6. Auf dem sichtbaren Äquator.

Der Rückzug den Tapajóz hinab brachte unsere kleine Expedition an den Rand des Untergangs. Mangel an richtiger Nahrung in der Dampfhitze begann ernstlich fühlbar zu werden, noch ehe die letzten 130 Kilometer zurückgelegt waren. Manche Stunden wurden mit dem Versuch verloren, Eingeborenenmehl in mehreren Palmstrohhütten an verschiedenen Stellen des breiten Flusses zu bekommen, denn später stellte sich heraus, daß sie alle verlassen waren. Meine beiden Caboclos wurden allmählich widerspenstig. Jeder versuchte, sich vom Paddeln zu drücken und verwünschte die Eltern des andern. Mich selbst machte eine Darmstörung, wie sie unter Weißen auf den Kautschukflüssen gewöhnlich ist, weit weniger widerstandsfähig als sonst gegen die Wirkungen der Hitze, der Anstrengungen und der Unterernährung.

Für einen weißen Forscher ist es abseits der Hauptrouten im Amazonengebiet fast unmöglich, sich aus dem Fluß, den Wäldern oder von den Eingeborenen eine richtige Nahrung zu verschaffen, außer vielleicht gelegentlich einen schlechten Fisch und Früchten, die aber auch nicht ohne Zeitverlust und Anstrengung zu erlangen sind und damit den Vorteil wieder wettmachen. Unvorhergesehene Verzögerungen bei der Abreise oder beim Rückzug führen mit Sicherheit zum Untergang, wenn nicht schon von vornherein für ausreichende Vorräte Vorsorge getroffen ist. Auf solche Art sind in diesem geheimnisvollen Land von unvorstellbarer Ausdehnung schon mehr Leute zugrunde gegangen als durch die Feindseligkeit und Hinterlist der Eingeborenen.

Glücklicherweise trat ein Umstand ein, der schon vielen Reisenden auf diesen Flüssen das Leben gerettet hat und auch meiner kleinen Expedition ermöglichte, Itaituba vor dem Eintritt völliger Erschöpfung zu erreichen. Wir fuhren mit der Strömung, die auf allen Flüssen des Amazonengebiets gegen den Hauptstrom zu gerichtet ist. Ihre Schnelligkeit hängt gänzlich ab von der relativen Wasserhöhe des Amazonenstroms im Verhältnis zu der des betreffenden Nebenflusses. Wenn der große Strom selbst Hochwasser führt, staut er seine Zuflüsse so lange zurück, bis es wieder fällt.

Zu solchen Zeiten werden Tausende von Geviertkilometer Wald überschwemmt, und die tiefliegenden Flächen in den Flußtälern bilden noch wochenlang ungeheure und unzugängliche Sümpfe, nachdem die eigentliche Überflutung sich wieder verlaufen hat. Es gehört eine beträchtliche Erfahrung dazu, alle hydrographischen, topographischen und klimatischen Umstände in Rechnung zu ziehen, um Fehlschläge zu vermeiden. In unserm Fall ersparte uns eine falsche Berechnung der Strömung mehrere Hungertage. Später einmal aber schwang das Pendel nach der andern Richtung, und ich und zwei Begleiter wurden von der Außenwelt durch mehr als 300 Kilometer Sumpf abgeschnitten, den die sich verlaufende Flut zurückließ.

In Santarem, wo mehrere Europäer sich aufhalten, genügte eine Ruhewoche und ein reichhaltigerer Speisezettel, um mich und die beiden Caboclos wieder so weit herzustellen, daß wir ohne Tränenvergießen voneinander Abschied zu nehmen vermochten. Meine Begleiter auf der Tapajóz-Expedition, die mir eine gewaltige Enttäuschung bereitet hatten, kehrten in ihre Heimstätten bei Pará zurück, und ich selbst bestieg einen wirklich prächtigen, nach Manáos bestimmten Dampfer, der kleinen isolierten und typisch amazonischen Stadt, 1675 Kilometer flußaufwärts am Amazonenstrom.

Die Reise den breiten, sonnenhellen Strom hinauf bis zu seiner Vereinigung mit dem Rio Negro, unterhalb jener kleinen, wundervollen Stadt, ist voll Reiz und Interesse. Prächtige Schmetterlinge flattern über das Deck und farbig gefiederte Vögel fliegen, aufgeschreckt von der Bewegung und dem Geräusch des Schiffes, über den Fluß oder die waldbedeckten Ufer entlang. Aus dem Dunkel tauchen ungeheure, schöngefärbte Motten, angezogen von den Lichtern auf Deck. Schwimmende, glänzend grüne Inseln und entwurzelte Bäume bieten den geierartigen Urubú und andern seltsamen Vögeln bequeme Ruheplätze.

Hoch über den Mauern des schweigenden, grünen Waldes zieht der Adler des Amazonas langsam seine Kreise im tiefen Blau des Himmels. Manchmal wird die glänzende Fläche des größten aller Ströme durch das Spiel eines Delphins unterbrochen. Riesige Fische steigen aus der Tiefe empor, um nach den über Bord geworfenen Überresten zu schnappen, und weit in der Ferne fällt hin und wieder der Blick auf unbekannte flachgipfelige Ketten, ungeheure Flächen der wie Rauch erscheinenden tropischen Wälder und offenen Campos. Es ist die Schwelle zum Unbekannten, die auf der Landkarte eingezeichnete Straße durch ein kartographisch nicht aufgenommenes Gebiet so groß wie ganz Europa. Hinter jeder Windung des Stromes, jedem Igarapé, jeder entfernten Waldfläche liegt das Geheimnisvolle. Nur die Ufer sind erforscht, und auch sie nicht eigentlich. Rohe Palmhütten mit halbnackten Bewohnern, die meilenweit voneinander getrennt hausen, sind die einzigen Zeichen der Zivilisation längs dieser Tropenstraße in dem großen toten Herz des Kontinents.

Nachts steigt das Geheimnis aus dem unermeßlichen Schweigen, den Blitzen, die keinen Donner hervorbringen, dem eigentümlichen Gezirp der Insekten, den Flammen riesiger Waldbrände, denen in unserer Phantasie Jaguare, Tapire, Hirsche, Affen, Vögel, Schlangen und Hunderte anderer Bestien in toller Flucht zu entrinnen suchen. Das Geheimnis lauert in dem unheimlichen Schrei der Brüllaffen, dem Geheul des Jaguars, die weithin durch die Stile der tropischen Nacht vernehmlich sind. Ist die Natur friedlicher gestimmt, so wandelt der große, weiße tropische Mond den dunklen Strom in einen Pfad goldenen Lichts, von dem sich die schlanken Palmen wie Geister abheben. Hier sind die Tropen unsrer Vorstellungen: der sternenerhellte Fluß, der wie aus Silbersand bestehende Strand, die übers Wasser gleitenden ausgehöhlten Kanus und der leise warme Wind, beladen mit allen Wohlgerüchen der großen Wälder ringsumher.

In neuester Zeit ist der Amazonenstrom auch den Touristen zugänglich geworden. Die größte amazonische Organisation hat ihn dem Weltverkehr erschlossen und ihre Dampfer der Führung der erfahrensten Piloten anvertraut. Seine Geheimnisse und seine Pracht liegen offen vor jenen, die abseits der gewöhnlichen Routen im Luxus zu reisen wünschen. Da mein Buch den Berichten über Forschungsreisen zu den entlegenen Stämmen der Wilden gewidmet ist, bleibt mir nur wenig Raum für allgemeinere Schilderungen von Landschaften und Erlebnissen, so ungewöhnlich oder interessant sie auch sonst sein mögen. Die Flußstraßen, die an dem großen Unbekannten vorüberziehen, müssen im allgemeinen außer Betracht bleiben. Sollte sich aber einer meiner Leser entschließen, diese einzig dastehende Reise auszuführen, die jetzt in aller Sicherheit und Bequemlichkeit auf einem Kursdampfer von Liverpool bis Manáos, 1600 Kilometer weit stromaufwärts, unternommen werden kann, so wird er die Erfahrung machen, daß man einen Schuß vom Deck an fast jedem Punkt der Fahrt abfeuern und sicher sein kann, daß selbst auf dem Hauptstrom der Schall in einer Wildnis verhallt, die noch nie vom Fuß eines Weißen betreten wurde.

Die kleine Niederlassung Obidos, an einem Hügel des Nordufers gelegen, ist nur deshalb erwähnenswert, weil der Strom hier verhältnismäßig eng wird und beide Ufer ohne dazwischenliegende Inseln sichtbar sind. Dann verbreitert er sich von neuem und strömt zwischen den wirklich wundervollen Wänden des großen amazonischen Urwalds dahin, der an Höhe und Dichte des Unterholzes die Wälder am Kongo oder andern tropischen Flüssen weit übertrifft.

Am Südufer des Amazonenstroms, zwischen Obidos und Itacoatiara, liegt die kleine Siedlung Parintins, in der Nähe der großen Flußinsel Tupinambaranas, auf der sich eine verlassene Stadt befinden soll. Von der kleinen, typisch amazonischen Niederlassung zieht ein Fluß ins Land, namens Camuma. Eine zehntägige Fahrt flußaufwärts bringt den Reisenden zur Eingeborenenniederlassung Maues, der Heimat jenes merkwürdigen Arzneitranks, der weit und breit im Amazonengebiet unter dem Namen „Guaraná“ bekannt ist.

Er wird von den Mauesindianern aus einer kleinen Kletterpflanze bereitet, die zur Familie der Sapindaceae (Paullinia sorbilis) gehört und nicht nur wild in den Wäldern wächst, sondern auch angebaut wird. Die Samen werden im November gesammelt, in der Sonne getrocknet, leicht geröstet, zu Pulver zermahlen und unter Zusatz von Wasser zu einer Paste verrührt. Manchmal wird diese in eine wurstähnliche Form gebracht und so, über dem Feuer erhärtet, in Matto Grosso, Bolivia und an den Flüssen des Amazonengebiets verkauft. Die Indianer und Caboclos bereiten daraus ein Getränk, indem sie die harten Würste auf der getrockneten, feilenartigen Zunge des Pirarucúfisches zerreiben und dann dem Pulver Wasser zusetzen. Auch zu merkwürdigen Zierstücken verarbeitet man die Paste in der Form von Alligatoren, Jaguaren, Vögeln und Schlangen, die als Sammelgegenstände in Pará und Manáos verkauft werden.

Guaraná ist eines der verhältnismäßig wenigen amazonischen Arzneimittel, das in der britischen Pharmakopöe aufgeführt wird. Es gibt nicht nur ein sehr anregendes Getränk, sondern ist auch von anerkannter Wirkung in Fällen von Dysenterie. Im Amazonengebiet bereitet man daraus durch Zusatz von Kohlensäure ein recht wohlschmeckendes „Mineral“-Wasser, das an Beliebtheit mit dem althergebrachten „Assai“ wetteifert. In Maues, wo der Extrakt von halbzivilisierten Indianern hergestellt wird, befindet sich eine Pflanzung von Guaranábüschen, die einem Italiener gehört. Kleinere Mengen wurden bereits in die Vereinigten Staaten von Amerika ausgeführt.

In dieser kleinen Niederlassung befindet sich auch eine Station des Indianeramtes der Vereinigten Staaten von Brasilien. Jetzt ist sie der Mittelpunkt der Zivilisierung der früher wilden Mauesindianer.

Kehren wir zum Amazonenstrom zurück. Tage vergehen, dann erscheinen auf einer kleinen Lichtung des Nordufers die wenigen rosa und weiß gestrichenen Barracas und Landhäuser von Itacoatiara oder Serpa. Dies ist der Stapelplatz für den großen Madeirafluß, der von seiner Mündung sich nach Süden wendet, einige 130 Kilometer oberhalb Itacoatiara. Auf seinem über 1600 Kilometer langen Lauf aus den unerforschten Wäldern von Matto Grosso nimmt er zahlreiche Nebenflüsse auf.

Krieger mit Bogen.


GRÖSSERES BILD

Indianerhäuptling mit Bogen und Pfeilen.


GRÖSSERES BILD

Wir verlassen nun den Amazonenstrom, um etwa 15 Kilometer vor Manáos in den Rio Negro einzufahren. Das Zusammenfließen der beiden Gewässer bietet ein eigenartiges Schauspiel. Der Rio Negro führt schwarzes Wasser, wie sein Name besagt, das sich mitten in der gelben Flut des Amazonenstroms in großen schwarzen Flecken und kleinen Wirbeln hält. So deutlich scheiden sich die Wasser ab, daß der Bug des Dampfers ins dunkle Wasser taucht, während der Stern noch vom gelben umspült wird. Hier befinden sich auch zwei nicht mehr benützte Leuchttürme, die von den Eingeborenen die „Steine des Poraqué“ genannt werden.

„Poraqué“ heißt der elektrische Aal, den die Eingeborenen aller amazonischen Flüsse außerordentlich fürchten wegen der schrecklichen, zuweilen tödlichen Schläge, die er dem nackten Körper versetzt. Auf irgendeine Weise wurde das geheimnisvolle Licht, das früher die beiden einsamen Türme verbreiteten, mit der Wirkung jener gefürchteten Flußbewohner in Verbindung gebracht.

Von den im Sonnenschein strahlenden, meergleichen Fluten des Rio Negro aus gewährt Manáos einen hübschen Anblick. Weißschimmernde Häuser, Türme und Dächer aus mattroten kanellierten Ziegeln erscheinen im smaragdgrünen Rahmen des tropischen Dschungels, der stellenweise durch rotbraune Erdklippen oder das blauschwarze Wasser der kleinen Wasserläufe oder Igarapés unterbrochen wird. Beim ersten Blick wird man an ähnliche Bilder im Osten, in Afrika, oder selbst an den Küsten des blauen Mittelländischen Meeres erinnert. Kaum sind wir aber gelandet, so verschwinden diese plötzlich aufgetretenen Eindrücke wieder und wir merken, daß diese einzige amazonische Stadt, die über 1600 Kilometer in jeder Richtung von der Zivilisation abliegt, ihre völlig eigene Atmosphäre besitzt.

Am auffallendsten ist die moderne Aufmachung in ihrer Abgeschiedenheit. Im Hafen erheben sich Elevatoren und Drahtseilbahnanlagen auf ungeheueren, längs der Uferbank schwimmenden Kais, um die Unterschiede in der Wasserhöhe — fast 20 Meter! — zu überwinden. Eine schöne Straßenbahn dient nicht nur dem Verkehr in der Stadt, sondern läuft durch den Dschungel bis zu einem Restaurant in Flores. Ein Kraftwerk für elektrisches Licht liefert auch Strom zum Betrieb der Ventilationsapparate und zum Kochen. Manáos besitzt eine Trinkwasserversorgung, verschiedene Zeitungen, die das Neueste aus der ganzen Welt bringen, ein schönes Theater mit hauptsächlich lokalen Talenten und die fünftgrößte Münzensammlung des Erdballs, aber keine Eisenbahnverbindung. Von jedem Punkt der Stadt aus kann man den wilden Dschungel in zwanzig Minuten Gehzeit erreichen, und auf dem gegenüberliegenden Ufer sind die Alligatoren fast die einzigen Bewohner der Igarapés. Eine Eingeborene, die am Strand des S. Raymundo benannten Stadtteils wusch, sah ihr badendes Kind plötzlich zwischen den Kinnladen eines mächtigen Alligators. Sie sprang ins Wasser und drückte ihre Finger in die Augen der Bestie, die darauf den kleinen braunen Körper wieder losließ. Gleich hinter Flores wurden einsame Fußgänger auf der einzigen Landstraße in weitem Umkreis von Jaguaren angegriffen, in Schußweite von der Straßenbahnlinie. Vom Turm der Kathedrale sieht man weit über dem großen Fluß die wilden, unerforschten, schwarzgrünen Wälder, deren ungebrochene Linien sich im violetten Dunst des Horizonts verlieren.

Die gastfreundliche englische Kolonie besitzt ihren Klub, dessen Beschränkungen mehr in natürlichen Umständen liegen, als einer Absicht entsprechen. Unter diesen Verhältnissen und bei dem schlechten Zustand meiner Gesundheit war es nur natürlich, daß der beabsichtigte Aufenthalt von ein oder zwei Tagen auf die doppelte Zeit ausgedehnt wurde. Bei meinen drei Besuchen von Manáos bestand die größte Schwierigkeit immer darin, wegzukommen, ohne meine vielen Freunde dort zu verletzen. Aber das ist kein Grund, den Leser mit Schilderungen des gesellschaftlichen Lebens in diesem kleinen Vorposten der Zivilisation zu langweilen.

Eine seltsame Naturerscheinung zeigt sich in dieser und andern Gegenden des Amazonengebiets alljährlich um den 24. Juni, der merkwürdigerweise mit dem Festtag Johannes’ des Täufers zusammenfällt. Die Wassertemperatur oberhalb der Stadt fällt plötzlich, und das in solchem Grad, daß kleine Fische oftmals zugrunde gehen. Die Wirkung ist auch in der Luft längs der Ufer fühlbar, besonders am Amazonenstrom selber. Die Ansiedler an so weit auseinanderliegenden Plätzen wie Iquitos, Manáos und Obidos beklagen sich über die plötzliche Kälte. Während dieser wenigen Tage kann man am Äquator beinahe eine europäische Kleidung vertragen. Die Ursache der kalten Luft- und Wasserströmung liegt auf dem Pazifischen Ozean. Der verhältnismäßig warme „Chinook“-Wind streicht über die höchsten Anden, schmilzt den Schnee und pfeift durch die rauhen Pässe. Dort verliert er seine Wärme und zieht mit dem Schneewasser durch die tropischen Wälder und über die Steppen des Amazonengebiets.

Einige Zeit brachte ich damit zu, mir dürftige Auskünfte über den Aufenthalt wilder Indianerstämme in den weitentlegenen Wäldern zu verschaffen und daneben prosaische Geschäfte zu erledigen. Eines Tages hörte ich von einem Offizier des Indianeramtes, daß einige neue Stämme um den achten südlichen Breitengrad vorhanden sein sollten, in den dichten Wäldern und ungesunden Sümpfen zwischen den Flüssen Madeira und Aripuanan.

Etwa acht Monate vorher hatte ein unbekannter Stamm, wie man erzählte, einige halbblütige Kautschuksammler angegriffen und umgebracht, die in jene entfernten Gegenden eingedrungen waren, ungefähr 1500 Kilometer südlich von Manáos, an der Grenze von Matto Grosso. Einem überlebenden Caboclo war es schließlich gelungen, sich durchzuschlagen und den Behörden in Porto Velho am Madeirafluß Kunde zu bringen.

Der Offizier, dem ich diese Auskünfte verdankte, gehörte dem tapferen Korps an, das als Indianerschutzamt von General Rondon im Jahre 1910 eingerichtet wurde. Artikel 219 seiner Vorschrift lautet folgendermaßen: „Keine Mühe, keine Gefahr und kein Opfer ist zu scheuen, wenn es sich bei der Pazifikation der wilden Indianerstämme darum handelt, ihnen zu helfen und sie vor Ausbeutung und Unterdrückung zu schützen.“ Ich sah den tapfern Offizier nicht wieder, hörte aber, daß er später an der Grenze Venezuelas umgebracht worden war. Kürzlich hatte ich noch das Vergnügen, mit Dr. Bento Martins Pereira de Lemos zusammenzutreffen, dem alten Chef des Indianeramtes im Amazonengebiet und mit seinem Assistenten J. Gondim. Beide waren mir in weitgehendem Maße behilflich, endgültig einige der Stämme zu identifizieren, die ich zu verschiedenen Zeiten auf meinen Reisen in entlegenen Gebieten angetroffen hatte. Zuletzt sah ich Dr. Lemos zwischen einem kleinen indianischen Knaben und einem Mädchen. Noch ein Jahr früher waren beide Angehörige eines wilden Kannibalenstammes gewesen, dem ich in den düstern Wäldern am Aripuananflusse begegnet war. Doch davon werde ich in einem der nächsten Kapitel erzählen.