16. Unheimliche Bräuche im Land der Uitotosindianer.
Man stelle sich einen Fluß vor, dessen Wasser wie flüssiges Erz aussehen, mit glatter, öliger Oberfläche, der schweigend und erbarmungslos zwischen den beiden Wänden eines üppigen, faulenden Waldes dahingleitet in der schläfrigen Dampfatmosphäre des tropischen Tags, und man hat den Beginn meiner sechsten langen amazonischen Reise von Iquitos flußaufwärts gegen den Oberlauf des Putumayo.
Solange jede Palmstrohhütte, jedes sonnenflimmernde Herumplätschern eines spielenden Delphins, jede schnatternde Affenkolonie, jeder baumstammähnliche Alligator, das wachsende Dröhnen der Regengüsse, das Rollen des Donners und Zucken der Blitze am dunkelvioletten Himmel noch etwas Neues, Seltsames und Aufregendes bedeuten und die Eintönigkeit der Landschaft sich noch nicht unauslöschlich dem Gedächtnis eingeprägt hat, mag die Schweißschicht, in die man Tag und Nacht gebadet ist, zeitweise vergessen werden. Bald aber beginnen die Hitze und Stille des Mittags auf die ermüdeten Sinne zu drücken. Das blendende Sonnenlicht legt sich schmerzend auf Augen und Gehirn. Dann kommt die Zeit, da die Seele des Reisenden erschlafft und da er sich nach der belebenden Luft der offenen Flächen sehnt.
In solch einem unerfreulichen Zustand befand ich mich, nachdem ich mich 48 Stunden lang mit Wolken von Stechmücken auf dem Unterlauf des Putumayo herumgeschlagen hatte. So schrecklich ist diese geflügelte Seuche, daß die kleinen Grenzgarnisonen in Tarapaca, Tacna und Cotuhé fast beständig mit Kopfnetzen und Stulphandschuhen zu leben genötigt sind. Das Wasser dieses schönen Flusses ist klar und weiß, die Strömung beträgt fünf Kilometer, und die Schiffahrt findet verhältnismäßig wenig Schwierigkeiten. Der Putumayo hat eine Länge von etwa 1600 Kilometer, aber sein Oberlauf ist von einigen Wasserfällen und Stromschnellen gesperrt. Durch den Rio Yaguas gelangt man nach der kleinen Niederlassung von Pebas am Amazonenstrom. Jenseits der Mündung des Yaguas wird die Fahrt auf dem Putumayo durch viele kleine Inseln erschwert, und dann kommt die Mündung des wenig bekannten Pupuna, eines kohlschwarzen Flusses, der zwischen Mauern dunkler, abschreckender Wälder dahinströmt.
Der Putumayo vereinigt sich etwa 650 Kilometer oberhalb seiner Mündung in den Amazonenstrom, auf 1° 4′ südlicher Breite und 71° 53′ westlicher Länge, mit einem Nebenfluß namens Igara-Paraná. Er spielt in den Berichten der Kommission eine große Rolle, die die in der Kautschukregion begangenen Greueltaten zu untersuchen hatte. Diesem weltentlegenen Fluß in den Tiefen der Urwälder Guayanas steuerte ich langsam und mühselig entgegen mit der Absicht, etwas von den Uitotos- und Ocainasindianern zu sehen, die dieses Gebiet bewohnen.
An der Mündung der beiden Flüsse vertauschte ich das Iquitos-Putumayo-Boot mit einer Privatbarkasse, die zu den Gummipflanzungen weiter flußaufwärts gehörte. Man steigt bei der kleinen Niederlassung Retiro um, wo der Fluß eine breite Fläche bildet. Einige Kilometer weiter, hinter der kleinen Station Arica, wird der Hauptfluß verlassen, und die Barkasse nimmt nun ernstlich die Fahrt den von dunkeln Wäldern umsäumten Igara-Paraná, 350 Kilometer hinauf, in Angriff.
Skizze des Gebiets des Igara Paraná.
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GRÖSSERES BILD
Im Bericht der Kommission heißt es, daß dieses Gebiet etwa 25000 Geviertkilometer groß ist und sich zwischen dem 72. und 74. Längengrad und dem Äquator und dem 2. südlichen Breitengrad erstreckt. Vor den Greueln wurde die Bevölkerung von den peruanischen Behörden auf 40–50000 Köpfe geschätzt. Die Mehrzahl dieses primitiven Volkes wohnte längs des Igara-Paraná. Der Fluß hat eine Länge von mehr als 600 Kilometer und ist für Fahrzeuge von 100 Tonnen und darüber von seiner Vereinigung mit dem Putumayo bis zur Station La Chorrera schiffbar, etwa 350 Kilometer von der Mündung.
Den Fluß entlang liegen zahlreiche kleine Ansiedlungen und Barracas, die zur Hauptkautschukstation in La Chorrera gehören. Sowohl die wilden als die halbzivilisierten Stämme, die in dieser ausgedehnten Waldenklave wohnen, sind zum größten Teil mit dem Einsammeln des kostbaren Saftes beschäftigt, den sie für Handelswaren an einer oder der andern der vorgeschobenen Niederlassungen verkaufen. Über die furchtbaren Greuel, die vor Jahren von gewissenlosen Halbblutagenten der großen Konzessionen begangen wurden, ist seinerzeit so viel geschrieben worden, daß es unnötig scheint, hier Geschichten zu wiederholen, die der ganzen zivilisierten Welt bekannt sind. Die öffentliche Aufmerksamkeit war für kurze Zeit auf diesen verhältnismäßig kleinen Fleck Erde in den großen Wäldern des Putumayo gerichtet mit dem Ergebnis, daß schnell Abhilfe geschaffen wurde. Für alle, die diese fernen, düstern und geheimnisvollen Gegenden kennen, lag das Erstaunliche der Sache nur darin, daß sich die Aufmerksamkeit lediglich auf dies eine Gebiet erstreckte, da es doch zahllose andere gab, wo die Verhältnisse bekanntlich ebenso schlimm, wenn nicht schlimmer lagen.
Die noch überlebenden wilden Stämme werden jetzt verhältnismäßig gut behandelt, obwohl die Moralverhältnisse hier wie anderswo im Amazonengebiet noch immer sehr viel zu wünschen übriglassen, sollen nicht die Eingeborenen in eine Mischlingsrasse verwandelt werden, die die Laster des niedrigstehenden Weißen und des verderbten Indianers ohne irgendeinen ihrer Vorzüge besitzt. Die Indianer hier haben die schauerliche Vergangenheit weder vergessen noch vergeben und betrachten jeden Weißen als Feind, der zu fürchten ist. Die Furcht allein verhindert an vielen Plätzen ein Blutbad.
La Chorrera ist eine kleine Ansiedlung von Palmholzhäusern und Strohhütten und liegt an einer wunderschönen Bucht des Flusses. In Mitte der Lichtung erheben sich die Verwaltungsgebäude der Kautschukgesellschaft, deren Konzessionen viele Tausende von Geviertmeilen umfassen. Hier hört die eigentliche Schiffahrt mit Barkassen auf; jenseits folgen die Stromschnellen von Chorrera. Von der kleinen Handelsniederlassung aus führen durch den Wald geschlagene Pfade zu Außenstationen, und noch weiter in den Wäldern zurück liegen die Dörfer des Uitotovolkes. Das Wort Uitoto bedeutet in der Eingeborenensprache Moskito. Man nennt diesen großen Indianerstamm so der dünnen, mißgebildeten Glieder und seltsam fetten Leiber seiner Angehörigen wegen. Doch ist diese Regel nicht ohne Ausnahmen. Die Ocainasindianer, die die Wälder längs des Igara-Paraná, etwa 80 Kilometer unterhalb La Chorrera, bewohnen, gehören zu den wohlgebildetsten und hellfarbigsten Rassen des Amazonengebiets. Allerdings ist es höchst zweifelhaft, ob dieser Stamm zu der Uitoto-Gruppe zu rechnen ist. Die Indianerrassen sind so vermischt, daß es unmöglich sein dürfte, in diesem und vielen ähnlichen Fällen zu einer sicheren Entscheidung zu kommen.
Bald nach meiner Ankunft in La Chorrera erfuhr ich, daß in einem der Ocainas-Walddörfer eine große Stammes-Tanzfestlichkeit stattfinden sollte. Eine Barkasse brachte mich flußabwärts zu der kleinen, gegen Angriffe wohlgeschützten Handelsfaktorei und dann eine kurze Wanderung durch den Wald zu den riesigen Strohhütten des merkwürdigen Stammes.
Die Vorbereitungen zu dem großen Tanz, der am nächsten Tag abgehalten werden sollte, waren schon in vollem Gang. Völlig nackte Mädchen und Kinder wurden eben mit aus Pflanzen gewonnenen, lebhaften Farben sorgfältig bemalt, und einige schienen über das vorzeitige Erscheinen eines Weißen nichts weniger als entzückt. So wandte ich denn meine Aufmerksamkeit den riesigen, glänzend ausgeführten Hütten dieses Stammes zu. Doch konnte ich nicht umhin, mich von der schönen Körperbildung der Ocainas im Vergleich mit der anderer Stämme des Waldes zu überzeugen.
Die Gemeinschaftshäuser der Ocainas sind sehr große, mit Palmstroh gedeckte, zeltförmige Hütten, deren Bau außerordentliche Mühe gemacht haben muß. Ihre Höhe beträgt wenigstens 7½ Meter, bei 10 Meter Breite und über 30 Meter Länge; der Eingang ist fast 2 Meter hoch und anderthalb Meter breit. Die Dachsparren dieser Familienwohnstätten reichen bis auf den Boden. Im Innern herrscht überall Halbdunkel, nur erhellt von der düstern Glut schwelender Feuerstellen; und bis sich die Augen daran gewöhnt haben, setzt es einige Beulen und Stürze ab. Nackte Gestalten huschen gleichgültig vorüber. Auf dem harten Lehmboden stehen irdene Töpfe und Tiegel umher, die, wie ich bemerkte, mit Henkeln versehen und mit eigenartigen Zeichnungen geschmückt sind. Außerdem sieht man Weidenkörbe voll von Früchten, Mörser, um Farinha zu zerstoßen, und kleine Fächer aus Palmblättern. Von Betten aber war außer einigen Haufen trockener Blätter, auf denen Kinder schliefen, nichts zu merken.
Am folgenden Morgen verließ ich schon früh das Lager und begab mich auf den kleinen Platz vor den Hütten, um die letzten Vorbereitungen nicht zu versäumen. Einige Männer trugen Jacken und Hosen, andere schienen eine kleine Schürze in jeder Hinsicht für ausreichend zu halten. Die älteren Weiber waren in ein loses, weißes Gewand gekleidet, aber die jüngeren Mädchen erschienen vollständig nackt, während die Alten noch die letzte Hand an ihre kunstvollen Körperbemalungen legten. Die meisten waren verhältnismäßig wohlgebildet und hatten jedes überflüssige Haar von ihrem Körper entfernt. In der Hautfarbe waren alle Töne von dunkler Bronze zu fast reinem Weiß zu finden. Ein Kind, das als einzige Bekleidung eine merkwürdige Halskette aus weißen Steinscheiben trug, war heller als alle Indianer, die ich auf meinen bisherigen Reisen im Amazonengebiet angetroffen hatte. Die Ocainasweiber tragen das Haar entweder kurz geschnitten oder lang über die Schultern herabhängend. Bei allen Männern und Kindern ist es kurz geschnitten.
Die phantastischen Bemalungen, hauptsächlich auf Leib und Beinen, müssen stundenlange Arbeit erfordert haben und ließen sich wohl nicht so leicht wieder entfernen. Mehrere ältere Mädchen trugen merkwürdige Beinbekleidungen mit Quasten, andere wieder Fußringe und einige wenige breite Gürtel aus gefärbtem Stroh in der Art von losen Miedern. Augenscheinlich waren die Beine einiger Mädchen mit dem klebrigen Saft des Kautschukbaumes bestrichen und dann in den Blütenstaub einer Palme getaucht worden. Die Männer hielten in jeder Hand einen Tanzstock. Das ganze Schauspiel machte den Eindruck eines Bacchanals.
Der Tanz fing an mit einer schwingenden Linie farbenfreudig bemalter, aber sonst ungeschmückter Mädchen, die auf der kleinen palmenumsäumten Lichtung langsam vor- und zurückgingen. Die Männer verschränkten die Arme und rückten so unter wildem Geschrei auf die Lichtung vor. Die Paare faßten sich nun bei den Händen und begannen auf ungeschlachte Weise seltsam gleichförmige Körperverdrehungen auszuführen. Jene, die Tanzstöcke hatten, stampften mit den Füßen wie auch mit ihren langen Stangen auf den Boden, und alle sangen und schrien, während die älteren Weiber auf der Erde sitzend eine Art von Tamtam dazu schlugen. Als alles zu Ende war, bewegten sich die Mädchen in ihrem Staat umher ohne die geringste Verlegenheit, aber von irgendwelcher Unschicklichkeit oder Roheit war nicht das mindeste zu bemerken. In letzter Zeit ist dieser Tanz von dem brasilianischen Forscher und Filmoperateur Silverio Santos photographisch aufgenommen worden. Seiner Liebenswürdigkeit verdanke ich die Bilder neben Seite 192/193.
Dieser Ocainatanz machte einen mehr bacchanalischen als barbarischen Eindruck und glich nicht im geringsten den unheimlichen Bräuchen, deren Zeuge ich 1600 Kilometer weiter südlich in den monderhellten Wäldern gewesen war. Der Stamm ist jetzt verhältnismäßig friedlich, wenn auch gänzlich unzivilisiert. Die meisten seiner Angehörigen sind als Kautschuksammler in den wilden Wäldern dieses Riesengebiets angestellt.
Die Ocainas glauben an einen guten Geist „Usinamwe“ und einen bösen Geist „Taipenu“ und verehren außerdem „Itoma“, die Sonne, und „Fuey“, den Mond. Stirbt ein Häuptling, so wird er unter dem Boden seiner Hütte begraben; andere werden mit all ihrer irdischen Habe in einiger Entfernung vom Dorf beigesetzt. Die Macanas oder Holzschwerter, Blasrohre und Tanzstöcke gelten als Symbole der Herrschaft und werden daher nicht mit dem jeweiligen Inhaber begraben, sondern vererben sich von Generation zu Generation. Das Hauptnahrungsmittel ist eine Art Kuchen, der aus der zerstoßenen Wurzel des Kassave bereitet wird. Nachdem das Gift abgeschieden wurde, macht man daraus einen Teig und bäckt ihn auf flachen, irdenen Platten. Der Geschmack ist bitter und teigig.
Vielleicht der interessanteste Brauch bei diesem Stamm besteht darin, die Körper nach reichlichem Schwitzen mit gewissen Blättern abzureiben, um alle Hautunreinigkeiten zu entfernen. Ob darin der Grund für ihre helle Hautfarbe liegt, ist schwer zu sagen. Von allen amazonischen Stämmen, mit denen ich in Berührung kam, haben die Ocainas bei weitem die schönste Gestalt und reinste Haut. Sie badeten täglich im Fluß, und da sie keine alten und gewöhnlich muffigen Kleider tragen, hatten sie nicht den ekelhaften Geruch an sich, der so häufig den halbzivilisierten Indianer kennzeichnet.
Vom Dorf der Ocainas aus begab ich mich nach Norden durch die Wälder und im Kanu auf dem Igara-Paraná jenseits der Stromschnellen in das Gebiet der Nonuyas, eines Zweiges der Andokesindianer. Sie sind Kannibalen und ihre Hütten liegen im Herzen des Dschungels, etwa 50 Kilometer vom Fluß und einem Punkt namens Ultimo Retiro entfernt. Obwohl der Stamm den Weißen nicht mehr offen feindlich entgegentritt, haben sich doch einige kannibalische Gebräuche erhalten. Werden bei den fast beständigen mörderischen Kriegen Gefangene von benachbarten Stämmen eingebracht, so mästet man sie sorgfältig, gibt ihnen Weiber und schlachtet sie dann bei großen Festlichkeiten. Verzehrt werden nur gewisse Körperteile, so das Gehirn, um Weisheit und Schlauheit zu erlangen, das Herz zur Übertragung von Mut und der rechte Arm, um der Stärke teilhaftig zu werden. Derartige Orgien finden nur nachts in den Tiefen der Wälder statt, nachdem das Zeichen zur Versammlung der Stämme durch die „Manguaré“ gegeben wurde.
In ihrer äußern Erscheinung sind die Nonuyas abschreckend häßlich. Ihre Hautfarbe ist ein oft merkwürdig fleckiges und scheckiges Gelbbraun. Die Männer tragen das übliche Lendentuch, aber die Weiber gehen völlig nackt. Als Schmuck tragen sie Halsketten aus Menschenzähnen und Vogelfedern, die sie ins Haar stecken. Ihre Bewaffnung besteht aus einer Art Holzschwertern, Blasrohren und Lanzen. Der Dialekt dieser Stämme scheint allen Anforderungen an eine richtige Sprache zu genügen und klingt keineswegs rauh oder guttural. Sie verehren Sonne und Mond.
Mehrere Stämme dieses Gebiets, einschließlich der Nonuyas, kauen Kokapflanzen und Tabak. Aus den Blättern der Koka gewinnen sie Kokain, das sie befähigt, Ermüdung, Schmerz und Hunger in bemerkenswertem Grad auszuhalten; aber sie altern dabei sehr rasch. Sie ähneln in dieser Hinsicht den Aymara-Indianer der bolivianischen Hochebenen, nur ist die Art und Weise des Kokakauens bei ihnen verschieden. Die Bergstämme kauen das frische Blatt zusammen mit ein wenig gewöhnlichem Kalk oder Pottasche, während die Waldstämme das Blatt der Kokapflanze rösten, es mit Holzasche zusammen zu Pulver reiben und dann erst das Gemisch kauen. Der Speichel löst dann das Kokain. Sowohl die Nonuyas wie andere Stämme am obern Igara-Paraná durchbohren die Nasenscheidewand und setzen ein Stück Rohr ein. Die Weiber entfernen alle überflüssigen Haare vom Körper, aber ihre Glieder sind so mißgestaltet und verkrüppelt, daß ihr Anblick nichts weniger als erfreulich wirkt.
Bei den wenig bekannten Carijonasindianern des Caquetágebiets von Kolumbien, das an das Putumayogebiet angrenzt, wird ein merkwürdiges Getränk aus einer Pflanze namens Yagé bereitet, die wild in großen Massen in den dichten und ungesunden Wäldern vorkommt. Yagépräparate haben sich in Fällen von Beri-Beri als heilkräftig erwiesen, eine Krankheit, die, wie man jetzt weiß, durch einen hohen Grad von Blutarmut verursacht wird. Außerdem aber haben sie auch die seltsame Wirkung auf den Einnehmenden, ihn in einen Zustand zu versetzen, in dem das volle Bewußtsein schwindet und das Unterbewußtsein somit frei wird, telepathische Mitteilungen entgegenzunehmen!
Das mag unglaublich klingen, aber für die Wahrheit liegt beträchtliches Beweismaterial vor. Die erste Entdeckung wurde 1912 durch Dr. R. Z. Bayon gemacht, der in dieses schwierige Gebiet eindrang und tatsächlich die Yagémixtur bereitete, wie sie bei den wilden Carijonasindianern und ihren Medizinmännern in Gebrauch ist. Er machte damit Versuche an sich selbst und an Eingeborenen, die an der Beri-Beri-Krankheit litten und die er alle heilte. Um die telepathischen Wirkungen auszuprobieren, erklärte sich Oberst C. Morales, der Kommandant einer Militärabteilung in der Nähe, zu einem Versuch bereit. Dr. Bayon hat öffentlich berichtet, daß der Patient sofort sich des Todes seines Vaters und der Krankheit seiner Schwester bewußt wurde, die in einem andern Teil Kolumbiens lebten, durch Hunderte von Meilen undurchdringlicher Wälder getrennt. Der Arzt fügt hinzu, daß Oberst Morales damals infolge Mangels an richtiger Nahrung sehr schwach, daß er aber sonst ein nerviger und intelligenter Mann war. Einen Monat später traf ein Kurier in der Außenstation ein, wo der Versuch stattgefunden hatte, mit Briefen, die die Nachricht vom Tod und der Krankheit enthielten, wie sie Oberst Morales gleichzeitig in seinem unterbewußten Zustand geschildert hatte. Dr. Bayon nennt das rohe Präparat, das damals angewandt wurde, „Telepatina“ und empfiehlt die geheimnisvolle Pflanze der Aufmerksamkeit der Forscher und Wissenschaftler in diesem Gebiet.
Einige der Carijonasindianer, deren ungefähre Anzahl auf 50000 angegeben wird, überschreiten den Caquetá zum Trans-Putumayo und geben zu, daß sie eine Art Getränk mit bläulicher Färbung aus einer Kletterpflanze herstellen, die sie als Yagé bezeichnen. Es scheint von ihr vier Arten zu geben, die alle ähnliche Wirkungen haben. Durch Verdunstung gewinnen die Medizinmänner stark konzentrierte Lösungen. Obwohl man diese Indianer mit dem Gattungsnamen „Carijonas“ bezeichnet, gehören sie doch zu vielen verschiedenen Stämmen, die alle eigene Dialekte sprechen. Aber mehrere, die man befragte, stimmten in ihren Aussagen über Gebrauch und mentale Wirkungen des geheimnisvollen Trankes überein.
Zuerst trübt sich das Seh- und Empfindungsvermögen. Darauf scheint Wahnsinn einzutreten, aber ob schon nach der ersten Dosis oder erst nach fortgesetztem Gebrauch, konnte noch nicht festgestellt werden. In diesem Geisteszustand bilden sich die Leute ein, wilde Tiere zu sein, ziehen sich oft tagelang ins dickste Dickicht zurück und zerreißen jeden, der sich ihnen nähert. Solche Wirkungen auf das Gehirn eines Wilden scheinen ganz gut vorstellbar. In späteren Stadien wird der Patient halb kataleptisch, ist aber fähig, Vorgänge zu schildern, von denen er bei vollem Bewußtsein weder etwas gesehen noch gehört haben kann. Europäische Städte, Musik und gleichzeitige Ereignisse sind so in allen Einzelheiten beschrieben worden, für die der spärliche Wortschatz der Eingeborenensprache nicht ausreichte, so daß rohe Zeichnungen als einzig mögliches Verständigungsmittel zu Hilfe genommen werden mußten. Unter den halbblütigen Kautschuksammlern, die in diesen entlegenen Gebieten leben, sind mehrere dem Gebrauch des merkwürdigen Mittels ergeben. Einesteils, weil es ihre Empfindlichkeit gegen Schmerz, Hunger und Ermüdung abstumpft und die Beri-Beri-Krankheit heilt, aber auch wegen seiner seltsamen Wirkungen, die es ihnen nach ihrer Aussage ermöglichen, „weit weg von den düstern und ungesunden Wäldern zu leben“.
In einem kleinen Eingeborenendorf am obern Caquetá führt ein Weißer das Leben eines Wilden. Er ist zum Sklaven dieser geheimnisvollen Eingeborenentränke geworden und jetzt Cacique oder Häuptling einer Unterfamilie der Andokes. In Europa erzogen, kam er vor 25 Jahren in diese Gegend und nimmt heute teil an den schauerlichen Orgien der Wilden. So unglaublich diese Geschichte von dem geheimnisvollen „Yagé“ auch jenen klingen mag, die mit den seltsamen Giften der großen Wälder des Amazonengebiets nicht vertraut sind, sollte man doch nicht vergessen, daß die Kokapflanze, deren Gebrauch bei den Aymara-Indianern seit ungezählten Jahrhunderten bekannt ist, erst jetzt der Wissenschaft und dem zivilisierten Laster den „weißen Schnee“ liefert, und daß die Zauberdoktoren und Cabocloheiler jener Wälder bei zahlreichen gewöhnlichen Leiden mit weit stärkeren Medizinen operieren, als der wissenschaftlichen Welt bekannt sind oder von ihr angewendet werden.
Die Carijonas tragen einen Pflock im Ohrläppchen. Von diesem Gebrauch erhielten sie ihren Namen (Großohren). Sie haben die Farbe heller Bronze, sehr flache Gesichter, zurückgehende Stirnen, dicke Lippen, grobes schwarzes Haar, das über den Rücken herabhängt, und tragen keinerlei Bekleidung. Die jungen Mädchen und Kinder sehen lange nicht so häßlich, ungesund und abschreckend aus wie die Männer und alten Weiber. Wahrscheinlich kommt das von den Wirkungen des beständigen Genusses von Koka, Yagé und Tabaksaft. Für ihre Pfeile gebrauchen sie verschiedene Gifte, hauptsächlich Kurare, außer beim Fischen und der Jagd auf kleine Eidechsen und Frösche, die sie in unglaublichen Mengen verzehren. Ihre Hütten sind die üblichen Gemeinschaftswohnungen aus Chontaholz und Palmstroh, haben aber keine Eingänge. Um hinein- oder herauszukommen, heben sie einen beweglichen Teil des Daches ab. Gelegentlich trifft man einen Carijona, dessen Ohren durch Ringe mit daranhängenden schweren Gewichten fast bis zu den Schultern herabgezerrt werden. So entstellte Leute sind fast immer Stammesunterhäuptlinge oder Zauberdoktoren. Sie verstehen es, prächtige Hängematten aus Fasern und Federn zu verfertigen, die sie entweder durch andere, friedfertigere Indianerstämme gegen Lebensmittel verhandeln lassen oder selbst an wandernde Caboclohändler am Oberlauf des Caquetáflusses verkaufen. Ihre Sprache ist rauh und guttural und scheint sich auf wenige, ähnlich klingende Wörter zu beschränken. Hört man allerdings einen Eingeborenendialekt zum erstenmal, so hat man fast stets diesen Eindruck, so daß wohl erst genauere Untersuchungen zu einem endgültigen Ergebnis führen dürften.
Obwohl es im Caquetá-Putumayo-Napo-Gebiet mehrere Hunderte von kleinen Unterstämmen mit verschiedenen Namen gibt, die aus wenigen Familien bestehen, stammen sie doch alle von sechs großen Stämmen ab. Diese sind: die Uitotos am Igara-Paraná und Putumayo; die Ocainas am Igara-Paraná, die bei weitem intelligentesten unter ihnen; die menschenfressenden Carijonas am Caquetá; die Andokes des obern Igara-Paraná und die Boras am untern Caquetá. 1903 führten die wilden Andokes, von denen die Nonuyas ein Zweig sind, einen derart mörderischen Krieg gegen die wenigen kolumbianischen Kautschuksammler, daß diese sich um Hilfe nach Iquitos wenden mußten.
In diesem Gebiet fand der französische Forscher Emile Robuchon den Tod unter Umständen, die niemals aufgeklärt wurden. Er war von der Regierung beauftragt worden, die allgemeinen Verhältnisse am Putumayo zu untersuchen und hatte sich längere Zeit am Igara-Paraná aufgehalten. Er hatte ein Uitotomädchen geheiratet und schien nach hinterlassenen Photographien mit einer Anzahl von Stämmen auf bestem Fuß zu stehen. Das Buch, an dem er schrieb, wurde nie beendigt und später von einem peruanischen Konsul in Manáos herausgegeben. Er soll von menschenfressenden Indianern ermordet worden sein. Wie dem auch sein mag, jedenfalls erzählt man sich abenteuerliche Geschichten an den Lagerfeuern dieses Grenzgebiets. Alles, was von Robuchon in der Putumayoregion zurückblieb, ist eine Hunderasse, die seiner eigenen treuen dänischen Dogge gleicht.