Fünfter Brief.
B***, den 9. und 10. Juni.
Niemals ist ein Brief mit einem so schmerzhaften Verlangen erwartet worden, als ich gestern den Ihrigen erwartete. Selbst in dem Schoße meiner Familie, und an der Seite der vortrefflichsten Mutter, empfinde ich dem ungeachtet, daß mir noch ein Freund und eine Freundin fehlt, um diesem Glück seine Vollständigkeit zu geben. Ich fühle es, daß mir Ihr Umgang nothwendig geworden ist; und ohne die Gütigkeit, mit welcher Sie mir Ihren Briefwechsel versprachen, und ohne die Beständigkeit, mit welcher Sie dieses Versprechen ausführen, würde ich meine hiesigen Freunde mit dem beständigen Anblick einer gewissen Unruhe beleidigt haben, die sie vielleicht auf die Rechnung eines Mangels von Zärtlichkeit geschrieben hätten. Aber jetzt setzt mich Ihre Gütigkeit in den Stand, zwey der angenehmsten Beschäftigungen mit einander zu verbinden, die Unterhaltung mit meiner Mutter und das Andenken an Sie.
Meine Mutter kannte Sie schon als eine sehr gütige Freundin von ihrem Sohne, ehe ich noch Leipzig verließ. Aber nun kennt sie Sie als eine vortreffliche Frau, als eine zärtliche Freundin, mit einem Worte, als eine Person von einem solchen Geiste und einem solchen Herzen, als die Liebe und die Freundschaft nöthig hat, wenn sie beschlossen hat, einen glücklichen Ehemann und einen kleinen Kreis glücklicher Freunde zu machen.
Was meynen Sie wohl? Ich zeige meiner Mutter alle Ihre Briefe. Sie liest sie beynahe mit eben dem Feuer, mit welchem ich sie lese. Bey gewissen Stellen füllen sich ihre Augen mit Thränen der Zärtlichkeit und der Freude. So stark wirken diese gleichgestimmten Herzen auf einander, selbst in der weitesten Entfernung. Glauben Sie wohl, daß ich es hätte aushalten können, ein ganzes halbes Jahr zuzubringen, ohne Jemand zu haben, mit dem ich mich von Ihnen unterreden könnte, und in dessen Schoß ich zuweilen mein volles Herz ausleerte, wenn Ihre Gütigkeit und die Sehnsucht nach Ihrem Umgange dasselbe mit zu unruhigen und stürmischen Wünschen anfüllte? Und könnte wohl diese Person Jemand anders als meine Mutter seyn? Sie, die an den kleinsten Vergnügen ihres Sohnes Theil nimmt, sollte sie nicht in der Glückseligkeit, die ihm der Himmel geschenkt hat, eine Freundin und einen Freund zu besitzen, einen Theil derjenigen wieder finden, die sie durch den Tod einer Tochter, die zugleich Freundin war, verloren hat?
Ja, gütigste Freundin, schon theilt meine Mutter alle die Empfindungen mit mir, die mir die Bekanntschaft mit einer so edlen und zugleich zärtlichen Seele eingeflößt hat, und die ich, wenn es möglich ist, durch die Abwesenheit noch gestärkt und vermehrt finde. Unsere Unterredungen beleben sich am meisten, wenn sie Sie zum Gegenstand haben; und ohne daß wir es gewahr werden, kommen sie durch die wunderbarsten Irrgänge immer wieder auf diese Lieblingsmaterie zurück. So viel Gewalt hat das Herz über unsere Denkungskraft, daß die leichtesten und schwächsten Verbindungen schon genug sind, Ideen in die Seele wieder zurück zu bringen, die durch ein starkes Interesse an uns gebunden sind. Lassen Sie sich dieses von Home viel besser und gründlicher sagen. Ich mag nicht philosophiren, ich will Ihnen bloß sagen, was ich empfinde. —
Aber gütigste Freundin, wie haben Sie es übers Herz bringen können, mir mit einem so versteckten, aber für mich doch sehr fühlbaren Vorwurf wehe zu thun? — Oder trauten Sie es der Feinheit meines Gefühls nicht zu, daß ich den kleinen Ansatz von Empfindlichkeit gewahr werden würde, der Ihnen die Worte eingab: „Ich suchte in der Folge Ihres Briefes Trost, aber ich fand keinen. Sie, der Sie mit mir einerley Gefühl haben, Sie empfinden den Unterschied wohl, der zwischen der Verstorbenen und mir ist!“ Und noch dazu eine so ceremoniöse Vorsichtigkeit, Ihren Namen nicht zuerst zu schreiben! Ein kleiner, ganz kleiner Rest von Weiblichkeit! würde Onkel Selby sagen. Wie? glauben Sie wohl, daß ich meine Cousine liebte, und die Eigenschaften nicht von ganzem Herzen hochschätzte, die sie liebenswürdig machten? daß ich ihren Verlust beweinen, und mich nicht zugleich über den Besitz von Freunden erfreuen sollte, in denen ich ihren Geist und ihr Herz wieder finde? Oder können Sie so ungerecht gegen sich selbst seyn, diese größten Geschenke des Himmels in sich zu verkennen, und sich unter Ihren eigenen Werth herabzusetzen? Liebste, gütigste Freundin, lassen Sie sich niemals durch einen gewissen Unmuth die Erhabenheit der Seele schwächen, die ohne Stolz, dennoch ihre eigene Vollkommenheit fühlt, und indem sie die Stufe erkennt, auf welche die Güte des Schöpfers sie gesetzt hat, dadurch nur noch mehr Muth bekommt, höhere zu erreichen. —
Aber lieber will ich glauben, daß Sie nur darum diese Stelle in Ihren Brief gesetzt haben, um mir die Gelegenheit, die ich so sehr wünsche, zu geben, es Ihnen noch einmal zu sagen, wie hoch ich meine Freundin schätze, und wie theuer sie meinem Herzen ist. Ich kann dieses, zu meinem eigenen Vergnügen nicht oft genug wiederholen. Denn welche Glückseligkeit ist der gleich, seinem Freunde zu sagen, daß man ihn liebt, wenn es nicht die Glückseligkeit ist, zu hören, daß man von ihm geliebt wird? Wenn ich also von meiner Cousine rede, so glauben Sie nur, daß keine Ideen verwandter sind und einander leichter erwecken, als der Gedanke an ein Gut, das man verloren, und der an ein anderes, das uns der Himmel noch läßt; und daß der Abgang von so theueren Freunden das Herz nur noch zärtlicher gegen diejenigen macht, die uns noch übrig sind.
Ich glaube, ich habe Ihnen schon in Leipzig gesagt, daß ein Freund von mir und von unserm Hause, ein junger angehender Dichter, der jetzt in Halle studirt, ein Gedicht auf meine Muhme gemacht hat. Ich habe es hier erst zu sehen bekommen. Weil viel gute Stellen darin sind, obgleich manche gegen die übrigen matt, andere in der Verbindung, in der sie stehen, nicht richtig und zusammen hängend genug, und noch andere zu überhäuft und nur durch die Rechte der Poesie zu entschuldigen sind, so will ich es Ihnen abschreiben. Aber schöner, als das ganze Gedicht, ist meinem Urtheile nach ein Motto aus dem Petrarch, welches er demselben vorgesetzt hat. Wo ich nicht irre, so ist es eine der schönsten Stellen im ganzen Petrarch. Es ist aber zur Anwendung auf die Person, die der Gegenstand dieses Gedichts ist, nicht schicklich und angemessen genug, und überhaupt kann es nur im Munde eines Liebhabers und eines solchen Liebhabers als Petrarch, sein rechtes Verhältniß bekommen. Ich will es wagen, die Stelle zu übersetzen, ob ich Sie gleich zu eben der Zeit bedauren werde, daß Sie nicht das Original lesen können.
„Wer alles sehen will, was nur die Natur und der Himmel unter den Menschen vermag, der komme, diese zu sehen. Aber er komme bald. Denn der Tod raubt zuerst die besten, und läßt die schlechtern stehen. Dieses in dem Reiche der Götter schon lang erwartete schöne und sterbliche Geschöpf geht nur vorüber, und bleibt nicht. Wenn er noch zu rechter Zeit kommt, so wird er jede Tugend, jede Schönheit, jede erhabene Eigenschaft in einem Körper mit wunderbarer Mischung vereinigt sehen. Aber wenn er zu lange zaudert, so wird er nur kommen, um beständig zu weinen“[A].
Ist diese Apostrophe nicht das rührendste Gemählde eines von Schmerz ganz durchdrungenen Herzens? Aber nun zum Gedicht selbst. Sie sollen nur die besten Strophen davon bekommen.
Also blühte rühmlich Doris Leben —
Rühmlich mußte sie es wieder geben;
Und das grosse Beyspiel im Erblassen
Noch der Erde zum Vermächtniß lassen;
Da ihr lieblich Auge brechen sollte,
Stürmend Feuer durch die Adern rollte,
Freunde sprachlos matte Hände rangen,
Und die Engel froh die Flügel schwangen,
Schaute sie des Todes letzten Schlägen
Voll Geduld und Majestät entgegen,
Ruhig, da die Trennung jetzt begonnte,
Weil sie nur die Hülle wechseln konnte.
Keusche Jungfraun, eilt ihr Grab zu ehren.
Pflanzt Zypressen, oft benetzt mit Zähren,
Und gelobet auf dem Staub der Schönen
Euren Wandel einst wie sie zu krönen.
Aus den Zweigen soll ein Hayn entsprießen,
Junge, leicht verführte Töchter müssen
Ihn besuchen, die Geschichte hören,
Und erröthend sittsam wiederkehren.
Jährlich sollen freundschaftliche Reyhen,
Wo sie schlummert, zarte Lilien streuen,
Und das Opfer mit gedämpften Saiten
Und wehmüthigem Gesang begleiten.
Nie, Geliebte, nie wirst du vergessen!
Deinen Nachruhm wird kein Ruhm ermessen.
Laß noch Einen für die Tugend brennen,
So wird er auch dich mit Ehrfurcht nennen.
Und sollt’ einst auf der undankbar’n Erden
Sie verkannt, gehaßt von allen werden;
Darf sie nur, um alle zu entzücken,
Sich mit deinem süßen Reitze schmücken.
Dürfte ich wohl so eigennützig seyn, und mit diesem kleinen Geschenke wuchern? Meine Freunde kennen Sie noch nicht als eine eben so empfindungsvolle Dichterin, als Sie eine gefühlvolle Ehegattin und Freundin sind. Einige von den kleinen Stücken, die Sie mir einmal vorlasen, und unter diesen auch das Hochzeit-Gedicht, das Sie für einen Ihrer Bekannten gemacht haben, würden mich in den Stand setzen, dieses Vergnügen meiner Mutter zu machen. Ich würde sogar durch die Mittheilung derselben ein gewisses Ansehen bekommen. Ich würde Macht haben, Gefälligkeiten auszutheilen; und ich würde gewiß meine Geheimnisse nicht so wohlfeil verkaufen. Sie sehen schon, daß ich unbescheiden genug bin, auch wohl gar eine kleine Mühe Ihnen aufzulegen. —
Wenn ich nur dafür im Stande wäre, Ihr Tagebuch, das mich so sehr unterhält und mich auf einige Augenblicke wieder zu Ihnen zurück bringt, mit einem eben so angenehmen zu vergelten. — Aber meine Geschichte (ich nehme die Unterhaltung mit meiner Mutter aus, und die wissen Sie schon größten Theils) ist so einförmig, oft für den Helden derselben so langweilig, und fast immer für die Leser so wenig unterrichtend, daß ich alle Mal abgeschreckt werde, so oft ich daran denke, meine Briefe mit meinen Begebenheiten, anstatt mit meinen Empfindungen anzufüllen. Sie sollen unterdessen alle meine Freunde, die ich hier hochschätze, kennen lernen. So bald nur der Cirkel von Besuchen, in dem ich mich jetzt herumgedreht habe, durch seyn wird, so werde ich es mir zu einer fest gesetzten Beschäftigung machen, Sie ganz in unsere Familie und in unsere Bekanntschaften einzuführen, und mich auch zuweilen für die Langeweile, die mir einige davon machen, zu rächen.
Meine Reise ist, wie Sie wissen, glücklich, aber dem ungeachtet ziemlich unangenehm gewesen. Meine Gesellschafter waren entweder Misanthropen oder Schläfer. Ich dankte unterdessen beyden für die Muse, die sie mir gaben, an meine Freunde zu denken. Oft in der Mitte der Nacht, wenn alles um mich schlief, schweifte meine durch die Stille noch mehr aufgeweckte Seele zu allen Wohnungen meiner Freunde umher, und segnete ihren sanften und ruhigen Schlaf. Bald flog ich unsern langsam kriechenden Pferden zuvor, warf mich in Gedanken zu den Füßen des Bettes meiner Mutter, küßte sanft ihre Hand um sie nicht zu wecken, und flehte den Beystand der sie bewachenden Engel an, sie mir zu beschützen. Bald überraschte ich Sie, weit glücklicher als mein Freund Reiz, in Ihrem Schlafzimmer, und gebot Ihrem Schutzgeist, Ihnen mitten im Schlafe die angenehmsten, fröhlichsten und schönsten Bilder vorzustellen, und Ihre Seele, selbst ohne ihr Wissen, noch vollkommener zu machen. — Alsdann — Ich freue mich, theuerste Freundin, daß unsere Freundschaft von der Beschaffenheit ist, daß meine Seele von dem Andenken an Sie, unmittelbar zu dem Gedanken an Gott, unsern großen und gemeinschaftlichen Freund, übergehen kann, zu dessen Verehrung solche Seelen, wie die Ihrige, geschaffen worden. Meine Seele steigt durch diese Stufen auf eine leichtere Art bis zu ihm hinauf.
Aber ich muß, ich muß schließen u. s. w.
[A] Für Freunde des Originals folgt hier das ganze Sonnet:
Chi vuol veder quantunque può natura,
E’l Ciel tra noi, venga a mirar costei,
Ch’è sola un Sol, non pur agli occhi miei,
Ma al mondo cieco, che virtù non cura;
E venga tosto, perchè morte fura
Prima i migliori, e lascia stare i rei;
Questa aspettata regno degli Dei
Cosa bella mortal passa, e non dura.
Vedrà s’arriva a tempo, ogni virtute,
Ogni bellezza, ogni real costume
Giunti in un corpo con mirabil tempre.
Allor dirà, che mie rime son mute.
L’ingegno offeso dal soverchio lume;
Ma se più tarda, avrà da pianger sempre.