9. Unter den Parintintinsindianern am Gy-Paraná.
Etwa zwei Stunden später erwachte ich durch ein Zerren an der Decke zu vollem Bewußtsein. Der Indianer, der seiner dünnen Glieder wegen „Moskito“ hieß, plapperte und deutete aufgeregt nach der Zeltöffnung. Ich sprang schnell auf die Füße und schüttelte ein Gefühl ab, das dem glich, wenn man es verschlafen hat. Groß war meine Überraschung, als ich den andern Boy „Unani Assu“ (großer Mann) sich hinter einem Baumstumpf verbergen sah. Meine Augen suchten die Ursache und entdeckten sie in weniger als 25 Meter Entfernung. Auf der gegenüberliegenden Uferbank stand ein kleiner, untersetzter, bronzefarbiger und gänzlich nackter Wilder, den Bogen in der Hand. Ich ergriff meinen Rasierspiegel als Friedensgabe, verließ das Zelt, rief laut und hielt die Hände hoch als Zeichen, daß ich unbewaffnet war.
Fast im gleichen Augenblick zischte ein Pfeil von irgendwoher aus dem Dickicht des Ufers gegenüber, war jedoch zu kurz gezielt und fiel vor dem Lager in den Fluß. Da ich die Gefahr unserer Lage erkannte, falls ein Angriff von mehreren Seiten aus erfolgte, beschloß ich, alle Feindseligkeiten zu vermeiden. Ich ging vielmehr ins Zelt zurück, raffte hastig zusammen, was den Indianern begehrenswert erscheinen mochte, und hielt es in die Höhe, damit sie es sehen konnten. Diesmal antwortete kein Pfeil. So legte ich die Sachen an den Rand des Ufers und zog mich auf das höher gelegene Lager zurück.
Lange Zeit machten die Indianer keinen Versuch, sich in den Besitz der Geschenke zu setzen. Ich benützte die Zwischenzeit, um Flinte und Revolver zu laden und das Gepäck am Ufer des kleinen Igarapés aufzustapeln. Dann erschien plötzlich der gleiche Wilde, den ich auf dem Ufer gegenüber gesehen hatte, auf der Lagerlichtung. Es war ein spannender Augenblick. Irgendwie war ich mir bewußt, daß aus dem dunkeln Dickicht des Waldes unsichtbare Augen jede meiner Bewegungen überwachten. Wieder winkte ich mit erhobener Hand und deutete auf die Geschenke am Uferrand, etwa 12 Meter entfernt.
Offenbar hatte der Indianer den Fluß durchschwommen oder durchwatet, denn sein Haar war naß. Meine beiden Boys hatten sich in ihrem Entsetzen versteckt, und ich selbst sprach unglücklicherweise kein Wort Guarani, das von den Stämmen in diesen Wäldern gewöhnlich verstanden wird. Der Indianer näherte sich vorsichtig den Geschenken, riß sie, in Reichweite angekommen, an sich und zog sich wieder an den Saum des Dschungels zurück. Inzwischen hatte ich „Moskito“ hinter einem Baum in der Nähe entdeckt und zog ihn auf die Lichtung heraus. Ich setzte ihm auseinander, daß wir alle zweifellos umgebracht würden, wenn er nicht versuchte, sich mit dem Indianer freundschaftlich zu stellen, und befahl ihm, auf Guarani zu rufen, daß wir Freunde seien und Lebensmittel brauchten.
Der Indianer hielt plötzlich im Schatten der Bäume still, und mein Herz begann unruhig zu schlagen. Dann versuchte ich, durch Zeichen eine Unterhaltung anzubahnen und brachte den Wilden allmählich näher, indem ich ihm ein Stück wohlriechender Seife anbot. Offenbar plagte ihn die Neugierde mächtig, aber die Vorsicht verbot ihm, die Seife aus meiner Hand zu nehmen, und ich mußte sie erst auf den Boden legen. Nachdem so eine Art Freundschaft hergestellt war, bedurfte es nur kurzer Zeit, um ihn aufzuklären, daß er uns mit Lebensmitteln versorgen solle, was am leichtesten auszudrücken und zu verstehen war. Der Indianer schien einzuwilligen und verschwand wieder im Dickicht.
Einige Sekunden darauf trafen drei Pfeile mit bemerkenswerter Genauigkeit den Boden ein wenig links vom Zelt. Sie waren augenscheinlich in hohem Bogen abgeschossen worden, entweder wegen der Entfernung oder damit sie senkrecht in der Erde steckenblieben. Später brachte ich diese Trophäen in Sicherheit; sie waren schön geschnitzt und mit Federn verziert. Was zuerst wie Feindseligkeit, niedrige Undankbarkeit und Verräterei ausgesehen hatte, gewann plötzlich eine andere Bedeutung. Die Pfeile waren nacheinander abgeschossen worden, und jeder steckte links vom Zelt ein Meter vom nächsten im Boden. Hätten die Indianer mörderische Absichten gehabt, so würden sie entweder auf mich selbst gezielt oder ihre Geschosse über das ganze kleine Lager verteilt haben. Offenbar waren die Pfeile als Gegengeschenke gedacht, und ich fühlte mich nun wesentlich behaglicher als während der letzten halben Stunde.
Etwas später erschien der untersetzte Indianer wieder, nachdem er mehrere Male etwas gerufen hatte, was wie „Aemu“ klang. Als Antwort schrien wir zurück. Er brachte einen toten Spinnenaffen, von dessen Körper jedes Haar abgesengt war. In achtungsvoller Entfernung folgten ihm zwei andere Stammesangehörige. Einer von ihnen war mit einem Blasrohr bewaffnet.
Ich bedeutete ihnen, die Waffen abzulegen, was sie auch, bis auf den Mann mit dem Blasrohr, merkwürdigerweise ohne Zögern taten. Dann erhielten sie weitere Geschenke, die mich der letzten Gabel und des letzten Löffels beraubten. Das Vertrauen nahm allmählich zu, und nach kaum einer halben Stunde waren die drei wild blickenden Gestalten dabei, alles im Lager zu untersuchen.
Aus unserer beschränkten Unterhaltung, die meinerseits nur durch Zeichen geführt werden konnte, wozu „Moskito“ noch einige Worte in Guarani beisteuerte, schien hervorzugehen, daß sie zu einem Stamm namens „Taipehe“ gehörten und von einem „Tapiry“, d. h. einer Jagd- oder Fischerhütte, kamen, die etwas abseits ihres Dorfs lag. Später erfuhr ich, daß „Taipehe“ der einheimische Name der Parintintins ist. Um ihr Vergnügen beim Empfang auch der kleinsten Gabe auszudrücken, schlugen sie sich auf die Brust, stampften mit den Füßen und wiederholten das Wort „Aemu“, das, soweit ich ausmachen konnte, „Kamerad“ bedeutet. Ob sie schon früher Weiße gesehen hatten, schien mir zweifelhaft, jedenfalls noch nie in der Nähe. Am merkwürdigsten berührte mich, daß sie sich beharrlich weigerten, irgend etwas unmittelbar aus meiner Hand anzunehmen und sich beständig drei Meter von mir entfernt hielten.
Mein Wunsch, das Blasrohr zu untersuchen, das ein junger, höchstens 15 Jahre alter Krieger trug, begegnete keinem Widerstand. Es war aus dem Stamm einer Palme verfertigt und etwa drei Meter lang. Das Kernholz war entfernt und das innere Bohrloch gleichmäßig geglättet. Etwaige Krümmungen hatte man durch ein kleines Palmstämmchen im Innern ausgeglichen, das in das größere Rohr eingeschoben war. Die vergifteten Pfeile steckten in einer Art Köcher, der mit Verzierungen versehen war und an einer Schnur am Blasrohr hing.
Da ich gern gesehen hätte, wie weit die Freundschaft der Wilden ging, nahm ich einen der Pfeile heraus, dessen feine, fast nadelscharfe Spitze, wie ich wohl wußte, in Gift getaucht war, und machte, als ob ich seine Schärfe auf meinem Daumen prüfen wollte. Der junge Krieger verzog zunächst keine Miene, aber der alte Mann gestikulierte, worauf der Junge mir durch Zeichen andeutete, das Blasrohr und die Pfeile auf den Boden zu legen, damit er sie aufheben könne. Dies tat ich denn auch, und nach wiederholten „Ye Aemu“-Rufen, die nach meiner Meinung sagen sollten: „Wir sind Kameraden“, verschwanden sie im Wald.
In der Nacht ließen wir das Zelt stehen, legten uns aber zum Schlafen ins Kanu. Ich schlief die ganze Nacht nicht und hielt Wache. Am nächsten Morgen schlummerte ich dann ein paar Stunden und machte meine Eintragungen. Am folgenden Tag erschienen die Indianer wieder und verlangten weitere Geschenke. Da ich den eigens dafür mitgebrachten Vorrat bereits beinahe erschöpft hatte, gab ich jedem ein schmutziges Hemd, worüber sie sich außerordentlich zu freuen schienen, obwohl sie die Hemden nicht anzogen.
Obschon man diese Indianer nicht für Zwerge halten konnte, gehörten sie sicherlich zu einem wenig bekannten Stamm oder Unterstamm von außergewöhnlich kleinem Wuchs. Jeder Versuch, sie zu messen, schlug fehl, aber dem Augenmaß nach betrug ihre Länge 1,35 bis 1,40 Meter. Dabei waren sie außerordentlich stark und hatten ungewöhnlich breite Brustkasten. Die Gesichter hatten keinen platten oder mongolischen Typus, auch war die Augenstellung nicht schief wie bei den Asiaten.
Außer einem Strick um die Lenden und einer zylinderförmigen Röhre aus Palmblättern gingen sie völlig nackt. Nur Arme und Beine waren mit Strohbändern oder „Embira“ umwunden. Die Farbe ihrer Haut war eine matte Bronze, im Ton viel heller als die der Mundurucus am Tapajóz. Wahrscheinlich war die verhältnismäßig hellere Farbe und die Kleinheit des Körperbaus das Ergebnis des Aufenthalts im Düster der Wälder seit ungezählten Jahrhunderten, abgeschlossen vom Licht der Sonne. Nicht nur, daß sie die Augen in schrecklichster Weise verzerrten, so oft sie auf den Glanz des Flusses trafen, sondern sie kehrten den Rücken auch beharrlich den Stellen zu, wo die Sonne durch das Blättergewölbe schien.
Daß sie zu den wilden Parintintins gehörten, unterliegt nicht dem leisesten Zweifel, obwohl diese Indianerstämme nur dem Namen nach bekannt waren, als ich mit ihnen in den Dschungeln am Gy-Paraná zusammentraf, so daß ich keine Möglichkeit hatte, sie endgültig zu identifizieren. Hätte ich damals schon gewußt, was ich erst viel später erfuhr, so wären diese verräterischen und kriegerischen Indianer in ihren entlegenen Wäldern sicher von mir unbehelligt geblieben. Wie es aber nun einmal war, gab ich ihnen in mühseliger Zeichensprache meinen Wunsch zu erkennen, ihr Dorf aufzusuchen.
Auf meinen Vorschlag hin begannen sie lange miteinander zu reden, konnten sich aber offenbar nicht entscheiden. Das Gespräch wurde in merkwürdig hoher Tonlage geführt, aber fast ohne jede Klangfärbung. Ich sah wohl, daß die Unternehmung tatsächlich nicht ohne Gefahr sein würde. Denn in viel weniger entlegenen Waldgebieten waren Caboclos und Sammler von brasilianischen Nüssen häufig von den wilden Stämmen ermordet worden, die in ihren waldverborgenen Schlupfwinkeln hausen und zum Teil noch niemals von weißen Menschen gehört haben. Ein derartiger Fall hatte sich während meines Aufenthalts in Manáos ereignet. Am Ufer des Cauraflusses war von einem Seringuero eine halbverweste Leiche, der der Kopf und das rechte Bein fehlten, aufgefunden worden. Doch muß ich gestehen, daß mir damals die ganze Größe der Gefahr unbekannt war, was allerdings auf meine beiden moskitoähnlichen Boys keineswegs zutraf. Sie brachten die alten Gründe vor, um mich zurückzuhalten: zuerst, daß die Maloccas der Indianer viele „Sonnen“ entfernt wären, und als sie sahen, daß mich das nicht rührte, erklärten sie, wir würden alle aufgefressen werden wegen „der Stärke in uns“. Diese Behauptung suchten sie anschaulich zu machen, indem sie in ihre eigenen Arme hineinbissen.
Meine besondere Sorge war, alles zu vermeiden, was nach Zwang aussah. Denn ich wußte, daß wir im Dickicht der Wälder gänzlich von der Gnade der Wilden abhängig sein würden, die, wie alle Stämme im Amazonengebiet, zweifellos von verräterischem Charakter waren. Uns offen umzubringen mochte bei der Unterlegenheit ihrer Waffen seine Schwierigkeit haben, wenn sie auch für den Dschungelkrieg sehr gut geeignet waren. Aber nichts wäre ihnen leichter gewesen, als uns ins Herz der großen, düstern Wälder und zugleich in einen Hinterhalt zu führen. Die vorherrschenden Angriffsmethoden im Amazonengebiet sind jenen ähnlich, die früher bei den Aschantis und Eingeborenen am Kongo im Schwang waren. Gassen werden durch das Dickicht längs den Flüssen und natürlichen Dschungelpfaden geschlagen, und die vorrückende Expeditionskolonne wird plötzlich so lange mit einem Hagel vergifteter Pfeile überschüttet, bis ein wirksames Gewehrfeuer die Eingeborenen in den Schutz ihrer fast undurchdringlichen Wälder zurückgetrieben hat.
Später hörte ich jedoch, daß eine der Lieblingsmethoden dieses Stammes, sich seiner Feinde zu entledigen, darin besteht, zahllose Palmdornen in starkes Gift zu tauchen und mit den Spitzen nach oben auf den Boden der Dschungelpfade zu streuen, die ihre bloßfüßigen Opfer zu betreten pflegen. Sogar die halbblütigen Kautschuksammler wandern beständig mit nackten Füßen durch die Wälder, da sie sich durch jede Fußbekleidung behindert fühlen. Auch tritt auf Leder über Nacht Schimmelbildung auf, und die Termiten zerstören in wenigen Stunden ein Paar Reitstiefel, wenn Unvorsichtigkeit oder Sorglosigkeit ihnen dazu Gelegenheit gibt.
Schließlich entschied sich die Frage meines Dorfbesuchs nach einer aufregenden halben Stunde. Der Älteste von den drei, der auch der bei weitem am wildesten Aussehende und Häßlichste war, zeigte auf das Kanu und deutete zugleich an, daß sie uns begleiten würden. Wir paddelten den schmalen und von Hindernissen versperrten Fluß fast zwei Stunden lang hinauf, und ich begann mich zu fragen, ob das nicht nur eine List wäre, uns in die Irre zu führen, bis sie Gelegenheit fänden, während der nahenden Nacht zu entkommen. Etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang zeigte der ältere Mann, dessen Haar in Fransen auf die Stirn hing, auf das Ufer, und nachdem wir das Kanu durch das scharfblättrige Sumpfgras hindurchgestoßen hatten, landeten wir an einer besonders dunkeln Stelle des Waldes.
Zwei Stunden etwa lagen noch vor uns, ehe die Sonne hinter den endlosen Wäldern untergehen und die kurze tropische Dämmerung völliger Finsternis weichen würde. Unter diesen Umständen hatte ich keine Lust, an diesem Tag noch weiterzumarschieren und versuchte, das zu erklären. Aber die Verständigungsmöglichkeit durch Zeichen und Gebärden ist weit beschränkter, als jemand glauben mag, der noch nie einen ganzen Tag darauf angewiesen war, darin seine Meinungen klarzumachen. Jeder Reisende und Forscher sollte wirklich seiner Lehrzeit einen Kursus in einer Taubstummenschule anfügen, falls er beabsichtigt, abseits gelegene Gebiete aufzusuchen, wo Führer und Wörterbücher mit den „gebräuchlichsten Redensarten“ nicht die leiseste Hilfe bieten.
Wir zogen das Kanu aufs Ufer und bedeckten es mit Zweigen. Dann nahmen wir das Gepäck auf die Schultern, ganz gegen die Wünsche der beiden Boys, und tauchten in das Dunkel des ein wenig unheimlichen Urwalds. Zuerst bemühte ich mich, gewisse auffallende Bäume im Gedächtnis zu behalten, umgefallene und von den Ameisen zerfressene Stämme und Einsenkungen im überwachsenen und unsichtbaren Boden, für den Fall, daß wir genötigt wären, einen eiligen Rückzug zum Fluß anzutreten. Aber bald sah ich die Unmöglichkeit eines solchen Verfahrens ein. Hatte ich meinem Gedächtnis eben eine bestimmte Palme eingeprägt, so zeigte sich sicher im grünen Zwielicht ein paar hundert Meter weiter die gleiche Palme in fast genau derselben Umgebung. Plötzlich erinnerte ich mich an meinen Taschenkompaß, und von da an merkte ich mir jeden Richtungswechsel vom Fluß aus und fühlte mich nun ein wenig unabhängiger von jenem unbekannten X — dem Wohlwollen eines wilden Stammes irgendwo in den Wäldern vor uns.
Als das Dämmerlicht immer mehr abnahm, schloß ich hinter unsern drei Führern auf, teils, um irgendwelche verräterische Handlung verhindern zu können, dann auch, um mich vor schlimmen Fällen über umgefallene Baumstämme zu bewahren und den Ranken der Schlingpflanzen auszuweichen, in denen sich Füße, Kleider und Kopfbedeckung verfingen. Gerade ehe es völlig dunkel und jedes Weiterkommen im Wald unmöglich wurde, gelangten wir auf einen kleinen freien Platz. Hier standen die Bäume weiter auseinander, und das Unterholz wurde lichter. Offenbar bildete der Dschungelpfad, den wir gekommen waren, den gewöhnlichen Weg zwischen dem Fluß und dem Eingeborenendorf. Aber er war so schmal und gewunden, daß nur ein mit allen Geheimnissen des Waldes vertrauter Indianer seinen Anfang am Fluß zu bemerken imstande war oder ihm durch den fast undurchdringlichen Busch auf allen Seiten folgen konnte.
Auf der Lichtung angelangt, fanden wir uns fast augenblicklich inmitten einer Menge dunkler Gestalten. Bei der Finsternis war es unmöglich, Farbe oder Geschlecht zu unterscheiden. Der älteste unserer Führer deutete auf eine niedere Öffnung in einer der bienenkorbähnlichen Palmhütten, deren Umrisse gerade noch sichtbar waren. Da ich kein Mißtrauen zu zeigen wünschte, bückte ich mich und trat ein, nachdem ich noch die Boys beauftragt hatte, das kleine, wasserdichte Zelt aufzuschlagen. Im Innern der Malocca, wie diese Eingeborenenhütten heißen, herrschte kohlenpechrabenschwarze Finsternis, aus der nur die düstere Glut einiger kleinen Feuerstellen in verschiedenen Winkeln hervorleuchtete. Als sich meine Augen allmählich an die rauchige Luft und das flackernde Licht der Holzfeuer gewöhnt hatten, erkannte ich Gruppen umherhuschender Gestalten und vermochte die Größe der Hütte zu schätzen, die etwa 10 Meter lang, 5 Meter breit und 3½ Meter hoch sein mochte. Augenscheinlich lebten mehrere Familien in dieser einen Hütte. Jeder war eine bestimmte Fläche des Lehmbodens und eine eigene Feuerstelle zugewiesen. Trotz der erstickenden Hitze und schlechten Lüftung wird das Feuer beständig in Brand gehalten. Auf der einen Seite erhob sich eine große Plattform aus Zweigen, die mit getrocknetem Gras zusammengebunden waren. Zum Hinaufsteigen diente ein der Länge nach geteilter Palmstamm, in den Löcher eingeschnitten waren. So bildete er eine Art Leiter, deren Gebrauch allerdings nur für nackte Füße berechnet war. Dieser erhöhte Platz war dem Häuptling vorbehalten, der Raum darunter seiner Familie. Noch in wenigstens einer der fünf übrigen Gemeinschaftshütten des Dorfes war eine derartige Plattform vorhanden. Dies schien darauf hinzudeuten, daß in dem Dorf zwei Familien mit je einem Oberhaupt lebten oder daß der Medizinmann dasselbe Vorrecht wie das Familienoberhaupt oder der Häuptling des Stammes genoß, denn bestimmte und homogene Eingeborenenrassen gibt es im Amazonengebiet nicht.
In der Nähe der Plattform fand sich ein „Manguaré“, eine Vorrichtung, die als Telegraph und zugleich als Musikinstrument dient. Sie bestand aus zwei Stücken eines ausgehöhlten Baumstamms, das eine länger als das andere, die verschiedene Töne hervorbringen, wenn darauf geschlagen wird. Dazu bedient man sich einer kurzen Keule, wie beim Gong, deren eines Ende augenscheinlich in den Milchsaft des Kautschukbaumes getaucht und dann mit Palmfasern umwunden wird. Die beiden Teile hingen an Riemen von einem Querbalken herab, der die Hauptstütze des Daches bildete. Auf diesen „Manguarés“ schlägt man den Takt bei den Tänzen. Sie geben einen durchdringenden, sonoren Klang von sich. Ein ähnliches, aber etwas größeres Instrument hing von einem Baum vor der Hütte und diente als Sturmglocke oder Alarmsignal. Man kann damit über eine Waldstrecke von 20 bis 25 Kilometer Signale geben, die allerdings so weit nur in der Stille der Nacht vernehmlich sind. Hört man in der Nähe zu, so bringt jeder Schlag einen eigenen, bestimmten Ton hervor. In der Hütte waren an den Enden der hohlen Röhren Menschenschädel als Verzierungen angebracht, denen man alle Zähne ausgerissen hatte, um sie für Halsketten zu verwenden. Die Schädel stammten von den bei Stammesfehden getöteten Feinden. Solche Kriege zwischen den Stämmen scheinen überall in den entlegenen Wäldern fast ununterbrochen zu herrschen und über Jahrhunderte hinweg fortgeführt zu werden. Wahrscheinlich hing damit auch der Widerwille meiner beiden Boys zusammen, unbekannte Waldgebiete zu erkunden, wo Wilde hausen mochten, die ihrem Stamm feindlich gesinnt waren.
Einige Minuten hielt ich’s in der widerwärtigen Hüttenatmosphäre aus. Der Rauch der Holzfeuer war zum Ersticken. Nachdem ich durch die niedere Öffnung hinausgekrochen war, atmete ich mit Entzücken die feuchte und schwüle Nachtluft des Waldes wieder ein. Vor Jahren hatte mich einmal ein plötzlicher Sturm gezwungen, wie sie auf dem „Dach“ der neuen Welt häufig sind, eine volle Nacht in einer Lehmhütte der Aymara-Indianer des bolivianischen Hochlands zu verbringen. Da ich nicht wußte, ob die Maloccas der Parintintins ebenso ungezieferverseucht sein mochten, hielt ich es für geraten, mein ganzes Unterzeug zu wechseln.
Die Frage, die sich nun erhob, war: Schlafen oder Nichtschlafen. Natürlich wäre es einfach gewesen, die Nachtwache unter uns drei zu teilen, aber schwieriger war es schon, sich einem friedlichen Schlummer hinzugeben und der Wachsamkeit und Ehrlichkeit eines Eingeborenen anzuvertrauen. Waren meine beiden Boys auch halbzivilisiert und von anderm Stamm, so schien es doch ein Wagnis, ihnen den Schutz der zum Leben nötigen Vorräte vor den Räubereien anderer gänzlich unzivilisierter Eingeborenen zu überlassen. Das Ergebnis aller Überlegungen war eine schlaflose Nacht, die durch Moskitoschwärme um nichts erfreulicher gemacht wurde. Auch andere Quälgeister stellten sich ein, die Sandflöhe, die sich unter die Haut eingraben, eine chronische Entzündung hervorrufen und, wenn medizinische Hilfsmittel fehlen, mit einer sterilisierten Nadelspitze entfernt werden müssen.
Als endlich das Licht des Tages durch die Lücken in der Baumwand strömte, war es mir völlig klargeworden, daß Nächte im amazonischen Urwald mehr an Dante als an die 1001 Nächte der arabischen Märchen erinnern. Aber nicht lange darauf kam die Belohnung. Fast schon vor Sonnenaufgang hatte der älteste unserer drei Führer vom letzten Tag uns Speise ins Zelt geschickt. Es war ein unappetitliches Gemengsel aus einer Art Pfeilwurz bereitet, in dem als pièce de résistance Teile eines großen Frosches zu erkennen waren, der bei vielen der amazonischen Indianer als Leckerbissen gilt. Außerdem aber gab es einen Haufen von „Maracajas“, der köstlichen Frucht der Passionsblume. Da ich keinen Argwohn zeigen wollte, vergrub ich heimlich das Pfeilwurzgericht. Heimlich, weil die Kinder durch die Zeltöffnung und unter das Segeltuch hereinguckten. Dann machte ich mich mit übertrieben zur Schau gestelltem Appetit an die Früchte. Aber sie bekamen mir schlecht, und ich mußte später meine Zuflucht zu Chlorodyne nehmen.
Itogapukweib und Kind.
Die Frau des Itogapukhäuptlings.
Drei g’schamige Damen.
(Itogapuks.)
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GRÖSSERES BILD
Die Angehörigen des Stammes waren alle mittelgroß oder auch unter Mittelgröße, hatten aber stark entwickelte Muskeln. Sie scheinen sich fast ausschließlich von Wild, Fischen, Nüssen, Wurzeln und Früchten zu nähren. Nicht weit von den Maloccas waren mit unendlicher Mühe kleine Lichtungen ausgerodet, auf denen sie Bananen, Baumwolle, Yukka, Yamswurzeln und Kassave anbauten. Tag und Nacht lebten sie im Zustand völliger Nacktheit, nur die Frauen trugen eine sehr kleine „Tanga“ (Schürze) aus gewebter Baumwolle oder andern Fasern, die mit dem Saft des Orleanstrauchs (Bixa Orellana) rot gefärbt werden. Sie verfertigen auch Körbe und andere Gegenstände aus Stroh und Weidenzweigen, Hängematten und rohe, irdene Töpfe. Die Haare entfernen sie vom Gesicht und Körper mit zangenähnlichen Muscheln, die man im Schlamm der Igarapés und Waldseen findet.
Die Fischerboote und Kriegskanus werden aus leichten, ausgehöhlten Bäumen oder aus Rinde gemacht und durch die Hitze des Feuers in Form gebracht. Anscheinend besitzen die Parintintins ein natürliches Zeichentalent. Sie verzieren selbst ihre „Taquaras“ oder Pfeile mit Bildern von Vögeln, Reptilien und wilden Tieren. Mit dieser Waffe erlegen sie Großwild so gut wie Fische und Vögel. Ihre schweren Kriegsspeere und Bogen, wie auch sich selber bei ihren barbarischen Orgien, schmücken sie mit Vogelfedern. Alle Krieger tragen dann Kronen und Gürtel aus glänzenden Federn. Einige lassen die Schwänze von Araras über den Rücken herabhängen, andere, auch Weiber zuweilen, haben Bilder dieser Vögel auf Gesicht und Körper eintatauiert. Bei solchen schauerlichen Festlichkeiten tragen die Weiber breite, lebhaft gefärbte Strohtangas, die von den Ellenbogen bis zu den Lenden reichen.
Die Parintintins verbringen oft Tage fern von ihren Maloccas auf dem Kriegspfad und auf Jagd- und Fischzügen. Zum Fischen bauen sie sogenannte Tapirys an den Ufern der Seen und Igarapés. Sie bestehen aus einer Plattform, die auf Pfählen über dem Wasser errichtet und vor den tropischen Regengüssen durch ein Palmstrohdach geschützt wird. Rund um die Maloccas finden sich an den Bäumen merkwürdige eingeschnitzte Darstellungen von Menschen und Tieren. Sie dienen nicht nur zur Belustigung der zahllosen nackten kleinen Kinder, sondern werden auch als Zielscheiben benützt beim Unterricht im Schießen mit Bogen und Blasrohr, wobei die Krümmung der Bäume das Treffen nicht unerheblich erschwert.
Seltsam und auffallend ist das völlige Fehlen von Bärten und Schnurrbärten bei den alten Männern. Offenbar werden alle Haare gleich entfernt, wenn sie sich auf den Gesichtern der Männer oder dem Körper der Weiber zu zeigen beginnen. Die Sprache der Parintintins scheint zur Sprache des „Tupi“ zu gehören. Sie ist gänzlich verschieden von der Lingoa Geral der alten halbzivilisierten Anwohner am Madeira, ein weiterer Beweis, daß sie weder mit den Weißen noch der Halbzivilisation längs der Hauptflüsse in nähere Berührung gekommen sind. Mit der Guaranisprache hat das Tupi viel Gemeinsames.
Die Pfeilspitzen bestehen aus gehärtetem Holz, das in Gift getaucht wird, oder aus den scharfen Zähnen des Waschbären. Frauen und Kinder tragen Halsketten aus den Zähnen dieses Tiers, des Jaguars und Alligators oder aus Menschenzähnen, die aus den Schädeln im Kampf getöteter Feinde herausgerissen wurden.
Die Parintintins sind sehr abergläubisch wie auch andere amazonische Stämme, sie glauben an gute und böse Licht- und Nachtgeister und können als Mondanbeter bezeichnet werden. Nachts legen sie Früchte und Fleisch auf die Bäume zur Speise für die bösen Geister, damit sie nicht in die Maloccas kommen. Kein Mann darf sich ein Weib nehmen, ehe er nicht ein wildes Tier erlegt hat, dessen Namen er nun sein Leben lang trägt. In der dritten Nacht meines Aufenthalts unter den Parintintins war ich so glücklich, einer ihrer schauerlichen Festlichkeiten beiwohnen zu dürfen, die anscheinend mit ihrer Mondverehrung zusammenhing.
Sie begann mit dem wiederholten Kriegsgeschrei „Ya Taipehe!“, was, wie ich später erfuhr, bedeutet: „Wir sind die Parintintins!“ Auf das unheimliche Geschrei in der Stille der Wälder folgte ein nachahmendes Wehklagen von seiten der Weiber im Schatten der Bäume. Dann begannen die mit Federn prachtvoll geschmückten Tänzer mit ihren langen, mit Büscheln versehenen Speeren in grotesker Weise in die schwarzen Schattenflecke der Bäume oder vor dem Mond vorbeiziehenden Wolken hineinzustechen. Plötzlich aber steckten sie die Speere mit der Spitze nach oben in den Boden der Lichtung, und die ganze wirre Masse der nackten Wilden formierte sich zu einer Linie von Bogenschützen, die nun vorging, zurückwich, einen Kreis bildete und sich in Paare auflöste, während sie unaufhörlich die Gebärden des Schießens machten, schrien und mit den Füßen stampften.
Es war ein barbarisches Schauspiel, das sich auf der kleinen Lichtung vor dem schwarzen Hintergrund des Waldes abspielte. Ebenso plötzlich ging das kriegerische Bild in eins des Friedens über. Gegen das Mondlicht zu stand nicht mehr eine Linie dunkler Gestalten mit Speeren oder Bogen, sondern eine Reihe von Paaren, die auf Bambusflöten eine seltsame Musik hervorbrachten und den Takt dazu mit den Füßen stampften.
Dann folgte ein Mahl von Affenfleisch, Eidechsen, Farinha und einem seltsam bittern und höchst berauschenden Getränk, das „Embo“ genannt wird. Aus dem denkwürdigen Tanz entwickelte sich eine ebenso unvergeßliche Orgie, an der die Männer, Weiber und selbst die Kinder teilnahmen. Was danach kam, entzieht sich der Beschreibung. Glücklicherweise stand der Mond niedrig über dem Wald, und die Lichtung lag im Schatten. Streit erhob sich, und das Gesicht des einen Beteiligten wurde durch den Schlag eines Steinbeils fast entzweigerissen.
Da ich sah, daß die Sache jeden Augenblick eine schlimme Wendung nehmen konnte, machte ich mir den Schatten der Bäume zunutze, rief meine beiden Boys zu mir und zog mich mit ihnen in eine Bananenpflanzung zurück, von wo wir das Zelt zu übersehen vermochten. Mitternacht war schon vorüber, aber ich wagte weder einzuschlafen, wo ich lag, noch nach dem erleuchteten Zelt zurückzukehren. Vier Stunden lang ging das Schreien, Brüllen und Singen so weiter. Als aber die ersten gelben Streifen am blaßgrünen Himmel erschienen, verstummte jeder Laut, und vom Fieber geschüttelt, begab ich mich ins Zelt und zu meinem Chininvorrat zurück.
Am nächsten Tag war der ganze Stamm mürrisch, verdrießlich und schlechter Laune. Einer oder der andere der jungen Krieger erschien im Zelt und verlangte Geschenke. Dann ließen sie ihre Bogen schwirren und taten so, als zielten sie auf unser Lager. Meine beiden Kanuboys fürchteten sich so, daß sie nicht dazu zu bringen waren, die Nähe des Zelts zu verlassen. An diesem Tag war ich Zeuge einer Begräbniszeremonie. Ob das Opfer bei einem Streit in der verflossenen Nacht getötet worden war, kann ich nicht sagen. Die Leiche wurde aus der Malocca herausgetragen und der Kopf vom Rumpf getrennt. Den Kopf brachte man in die Hütte zurück, der Rumpf aber wurde in den Wald geworfen, um dort von den wilden Tieren oder den geierartigen Urubú abgenagt zu werden.
Früh am Nachmittag des fünften Tages gab es eine Überraschung. Ein Indianermädchen trat aus einer der Hütten und ging über die Lichtung in die Baumwollpflanzung auf der gegenüberliegenden Seite. Im Licht der Sonne erschien ihre Hautfarbe fast weiß. Bei näherer Untersuchung erwies sie sich jedoch als ein stumpfes Gelb, viel heller als die Farbe aller andern Stammesmitglieder, soweit wir sie bisher zu Gesicht bekommen hatten. Auch sie trug kein anderes Kleidungsstück als die kleine Tanga. Aus einer Reihe von Fragen ging hervor, daß die Parintintins sich Sklaven und Frauen auf ihren Raubzügen verschaffen und daß das Mädchen zu einem andern Stamm gehörte, der weit im Süden seinen Wohnsitz hat. Genauere Auskünfte, als daß sie aus dem Süden stamme, konnte ich nicht erlangen.
Eine ähnliche Entdeckung wurde erst kürzlich von einem Beamten des Indianeramts, namens Curt gemacht, der gegenwärtig mit dem Versuch betraut ist, diesen wilden Stamm der Zivilisation näherzubringen.
Da ich einen allzu großen Beitrag zum Festmahl der letzten Nacht gestiftet hatte, erhob sich von neuem die Frage der Ernährung, die an Wichtigkeit nur von der eines sichern Rückzugs aus dem Dorf der Parintintins übertroffen wurde. Ich erkannte ganz klar, daß unser Leben von der täglichen Verteilung von Geschenken abhing. Viele von ihnen wären ja für die Indianer ganz nutzlos gewesen ohne die Anwesenheit jemands, der ihnen den Gebrauch erklärte. Eines Tages weigerte ich mich, weitere Geschenke zu machen, hauptsächlich deshalb, weil wir selber nur noch wenig hatten, selbst von den ursprünglichen Vorräten an Lebensmitteln und Kleidern. Von diesem Augenblick an schlug die Stimmung um, und in ehrlicher Bestürzung gelobte ich eine große Verteilung, falls sie das Zelt und das schwere Gepäck zum Kanu zurückschaffen würden. Vorerst waren sie damit nicht einverstanden. Sie sagten, ich solle bei ihnen bleiben und ihnen im Kampf mit meiner Flinte beistehen.
Das gab eine erwünschte Gelegenheit. In einer Reisetasche war noch eine 5,6 Millimeter kalibrige Sportflinte mit abnehmbarem Kolben verpackt. Als ich ihnen sagte, daß ich ihnen für die Rückbeförderung zum Kanu einen „sprechenden Stock“ geben würde, wurde die Begierde des Häuptlings schließlich so heftig, daß sie einwilligten. Ich fühlte mich nun wesentlich erleichtert. In der Nacht noch suchte ich das wenige Wichtige unter meinen Sachen heraus und packte es zusammen mit einigen Lebensmitteln und Arzneien in meinen Rucksack.
Die Parintintins hielten Wort. Am folgenden Morgen begleitete uns fast der halbe Stamm auf dem Rückweg zum Fluß. Ich bemerkte aber, daß meine beiden Kanuboys außer einem kleinen Pack Lebensmittel nichts trugen. Von diesem Augenblick an wußte ich, daß nur eine Politik der starken Hand uns lebend bis zum Fluß brächte. Der Häuptling, ein verrunzelter alter Krieger mit den dünnen, knochigen Beinen des Beri-Beri-Kranken, verlangte ungefähr halbwegs, ich solle ihm den „sprechenden Stock“ zeigen. Das schlug ich glatt ab und antwortete, daß in meiner Hand alle Stöcke sprächen. Höhnisch nahm er einen dürren Ast auf und überreichte ihn mir. Ich fühlte nach meinem Revolver und feuerte durch meine Rocktasche, während ich den Ast in der andern Hand hielt. Diese einfache List machte Eindruck auf die Parintintins. Und obwohl noch einige saure Gesichter machten und mit ihren Bogen klapperten, geschah nichts weiter, bis wir den Fluß und das Kanu erreichten.
Nachdem wir die Zweige, mit denen das Kanu bedeckt war, entfernt hatten und alles zur Abfahrt fertig war, nahm ich die Vogelflinte aus der Reisetasche und händigte sie dem Häuptling ein. Sogar jetzt, nachdem wir sechs Tage zusammengewesen waren, wollte der mißtrauische alte Indianer sie nicht aus meiner Hand nehmen, sondern bedeutete mir, ihm den Gebrauch zu zeigen. Das tat ich denn auch vor all diesen halbdrohenden Wilden, aber ich trug Sorge, nur Platzpatronen dazulassen, aus denen ich während der letzten Nacht Kugeln und Pulver entfernt hatte. Ins Kanu springend machte ich den Revolver schußbereit. Und es war gut, daß ich das tat, denn kaum tauchten die Ruder in den Fluß, als ein Schauer vergifteter Pfeile überall um uns das Wasser traf. Einer blieb zitternd im Holz des Kanus stecken.
Es war ein kitzliger Augenblick. Moskito verlor den Kopf und paddelte aus aller Kraft, während der andere Boy vor Furcht wie gelähmt schien. Dadurch fuhr das Kanu schief in den Fluß hinaus, statt sich von den Indianern zu entfernen, die längs dem verwachsenen Ufer nicht folgen konnten. Ich feuerte drei Schüsse gegen das Dickicht ab, hinter dem die verräterischen Indianer Deckung gesucht hatten. Ob es nun der Knall war, der den Zauber brach oder ein wohlgezielter Fußtritt — jedenfalls glitt das Kanu im nächsten Augenblick den Fluß hinab, getrieben von zwei gänzlich verängstigten Boys. Fast zwei Stunden lang paddelten sie so stark sie nur konnten, daß das kleine Fahrzeug über die dunkle, ruhige Wasserfläche hinschoß, in der sich millionenfach die Blätter des Urwalds spiegelten.
Von den ermüdenden Tagen der Rückfahrt in der Dampfbadatmosphäre dieser zentralen Waldregion brauche ich nichts zu erzählen, außer daß wir weder einen Indianer noch eine Malocca zu Gesicht bekamen. Die Parintintins, die das ganze Gebiet zwischen den Flüssen Marmellos und Gy-Paraná bewohnen, ziehen die entlegenen Wälder, Seen und Igarapés vor. Auch heute sind sie zum größten Teile noch nicht unterworfen, wie aus dem folgenden lebensvollen Bericht hervorgeht, den ich der persönlichen Güte des Señhor J. Gondim vom Indianeramt verdanke. Ich machte seine Bekanntschaft auf späteren Reisen im Amazonengebiet. In diesem Bericht schildert er in allen Einzelheiten die letzten Unternehmungen, die gemacht wurden, mit diesem wilden Stamm der großen Wälder in freundschaftliche Beziehungen zu kommen.