Kurze Einleitung,

welche die Ursachen der Geringschätzung der Erzgebirgischen Gegenden und die Absicht dieser Schrift angiebt.

Es waren die schönsten, die glücklichsten Tage meines Lebens, wo ich mit einem Herzen voll Unschuld und Frohsinn, wo ich noch voll seliger Ruhe die Berge der theuern Heimath erstieg, auf ihren Höhen weilte, durch jene traulich stillen Thäler irrte, – wo ich das Erzgebirge durchwanderte. Sie sind nicht mehr, die glücklichen Tage! – Wie durch graue Wetter das goldene Abendgewölk lächelnd dahin schwebt: so lächelt mir rosig die Vergangenheit durch die Risse ewiger Ungewitter; – ich starre kindisch froh das liebliche Gebild an, ich sehe sie wieder, die wonneseligen Tage meiner Knabenzeit, sehe wieder die frohen Spiele der Unschuld auf beblümter Wiese, – dort steht mit ihrem Schatten die alte, weitästige Buche; dort lehnt sich am bebuschten Hügel der ernste Fels empor, ihn umklettern weidende Ziegen, – dort rinnt im grünen Moose der silberne Quell. O! daß sie leider nicht mehr sind, jene glücklichen Tage! – –

Doch immer denke ich an dich, theures, liebes Erzgebirge! Ich fühle mich getröstet, eine neue Sonne geht mir auf. Darum habe ich beschlossen, dich und deine Schönheiten gefühlvollen Naturfreunden zu schildern, für diese Provinz Sachsens Aufmerksamkeit erregen, die sie nicht minder als die Gegend bei Schandau verdient; denn auch hier sind heilende Bäder zu Wolkenstein etc. Vielleicht gelingt es mir, manche lächerliche Meinungen und Sagen von dem obern Erzgebirge, denn auf dieses nur beziehe ich mich, zu widerlegen und zu tilgen, die Unwissenheit in Rücksicht einiger Gegenstände desselben in genauere Kenntniß zu verwandeln und so Interesse und Beifall für dasselbe zu erwecken.

Es kann überhaupt unter die leidigen Schwächen der Menschen mit gerechnet werden, daß sie am häufigsten immer nur nach dem ganz sinnlich Angenehmen streben und doch jeden etwas beschwerlichen Weg dahin zu vermeiden suchen, ja bisweilen aus dieser widerstreitenden Ursache sich lieber jedem andern angenehmen Eindrucke trotzig entziehen. Ich halte daher denjenigen nicht eben für einen ächten Freund der Natur, welcher nur immer auf duftigem Blumenlager, umschattet von den goldbefruchteten Bäumen Italiens, von Nachtigallen zauberisch umflötet, am weichen Ufer des Silberkieselbachs zu ruhen wünscht, dem Sybariten gleich.

Am wenigsten aber kann ich einen Sachsen für einen Kenner, Verehrer und Freund seines Vaterlandes halten, wenn er von demselben mit kleinlicher Verachtung und Geringschätzung schwatzt, – wenn er nicht sein Vaterland durchreißt oder wenigstens doch aus Schriften kennen lernt, sondern die Hotels des Auslandes bereichert. Fern sei es von mir, das Reisen in fremde Länder zu tadeln, – dieses wäre thörigt: aber vorher sollte man doch erst sein Vaterland kennen. – Mancher wird mich hier mitleidig lächelnd fragen: »Was ist denn im Erzgebirge besonders zu sehen? Etwa ein Berg, oder ein Fels, ein schlechter Weg, oder Ellen hoher Schnee? – Oder soll man in Schächte und Stollen fahren?« – Wer weiß all das elende Geschwätz, welches man einwerfend vorbringt und ohne Scheu und Scham schon vorgebracht hat! – Dieses ganze Buch möge antworten! –

Um der Ehre vieler Sachsen willen glaube ich aber auch, daß der Mangel einer naturhistorischen Beschreibung des obern Erzgebirges jene Unbekanntschaft und Geringschätzung desselben zur Folge gehabt habe, obgleich im Einzelnen manche Skizzen besonderer Gegenstände existiren. Diese Skizzen, ohne sie etwa zu tadeln, dürfen jedoch nicht unter diejenigen Schriften gezählt werden, welche mannichfachen Genuß gewähren, Interesse dafür und Verlangen nach den beschriebenen Gegenständen erwecken, noch weniger als Wegweiser angesehen werden können. Daher möchte man fast behaupten, daß von dem obern Erzgebirge die allerwenigsten und unvollständigsten Nachrichten da wären;[1] daß man allen Fleiß und alle Aufmerksamkeit nur den reichen Gängen seines Schooßes widmete und, statt seine Gegenden und übrigen Merkwürdigkeiten zu beschreiben, nur das löthige Silber aufschrieb, welches man gewann.

O! eurer vergaß man, ihr stillen friedlichen Thäler, wo in dürftigen Hütten zufriedene Armuth wohnt, – wo über funkelnde Steine crystallne Bäche sich schlängeln und die grünen Wiesen tränken, – wo der Friede Gottes ruht! – Eurer vergaß man, ihr heimlichem dunkeln Tannenwälder, wo zwar nicht Nachtigallen flöten, wo keine saftigen Früchte den Gaumen reitzen und nicht der müssigen Spatziergänger Schaar lärmt: aber verstohlen ein Vöglein singt, wo die purpurne Erdbeere verschämt unter ihrem Dreiblatt schwillt, – wo hoher Ernst weilt, wo im frischen, elastischen Moose gelagert der Denker ruhig und ungestört in andere Gefilde sich schwingen und eines Himmels sich freuen kann; – wo unglückliche Liebe weinend und mit verschlungen Armen am bekränzten Felsenblocke lehnt! –

O! eurer vergaß man, ihr Berge, ihr silber schwangern Stützen des Himmels, wo man, erhoben über dieser Erde schimmernden Tand, am Sonnenthrone der Gottheit knieen und ihre beglückende Gegenwart tief in der Brust fühlen kann, – wo man nicht mehr Mensch ist, sondern rein aus der gebrechlichen Hülle tritt und mitleidig hinunter auf all das eitle Thun der Menschen blickt! – Man vergaß eurer, ihr Felsen, wo im schaurigen Dunkel greiser Tannen, die Wehmuth ins Thal starrt, – die ihr, ein Bild männlicher Größe, in stürmender Wetter grausen Schrecknissen fest stehet, – um die beim Schimmer der Sichel die Eule flattert und Beute hascht! – Eurer vergaß man, ihr murmelnden Bäche, die ihr den Wiesengrund belebt und dem Müller im Thale sein Brod bescheert, – in deren crystallener Kühle bunte Forellen und Schmerlen scherzen, an deren bebuschten Ufern der Knabe weilt und sich Ruthen schält! Deiner ward nicht gedacht, du rauschender Waldstrom, der du über deine Felsen schäumest, durch dichter Fichtengebüsche nickende Reihen dich drängend! – Nicht ward eurer gedacht, ihr schönen, romantischen Gegenden, wo man bei dem Anblicke einer jeden, in einer jeden möchte sein Leben unter den biedern, herzlichen Naturmenschen zu bringen! So laß mich hier, glückliche Vergangenheit, noch einmal in den Spiegel deiner Erinnerungen blicken, noch einmal so manche abgeschiedenen Freuden vorüber gleiten, laß mich die theuern und geliebten Menschen sehen, die ich kannte und noch kenne! Ach! manche sind schon heim gegangen! –

Woher aber rührt jene Unbekanntschaft mit den Naturschönheiten des obern Erzgebirges? – Woher kommt es wohl, daß der Bewohner anderer Sächsischer Provinzen[2] wenig oder gar keine Kenntniß jener Gegenstände besitzt, – daß es ihn Fabel dünkt, wenn man von den Bergen, Thälern, Gegenden und riesigen Felsen des obern Erzgebirges erzählt? –

Hält man meine Meinung nicht für übertrieben und hart, so will ich diese Fragen überhaupt zu beantworten suchen. Ich glaube, daß dieses erstlich daher komme, weil, wie ich schon erinnert habe, keine genaue und reelle Beschreibung der Naturmerkwürdigkeiten des obern Erzgebirges da ist, indem man Mühe und Beschwerlichkeiten, eine solche zu liefern, scheute, und voraus zu sehen glaubte, daß man dafür kein verhältnißmäßiges Honorar erhalten würde und könnte. Ferner ließ man sich durch übertriebene Mährchen elender Weichlinge täuschen, und endlich will man lieber das Ausland, als sein Vaterland kennen lernen.

Gewöhnlich scheut man es sehr, jene Berge zu erklimmen, durch jene dunkeln Tannenwälder zu irren, jene Felsen zu ersteigen, über rauschende Bäche zu setzen, durch Schluchten und Höhlen zu kriechen, um – die Schönheiten der Natur kennen zu lernen. – Und doch ist man geschwind mit dem Ausdrucke fertig: »es ist dort zu rauh!« – Von einer Gegend gebraucht, ist dieses eigentlich ein nichts sagender Ausdruck. Denn was kann man in der Natur rauh nennen? wer kann es nennen? – Sind es hohe Berge? sind es Fichten-, Buchen-, Tannenwälder? sind es Felsen, Thäler, Bäche, Auen, Wiesen und Haine? Ist ein Wald rauher, als der andere, ein Fels, ein Thal rauher, als die andern? – In der That, ich kann keine Gegend, absolut rauh nennen. –

Und wenn man das Klima rauh nennt, so muß ich mich wundern, wie man sich vorstellen kann, daß nur allein im obern Erzgebirge das Klima rauh seyn soll, wenn in andern Gegenden und Provinzen Sachsens die Sonne scheint. Im Winter wird man doch nicht reisen, um Gegenden zu besehen und im Winter ists bei Dresden eben so rauh, als im Erzgebirge, denn Eis und Schnee trifft man im Winter in unserm Sachsen doch überall an. Komme man aber im Sommer aus dem sandigen, heißen Niederlande in das obere Erzgebirge, und athme dann eine frische Luft ein, die auf jenen Höhen weht, und empfinde die angenehme Wärme in den Thälern, – kurz, kommt ihr, die ihr das Gebirge verachtet, wenn bei euch angenehme Witterung ist, in das Erzgebirge, und es wird euch eben die Sonne scheinen, und eben die Lüfte werden euch umwehn, ihr werdet euch beschämt sehen. Freilich ist der Winter oft stürmischer und härter, dafür aber sind es Berge. –

Manche haben keinen Stein des obern Erzgebirges gesehen, und schwatzen dennoch, wie viele andere; dieß rührt von den übertriebenen Mährchen unberufener Erzähler her, und derjenige, welcher sich vorher keinen Begriff von dem obern Erzgebirge und der natürlichen Beschaffenheit desselben machen konnte, wird von kleinlichen Vorurtheilen und überspannten Idee'n angefüllt, daß er sich auf diese Art oft dem Lächeln und dem Mitleide verständiger und gebildeter Erzgebirger aussetzt. So sähen viele Sachsen es lieber, wenn das Erzgebirge eine fette Kornkammer wäre, obgleich die Anzahl der Producte, die es liefert, größer ist, als fast in irgend einer Provinz; so hat man, wenn Theurung im Gebirge war in den übrigen Kreisen die vollen Speicher verschlossen gehalten, hat nicht gegen Geld und Bitten dem Hunger abwehren wollen; (einige edle,[3] patriotische Familien ausgenommen!) hat die Fuhrleute, die viele Meilen weit in Commission kamen, leer zurück fahren lassen, wenn sie nicht die enormsten Summen für das taube Getraide zahlten! Hätten nicht die nachbarlichen Böhmen oft den Erzgebirgern Getraide und Lebensmittel zukommen lassen, hätte nicht auch vorzüglich der allgeliebte Friedrich August, der Vater des Vaterlandes, seine Milde gegen das Erzgebirge so rühmlich bewiesen, ach! wer weiß, was man würde gehört haben! – Man verzeihe mir diese Herzenserleichterung, ich habe Wahrheit gesprochen! –

Durch die gegenwärtige freie Schilderung, welche man als einen Versuch ansehe, habe ich Freunden der Natur- und Vaterlandskunde einen Pfad bahnen wollen, den man in Zukunft erweitern und verbessern und so sich Vergnügen und Nutzen mancher Art verschaffen kann. Man verkenne meine Absicht nicht, ich meine es redlich. –

W******,
im August, 1807.

C. G. Wild