Zwölfter Brief.
Ein treuer, freundschaftlicher Rath kommt niemals zu spät, wenn er auch gleich eine geschehene Wahl nicht mehr ändern kann. Sie wissen, ich schrieb Gellerten, an eben dem Tage, da ich Ihnen die Nachricht davon gab. Es würde mir schwer werden, eine Entscheidung, die ich ihm einmal übergeben habe, wieder zurück zu nehmen. Ich bin in der That vollkommen Ihrer Meynung, daß es immer gefährlich ist, dem Urtheile eines andern (und wäre dieser andere auch der weiseste und rechtschaffenste Mann) eine Entscheidung zu überlassen, bey der er, wenn es möglich wäre, sich in uns verwandeln müßte, wenn er richtig urtheilen sollte. Dem ungeachtet glaube ich, daß ich es nach den Umständen, in welchen ich war, so machen mußte. Diese Erinnerung wird mich trösten, der Ausgang der Sache mag seyn, welcher er will. Um mich aber auch bey Ihnen zu rechtfertigen, so sollen Sie diese Umstände wissen.
Sie kennen die Schwierigkeit, (oder wenigstens können Sie sich sie vorstellen), die es einen Menschen kostet, dessen Glück oder Unglück nicht ihn allein trifft, sondern sich auf Personen ausbreitet, die ihm theurer als sein eigen Leben sind, was es diesen Menschen, sage ich, kostet, einen Entschluß zu fassen, von welchem diese Personen glauben, daß er für sein künftiges Schicksal so wichtig ist. Wenn man das Unglück hat, Niemand in der Welt anzugehören und eine mit dem übrigen menschlichen Geschlecht nicht zusammenhängende Insel auszumachen, so hat man entweder Muth oder Unbesonnenheit genug, geschwind zu entscheiden. Neigung, und die auf eine gewisse Seite gerichtete Einbildungskraft geben der Wahl bald den Ausschlag. Wenn man aber so wie ich, als Sohn, als Verwandter, als Freund, in Verbindungen steht, die an unser Wohl das Wohl anderer verknüpfen, so wird ein Entschluß schon weit schwerer, für dessen Erfolg man so vielen Personen Rechenschaft zu geben hat.
Setzen Sie nun noch, daß die Sache so sehr ungewiß ist, wie die meinige, und daß so viel andere, von uns ganz unabhängige Begebenheiten zusammen kommen, und uns helfen müssen, wenn sie nicht fehl schlagen soll: wer kann alsdann kühn genug seyn, für den Ausgang zu stehen, besonders wenn man durch unglückliche Beyspiele geschreckt ist. Man glaubt in diesen Fällen sehr leicht, daß das, wozu sich eine besondere Gelegenheit anbietet, mehr als ein Ruf der göttlichen Vorsehung angesehen werden kann, als das, wozu nichts als unser Entschluß etwas beygetragen hat. Vielleicht ist dieses zuweilen Vorurtheil. Aber scheint es uns alsdann nicht Wahrheit, wenn die Unternehmung mißlingt? Nach Leipzig ohne Ruf und Veranlassung zu gehen, und auf gut Glück Vorlesungen anzufangen, wie viel Stimmen glauben Sie wohl, daß ich hier dafür würde gefunden haben? Noch dazu da Leipzig außer unsers Herrn Ländern liegt, wo, wenn gegen die Regeln der Wahrscheinlichkeit alles aufs glücklichste fällt, am Ende doch immer die Schwierigkeit übrig bleibt, die die Versetzung einer ganzen Familie und ihres Vermögens in einen entfernten Ort mit sich führet. Was blieb mir also bey dem Wunsch und beynahe bey dem Bedürfniß, das ich hatte, nach Sachsen zurückzukommen, was blieb mir anders übrig, als eine Art von Beruf zu wünschen, die mir mehr und stärkere Ursachen verschaffte, mein Vaterland wieder zu verlassen, als meine bloße Neigung seyn konnte.
Dieses war die erste Ursache, warum ich eine Hofmeisterstelle wünschte, zu der mich sonst nicht Noth noch eine sehr große Lust, Hofmeister zu seyn, antrieb. Diesen Gesichtspunkt einmal festgesetzt, erschien mir die Sache auch von andern Seiten vortheilhaft, so wie gemeiniglich, wenn unsere Neigung festgesetzt ist, unser Verstand die Mühe über sich nimmt, sie durch Gründe zu rechtfertigen, die doch nichts dazu beygetragen hatten, sie hervorzubringen. Ich fand als Hofmeister eines jungen Herrn von Stande meine Lust, die Welt, und wenn es seyn könnte, die große Welt etwas kennen zu lernen, befriedigt; ich sah in der Ferne die Aussicht zu Reisen. Endlich glaubte ich, daß, wenn sich durch diesen Weg die Schwierigkeiten des akademischen Lebens, besonders in Leipzig, etwas erleichtert hätten, wenn es dadurch für mich wahrscheinlicher geworden wäre glücklich zu seyn, als es für jeden andern ist, der mit eben so viel Zuversicht, wie ich, seine Vorlesungen anschlägt: daß, sage ich, ich alsdann meine Verwandten und Freunde durch stärkere Gründe würde bewegen können, einen beständigen Aufenthalt in Leipzig genehm zu halten. Dieses sind die Ursachen, warum ich es für nothwendig gehalten habe, unter einem von beyden Vorschlägen wählen zu müssen.
Wenn sich keine solche Gelegenheiten angeboten, oder wenn ich sie ausgeschlagen hätte; wissen Sie, was für ein Entwurf an dessen Stelle getreten wäre? Ich würde diesen Winter in B**** geblieben seyn. (Und würde ich wohl diese Bitte meiner Mutter haben abschlagen können, wenn ich ihr weiter nichts, als bloß die Begierde lieber anderswo als bey ihr zu seyn, zum Bewegungsgrunde hätte vorzulegen gewußt?) Man würde während der Zeit Versuche auf mich gethan haben, meinen Aufenthalt in meinem Vaterlande beständig zu machen. Wenn ich gegen alle Vorschläge hartnäckig genug ausgehalten hätte, so würde ich endlich künftige Ostern nach Halle gegangen seyn, und zu lesen angefangen haben. Ich weiß, daß dieß doch vielleicht das Ende der Sache seyn wird. Aber genug, ich bin zufrieden, wenn es nur jetzt nicht geschieht, und wenn ich noch zuvor das Ziel von Geschicklichkeit und Wissenschaft an einem dazu weit bequemern Orte erreiche, ohne welches ich mich selbst für einen unwürdigen Lehrer der Akademie halten würde. —
Was nun die Wahl unter beyden betrifft, so war die Zeit zur Ueberlegung kurz; meine Neigung durch die Vortheile der Nation des Ministers, und durch die Vortheile des Orts bey der andern getheilt; meine Mutter höchst unschlüssig, furchtsam, mich den Schwierigkeiten und Gefahren bloß zu stellen, die sie im Dienste der Großen für mich zu finden glaubte, und doch auch ungewiß, ob die Vortheile diese Gefahren nicht überwiegen; ich selbst nicht vermögend genug, sie von allen Umständen, die die J..sche Condition heruntersetzen, zu unterrichten, und nicht dreist genug, mir alle die Talente zuzuschreiben, die des Grafen seine zu erfordern schien. Was konnte ich thun, um mich und sie zugleich zu beruhigen, als die Entscheidung einem Manne auftragen, der beyde Stellen besser kennen muß, wie ich. —
Noch ist von ihm keine Antwort da. Wenn er für die J..sche entscheidet, so bestehe ich durchaus auf der Bedingung, Collegia lesen zu dürfen. Ohne das wird nichts daraus; das versichere ich Sie heilig. Und nun, l. F., verlassen Sie mich nicht mit Ihrer Liebe, Ihrem Rathe und mit Ihrem Beystande. In unserer Freundschaft finde ich einen Trost, der mir jede Schwierigkeiten leichter überwinden, und jeden Kummer ertragen hilft u. s. w.