Sieben und dreyßigster Brief.
Den 19. März.
Wenn ich jetzt nicht mehr als gewöhnlich beschäftigt wäre, und wenn ich nicht den Zeitpunkt immer näher kommen sähe, in dem ich Sie wieder sehen soll: so würde ich mir es selbst nicht vergeben, daß ich Sie zuweilen auf meine Briefe einen Posttag länger warten lasse, als es unserm ersten Vertrage gemäß ist. Ich könnte zwar sagen, es wäre Rache. Aber ich finde nichts davon in meinem Herzen; und wenn Sie mir auch noch seltnere und noch kürzere Briefe schrieben, so würde mich doch mein eignes Vergnügen nöthigen, an Sie zu schreiben. Es ist also nicht Vorsatz, sondern Unvermögen, wenn ich mir dieses Vergnügen zuweilen versage. Ein Unvermögen, welches (erlauben Sie mir, das zu sagen) ich bey Ihnen nicht voraus setzen kann, da Sie mir selbst versichern, daß Ihr Umgang eingeschränkter als jemals ist, und Ihre Geschäfte sich doch nicht häufen können.
Aber um Ihnen eine Probe von meiner Uneigennützigkeit zu geben: so muß ich Ihnen gestehen, daß, wenn ich gleich zuweilen dadurch eines Theils Ihres Andenkens, ja sogar Ihres persönlichen oder schriftlichen Umganges (nur nicht Ihrer Freundschaft) beraubt seyn sollte; ich Ihnen doch einen etwas ausgebreitetern Umgang wünschte, und zwar vornehmlich unter Ihrem eignen Geschlechte. —
„Unter meinem eignen Geschlechte? Wie können Sie mir etwas wünschen, wovon ich Ihnen so oft gesagt habe, daß ich es nicht zu meiner Glückseligkeit rechnen würde, wenn ich es hätte?“
Aber wollten Sie mir wohl noch einmal die Ursachen wiederholen, warum Sie es nicht darunter rechnen?
„Was habe ich nöthig, Ihnen das erst zu sagen? Sollten Sie nicht wissen, wie leer der Umgang mit den mehresten Frauenzimmern ist; wie wenig sich mit —“
ihnen anfangen läßt, wollen Sie sagen. Zum Unglück wahr genug! Aber warum wollen Sie nicht daran arbeiten helfen, daß ihr Umgang lehrreicher werde, daß sich mehr mit ihnen anfangen lasse? Was würde aus dem niedrigern Theile unsers Geschlechts, oder des menschlichen Geschlechts überhaupt werden, wenn sich der edlere Theil demselben entziehen wollte, und ihm mit seinem Umgange zugleich die Mittel benähme, ihm ähnlich zu werden?
„Aber ich habe nicht eben den Beruf, und auch nicht das Vermögen, eine Verbesserin zu seyn. — Ueberdieß, wozu bedarf ich den Umgang? Ich habe meinen Gatten, den liebe ich; und die Stunden, die er nicht bey mir ist, sind gut genug mit der Erwartung von ihm ausgefüllt; wenn noch ein kleines unbefriedigtes Verlangen in meinem Herzen übrig wäre, so würde die Freundschaft von zwey oder drey Freunden meines Mannes es doch ganz ausfüllen. Und endlich —“
Und was endlich?
„Sie wissen, ich liebe meinen Mann über alles — ich wünsche, daß er mich über alles liebt —“
Und was denn also —?
„Ich würde es nicht leiden können, wenn eine meiner Freundinnen ihm eben so gut gefiele, daß ich nicht mehr gewiß genug seyn könnte, daß seine Frau ihm noch besser gefiele.“
Mich dünkt, Sie würden (wenn Sie mir meine Freymüthigkeit vergeben wollen) diesen Bewegungsgrund nicht zuletzt angeführt haben, wenn Sie den stärksten hätten zuerst anführen wollen.
„Gut! lassen Sie es seyn, daß es der stärkste ist. Ja, ich bin eifersüchtig; und man kann gar nicht lieben, ohne eifersüchtig zu seyn. — Ich kann sogar keine Freundschaft für echt halten, die ihren Freund so ruhig mit Vielen theilen kann. Hüten Sie sich, daß nicht Ihr Rath, meinen Umgang zu erweitern, mich argwohnen läßt, daß Sie ihn nicht mehr so eifrig für sich selbst wünschen.“
Das können Sie im Ernste nicht denken; — noch viel weniger, wenn Sie meine Gründe hören.
„Und diese Gründe?“
Nur noch einen Augenblick Geduld! Sagen Sie mir, haben Sie nicht gehört, daß die Natur mit jeder Neigung, die sie uns giebt, oder mit jedem Vergnügen, das Sie uns genießen läßt, eine andre Absicht habe, als dieß Vergnügen selbst?
„Ums Himmels willen! so weit müssen Sie ausholen? Sie werden doch nimmermehr die halbe Metaphysik abschreiben müssen, um mich zu bewegen, daß ich ein halb Dutzend Karkassen in meiner Stube zusammen bringe.“
Nun gut also, wenn ich Sie nicht mit der Ueberzeugung überraschen kann, so will ich sehen, ob ich mit offenbarer Gewalt gewinne. — Sie sind eine Ehegattin, aber auch zugleich ein Frauenzimmer und eine Mutter.
„Ja, eine Mutter! Und eben deswegen, weil ich diesen süßen, ehrwürdigen Namen trage, brauche ich weniger als jemals eine Gesellschaft, die mir blos die Zeit vertreiben soll. Meine Wilhelmine und mein Mann werden mir bald die Stelle der ganzen Welt ersetzen. Aber ein Frauenzimmer auch, sagten Sie, wäre ich; was soll das zur Sache?“
Als Frauenzimmer müssen Sie nothwendig die allervertrauteste Freundschaft, die möglich ist, nur mit einem Frauenzimmer haben können.
„Und die Ursache davon?“
O hätten Sie nur erst diese Ihnen verwandte Seele unter Ihrem eignen Geschlechte gefunden; kennten Sie nur erst das Frauenzimmer, das würdig wäre, Ihre Freundin zu seyn: dann würden Sie mir die Frage selbst beantworten. O wie glücklich würde ich seyn! Ihre Vertraute würde auch meine Freundin seyn. — Sie kennen Julie und Claire; Clarissa und Howe. Sagen Sie mir, wäre es möglich, daß eine von beyden an die Stelle ihrer Freundin einen Freund gesetzt hätte, ohne daß doch das Wesen ihrer Freundschaft zerstört worden wäre?
„Wie? also giebts gar keine Freundschaft unter den beyden Geschlechtern? Also sind Sie nicht mehr mein Freund?“
Nicht so hitzig, liebste Freundin! Ich denke nicht, daß ich unsre Freundschaft herunter setze, wenn ich sage, daß es noch eine höhere giebt, — aber keine höhere, wenn die Wahl wieder auf eine Mannsperson fällt. — Wenn ich aber einem Frauenzimmer den Vorrang gebe, so denke ich, ich bin blos großmüthig, nicht kaltsinnig.
„Gut! Eine Freundin ließ ich mir gefallen, eine ganz vertraute Freundin, wenn ich sie hätte. Aber wozu der Umgang mit Vielen?“
Um diese Eine darunter zu finden. Muß man nicht erst wählen können, ehe man sich entschließt?
„Und dann — als Mutter, sagten Sie auch, müßte ich mit Frauenzimmern Umgang haben. — Eine beständige Zerstreuung ist wohl also ein gutes Mittel, seine mütterliche Pflicht zu erfüllen?“
Nein, die größte Hinderniß, glaube ich. Aber nicht aller Umgang ist eine Zerstreuung, die schädlich wäre.
„Aber sagen Sie mir doch den Nutzen, den mein Kind davon haben könnte.“
Ich muß Ihnen gestehen, ich bilde mir ein, zur Erziehung eines jungen Frauenzimmers ist der Umgang mit Personen ihres Alters und ihres Geschlechts nicht blos nützlich, sondern nothwendig. — Es wird sonst nicht Frauenzimmer genug; es verliert etwas von dem Charakter, und also auch von den Annehmlichkeiten seines Geschlechts; es nähert sich dem unsrigen, ohne doch dadurch mehr zu gefallen. Wie kann aber eine Mutter ihrer Tochter eine Gesellschaft von ihrem Alter und Geschlecht verschaffen, wenn sie selbst keine hat?
„Meine Tochter soll in meiner Gesellschaft lieber seyn, als in der Gesellschaft der ganzen übrigen Welt. Mein Umgang muß ihr, wenn ich anders es verstehe, eine Mutter zu seyn, den sehr leicht ersetzen, den ich ihr nicht werde schaffen können. Und ich hoffe, mein und meiner Freunde Unterricht wird sie alles das lehren, was Sie sie aus dem Umgange wollten lernen lassen.“
O liebste Freundin, wer wollte wohl daran zweifeln, daß Sie nicht die beste Mutter seyn würden, der Sie kennt? Ich wollte auch Ihrer Tochter keinen andern Lehrer zugestehen, als Sie. Aber um seine Sitten zu bilden; um den Menschen mit einer gewissen Dreistigkeit unter die Augen sehen zu können; um von allen seinen guten Eigenschaften in der Welt Gebrauch machen zu können, deren man sich in seinem Kabinet bewußt ist: dazu gehört, daß man die Menschen bey Zeiten kennen lerne; daß man viele Muster vor sich habe; daß man weiß, was für ein Grad von Vollkommenheit in der Welt gemeiniglich angetroffen und gefordert werde; und daß man — soll ich es sagen? — das Zutrauen auf sich selbst durch die öftern Beweise von den Schwachheiten Andrer vermehre.
„Also sehe ich wohl, meine Wilhelmine wird eine Herumläuferin werden müssen, wenn sie Ihnen gefallen soll.“
Nicht so ganz und gar. Sie verstehen mich besser, liebste Freundin, als Sie mir es gestehen wollen. — Müßte ich nicht entweder Sie hochachten, oder sehr eigennützig seyn, wenn ich nicht einer Person, der ich Verdienste zuschreibe, so vielen Einfluß auf Andre, eine so große Sphäre ihrer Wirksamkeit, als möglich ist, wünschen sollte?
Da haben Sie eine kleine Probe von einem der Gedanken-Gespräche, mit denen ich meine Entfernung von Ihnen zu vergessen suche. Wenn es Ihnen nicht ganz mißfällt, so will ich mich öfter unterstehen, Ihnen die Unterredungen zu erzählen, die ich ohne Ihr Wissen und Willen mit Ihnen gehalten habe.
Gellerts Bild habe ich durch Hubern sechs Mal bekommen, und unter meine guten Freunde ausgetheilt. Danken Sie dem Herrn Bause dafür, wenn Sie ihn sehen. Er wird unser zweyter Wille werden. Und nun möchte ich doch wissen, ob Herr M. Reiz noch unter den Lebendigen ist. Ich glaube, daß ich meine Freunde öfterer aus meinem Grabe, wenn ich gestorben wäre, besuchen würde, als er aus seinem Kabinet es thut. — Lesen Sie doch: Vergleichung des Zustandes und der Kräfte der Menschen mit dem Zustande und den Kräften der Thiere u. s. w.