7. Auf dem großen Madeira in das Land der Caripunasindianer.
Nach der Abfahrt von Manáos ging es flußabwärts bis zur kleinen Niederlassung von Itacoatiara. Dort bestieg ich den Flußdampfer „Francisco Salles“, der den Oberlauf des Madeira befährt. Ich hoffte, in einer der kleinen Ansiedlungen auf dem Weg oder in Porto Velho, dem Ausgangspunkt der Madeira-Mamoré-Eisenbahn, Genaueres über den Ort zu erfahren, wo die unbekannten Indianerstämme hausen sollten. Denn man wird sich erinnern, daß ich über ihre Jagdgründe nicht viel mehr wußte, als daß sie in den wilden, unerforschten, 500 Kilometer langen und 300 Kilometer breiten Wald- und Sumpfgebieten liegen sollten, die sich zwischen den Flüssen Madeira und Aripuanan um den achten Grad südlicher Breite als Mittellinie erstrecken.
Auch die Hilfsquellen und Forschungsmöglichkeiten in dieser Gegend waren so unbekannt wie ihre Bewohner, und die Wahrscheinlichkeit wichtiger Entdeckungen brachte daher alle Besorgnis vor Fehlschlägen zum Schweigen. Der Dampferverkehr endigt an der abgelegensten Eisenbahn der Welt, der Madeira-Mamoré-Bahn, die 400 Kilometer schäumender Katarakte auf dem Landweg umgeht. So dachte ich, daß eine auf Augenschein beruhende Schilderung dieser Unternehmung, die nach einem amerikanischen Ausspruch von „Dr. Lovelace und Chinin“ ausgeführt worden war, die Zeitungsleser in Europa und den Vereinigten Staaten wohl interessieren müßte.
Ich hatte also einen zweifachen Zweck im Auge, während ich statt der dschungelbedeckten Ufer des Amazonenstroms nun die noch dunkleren und dichteren Wälder des großen Madeiraflusses an mir vorbeiziehen ließ. Kaum waren wir an der großen Insel nächst der Flußmündung vorüber, als sich der erste Unfall ereignete. Der Dampfer saß auf einer überfluteten Sandbank fest, die sich erst kürzlich gebildet hatte, gerade gegenüber den riesigen Imbaubabäumen von Fazendinha. Nach einer Stunde war das kleine Fahrzeug wieder flott und konnte seinen Weg gegen die starke Strömung fortsetzen. Meilenlang strömte nun der Fluß zwischen dichten Uferwäldern dahin. Nur eine Reihe von Inseln unterbrach seinen Lauf, wie Urucurituba, Ypringa und viele andere. An mehreren kleinen, mit Palmstroh gedeckten Hütten ging es vorüber, dann gab es wieder einen, diesmal freiwilligen, Halt, um 120 Kilometer von der Mündung, an einem Lager, Perseverança genannt, Holz einzunehmen. Hier standen zahlreiche wilde Kautschukbäume und Kokasträucher. Wirklich, es gehört eine besondere Art von Beharrlichkeit dazu, daß Menschen die Kraft finden, sich in diesen feuchtheißen Wäldern abzuplacken, um einen kleinen Dampfer mit Feuerung zu versorgen!
Bald nach der Weiterfahrt trafen wir auf eine weite Fläche überschwemmten Waldes und auf offenes Wasser, obwohl die Ufer bisher ziemlich hoch gewesen waren. Wir befanden uns in der Nähe des Furo das Guaribas (Affenloch) am Prepriocassee, der seine niedern Ufer überflutet und sich mit dem Madeira vereinigt hatte. Dann schlossen sich wieder die dichten Wälder um uns zusammen und begleiteten uns bis zur kleinen Ansiedlung von Borba, die wir am Morgen des dritten Tages erreichten. Ihre wenigen verfallenen Lehmhäuser, Barracas und Strohhütten stehen auf einer steilen erdigen Bank, vom dichten, dunkeln Urwald eingefaßt. In der Mitte des Dorfplatzes erhebt sich gegen den Fluß zu eine winzige Kirche. Die Schule war geschlossen, weil kein Lehrer hatte bleiben wollen, und die Blicke der paar halbnackten armseligen Caboclofamilien sprachen von hilfloser Verlassenheit, Beri-Beri und Malaria.
Hinter Borba erschienen einige merkwürdige Felsriffe, die auf dem Ostufer sich auf etwa 300 Meter landeinwärts erstreckten. Die Höhe der Bäume nahm zu, und die Schatten unter ihren Kronen wurden schwärzer. Hier und da leuchteten aus der düstern grünen Wand die gelben Blüten des Pao d’arco, des berühmten amazonischen Baumes. Die Ufer waren niedrig und sumpfig. Dann ging es plötzlich um eine Flußbiegung, und bald darauf wurde die Mauer des Waldes von der Mündung des Autazflusses unterbrochen. Gegenüber kamen wir an einer Barraca vorüber, und an Stelle des Waldes trat niederer, verfilzter Dschungel. Wir mußten nun durch die gefährliche Marapity-Enge, die wir kaum hinter uns hatten, als sich schon die unter dem Namen „Pedras dos Ganchos“ bekannten Felsen vor uns aus dem Fluß erhoben, dessen Oberfläche in eine Reihe von Strudeln und Wirbeln aufgelöst schien. Rundumher nichts als Igarapés, Seen und wilder Wald.
Bald nachdem wir die Alligatorinsel umfahren hatten, an der vor vielen Jahren die Greavesexpedition gescheitert war, erreichten wir Vista Alegre mit seinen Wäldern brasilianischer Nußbäume, seinen zweistöckigen Häusern und einer kleinen Missionsstation. Die Ufer liegen hier höher und sind stärker bevölkert. Die Murasindianer, die einstigen Bewohner dieser Gegend, wurden von kriegerischen Stämmen im Süden beinahe ausgerottet, und vom Fluß aus bekam man ihre Maloccas nicht zu Gesicht. Die Strömung ist hier sehr stark und bildet zahlreiche Strudel. Die Vegetation macht den Eindruck noch größerer Üppigkeit als an den Ufern des Amazonenstroms.
Einige Meilen weiter, hinter der unbedeutenden Niederlassung von Taboçal, kamen wir an einem kleinen Friedhof vorüber. Zahlreiche Holzkreuze bezeichnen die letzten Ruhestätten der Opfer dieser ungesunden Flußgegend. Auch der Forscher Alvez hat hier sein Grab gefunden. Dann tauchten die Aripuananinseln auf an der Vereinigung des gleichnamigen Flusses mit dem Madeira.
Zwischen diesen beiden sich gabelnden Flüssen liegt das große, fast unerforschte Gebiet, in dessen halbdunkeln Wäldern sich irgendwo die Maloccas und Jagdgründe der von mir gesuchten Indianerstämme befanden. Ich glaubte sie jedoch nicht näher als etwa 300 Kilometer südlich der Mündung vermuten zu sollen, und die Frage erhob sich, welcher der beiden Flüsse als zweckmäßigste Zufahrtslinie in Betracht käme. Bis jetzt war es mir nicht möglich gewesen, außer vagen Behauptungen über das Vorhandensein wilder Stämme verläßliche Auskünfte zu erhalten. Da ein Eindringen in die Wälder und das kaum bekannte Flußbecken mit großen Gefahren verknüpft war, schien es nicht geraten, den Dampfer zu verlassen und Vorbereitungen für eine Fahrt den Aripuanan hinauf zu treffen. Ein Schiffsverkehr besteht auf ihm nicht, und so hätte es eine Kanureise von 1200 Kilometer ins Unbekannte hinein bedeutet, um mit Erfolg durchzuführen, was nur einer wohlausgerüsteten Expedition gelingen mochte. Tatsächlich hat eine solche später den Aripuanan von seiner Quelle bis zu seiner Vereinigung mit dem Madeira befahren.
Was mir vorschwebte war, einen bessern Annäherungspunkt zu den unerforschten Wäldern zwischen den beiden Flüssen aufzufinden, und nach mehreren Versuchen hatte ich damit auch Glück. Ich entschloß mich nämlich, den Madeira noch weiter hinaufzufahren und einige seiner kleinen östlichen Nebenflüsse zu untersuchen.
Während der nächsten 120 Kilometer bot die Landschaft nichts Besonderes. Dann ging es zwischen Felsen und unbedeutenden Stromschnellen durch die gefährliche Flußkrümmung bei der Urua-Insel. Wieder schloß sich der Urwald um uns zusammen, und auf weite Strecken war nichts sichtbar als der Saum des niedern Dschungels, hin und wieder eine Strohhütte, eine Barraca oder das einsame Heim einer Caboclofamilie. In dieser trübseligen Gegend erlebte ich den schönsten Sonnenuntergang, der mir bisher beschieden gewesen war. Der ganze Himmel stand in Flammen von Gold und Rot zwischen einem Gewoge von Wolken. Gerade hindurch schnitt das dunkle Band der olivengrünen Wälder, und im Widerschein des Wassers spiegelte sich die feurige Glut des Himmels. Ein wundervolles Schauspiel, das mir mehr Eindruck machte als die Mitternachtssonne des Nordkaps oder die Nordlichter Alaskas. Die folgende Nacht jedoch war finster und stürmisch.
Die hübsche kleine Ansiedlung Manicoré liegt auf einer steilen Uferbank über dem Hochwasserstand des schlammigen Flusses. Langsam geht sie der Zerstörung entgegen, da die Ufer unaufhaltsam von der starken Strömung unterwaschen werden. Obwohl es in Manicoré keine eigentlichen Straßen gibt und die wenigen Häuser und Schuppen auf der bloßen und oft recht schmutzigen Erde stehen, wirkt es doch lange nicht so verwahrlost und trübselig wie Borba. Andererseits bietet es allerdings auch nicht das mindeste an Interesse. Denn rings ist es vom Dschungel umschlossen, und die Bevölkerung setzt sich zumeist aus Caboclos zusammen. Die kleine Kirche ist das einzige Gebäude, das nicht in Trümmer fällt.
Bei der Jaguarinsel macht der Fluß zahlreiche Windungen. Man soll den Knall eines Schusses hören können, der 30 Kilometer weiter flußaufwärts abgefeuert wird, weil die beiden Punkte in der Luftlinie nur 3 Kilometer voneinander entfernt sind. Hier liegt die Mündung des ungesunden Marmellosflusses. Sein Quellgebiet soll bis an den Tapajóz reichen, und das dazwischenliegende Gebiet befindet sich zum größten Teil in den Händen wilder Indianerstämme. An diesem Fluß haben sich nicht wenig Tragödien abgespielt. Auf einer Kautschukpflanzung, nur einige Kilometer von der Mündung, starben in einem einzigen Jahr über 100 Leute am Fieber.
Auf der Jaguarinsel steht ein kleiner Seringal (Faktorei), bei dem wir anhielten, um einige Vorräte zu laden. Man zeigte mir einen ungeheuern Baum, der eine große Menge eines milchartigen Saftes absondert, wenn man ihn mit dem Buschmesser anschneidet. Die Waldindianer trinken den Saft an Stelle von Kuhmilch, und die halbzivilisierten Anwohner der Flüsse gießen ihn in ihren Kaffee. Bei den Eingeborenen heißt der Baum „Solu“; sein wissenschaftlicher Name ist mir nicht bekannt. Diese Pflanzenmilch ist recht wohlschmeckend und anscheinend bekömmlich, wenn auch, soviel ich weiß, eine chemische Analyse von ihr noch nicht gemacht wurde. Es gibt hier buchstäblich Tausende von Heilkräutern, von denen die Zivilisation keinerlei Kenntnis besitzt. Von den Eingeborenen werden sie bei leichteren Erkrankungen mit wunderbarem Erfolg angewandt, und sicher würde auf diesem Feld der Forschung eine reiche Ernte das Studium lohnen.
Noch immer fuhren wir zwischen den Mauern der Wälder dahin. In Jumas-Quadras, einer großen Station auf dem Westufer, gab es kurzen Aufenthalt. Dann ließen wir die alte São-Pedro-Missionsstation hinter uns, die verlassen und vom Dschungel überwachsen im Wald liegt, und bekamen einige Stunden später die kleine Stadt Humaitá zu Gesicht. Sie liegt auf einer hohen Uferbank, von der Steintreppen zum Hoch- und Niederwassermal herabführen. Die kleine Niederlassung besitzt einige Ziegelhäuser neben den üblichen Lehm- und Strohhütten und erfreut sich sowohl einer Licht- wie Trinkwasserversorgung. Erbaut wurde sie auf dem Gebiet des Oberst Monteiro, der das urbar gemachte Land, das Stadtgebiet und die städtischen Bauten der brasilianischen Regierung 1890 schenkte. Die Bevölkerung beläuft sich jetzt auf über tausend Köpfe.
Längs der Ufer des Madeiraflusses vollzog sich die erste Entwicklung der Kautschukindustrie im Amazonengebiet. Da der Madeira die Hauptverkehrsstraße nach dem nordöstlichen Bolivia bildet, bietet sich hier die beste Gelegenheit, die Bedingungen der wenigen und sehr dünnen Fäden einer Halbzivilisation zu studieren, die einige Teile des toten Herzens Südamerikas durchziehen. Eine Meile vom Flußufer entfernt stehen wir mitten im jungfräulichen Urwald, auf allen Seiten von Barbarei umgeben. Die Dampfschiffahrt endigt in Porto Velho, von wo die wunderbarste und gleichzeitig abgelegenste Eisenbahn der Welt, die Madeira-Mamoré-Bahn, den Reisenden und seine Waren an 400 Kilometer Stromschnellen vorüberträgt, um ihn an den schiffbaren Flüssen des wilden Benigebiets in Bolivia wieder abzusetzen.
Es ist unnötig, hier die letzten 80 Kilometer auf dem Madeira, zwischen Humaitá und Porto Velho, wie auch die Eisenbahn zu schildern, die hier beginnt, sich am Fluß entlang zieht und in Guajara-Merim in Bolivia ihr Ende erreicht. Porto Velho ist eine saubere, schön angelegte, mit Beleuchtung versehene europäische Niederlassung. Hier befindet sich die Eisenbahnverwaltung, deren Gebäude zum größten Teil durch Drahtgaze gegen die Moskitos geschützt sind. Die Linie wurde von Brasilien gebaut und 1913 vollendet, nachdem es durch den Vertrag von Petropolis einige Landkonzessionen als Entschädigung von Bolivia erhalten hatte. Ehe die Bahn bestand, mußten alle vom Atlantischen Ozean nach Bolivia bestimmten Waren den Amazonenstrom und den Madeira hinauf befördert, in São Antonio umgeladen und zusammen mit den Kanus über Land getragen werden, eine Strecke von 400 Kilometer an neunzehn Katarakten vorbei. Will man sich die Aufgabe in ihrer ganzen Riesenhaftigkeit klarmachen, europäische Waren in das nordöstliche Bolivia auf diesem Weg zu schaffen, der auch kaum schlechter ist als ein anderer, so muß man sich vorstellen, daß sie erst über den Atlantischen Ozean nach Pará verschifft werden mußten, dann etwa 1500 Kilometer auf dem Amazonenstrom, hierauf ungefähr 1000 Kilometer auf der schiffbaren Flußstrecke des Madeira nach São Antonio. Dort wurden sie in flache Kanus umgeladen, die bis zur ersten Stromschnelle hinaufzufahren vermochten. Von hier konnten die Waren auf wochenlangem Marsch nur noch auf dem Rücken von Eingeborenen befördert werden, und dann kam erst eine neue Flußfahrt über viele Hunderte von Kilometer durch halb erforschte Gegenden, wo das Fieber wütete und wilde Indianerstämme in den umliegenden Urwäldern hausten. Alles in allem eine gewagte Unternehmung in tropischer Hitze und Witterung, die etwa sechs Monate in Anspruch nahm!
Der Bau der Madeira-Mamoré-Eisenbahn wurde schon 1874 begonnen, aber mehrere Expeditionen mußten, durch Fieber, Sümpfe und feindliche Indianerstämme gezwungen, den Plan wieder aufgeben. Schließlich wurde er doch ausgeführt, ebenso wie der Panamakanal mit Hilfe der ärztlichen so gut als der technischen Wissenschaft. Die Amerikaner nennen sie mit vollem Recht die wunderbarste Urwaldbahn der Welt. Es ist aber Tatsache, daß fast jede Schwelle dieser 367 Kilometer langen Bahnstrecke zum Grabstein eines Menschenlebens geworden ist.
Eine romantische Persönlichkeit war es jedoch, ehe auf solche Weise die Fälle des obern Madeira umgangen wurden, und ist es in gewissem Sinne noch heute, die den Handel und alles sonst in diesem wilden Gebiet beherrschte. Ihr Name ist Nicolas Saurez. Würde die Geschichte dieses Mannes jemals geschrieben, sie gäbe eine aufregende Erzählung des Lebens in den großen Wäldern und an den Kautschukflüssen des Amazonengebiets. Nicolas Saurez fing als Händler an und trat in Beziehungen zu den wilden Stämmen an den Flüssen Beni, Mamoré und Madre de Dios, denen sich zu nähern bis dahin noch kein Weißer gewagt hatte. Bald erlangten er und seine Brüder Konzessionen, die sich von landesherrlichen Befugnissen kaum unterschieden. Er herrschte mit fester Hand über die wilden Indianer. Das kleinste Vergehen oder das mindeste Zeichen von Verräterei fand eine schreckliche Sühne. Ein Angehöriger von Saurez’ Familie wurde von den Indianern ermordet, und schauerliche Geschichten von der Bestrafung ganzer Stämme sind in Umlauf.
In dem Acre-Krieg bildeten Saurez’ Irreguläre eine entscheidende Macht. Später vernichtete er die Räuberbanden von Mischlingen, die plötzlich die Kautschukpflanzungen raubend und mordend zu überfallen pflegten, um sich dann über die Grenze in verhältnismäßige Sicherheit zurückzuziehen. Ein von Saurez ausgestellter Passierschein bedeutete für Reisende und Forscher im Benigebiet weit mehr als der Paß einer Regierung. Bei verschiedenen Gelegenheiten hatte ich das Vergnügen, mit einem Neffen dieses „Herrschers der Beni“ zusammenzutreffen, der in Europa erzogen worden war. Unmöglich, einen liebenswürdigeren und kenntnisreicheren Bolivianer zu finden! Aber Unglück und Tod setzten schließlich seinen weitreichenden Plänen für die Entwicklung seiner Heimat ein vorzeitiges Ziel.
In Porto Velho hörte ich von einem Stamm der Caripuna-Indianer, deren Dorf einige Meilen flußaufwärts an dem kleinen Mutum-Paranáfluß liegen sollte. Obwohl Wilde im vollsten Sinn des Wortes, waren diese eigenartigen Eingeborenen doch mehr oder weniger den Eisenbahnpionieren dieser Gegend vertraut und konnten daher nicht zu den wilden und unbekannten Stämmen gehören, deren Spuren ich nachforschte. Trotzdem schien mir der Besuch ihres Dorfes eine Reise von etwa 200 Kilometer wert, da ich dort genauere Auskünfte über unzugänglichere Stämme zu erhalten hoffen durfte. Ich brachte also meinen ganzen Kram und die Vorräte vom „Francisco Salles“ an Land und bestieg die Mamorébahn, die mich an der Mündung des schlammigen Flusses Mutum-Paraná absetzte.
Dank der Hilfsbereitschaft der Eisenbahnbeamten dieser Wunderlinie, die über 3000 Kilometer von jeder Zivilisation beginnt und endigt, war ich bald im Besitz eines Kanus und zweier „gezähmter“ Caripunasindianer, die mich von der kleinen Niederlassung in der Nähe der Mündung am stromschnellenreichen obern Madeira flußaufwärts bringen sollten. Nachdem wir São Antonio passiert hatten, etwa 11 Kilometer von unserm Ausgangspunkt Porto Velho, lichtete sich der Wald, und die Farbe des Bodens wandelte sich von einem satten Rotbraun in ein helles, sandfarbiges Gelb. Auf dem Weiterweg verlor sich der Dschungel in Buschwerk, und die Fahrt ging viele Meilen lang durch Sümpfe.
Der Mutum-Paraná ist ein schmaler und seichter Fluß. Hohe, dunkle Bäume säumen seine Ufer, das Unterholz steht aber nicht so dicht wie wohl sonst im Amazonengebiet. Stellenweise verbirgt die Wölbung der Baumkronen völlig den Anblick des Himmels. Alles Wachstum der Blätter und Zweige drängt sich wipfelwärts zum Licht, so daß die Bäume den Eindruck riesenhafter Schirme machen. Es ist eine ungesunde Gegend, und meine zwei Kanuleute, die sich der Namen „Washington“ und „Cochrane“ erfreuten, litten beide an den Anfangsstadien der Beri-Beri-Krankheit. Sie wurden sonst von der Verwaltung beschäftigt, die Eisenbahnangestellten mit Fischen zu versorgen und waren ganz freundlich und umgänglich. Gekleidet waren sie in eine Art von losen Hemden und Hosen.
Viel Interessantes war auf diesem schlammigen und halbdunkeln Fluß nicht zu sehen, vermutlich, weil die Mauer des Matto Grosso oder Walddickichts jeden weitern Ausblick unmöglich machte. Was über die unmittelbaren Uferbänke hinauslag, konnte man nur beiläufig aus der Abwesenheit von Hügelland erschließen. Die Hitze war arg, und der Blutdurst der Moskitos und „Piums“ noch ärger als gewöhnlich. Dazu kam noch, daß das schwere ausgehöhlte Kanu nur ein langsames Weiterkommen gestattete. Glücklicherweise lag das Indianerdorf näher der Mündung zu, als wir erwartet hatten, und gerade vor Sonnenuntergang bekamen wir die mit Palmstroh gedeckten Maloccas durch den Saum des Urwalds hindurch zu Gesicht.
Als das Kanu am Ufer anlegte, vermochte ich eben noch wild aussehende Gestalten zu unterscheiden, die unter den Bäumen etwa 80 Meter entfernt im Halbkreis umherstanden. Ich griff nach dem Segeltuchsack, der die Geschenke enthielt, und sprang an Land. Obwohl der Stamm als den Weißen nicht offen feindlich gesinnt galt, schien es mir ratsam, die Friedfertigkeit meiner Absichten zu betonen. Daher ließ ich alle Waffen zurück bis auf einen Revolver in der Tasche. Als ich auf die Indianer zukam, wichen sie weder zurück, noch näherten sie sich; sie blieben einfach still stehen und starrten mich unruhig an. Möglich, daß ihnen einige der Eisenbahnbeamten bekannt waren und daß sie mich für einen von ihnen hielten. Vielleicht schien ihnen auch in meiner Begleitung durch zwei Stammesgenossen eine Bürgschaft für meine Harmlosigkeit zu liegen. Wie dem auch sein mag, jedenfalls kamen sie allmählich zögernd näher, als ich nun aus dem Sack Ketten von billigen Perlen hervorzog, Taschenmesser, kleine Spiegel und andere Geschenke. Ich unterschied jetzt Männer, Weiber und Kinder, die alle völlig nackt waren. Man hatte mir in Porto Velho erzählt, daß die Caripunasindianer viel unter der Gewissenlosigkeit der Kautschuksammler zu leiden gehabt hatten, die ihre jungen Mädchen in den Wald verschleppten, um sie nach ein oder zwei Tagen, meilenweit vom Dorf, irgendwo zurückzulassen. Behandelte man sie aber als Menschen, so waren sie, wie es hieß, ein vergnügtes, fügsames, wenn auch aussterbendes Völkchen.
Dem Aussehen nach gehören die Caripunasindianer entschieden zum mongolischen Typus. Ihre Hautfarbe ist bronzen, das Haar glänzend schwarz. Sie tragen es vorn in Fransen geschnitten und lang über den Rücken herabhängend. Ihr Wuchs ist klein, und sie gehen gänzlich nackt bis auf einen dünnen Faserstrick, den die Männer um die Lenden schlingen. Die Weiber tragen an dessen Stelle einen verzierten Gürtel. Aber beides dient dazu, den Eindruck ihrer Nacktheit eher zu erhöhen als abzuschwächen. Säuglinge werden von der Mutter in einer Binde um den Nacken getragen. Kochgerätschaften scheinen sie nicht zu besitzen außer einigen rohen, irdenen Tiegeln.
Haben die Caripunas gerade keine andere Nahrung, so füllen sie sich den Magen, indem sie Erde essen. Man kann die Wirkung dieses Nahrungsmittels und des „Farinha“ genannten Mandiokamehls auf den Bildern beobachten. Es wird aus den giftigen Wurzelknollen des Kassavestrauchs gewonnen und bildet für alle halbzivilisierten und wilden Indianer das Hauptnahrungsmittel. In dem kleinen Eingeborenendorf am Mutum-Paraná sah ich zum erstenmal seine Zubereitung. Kurz nach Tagesanbruch begaben sich die Weiber des Stammes zu den „Farinha“-Öfen aus getrocknetem Lehm, unter denen fast beständig ein Feuer unterhalten wird. Zum Schutz gegen die tropischen Regengüsse tragen die Ofen ein niederes Dach aus Palmstroh. Die Kassavewurzeln werden in eine Art halbkreisförmigen Trogs gelegt, der aus dem gespaltenen Stamm einer Miritypalme ausgehöhlt ist, und dann zu Brei zerquetscht. Das nur roh durchgeknetete Mehl wird durch ein Fasersieb getrieben, zu einem feinen Teig verrührt und in Kuchen geformt, die man zuweilen einige Stunden lang gären läßt.
Caripunasindianer beim Bogenspannen.
Man beachte die Lendenschnur und die Grasbänder an Armen und Beinen.
Die Länge des Bogens beträgt über 2 Meter.
⇒
GRÖSSERES BILD
Wilde Caripunasindianer.
⇒
GRÖSSERES BILD
In diesem Stadium der Zubereitung der Eingeborenenfarinha enthalten die Kuchen etwas Blausäure und sind folglich giftig. Man entfernt das Gift, indem man den Teig unter Zusatz von Wasser in einen eigenartigen Faserbeutel einfüllt, der beim Ziehen an beiden Enden wie eine Presse wirkt und so Wasser und Gift ausscheidet. Dies wird mehrere Male wiederholt, ehe man das halbgetrocknete, gelblich weiße Mehl in einen Tiegel oder offenen irdenen Topf schüttet. Dann wird der Inhalt mit einem Stock über dem Feuer umgerührt, bis er eine gelbbraune Farbe annimmt und nun zur Nahrung tauglich ist. Fast alle Indianer führen diese „Farinha“, in Blätter eingewickelt, auf Jagd- oder Kriegszügen bei sich. Ihr Nahrungswert ist jedoch sehr gering, sie treibt den Magen auf und macht für Bleichsucht und die Beri-Beri-Krankheit empfänglich.
Mein Boy „Washington“ wußte einige englische Worte, und mit seiner Hilfe versuchte ich, nachdem die Geschenke verteilt waren, ein einsilbiges Gespräch zu führen, um herauszubringen, ob noch andere Indianerstämme in dem umliegenden Gebiet hausten. Fürs erste erfuhr ich nur, daß die Wälder fast unbewohnt waren bis auf einige Caripunasfamilien, die über das weite Gebiet verstreut weiter südlich lebten. Dann kam mir der Gedanke, eine rohe Landkarte auf dem Lehmboden der Lichtung zu skizzieren, aber die Indianer zeigten nur mehrere Male auf eine Stelle, wo etwa Porto Velho liegen konnte, weil sie offenbar der Meinung waren, daß ich dahin reisen wollte. So schien auch dieses Mittel zu versagen. Die Schwierigkeit lag darin, daß ich Auskunft über die Wohnsitze von Stämmen wünschte, die nicht zur Caripunasfamilie gehörten.
Schon wollte ich meine Bemühungen verzweifelt einstellen, als eine vom Mutum-Paraná nach Nordosten gezogene Linie plötzlich lebhafte Zeichen der Verneinung hervorrief. Indem ich diese Spur aufgriff, erfuhr ich schließlich, daß viele „Sonnen“ weit weg in jener Richtung mächtige Krieger lebten, die den Weißen ebenso haßten wie die Caripunasindianer. Dadurch wurde die Ansicht erfahrener Forscher in Velho bestätigt, daß die vom Madeira weit abliegenden Wälder gegen Nordosten zu von den Parintintins bewohnt würden. In der Nähe von Ansiedlungen waren sie nie zu sehen, galten aber für den wildesten Stamm in dem großen amazonischen Waldgebiet. Ich sprach den Namen „Parintintin“ aus, begegnete jedoch nur Blicken völliger Verständnislosigkeit. Entweder war meine Aussprache des Wortes unrichtig oder der Stamm trug bei den Indianern einen andern Namen. Auf spätern Reisen erklärte sich die anscheinende Verständnislosigkeit, da die einheimische Bezeichnung für die wilden Parintintins gänzlich verschieden klingt.
Das Indianerdorf am Mutum-Paraná bestand aus sechs Gemeinschafts-Maloccas. In jedem befanden sich die Herdfeuer dreier Familien, die in verhältnismäßiger Eintracht, aber ohne die leiseste Spur einer Absonderung zu leben scheinen. Das halbdunkle Innere war voll Rauch von den Holzfeuern, die auf dem Lehmboden verglommen. Auf der Lichtung war ein wenig Kassave angebaut.
Die Caripunas sind recht geschickte Fischer. Die Jagd auf Großwild, wie Jaguare, Tapire oder Hirsche ist ihnen zu anstrengend, und sie ziehen vor, Affen zu erlegen und zu verspeisen. Viele der Eingeborenen fallen alljährlich den Bissen der zahlreichen Giftschlangen in den Wäldern des obern Madeira zum Opfer oder lassen in den erdrückenden Umschlingungen der Riesenschlangen ihr Leben. Die Kinder sehen für Indianer manchmal ganz gut aus, altern aber sehr schnell. Das übliche Heiratsalter ist zwölf oder dreizehn Jahre.
Tatauieren oder Bemalen des Körpers ist bei den Caripunas nicht gebräuchlich. Dagegen umwinden sie Waden- und Armmuskeln mit schmalen Faserriemen. Ob sie das in dem Glauben tun, dadurch ihre Kraft zu erhöhen, weiß man nicht genau. Doch scheint es unwahrscheinlich, weil der Brauch unter Männern durchaus nicht allgemein ist und auch bei Weibern und jungen Mädchen auftritt. Die Kanus der Caripunas sind ganz roh. Ein Baumstamm wird ausgehöhlt und zusammengebogen, so daß die offenen Enden weit über dem Wasser liegen. Es muß nicht wenig gefährlich sein, in diesen unhandlichen Booten die seichten, von Alligatoren wimmelnden Flüsse und Igarapés zu befahren. Die Bewaffnung der Männer besteht aus vergifteten Speeren und Pfeilen. Die Kriegsbogen sind weit über zwei Meter lang, und auf nahe Entfernung treffen sie damit recht sicher. Blasrohre, Keulen, Tanzstöcke, Macanas (eine Art Holzschwerter) und andere Waffen oder Zeremonialgerätschaften bekam ich bei den Caripunas nicht zu Gesicht, wie ich sie später bei wilden Stämmen fand, die mit den Weißen noch nicht in Berührung gekommen waren. Einer der Indianer war im Candelaria-Krankenhaus bei Porto Velho operiert worden. Er humpelte auf einem Bein umher, ist aber seitdem gestorben. Die Tuberkulose ist von den Weißen eingeschleppt worden, und fast der ganze Stamm hat darunter zu leiden.
Eine der Dorfmerkwürdigkeiten war ein gefleckter Indianer von einem Stamm, der sich in den Wäldern zwischen dem Westufer des Madeira und dem Purúsflusse aufzuhalten pflegt. Sein ganzer Körper war mit weißen und braunen Flecken bedeckt. Sie sind die Folgen einer seltsamen Krankheit, die früher am Rio dos Purús, dem „Flusse der Gefleckten“, weitverbreitet war. Man behauptet, daß diese geheimnisvolle, aber nicht tödliche Krankheit entsteht, wenn man ohne Kleidung auf den Uferbänken schläft. Der einzig bekannte Stamm, der jetzt noch an ihr leidet, ist der der Pammarys oder Purús. Ein Sachverständiger in Porto Velho meinte, daß sie vom Trinken eines Safts gewisser giftiger Kräuter käme.
Zwei Nächte lagerte ich am Ufer in der Nähe des Caripunas-Dorfes. In der letzten brach einer jener heftigen Gewitterstürme aus, wie sie im Amazonengebiet häufig sind. Bald nach Sonnenuntergang setzte er mit Regenschauern und fast unaufhörlichen Blitzen ein, deren Licht die dunkelsten Winkel des Urwalds erhellte. Das Segeltuch meines kleinen Zeltes beulte sich nach innen unter der tropischen Sintflut. Kaum hatte sich der Sturm erhoben, als die Klappe des Zelts zurückgeschlagen wurde und ein kleines menschliches Wesen ohne weitere Förmlichkeiten hereinkam. Ich wollte gerade die Lampe anzünden, aber der Luftzug von der Zeltöffnung löschte das Streichholz aus. Einen Augenblick wußte ich nicht, ob ich ein neues anzünden und mich dadurch einem etwa beabsichtigten Angriff gegenüber hilflos machen sollte, oder ob es geratener wäre, vorsichtig nach der Flinte zu greifen, die irgendwo unter den bei Beginn des Gewitters hastig geborgenen Sachen lag. Dann fiel mir ein, daß der Eindringling wahrscheinlich einer meiner eigenen Boys wäre. Ich suchte einigermaßen Deckung, indem ich mich hinter den Gepäckhaufen kniete, strich ein Zündholz an — und brach in ein lautes Gelächter aus!
Der Eindringling entpuppte sich als ein kleines, etwa elfjähriges Mädchen, dessen Haare und Körper von Wasser trieften. Sie sah furchtbar erschrocken aus, entweder durch die Blitze oder weil sie sich in einer Falle fand, da die Zeltklappe hinter ihr wieder zugefallen war. So beeilte ich mich, die kleine Sturmlampe anzuzünden. Gelähmt vor Furcht, war das Kind außerstande zu sprechen oder sich zu bewegen und zuckte zurück, als ich es zu beruhigen versuchte. Die Lage war nicht gerade gemütlich. Die Kleine konnte jeden Augenblick ihre Sprache wiederfinden, und ihr Geschrei mochte ernste Folgen nach sich ziehen. Denn galten auch die Caripunas für umgänglich, so waren sie doch Wilde und daher dem Impuls des Augenblicks ohne Überlegung hingegeben. Dazu kam noch, daß sie von gewissenlosen Caboclos manche Unbill erlitten hatten.
Trotzdem es gewiß kein Vergnügen war, schlüpfte ich also aus dem Zelt in die Sintflut hinaus, um sofort der Länge nach in den Schmutz über einige Kisten zu fallen, die in der Eile draußen vergessen worden waren. Das Leuchten der Blitze zeigte mir den Weg zu der unbenutzten Malocca, die man meinen beiden Caripunasboys angewiesen hatte. Zufällig waren sie aus einem andern Dorf und nicht wenig erschrocken, als ich plötzlich im Düster des Innern neben ihrer Feuerstelle auftauchte. Ich packte Washington am Arm und zog ihn in den Sturm hinaus und ins Zelt zurück. Man kann sich meine Überraschung vorstellen, als ich das Kind, die Ursache alles Schreckens, auf meinem Bett sitzend entdeckte, wie es in aller Ruhe Biskuits aus einer Blechdose knapperte!
Ich gab Washington die nötigen Erklärungen, der grinste und mit der Kleinen redete. Wie es schien, war sie von der Neugier verführt worden, durch einen Schlitz in der Klappe hereinzugucken, als der Sturm sie packte. Nicht mein unerwarteter Anblick war es gewesen, der sie erschreckt hatte, sondern das brennende Zündholz, das ich in der Hand hielt! Unnötig zu sagen, daß die keineswegs scheue junge Dame ohne weiteres durch Washington an den Busen ihrer Familie zurückbefördert wurde, nachdem ich ihr Mund und Hände noch mit Keks vollgestopft hatte. Dieser Vorfall bewies mir, daß die Caripunas ihre Kinder im allgemeinen gut behandeln, sonst würde die Kleine Zeichen von Furcht verraten haben, als ich sie beim Verzehren meiner Biskuits überraschte. Am nächsten Morgen erfuhr ich auf meine Fragen, daß das Mädchen „Teite“ hieß, konnte aber nicht herausbekommen, was der Name bedeutete. Das brennende Streichholz hatte sie von meiner Fähigkeit überzeugt, Licht von den Blitzen mit der Hand einzufangen!
Da es unmöglich war, sich nach Nordosten durch die Wälder durchzuschlagen ohne die Begleitung zahlreicher mit Buschmessern versehener Leute und ohne Vorräte für einige Monate, entschied ich mich dafür, sofort nach Porto Velho zurückzukehren und von dort verschiedene Flüsse zu untersuchen, die der Madeira unterhalb seiner neunzehn Katarakte nach Nordosten entsendet. Die Oberläufe mehrerer dieser Flüsse waren noch unerforscht, und ich beschloß einen Vorstoß in die Wälder des Quellgebiets des Gy-Paraná zu versuchen. In Porto Velho hielt man das für äußerst gefährlich, da die Indianerstämme in jener Gegend feindlich gesinnt sein sollten. Aber in den großen tropischen Wäldern des Amazonengebiets ist nur für den Forscher ein Erfolg zu holen, der frisch und unbedenklich dem Unbekannten gegenübertritt. Einer Gefahr allerdings beabsichtigte ich mich nicht auszusetzen, der des langsamen Verhungerns in den düstern Wäldern, ein Schicksal, das dem unerfahrenen Reisenden im Amazonengebiet nur zu leicht beschieden sein mag.
Als meine Absichten und Ziele in Porto Velho bekannt wurden, bekam ich keine Kanuleute, da zwei Deutsche vor wenigen Monaten im Gebiet des Gy-Paraná von unbekannten Indianern ermordet worden waren. Einige Caboclos hatten nur ihre Gebeine aufgefunden. Dadurch aber wollte ich mir meine Pläne nicht vereiteln lassen. Ich bestieg den „Francisco Salles“, der den Madeira hinabfuhr, und verließ ihn wieder bei der kleinen Ansiedlung von Humaitá, wo es mir bald gelang, zwei halbzivilisierte Torasindianer von dem Faktoreibesitzer zu bekommen. Ich „kaufte“ sie mit der Vereinbarung, daß sie auf meinen Wunsch hin als Kundschafter in den Wäldern am Gy-Paraná Dienste leisten sollten.
In den Gebieten, wo Kautschuk- oder Nußbaumwälder vorhanden sind, wird sich der Reisende an den Endpunkten des Dampferverkehrs ohne besondere Empfehlungen der Schwierigkeit gegenübersehen, eingeborene Kanuleute und vor allem Träger zu bekommen. Der Grund liegt darin, daß fast alle halbzivilisierten Indianer ihren Herren, den Seringals oder Faktoreibesitzern, verschuldet sind. Sie dürfen nur dann einen andern Dienst annehmen, wenn der neue Herr ihre Schulden bezahlt. Verläßt ein verschuldeter Indianer seinen Dienst, so wird er zwangsweise zurückgeschafft, und wird er losgekauft, so steht er für die betreffende Summe in der Schuld seines neuen Herrn. In Brasilien wird diese Einrichtung viel gerechter gehandhabt als in Peru, weil sich die Tätigkeit der Beamten des Indianeramtes auch auf die Waldgebiete erstreckt. Aber der europäische Reisende wird über die Höhe jener „Schulden“ doch recht erstaunt sein, wenn er sie nicht wieder auf einen Nachfolger abwälzen kann, den ihm Freunde oder Beamte des Indianeramtes verschaffen.
Zwei Tage mußte ich in dem Moskitonest Humaitá aushalten und mich mit gerissenen Mischlingen herumschlagen, um verschiedene Vorräte recht zweifelhafter Güte einzuhandeln. Dann endlich schafften meine beiden Indianer das Gepäck das steile Ufer hinab ins Kanu, und fort ging es auf dem dunkeln, schnell dahinströmenden Flusse. Es war ein kochend heißer Tag, und die Oberfläche des Wassers strahlte wie geschmolzenes Gold. Auf meinem kleinen Taschenthermometer las ich 37° Celsius im Schatten ab. Ehe die Nacht einbrach, hatten wir das Häuflein Palmhütten von Boa Esperança passiert und die schwierige Durchfahrt zwischen den „Pedras das Gaivotas“ (Möwenfelsen) hinter uns. Dann aber waren wir am Ende unserer Kräfte und schlugen das Lager auf einer kleinen Graslichtung in der Nähe der Mirary-Faktorei auf. Es war eine wundervolle tropische Nacht. Auf dem Fluß lag der Silberglanz des Mondes, von dem sich die schwarzen Umrisse der hochgewachsenen, schirmartigen Bäume des großen Urwalds abhoben.
Während ich auf der schmalen Lichtung auf und ab ging, um die Glieder nach dem stundenlangen Im-Kanu-Sitzen wieder geschmeidig zu machen, fühlte ich feine Spinnenfäden sich um mein Gesicht und meine Hände schlingen. Auf verhältnismäßig trockenen Plätzen im Dickicht kommt das durchaus nicht selten vor, und ich würde es wohl kaum bemerkt haben. Aber in meinem Zelt brannte die Lampe, die ich zum Lesen und Schreiben immer mit mir führe, und auf der erleuchteten Zeltwand erschien ein dunkler Fleck, der meinen Blick auf sich zog. Bei genauerem Zusehen erkannte ich eine mächtige, haarige Spinne, anscheinend von der Vogelspinnenart, und mit Hilfe meiner elektrischen Taschenlampe verfolgte ich das Netz, das sich im Dreieck zwischen zwei etwa sieben Meter voneinander entfernten Bäumen und dem Zelt ausspannte!
Wenn etwas mir einen Schauder einjagt, so sind es Spinnen. Der Anblick dieses Untiers, dessen Scheußlichkeiten auf dem Seidenzeug des Zelts durch das Licht der Lampe in jeder widerlichen Einzelheit sichtbar wurden, jagte mir trotz der erstickenden Schwüle der tropischen Nacht ein Frösteln über den Rücken. Wie sollte ich den Eindringling wieder loswerden? Schlug ich nach der Spinne mit dem Flintenkolben, so gab’s ein Loch oder das Zelt wurde überhaupt niedergerissen und meine unersetzliche Lampe ging in Trümmer. Ein Schuß wäre ebenso unheilvoll gewesen, aber trotzdem konnte ich mich nicht überwinden, im Zelt zu schlafen, solange das Untier sich nur einen oder zwei Fuß von meinem Gesicht befand — wenn auch an der Außenseite des Zeltes.
Zehn Minuten später hatte sich noch nichts an dieser Lage geändert. Hätte ich einen Eimer voll Wasser über die Bestie geschüttet, so wäre sie freilich fortgekrochen, aber vielleicht in das Zelt hinein! Schließlich weckte ich in meiner Verzweiflung einen der im Kanu schlafenden Indianer. Die Spinne wurde in einem Reserve-Moskitonetz gefangen und wanderte in meine Sammlung. Dann endlich konnte ich mich zurückziehen mit einem Gefühl der Erlösung, aber auch der äußersten Unzufriedenheit mit mir selber. Während der folgenden schlaflosen Nacht hatte ich dann genug Zeit, über die Albernheit von „Idiosynkrasien“ im Licht der modernen Psychologie nachzudenken.
Es ist wirklich unnötig, bei einer Schilderung der Schönheit des nächsten Morgens zu verweilen. Denn auf diesen ungesunden tropischen Flüssen des entlegenen Amazonengebiets sind die Morgen beständig frisch, klar und sonnig, außer vielleicht während der dicksten Regenzeit. Kaum hatten wir begonnen, flußaufwärts zu rudern, als auf dem Ostufer sehr hohe, rote Klippen erschienen, die die Eintönigkeit des Waldes unterbrachen. Hinter der grünen Palmeninsel von Pasto Grande wurde das Kanu plötzlich in einen Strudel gezogen, der sich um einen sehr gefährlichen Felsen unter Wasser gebildet hatte. Es drehte sich um sich selbst, und wir mußten all unsere Ruderkünste anwenden, um nicht zu kentern, bis wir wieder in ruhiges Wasser gelangten.
Bald nach Mittag trafen wir auf die Mündung des unerforschten Maicyflusses, der sich später als der beste Weg ins Herz des Landes der Parintintins erwies. In der Nähe der Mündung standen einige ziegelbedeckte Häuser, eine Barraca und eine Windmühle. Sie bildeten, wie ich leider erst später erfuhr, eine Station des Indianeramts. Hätte ich hier angehalten, statt den Gy-Paraná hinaufzufahren, würde ich mir viel Zeit, Mühe und auch manche Gefahr erspart haben. Für den Reisenden liegt die größte Schwierigkeit im Amazonengebiet in seiner Unkenntnis dessen, was schon vorher von andern geleistet worden ist, in dem Fehlen zuverlässiger Karten und einer Stelle, die wirklich Auskünfte zu geben in der Lage ist. Andererseits wären mehrere damals unbekannte Indianerstämme unentdeckt geblieben, wenn wir uns nicht den ungesunden Gy-Paraná hinaufgearbeitet hätten.
Bald hinter der Calamarinsel und den vier Häusern, die den stolzen Namen „Calamar“ tragen, fuhren wir in die von Inseln versperrte Mündung des Gy-Paraná ein. Künftigen Reisenden diene zur Auskunft, daß sich die Einfahrt auf der linken Seite befindet; rechts gelangt man in einen kleinen Fluß, der die Lokalbezeichnung Rio Preto führt. Hat man einmal den breiten Madeira hinter sich gelassen, so scheint der letzte Zusammenhang mit der Zivilisation plötzlich abzureißen. Was auf der weiten Wasserfläche für Gesicht und Gehör unbemerkt blieb, drängt sich nun der Aufmerksamkeit auf, besonders während der eigentümlichen Stille der äquatorialen Abenddämmerung. Fast sofort schlossen sich die Mauern der dunklen Bäume um den still strömenden Fluß zusammen, und die Luft wurde schwer vom schwülen Geruch des tropischen Waldes. Unter einer riesigen Induba schlugen wir unser Lager auf, gerade als das letzte Gold des Himmels die lichteren, aber schweigenden Hallen der unerforschten Wälder um uns durchzitterte.