Fünf und zwanzigster Brief.
Den 18. November.
O wenn Sie wüßten, was mich Ihr Brief für einen traurigen Tag gekostet hat, Sie würden ihn nicht geschrieben haben, oder Sie schrieben heute einen zweyten, um ihn zu widerrufen! Aber gewiß, gewiß, Sie werden keinen schreiben. — Ich lese ihn wieder, Ihren Brief, und er beunruhigt mich noch mehr. Ich sollte weniger zärtlich gegen Sie seyn, — ich sollte mich dem Brunnen des Ariosts nähern, von dem einige Freunde vielleicht schon getrunken haben. Wer sind diese Freunde? — Setzen Sie einmal (um einen Satz, den ich nur in Absicht auf mich wahr hielt, auf die Freundschaft überhaupt auszudehnen), setzen Sie, daß eine Art von Uebertreibung dazu gehöre, um den Grad von Liebe hervor zu bringen, ohne den die Freundschaft kalt und die Ehe in kurzem beschwerlich ist; setzen Sie, daß unsre Einbildungskraft die Vollkommenheiten unsers Lieblings vergrößern müsse, wenn sie das Herz mit der gehörigen Stärke treffen sollen; setzen Sie dieß alles: so behaupte ich doch, daß selbst diese Verblendung Größe des Geistes voraus setze, und daß es Stärke des Geistes sey, sie zu erhalten. Achten Sie also ja nicht meine Theorie für so gefährlich, daß sie den Kaltsinn für eine natürliche Folge der Ueberlegung erklären sollte. Wenn er eine beständige Eigenschaft unsers Herzens ist, so ist es Kleinheit, und folgt er auf einen feurigen Anfang, so ist es Schwäche der Seele. — Sie hatten neulich eine Philosophie der Liebe von mir verlangt. Hier sind einige kleine Züge davon, auf die mich diese Betrachtungen natürlicher Weise leiten.
Man kann immer sicher vermuthen, daß in den Meinungen etwas Wahres sey, die allgemein von den Menschen angenommen werden; und die in den rohesten Zeiten zuerst. Die Wirkung der Natur, und die Gesinnungen, die unmittelbar durch den Einfluß der Dinge um uns herum hervor gebracht werden, erkennt man am besten in den Epoquen, wo wenig andre Principien der menschlichen Gedanken vorhanden sind. Nun in diesen Zeiten war Tapferkeit und Liebe die größte Tugend der Männer, und Keuschheit, oder mit einem andern Worte, Beständigkeit und Treue das einzige Verdienst der Frauen. Die Rittergeschichten, so ausschweifend sie sind, vergnügen mich demungeachtet um dieser richtigen und mit der Natur harmonirenden Grundsätze willen, die allenthalben durchblicken, und ohne die selbst diese Ausschweifungen nicht Statt gehabt hätten. — Wenn die Philosophie sich nun damit bemengt, den Grund dieser Gesinnung zu erklären, so kann es seyn, sie geräth auf falsche Ursachen; der Zusammenhang dieser Leidenschaft mit den wesentlichen Vollkommenheiten des Menschen kann vielleicht durch eine ganz andre Kette gehen, als die ich einsehe; — aber sie thut demungeachtet ihr eigentliches Werk, sie ist in ihrem Berufe. Denn wozu soll Philosophie, wenn sie nicht die Meinungen und Neigungen, die die Seele einnehmen, ohne daß sie weiß, woher sie sie hat, als Phänomene behandelt, deren Ursprung gefunden werden soll? Meine Erklärung ist diese.
Jede unsrer Ideen ist nach einem gewissen Eindrucke gebildet, den die Empfindung zuerst in unsrer Seele hervor gebracht hat. Diese Eindrücke zergliedern, zusammen setzen, anders ordnen, als sie zuerst in die Seele gekommen sind, das ist alles, was die Seele damit thun kann. Ideen, deren Theile nicht ursprünglich sinnliche Eindrücke wären, sind unmöglich. Der Umfang, die Lebhaftigkeit, kurz alle Vollkommenheiten unsrer Ideen (und diese machen doch wohl den eigentlichen Vorzug des denkenden Wesens aus) hängen von der Beschaffenheit dieser ersten Impressionen ab. Sind die Gepräge, die die Gegenstände in unsrer Seele abdrücken, richtig und vollständig, so werden ihre Kombinationen ebenfalls richtig seyn, und der Kopf wird helle; sind sie tief und stark, so werden ihre Kombinationen lebhaft und eindringend, und der Geist wird schön. Die Kraft zu empfinden ist also die vornehmste Fähigkeit der Seele, nach deren Größe sich die übrigen richten. Sie verschafft die Materialien, aus welchen die übrigen bauen; sie bemahlt zuerst die leere Fläche der Seele mit den Bildern, aus denen die übrigen auf eben die Art neue machen, wie Apelles seine Venus aus den schönsten Theilen der Mädchen von Gnidus zusammen setzte. Die Größe der Seele besteht in der Fähigkeit, viele und große Eindrücke auf einmal zu bekommen, und sie ohne Verwirrung zu erhalten. Die Stärke der Seele, in der Fähigkeit, einmal empfangene Eindrücke nicht durch den beständigen Zufluß von neuem verlöschen zu lassen, sondern sie gegen das unaufhörliche Reiben neuer Ideen unverletzt zu erhalten. —
Sie sehen schon, wie nahe wir zu Ihrer Lieblings-Leidenschaft gekommen sind. Eben dieselbe Lebhaftigkeit, dasselbe Feuer der Impression, durch welche große Geister gebildet und große Unternehmungen vorbereitet werden, bringt diese reizende Tochter, die Liebe, hervor, wenn die Vollkommenheiten eines andern denkenden Wesens der Gegenstand sind. Eben diese Dauer, dieses Anhalten der Impression, welche dem Mathematiker die langwierigsten Untersuchungen zu Ende bringen hilft, und die weitaussehendsten Entwürfe durch alle Hindernisse und Schwierigkeiten verfolgt, bringt die Treue in der Freundschaft, und die Beständigkeit in der Liebe hervor. Wenn sich nun noch mit der Empfindung, welche Vollkommenheit und Schönheit erregen (und das ist alles, was bey der Freundschaft nothwendig ist), noch diese süße Wallung, dieses Gefühl von Lust verbindet, die das Eigenthum der Liebe ist; wenn der Körper, sonst ein Störer unsrer geistigen Vergnügungen, sie hier unterstützt, und seinem edlern Theile zu neuen Quellen von Empfindungen verhilft: dann steigt vom Himmel diese ehrwürdige Göttin herab, und knüpft zwey menschliche Wesen mit unauflöslichen Banden an einander; dann weist sie jedem von ihnen als den vornehmsten Gegenstand und die größte Uebung seiner Empfindungskraft, seinen Geliebten an. Von ihm soll die Seele diese ewig dauernden Einflüsse bekommen, die ein Beweis und eine Ausübung ihrer eignen Kraft sind. Durch diese Gewohnheit gestärkt, und durch diese unaufhörliche Uebung erhöht, soll seine Empfindung sich von da aus über das ganze Gebiet von Vollkommenheit und Schönheit ausbreiten; sich nach jeder Tugend, jeder Vortrefflichkeit ausstrecken, dieselbe umfassen, und durch eine untergeordnete, aber eben so unveränderliche Liebe mit sich verbinden. — So wie die allgemeine Menschenliebe durch die beständige, aber stufenweise Erweiterung der Familienliebe entsteht; so wird in edlen Seelen die Tugend durch die Liebe geboren. Die in dem Geliebten koncentrirte Empfindung entwickelt sich, und geht von einer Vollkommenheit zur andern, die alle zusammen in dem Gegenstande der Liebe durch ein dunkles Gefühl wahrgenommen wurden. Die Seele erlangt die Macht, den äußern Dingen und dem Strome ihrer eignen Ideen zu widerstehn; sie lernt, mitten unter den beständigen Revolutionen, die der stets veränderte Eindruck der äußern Dinge in unsern Gesinnungen hervor zu bringen sucht, die Ideen, die ihr wichtig sind, aufrecht zu erhalten; und so lehrt die Liebe einen verständigen Geist denken, und ist die Vorbereitung zur Tugend für das Herz u. s. w.