10. Das erste Zusammentreffen zwischen Weißen und Wilden.

„Die Parintintins, die die entlegeneren Wälder des Madeiratals bewohnen, zwischen den Flüssen Marmellos, Maicy und Gy-Paraná, sind erst in allerletzter Zeit in Berührung mit der Zivilisation gekommen. Wie man jetzt weiß, verlegen diese schlauen und äußerst wilden Stämme ihre Maloccas häufig in dem unermeßlichen Gebiet von unbekannten Wäldern, Flüssen und Sümpfen dieses großen Binnenlandes des ewigen Dämmerlichts. Ein- oder zweimal waren zufällig vereinzelte Forscher oder Kautschuksammler auf sie gestoßen, von denen manche angegriffen und ermordet worden waren. Selbst die genaue Lage der Wohnsitze dieser Wilden war ein Geheimnis, und die Grenzen der Zivilisation hatte nur spärliche Kunde von den wenigen Weißen erreicht, die in diese entfernten Gebiete eingedrungen und lebend wieder herausgelangt waren.

Daher mußten erst vorbereitende Forschungen von den Offizieren des Indianeramts ausgeführt werden über weite Gebiete hin, um Beweise für das Dasein der Parintintins in der Form von Kriegspfaden, verlassenen Maloccas und frischen Lagerplätzen zu entdecken, ehe die schwierige und gefährliche Arbeit wirklich in Angriff genommen werden konnte, mit diesen Stämmen in unmittelbare Berührung zu treten.

Der erste Posten des Indianeramts in diesem Gebiet wurde am 24. März 1921 in der Schleife einer großen Flußkrümmung am mittleren Maicy, einem Nebenfluß des Madeira, errichtet. In den umliegenden Wäldern hauste ein starker Stamm von Pirahanindianern (Turas), die seit Jahrhunderten in beständigen Fehden mit ihren nomadischen Nachbarn, den Parintintins, leben. Die Kämpfe zwischen diesen beiden Stämmen finden oft auf dem offenen Fluß statt, wo sie in ihren rohen Kanus aus ausgehöhlten Baumstämmen heftige Angriffe aufeinander machen und sich aus nächster Nähe mit vergifteten Pfeilen überschütten. Jeder Kriegszug von der einen Seite hat einen Rachezug von der andern zur Folge, und so geht der Krieg ewig weiter.

Mit der Gründung der Station am mittleren Maicy schränkten die Pirahans ihre blutigen Kriegszüge gegen die benachbarten Stämme allmählich ein und betreiben nun Jagd und Feldbau mit den Geräten und Werkzeugen, die ihnen von der Station geliefert wurden. Nachdem diese Vorbereitungsarbeit vollführt war, wurde ein neuer Hilfsposten an einem Nebenfluß des Maicy errichtet, dem Maicy-Mirimé. Das kleine Fort mit seiner Palisadenumwallung steht auf einer hohen Uferbank an der Vereinigung des Flusses mit einem Igarapé, namens Novo de Janeiro, etwa neun Tagereisen von der Station am mittleren Maicy. Nach Ankunft der kleinen Garnison richtete der Kommandant sogenannte „Anlockungsposten“ an den Ufern der Igarapés Macacos (Affen) und Traheras und auch längs der Kriegspfade ein, die von den Indianern in der Nachbarschaft begangen zu werden pflegten.

Solche „Anlockungsposten“ bestehen lediglich aus kleinen mit Zinkblech gedeckten Lehmhütten, in die hinein geflochtene Graskörbe, farbenprächtige Kleider, Kessel, Teller, Löffel und andere nützliche Gegenstände gelegt werden. Außerhalb der Hütten befinden sich Wegzeichen, um den Pfad anzuzeigen, der zur Station führt. Auf solche Weise werden die Wilden durch die Geschenke angelockt und allmählich dahin gebracht, sich vor den Palisaden zu Unterhandlungen einzufinden.

Einige Tage nach der Einrichtung dieser „Anlockungsposten“ in den Wäldern fand sich, daß alle dort niedergelegten Geschenke fortgenommen worden waren. Als Gegengeschenke steckten verzierte Pfeile im Boden. Doch hatten die Indianer sich große Mühe gegeben, alle Spuren der Wege zu verwischen, auf denen sie gekommen waren, um zu verhindern, daß man ihnen zu ihren Maloccas folge.

Als wieder neue Geschenke in die Hütten gelegt wurden, ohne daß man den Versuch machte, die Indianer in ihren Dörfern aufzuspüren, faßten die Parintintins allmählich Zutrauen zu der freundschaftlichen Gesinnung der Garnison. Nach wenigen Wochen versuchten sie nicht mehr, die Pfade zu verbergen, auf denen sie kamen und gingen. Als Zeichen der Freundschaft ließen sie in den Lehmhütten Pfeile zurück, geschmückt mit den prächtigen Federn des Schapú (Cassicus cristatus), Arara und Mutum, oder auch verschiedene kleine Gegenstände, die sie aus den Zähnen des Waschbären und Jaguars verfertigt hatten.

Die erste wirkliche Begegnung zwischen der Garnison der Station und den Parintintins fand am 24. März 1922 statt. Ein Assistent, Raymundo Baptista, ging in den Wald, um einen der kleinen „Anlockungsposten“ nachzusehen und traf überraschend auf eine Gruppe Indianer, die sich gerade dort befanden. Da er die Unmöglichkeit erkannte, sich im Fall eines Angriffs zu verteidigen, begann er in der Richtung der Station davonzulaufen. Er mußte fast durch den Trupp der Indianer hindurch, die zuerst auch von der Überraschung gelähmt schienen. Aber dies ging schnell vorüber. Sie griffen nach ihren Bogen und sandten mehrere Pfeile dem Flüchtling nach, der jedoch unverletzt die Palisaden erreichte.

Nach diesem Zwischenfall verschwanden die Indianer vollständig für mehrere Wochen. Sie verbargen sich in den fast undurchdringlichen Wäldern, die auf Hunderte von Kilometer die Station umgeben. Zuweilen ließen sich die Töne einer heiligen Bambusflöte hören, auf der sie Vogelrufe nachahmen. Dann erschienen sie plötzlich auf dem andern Ufer des Igarapé, schrien „Pum! Pum! Pum!“ und schossen ganze Schauer von vergifteten Pfeilen auf die Palisaden. Darauf verschwanden sie von neuem für einige Zeit und machten dann einen entschlossenen Angriff auf die Station von einem kleinen Stück Land aus, das weniger als 70 Meter von dem Stacheldrahtverhau der Palisaden entfernt war. Ganze Pfeilsalven flogen herüber, und so oft sich einer von der Garnison sehen ließ, brachen die Indianer in ihr übliches Schlachtgeschrei aus. Einige sprangen ins Wasser des Igarapés mit der offenbaren Absicht, zur Station herüberzuschwimmen, andere verbargen sich zwischen den Zweigen eines großen Baumes, von wo sie das Fort neugierig beobachteten.

Das ging so beinahe ununterbrochen weiter bis zum 8. Mai. Am Morgen dieses Tages hörte Señhor Curt, der Kommandant des Forts, zu seiner Überraschung ein wirres Geschrei von dem Igarapé her. Die Parintintins rückten zum erstenmal gegen die Palisaden vor. Von den starken Holzwänden des Forts geschützt, sah die Besatzung, wie die Wilden den Eingang der Palisadenumwallung erzwangen und vorsichtig mit schußbereitem Bogen in den Hof eindrangen.

Es war ein bedenklicher Augenblick. Auf die Indianer zu schießen, hätte ein Zunichtemachen alles dessen bedeutet, was in den letzten Wochen erreicht worden war. So begnügte sich die Besatzung damit, die Flinten zu zeigen, worauf sich die Indianer wieder aus der Einfriedigung zurückzogen, aber in der Nähe stehenblieben. Der Kommandant trat nun in den Hof hinaus mit mehreren Geschenken in der Hand und rief die Wilden freundlich an. Als er keine Antwort erhielt, ging er ans offene Tor und stellte einen Korb mit Messern, Beilen und einem Bund dicker Schnüre hin, worauf er sich sofort wieder in das Fort zurückbegab.

Die Indianer näherten sich nun dem Tor und setzten sich in Besitz des Korbes samt Inhalt. Sie schleppten ihn an den Igarapé, wo sie sich ihrer Gewohnheit nach in dem üblichen Kriegsgeschrei Luft machten. Dann kletterten sie in die Bäume hinauf und schossen Pfeile ab, die aber vor dem Fort niederfielen. Nach mehreren Minuten ängstlicher Erwartung kehrten drei der Parintintins zurück, hielten sich aber in einer gewissen Entfernung. Sie riefen die Besatzung an und gaben durch Zeichen zu erkennen, daß sie weitere Geschenke wollten, wobei sie das Wort „Akanitara“ (Kopfschmuck) wiederholten.

Einer der drei, ein hellfarbiger Junge von etwa fünfzehn Jahren, zeigte aufs leidenschaftlichste, daß er die versöhnliche Haltung seiner Begleiter mißbilligte. Sein Gesicht bot ein Bild barbarischer Wut. Als er sah, daß einer der Indianer den Federschmuck vom Kopf nahm, um ihn der Besatzung anzubieten, machte er alle Bewegungen des Schießens, obwohl er keine Pfeile bei sich hatte, stampfte mit den Füßen und stieß herausfordernde Rufe aus.

Da die beiden andern Geschenke als Gegengabe für den Kopfschmuck verlangten, trat der Kommandant Curt ans Flußufer, warf einen Korb mit Buschmessern ins Wasser und rief den Indianern zu, ihn zu holen. Einige Minuten standen sie still und zögerten. Dann sprang einer ins seichte Wasser, fischte den Korb heraus und verteilte den Inhalt. Als Gegengeschenk legten sie einen Kopfschmuck aus Federn außerhalb der Palisadenumzäunung auf den Boden und bedeuteten der Besatzung, sie sollte ihn holen. Der Kommandant Curt entgegnete aber, daß er das nicht tun würde, weil noch vor wenigen Minuten Pfeile auf das Fort abgeschossen worden waren.

Die Parintintins gebrauchten nun eine schlaue List, um ihn in Sicherheit zu wiegen. Sie deuteten ihm an, noch mehr Geschenke zu bringen und fingen inzwischen an zu tanzen und zu singen, während sie ihre Bogen in die Höhe hoben. Einer hatte den Kopfschmuck an seinen langen Bogen gebunden. Zwei andere zu beiden Seiten von ihm stießen ihren Kriegsruf aus, und während alle vier so tanzten mit dem Rücken gegen das Fort, überwachte ein unbewaffneter Fünfter die Bewegungen der Besatzung.

Der Kommandant verließ das Fort und legte die Geschenke auf dem angegebenen Platz nieder. Die Indianer hörten zu tanzen auf und einer von ihnen überschritt den Fluß, um den Korb mit den Geschenken zu holen. Mittlerweile stürzten jedoch andere Indianer, die sich jenseits des Flusses verborgen gehalten hatten, an den Uferrand und schossen zwei Pfeile ab, die glücklicherweise zu kurz gingen. Curt gab jetzt den Indianern zu verstehen, daß er keine Geschenke mehr austeilen würde, aber der Wilde, der den Fluß überschritten hatte, kam nun näher und erklärte durch Zeichen, daß nicht er die Pfeile abgeschossen hätte.

Vier weitere Indianer hatten inzwischen Mut gefaßt, kamen über den Fluß und traten zu ihrem Kameraden im Tor der Station. Der älteste von ihnen nahm die Federkrone vom Kopf und warf sie dem Offizier zu, der sie auffing und als Gegengabe den Indianern zwei Perlenhalsbänder hinhielt. Sie zogen sich aber, „Embombo!“ rufend, zurück, ein Ausdruck, der offenbar von dem Tupiwort abgeleitet ist, das „Spiel“ bedeutet.

Einer der Indianer erkundigte sich, ob die Weißen den „Caiary“ (Madeira) herauf- oder herabgekommen seien und wie der Name ihrer Heimat wäre. Man antwortete ihm, daß die Besatzung den Fluß heraufgekommen wäre und daß ihre Heimat weit entfernt gegen den Aufgang der Sonne zu läge. Ein anderer fragte, ob einer der jungen Männer der Besatzung der Sohn des Kommandanten wäre! Als das verneint und ihm erklärt wurde, daß die Frauen und Kinder in der Ferne zurückgelassen worden seien, schien er überrascht.

Ein paar Tage später kehrten die Parintintins zurück. Diesmal wurden keine Pfeile abgeschossen. Sie kündigten ihre Ankunft mit Geschrei aus dem Wald an und kamen bis dicht an die Palisaden heran. Auf die Frage, ob sie Hunger hätten, machte einer eine komische Gebärde, indem er die Hand in grotesker Weise auf den leeren Magen legte. So wurden also Speisen herbeigeschafft, und Curt kostete von jedem Gericht ein wenig, damit die Indianer sich überzeugten, daß es nicht vergiftet wäre. Einige Minuten lang wollte keiner näher kommen, trotz ihres Hungers. Dann trat ein junger Wilder in vollem Vertrauen heran, und erhielt persönlich die ersehnte Speise.

Curt versuchte, mit ihm unmittelbar ein Gespräch anzuknüpfen, aber der Indianer kehrte mit den Speisen zu den andern zurück, die außerhalb der Palisaden auf ihn warteten. Nachdem sie gegessen, gesungen und getanzt hatten, verschwanden sie wieder im Walde.

Soweit bekannt ist, war dies das erstemal, daß ein Parintintinindianer irgend etwas friedlich und unmittelbar aus der Hand eines Weißen entgegengenommen hatte. Hiernach kamen sie öfters auf die Station, und während die einen geduldig darauf warteten, in den Hof eingelassen zu werden, versuchten andere mit schweren Holzkeulen die Palisaden zu zerstören. Bei solchen Gelegenheiten wurden die mehr kriegerischen Indianer von der Besatzung verwarnt und nur jenen der Eintritt in die Umfriedigung gestattet, die ihre Waffen draußen gelassen hatten.

Von da an streiften die Parintintins um die Station herum, erhielten Geschenke und schenkten dagegen von ihren eigenen Schmuckstücken. Im Anfang waren sie noch scheu, nach ein paar Wochen aber faßten sie Zutrauen und ließen sich mit Hilfe von Zeichen und Zeichnungen in lange Gespräche mit der Besatzung ein. Es war interessant, welche Mühe sie sich gaben, sich durch Zeichen und Tupiwörter verständlich zu machen. Sahen sie, daß jemand sie nicht verstand, so wiederholten sie die Worte und wußten sich pantomimisch recht geschickt auszudrücken.

Einmal erschienen sie in Begleitung ihrer Weiber und führten ihre Stammestänze vor. Sie begannen paarweise, tanzten vor und zurück und stampften mit den Füßen zur Musik von Bambusflöten. Dann wurden die Musikinstrumente beiseitegelegt, und aus dem Tanz entwickelte sich eine Darstellung des Kampfes. Jede Partei ging in einer Linie vor, dann knieten sie sich plötzlich nieder oder warfen sich der Länge nach auf den Boden und vollführten die Bewegungen des Bogen- oder Blasrohrschießens.

Kamen sie zur Station, so war es üblich, die Waffen am Flußufer abzulegen und sich mit hoch über dem Kopf erhobenen Händen zu nähern, ehe ihnen das Tor der Einfriedigung geöffnet wurde. Häufig geschah es jedoch, daß sich unter den Besuchern ein oder zwei wildere Gesellen befanden, die oft Leute der Besatzung bedrohten. Aber diese verstand es vorzüglich, die Gefahr abzuwenden und die schlimmsten Instinkte der Wilden zu besänftigen. Unter den bisherigen Besuchern befindet sich auch ein Junge von etwa 15 oder 16 Jahren, dessen Hautfarbe viel heller ist als die der übrigen und der auch gänzlich andere Gesichtszüge hat.“

Der vorstehende Bericht über die Leistungen des Indianeramts in diesen entlegenen Wäldern enthält alles Wesentliche, was mir der genannte Beamte am Rio Negro im Dezember 1922 erzählte. Man darf nicht vergessen, daß alle die Vorbereitungen und daran sich anschließenden gefahrvollen Unternehmungen lediglich dazu dienten, mit einem einzigen Stamm der Wilden am Maicy-Mirimé in Berührung zu kommen, einem Fluß, der auf keiner gewöhnlichen Landkarte zu finden ist. Wenn man bedenkt, daß es noch heute ein unbekanntes Gebiet von fast zweieinhalb Millionen Geviertkilometer im Amazonenbecken gibt, so wird man die oft wiederholte Behauptung, es wäre auf der Welt nichts mehr zu erforschen, mit einigen Fragezeichen versehen.

Jener fast weiße Parintintinjunge entspricht mehreren gleichartigen Fällen bei verschiedenen Stämmen, die ich selber auf meinen monatelangen Wanderungen durch die amazonischen Wälder gesehen habe. Ob solche merkwürdige Farbe- und Rasseeigentümlichkeiten tatsächlich mit Raub und Gewalttat an den weißen Frauen irgendeiner entlegenen Ansiedlung zusammenhängen, ist unmöglich zu sagen. Bekannt ist jedoch, daß vor mehreren Jahrhunderten ein paar Tausend Spanierinnen von den Huambisa-Indianern des nordöstlichen Peru geraubt wurden. Allerdings würde die seit damals verflossene Zeit den Einfluß des weißen Blutes wieder aufgehoben haben, und auch spätere Räubereien hätten wohl nur eine Caboclomischung im rein indianischen Blut hervorgebracht.

So auffallend ist der Anblick einer fast weißen Haut unter einer Schar nackter Bronzegestalten, daß von einer, etwa nur ein wenig helleren Färbung nicht die Rede sein kann. Auch die Gesichtszüge scheinen Abweichungen aufzuweisen, und zwar nicht nur nach meiner eigenen Beobachtung, sondern auch der anderer. Noch komplizierter wird die Sache dadurch, daß solche weiße Indianer auch nicht die leiseste Erinnerung an stammesfremde Verwandte haben. Befragt man sie selbst, so räumen sie wohl ein, daß sie hellfarbiger sind, ohne daß sie aber imstande wären, einen Grund dafür anzugeben. Die Theorie, daß der Genuß von Salz bei Europäern eine hellere Haut- und Haarfarbe hervorbringt, kann unmöglich auf diese Einzelindividuen unter den bronzefarbenen Stämmen des Amazonengebiets angewendet werden.

Ein Itogapukmädchen, zum Tanz geschmückt.
Die durchbohrte Oberlippe und die merkwürdigen Rohrbänder sind deutlich zu sehen.


GRÖSSERES BILD

Itogapukindianer vor ihrem Gemeinschaftshaus.


GRÖSSERES BILD

In diesem Zusammenhang mag es von Interesse sein, wenn ich mit einigem Vorbehalt den Bericht Sir Clements Markhams über einen im nordöstlichen Peru vermuteten weißen Indianerstamm anführe. Der Verfasser bringt ihn in seinem Werk „List of Tribes of the Amazon Valley“, das aus vielen Quellen schöpft und 1910 vom „Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland“ herausgegeben wurde.

Dort heißt es, daß die Mayorunasstämme des Ucayali-Yavari-Gebiets „eine weiße Hautfarbe haben und mehr Engländern als selbst Spaniern gleichen. Sie ziehen jagend durch die Wälder und halten sich nicht viel an die Flüsse. Es wird angenommen, daß sie von spanischen Soldaten der Ursula-Expedition abstammen, doch ist dies unwahrscheinlich. Als der Inka Pachacuti die Chancas unterwarf, floh ein Teil dieses Volkes nach Muyumbamba, und dessen Einwohner flohen vor den Eindringlingen und ließen sich am Ucayali und Yavari nieder. Wahrscheinlich ist dies der Ursprung der Mayorunas oder Mururunas (= Männer von Muya). Sie haben eine seltsame und schmerzhafte Art, die Barthaare zu beseitigen. Sie nehmen zwei Muscheln, die als Haarzängchen dienen, und reißen ein Haar nach dem andern aus, wobei sie solche Gesichter schneiden, daß man beim Zusehen lachen und gleichzeitig Mitleid mit ihnen haben muß. Zuweilen werden sie Barbudos genannt. Sie sind sehr zahlreich, von höherm Wuchs als die meisten andern Stämme und gehen beständig nackt. Sie sind kriegerischen Charakters und stehen mit keinem andern Stamm in einem Freundschaftsverhältnis. Pfeile und Bogen sind bei ihnen nicht in Gebrauch, sondern nur Speere, Lanzen, Keulen und Cerbatanas oder Blasrohre, und das Gift, das sie zubereiten, gilt als das allerwirksamste. Sie sind wohlgebildet, besonders was die Hände und Füße der Weiber betrifft, haben gerade Nasen und kleine Lippen. Das Haar schneiden sie quer über die Stirne ab und lassen es über den Rücken herabhängen. Bemerkenswert ist ihre Reinlichkeit. Tatsächlich ist sehr wenig über sie bekannt. Sie greifen jeden an, der in ihr Gebiet eindringt, und die Bootführer nehmen sich in acht, auf ihrem Ufer des Ucayali zu landen. Castelnau führt zwölf Mayorunawörter an und Bates gibt die interessante Schilderung eines Mayorunamädchens, das am Yavari gefangen wurde.“

Seit Jahrhunderten laufen solche Geschichten von weißen Indianern um unter Forschern und Reisenden vieler Nationalitäten. Nun sind sie von Offizieren des Indianeramts bestätigt worden, die ihr Leben in den düstern Wäldern verbringen. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen den sich bekämpfenden Theorien. Jene Indianer sind nicht rein weiß, sondern haben nur eine sehr helle Hautfarbe, die im schärfsten Gegensatz zu ihrer Umwelt steht und daher stärker zur Geltung kommt. Ein einziger weißer Stamm, der sich irgendwo im „großen Unbekannten“ verbirgt, würde die vielen Einzelfälle nicht erklären, die von mehreren, Tausende von Meilen von einander entfernten Stämmen berichtet werden. Die wahrscheinlichste Erklärung liegt in weißen Ahnen, mögen sie nun Gefangene oder Überläufer gewesen sein, und in einem plötzlichen Rückschlag nach vielleicht zwei oder mehr Generationen.