen es ganz und gar Mrs. Crunchers eignem Belieben — ach meine gute Herrschaft!“
„Ich gehe soweit zu sagen,“ fuhr Mr. Cruncher mit einer beunruhigenden Neigung, wie von einer Kanzel herunter zu predigen, fort — „und merken Sie sich meine Worte und überbringen Sie dieselben der Mrs. Cruncher — ich gehe sogar soweit, zu sagen, daß meine Meinung von dem Rutschen sich verändert hat, und daß ich nur von ganzem Herzen hoffe, Mrs. Cruncher rutschte zur gegenwärtigen Zeit.“
„Gewiß, gewiß! ich hoffe sie thut es, mein Guter,“ rief Miß Proß ganz außer sich, „und ich hoffe, es entspricht allen ihren Erwartungen.“
„Verhüte der Himmel“ fuhr Mr. Cruncher mit vermehrter Feierlichkeit und Langsamkeit und verstärkter Neigung zu predigen fort, „verhüte der Himmel, daß Etwas, was ich jemals gesagt oder gethan habe, den angelegentlichen Wünschen entgolten wird, die ich jetzt für meine gute Herrschaft habe! Verhüte es der Himmel, wenn wir auch nicht alle rutschen, um sie aus dieser schrecklichen Gefahr zu retten! Verhüte es der Himmel, Miß! Verhüte es der Himmel!“ Das war Mr. Crunchers Schluß, nachdem er sich vergeblich einige Zeit besonnen hatte, einen bessern zu finden.
Und immer noch kam Madame Defarge, ihr Ziel durch die Straßen verfolgend, näher und näher.
„Wenn wir jemals in unsere Heimath zurückkehren,“ sagte Miß Proß, „so können Sie sich darauf verlassen, daß ich Mrs. Cruncher alles mittheile, was ich von dem, was Sie so eindringlich gesagt haben, mir erinnern kann und verstanden habe; und jedenfalls können Sie überzeugt sein, daß ich bezeuge, wie ernstlich Sie es in dieser schrecklichen Zeit gemeint haben. Aber jetzt lassen Sie uns überlegen! Mein geschätzter Mr. Cruncher, lassen Sie uns überlegen!“
Und immer noch kam Madame Defarge, ihr Ziel durch die Straßen verfolgend, näher und näher.
„Wenn Sie vorausgingen,“ sagte Miß Proß, „und ließen die Pferde und den Wagen nicht hierher kommen, sondern wo anders auf mich warten, wäre Das nicht das Beste?“
Mr. Cruncher meinte, es könne das Beste sein.
„Wo könnten Sie auf mich warten?“ fragte Miß Proß.
Mr. Cruncher war so verwirrt, daß er auf keine andere Oertlichkeit kommen konnte, als auf das Temple-Thor. Ach, Temple-Thor war 100 Meilen weit und Madame Defarge war schon sehr nahe.
„An der Thür der großen Kirche,“ sagte Miß Proß. „Wäre es viel aus dem Wege, wenn ich an der Thür der großen Kirche, zwischen den beiden Thürmen, einstiege?“
„Nein, Miß“, gab Mr. Cruncher zur Antwort.
„Dann seien Sie ein guter Mensch“ erwiederte Miß Proß, „und gehen geraden Weges nach dem Posthaus und bestellen es so.“
„Ich möchte Sie nicht gerne verlassen, sehen Sie,“ sagte Mr. Cruncher zögernd und den Kopf schüttelnd. „Man weiß nicht, was geschehen kann.“
„Der Himmel weiß, daß wir es nicht wissen,“ entgegnete Miß Proß, „aber haben Sie meinetwegen keine Furcht. Warten Sie auf mich an der großen Kirche um 3 Uhr und es ist jedenfalls besser, als wenn wir hier einsteigen. Ich bin fest überzeugt davon. Der Himmel segne Sie, Mr. Cruncher! Denken Sie nicht an mich, sondern an die Menschenleben, die von uns beiden abhängen können!“
Dieser Schluß und daß Miß Proß ihm beide Hände in schmerzlichsten Flehen entgegenstreckte, entschied Mr. Cruncher. Mit einem ermuthigendem Kopfnicken ging er auf der Stelle fort um den Wagen an den bezeichneten Ort zu bestellen, und überließ es ihr auf die verabredete Weise zu folgen.
Eine Vorsichtsmaßregel vorgeschlagen zu haben, die bereits in der Ausführung begriffen, war ein großer Trost für Miß Proß. Die Nothwendigkeit ihr Aeußeres so einzurichten, daß ihre Aufregung keine besondere Aufmerksamkeit auf der Straße auf sich zog, war eine andere Erleichterung. Sie sah nach der Uhr und es war zwanzig Minuten über 2 Uhr. Sie hatte keine Zeit zu verlieren, und mußte sich gleich fertig machen.
In ihrer großen Aufregung, von Furcht erfüllt durch die Einsamkeit der verlassenen Zimmer und der halbeingebildeten Gesichter, die hinter jeder offenen Thür hervor hereinblickten, holte Miß Proß ein Waschbecken voll kaltes Wasser und fing an sich die Augen zu waschen, die ganz dick und roth waren. Von ihren fieberhaften Befürchtungen gequält, konnte sie es kaum ertragen, wegen des herunterfließenden Wassers ein oder zwei Minuten lang nicht sehen zu können, sondern hielt fortwährend inne und sah sich um, ob sie Niemand beobachte. In einer dieser Pausen fuhr sie erschrocken zurück und schrie laut auf; denn sie sah eine Gestalt im Zimmer stehen.
Das Waschbecken fiel zerbrochen zur Erde und das Wasser floß auf Madame Defarge zu. Auf merkwürdigen, rauhen Wegen und durch viel vergossenes Blut waren diese Füße diesem Wasser entgegen gekommen.
Madame Defarge sah sie kalt an und sagte: „wo ist die Gattin Evrémondes?“
Es fiel Miß Proß ein, daß die Thüren sämmtlich offen standen und durch ihr Offenstehen die Flucht verrathen könnten. Ihr Erstes war, sie zuzumachen. Es waren ihrer vier im Zimmer und sie machte sie alle zu. Dann stellte sie sich vor die Thür des Gemachs, welches Lucie bewohnt hatte.
Madame Defarges dunkle Augen folgten ihr während dieser raschen Bewegung, und hefteten sich auf sie, als sie fertig war. Miß Proß war nichts weniger als schön; die Jahre hatten ihr schroffes, eckiges Wesen nicht gemildert; aber sie war in ihrer Weise auch eine entschlossene Frau, und sie maß Madame Defarge mit ihren Augen vom Kopf bis zu den Füßen.
„Dem Aussehen nach könntest Du Lucifers Frau sein,“ sagte Miß Proß, während sie verschnaufte. „Dennoch sollst Du mich nicht bewältigen. Ich bin eine Engländerin.“
Madame Defarge sah sie geringschätzig an, aber doch mit einer Ahnung von demselben Gefühle, daß Miß Proß erfüllte: daß sie kampfbereit gegenüber stand. Sie sah eine energische, unnachgiebige, kräftige Frau vor sich, wie Mr. Lorry vor vielen Jahren in derselben Gestalt ein Weib mit starker Hand gesehen hatte. Sie wußte recht gut, daß Miß Proß die treuergebene Dienerin der Familie war; Miß Proß wußte recht gut, daß Madame Defarge der tückische Feind der Familie war.
„Auf meinem Wege dorthin,“ sagte Madame Defarge, mit einer leichten Handbewegung nach dem Hinrichtungsplatze, „wo sie mir meinen Stuhl und mein Strickzeug aufheben, komme ich herauf, um ihr meine Aufwartung zu machen. Ich wünsche sie zu sprechen.“
„Ich weiß, daß Du böse Absichten hast,“ sagte Miß Proß, „und Du kannst Dich darauf verlassen, ich behaupte meinen Platz gegen Dich.“
Jede sprach in ihrer Sprache; keine verstand die andere; Beide waren voll gespannter Aufmerksamkeit, um aus Blicken und Geberden zu errathen, was die unverständlichen Worte sagten.
„Es ist nicht gut für sie, wenn sie sich in diesem Augenblicke vor mir versteckt,“ sagte Madame Defarge. „Gute Patrioten wissen, was Das zu bedeuten hat. Ich muß sie sprechen. Sagt ihr, daß ich sie sprechen will. Hört ihr?“
„Und wenn Deine Augen Schraubenschlüssel wären,“ erwiderte Miß Proß, „und ich eine englische Bettstelle, so solltest Du nicht einen Splitter von mir locker kriegen. Nein, Du bösartige, fremde Katze; ich kann es mit Dir aufnehmen.“
Madame Defarge verstand natürlich nicht die Worte der anderen; aber sie sah doch so viel, daß man ihr Trotz bot.
„Einfältiges Weib!“ sagte Madame Defarge mit Stirnrunzeln. „Ich beruhige mich nicht bei einer Antwort von Dir. Ich muß sie sprechen. Entweder sage ihr, daß ich sie sprechen will, oder tritt weg von der Thür und laß mich hinein!“ Dies sagte sie mit einem zürnenden Wink ihrer Hand, Platz zu machen.
„Ich hätte mir nicht gedacht,“ sagte Miß Proß, „daß ich jemals wünschen sollte, Deine unsinnige Sprache zu verstehen; aber ich gäbe Alles, was ich besitze, außer den Kleidern, die ich auf dem Leibe habe, wenn ich wüßte, ob Du die Wahrheit ahntest oder einen Theil davon.“
Keine ließ nur für einen einzigen Augenblick die andere aus den Augen. Madame Defarge hatte sich noch nicht von der Stelle bewegt, wo sie gestanden als Miß Proß sie zuerst gewahr geworden war; aber jetzt trat sie einen Schritt näher.
„Ich bin eine Engländerin,“ sagte Miß Proß weiter, „ich bin desperat. Ich kümmere mich kein englisches Zweipfennigstück um mich. Ich weiß, je länger ich Dich hier fest halte, desto besser ist es für mein Herzblättchen. Ich lasse Dir nicht eine Hand voll von Deinen schwarzen Haaren auf dem Kopfe, wenn Du mich mit einem Finger anrührst.“
So sprach Miß Proß mit einem Kopfschütteln und einem Blitzen in ihren Augen zwischen jedem raschen Satz, und jedem raschen Satz in einem Athem. So sprach Miß Proß, die nie in ihrem Leben einen Schlag geführt hatte.
Aber ihr Muth war von der leicht gerührten Art, daß er ihr nicht zurückzuhaltende Thränen in die Augen brachte. Das war ein Muth, den Madame Defarge so wenig begriff, daß sie ihn für Schwäche hielt. „Ha, ha!“ lachte sie, „armseliges Weib! was bist Du werth! Ich wende mich jetzt an den Doctor.“ Dann erhob sie ihre Stimme und rief laut: „Bürger Doctor! Frau Evrémondes! Kind Evrémondes! irgend jemand, nur nicht diese lächerliche Thörin, antworte der Bürgerin Defarge!“
Vielleicht das Schweigen, das jetzt eintrat, vielleicht ein Etwas in dem Ausdruck von Miß Proß’ Gesicht, vielleicht eine plötzliche Ahnung, unabhängig von Allem, was sie sonst sah, flüsterte Madame Defarge zu, daß sie fort seien. Drei von den Thüren machte sie rasch auf und blickte hinein.
„Diese Zimmer sind alle in Unordnung, man hat in Eile gepackt, es liegt allerlei auf dem Boden zerstreut. Es ist Niemand in dem Zimmer hinter Euch. Laßt mich hinein sehen!“
„Nie!“ sagte Miß Proß, welche die Aufforderung so vollkommen verstand, wie Madame Defarge die Antwort.
„Wenn sie nicht in jenem Zimmer sind, so sind sie fort und können verfolgt und zurückgebracht werden,“ sagte Madame Defarge sich selbst.
„Solange Du nicht weißt, ob sie in diesem Zimmer sind, oder nicht, weißt Du nicht was Du thun sollst,“ sprach Miß Proß zu sich, „und Du sollst es nicht erfahren, wenn ich es Dir verwehren kann; und ob Du es weißt oder nicht weißt, sollst Du doch hier nicht wegkommen, solange ich Dich halten kann.“
„Ich habe mich noch von Nichts aufhalten lassen, ich zerreiße Dich in Stücken, aber weg von dieser Thür mußt Du,“ sagte Madame Defarge.
„Wir sind allein, im obersten Stock eines hohen Hauses, in einem einsamen Hofe, es ist sehr unwahrscheinlich, daß uns Jemand hört und ich bitte Gott um Kraft Dich hier fest zu halten, wo jede Minute, die Du hier bist, hunderttausend Guineen für mein Herzblatt werth ist,“ sprach Miß Proß.
Madame Defarge ging auf die Thür zu. Miß Proß, von der Eingebung des Augenblickes getrieben, packte sie mit beiden Armen um den Leib und hielt sie fest. Vergeblich sträubte sich und schlug Madame Defarge; mit der kraftvollen Zähigkeit der Liebe, die immer so viel stärker ist als der Haß, hielt Miß Proß sie fest und hob sie sogar während des Ringens in die Höhe. Die beiden Hände der Madame Defarge schlugen und zerkratzten ihr Gesicht; aber Miß Proß, den Kopf niedrig haltend, hielt sie fest um den Leib und klammerte sich an sie mit der Verzweiflung einer Ertrinkenden.
Bald hörten Madame Defarges Hände auf zu schlagen und fühlten nach ihrem Gürtel. „Es ist unter meinem Arm,“ sagte Miß Proß mit halberstickter Stimme, „Du sollst es nicht heraus kriegen. Ich bin stärker als Du, Gott sei Dank. Ich halte Dich fest, bis einer von uns Beiden in Ohnmacht fällt oder stirbt!“
Madame Defarges Hand war in ihrem Busen. Miß Proß blickte auf, sah was es war, schlug darnach, schlug einen Blitz und einen Knall heraus und stand allein — blind vom Rauche.
Alles Dies dauerte nur eine Sekunde. Wie sich der Rauch verzog, eine unheimliche Stille zurücklassend, schwand er hinaus in die Luft, wie die Seele des wüthenden Weibes, dessen Körper leblos auf den Fußboden lag.
In der ersten Angst und im ersten Schrecken ihrer Lage, ging Miß Proß der Leiche im Vorbeigehen so weit als möglich aus dem Wege und lief die Treppe hinab um unnütze Hülfe zu rufen. Zum Glück dachte sie an die möglichen Folgen ihres Thuns Zeit genug, um sich anders zu besinnen und wieder umzukehren. Es war schrecklich wieder in die Stube zu gehen; aber sie ging hinein und wagte sich selbst in die Nähe der Leiche, um ihren Hut und ihre anderen Sachen zu holen. Nachdem sie sich draußen auf der Treppe angekleidet, schloß sie die Thür zu und nahm den Schlüssel mit. Alsdann setzte sie sich ein paar Augenblicke auf die obersten Stufen um Athem zu schöpfen und zu weinen, und dann stand sie auf und eilte fort. Zum Glücke hatte sie einen Schleier an ihrem Hute, oder sie hätte kaum über die Straße gehen können, ohne angehalten zu werden. Ebenfalls zum Glücke war sie von Natur so eigenthümlich in ihrer Erscheinung, daß Ungewöhnliches bei ihr weniger auffiel, als bei anderen. Es war gut so; denn die Finger der Wüthenden hatten ihr Gesicht zerkratzt, ihr Haar war zerzaust und ihre hastig und mit aufgeregten Händen angelegten Kleider waren nach allerlei Richtungen gezogen und gezerrt.
Als sie über die Brücke ging, warf sie den Schlüssel in den Fluß. Sie kam einige Minuten vor ihrem Begleiter an der Kirchthüre an und mußte dort warten. Ach, dachte sie, wenn man den Schlüssel in einem Netze gefunden, wenn man ihn erkannt, wenn man die Thür geöffnet und die Leiche entdeckt hätte, wenn ich am Thore angehalten, ins Gefängniß geschickt und des Mordes angeklagt würde! Inmitten dieser aufregenden Gedanken, erschien der Begleiter, nahm sie in den Wagen auf und fuhr mit ihr fort.
„Ist Lärm auf der Straße?“ fragte sie.
„Der gewöhnliche Lärm,“ gab Mr. Cruncher zur Antwort und sah sie an, erstaunt über die Frage und ihr Aussehen.
„Ich höre Sie nicht,“ sagte Miß Proß. „Was sagten Sie?“
Vergeblich wiederholte Mr. Cruncher seine Antwort noch einmal. Miß Proß konnte ihn nicht hören.
— So will ich mit dem Kopf nicken, dachte Mr. Cruncher, jedenfalls wird sie Das sehen. Und sie sah es.
„Ist jetzt Lärm auf der Straße?“ fragte Miß Proß noch einmal nach kurzer Weile.
Wieder nickte Mr. Cruncher mit dem Kopfe.
„In einer Stunde taub geworden,“ sagte Mr. Cruncher nachdenklich und mit sehr beunruhigtem Gemüth; „was ist ihr zugestoßen?“
„Mir ist“ sprach Miß Proß, „als wäre ein Blitz und ein Knall gewesen und dieser Knall wäre das Letzte, was ich in meinem Leben hören würde.“
„Wenn Das nicht ein curioser Zustand ist,“ sagte Mr. Cruncher, mehr und mehr verwundert. „Was mag sie nur zu sich genommen haben um ihren Muth aufrecht zu erhalten? Hört! da kommen diese schrecklichen Karren gerumpelt! Das können Sie doch hören, Miß?“
„Ich kann Nichts hören,“ sagte Miß Proß, die an der Bewegung seines Mundes sah, daß er sprach, „ach guter Jerry, erst war ein großer Krach und dann eine große Stille und diese Stille scheint fest und unveränderlich zu sein, eine Stille, die nie wieder aufhören soll, so lange mein Leben dauert.“
„Wenn sie nicht das Rumpeln dieser schrecklichen Karren hört, die jetzt dem Ziele ihrer Reise sehr nahe sind,“ sagte Mr. Cruncher mit einem Blicke über die Schulter, „so ist meine Meinung, daß sie wahrhaftig nie wieder Etwas auf dieser Welt hören wird.“
Und wirklich war sie von dieser Zeit an taub.
Fünfzehntes Kapitel.
Die Schritte verhallen für immer.
Die Straßen von Paris entlang rumpeln die Todtenkarren hohl und schwer. Sechs Karren führen den Wein des Tages der Guillotine zu. Alle gierige und unersättliche Ungeheuer, welche die menschliche Phantasie jemals ersonnen hat, sind in dieser einen Gestalt, Guillotine, verschmolzen. Und doch giebt es in Frankreich, mit seiner reichen Verschiedenartigkeit an Boden und Klima keinen Halm, kein Blatt, keine Wurzel, keinen Zweig, kein Pfefferkorn, das unter natürlicheren Bedingungen gereift wäre, als dieser Schrecken gereift ist. Zerdrücke die Menschheit noch einmal unter ähnlichen Hämmern und sie wird von selbst dieselben gequälten Gestalten und Formen anzunehmen suchen. Säet dieselbe Saat habgieriger Ausschweifung und Tyrannei und sicherlich wird sie wieder dieselbe Frucht nach ihrem Ursprung tragen.
Sechs Karren rumpeln durch die Straßen. Verwandle sie wieder zu Dem, was sie waren, mächtige Zauberin Zeit, und sie werden sich darstellen als die Karossen unumschränkter Monarchen, die Equipagen von Feudalherren, die prächtigen Toiletten geschminkter Jesabels, die Kirchen die nicht „meines Vaters Haus“ sind, sondern Diebeshöhlen, die Hütten von Millionen halbverhungerten Bauern! Nein; die große Zauberin, welche in erhabener Ruhe die vorbestimmte Ordnung des Schöpfers ausarbeitet, verändert nie seine Gestaltungen. Wenn du durch den Willen Gottes in diese Gestalt gewandelt worden, sagen die Seher zu den Verzauberten in dem weisen, arabischen Mährchen, so bleibe so! Aber wenn du diese Gestalt nur durch eine vorübergehende Beschwörung empfangen hast, so nimm deine frühere wieder an! Unveränderlich und hoffnungslos rumpeln die Karren vorüber.
Wie die Räder der sechs Karren sich umdrehen, scheinen sie eine lange krumme Furche unter dem Volke in den Straßen zu ziehen. Raine von Gesichtern werden zu beiden Seiten aufgeworfen und die Pflüge gehen ruhig weiter. So gewöhnt sind die regelmäßigen Bewohner der Häuser an das Schauspiel, daß in manchen Fenstern keine Leute stehen und in anderen die Beschäftigung der Hände gar nicht unterbrochen wird, während die Augen die Gesichter in den Karren betrachten. Hie und da ist Besuch um das Schauspiel zu sehen; alsdann zeigt der Inwohner des Zimmers fast mit der Selbstgefälligkeit des Directors einer öffentlichen Anstalt, oder eines autorisirten Erklärers diesen Karren und jenen Karren und scheint zu erzählen, wer gestern d’rin saß und wer vorgestern.
Von denen in den Karren sehen einige diesen und allen anderen Erscheinungen auf ihrer letzten Fahrt mit gleichgültig stierem Auge zu; andere mit einem Rest von Theilnahme am menschlichen Treiben. Einige lassen den Kopf in stummer Verzweiflung sinken; andere wieder sind so auf ihr Aussehen bedacht, daß sie auf die Menge Blicke werfen, wie sie in Theatern und auf Bildern gesehen haben. Mehrere machen die Augen zu und denken, oder suchen ihre herumschweifenden Gedanken zusammen. Nur Einer, ein elendes Geschöpf von halbverrücktem Aussehen, ist von Furcht und Todesangst so gebrochen und berauscht, daß er singt und zu tanzen versucht. Kein einziger von Allen wendet sich mit Blick oder Geberde an das Mitleid des Volkes.
Eine Wache von einigen Reitern umgiebt die Karren und öfters sehen Gesichter zu ihnen empor und erkundigen sich bei ihnen. Es scheint immer dieselbe Frage zu sein; denn nach der Antwort drängt sich immer das Volk um den dritten Karren. Die Reiter neben diesem Karren zeigen mit ihrem Säbel häufig auf einen Mann. Alles will wissen wo er ist; er steht hinten im Karren und sieht herab auf ein Mädchen, das neben ihm sitzt und seine Hand hält und mit dem er spricht. Die übrige Umgebung kümmert ihn nicht und er unterhält sich fortwährend mit dem Mädchen. In der langen St. Honoré-Straße wird hie und da Geschrei gegen ihn laut. Wenn er sich überhaupt davon bewegen läßt, so ist es blos zu einem stillen Lächeln, wie er sein Haar ein wenig lockerer um sein Gesicht schüttelt. Er kann sein Gesicht nicht berühren, denn die Hände sind ihm gebunden.
Auf der Vortreppe einer Kirche steht, in Erwartung der Karren, der Spion. Er blickt in den ersten: er ist nicht drin. Er blickt in den zweiten: er ist nicht drin. Er fragt sich schon, hat er mich geopfert? als sein Gesicht bei dem Erblicken des dritten Karrens sich aufhellt.
„Welches ist Evrémonde?“ fragt ein Mann hinter ihm.
„Der dort. Hinten im Karren.“
„Der seine Hand dem Mädchen gegeben hat?“
„Ja.“
Der Mann schreit: „Nieder mit Evrémonde! Unter die Guillotine alle Aristokraten.“
„Nieder mit Evrémonde.“
„Still, still!“ bittet ihn der Spion schüchtern.
„Warum soll ich nicht, Bürger?“
„Er bezahlt seinen Einsatz; in fünf Minuten ist es vorbei. Laßt ihn in Frieden fahren.“
Da aber der Mann fortfuhr zu schreien: „Nieder mit Evrémonde!“ wendet sich ihm für einen Augenblick Evrémondes Gesicht zu. Jetzt sieht auch Evrémonde den Spion, sieht ihn aufmerksam an und fährt vorüber.
Es ist gleich drei Uhr und die durch das Volk gepflügte Furche wendet sich, um auf den Hinrichtungsplatz auszumünden. Die Raine, die zu beiden Seiten aufgeworfen worden, fallen jetzt wieder zusammen und schließen sich hinter dem letzten Pfluge, wie er vorbei ist, denn alle folgen nach der Guillotine. Ihr gegenüber sitzen auf Stühlen, wie in einem öffentlichen Garten, wo Concert ist, eine Anzahl Frauen, eifrig mit Stricken beschäftigt. Auf einen der vordersten Stühle steht der Racheengel und sieht sich nach der Freundin um.
„Therese!“ ruft sie in ihrer gellenden Stimme. „Wer hat sie gesehen? Therese Defarge!“
„Sie hat noch nie gefehlt,“ sagt eine Strickschwester neben ihr.
„Nein; und sie wird auch heute nicht fehlen,“ sagt der Racheengel ärgerlich. „Therese!“
„Lauter,“ empfiehlt die andere.
Ja! Lauter, Racheengel, viel lauter und dennoch wird sie dich schwerlich hören. Noch lauter, Racheengel, vielleicht mit einem Fluche verstärkt und doch wirst du sie kaum herbei schaffen. Schicke andere Frauen aus um sie zu suchen, wo sie verweilt; und obgleich deine Boten Schreckliches gethan haben, ist es doch fraglich, ob sie freiwillig weit genug gehen werden, um sie zu finden.
„Wie ärgerlich!“ rief der Racheengel aus und stampfte mit dem Fuße; „und da kommen die Karren! und Evrémonde wird in einem Nu hingerichtet sein und sie ist nicht da! Hier habe ich ihr Strickzeug in der Hand und ihr leerer Stuhl steht neben mir. Ich möchte vor Verdruß und Aerger weinen!“
Wie der Racheengel von seiner Höhe herabsteigt, um Dies zu thun, fangen die Karren an, sich ihrer Ladung zu entledigen. Die Priester der heiligen Guillotine haben ihr Gewand angethan und stehen bereit. Krach! — ein Haupt wird in die Höhe gehalten und die Strickerinnen, die kaum aufgeblickt haben um es vor einer Sekunde anzusehen, wo es noch denken und sprechen konnte, zählen Eins.
Der zweite Karren entleert sich und fährt weiter; der dritte kommt heran. Krach! — und die Strickerinnen, die sich ihrer Arbeit nicht stören lassen, zählen Zwei.
Der vermeintliche Evrémonde steigt aus und die Nähterin wird gleich hinter ihm herabgehoben. Er hat beim Heraussteigen ihre geduldige Hand nicht losgelassen, sondern hält sie immer noch, wie er versprochen hat. Sanft wendet er sie so, daß sie der Maschine, die sich fortwährend rasselnd auf und nieder bewegt, den Rücken zukehrt, und sie sieht ihm dankend ins Gesicht.
„Ohne Euch, lieber Fremder, wäre ich nicht so gefaßt; denn ich bin von Natur ein armes kleines Geschöpf von zaghaftem Herzen; noch wäre ich im Stande gewesen meine Gedanken zu ihm zu erheben, der den Tod erlitten hat, damit wir heute Hoffnung und Trost haben. Ich glaube der Himmel hat Euch mir gesendet.“
„Oder auch mir,“ sagte Sydney Carton. „Wendet Eure Augen nicht von mir, liebes Kind, und achtet auf weiter Nichts.“
„Ich achte auf Nichts, so lange ich Eure Hand halte. Ich werde auf Nichts achten, wenn ich sie los lasse, wenn es schnell geht.“
„Es wird schnell gehen. Fürchtet Euch nicht.“
Die Beiden stehen in dem immer dünner werdenden Gedränge der Opfer, aber sie sprechen als ob sie allein wären. Auge in Auge, Hand in Hand, Herz an Herz, sind sich diese beiden Kinder der allgemeinen Mutter, sonst so weit getrennt und so verschieden von einander, auf der dunkeln Straße zum Tode begegnet, um mit einander nach der Heimath zu gehen und an ihrem Busen zu ruhen.
„Edler und großmüthiger Freund, wollt Ihr mir eine letzte Frage erlauben? Ich bin sehr unwissend und es beunruhigt mich — ein klein wenig.“
„Sagt mir was es ist.“
„Ich habe eine Base, meine einzige Verwandte und eine Waise, wie ich, der ich sehr gut bin. Sie ist fünf Jahre jünger als ich und sie wohnt auf einem Pachtgute, unten im Süden. Armuth hat uns auseinander gerissen und sie weiß nicht, was aus mir geworden ist — denn ich kann nicht schreiben — und wenn ich’s könnte, wie sollte ich es ihr mittheilen! es ist besser so, wie es ist.“
„Ja, ja; es ist besser so, wie es ist.“
„Was ich gedacht habe, wie wir hierher fuhren und was ich immer noch denke, wie ich in Euer freundliches und doch muthiges Gesicht sehe, das mich so aufrecht erhält, ist Folgendes: — wenn die Republik wirklich den Armen gut thut und sie weniger zu hungern brauchen, und sie in jeder Weise weniger leiden, so kann sie lange leben; sie kann sogar zu hohen Jahren kommen.“
„Was weiter, liebe Schwester?“
„Meint Ihr“ — die Augen die so voll stiller Duldung gewesen, füllten sich mit Thränen und die Lippen öffnen sich etwas weiter und zittern ein wenig — „meint Ihr, daß es mir lange vorkommen wird, während ich auf sie in dem bessern Lande warte, wo, vertraue ich, Ihr und ich barmherzige Aufnahme finden werden.“
„Es kann nicht sein, Kind; dort giebt es keine Zeit und keinen Kummer.“
„Ihr tröstet mich so sehr! ich bin so unwissend. Soll ich Euch jetzt küssen? Ist der Augenblick da?“
„Ja.“
Sie küßt seinen Mund; er küßt sie; sie geben sich feierlich den Segen. Die abgezehrte Hand zittert nicht, wie er sie los läßt; das stille Gesicht trägt keinen andern Ausdruck als den lieblicher, hoffender Standhaftigkeit. Sie geht ihm zunächst voraus — ist hinüber; die Strickerinnen zählen: Zweiundzwanzig.
„Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubet, der wird ewiglich leben, ob er auch stürbe; wer aber lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“
Das Murmeln vieler Stimmen, das Emporrecken vieler Gesichter, das Drängen von den äußersten Rändern des Gewühls, so daß es in einer Masse vorwärts wogt, wie eine große Meereswelle, sind alle wie ein Blitz vorüber. Dreiundzwanzig.
Sie sagten von ihm in der Stadt an jenem Abend, daß es das friedlichste Menschengesicht gewesen, das jemals dort erblickt worden. Manche setzten hinzu, daß er erhaben und prophetisch ausgesehen.
Eines der bemerkenswerthesten Opfer desselben Beiles — eine Frau — hatte nicht lange vorher am Fuße desselben Schaffots um Erlaubniß gebeten, die Gedanken, die sie erfüllten, niederschreiben zu dürfen. Hätte er seine Gedanken aussprechen können, und sie waren prophetisch — so hätten sie so gelautet:
„Ich sehe Barsad und Cly, Defarge, den Racheengel, die Geschworenen, die Richter, lange Reihen von neuen Tyrannen die nach der Vernichtung der alten entstanden sind, durch dieses selbige vergeltende Instrument untergehen, ehe diese Blutzeit vorüber ist. Ich sehe eine schöne Stadt und ein glänzendes Volk aus diesem Abgrunde sich erheben, und in seinen Kämpfen wahrhaft frei zu sein, in seinen Siegen und Niederlagen durch eine lange, lange Reihe von Jahren, das Böse dieser Zeit und der Vergangenheit, deren natürlicher Sprößling die Gegenwart ist, allmälich Sühne für sich thun und verschwinden.
„Ich sehe die Menschenleben, für die ich mein Leben hingebe, in friedlichem und segenspendendem Glücke in dem England, das ich nie wieder sehen werde. Ich sehe sie, mit einem Kinde an der Brust, das meinen Namen trägt. Ich sehe ihren Vater, alt und gebeugt, aber sonst wieder hergestellt und allen Menschen ein hülfreicher Arzt und mit sich im Frieden. Ich sehe den guten Alten, ihren langjährigen Freund, nach Ablauf von zehn Jahren ihnen sein ganzes Vermögen vermachen und ruhig hinüber gehen zu seinem Lohne.
„Ich sehe, daß ich ein Heiligthum in ihren Herzen und in den Herzen ihrer Nachkommen noch nach Menschenaltern inne habe. Ich sehe sie, eine alte Matrone, mich bei der Wiederkehr dieses Tages beweinen. Ich sehe sie und ihren Gatten nach vollendeter Laufbahn nebeneinander in ihrer letzten irdischen Ruhestätte liegen, und ich weiß, daß keines der beiden Herzen das andere mehr geehrt und heilig gehalten, als diese beiden mich.
„Ich sehe das Kind, das an ihrer Brust lag und meinen Namen trug, zum Manne werden, und sich glücklich auf der Lebenslaufbahn vorwärts arbeiten, die einst die meinige war. Ich sehe ihn so siegreich am Ziele stehen, daß mein Name durch den Glanz des seinigen berühmt wird. Ich sehe die Flecken, die ich darauf brachte, verschwinden. Ich sehe ihn, als den ersten unter gerechten Richtern und geehrten Männern, einen Knaben meines Namens mit einer Stirn die ich kenne und goldenem Haar an diese Stelle führen — die dann freundlich aussehen wird und frei von jedem entstellenden Flecken dieses Tages — und ich höre ihn, wie er dem Kinde mit weicher und zitternder Stimme meine Geschichte erzählt.
„Was ich thue ist etwas viel, viel Besseres, als ich jemals gethan; die Ruhe zu der ich eingehe ist viel seliger, als ich sie jemals gekannt habe.“
Ende.
Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck) in Leipzig.
Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber in Leipzig.
Die Liebe.
Von
J. Michelet
Mitglied der französischen Akademie.
Deutsche, vom Verfasser autorisirte Ausgabe,
übersetzt von
F. Spielhagen.
Zweite durchgesehene Auflage.
Ein Werk des Auslandes, das, noch bevor es in einer deutschen Uebersetzung erschien, die Federn unsrer Journalisten in so lebhafte Bewegung versetzte, hier die wärmste Anerkennung fand, dort lebhaften Widerspruch hervorrief, überall aber das größte Interesse erweckte — ein solches Werk muß wohl ein bedeutendes sein. Und das ist J. Michelet’s Buch über „die Liebe“ im eigentlichsten Sinne des Wortes, bedeutend durch seinen Gegenstand, der die tiefsten Fragen der Menschheit berührt, an denen Jedermann betheiligt ist, bedeutend durch seinen Verfasser, der ein so altes Thema so neu behandeln konnte, daß der größte der jetzigen Kritiker unter den Franzosen das Buch, „das wahre Hohe Lied der Liebe“ nennt und gesteht, daß so noch Niemand über diesen Gegenstand gesprochen habe. In gleich anerkennender Weise spricht sich Gutzkow in den „Unterhaltungen am häuslichen Herd“ über das Werk aus und das Londoner Athenäum sagt über dasselbe: „Die Ehe in ihrem reinsten und christlichsten Sinne ist der Gegenstand dieses Buches, das mit unendlicher und reizendster Zartheit und Feinheit lehrt, wie man sich ein glückliches Haus schaffen, wie man den Honigmond verlängern, wie man Hand in Hand den Berg des Lebens hinaufgehen und das Thal desselben hinabsteigen kann. Voll von vortrefflichen und beseligenden Gedanken, glänzend und oft tiefsinnig wie es ist, sucht es die Heiligkeit der natürlichen Triebe wieder herzustellen und die Liebe in ihrer Reinheit und Treue zur Religion des Herzens zu erheben“. Aber lassen wir den Verfasser mit seinen eignen Worten den erhabenen Standpunkt angeben, von dem aus er das weite Feld überblickte, das zu bearbeiten er vor Allen berufen war.
„Der ausführliche Titel dieses Buches, der seinen Zweck, Sinn und seine Bedeutung vollständig ausdrückte, wäre: Die moralische Befreiung durch die wahre Liebe. Diese Frage der Liebe gährt gewaltig und dunkel unter den Tiefen des menschlichen Lebens. Sie trägt die Grundfesten selbst, auf denen das Leben ruht. Die Familie stützt sich auf die Liebe, und die Gesellschaft auf die Familie. So ist denn die Liebe die erste unter ihnen. Wie die Sitten, so der Staat. Die Freiheit wäre ein leerer Schall, wenn der Bürger Sclavensitten bewahrte. Wir suchten hier ein Ideal, aber ein solches, das sich heute realisiren kann, nicht eins, das man für eine bessere Gesellschaft aufsparen müßte. Es ist die Reform der Liebe, die den andern Reformen vorausgehen muß, und sie überhaupt erst möglich macht.“
Um den überreichen Inhalt des Buches einigermaßen überschauen zu können, wird es genügen, die Ueberschriften der Kapitel zu geben.
Von der Schaffung der Geliebten.
Von der Frau. — Die Frau ist eine Kranke. — Die Frau darf nur wenig arbeiten. — Der Mann muß für Zwei verdienen. — Wie soll die Braut sein? — Soll man eine Französin heirathen? — Die Frau will die Stetigkeit und Vertiefung der Liebe. — Du mußt deine Frau schaffen. — Was bin ich, um das zu vermögen?
Einweihung und Vereinigung.
Die Ehe. — Die Hochzeit. — Das Erwachen. — Die junge Hausfrau. — Ihr dürft den Kreis der Häuslichkeit nicht zu groß ziehen. — Der Tisch. — Die Bedienung. — Diätetik. — Von der intellectuellen Befruchtung. — Von der moralischen Zeitigung.
Von der Fleischwerdung der Liebe.
Empfängniß. — Die Schwangerschaft und der Stand der Gnade. — Der Nebenbuhler. — Entbindung. — Wochenbett und erster Ausgang.
Von dem Hinschwinden der Liebe.
Das Kind vereinigt und trennt. — Die Liebe zur Abwechselung. — Trennung der jungen Mutter von ihrem Sohne. — Die große Welt draußen. — Ist der Werth des Mannes gesunken? — Die Fliege und die Spinne. — Die Versuchung. — Eine Rose als Gewissensrath. — Heilung der Seele. — Heilung des Körpers.
Die Verjüngung der Liebe.
Zweite Jugend der Frau. — Die gute Circe. — Sie verfeinert den Geist und facht die Flamme der Begeisterung wieder an. — Es giebt keine alten Frauen. — Was der Herbst nimmt und bringt. — Ist die Einigkeit erreicht? — Der Tod und die Trauer. — Die Liebe über das Grab hinaus.
☞ Die deutsche Ausgabe von Michelet’s Werk über die Liebe in eleganter Ausstattung ist durch jede Buchhandlung zum Preis von 1 Thlr. zu beziehen.
Leipzig, J. J. Weber.
Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck).
Literarische Anzeige.
Im Verlage des Unterzeichneten ist erschienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen:
Aus dem
Leben eines Musikers.
Von
J. C. Lobe.
Der Bildungsgang des als Virtuos, Componist, Theoretiker und ästhetischer Schriftsteller bekannten Professors Lobe, der in allen genannten Fächern fast ein reiner Autodidakt ist, war ein so eigenthümlicher und in vieler Beziehung belehrender, daß ausübende Musiker und Musikfreunde seiner Künstlerlaufbahn mit Theilnahme folgen werden. Musiker, die mehr oder weniger auf Selbstbildung angewiesen sind, giebt es viele, aber wenige darunter haben Muth und Beharrlichkeit genug, die Mittel aufsuchen und gebrauchen zu lernen, welche die entgegentretenden Hindernisse zu beseitigen vermögen. Es ist mit der Zweck des Verfassers, durch das Beispiel seines Lebens die Talente gegen ihre eigene Schwäche und gegen feindliche Verhältnisse zu stählen. Außerdem bringt das Buch Erinnerungen aus Weimar, dem Geburtsort des Verfassers, die ein allgemeineres Interesse beanspruchen dürfen. Und so hoffen wir, daß die Gabe, unterhaltend und belehrend zugleich, den Beifall der Musikfreunde in einem Grade gewinnen möge, der uns ermuthigen kann, diesem ersten Bande einen weitern folgen zu lassen.
Aus dem Inhaltsverzeichniß:
I.
Mein erstes Auftreten als Virtuos.
II.
Meines ersten musikalischen Werkes Aufführung.
III.
Meine erste Oper.
IV.
Die Probe von Turandot.
V.
Gespräch mit Hummel.
VI.
Gespräch mit Goethe und Zelter.
1. Gespräch mit Goethe.
2. Gespräch mit Zelter.
3. Gespräch mit Goethe.
VII.
Eine Philippka.
VIII.
Vierundzwanzig Takte aus dem Wasserträger.
IX.
Osmins Lied in Mozarts Entführung
aus dem Serail.
X.
Die Ouverture zu Mozarts Don Juan.
XI.
Felix Mendelssohn-Bartholdy.
XII.
Das Ideal.
XIII.
Keine schlechten Operntexte mehr.
XIV.
Cousin, der französische Philosoph über Musik.
Preis: 1 Thlr. 15 Ngr.
Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber in Leipzig.
Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck).