Inhalt.

[I.] Johanngeorgenstadt und die umliegenden nähern und entferntern Gegenden. (Erzählung der Erbauung dieser Stadt, – ihre Lage, Feldbau und Klöppelwesen, u. s. w.)

[1.] Die Teufelskanzel oder der Schneiderfels.

[2)] Die Gegend am Schwarzwasser nach Breitenbrunn.

[3)] Der Teufelsstein bei Steinbach.

[4)] Der Auersberg. (abentheuerliche Reise dahin.)

Der Aufgang der Sonne auf dem Auersberg. (Eine Novantike für Freunde der Natur.)

[5)] Von Wildenthal über Eibenstock nach Ober- und Unterblauenthal.

[6)] Der Weg von Sosa nach dem Blaufarbenwerke.

[7)] Die Gegend um Bockau.

[II.] Schneeberg und die umliegenden nähern und entferntern Gegenden. (Schilderung von Schneeberg, – Lage, Gegend und Vorzüge. z. B. das Lyceum, Konzert, Bürgermuseum u. d. g.)

[1.] Der Kleesberg. Allerlei Merkwürdigkeiten von demselben.

[2)] Das Gerichtswäldchen und das Hammerholz.

[3)] Die Eisenburg bei Willbach. Nebst einem Gedichte.

[4)] Ueber Stein zur Prinzenhöhle. (Schloß Hartenstein.)

[5)] Ueber Schnorrensguth und Auerhammer nach Celle.

[6)] Uebrige Gegend um Schneeberg.

[III.] Vorzügliche Feste der obern Erzgebirger.

[1.] Die Fastnacht. (Besonders zu Johanngeorgenstadt.)

[2)] Weihnachten. (Schnitzeln, Heiligchristspiel, Speisen, Illumination etc.)

[IV.] Besondere Gebräuche.

[1.] Das Hutzengehen.

[2.] Die Aschermittwoche.

[3.] Der Walpurgisabend.

[4.] Das Osterficken.

[5.] Der Pfingstlümmel.

[6.] Der Johannisabend.

[V.] Vorzügliche Vergnügungen.

[1.] Das Vogelstellen im Herbste. (die verschiednen Arten.)

[2.] Im Winter das Ruscheln.

[3.] Schneehäuser, Schneemänner, Lavinen.

[VI.] Kurzes Gespräch zweier obergebirgischer Bergleute. (Nebst einer hochdeutschen Uebersetzung.)

[VII.] An das Erzgebirge. (Ein kurzes Gedicht.)


I.
Johanngeorgenstadt und die umliegenden nähern und entferntern Gegenden.

Man muß aus Böhmen kommen, man muß aus der gesegneten Saazer Gegend in das allmählig immer waldigere und steilere Gebirge Böhmens kommen um die Verschiedenheit des Klimas und der Natur selbst kennen zu lernen; um sehen zu können, wie der fruchtbarste Boden nach Abnahme der Meilen minder fruchtbar und endlich ein steiniges Riesengethürm wird, wie die gefällige, ährenwogende Gegend, nach der Grenze zu, ernster, finstrer und wilder wird; wie die seufzenden Obstbäume am Ende in dunkle Tannenforste sich verwandeln, wie das flache Land in deutlichen Stufen zum großen Gebirge anwächst. Es ist sehr interessant, diesen abgestuften Uebergang vom Gefälligen und Fruchtbaren zum minder Gefälligen und minder Fruchtbaren wahrnehmen zu können. Aber es ist auch wiederum um so interessanter, den stufenweisen Abfall des minder Gefälligen und minder Fruchtbaren wahrzunehmen; zu sehen, wie die finstern, waldigen Gebirge allmählig sich erheitern und mit freundlichem Fuße das flache Land berühren; wie der steinige Boden nach und nach fruchtreich sich endigt, wie die ernsten wildromantischen Gegenden allmählig heiter und freundlich werden und endlich den gefühlvollen Naturfreund entzücken. – Dieses nun ist der Fall mit dem sächsischen obern Erzgebirge und vorzüglich mit dem, welches sich an die waldigen Gebirge Böhmens anschließt.

Ich glaube daher besser zu thun, wenn ich den Leser zuerst von Johanngeorgenstadt aus führe, sodann über Schneeberg nach Zwickau zu, oder über Geyer und die Gegenden nach Annaberg und Chemnitz. Denn so bemerkt man sehr deutlich, wie allmählich das Klima milder und der Boden besser wird, wie die Gegenden sich nach und nach in lachende und gefällige verwandeln. Es wird daher nicht unzweckmäßig seyn, wenn ich zuerst von Johanngeorgenstadt und der umliegenden Gegend im Allgemeinen spreche, da dieser Ort durch seine Entstehung, seine Lage, seinen Bergbau und durch das Spitzenklöppeln zum Theil nicht unbekannt und uninteressant seyn wird. –

Eine hohe Bergkette, welche in einem schrägen Halbzirkel von Mittag gegen Mitternacht sich fortzieht, nennt man in der dasigen Gegend den Fastenberg und theilt ihn ein in den vordern, mittlern und hintern. Auf diesem Fastenberge nun ist Johanngeorgenstadt gebaut und zwar auf dem vordern, hart an der böhmischen Gränze. Zur Zeit nämlich, als der lutherische Religionsbegriff in Sachsen der herrschende geworden war und in allen Provinzen dieses Landes der Wahrheit himmlisches Licht die Nächte des Irrwahns zu verscheuchen angefangen hatte; zur Zeit, als noch finstre, dichte und ungeheure Waldungen den Fastenberg bedeckten und noch (nach eines alten Schriftstellers Ausdrucke) die Bären brummten, die Wölfe heulten, die Füchse bellten, zu dieser Zeit waren an Böhmen die ehemals Schwarzenbergischen Städte Platten und Gottesgabe abgetreten worden. Doch der Religionshaß der Katholiken drückte die lutherischen Einwohner auf alle mögliche Art, und ungeachtet der vom Kaiser Ferdinand in dem errichteten Vertrage mit Johann Georg I. versprochenen Religionsfreiheit, kam schon 1653 der kaiserliche Befehl: daß die Lutheraner entweder römischkatholisch werden, oder mit Zurücklassung ihrer Haabe und Güter das Land meiden sollten. – Es war dieses ein nicht unerwartetes, aber hartes Gebot, und es fragt sich, ob die Lutheraner jetziger Zeiten das würden thun, was ihre ältern Brüder damals thaten. – Die meisten trennten sich von ihrem Eigenthum, von der häuslichen Ruhe, von den zurück bleibenden Blutsverwandten und Freunden, flohen bei Nacht, ohne Aussicht, ohne Mittel, sich irgendwo in die alten Familienverhältnisse wieder zurückzubringen, wieder Haus, Vieh und Feld besitzen zu können. Dennoch um der erkannten Wahrheit willen ließen sie Alles zurück und zogen über die Gränze, ließen sich mitten in einem grausen Walde, in der wildesten Gegend Sachsens, auf den Fastenberge nieder, wo seit dreißig Jahren von Bergleuten aus Platten und Eibenstock ein kleiner Zinn- und Eisenstein-Bergbau getrieben wurde. Da die meisten dieser Ausgewanderten nach den Kenntnissen der damaligen Zeit erfahrne und geschickte Bergleute waren, so untersuchten sie an einigen Stellen den Fastenberg und sieh da! sie fanden bald das gediegenste Silber. – Voll Freude und den Fingerzeug der Gottheit darin erkennend, berichteten sie es an den damaligen Churfürst Johann Georg I., welcher ihnen sogleich die Fortsetzung des Bergbaues gestattete, daß sie sich unterdessen einigermaßen anbauen konnten. Da ich aber nicht die eigentliche Geschichte Johanngeorgenstadts schreiben will, so werde ich das nöthigste nur kurz erzählen.

Da die Anbrüche sich mehrten, so erhielten sie endlich die Erlaubniß eine Stadt anzubauen, welche sie auch nach dem Namen ihres huldvollen Beschützers Johanngeorgenstadt nannten; dieß geschah 1654, ein Jeder mußte ein Stück Wald urbar machen, welches dann sein eigen war. Denn die ganze Gegend war, wie ich schon erwähnt habe, dichter, finstrer Wald und man muß die außerordentliche Betriebsamkeit, die schwere Arbeit und den unablässigen Fleiß dieser Leute bewundern, die es, und in der Folge ihre Nachkommen, dahin brachten, daß man jetzt beynahe eine Stunde weit im Umkreise anstatt Waldung, Felder und Fluren erblickt! – –

In der Ansicht von Morgen nimmt sich die Stadt vorzüglich gut aus, indem sie sich auf dem allmählich aufsteigenden Rücken des Fastenbergs in ihrer Länge gleich emporlehnt und man den Durchschnitt der Gassen wahrnehmen kann, deren jede in gerader Richtung fortläuft; und dann da, wo die Häuser nach der Morgenseite zu sich endigen, zieht sich der Berg schroff und steil herab, daß es scheint, als würden die Häuser herabstürzen, daß man auch, um von Wittichsthal aus in die Stadt kommen zu können, die Wege schneckenförmig im Zickzack angelegt hat. Uebrigens ist es in Johanngeorgenstadt recht hübsch und lebhaft, die Einwohner sind gutmeinende, treuherzige Leute und die Liebe der dasigen Bergleute vorzüglich gegen ihren Friedrich August ist auffallend. –

Man bemüht sich außerordentlich, den Boden zu kultiviren und es fängt auch an, zu gelingen. Freilich sind Erdäpfel das meiste, was man baut, aber diese sind auch das Hauptproduct, indem sie immer gut und in Menge gerathen, Vieh und Menschen ernähren müssen und den niederländischen gar sehr können vorgezogen werden. Die vielerley Speisen, welche man daraus bereitet, lassen sich nicht aufzählen. Ueberhaupt thut dem erzgebirgischen Ackerbau die Witterung den meisten Schaden, denn der Boden an und für sich selbst, durch das häufige Düngen, ist wirklich besser, als man ihn zu finden wähnt und die Erzgebirger können hoffen, daß er in Zukunft gut werde werden, da man durch häufiges Abschlagen der dichten Waldungen dem Klima gewissermaßen zu Hülfe kommt. – Korn baut man auch bei Johanngeorgenstadt, aber freylich ist dieser Feldbau riskanter; weniger riskirt man mit dem Hafer. Das Obst geräth nicht so gut, und wenn es ja zur gehörigen Reife gedeiht, behält es immer noch einen scharfen Geschmack. –

Gleich unten im Thale an der Stadt liegt das Hammerwerk Wittichsthal, welches einem kleinen Dorfe gleicht und durch die fast immer im Gange sich befindenden Eisen- und Blechhütten, durch Fuhrwerk, Mühlen und mehrere rauschende Bäche sehr viel Lebhaftes erhält. Ueberhaupt liegt Wittichsthal recht angenehm, und man hat einen erfreulichen Anblick, wenn man es oben von der Stadt herab betrachtet. Hinter dem sogenannten Herrenhause dehnen sich lange Wiesen und Aecker aus, an deren Ende hinten das Schwarzwasser vorbei sich schlängelt, welches zwischen den böhmischen Gebirgen aus dunklem Forste hervorfließt und so einen schönen Anblick gewährt. An dem jenseitigen Ufer desselben erhebt sich allmählich, mit Aeckern und Feldern an seinem Fuße, der Rabenberg, eine Gebirgskette, die sich von der böhmischen Gränze an längs dem Schwarzwasser bis gegen Breitenbrunn hinabzieht; doch nennt man nur einen gewissen Theil derselben den Rabenberg. Weiter oben am Saume der Waldung, welche sich in Mischung mit Buchen und Birken, und grotesken Felsentrümmern, auf dem Rücken dieses Gebirgs ausdehnt, liegt ein kleines Pachtgut, welches zu Wittichsthal gehört. Nun aber wollen wir ein wenig umkehren und durch Wittichsthal bei mehrern Zechen vorbei nach dem kaiserlichen Zollhause zu und von da bei Gelegenheit auf eine kurze Zeit über die Gränze gehen, damit wir Alles besehen. Dieses Zollhaus liegt hart an dem Gränzbache, dessen Wasser roth sieht und weiter unten, wo es in das Schwarzwasser sich ergießt, ein angenehmes Farbenspiel erblicken läßt. Hinter dem Zollhause steigt das sogenannte Kaiserwäldchen (Kaserwalle nach gebirgischer Mundart) auf, welches sich bis gegen ein böhmisches Blaufarbenwerk fast hindehnt, ungefähr eine kleine Viertelstunde weit. Dieses Blaufarbenwerk (sein jetziger Besitzer ist ein Herr Bürgermeister Elster) liegt in einem engen, allmählich sich erweiternden Thale, von Felsen und schwarzem Forste zur Seite und hinten umgeben, indem ein hoher Berg sich hinter dasselbe herabzieht, der sich in einer mit grauen Felsen bespitzten Zunge bei der böhmischen Hammermühle endigt und den Zusammenfluß des Breitenbachs und des Rothenbachs geschehen läßt. Diese sogenannte Hammermühle präsentirt sich sehr abstechend und freundlich. Von da gehen wir nun weiter und sehen, wie das Elstersche Haus aus dem dunklen Hintergrunde so angenehm hervorblickt. Ihm gegenüber, ungefähr dreißig Schritte, erhebt sich ein waldloser, grüner Gebirgstheil, worauf hie und da einige Häuser stehen, davon eines der obersten man die Marianne benannt, welches von den Johanngeorgenstädtern fleißig wegen des da zu habenden guten, böhmischen Bieres und der herrlichen Aussicht besucht wird. Wir wollen auch einmal einkehren, da uns das Bergsteigen sauer geworden ist; wir wollen uns erst durch einen Trunk und dann durch die Aussicht laben. –

Nun, lieber Leser, du hast dich gelabt, hast die Reinlichkeit bewundert, welche in diesem Hause herrscht, und willst nun der entzückenden Aussicht genießen. Komm und sieh, und freue dich!

Vor deinen Füssen senkt sich des Berges grünbegraßter Abhang hinab zum Ufer des rauschenden Breitenbachs, an welchem in silberglänzenden Holzstößen die Bachstelze und der Sperling einträchtig nisten und fröhlich umherschwärmen. Wende dein Angesicht gegen Mittag und sieh die Menge der kleinern und größern waldigen Berge, die, wie Gräber, bald in lichterem bald in dunklerem Grün emporragen und den Himmel zu tragen scheinen. Nun sieh zu deiner Linken, wie der Saum des Kaiserwäldchens sich in einem Bogen herabzieht und endlich weiter unten bei den Felsenblöcken in einzelne Tannen sich verliert. Und unten im Thale erblickst du die Straße nach Platten, immer von Menschen betreten; der Breitenbach bildet nun einen Bogen und zieht sich längs dem schroffen Ende des Berges hinab, silbern blitzend. Gleich hinter den Blaufarbenwerk-Gebäuden erhebt sich steil und hoch ein ernster Berg, hie und da einige Felsenruinen und oben das Ende eines Tannenwaldes, den kein Strahl der Sonne durchdrang. Immer schräger senkt sich der Berg hinunter, wie das grausende Grab eines Giganten, und endigt sich vornen bey der Mühle in felsige Terrassen; die einzelnen, niedrigen Häuschen erhöhen das Romantische. Alles dieses hast du nahe vor dir. – Aber, nun sieh, wie hinter diesem Gigantengrabe sich rechts der mit Aeckern, Feldern und Gebüschen geschmückte, vordere Fastenberg hemisphärisch zeigt, wie im Thale an dem Fuße desselben die Farbmühle[4] mit ihren Linden und dem lebendigen Zaune hervorblickt, wie abwechselnd jenes Thal hinauf sich dehnt; sieh, wie links das Weißguth mit seiner Allee hervorguckt, seitwärts die Jugler-Straße und oben am Saume des Waldes, wie die Fensterscheiben einiger kleinen Häuser im Spiegel der Sonne herüberfunkeln; rechts drüben auf dem Fastenberge, wie flimmernd der Wassergöpel so hoch ragt, weiter hin das Neue Leipziger Glück[5] und hinten am Walde das Vitriol- und Schwefelwerk mit seinen weißfahlen Rauchsäulen; sieh, wie rund am Horizonte sich sanft eine Kette von Waldungen schlingt, hinter welchen gegen West hin die Spitze des Auersberges im Nebelgrau hervor blickt! – – Und nun wenn kein Kummer, kein Gram in deinem Busen naget, wenn du immer Ruhe hast, o! dann komm, wann auf ihrem Rosengewölk hinten die Sonne sinkt, wann der Dämmrung braune Schleier vor dir die Thäler bedecken und du noch im Abendgolde des scheidenden Tagesfürsten stehst, dessen milder Blick hie und da noch auf den Spitzen der Berge freundlich weilt und hochroth dort oben durch die einzelnen Tannen sich stiehlt, wie der Auersberg im strahlenden Farbenwechsel am Horizonte ragt, wie – – o! ich kann dir nicht alles so schildern, – siehe selbst, fühle selbst! Bist du glücklich, so wirst du dich unendlich glücklich fühlen, und bist du unglücklich, so vergißt du hier all dein Leid, du bist getröstet! Dem Himmel näher fühlst du dich, und der Abendglocke sanfter Schall, der von der Stadt herüber durch den Wald tönt, vermehrt die hohe Rührung deines Herzens, daß du in dem Glauben an einen Vater überm Sternenzelte die reinste Seeligkeit empfindest! –

Wir verlassen nun den Berg[6] und steigen durch das Wäldchen wieder hinab, gehen bei der Hammermühle über den Steig und sind wieder auf sächsischem Boden. Nun wollen wir auch das Farbmühler-Thal besehen.

Der Weg führt bey dem Malzhause und der Mühle vorbei, wo links und rechts braune Felsen hervorragen. Jetzt sind wir da, wo man links in ein kleines Thal blicken kann, dessen Mitte der Gränzbach in der Länge herab durchschneidet, welcher hinten aus dem Fichtenwalde hervorfließt, klares, frisches Wasser enthält und wenn ich nicht irre, der Pechhöfer genannt wird. Der linke Theil dieses Thales ist böhmisch, so wie der rechte sächsisch. Es ist sehr angenehm, dieses einsame Thal zu durchwandeln; sonst traf man auch darin eine Anzahl kleiner Fischteiche, welche zu dem sogenannten Weißguthe gehörten, jetzt aber durch die Nachlässigkeit des damaligen Besitzers meist eingegangen und vertrocknet sind. Ueberhaupt, als jenes Guth dem verdienstvollen, seligen Pastor Brunner noch gehörte, soll es sehr angenehm daselbst gewesen seyn. Auch findet man in dieser Gegend weiter oben ein vortreffliches Echo. Nun vorwärts! – Wir halten uns rechts, gehen bey dem kleinen Wehr des Bachs, welcher aus dem Farbmühler-Thale hervorfließt, hinüber auf den Fahrweg, bei den nassen Felsen vorbei und kommen an mehrere Häuser und eine große Mühle, zusammen die Unterjugel genannt. Nun richten wir unsern Weg nach dem sogenannten Gartenhause, ein rothgestrichenes, großes Gebäude, an welchem einige von Kugeln zerlöcherte Scheiben hängen; – eine Erinnerung an daselbst verlebte, frohe Tage, welche ein Zwiespalt des Raths mit dem Bergamte einst unterbrach. –

Vor diesem Hause stehen mehrere alte Linden, deren Aeste sich in einander verweben und worunten steinerne Tische und Bänke sind, nebst einem Kegelschube; zu beiden Seiten zieht sich ein lebendiger Fichtenzaun hin, daß es Sommerszeit äußerst angenehm daselbst ist, indem man auch einen guten Trunk Bier haben kann. Das Gartenhaus selbst ist von einem lebendigen Zaune weit eingeschlossen, welcher sich hinter demselben an dem Berge hinauflehnt und oben an ein altes, steinernes Thor sich anschließt, welches Alles, so wie das Terrassenförmige, sich vortrefflich ausnimmt. Ueberhaupt gefällt es hier den Johanngeorgenstädtern und allen Fremden am besten, in Rücksicht eines öffentlichen Vergnügungsortes. Sonntags machen die Berghautboisten gewöhnlich Tanzmusik und der junge Bergmann verjubelt hier in den Armen seines Mädchens die übrigen, wenigen Groschen seines sauer verdienten Lohnes. –

Nun wollen wir weiter gehen. Daher betreten wir den, oben am Ende des Fichtenzaunes mit dem Wasser parallel das Thal durchschneidenden Weg, bei der Vogelstange vorbei, zwischen den Halden,[7] auf welchen im Glanze der Sonne hie und da buntfarbige Schwelkiese flimmern, denn gleich am Wege sieht man das verfallene Mundloch[8] eines Stollens. In der theuern Zeit bauten reiche Holländer mehrere Gruben in diesem Thale, wodurch eine große Anzahl Menschen dem Hungertode entrissen wurden; die gutmüthigen Holländer schickten Geld auf Geld, durch Vorspiegelung eines reichen Gewinnes vermuthlich verleitet, denn auf ihre Kosten untersuchte man das Jugler Gebirge, welches aber leider! nichts enthielt und voll tauber (welche kein Erz enthielten) Gänge war. –

Auf der linken Seite fängt sich nun ein Wald an, dessen größter Theil der Bringerwald heißt und an dem Berge herab längs dem Bache sich fortzieht; weiter hinten ragen aus diesem Walde majestätische mit Gestrippe behangene Felsen hervor und man findet sogar einen kleinen Wasserfall, der sich über das sammtne, grüne Moos silbern herabstürzt. Rechts erblickt man die Hinterseite des Fastenberges, auf dem man die Felder der Johanngeorgenstädter- und Unterjugler-Einwohner sich herabdehnen und unten kleine, von mehrern Gräben gewässerte Wiesen bilden. Da ein jedes Feld und ein jeder Acker in dasiger Gegend gewöhnlich mit einer ziemlichen, leichtgebauten Mauer umgeben ist, welche die Noth bildete, indem man keine andern Plätze hat, wo man die von den Feldern abgelesenen Steine hinwerfe,[9] so fällt es allerliebst in die Augen, wenn man diese mit allerlei Gebüschen bewachsnen, an einander gerichten größern und kleinern Quasischanzen erblickt, belebt von den Schwärmen munterer Vögel. Man trifft diese Mauern um die Felder am häufigsten in der dasigen Gegend.

Während dessen nun sind wir eine hübsche Strecke durch dieses stille, heimliche Thal gewandert und gehen jetzt über eine kleine Brücke, so, daß der Bach uns nun zur Rechten ist. Wir hören ein dumpfes, monotonisches Getöse, – was ist das? – Je weiter wir kommen, desto stärker wird es; jetzt sind wir bei und unter den erwähnten Felsen und sehen vor uns ein hölzernes, ziemlich großes, besonderes Gebäude, woraus das Getöse dringt. Das ist, lieber Leser, wenn du es noch nicht, unkundig des Bergbaues, errathen hast, ein Pochwerk, wo das Erz klar gepocht und zum Schmelzen vorbereitet wird.[10] Dieses monotonische Getöse der Pochwerke, welche meistens, da sie das Wasser treibt, in Thälern angelegt sind, erhöht das Romantische der obergebirgischen Thäler ungemein, vorzüglich in der Ferne gehört, wenn man einsam daherirrt. Jetzt kommen wir noch bei einem solchen Pochwerke vorbei und das Thal wird flacher und weiter.

Wollen wir nun noch weiter hinter und in den düstern Forst wandern, welchen wir vor uns erblicken? Wollen wir den wilden Löbner Grund durchstreichen? – Ja! Muth gefaßt, vorwärts!

Wir gehen jetzt noch bei einem kleinen Hause vorbei und wenden uns dann rechts. – Hu! welch ein schauerliches Dunkel umfängt uns nun, da wir den hohen Tannenforst betreten, welch ein ernstes Schweigen wohnt hier! – Jetzt setzen wir mit leichter Mühe über den Bach, welcher immer kleiner wird und uns bald zu seinem Ursprunge führen wird, wo er das Schwefelbächel heißt. Wir kommen in eine kleine Wiese, mit allerlei Blumen geschmückt, rund herum von hohen, bärtigen Tannen umsäumt; aber es ist ein wenig sumpfig hier. – Nun müssen wir die Zweige der Fichtenbüsche auseinander beugen, um durchzukommen; müssen über gebrochene Tannen und wildes Gestrippe, über runde schlüpfrige Granitblöcke klettern, müssen hie und da über den Bach springen, um ein wenig bequemer gehen zu können. »O! das wird mir zu sauer, wo kommen wir hin?« – wirst du ängstlich ausrufen. Tröste dich und folge muthig! Sieh, wie es zu unsrer Rechten und vor uns schon lichter wird, wie du rechts schon Rasen und Acker durch die Zweige kannst unterscheiden, jetzt ist das Ende der Beschwerden, – wir stehen vor einer Hütte, wie man sich nur immer eine Einsiedlerwohnung aus den Ritterzeiten vorstellen mag. »Und hier in dieser Wildniß wohnen Menschen?« fragst du theilnehmend. Ja, hier wohnt eine arme Bergmannsfamilie; du wirst überhaupt wenig oder gar keine menschenleere Gegenden im obern Erzgebirge finden, auch sorge nicht, es sind ehrliche Leute. –

Nun blicke einmal links den hohen, mit Tannen bedeckten, finstern Berg hinauf, von welchem sich plätschernd der Gießbach herabstürzt; rechts erblickst du einzelne Fichtengebüsche und das Ende der Fluren, zwischen welchen ein Fußsteig in dieses Thal herabläuft. Vor uns gegen Nordwest öffnet sich das Thal zu einer gleichansteigenden Anhöhe, und zwei hohe Tannen bilden gleichsam ein Thor, durch welches wir nun weiter wandern und unsern Weg nach dem Schwefelwerke richten wollen, welches oben vor uns liegt.

Auf freundliche Wiesen kommen wir nun, rechts umgeben uns wieder Aecker und Felder, so wie links das Gebirge waldig sich fortzieht. Endlich sind wir bei dem Schwefelwerke, und nun für die überstandenen Beschwerden erfreue dich durch die Aussicht.

Wende dich nach Morgen,[11] da siehst du, wie sich kesselförmig eine waldige Bergkette an die böhmischen Gebirge anreiht; Johanngeorgenstadt ist vor deinen Blicken verschwunden, aber weiter hin nach Mittag siehst du mehrere böhmische Waldhäuser, Zechen und einen Theil von Platten; du siehst eine Reihe von kahlen und beholzten Bergen, die endlich am fernsten Horizonte in Nebel schwinden. Näher vor dir siehst du wiederum das Weißguth mit seiner Gegend, einen Theil des Farbmühler Thals, die Marianne und alle die schon erblickten Gegenstände von einer andern Ansicht; und ferner den überall sichtbaren Wassergöpel, die Häuersteige,[12] mehrere Zechen und Gebäude und eine ausgedehnte Reihe umbuschter Aecker und Felder. – Hier, und zwar weiter oben, entspringt das Schwefelbächel, welches sich nachher unten im Thale mit einem andern Bache verbindet und so als größerer Bach durch das Farbmühler Thal fließt. –

Man verzeihe mir diese, vielleicht schon mißfallne, Weitläufigkeit, ich halte sie für nöthig und meinem Zwecke angemessener, weil fast gar keine Schriften dieser Art über das obere Erzgebirge existiren. Und wie ich schon erwähnte, will ich nur einen Pfad bahnen, den Andere dann gemächlicher betreten und erweitern können, daher muß ich gründlich und also zu Werke gehen, daß ich Geschichte mit meinen Schilderungen verbinde. –

Wir verlassen nun das Schwefelwerk und gehen querfeld ein über die Eybenstöcker-Straße, über alte Halden und Aecker weg nach dem Glockenklange. Diesen Namen erhält eine von Johanngeorgenstadt aus nordwest liegende, bergige, von Buchengebüschen belebte Gegend von einer eingegangenen Zeche, der Glockenklang genannt; vermuthlich wurde dieser Name der Zeche darum beigelegt, weil an der dahinter aufsteigenden Anhöhe der Klang der Glocken sehr deutlich anprallt, wenn sie Sonntags oder an Festtagen sämmtlich geläutet werden. Hier wollen wir nun ein wenig weilen und uns umsehen.

Wir stehen also gerade nach Morgen gerichtet; uns gegen über dehnt sich der Rabenberg mit seiner vermischten Waldung, mit seinen Blößen und Verhauen längs dem Schwarzwasser hinab, welches an seinem Fuße fließt. Auf seinem Rücken, welcher öfters Strecken weit kahl und grau daher blinkt, sieht man einzelne hohe Felsenruinen von wenigen schwarzen Tannen umzingelt, daß man die Ueberreste einer Ritterburg aus der Vorzeit zu erblicken wähnt. Vor uns unten sehen wir das sogenannte Felshaus, die Bretmühle und seitwärts den am Rande mit Gehölze bekränzten Heimberg und überhaupt, weiterhin eine Menge Felder, Aecker und Gebüsche hinab in die Tiefe des Thales sich senken. Rechts nach Mittag hin erblicken wir Johanngeorgenstadt in seiner Länge auf dem schroffen Abhange des Fastenbergs hingebreitet; wir sehen wie der Bleiersberg herab sich zieht, ein enges Thal bildet, zwischen welchem das Schieferbächel vom Eleonorer-Stolln herabrinnt. Dieses kleine enge Thal hat seinen Ausgang wiederum ins Wittichsthal, unweit dem Schießhause. Der größere Theil des Wittichsthales liegt nun wieder vor uns, wir hören das Geräusch der Bäche und der geschäftigen Menschen, hören des großen Blechhammers dumpfe Schläge, sehen die wechselnde Flamme des Hohenofens[13] und die einzelnen, friedlichen Hütten der Thalbewohner. Weiterhin schräg nach Mittag erblicken wir die böhmischen Gebirge mit ihren Waldhäusern und einzelnen Flecken. Denn von hier aus nimmt sich das Wittichsthal unstreitig am schönsten aus! – Links nach Mitternacht hin erheben sich mehrere theils nackte, theils waldige, mit Dörfern und Felsengethürmen sichtbare Gebirge, deren Ende sich in das schwimmende Blau des Horizonts verliert. Näher sehen wir einen auf einem Hügel ragenden, von einzelnen Tannen umgebenen Fels, der Schneiderfels, auch die Teufelskanzel genannt, welchen ich nachher näher beschreiben will. Diese ganze Aussicht ist entzückend, ich wünsche sie jedem Freunde der Natur, jedem guten Menschen; dieser Wunsch faßt viel in sich, er umfängt eine Vereinigung irdischer Gefühle mit dem Himmel! – Und nun, wer so die Gegend um Johanngeorgenstadt durchwandert, wer Alles dieses so erblickt, ich frage ihn, ob diese Gegend kann rauh genannt werden, ob sie uninteressant sei? – Ich frage ihn, ob diese so verschriene Gegend nicht die größte Aufmerksamkeit eines jeden Freundes und Forschers der Natur verdiene? – Ob man nicht die erhabensten Gefühle und Regungen in seiner Brust wahrnimmt? – –

Aber noch ist das Ende der Wanderung nicht da, noch haben wir das Wenigste gesehen und bewundert; nun wollen wir uns erst auf einzelne Gegenstände einlassen und den besondern Schönheiten und Merkwürdigkeiten der Natur unsere Aufmerksamkeit widmen und dann uns unpartheiisch fragen, welch ein Interesse das obere Erzgebirge für jeden patriotischen Sachsen habe und haben müsse! –

Nun, lieber Leser, wollen wir für heute zurück nach der Stadt kehren, denn morgen haben wir mehr zu besehen; heute wollen wir ausruhen und Kräfte sammeln, – heute sind wir gestiegen, morgen werden wir schon klettern müssen. –


1.
Die Teufelskanzel oder der Schneiderfels.

Es wird in Johanngeorgenstadt eine Gegend des Himmels, nämlich nach Mitternacht hin, der Jungfernwinkel genannt, woher diese Benennung stamme, weiß ich nicht; man erblickt ihn, wenn man bei dem Rathhause gegen die Gasse neben dem Brauhause hingerichtet steht. Dieser Jungfernwinkel dient den Einwohnern zum Wetterpropheten, indem man gewisse Erscheinungen an demselben entweder für günstig oder ungünstig hält, welches nicht ein leerer Glaube, sondern eine natürliche, durch die Erfahrung bestätigte Gewißheit ist. Gerade in dieser Richtung nun liegt der Schneiderfels oder die Teufelskanzel genannt, welchen man bei dem Ende der Gasse und Stadt deutlich wahrnehmen kann.

Der Fremde glaubt hier fast gewiß, daß dieses die Ruinen irgend eines alten Schlosses seyn müssen, weil die Gestalt dieser Felsen einem solchen Dafürhalten entspricht. Es ist ein überraschender Anblick, wie hinten am Horizonte auf einer unten herum waldigen Anhöhe oben ein graues, von einzelnen Tannen umgebenes Felsengethürm aufragt. – Es ist bisweilen auch interessant, Wege nach gewissen Gegenständen zu beschreiben, daher soll dieses jetzt geschehen.

Man geht nach dem Rosengartner-Stolln zu, daß das neu angelegte Bergmagazin-Gebäude[14] zur Rechten bleibt; auf der Halde vor dem Stolln nun hat man eine allerliebste Aussicht hinab in das schon erwähnte kleine Thal, welches von dem Schieferbächel durchschnitten wird. Hier, am Ende des Bleiersbergs, wo man jetzt mehrere begraßte Vertiefungen wahrnimmt, waren ehedem eine Anzahl kleiner Teiche, von schattigen Ahornbäumen an der Wegseite herab umgeben; aber man ließ sie vertrocknen und benutzte die Grasung, sowie man auch die Ahornbäume vermißt.

Von der Rosengärtner-Halde weg gehen wir nach dem Eleonorer-Stolln zu. In dem dabei befindlichen Zechenhause wohnt ein Mann,[15] Namens Unger, welcher allerlei kleine Modelle vom Bergbau und Darstellungen desselben schnitzt, welche ein einfacher Mechanismus lebendig macht, überhaupt besitzt er ziemliche Fertigkeit im Schnitzeln, obgleich seine Figuren keinen feinen Geschmack verrathen. –

Nun steigen wir von da eine kleine Anhöhe hinauf und halten uns rechts auf dem Wege, welcher zu einer hohen, starken Tanne und der dabei befindlichen Zeche, Elias genannt, führt. Hier findet man ein Wasser, welches in den heißesten Tagen von siberischer Kälte ist und dem reinsten Krystall gleicht; es entspringt aus Felsen und ist sehr gesund. – Ueber dem Elias oben dehnt sich der bebuschte Glockenklang hin, auf welchem hie und da eine schlanke Tanne emporragt.

Wir gehen nun weiter und kommen an ein mittelmäßiges Guth, von welchem nicht weit davon, weiter hinten, ein kleines Haus stehet, welches mit seiner Wirthschaft einem gewissen Kohlbrenner Schneider gehört, wovon der nicht weit abgelegene Schneiderfels[16] seinen Namen erhielt.

Nun richten wir unsern Weg weiter nach dem Walde hin, aber unsern Blicken ist der Fels gänzlich entschwunden. So wie wir einige Schritte in diesem Walde oder vielmehr Wäldchen gethan haben, wenden wir uns links und betreten einen Fußsteig, der durch Gebüsche dahin sich windet; über uns singen die Vögel, wir wandern vergnügt weiter, beugen die Zweige der Gebüsche auseinander und steigen jetzt auf einem schmalen Pfade den Hügel hinan; noch erblicken wir keinen Fels, immer weiter steigen wir, kriechen durch die dichten Gebüsche hindurch, und – welche Ueberraschung! – wir stehen plötzlich nahe bei einem röthlich grauen, ernsten Felsengethürm, um welches in einem dünnen Kreise hie und da einige hohe Tannen hervorragen. Noch blicken wir es staunend an, und die Einsamkeit und Stille, nur vom Gekrächze aufgeschreckter Raben unterbrochen, wirken, daß ein unwillkührlicher Schauer die Glieder überläuft. – Ueber Gestrippe und abgerollte Steine steigen wir nun näher hinauf.

Eigentlich sind es zwei Granitfelsen, hie und da von kiesigen Adern durchschnitten; jedoch die Verschiedenheit ihrer äußerlichen Form ist so auffallend, als merkwürdig. Der eine nämlich scheint aus lauter abgestumpften Cylindern zusammengesetzt zu seyn, hebt sich hoch empor und da, wo diese Quasicylinder an einander sich fügen, sind tiefe Ritze und Klüfte; dieser ganze Fels scheint nur leicht und flüchtig auf einander geschichtet zu seyn und jeden Augenblick einstürzen zu wollen. Man wird von einer sonderbaren Angst befallen, wenn man nahe bey demselben steht; denn unten herum liegen große Granitblöcke, daß man glaubt, sie wären von ihm abgerollt und also müsse der Fels größer gewesen seyn. Aber der ganze Hügel, worauf er emporragt, ist ein Granitgebirge, welches die Zeit mit Moos, und Bäumen überzog.

Der andere Fels ist kleiner, aber nicht so geformt; er scheint aus mehrern Trapezoiden schräg auf einander geschichtet zu seyn, daß man ebenfalls befürchten könnte, er werde mit jedem Augenblicke einstürzen; wenn man vorzüglich darauf steht, wird man von einer solchen Furcht beängstigt, – doch er wird nie fallen. Uebrigens ist er nicht so nackt und kahl, wie sein Nachbar, sondern mit dem grünsten Moose fast ganz überzogen.

Hier stelle man sich nun zwischen diese zwei Felsenmassen, und man wird einem jeden von beiden einen gewissen Character (um mich so auszudrücken,) beilegen können. – Der große nämlich ist ein Bild des Ernstes, des Muthes, der Standhaftigkeit und jeglicher Größe; ihn vermochte kein Wetter, kein Sturm zu rühren, er blieb sich gleich; Blitze umkreutzten und berührten ihn, er stand, – und waren die Wetter vorüber, so verweilte mild und belohnend der Abendsonne Purpurblick aus seinem Scheitel, denn sein Streben war groß, wie des Mannes feuriges Streben, es gehörte dem Himmel an. –

Der andere neigt sich schon mehr an die Erde, ein Bild der Schwachheit, der allzugroßen Nachgiebigkeit, nicht vermögend, sich muthvoll empor zu schwingen, nur für die Erde lebend. – Die tiefe Stille nun, welche um diese Felsen herrscht, vermehrt die schauerliche Einsamkeit, die nur bisweilen ein Raubvogel oder ein Windstoß in den hohen Wipfeln der ästigen Tannen unterbricht. Der größere Fels aber ist die eigentliche Teufelskanzel. Auf meinen Wanderungen fand ich in der Nähe einen alten Holzhacker im Walde, welcher mir folgende, nach seinem Ausdrucke wahrhafte, Geschichte von diesem Felsen erzählte, welche ich hier beifüge, wie ich sie hörte, da so etwas nicht uninteressant seyn kann.

»Zu Anfange, als Johanngeorgenstadt erbaut wurde, kamen häufig Katholiken herüber und suchten die Lutheraner abfällig zu machen; sie wendeten Alles an, Ueberredung, Versprechungen, Bitten, und, da dieses nichts zu fruchten schien, auch Drohungen, welche sie in der Folge nicht unerfüllt ließen, indem man einigemal Feuer angelegt und manches ruinirt fand.

Zu Anfange des Stadtbaues, giengen einst früh Morgens drei Bergleute aus, um die umliegenden Gebirge zu untersuchen, wobei sie sich zugleich des Ruthenschlagens bedienten. Diese kamen nun auch zu dem Felsen, welcher damals höher und stärker gewesen seyn soll; müde und abgemattet setzten sie sich hier nieder, um auszuruhen. Sie erzählten sich manches und unter andern fiengen sie auch an, von dem Baue der Stadt und ihrem Vorhaben zu sprechen und äußerten oft den Wunsch, daß Gott den Katholiken die schwere Sünde vergeben möge, die sie durch so manche Kränkungen an den Lutheranern begiengen. Plötzlich rauschte es hinter ihnen, – erschrocken kehrten sie sich um und sahen einen langen, dicken Mönch aus einem Busche hervortreten, welcher, den Zeigefinger der rechten Hand emporgestreckt, ihnen dreimal winkte. – – Sie geriethen in Verlegenheit und wußten nicht, was sie thun sollten; endlich entschlossen sie sich und giengen näher hinzu, worauf der Mönch langsam auf den Fels gestiegen sei, gleichwie auf einer Treppe, und jeder Tritt seines Fußes hätte eine solche Stufe gebildet, wie man heutiges Tags noch sieht. Von oben herab hätte er nun zu ihnen mit einer schauerlichen, besondern Stimme gepredigt, ihnen Gold und Silber und alles was sie wünschen würden versprochen, wenn sie katholisch würden, aber den Namen Gottes und des Heilands hätte er nie erwähnt. Doch sie blieben standhaft! Wie er endlich anfieng, durch große Verheißungen und glatte Worte ihr Herz zu bestricken, so riefen sie laut in ihrer Angst: »Heiliger Gott, sei uns gnädig und barmherzig!« – Sogleich krachte es fürchterlich, der Mönch verschwand und in der Luft hörten sie ein gräßliches Gewinsel. Getrost und muthig giengen sie zurück und unterweges schon erhielten sie die frohe Nachricht: daß so eben wieder ein reichhaltiger Silbergang gefunden worden sei, welches sie für einen Lohn Gottes ansahen und Danklieder anstimmten, u. s. w.«

Da, wie ich merkte, den meisten in der Gegend dieses Mährchen nicht bekannt ist, so ist ihnen auch der Name Teufelskanzel weniger bekannt; denn der Mönch, welcher hier predigte, war, nach ihrer Meynung, kein anderer, als ††† Gott sei bei uns! Herr Lurian! –

Auf dem größern Felsen nun kann man von hinten wirklich wie auf einer Treppe, nur nicht gar so bequem und ein wenig gefahrvoll, emporklettern, und oben nach Mittag hin ist eine Art von Brustwehr, kurz dieser Fels ist einer Kanzel in der That nicht unähnlich.

O! man steige hinauf und sehe sich um, und predige die Wunder der Natur! – Welch eine erhabene, entzückende Aussicht auf diesem Felsen! Stärke mich, Muse, daß ich es jetzt wage, der lieblichen Aussicht meinen Gesang zu weihen! –

Wanderer, der du mit mir erstiegst in gefährlichen Stufen
Und in Erwartung belohnender Aussicht die felsige Kanzel,
Komm nun, o! komm, und siehe, wie freundlich und gütig der Herr sei!
Siehe nach Mittag hin, welch' ausgebreitete Menge
Freundlicher Felder und Fluren und fleißig durchgrabener Aecker,
Die, am Rande mit Mauer und mancherlei grünenden Sträuchern
Rund umzäunt, wie niedliche Gärten dem Fremdling erscheinen!
Baumbepflanzte Wege und klare Gewässer und Bäche
Schlängeln im Thale sich hin und beugen sich über die Höhen;
Ueberall Hütten und Häuser und Menschen, Alles beleben
Frohsinn, Fleiß und Arbeitsamkeit. – Ha! hörst du die dumpfen
Schläge des mächtigen Hammers, der hinten, vor dir in dem weiten
Wittichsthale, vom Wasser gehoben, Eisen zu Blech schlägt?
Hörst du der Bäche Geräusch und das ferne Klappern der Mühle?
Und wie der Wind den Forst durcheilt und die Thäler und Klüfte? –

Dort auf dem Berge, der schroff sich hinabbeugt ins Thal und ans Wasser,
Siehst du die Stadt, die Liebe zur Wahrheit und Freiheit des Geistes
Bauten, daß jetzt so weit umher Gefilde und Fluren
Sich verbreiten, wo einst die kälteste, grausendste Wildniß
Barg blutdürstige Wölfe und Bären! Daß Menschen da wohnen,
Wo einst der Thiere des Waldes mächtige Anzahl sich mehrete. –
Wo man ein winziges Häuslein vordem mit Mühe aufsuchte,
Dehnet sich jetzt so blühend und menschenvoll eine Stadt aus.

Blicke im halben Kreise umher am Horizonte,
Wie sich aus waldigen, böhm'schen Gebirgen Häuser und Felder,
Felsen und kleinere Hügel nun deinen Blicken darstellen,
Daß die Stadt und ihr Berg im Thale zu liegen dir scheinen! –
Und nun wende nach Morgen dein Antlitz, und siehe die Mischung
Kleiner und größerer Berge, wie kleine und große Regenten:
Einige siehst du das kahle Haupt zum Himmel erheben,
Andere schmückt des Waldes Grün und des Schattens Erquickung.
Und dort drüben auf jenem kugelförmigen Berge
Ragt auf dem nackten Scheitel ein röthliches Felsengethürm auf,
Wie Ruinen irgend eines gothischen Schlosses;
Täuscht mich der Anblick doch so sehr, daß getäfelte Wände,
Stiegen und geränderte Bogen ich wähne zu sehen.

Weiter hinten blickt auf der weitansteigenden Höhe
Silbern die Kirche des Dorfes Breitenbrunn mir entgegen,
Das sich zwischen Gefilde und Aecker hinab in das Thal dehnt,
Und nun weiter dort hinten, wie sich Flecken und Häuser
Auf den schwindenden Bergen schwindend und zaubrisch verbreiten;
Wie an die Erde der Himmel sich anschließt und man empfindet,
Tief in der Brust empfindet, daß die Heimath des Menschen
In dem Himmel nur sei, daß solcherlei Sehnsucht ein Gott nur
In des Erdenbürgers strebenden Busen gepflanzet.
Und so nenne den Fels nicht eine Kanzel des Teufels,
Nach der Vorzeit Fabelerzählung, nenn' ihn nach deines
Herzens Gefühlen die Gotteskanzel! – Hier lehre im großen,
Wundervollen Tempel der heilgen Natur ihren Schöpfer,
Wann dich der scheidenden Sonne Purpur golden verkläret,
Und ein Stern nach dem andern am reinen Azur hervorglänzt,
Zu bezeugen, es sei ein Gott, der die Menschen geschaffen,
Daß moralische Vollkommenheit sei der Schöpfung
Heiligster, höchster Zweck, und Tugend das Mittel der Menschen!
Oder verweile auch hier, wie einst ich mußte verweilen,
Wenn sich am brennenden Himmel wildrollende Donner verfolgen,
Wenn sich die Flammen des Blitzes im zischenden Zickzack verbreiten,
Bänglich durch schlüpfrige Ritze der Wind heult, rauschend die Wipfel
Alternder Tannen erzittern und rings die Söhne des Forstes
Brausen; – wenn sich die ganze Natur im Sturm zu lösen
Droht, wenn Nacht und Dunkel und schlängelnde Blitze dann schrecklich
Dich umzingeln und nirgends ein lichterer Fleck an dem Himmel
Kündet dir an der tobenden Wetter bald nahendes Ende, – –
Dann verweile, o Wandrer, wie ich einst verweilte am Felsen!
Was du empfindest, so lange du lebst, vergißt du es nimmer! –

Nachdem wir uns satt und überall umgesehen haben, klettern[17] wir wieder (aber sei ja vorsichtig!) herab von dem Felsen, betrachten ihn unten noch einmal von allen Seiten und steigen von der Anhöhe selbst wieder hernieder. Oft unterweges blicken wir uns um nach der ragenden Kanzel, bis die dichten Fichtengebüsche sie gänzlich unsern Blicken entziehen. Wir kommen zu dem sogenannten Schneiderguthe zurück; hier wollen wir eine Milch einnehmen und uns an dem vielfachen Echo ergötzen, welches man, zwischen Nord und Ost gerichtet, nicht weit von dem Hause am Wege wahrnehmen kann. Fünfmal kann man einen starken Schall ziemlich zurück hören.

Nun richten wir unsern Weg wieder nach der Stadt, um für künftige Wanderungen uns zu stärken und zu erquicken. –


2.
Die Gegend am Schwarzwasser nach Breitenbrunn.

Wenn man eine rechte romantische Gegend, voll Abwechslung und Gegenständen mancher Art, durchwandern und besehen will, so darf man nur auf dem Wege am Schwarzwasser nach Breitenbrunn gehen. Für den aufmerksamen Freund der Natur hat diese Gegend gewiß viel wahren Genuß und Reitz, indem Erhabenheit und Ernst in immer neuen Scenen dem forschenden Auge sich darstellen.

Man geht zuerst von dem Schießhause vorbei auf der Chaussee; zur Rechten rauscht über große Steine schäumend das Schwarzwasser, an welchem sich der Rabenberg waldig emporhebt und längs demselben fortzieht. Links an dem schroffen Fuße des Heimbergs liegt ein kleines Wiesenthal ausgebreitet, worin man die sogenannte Finkmühle und die dabei befindliche Zinnschmelzhütte erblickt. – Weiter hinten, am Ende des Thals geht es nun ein wenig bergan und das Schwarzwasser macht einen Bogen rechts von dem Wege, daß man eine hübsche Wiese erblickt, über welche oben die Straße sich hinbeugt und Felsen und Gebüsche sich dehnen. Hier ragt am jenseitigen Ufer des Schwarzwassers ein kahler und steiler mit Felsenruinen verwahrter Gebirgsfuß hervor, vorn an der Spitze mit wenigen hohen, schwarzen Tannen bewachsen; gleich dahinter steigt wieder ein hoher, ebenfalls kahler, schroffer Berg auf, auf welchem ganz oben ein Gemisch von Fichten, Buchen und Felsen sichtbar wird. Gewiß ist der Anblick sehr schön, den man hier hat: neben sich die grüne Wiese mit ihrem Fels, an deren Ende das geschlängelte, rauschende Schwarzwasser, hinter welchem das kahle, steile Gebirge mit dünner Waldung und grauen Felsen ansteigt. Hier habe ich oft und gern verweilt. –

Der Weg senkt sich jetzt wieder hinab und bleibt nun durchs ganze Thal eben. Man kommt an eine Mühle, welche, von einem nicht großen Grasplatze hinten und zur Seite umgeben, jenseits des Schwarzwassers am Fuße des nun waldigen Gebirges liegt. Links dehnt sich jetzt ebenfalls eine Gebirgskette mit Waldung und weiß hervor schimmernden Granitblöcken fort, an deren Fuße unweit der Mühle ein Stolln, Namens Trau und bau auf Gott, befindlich ist. Krumm beugt sich der Weg dann um des Gebirges hervorragenden Fuß und so hat man bis jetzt links wieder eine neue, überraschende Aussicht.

Die Gebirgsseite ist eine Strecke fort meistens kahl und nur oben zieht sich der dunkle Forst hin, an dessen Saume man mehrere Reihen alter und neuer[18] Holzstöße erblickt. Weiter unten ragen hie und da aus einem Chaos von Gestrippe, Steinen, Moos und kleinen Gebüsche einige hohe röthliche Felsen auf, anmuthig von Buchen umschattet, welches ebenfalls einen überaus schönen Anblick gewährt. Zur Rechten das rauschende Schwarzwasser und der hinten aufsteigende, dichte Wald, aus welchem der Vögel frohe Gesänge tönen; über sich so hoch den Himmel, vor sich den mit dem Wasser parallel geschlängelten Weg und das ganze tiefe Thal, wie oben höhere Tannen majestätisch aus den Forsten ragen, wie dort zerschmetterte Stämme im Kreise mächtiger Granitblöcke trauern und aus dem Dunkel der Waldung ein scheuer Hirsch hervorlugt. Und immer begegnet man biedern aufrichtigen Menschen, auf ihren gesunden Gesichtern leuchtet Frohsinn und Zufriedenheit. Zufriedenheit, – auch wenn im Winter der häufige Schnee die Wege versperrt und die Thür der Hütte verschneit; muthig wird ein Weg gebahnt. Wenn Weib und Kinder frieren: rasch den Schlitten zur Hand, ringsum ist ja Wald,[19] wo man Holz holen kann; väterlich sorgte die Vorsehung! – Nicht wahr, ihr Erzgebirger, ihr lebt in keinem Siberien, wie Weichlinge euer Gebirge nennen? Uns, meine braven Landsleute, gefällts im Schooße unserer Thäler und Berge! – Selten und fast nie dringen zu uns die Gräuel und Schrecken des Krieges; wenn Andere mit vielem Blute sich Land auf Land erobern, genügt uns an einer Hütte und dem nöthigen Auskommen, wenn wir nur gesund sind und arbeiten können. O, wie glücklich leben wir auf unsern verschrieenen Bergen! –

Unter Abwechslung der Gegenstände, wie ich sie geschildert habe, kommen wir endlich auch an das sogenannte Teumerhaus, eine an dem Wege liegende Schenke; von hier bis nach Johanngeorgenstadt rechnet man eine starke Stunde, und für Reisende ist es wirklich gut, vorzüglich im Winter, daß sie hier ein Wirthshaus treffen.

Der Weg zieht sich immer links am Fuße des Gebirges fort und schlingt sich endlich um eine kleine, mit einer Mauer halb umrundeten Wiese; das Thal erweitert sich nun ein wenig und das Schwarzwasser macht rechts einen ziemlichen Bogen. Am Ende der Wiese links erhebt sich ein kolossalisches Felsengethürm, welches aus lauter großen, abgerundeten, viereckigten Felsenmassen auf einander geschichtet scheint, und dieser hohe Fels, so wie noch einige, die wir unterweges treffen werden, heißen die Hefenklöße.[20] Farbiges Moos und allerlei Gestrippe bedecken hie und da diesen Fels; schlanke, junge Tannen beugen sich aus den häufigen Ritzen und Klüften hervor und bedecken seinen Scheitel. Von vorn herab ist er, wie abgeschnitten und unersteiglich; wenn man ihn aber von der Bergseite erklettert, an welcher er sich emporhebt, hat man eine ziemliche Aussicht ins Thal. Grausen und Schwindel überfällt den Wanderer, der auf seiner Höhe weilt, und der bloße Gedanke schon, »wenn ich hinabstürzte« – treibt bleiches Schrecken und Zittern über sein Angesicht und seine Glieder. Ach! ihm würde auch nie wieder die Sonne scheinen, wenn er hinabstürzte; ehe er den Boden berührte, hätte des Todes Hand ihn zerschmettert! –

Wenn man eine Strecke weiter im Thale fortgegangen ist, kommt man an eine Meilensäule und hier nun hat man wieder einen vortrefflichen Anblick. Schräg gegen über erblickt man wieder einen Fels, dessen ganze Gestalt aber von den Hefenklößen abweicht. Er erhebt sich mehr terrassenförmig und spitzig auf der hervorstehenden, waldleeren Seite des Gebirges rechter Hand, und glänzt in verschiedenen bunten Farben, vorzüglich unten; einige junge Fichten schmücken ihn und hart an seinem Fuße rauscht das Schwarzwasser vorbei, welches hier den angefangenen Bogen endigt. Gerade vor sich sieht man jenen großen, auf dem Schneiderfelsen schon wahrgenommenen, kugelförmigen Berg mit seinem Basaltfelsen, bis an die Mitte von Waldung bedeckt; und nun bilden sich zwei Thäler.

Das eine nämlich links hinauf, durch welches ein schäumender Waldbach braußt und ein Weg, nach Steinheidel und andere Waldflecken führt. Rechts entsteht das andere Thal, durch welches das Schwarzwasser an der Breitenbrunner Straße hart dahinfließt. Der Weg geht jetzt über eine Brücke, wo sich jener Bach in das Schwarzwasser stürzt; wir bleiben aber auf dem Wege nach Breitenbrunn.

Unterweges kommen wir wieder an einige solche kolossalische Felsen, wie der oben beschriebene, an die Hefenklöße. Aus des Forstes dunklem Grün steigen sie hart an der Straße auf und flößen Staunen und Bewunderung ein.

Wenn man eine Strecke weiter fortgegangen ist und sich rechts gehalten hat, sieht man, wie sich rechter Hand das Thal erweitert, die Waldung dünner wird und endlich auf der Höhe einige Felder zum Vorschein kommen. Erfreulicher wird diese Wahrnehmung, wenn endlich der Wald nach und nach aufhört und man an einige Häuser[21] kommt, hinter welchen wiederum am Saume des Waldes sich verschiedene Felsen empor heben. Alles wird jetzt freundlicher, man naht sich Breitenbrunn immer mehr, und, auf der Brücke stehend, sieht man links hinunter in ein von dunkler Waldung eingeschlossenes Thal, welches das nun breiter fließende Schwarzwasser durchschneidet und worin das Hammerwerk Breitenhof liegt. Man hört das Getöse des Hammers und der gehenden Treibräder, hört das schauerliche Pfeifen der Blasebälge, die das Wasser hebt; sieht die Sprudel ewiger Funken und die weißlichen Dampfsäulen zum Himmel steigen, sieht das lebendige Fuhrwerk und das Kommen und Gehen der Menschen. – Rechts dehnt sich Breitenbrunn einen allmählig ansteigenden, hohen Berg hinan, oben auf der Höhe des Berges steht erhaben die Kirche; seiner freundlichen Lage nach verdient Breitenbrunn vorzüglich unter die ansehnlichen, hübschen Dörfer des obern Erzgebirges gezählt zu werden.


3.
Der Teufelsstein bei Steinbach.

In den vorhergehenden Schilderungen haben wir uns meistentheils in der untern Region um Johanngeorgenstadt aufgehalten; jetzt wollen wir auch die obere durchstreifen und unsern Weg nach Steinbach richten. Vielleicht lächelt mancher hier, der einige Kenntniß von der dortigen Gegend hat, daß ich den Leser nach Steinbach, ein kleines, von Bergleuten bewohntes Walddorf, führen will, aber nicht dieses will ich ihm, sondern die in dieser Gegend befindlichen Merkwürdigkeiten und unter diesen vorzüglich den Teufelsstein zeigen. Warum man diesen Fels so nennt, weiß ich nicht; vermuthlich gab die Einbildungskraft des gemeinen Mannes, welche immer die Hand des Teufels und nicht Gottes Hand am Außerordentlichen wahrnimmt, einem Felsen diesen Namen, dessen auffallende Gestalt und übrige Lage ich jetzt schildern und zugleich den Eindruck zeichnen will, den der Anblick desselben in der Brust eines jeden gefühlvollen Naturfreundes macht.

Man geht die Eibenstöcker Straße, welche bei einer Zeche, Gotthelf Schaller genannt, vorzüglich vorbei nach dem weiter oben liegenden Walde sich zieht, daß man das schon erwähnte Schwefelwerk dann schräg linker Hand hin nicht weit von sich erblicken kann. Auf diesem Wege gehe man eine ziemliche Strecke immer durch den Wald fort, bis man rechts herüber in kurzen Pausen eine Glocke[22] tönen hört. Nun wende man sich rechts, gehe durch die dünne Waldung und bald wird man auf eine große Blöße[23] kommen, wo sich auf einer kleinen Anhöhe am Saume des Waldes eine hohe Felsenwand zuerst und auffallend darstellt. Man wird wirklich bei dem Anblicke derselben überrascht, ob es gleich nichts seltenes ist, im obern Erzgebirge häufig auf Felsen zu stoßen: aber die Gestalt dieses Felsens verdient, daß man eine Weile sich hier erst durch den Anblick desselben ergötze. –

Vor sich sieht man eine unmerklich sich daher senkende, mit jungen Gebüschen, mit größern und kleinern Steinen und Stöcken überzogene Fläche, welche weiter unten mit den Steinbächer Wiesen und Feldern sich vereinigt. Seitwärts rechts auf einer kleinen Anhöhe hebt sich der Teufelsstein empor.

In der Gestalt dieses Felsens findet man wirklich die täuschendste Aehnlichkeit mit den Ruinen irgend einer alten Burg aus der Vorzeit; denn man nimmt nicht nur die deutlichsten Spuren mehrerer Fenster, sondern auch Thüren und Bogen daran wahr. Er steigt, wie eine Treppe, von der einen Seite zu einer beträchtlichen Höhe auf, und senkt von da sich auch so wieder auf der anderen Seite hinab. Ein interessanter Anblick, wie diese röthlich grauen Ruinen am Saume des Forstes aufragen, dessen schwarzes Grün einen lebhaften Farbenabstich erzeugt und das Romantische dieser Erscheinung vermehrt! Und wenn man den pausenweisen Klang der unfernen Zechenglocke hört, wenn man nicht weiter um sich sieht, sich auf Flügeln der Phantasie in die graue Vergangenheit zurück schwingt, wo Schilde und Speere klirrten: wahrhaftig man wähnt, es töne die heimliche Klosterglocke und ein Ritter Bruno oder ein Adelbert habe mit gewaltiger Macht vor etlichen Monden jenes Raubschloß zerstört; nun wird der steinige Boden grünend, von der Anhöhe herab dehnt sich der Burggarten, wo im Schatten der hohen Linden eine Adelheid oder eine Gertrud wandelt, der Minne erste, selige Gluth empfindend. Nun mahlt die Phantasie lebhafter und auf die angenehmste Weise diese Bilder weiter aus, und einer süssen Wehmuth Gefühl schauert durch die beklommene Brust. –

Aber aus der lieblichen Täuschung erwacht man bald, wenn man näher hinzugeht und mehrere senkrechte Spalten, und viele viereckigte, säulenförmige Felsenmassen wahrnimmt, welche, wie von Menschenhänden an und auf einander gestellt, den Teufelsstein bilden. Von vorn herab, wo wir jetzt unsre Blicke hinwerfen, ist der ganze Fels wie abgeschnitten, keine Möglichkeit findet sich hier, ihn zu ersteigen. Staunend blickt man ihn an und findet: daß der Mensch in seinen Werken nie die Natur nachzubilden vermag, daß ein kostbares Meisterwerk der Kunst, hier aufgestellt, viel verlieren würde. Aber der Mensch bildet auch nur nach seinen Idee'n Gestalten; noch fand man keine medizeische Venus[24] unter den Menschen und keinen attischen Eros,[25] und es fragt sich, ob der geübte Meisel des Künstlers den Stein, welcher verachtet am Wege liegt, nachbilden kann, so, daß man die Hand der Kunst nicht entdecke. – So fehlt auch den Felsen, die man bisweilen im Niederlande in vornehmen Gärten antrifft, weiter nichts, als daß man nicht wahrnehmen müßte, sie wären zusammengepfuscht. Aber um so herrlicher und erhabener ist der Anblick, wenn man an Gegenständen der Natur, wie z. B. an diesem Felsen, wahrnimmt, daß es scheint, als hätten Menschenhände es gethan; da dem doch nicht ist, so wie man bei künstlichen Felsen weiß, sie sind zusammengesetzt und sollen doch natürlich scheinen. Dieß verhält sich nun so auch im Allgemeinen; das Künstliche soll natürlich scheinen, und das Natürliche trägt Spuren der höchsten Kunst an sich. –

Es würde uns aber ein großer Theil des Genusses entzogen werden, wenn wir den Teufelsstein nicht erklettern sollten, und zu diesem Ende gehen wir auf die hintere Seite und bemerken zugleich, daß diese hohe emporragende Wand kaum 30 Zoll stark sei. Hinten lehnt sich eine andere Felsenwand an, daß man jedoch die Abgesondertheit Beider wahrnehmen kann, und auf dieser steigt man, freilich etwas beschwerlich und mit klopfendem Herzen, empor. Bald kommt man an ein paar fensterförmige Durchsichten; wem nun hier beim Herabblick auf die Gegend schon schwindlich wird, dem rathe ich nicht, weiter zu steigen, weil von jetzt an das Klettern bis zu den Spitzen des Felsens gefährlich wird. Jedoch wird man durch die erhabenste Aussicht vielfältig belohnt.

Tief unter sich sieht man nun den daran stoßenden Forst, und wie sich hie und da waldige und kahle Berge emporheben; sieht vor sich unten das weidende Vieh und schräg drüben die Wasserkunst beim Schimmel,[26] sieht, wie sich die Gestänge wimmernd an einander reiben, und weiter hinten Steinbach, man hört das Getöse der gereihten[27] Pochwerke und das Handthieren links auf der Straße. – Hinter sich sieht man die ganze Fläche von Waldung umzingelt, hinter welcher im verjüngtesten Maaßstabe der Schneiderfels hervorblickt und hinter diesem dehnt sich wiederum fern hinab der Rücken des Rabenbergs. Wahrhaftig es ist interessant, bei, um und auf diesem Felsen zu weilen. –

Wenn man das obere Gebirge bereis't, so beobachte man vorzüglich, einen Gegenstand aus verschiedenen, fernen Gesichtspuncten zu betrachten, sodann sich ihm allmählich zu nahen und dann seine übrigen Untersuchungen anzustellen. Eine allgemeine Regel kann man freylich nicht geben, weil die Lage und Form der Gegenstände, und sie selbst zu verschieden sind; aber nur jenen wissenschaftlichen Handwerkssinn[28] hege man nicht, wenn man die Schönheiten der Natur betrachten will, die dann nur schön sind, wenn man mit reinen Gefühlen und nach keinem idealischen Maaßstab sie betrachtet; wenn man die Natur kindlich ehrt. – So betrachtet den Teufelsstein, so seht von seiner Höhe gleichsam herab auf die Erde, ach! sie ist so schön, wenn man sich über sie erhaben sieht! –

Seitwärts in dem Forste findet man noch mehrere Felsen von verschiedener Gestalt, die aber, weil der Wald zu dicht um sie sich drängt, jenes Anziehende und Heimliche verlieren, welches wir bei dem Schneiderfelsen und dem Teufelssteine fanden und empfanden. Man trifft hier in der Nähe einen Fels, welcher ein bogiges, richtiges Thor bildet. – Die mannichfachen bunten Moosarten an den Felsen und auf manchen Bergen dienen auch dieselben zu beleben und zu verschönern. Ich fand Steine, welche, vorzüglich nach dem Regen, wie Veilchen dufteten, ja noch stärker und reitzender; die Ursache ist ein rothes, äußerst dünnes, jedoch sehr fest mit dem Steine vereinigtes Moos, welches aber nur an einer gewissen schwärzlichen Steinart gefunden wird. Dieser sogenannte Veilchenstein ist auch selten, ich fand ihn hinter der rothen Grube nach Sosa zu. Nicht genug rühmen kann ich den angenehmen Geruch, welchen dieser Stein, als ich im Frühherbste die Gegend durchwanderte, nach einem leichten, kurzen Regen von sich duftete. Uebrigens kam er mir nirgends wieder vor.


4.
Der Auersberg.

Von Johanngeorgenstadt nach Abend hin, ungefähr zwey Stunden weit, erhebt sich der Auersberg, welcher von dem sonst[29] häufig auf ihm sich aufhaltenden Auerwildpret diesen Namen erhielt. Von Eibenstock aus liegt er zwischen Morgen und Mittag, zwei Stunden weit; von Schneeberg aus aber liegt er gegen Mittag, und man rechnet bis zu seinem Fuße vier Stunden, wenn man nämlich über Sosa dahin reißt. Wie bekannt, ist dieser Berg nach dem Fichtelberge der höchste in Sachsen: er erhebt sich 2353 Fuß hoch über Wittenberg.

Man merkt, wenn man von Johanngeorgenstadt ausgeht, nicht seine Höhe so auffallend, denn von diesem Gebirge steigt er immer allmählig empor. Als Fremder findet man allein den Weg nicht, man muß einen Führer nehmen und um 1 Uhr früh, versehen mit geistigem Getränke und einem tüchtigen Frühstücke, (denn auf hohen Bergen wird man bald und oft hungrig) sich aufmachen, daß man vor Sonnenaufgang oben ist; denn das ist der herrlichste, erhabendste Genuß, hier den Fürsten des Tages aus seinem Rosenbette steigen zu sehen.

Angenehm ist von Steinbach aus der Weg freilich nicht, denn bisweilen ist es sumpfig, und Frauenzimmer mögen sich mit Stiefeln verwahren; dann geht man auf lauter quer gelegten Stangen den größten Theil des Weges hinan, immer von hohem, dunklem Wald umgeben. Es wird der Auersberg häufig von Fremden und Einheimischen besucht, und die letztern wallfahrten in ganzen Gesellschaften dahin. Von Eibenstock aus ist der Weg besser, aber man muß viel steigen, denn von Wildenthal aus hebt sich der Berg steil empor. Der angenehmste Weg ist von Sosa aus.

Der obere Theil des Berges (nicht, wie Merkel bemerkt, der höchste Punct) wird der Thurm genannt, indem Johann Georg I., welcher bei einer Jagd sich auf der Spitze des Berges befand und von der herrlichen Aussicht entzückt ward, einen hölzernen Thurm drauf bauen ließ, von welchem man jetzt aber wenig oder gar keine Spuren mehr findet. Dieser Scheitel des Berges ist ziemlich groß und eben, mit Riedgras und Beersträuchern weit bedeckt und auf der etwas tiefern Morgenseite zu von Waldung umrundet, welche aber der Aussicht keinen Schaden thut. Man trifft übrigens weiter unten nach Sosa zu hier und da tiefe Gruben, oft in Fels, welche aber nicht alle um des Bergbaus willen entstanden zu seyn scheinen, denn man nimmt nicht das geringste Merkmal irgend eines Aufsturzes oder einer Halde wahr; auch findet man Himbeere von unvergleichlichem Geschmacke.

Im Winter liegt der Schnee am höchsten und längsten auf dem Auersberge, ja, man findet in manchen Löchern zur heißesten Sommerszeit Schnee, welcher viele Jahre alt ist, wie man aus den Schichten des Laubes, die, vom Schnee eines Jahres bedeckt, vielfältig auf einander liegen, erkennen kann. Auch hält sich viel Wildpret um den Berg auf, freilich jetzt nicht mehr in so großer Anzahl, da die böhmischen Wilddiebe sonst truppenweise herüberzogen, das meiste wegschossen und auf Wagen ungescheut fortfuhren.

Ueber dem Auersberge steht äußerst selten, ja fast nie ein Gewitter, immer legen sie sich tiefer daran und es ist eine der erhabensten Scenen, wenn man im Sonnenscheine auf der Spitze des Berges steht und unter sich graue Wolken sieht, aus welchen Blitze flammen und Donner rollen. So stand einst Moses auf Sinai. –

O! welche unnennbare Gefühle zittern hier in der Brust des gefühlvollen Menschen, wenn er sich dem Himmel so nahe und die Erde so tief und klein unter sich sieht! Wie eitel, wie lächerlich erscheint ihm hier alles Treiben und Streben der Menschen nach armseligen Gütern, wie klein erscheinen ihm dann die angstvollen Wünsche, die sie nur für die Erde hegen! Mitleidig blickt er auf ihre Fehden und Kriege hinab, mitleidig auf die Götter der Erde, die sich da unten so groß dünken. – So gieng einst auch Jesus auf hohe Berge, denn hier fühlte er die selige Nähe seines himmlischen Vaters, hier sprach er mit ihm und überdachte den heiligen Plan zur Rettung der Menschheit! –

Doch, es sey mir erlaubt, eine Reise zu erzählen, welche ich einst mit einigen meiner Jugendfreunde von Schneeberg aus nach dem Auersberge machte. Es ist dieses gewiß eine unterhaltende und belehrende Geschichte. –

Es war in einem Juliusmonate und die schöne Witterung versprach Dauer, als wir beschlossen, eine Reise auf den Auersberg zu machen, welchen wir so oft in seiner Ferne schon betrachtet hatten. Wir wurden einig, uns so einzurichten, daß wir des Nachts auf der Spitze des Berges bleiben könnten, um dann früh desto gewisser den Aufgang der Sonne zu sehen. Daher versahen wir uns mit Lebensmitteln und zum Theil auch mit Säbeln, und traten froh und heiter um 1 Uhr Mittags unsre Reise an; giengen über Zschorlau nach dem Schindlerschen Blaufarbenwerke und kamen von da nach Sosa. Ich will hier die Anfangsbuchstaben der Namen meiner Freunde hersetzen, damit, wenn sie dieses Buch lesen sollten, sie sich an mich und an die originelle Reise erinnern. W–r und Oe–l aus J**, F–r aus A**, K–sch aus S**, und H–n aus H**; vielleicht wird sich der letztere noch seiner Ausruffungen an den Mond und seines Durstes, und die Andern Alle sich der interessanten Scenen des Nachts auf dem Berge erinnern! –

Unerfahren in solchen Reisen, war schon bei unserer Ankunft in Sosa unser Proviant aufgezehrt, daß wir uns mit frischem versehen mußten, wozu wir Schnaps[30] und Bier fügten, ein Jeder hatte das Seine. – Man rieth uns, es war gegen 6 Uhr Abends, in Sosa sehr ab, des Nachts auf dem Berge zu bleiben, weil uns sehr frieren würde; aber, wie nun einmal junge Leute sind, wir lachten und bestellten einen Führer, welcher uns bis an den Fuß des Berges leiten sollte. Er erschien und wir traten die abentheuerliche Wanderung an.

Der Weg gieng durch ein schönes, mit Wiesen, Feldern, Bächen und Büschen geschmücktes Thal, in welchem schon einige Dämmerung herrschte. Aus dem Walde zu beiden Seiten drangen die Abendgesänge der Vögel an unser Ohr, die Purpurstrahlen der Sonne mahlten die Wipfel der Bäume und hie und da begegneten uns heimkehrende Feldarbeiter und Bergleute, welche uns nicht wenig anstaunten; denn unser Zug mochte auch besonders in die Augen fallen. Voran der Führer, dann einzeln nach einander, weil der Weg schmal war, wir Wanderer mit Flaschen und Gewehr belastet. –

Nie kann ich aber das romantische Thal vergessen, durch welches wir giengen, so abwechselnd, so heimlich und doch freundlich. Jetzt war zur Rechten Tannenwald und zur Linken Laubholz mit Felsen, jetzt umgekehrt hatten wir Nadelholz zur Linken und Buchen zur Rechten; jetzt giengen wir durch gewässerte Wiesen, jetzt zwischen Aeckern und Gebüschen, und ein murmelnder Bach blieb stets uns zur Seite. Endlich kamen wir an dem steil aufragenden Fuße des Auersbergs an und blickten beklommen an der mächtigen Höhe empor, nicht ahnend, daß wir nun noch über eine Stunde zu steigen hatten. Unser Führer stieg eine Strecke mit uns empor und zeigte dann, in welcher Richtung wir uns halten müßten, wünschte uns gute Nacht und verschwand.

In Sorgen des Weges und in Furcht (ich will es nur gestehen) vor Wilddieben stiegen wir empor, fest entschlossen, uns mit keinem Blicke umzusehen, damit wir die Aussicht dann doppelt genießen möchten. Wir kamen nun an einen Absatz des Berges, ungefähr in der Mitte der Höhe; hier zog sich eine schmale Seite des Waldes hervor, mit einzelnen Granitblöcken, welches angenehm auffiel. Wir kamen an mehrere der erwähnten Gruben, in welchen ewiger Schnee blinkte; uns schwitzte sehr, und der Contrast der Jahreszeit mit diesem Schnee regte unsern Durst, daß die mit genommenen Flaschen Bier es empfanden.

Wir kamen sodann an den Theil des Berges, welcher der Thurm heißt und wurden froh, weil wir das Ende unsers Steigens und das Ziel unserer Reise nun bald erreicht sahen. Jetzt wurde es etwas waldiger, wir drängten uns durch Gebüsche, immer emporsteigend, bis wir endlich, und mit welchen frohen Gefühlen! auf die Spitze des Berges kamen. Wir ersahen uns ein bequemes Plätzchen, warfen unser Gepäck hin und uns daneben nieder, um auszuruhen; es wurde gegessen, getrunken, gescherzt und unterhalten. Acht Uhr war vorbei, aber auf dem Berge war es nach dem Stande der Sonne etwa erst fünf Uhr. –

Nachdem wir uns gelabt und erholt hatten, wurde Anstalt gemacht, (umgesehen hatten wir uns wenig oder gar nicht) eine Hütte von Reisig aufzubauen, worein wir uns des Nachts legen könnten. Wir fiengen daher an, mit unsern – Säbeln Aeste und junge Bäume abzuhauen, sammelten eine Menge dürres Holz zu einem Feuer und nun gieng der Bau an. Nach einer Stunde stand die kleine Hütte fertig, vor der Thüre[31] derselben loderte ein Feuer und die ganze Scene schien einer Niederlassung unstäter Nomaden oder Apenninischer Rinaldo-Truppen[32] nicht unähnlich zu seyn; denn die Andern hatten sich um das Feuer gelagert und schmauchten ein Pfeifchen. Aber ich strich noch auf dem Scheitel des Berges herum, mich umzusehen, es war 10 Uhr vorbei.

O Gott! wie ward ich überrascht, als ich hin nach West blickte und die Sonne, ohne Strahlen, wie eine Rubinkugel, glühend am grauen Horizonte hinab sinken sah! – Alle Sterne funkelten am Himmel und in seinem Silberglanze strahlte zugleich der Mond, von der Erde unter mir war nichts zu sehen, ein weißer Nebelschleier wallte darüber. Der Anblick griff mich zu mächtig an, ich wußte nicht mehr, wo ich war, als ich Sonne, Mond und Sterne am Himmel, Tag und Nacht zugleich sah; und nun die erhabene, schauerliche Stille, welche nur bisweilen ein rauher Windstoß durch den Forst unterbrach! – Ich wollte weinen, und wußte nicht, warum, – beten wollte ich und konnte nichts denken, und so starrte ich in der höchsten Bewegung meines Geistes umher. Alles war so friedlich, so ruhig, und lieblich winkten die goldnen Sterne mir: – da ward mir leichter, da sank eine drückende Last von meinem Herzen, da fühlte ich mich plötzlich dem Himmel näher, ich stand vor dem Throne der Gottheit und trunken schwebte ich durch das Reich der Sterne hin … ewig war der Raum, mein Flug ein Gedanke, meine Bahn zwischen Sonnen, ach! und ich konnte sie nicht beenden … des Raumes Ewigkeit warf den zitternden Jüngling wieder auf seine Erde. – »O! wäre es mir – seufzte ich – nur vergönnt, so ewig auf Erden zu leben! Warum muß ich wieder vergehen, ohne zu wissen, was ich war, wo ich war? Das wäre grausam, wenn ein Gott ist.« – – Und da sank schnell die Sonne hinab, ich schauerte zusammen; – »Ja! – rief ich – ja, ich sinke! Aber ich gehe auch wieder auf, gehe strahlend wieder auf!« – Mein Geist rang mit einem Heere schrecklicher Zweifel, endlich besiegte er sie, mit Sonnenlichte strahlte der göttliche Gedanke Unsterblichkeit in mir auf: und lieblicher winkten alle Sterne mir, und freundlicher lächelte der Mond auf mich. Beruhigt, getröstet und heiter kehrte ich zu meinen Freunden zurück. –

Diese hatten nichts mehr zu trinken, und waren von Durst und von Ameisen[33] geplagt. Längst schon waren Zwei fort, um Wasser aufzusuchen, aber noch nicht zurück gekehrt, daß wir unterdessen viel Angst ausstanden; endlich kamen sie und brachten – mehrere Flaschen Bier, statt Wasser, welches sie, man denke die Aufopferung, aus Wildenthal herauf geholt hatten. Dankbar gegen sie labten wir uns und legten uns einmüthiglich in die Hütte, um ein wenig zu schlafen, es war 12 Uhr Mitternachts.

Kaum hatten wir uns an einander gelegt, um uns zu wärmen, denn über die flache Bergspitze daher strich ein kalter Nachtwind, da pfiff man plötzlich in einiger Entfernung von uns zweimal stark auf dem Finger … wir fuhren erschrocken auf und griffen – ängstlich nach unsern Gewehren. Noch einmal pfiff es jetzt, daß der Wald gellte, wir hoben uns langsam und leise empor und fürchteten schon, von Wilddieben angefallen zu werden,[34] gossen daher Bier auf die glimmenden Kohlen, damit wir dadurch nicht bemerkt würden. – Horch! da raschelt es durch das Riedgras langsam über den Scheitel des Berges daher … Keiner von uns wagte erst, aus der Hütte zu sehen; endlich gewahrten wir ein hohes, schlankes Reh nicht weit von uns vorüber trippeln, welches gerade auf die Gegend hinab, woher der Pfiff gekommen war, zulief, lange noch hörten wir das Geräusch seiner Tritte, bis es nach und nach verschwand. – Plötzlich gieng ein Büchsenschuß auf, der, von dem Echo vervielfältigt, schauerlich durch die Thäler der Nacht dahin krachte, und nicht lange darauf hörten wir im Thale auf der Mittagsseite einen Wagen rollen. Es war also gegründet, daß böhmische Wilddiebe in unserer Nähe gewesen waren. –

Wir hatten nun nicht eben die größte Lust, mehr zu schlafen, sondern standen auf und machten wieder Feuer an, während dessen sahen wir in Böhmen ein ziemliches Feuer aufgehen; wir nahmen das Fernrohr zur Hand und bemerkten, daß zwei Scheunen wegbrannten.

Ein Uhr war jetzt vorbei und schon stieg am östlichen Himmel die Morgenröthe auf, und reiner und schöner strahlte ihr purpur goldener Saum; auch der Scheitel des Berges fieng jetzt an, sich hie und da zu röthen, einzeln verloschen schon am Himmel die Sterne, bleicher wandelte Luna und kehrte allmählich ihr Angesicht nach dem blühenden Sonnengotte, welchem funkelnd Venus voraus wandelte.[35] Aber auf der Erde drunten war noch Nacht und Dunkel; kein Berg, kein Thal, kein Wald, keine Stadt, nichts war zu unterscheiden, alles war eine ewigragende Finsterniß; aber Verklärung herrschte auf dem Berge.

Ach! es wäre doch grausend und schrecklich gewesen, wenn auf immer die Erde so von mir wäre getrennt geblieben, wenn ich nicht mehr unter den Menschen dieses Lebens hätte wandeln können, nicht mehr von ihnen geliebt und gehaßt, belohnt und betrogen worden wäre und so einsam immer auf der Spitze des Berges hätte weilen sollen! Man leidet und duldet gern, wenn andere leiden und dulden, aber man genießt alle Seligkeiten doppelt, wenn man sie als Mensch unter Menschen genießt. –

Immer lichter und goldener wurde es in Osten, immer weiter am Himmel verbreitete sich ein hehrer Glanz; ein Fleck war jetzt der strahlende Verräther der Sonnenbahn, sichtbar erhöhte sich das Licht, die Vögel des Waldes auf der Höhe des Berges wachten auf und sangen so schön, eine wärmere Luft strich über unsere Wangen, – und da hob sich in weißer Gluth, neu und vergnügt die liebe Sonne am fernsten Horizont langsam empor. Ihr erster Strahl traf uns und die Spitze des Berges. Unter uns war alles noch finster und still, weiße Nebel wallten durcheinander, bis endlich nach und nach die Sonne höher stieg, durch ihre allmächtigen Strahlen die Nebel zerriß und zerstreute, und magisch uns die Menge der Städte, Dörfer, Häuser, Felder, Wälder, Berge und Felsen enthüllte und darstellte. Dieser Anblick war äußerst überraschend und herrlich! –

Wir konnten mit bloßen Augen viele Meilen weit ziemlich deutlich im Umkreise umher blicken und durch Hülfe des Fernrohrs uns besser von den Gegenständen überzeugen und mancherlei neue entdecken. Wir konnten gegen Abend hin das ganze Voigtland und die verschiedenen Herrschaften, die ganze Zwickauer Gegend, nach Mitternacht hin die Schönburgischen Landschaften mit ihren Schlössern und Ruinen und die dahinter sich anschließenden Gegenden erkennen. Nach Morgen zu das untere Erzgebirge und ein Theil des Meißner Landes, woran sich weiter oben Böhmen anschließt und dann in einem halben Kreise nach Mittag bis Abend hin sich ausbreitet. Zwischen Morgen und Mittag ragt aus mehrern größern und kleinern Bergen stolz der waldige Fichtelberg empor und schielt neidisch herüber auf seinen kleinern Bruder; weiter hin nach Morgen der grabähnliche Pöhlberg[36] und alle die darum liegenden Berge. Näher vor sich sieht man den Riesenberg, einen ziemlich hohen, kahlen, mit ruinförmigen Basaltfelsen auf der Spitze ausgezeichneten Berg, und so gegen Mittag hin nimmt man viel hohe Berge in Böhmen wahr, worunter sich vorzüglich ein mit hellgrünen Steinen bedeckter, auszeichnet. Wir hatten eine entzückende Aussicht! – Nun wollten wir auch nach dem lieben Schneeberg sehen, lange mußten wir suchen, und wie groß war unser Staunen, als es tief, tief da unten so klein und unbedeutend lag, daß wir unsern Augen kaum trauten. So gieng es uns mit mehrern näher liegenden Orten, wir mußten, ob sie schon auf Bergen lagen, sie doch in der Tiefe aufsuchen.

Wenn die Luft rein und hell ist und man ein gutes Fernrohr hat, kann man sich viel Vergnügen und zugleich manche Belehrung über die Lage und Form verschiedener Städte, Dörfer und Gegenden verschaffen, ob man sie gleich mit keinem Fuße betreten hat; man kann, und zwar mit Wahrheit, versichern, diesen und jenen Ort wirklich gesehen zu haben, ohne in die Gegend gekommen zu seyn. –

In dem Walde um und unter uns wurde es nach und nach immer lebhafter; wir hörten fleißige Holzäxte klingen, hörten das Rasseln der Wagen in den nahen Thälern, (des Wildenthaler Blechhammers monotonische Schläge hatten wir die ganze Nacht hindurch gehört) und den schwebenden Schall der Frühglocken, das frohe Gebrülle des Viehes, das man auf die Weide trieb, und den schönen Gesang der Vögel. Es war entzückend, unvergleichlich erhaben, jetzt auf dem Berge zu weilen. In Thränen hätte man vor Wonne vergehen mögen! – –

Lange noch senkten wir die trunkenen Blicke umher auf die Gegend, wo wir immer mehr neue und interessante Gegenstände und Scenen auffanden. Endlich aber, von Hunger und Durst geplagt, schickten wir uns zur Rückreise an, welche wir auch vergnügt und glücklich vollendeten.

Nach mehrern Jahren reißte ich wieder einmal auf den Auersberg und fand die Ruinen unserer damaligen Hütte noch, worüber ich die lebhafteste Freude empfand, denn dadurch wurde ich an manche frohe Stunde erinnert, die ich nie wieder so genießen werde.

Reiche Leute könnten sich recht verdient um den Auersberg machen, wenn sie eine nicht zu hohe, steinerne Gallerie auf die Spitze desselben bauen ließen; die Aussicht gewönne dadurch ungemein, man hätte mehr Bequemlichkeit, und in der Ferne würde dieß dem Berge ein interessanteres Ansehen geben. – Steine giebts im Gebirge, auch arme Leute genug, die sich etwas verdienen möchten und könnten! –