14. Den Chimbiri-Yacu flußaufwärts.

Am Unterlauf des Rio Branco ist das Klima sehr feucht und ungesund. Als ich auf der Rückkehr nach Manáos aus der weiten, offenen Steppe an der Grenze durch den dichten Waldgürtel kam, hatte ich abwechselnd Schweißausbrüche, Fieberanfälle und Schüttelfröste zu überstehen. Aber der starke Malariaanfall verging, noch ehe ich Manáos erreichte. Der Anblick eines schönen Boothdampfers am Quai, 1600 Kilometer fern von der Zivilisation, tat das übrige, und so kehrte ich im schönsten Wohlleben nach England zurück.

Zwölf Monate später war ich wieder im Amazonengebiet. Diesmal berührte ich die freundliche, kleine Dschungelstadt Manáos nur auf der Fahrt den meeresgleichen Strom weitere 1600 Kilometer hinauf nach Iquitos im nordöstlichen Peru. Über den Solimões, wie der Amazonenstrom zwischen der Mündung des Rio Negro und der Grenze Perus genannt wird, ist nicht viel zu sagen, außer daß die Ufer nicht mehr so tief sind und bei Hochwasser oft halb überschwemmt werden. Die rote Erde blickt zuweilen durch das lastende Dickicht der prächtigen tropischen Vegetation, und Riesenflöße aus amazonischen Hölzern mit winzigen Palmstrohhütten darauf werden von der Strömung flußabwärts getragen. Dann wieder gleiten vom Grund gelöste Palmeninseln majestätisch vorüber, deren grüne Wipfel wie Segel in der Sonne schimmern. Und immer noch begleiten die Mauern der großen tropischen Wälder den Reisenden auf seiner 5000-Kilometer-Fahrt durch den Kontinent. So heftig wütet unter dem dunkeln Blättergewölbe der Kampf ums Dasein, daß nur die Bäume, die sich zum Licht durchringen, auf dauerndes Leben hoffen dürfen. Die andern sterben dahin und fallen den gefräßigen Ameisen zum Opfer. Viele ersticken auch in der verhängnisvollen Umarmung der Lianen. Nachdem sie ihnen Menschenalter hindurch als Stützpunkte gedient haben, fallen sie endlich unter ihrer würgenden Umklammerung.

Einige, wie die Assaipalmen mit ihren schönen, federgleichen Wedeln, streben empor, bleiben aber schwach aus Mangel an Licht und Luft. Im Zwielicht welken sie, ehe sie das düstere grüne Dach durchbrochen haben. Viele Parasitenpflanzen, wie die Orchideen, nehmen die Gastfreundschaft der lebenskräftigeren Waldgewächse in Anspruch. Den Reisenden überschleicht der Wunsch, all diese schwelgerische Schönheit möchte der Welt auf der Leinwand dargeboten werden. Aber ein Bates oder ein Wallace mit ihren Kenntnissen von tausend Arten müßten zugleich die Kunst eines Landseer oder Salvator Rosa beherrschen, um das uralte amazonische Pflanzenschlachtfeld im Bild wiederzugeben.

Bei den wilden Tieren, den Vögeln, Reptilien und Insekten ist es nicht viel anders. Die wenigen Großen leben von den zahllosen Kleinen. Nur die Insekten sind durch die Jahrhunderte hindurch an Anzahl gleichgeblieben. Die Raubtiere, wie der Jaguar und der Alligator, ziehen sich vor dem Dampfschiff und dem sich allmählich ausbreitenden Verkehr in die Seitenflüsse zurück. Und die schwächeren und weniger behenden Tiere, wie die Seekuh und die Schildkröte, fallen dem Nahrungsbedürfnis der vorrückenden Menschenarmee zum Opfer, die ihre geliebte Wildnis zerstören würde, wenn das die Üppigkeit der Natur zuließe.

Wer philosophisch über solche Fragen nachdenkt, während die Tage auf dem breiten Solimões vorüberziehen, kann sicher sein, sich dadurch den wundervollen Eindruck des Flusses, Urwalds und schimmernden Himmels zu verderben. Hitze, Stille und das Gefühl der Abgeschiedenheit von der menschlichen Gesellschaft sind ebenso viele Feinde vernünftigen Nachdenkens. Wie die sandbedeckten Wüsten und arktischen Schneefelder sind die großen tropischen Wälder die Stätten des Schweigens, wo der Mensch sich seiner Bedeutungslosigkeit und seiner Anmaßung bewußt wird. Am besten ist es hier, nicht unter die Oberfläche zu sehen; die Tiefe führt zum Wahnsinn. Nicht wenige brave Männer sind so zugrunde gegangen auf ihren Wanderungen durch die dämmrigen Hallen der Wälder, bis zur Brust im schlammigen Untergrund der Tausende von Kilometer langen Uferstrecken versinkend; oder sie wurden, laut vor sich hinredend, am Verhungern oder gestörten Geistes aufgefunden. Die Roosevelt-Rondon-Expedition traf solch einen Verirrten Hunderte von Meilen fern jeder Zivilisation; ein anderer starb im Candelaria-Krankenhaus; ein dritter ließ eine letzte, unzusammenhängende Botschaft an einem Baum am Rio Branco zurück; und das sind nur ein paar, wie sie mir gerade einfallen. Ein Grauen geht aus von den schlangenverseuchten Sümpfen, den ekelhaften Insekten, scheußlichen Krankheiten und Todesarten, den unverständlichen Kulten, sonderbaren atmosphärischen Stürmen, dem unheimlichen Zwielicht, der drückenden Hitze und Lautlosigkeit, den giftliebenden Eingeborenen und den erstickenden Düften der Verwesung ringsum. Und doch ringt sich überall das Leben durch. Da sind wir in Coary, einer kleinen, von Petroleum erleuchteten Caboclostadt. Dann folgt Tabatinga, der Grenzposten mit seiner dunkelfarbigen Garnison, am breiten, sonnenhellen Fluß inmitten einer frischgrünen Vegetation. Also warum nachgrübeln über die unsichtbaren Tiefen einer noch immer vom Schleier des tiefsten Geheimnisses verhüllten Gegend der Erde?

In der Nachbarschaft von Tabatinga, an der Grenze Brasiliens und Perus, leben die Überbleibsel der einst mächtigen Tacuná-Indianerstämme. Nur einige Meilen von der Niederlassung entfernt treiben sie sich noch in den Wäldern umher, nackt und um den Mund herum tatauiert, so daß sie wie Affen aussehen. Auch die Weiber und selbst die älteren Kinder haben die Gesichter mit Linien von den Mundwinkeln bis zu den Ohren bemalt. Ohne diese scheußliche Kriegsbemalung würden die Tacunás zu den bestaussehenden und bestgeformten Indianern im Amazonengebiet gehören. So wie sie aber sind ist ihre Erscheinung im höchsten Maß grotesk. Sie glauben an einen guten Geist „Nanuloa“ und einen bösen Geist, den sie „Locazy“ nennen. Nach dem Tod geht die Seele in das Heim des guten Geistes. Der Leichnam wird zusammengebogen, bis die Hände und Füße sich berühren, dann in einer riesigen irdenen Urne verschlossen und begraben. Man kann solche wiederausgegrabene Urnen mit dem Skelett drin in einigen der kleinen Uferniederlassungen käuflich erwerben. Die Tacunás tragen Halsketten aus den Zähnen von Affen und Jaguaren, schmücken Kopf und Arme mit Federn und verstehen das wirksamste Gift im ganzen Amazonengebiet zu bereiten.

Bei Pebas fährt der kleine Flußdampfer in eine Bucht am Nordufer ein und legt dort vor einem buntscheckigen Haufen von Lehm- und Strohhütten und ein paar verputzten Barracas an. Ein kleiner Fluß läuft von hier landeinwärts gegen den Putumayo. An seiner inselreichen Mündung waren wir einige Meilen vorher vorübergekommen, während sanfter Mondschein auf diesem Gewässer einstiger Greuel schimmerte. Die Yáhuasindianer kommen den Fluß herab, um ihre eigenartigen Erzeugnisse an einen Kaufmann in Pebas zu verhandeln.

Diese Indianer sind noch wild, aber verhältnismäßig harmlos. Sie kleiden sich in Umhänge und Röckchen aus Gras und sind die Nachkommen jener Wilden, die vor Jahrhunderten auf Orellana einen so starken Eindruck machten, als er seine berühmte Entdeckungsreise den Rio Napo herab vollführte. Er glaubte damals, von einem wilden Stamm kriegerischer Weiber angegriffen zu werden, den Amazonen. Auf in Pebas aufgenommenen Photographien einiger Yáhuasmänner tritt ihre Ähnlichkeit mit Frauen auffallend hervor.

Die Yáhuas, die auch unter mehreren Namen bekannt sind, gehören zu einem Unterstamm der Orejonesindianer. Sie bemalen ihren Körper mit dem roten Saft des „Achiote“ und wohnen am Yáhuafluß, einem kleinen Nebenfluß des Putumayo, von dem der Stamm seinen Lokalnamen erhielt. In der Nähe von Pebas befindet sich eine Missionsstation, die unter diesem und den benachbarten halbwilden Stämmen eine segensreiche Tätigkeit ausübt. Der Rest dieses Indianervolks wohnt an den Ufern des obern Putumayo und des Napo.

Die letzten 160 Kilometer Flußfahrt vor der Ankunft in Iquitos sind von Inseln und dem Ästuar des Napo unterbrochen, den Orellana herabkam, als er 1539 den Amazonenstrom entdeckte. Auf beiden Seiten dieses Abschnitts des Hauptstroms gelangt man schon sehr bald auf einem oder dem andern der Nebenflüsse oder Igarapés in das Gebiet halbwilder Stämme.

Die kleine Niederlassung von Iquitos, etwa 3500 Kilometer vom Atlantischen Ozean entfernt, macht gegenwärtig einen armseligen Eindruck, wobei die Schuld mehr an der Untätigkeit der Regierung als an der seiner Einwohner liegt. Sie steht auf einer Uferbank des Marañon, die von der Strömung beständig unterwaschen wird. Aus verschiedenen Anzeichen ist zu schließen, daß der Amazonenstrom in weit zurückliegender Zeit den Teil eines Binnenmeeres bildete. In einer Schicht werden Muscheln gefunden, die man allgemein für solche von Meerfischen hält.

Die Straßen von Iquitos sind nicht ohne Reiz. Niedrige einstöckige Häuser, deren vorspringende Dächer Schutz gegen die Glut der Sonne gewähren, wechseln mit Ziegelbauten und verputzten Gebäuden einer mehr modernen Architektur. Sehr schlecht ist die Kanalisation der Stadt. Offene Abzugskanäle durchziehen die Straßen, die während der Regenzeit infolge von Schmutz und stagnierenden Wassertümpeln kaum passierbar sind. Trotz dieser beklagenswerten hygienischen Verhältnisse erfreut sich das kleine Städtchen einer elektrischen Beleuchtung! Da dem Verkehr mit der Zivilisation, etwa 2000 Kilometer entfernt an der Küste des Pazifischen Ozeans, fast unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenstehen, haben die energischen Einwohner, die erst kürzlich nach einer monatelangen Revolution wieder beruhigt werden konnten, mit Begeisterung die Idee einer Luftverbindung über die Anden aufgegriffen.

Nach einem Aufenthalt von sieben Tagen in Iquitos entdeckte ich eine Barkasse, die dem Señor Ramon gehörte und nach einer Grenzstation fahren sollte, 24 Kilometer den Chimbiri-Yacu flußaufwärts, in die Nähe der winzigen Eingeborenenniederlassung von Vaca Marina. Señor Ramon versprach mir, mich ins Schlepptau zu nehmen, ohne mit echt peruanischer Höflichkeit das geringste dafür annehmen zu wollen. So erwarb ich ein recht hübsches Kanu für eine ebenfalls recht hübsche Summe, kaufte Vorräte, die selbst zu Teuerungspreisen nur schwer zu erhalten waren, und mietete zwei junge und ganz umgänglich aussehende Cocama-Indianer.

Der langsame Kampf gegen die Strömung wäre schrecklich eintönig gewesen, hätte ich nicht von Señor Ramon interessante Auskünfte über die wilden Indianerstämme der Gegend erhalten. Vor mehreren Jahren hatte er am untern Pastazafluß sich um Kautschukkonzessionen umgetan und erzählte mir nun, daß alle die Stämme zwischen dem Westufer des Tigré und dem Ostufer des oberen Santiago zur kannibalischen Huambisanation gehörten, obwohl sie in den wenigen Fällen wirklicher Untersuchungen unter verschiedenen Namen von Unterfamilien bekanntgeworden waren. Die Stämme in den dichten, von den Ufern entfernten Wäldern galten als sehr wild und verräterisch.

Schmuckbemalung der Ocainasweiber.
Die Bemalung wird in Rot, Blau und Schwarz mit weißen Umrissen auf dem matten Bronzegrund der Haut ausgeführt. Die Mieder aus geflochtenem Stroh bedeuten zwar eine Auszeichnung, werden aber hauptsächlich von „Anfängerinnen“ getragen. Die „Wadenstutzen“ bestehen aus klebrigem Kautschuk, Federn, Erde oder Affenhaut.


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Der Schluß des großen Tanzes.
Erst wenn der Tanz vorbei ist, mischen sich die Männer unter die jungen Mädchen.


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Meine Absicht war, vom Endziel der Barkasse aus mit dem Kanu so weit als möglich flußaufwärts vorzustoßen, bis ich mit den Eingeborenen dieser Gegend in Berührung käme. Sie waren als Kopfjäger bekannt und gleichzeitig als Besitzer des Geheimnisses, menschliche Köpfe bis zur Größe einer Orange zu verkleinern, ohne die Gesichtszüge zu zerstören. Ich war mir der großen Schwierigkeiten meines Vorhabens bewußt und zweifelte vom Anfang an an einem glücklichen Gelingen. Aber nichts ist ohne Anstrengung zu erlangen, und die Stämme des Huambisavolkes sind so wenig bekannt, daß selbst ein halber Erfolg schon Erkenntnisse von wissenschaftlichem Wert eintragen mochte. Während ich so überlegte, wußte ich jedoch noch nichts von der bösartigen Natur der betreffenden Stämme noch von der Lage ihrer Dörfer.

Señor Ramon besaß eine Alligatorfarm am Unterlauf des Chimbiri-Yacu, die vollständig von einem Mischling und einigen halbzivilisierten Cocamas betrieben wurde. Bei Hochwasser während der Regenzeit pflegen die riesigen Reptilien flußaufwärts zu ziehen. Kommen sie dann wieder herab, wenn die Gewässer sich von neuem gegen den breiten Marañon zu verlaufen, so werden sie gefangen. Man kann sich kaum vorstellen, wie aufregend der Fang wilder Alligatoren ist. Viele Monate lang braucht man gar nichts zu tun. Wenn dann die Gewässer zu fallen beginnen, werden aus gigantischen Baumstämmen mit Seilen und Flaschenzügen riesige Fallen quer über den Fluß errichtet.

Die Tiere müssen sich daher in einem kleinen, am Ufer ausgehobenen Teich sammeln. Sind sie einmal darin, so gibt’s kein Entkommen mehr. Die ausgewachsenen, vielleicht ein bis zwei Jahrhunderte alten Saurier werden ihrer Häute wegen getötet. Da man sie nicht recht zu gerben versteht, bleiben sie etwas steif und vermögen mit den Häuten der Alligatorfarmen an den Küsten des Karibischen Meeres nicht in Wettbewerb zu treten. Señor Ramon erklärte sich bereit, mir jährlich 5000 Häute zu 25 Schilling das Stück zu verkaufen. Würde man sie durch besseres Gerben weich und geschmeidig machen, so wäre eine Alligatorfarm am entlegenen Amazonenstrom eine äußerst gewinnbringende Unternehmung, solange die Mode für Damenschuhe, Handtaschen und andere Gegenstände aus Krokodilleder Bedarf hat.

Nach dem Abschied von Señor Ramon und der Alligatorfarm überstürzten sich die Schwierigkeiten geradezu. Der Chimbiri-Yacu sieht freundlich und ungefährlich aus, hat aber eine starke Strömung und ist sehr seicht und voll Hindernissen, so daß die Arbeit, sich flußaufwärts zu staken, nicht nur äußerst anstrengend, sondern auch von so geringen Fortschritten begleitet war, daß wir in drei Tagen nur 35 Kilometer von dem Punkt aus zurücklegten, wo wir die Barkasse verlassen hatten. Der Wald war sehr dicht; rechts von uns erschienen verschwommene blaue Hügel.

Am Abend entdeckten wir, daß wir nahe der Mündung eines kleinen Flusses einen falschen Weg eingeschlagen hatten, der auf der Karte Perus den Namen „Urama“ trägt. Es war der letzte Fluß oder Ort mit einem Namen; jenseits liegt Terra incognita. Zuerst bemerkte ich diesen wichtigen Umstand am Nachlassen der Hauptströmung. Dadurch wurde es klar, daß wir nicht nur unsern Fluß verlassen hatten, sondern überhaupt jeden Fluß, der aus höher gelegenem Gelände herkam.

Mit einem Male verbreiterte sich der Fluß und wir sahen, daß wir in einen großen, aber sehr seichten See eingefahren waren. Da wir ihn auf keiner vorhandenen Karte finden konnten, benannte ich diese weite Wasserfläche, die wenigstens 24 Kilometer lang und 8 Kilometer breit war, auf der beigegebenen Karte „See der Seekühe“. Hier erblickte ich zum erstenmal diese unter dem Namen „Manati“ oder Seekuh bekannten seltsamen Süßwasser-Säuger. Sie kommen in vielen amazonischen Stauwasserbecken vor, werden aber von Reisenden, die ihre Lieblingsschlupfwinkel nicht kennen, nur selten gesehen. Die Brasilianer nennen die Seekuh auf portugiesisch „Peixe boi“, die Peruaner auf spanisch „Vaca Marina“. Fast jeder Indianerstamm hat einen eigenen Namen für diesen nützlichen Fisch, der sie mit Öl versorgt.

Der bläulichgraue, glatte Rücken der Seekuh ist oft äußerst schwer von stagnierendem Wasser oder einem schwimmenden Baumstamm zu unterscheiden. Kommt aber der Bauch nach oben, so entdeckt man das Tier leicht an rosa Zeichnungen, die ihm das Aussehen eines Gummiballs verleihen. Die gewöhnliche Länge eines ausgewachsenen Tieres beträgt etwa zwei Meter; sein Maul, von dem es seinen „Familiennamen“ hat, gleicht dem einer Kuh.

Sein Gesichts-, Geruchs- und Gehörsinn ist so fein entwickelt, daß die Eingeborenen behaupten, zur Jagd keines Tieres bedürfe man größerer Geschicklichkeit. Man fängt die Seekuh entweder mit der Harpune oder in starken Netzen, die vor dem Eingang zu ihren Futterplätzen aufgespannt werden. Das Fleisch gilt für recht gut und soll ähnlich wie Schweinefleisch schmecken. Mir selbst jedoch war der Geschmack zuwider. Das merkwürdige Tier hat Flossen, unter der Haut eine dicke Speckschicht und liefert mehrere Gallonen (zu 4½ Liter) Öl, das die Indianer zum Massieren bei verschiedenen krankhaften Schwächezuständen mit anscheinend wunderbarem Erfolg verwenden.

Nachdem wir für die Untersuchung dieses großen Waldsees einen Tag und eine Nacht geopfert hatten, suchten wir wieder den Hauptarm des Chimbiri-Yacu auf und arbeiteten uns zwei Tage gegen die Strömung flußaufwärts. Außer einer verlassenen Strohhütte bekamen wir nur den Dschungel und in weiter Entfernung einige Hügel zu Gesicht. Da wir die Unmöglichkeit einsahen, bei unserm langsamen Vorwärtskommen das Quellgebiet des immer seichter werdenden Flusses in einer vernünftigen Zeit zu erreichen, entschloß ich mich, in einen nicht so schnell dahinströmenden Fluß einzufahren, der auf 4° 10′ südlicher Breite vom Chimbiri-Yacu westlich abzweigt, denn wir waren von den zehntägigen Anstrengungen in der Dampfbadatmosphäre und dem häufigen Eingeweichtwerden von tropischen Regengüssen völlig erschöpft. Dieser Nebenfluß war so seicht, daß das leichte Kanu öfter festsaß als auf dem Wasser schwamm.

Am Morgen des zweiten Tages auf diesem namenlosen Fluß, den ich zu Orientierungszwecken „Indianerflüßchen“ getauft habe, trafen wir auf drei große Gemeinschaftshütten. Sie waren aus Chontapalmholz gebaut und standen am Rande einer Lichtung in geringer Entfernung vom Ufer. Auf dem Fluß lagen zwei Flöße oder Balsas, auf denen sechs Eingeborene mit furchterweckend aussehenden Bogen und Pfeilen standen.

Nachdem wir unsere freundschaftliche Gesinnung durch Zeichen kundgetan hatten, landeten wir bei der kleinen Lichtung. Sofort umgaben uns zwanzig oder dreißig Wilde, die das Eindringen eines Weißen nicht übel aufzunehmen schienen. Mehrere Freunde in Iquitos hatten mich aber vor dem verräterischen Charakter der Indianer dieser Gegend gewarnt und erzählt, wie einsame Prospektoren auf der Suche nach den sagenhaften Schätzen des Amazonenlandes von ihnen behandelt worden waren. Daher beschloß ich vorsichtig zu sein und das Lager unmittelbar am Ufer aufzuschlagen statt in der Nähe der Hütten auf der Lichtung.

Skizze des Chimbiri-Yacu-Gebiets.


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Westlicher Teil der obigen Karte

Östlicher Teil der obigen Karte

Durch Zeichen gab ich zu verstehen, daß wir nur für die eine Nacht hier lagern würden, verteilte einige Geschenke und tat so, als ob ich mich nicht weiter um die Indianer kümmerte, die herumstanden und uns beobachteten. Obwohl ich sehnlichst wünschte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und ihr Dorf in Augenschein zu nehmen, hielt ich das doch für gefährlich, ohne ihre Absichten erst erkundet zu haben. Wenn man nur zwei halbzivilisierte Eingeborenenboys zu seiner Verteidigung hat, trägt man kein Verlangen, sich in mehr Gefahren zu begeben als unvermeidlich an sich mit jeder Forschungsarbeit verbunden sind.

Während des ganzen Tags zügelte ich meine Ungeduld und beschränkte mich auf gelegentliche pantomimische Bemühungen, den Namen des Stammes herauszubringen. So entdeckte ich, daß er eine Unterabteilung des großen Huambisavolks war und „Anchuales“ hieß. Natürlich verschärfte sich nun mein Wunsch, ihr Leben und ihre Sitten zu untersuchen. Als die Nacht anbrach, saß ich vor meinem Zelt mit dem Rücken gegen den Fluß und den kurzen Winchesterkarabiner geladen und schußbereit in Reichweite. Dann stieg der Mond auf und überflutete die Lichtung mit seinen geheimnisvollen Strahlen. Ostentativ stand ich auf, warf die erst halbgerauchte Zigarre weg und verschwand im Zelt. Einer der Boys hielt draußen Wache.

Auf der Rückseite des Zeltes hatten wir die Leinwand absichtlich nicht befestigt. Ich konnte daher hier unter die Leinwand kriechen und wartete, bis eine Wolke den Mond verdeckte. Als endlich das Ufer für einen Augenblick im dunkeln Schatten lag, glitt ich den steilen Abhang hinab und verbarg mich unter dem Schutzdach im Stern des Kanus. Hier wachte und schlummerte ich abwechselnd, bis es anfing zu dämmern. Als alles ruhig blieb, badete ich und bereitete mich auf den kommenden Tag vor.

Von einem Umstand hatte ich mich durch diese Maßregeln überzeugt: daß kein unmittelbarer Angriff geplant war. Hätten die Indianer vorgehabt, mich zu ermorden oder auszuplündern, so würden sie mich sicher angegriffen haben, kurz nachdem ich mich ins Zelt zurückgezogen hatte, da sie glaubten, ich wolle nur eine Nacht hierbleiben. Dann wäre, abgesehen von den beiden Cocamaboys, der Weg frei gewesen, das kleine Lager zu überfallen.

Durch diese Erwägungen ermutigt, erklärte ich meine Absicht, den Aufenthalt um einen oder zwei Tage zu verlängern, angeblich, um den Kanuboys Gelegenheit zum Ausruhen zu geben, die übrigens diese Nachricht nichts weniger als freudig aufnahmen. Sogleich begann ich nun mit meinen Nachforschungen und nahm mir vor, sofort abzufahren, sobald ich sie zu einem Abschluß gebracht hätte.