Der Aufgang der Sonne auf dem Auersberg bei Eybenstock.
Eine Novantike für Freunde der Natur.[37]
Den 12ten July 1793.
Hab ich mir je gewünscht ein Dichter zu seyn: so hab ichs heute. Heute habe ich die Sonne auf dem Auersberg aufgehen gesehen. Eine Erscheinung, Freund, die schon von vielen Dichtern lebhaft besungen und von Prosaikern beschrieben worden; deren Beschreibung aber doch das Gefühl in mir nicht rege gemacht hat, als es die Natur diesen Morgen selbst in uns hervorbrachte. Sey es nun, daß das frühe Erwachen, die Morgenluft und die mit ihr vereinigte Bergluft, die höhere Region, in welcher wir uns befanden, zu unserer Stimmung für Freude und reine Naturgefühle das Ihre beygetragen haben: genug, ich muß Dir gestehen, daß ich solche Empfindungen nie in mir gefühlt habe: ob ich schon die Sonne oft, aber auf der Ebene, habe aufgehen sehen. Ich will dir ohne allen dichterischen Schwung die Erscheinung, so gut ich kann, beschreiben.
Um 12 Uhr des Nachts machten wir uns in Eybenstock auf den Weg; denn wir hatten volle 2 Stunden, einen ziemlich ungebahnten Weg bis auf die Spitze des Auersberges, der Thurm genannt, zu steigen. Unser Weg bis an den Abhang, welcher sich in das Thal der großen Bucke hinabstürzt, war fast eben. Aber auf einmal als wir uns dem Abhang näherten, wo wir gegen über wieder aufwärts klettern mußten, wurde unser Pfad kritischer. Vorsichtig und in Gefahr hinab zu rollen, stiegen wir in das Thal der großen Bucke hinab, und befanden uns, so viel als die Schatten der Nacht urtheilen ließen, in einem sehr engen, auf beiden Seiten mit hohen Gebirgen und freistehenden Felsenwänden umgebenen Thal eingeschlossen. Der einzige Ort wo wir ins Thal herab gestiegen waren, machte es zugänglich. Von hier aus stiegen wir wieder in einer von freystehenden Felsen gebildeten, mit hohen Bäumen bewachsenen und durch zerstreut umherliegende Felsenmassen fast unwegbaren Schlucht aufwärts. Das durch die Hitze der vorigen Tage ausgetrocknete Moos und die durch die schattichten Bäume noch dunkler gemachte Nacht, erschwerte unser Steigen ungemein. Unsere Schuhe wurden so glatt, daß wir aller Versuche ungeachtet, uns nicht immer aufrecht erhalten konnten; und die Dunkelheit erlaubte es nicht uns bequemere Fußtritte auszusuchen.
Unter solchem mühvollen Aufwärtsklettern waren wir endlich auf der Spitze des Berges angelangt. Heller als das Thal war die Region in welcher wir uns befanden. Wir konnten die wenig entfernten Gegenstände ziemlich genau unterscheiden. Die schwarze Farbe die über der Süd-, Nord- und Oestlichen Gegend ausgebreitet war, ließ uns Waldung vermuthen; auch bestätigte die Aussage unsers Führers unser Urtheil. Diese schwarze Farbe war aber auch jetzt alles, was wir in einiger Entfernung unterscheiden konnten; denn es war finster auf der Tiefe. Die Nacht lag noch mit ihrem bleyernen Zepter über der Gegend um uns her, indeß in Osten die weißen Sonnenstrahlen den Schimmer der Sterne verbleichten, und nur die hellglänzende Venus allein übrig ließen. Diese ersten Bothen des werdenden Tages veränderten ihre Farbe aus einem ekelhaften Grau bald in ein helles blendendes Silberweiß: und ihr Abglanz erhellte den Ort unsers Aufenthalts. Noch immer bedeckte Dunkel das Erdreich, und Finsterniß die schlafenden Völker; doch die Umrisse der Gebirge wurden mehr bemerkbar. – Jetzt verlohr auch Venus ihren Glanz und verbarg ihr reizendes Gesicht hinter den Strahlen des Taggestirns als einen undurchsichtigen Schleier. – Jetzt röthete sich tief im Osten der Horizont, aber bald fuhr sie höher herauf, Aurora, die Hoffnung des kommenden goldhaarigen Phöbus. – Goldene Strahlen warf der Schneeberg[38] in Südwest uns zurück, und machte ihn durch sein Leuchten in der Entfernung kenntbar. – Jetzt war es ganz Tag bey uns, jetzt umtönte uns der Gesang der erwachten gefiederten Waldbewohner; und doch ruhete noch Nacht auf der Tiefe. Noch konnte man Eybenstock nicht deutlich unterscheiden. Die schlängelnden Krümmungen der Thäler waren mit einem sanften Milchflor ähnlichem Nebel bezeichnet. Das Morgenroth, das der Sonne voraus gieng, hatte so eine brennende Purpurfarbe, daß unsere Augen seinen Anblick kaum vertragen konnten; und wir erwarteten jeden Augenblick den Hervortritt des jungen Phöbus. Eine neidische schwarze Wolke am Horizont entzog uns die ersten Strahlen noch wenige Augenblicke. Auf einmal aber brach, über die neidische siegend, der erste Strahl der Sonne gleich einer Fackel hinter einem Vorhang hervor gebracht, so durchdringend hervor, daß unsere Augen thränend wurden. – Die beyden Basaltberge, der Pöhl- und Bärnsteiner Berg, bildeten ein Thor, durch welches die Sonne sich den Eintritt über den Gesichtskreis eröfnete. Um uns her glänzten der Berge Spitzen – und die Schatten der Thäler zerstreuten sich immer mehr und mehr. Zween Hirsche zogen sich von den Feldern in ihre dicken Schlupfwinkel langsam mitten am Auersberge zurück. Gerührt über das majestätische Schauspiel der Natur hatte es keiner von uns gewagt, ein lautes Wort zu sprechen: – so mächtig wirkte diese erhabene Naturscene auf unsere Empfindung! Der dumpfe Schall des Hammers im Thal der großen Bucke tief unter unsern Füssen gelegen, versetzte uns auf einmal in Gedanken auf die Spitze des Aetna, und wir wähnten, das Getöse der einäugigen Cyclopen in ihrer Werkstatt zu hören, und erzitterten über den etwanigen Ausbruch eines Feuerstroms aus dem Bauche des Berges. – Jetzt hatte sich eine Aussicht über eine Fläche eröfnet, die nur gesehen aber nicht beschrieben werden kann. Das erste was uns in die Augen fiel, waren die Merkmale, daß die Bewohner der vor uns liegenden Städte und Dörfer nach und nach erwachten. Dicke senkrechte Rauchsäulen stiegen aus ihren Wohnungen hoch in die Luft empor, wo sie durch Strahlen der Sonne zerstreut wurden und erinnerten uns, daß die erwachten Einwohner dem arabischen Gotte in diesen frühen Morgenstunden ein Rauch- und Trankopfer zu bringen schon bemüht waren.
In Südwesten ragte über die nahen Gebirge in blauer Entfernung der schon erwähnte Fichtelberg hervor. Weiter gegen Westen breitete sich ein Theil des Voigtlandes, des Erzgebirges, des Altenburgischen und des Schönburgischen, wie eine Landkarte aus. Dörfer und Städte, Thäler, Hügel und Berge, Fruchtland und Waldungen wechselten so angenehm und so frey ohne gezwungene Ordnung mit einander ab, daß wir uns davon kaum loszureissen vermochten. Eibenstock, Schneeberg, Zwickau, Crimmitschau, Altenburg, Hohenstein, Lichtenstein, Annaberg, Scheibenberg waren mit bloßen Augen ohne Schwierigkeit zu unterscheiden. Und die Menge Dörfer, welche vor uns lagen, lassen sich nicht alle herzählen. Gegen Nordosten lag der König der sächsischen Gebirge und bedeckte die Aussicht in das ebene Land Böhmens. Südöstlich lag Johanngeorgenstadt in einer Einöde rund mit Waldungen umgeben; und weiter südlich war, so weit das Auge reichte, die Waldung kaum durch ein einzelnes Waldhaus unterbrochen. Jetzt wünschten wir den Thurm wieder hergestellt, welchen einst ein sächsischer Regent auf die Spitze dieses Berges zu seinen Vergnügen, wenn er hier jagte, hatte bauen lassen; wovon auch noch die Spitze des Berges der Thurm genannt wird; träumten uns dann die ungleich größere Aussicht, dachten uns unser Auge mit einem Herschelischen Telescop bewaffnet! Die Erde, welche nun jetzt schon so groß, so schön sich uns darstellte, würde es gewiß dann noch mehr seyn; und welchen Horizont hätte hier der Astronom!
Mit einem Wort, ich kann dir die Freude nicht beschreiben, welche ich diesen Tag auf dem Auersberg genossen: unvergeßlich wird er mir seyn, denn zu tiefe Eindrücke haben alle, die von mir daselbst zum erstenmal gesehenen Erscheinungen in meiner Seele gemacht. Noch eine Bemerkung, welche ich diesen Morgen beym Aufgang der Sonne machte, muß ich dir mittheilen. Ich erinnerte mich an die Urgeschichte der Welt, und überzeugte mich fest: Moses, oder wer der Verfasser derselben ist, hat auf einem hohen Berg den Aufgang der Sonne gesehen, und bei der Beschreibung der Schöpfung kopirt; denn alle Erscheinungen folgten fast in der von ihm angeführten Ordnung.
Es war finster auf der Tiefe. Gott sprach: es werde Licht, und es ward Licht. Das hab ich heute mit meinen Augen gesehen, daß, und wie es Licht ward, ohne eine Sonne zu sehen. Es sondern sich Wasser von den Wassern und bilden eine Veste. – Hier hat der Verfasser Nebel aufsteigen gesehen, welcher das flache Land bedeckt, und sich nach und nach zu Wolken gebildet hat. Damit man das flache Land von den Wässern, Flüssen, Seen, Meeren u. s. w. unterscheiden könnte, läßt er den Schöpfer eine Absonderung gebieten. Die Nebel schwanden, und man sah Trocknes und Erde. – Jetzt sahe er Pflanzen, Gräßer und Bäume auf der Erde – diese mußte der Schöpfer nun schaffen. –
Jetzt gieng die Sonne wirklich auf. Doch du wirst, ohne mich, die Idee sehr leicht weiter ausdehnen können. Dieser Gedanke soll keine Erklärung der Urschrift seyn; sondern ich führe ihn nur der Aehnlichkeit wegen an.
5.
Von Wildenthal über Eibenstock nach Ober- und Unterblauenthal.
Das Hammerwerk Wildenthal liegt nicht übel in einem tiefen Thale, an dem einen Fuße des Auersbergs. Das Herrschaftshaus, hinter welchem sich eine waldleere, grüne Bergseite, mit einem am Saume des Waldes hervor stehenden Hause, erhebt, nimmt sich vorzüglich gut aus. Ueberhaupt herrscht eine auffallende Thätigkeit und Lebhaftigkeit in diesem einsamen, wildromantischen Thale; das Geräusch der Hämmer, des Fuhrwerks, des Wassers, der dazwischen tönende Klang der kleinen Glocke, – und wer zählt all das Geräuschvolle in diesem Thale hier auf? –
Sehr angenehm aber ist vorzüglich von hier aus der Weg nach Eibenstock zu.
Nicht weit von dem Wirthshause geht man über eine Brücke, unter welcher sich ein röthlicher Bach über Granitblöcke schäumend wälzt und in kleinern Gräben dann auf die Räder vertheilt, welche hier in einigen Hütten gehen. Zugleich senkt sich hier das Thal tiefer, so daß man jetzt an der untern Seite eines Berges fortgeht und den Rest des weit hinab sich dehnenden Thales zur Rechten hat. Der Weg zieht sich links an dem hohen Gebirge hin, ist eben und fest, und so über eine Stunde fast lang zu beiden Seiten abwechselnd und gemischt von Buchen und Tannen beschattet. Je weiter man wandert, desto angenehmer wird es; große, bunte Felsenblöcke ragen dicht zwischen den hochstämmigen Fichten, Buchen und Tannen, welche die linke hohe Gebirgsseite bis zum Wege herab beschatten, hervor; von da senkt sich sogleich der dunkle Wald wieder hinab in das Ende des Thals, aus welchem das Gemurmel des Waldbachs dringt. Gebrochene Tannen liegen trauernd hier und da, und durch die Lücken der Waldung sieht man drüben die kahlen, oft von Buchenhölzern und Felsen belebten, übrigen verschiedenen Gebirgsseiten hervorragen, vorzüglich den Abfall des Auersberges. Hier herum wachsen viele stärkende und gesunde Kräuter, deren Duft zur Abendzeit im Sommer den Geruchsinn lebhaft ergötzt.
Ich wanderte diesen Weg einst in einer warmen, mondhellen Sommernacht; aber es war schaurig, der Mond bildete allerlei Gestalten, die tiefste Stille herrschte, nur vom Gewimmer flatternder Eulen unterbrochen, der Bach rauschte unten so einförmig dahin; ich war allein, und damals von düstern Gedanken umlagert. Aber es war dennoch schön, eben dieses schauerliche Wesen schuf mir Genuß! Auf einem hohen Felsenblocke saß ich, mitleidig stahl durch den Raum schwarzer Tannen des Mondes bleicher Strahl sich zu mir herab, mit trübem Blicke sah ich die glückliche Vergangenheit im fliegenden Rosengewande vorüber schweben und trauernd blickten auf mich die geschiedenen Freuden, – als ich auf einmal langsam Tritte daher schallen hörte, ich fuhr empor. – Ein alter Mann gieng vorüber und eilte erschrocken zurück, als er mich gewahrte. Ich lief auf ihn zu und beruhigte ihn. »Ach! mein lieber Herr, – meinte er in seiner Einfalt, – hierum ists auch nicht richtig!« – Ich lächelte für mich und gab blos meine Neugierde zu erkennen, weil es eine vergebliche Mühe ist, alte Leute von dem Glauben an wandelnde Geister zu heilen. Er gieng einen Weg mit mir und erzählte mir folgendes Mährchen:
»Vor vielen hundert Jahren, da hier noch alles menschenleer und wild war, verirrte sich in dieser Thalgegend ein reicher böhmischer Graf, welcher von einem Feste, das ein Reußischer Fürst gab, mit seiner Tochter nach Böhmen zurück kehrte. Er war mit der schönen Tochter von seinem Gefolge abgekommen und hatte sich auf diese Art mit ihr verirrt. Beide waren zu Roß, aber da sie in dieser Wildniß nicht mit den Rossen durchkommen konnten, banden sie dieselben an und giengen um auf einen Weg oder auf ihr Gefolge zu stoßen. – Es war Nacht, Alles dunkel und finster, kein Stern stand am Himmel und so geriethen sie abgemattet, hungrig und durstig an den Ort, wo ich erst saß und wo der große Felsenblock liegt. – Der Graf war ein böser Mann, der seine Unterthanen drückte und quälte, manche Jungfrau, manches Weib schon unglücklich gemacht hatte und stets in Schwelgerei lebte. Er fieng auch jetzt an, zu fluchen und zu toben, als er sich verirrt sah und lästerte den Namen Gottes; aber seine Tochter, ein gutes, frommes Kind, betete zu Gott, daß er sie und ihren Vater aus dieser Wildniß erretten möchte. Den bösen Vater verdroß ihr Gebet, er zog das Schwerdt und gebot ihr unter den gräßlichsten Drohungen, zu schweigen; aber sie betete in ihrem Herzen fort. Endlich wurde es plötzlich hell, wie wenn der Mond scheint, – ein fremder, großer Ritter in schwarzer Rüstung stand vor ihnen und sprach: »Graf! so du mir dein Kind giebst, will ich dich erlösen aus allem Ungemach: ich bin ein Rittersmann, nicht weit von hier liegt meine Burg!« – Und der Graf antwortete: »Wohl will ich dir die Dirne überlassen, so du mich aus der Wildniß geleitest.« Aber das Mädchen zitterte heftig und betete zu Gott. Da sprach der schwarze Ritter: »Ich habe keine Gewalt an ihr, doch du bist reif, grausamer Vater! Deine Zeit ist vorbei, du mußt mit mir von hinnen!« – Ob dieser Worte entbrannte der Graf in seinem Zorne und hob das Schwerdt. Aber der schwarze Ritter grinzte ihn schrecklich an, und, als der Graf auf ihn zustürzte, ergriff er einen großen Felsenblock und schleuderte ihn auf den Grafen. Dieß ist der Block, den man heutiges Tages noch links am Wege sieht, darunter soll nun der böhmische Graf liegen. – Der schwarze Ritter war – der Satan, welcher alsbald mit Gestank und Dampf verschwand. Aber vom Himmel stiegen die heiligen Engel hernieder, trugen die fromme Tochter aus der Wildniß und heim auf ihr Schloß nach Böhmen. Zum Andenken an diese Begebenheit stiftete sie ein Kloster, welches aber im Jahr 1507. von einer Räuberhorde verbrannt und zerstört wurde.« –
Dieses Mährchen hat freilich viel Lücken, aber um der Gegend willen, welche ich schilderte, rücke ich es hier mit ein. – Am Ende dieses schönen Weges, nämlich bey den Eibenstöcker Feldern, wo die Poststraße einen großen, bogigen Umweg macht, hat man die Aussicht theils auf die vor uns liegenden, sich ausbreitenden Fluren, theils auf Berge, Wälder, Felsen und Häuser, welche vermischt in einem Halbrunde sich darstellen.
Man geht nun auf dem Fußsteige fort, welcher sich bei einer Mühle vorbei zieht. Rechts senken sich die Wiesen tiefer hinab bis an den Saum des Waldes und an diesem Saume ragt ein ziemlich hoher, ruinförmiger Fels auf einer kleinen Anhöhe auf, welches einen schönen Anblick gewährt.
Jetzt kommt man durch ein kleines romantisches Wäldchen von Tannen und Laubholz, welches rings herum von Feldern eingeschlossen ist; mehrere Felsentrümmer liegen hier und da, angenehm und vielfach ertönen der Vögel Gesänge und die Liebe scheint hier mit ihren süssen Geheimnissen zu weilen. Mehrere kleine Gräben durchschneiden die nahen Wiesen zur Wässerung, welches, wenn die Sonne das Wasser in Silber verwandelt, herrlich aussieht; und nun weiter vorn kommt man wieder auf die Straße und erblickt Eibenstock.
Eibenstock ist gewissermaßen in einem Halbrund gebaut, auf der einen Seite ziemlich eben, auf der andern aber ziehen sich die Häuser etwas bergab, und steigen zum Theil dann wieder an einem Berge auf. Im Ganzen ein recht schöner Anblick. Uebrigens ist die Gegend um Eibenstock nicht etwa schlecht, aber man findet auch keine besondere merkwürdige Gegenstände welche eine nähere Schilderung verdienten. –
Der Weg von Eibenstock bis Oberblauenthal, ein Eisenhammerwerk an der Mulde, ist auch sehr unterhaltend.
Bis an den Wald vor Oberblauenthal hat man nun wieder allerlei Berge, Wälder und Gefilde vor den Augen, doch in dem Walde selbst herrscht eine angenehme Kühle und Abwechselung, und wenn man eine Strecke darin fortgegangen ist, senkt sich der Weg allmählich einen ziemlichen Berg hinab. – An dem Ausgange der Waldung wird man auf die angenehmste Weise durch den Anblick des Hammerwerks überrascht.
Dieses sieht man vor sich in einem engen Thale, auf dem obern Theile der Gebirgsseiten von Waldung fast überall umgeben; an den Bergen herab und unten breiten sich Felder und Wiesen aus, durch welche sich die Mulde, an ihren Ufern mit Gebüschen geschmückt, hindurch schlängelt. Die gewöhnliche Lebhaftigkeit und all das geschäftige Wesen auf solchen Hammerwerken, das Rauschen mehrerer Bäche, alles dieses erhöht auch hier den schönen Anblick und giebt ihm viel anziehendes. Wenn man den Berg vollends hinunter gestiegen ist, hat man unten wieder eine interessante Ansicht von dem Thale.
Da, wo die Mulde hervorfließt, bildet hinten die schwarze Waldung ein schönes Halbrund, welches sich, je höher es steigt, in lichteres Grün verwandelt. Zur Seite sieht man den steilen Fuß des Berges, von welchem man herab kam, an seinem Ende nimmt man junge Fichtengebüsche und weiß hervor ragende Sandsteine wahr. Weiter hin, der Mulde entgegen, ragt ein großer, kahler, felsiger Berg majestätisch hervor, einzelne hohe Tannen zieren seinen Scheitel, an seinem jähen Fuße breiten sich bebuschte Wiesen aus, durch welche in einem schönen Bogen die Mulde sich windet. Der Anblick dieses blaßroth grauen Berges, ist so auffallend, als schön: aber auch hinter ihm ragen noch in der Nähe einige solche Berge, nur oben mit mehr Waldung, und unten aus der weiten Schlucht schimmert das schöne, herrschaftliche Gebäude des Hammerwerks Unterblauenthal hervor, welches zusammen gewiß ein angenehmer Genuß für das Auge ist. –
Dahin nun richte man seine Schritte selbst und betrete den Weg, welcher durch Erlengebüsche oft hart an dem felsigen Ufer der Mulde sich hin windet.
Unterblauenthal liegt fast noch angenehmer, als Oberblauenthal; freilich kommt es hier auf das Urtheil eines Jeden selbst an, der diese Gegenden durchwanderte und kennt. Von Unterblauenthal, vorzüglich von dem sogenannten Herrnhause aus, hat man die schönste Aussicht durch das ganze lange Thal hinab; ich sage es noch einmal, die schönste, vortrefflichste Aussicht hat man hier. –
In Merkels, von Engelhardt neu herausgegebener Erdbeschreibung von Sachsen im ersten Bd. S. 201. ließt man Folgendes:
»Die Gegend über Eibenstock, Johanngeorgenstadt, Wiesenthal, Jöhstadt u. s. w. bis nach Böhmen auf der einen, und bis ins Voigtland auf der andern Seite, nennt man gewöhnlich (??) das Sächsische Siberien, ein Name, der freilich paßt, wenn man jene Gegenden mit Meisnischen oder Thüringischen vergleicht. Denn man erblickt dort, ausser etwas kärglichem Ackerbau, fast nichts, als Wald und Wüstung. Der Schnee liegt gewöhnlich 2–3 Ellen, in den Hohlwegen wohl 20–30 Ellen, tief, und schmilzt immer erst spät im Frühjahr, oft kaum vor Johannis. In einer Nacht verschneit gleich Haus und Hof, daß ein Meisner oder Thüringer etc. nicht wissen würde, ob er in Sachsen oder Siberien sei.« – –
Da Herr Engelhardt das Meiste aus handschriftlichen Nachrichten erfahren hat, so mag die angeführte Stelle auch aus einer dergleichen Nachricht vielleicht herrühren. Denn der verdienstvolle Herr Herausgeber würde sich gewiß bedacht haben, dieses einzurücken, wenn er die Gegenden bei Johanngeorgenstadt und Eibenstock durchwandert hätte, und Derjenige, welcher ihm jene Nachricht überschickte, hat entweder dabei besondere Absichten gehabt, oder er ist nicht weiter, als vor die Thüre gekommen. – Mir sowohl, als mehrern unpartheiischen Erzgebirgern, welche die Gegenden gewiß kennen, in welchen sie leben, kam es sehr lächerlich vor, daß man wähnen kann, in diesem Theile des Gebirges bloß kärglichen Ackerbau, Wald und Wüstung zu erblicken; daß ferner der Schnee in den Hohlwegen 20–30 Ellen tief liegen soll. Das ist nun wahrlich übertrieben! – Denn man stelle sich nur vor, wenn der Schnee 20–30 Ellen in den Hohlwegen liegen soll, müssen diese natürlich selbst so tief seyn;[39] aber ich kann behaupten, daß es in dortiger Gegend nicht einen solchen Hohlweg gebe. Der Boden ist steinigt und fest, und kann so tief gar nicht durchgefahren werden, man würde sehr bald auf Felsen stoßen, womit die ganze Gebirgskette versetzt ist; übrigens ist auch das Fuhrwesen gar nicht so stark und häufig. Der Begriff überhaupt, welchen man hier den Meisnern und Thüringern von dem obern Erzgebirge geben will, ist nun wohl ein wenig überspannt und falsch. Nicht ein Winter ist wie der andere, und man findet, wenn im Gebirge ein großer Schnee gefallen ist, auch in Meißen und Thüringen nicht wenig, wie ich sehr wohl weiß. – Es giebt sogenannte Spaßvögel, welche in den andern sächsischen Provinzen die fadesten Lügen[40] von dem obern Erzgebirge gesagt haben. Verständige Leute sollten daher nicht Alles unbedingt glauben, das Ungewöhnliche nicht für das Gewöhnliche halten und weniger partheiisch seyn!! –
6.
Der Weg von Sosa nach dem Schindlerischen Blaufarbenwerke.
Von Unterblauenthal kommt man nach Sosa, ein ziemliches Dorf, dessen Einwohner sich theils vom Bergbau und Spitzenklöppeln, theils aber vom Arzenei verfertigen und Vitriolbrennen nähren. Man trifft, sogar in den entferntesten Gegenden, bisweilen Bergleute mit Arzeneikästen, welche meistentheils aus Sosa sind. Eigentlich sind es keine gewöhnlichen Bergleute, sie kleiden sich blos aus besonderer Anhänglichkeit in bergmännische Tracht.
Sosa liegt in einem schönen Thale, zwei Stunden von Johanngeorgenstadt, von einem Bache durchschnitten und auf den beiden Bergseiten von Feldern und Büschen umgeben. An dem untern Ende des Dorfes fängt sich ein dichter, finstrer Wald an, welcher sich bis an den Ausgang des Thales fortzieht und wodurch der Weg nach dem Schindlerischen Blaufarbenwerke geht. Aber man stelle sich unter Weg hier ja nicht das vor, was eigentlich mit diesem Begriffe verbunden ist. Es ist vielmehr ein ganz schmaler, oft steiniger, oft lehmiger Pfad, der hier und da plötzlich verschwindet und eben so plötzlich wieder sich zeigt; Gestrippe und Aeste verwirren des Wanderers Fuß, daß man äußerst vorsichtig gehen muß, um nicht Schaden zu nehmen. – Man geht dem Waldbach anfänglich immer rechts zur Seite, aber weiter unten muß man öfters herüber und hinüber springen, um fortkommen zu können. Es ist ein schauerliches, stilles Thal, welches man hier durchwandert, nur selten sieht man den Himmel, kein Vogel singt hier, kein Blümchen duftet hier, ewiger Wald bedeckt Alles mit grauenvoller Finsterniß und eine Kühle, wie in Leichengrüften, herrscht darin. Banger Schauer schüttelte meine Glieder, in unerklärbarer Furcht pochte mein Herz, als ich das erstemal dieses Thal durchwanderte; oft sah ich mich ängstlich um, jedes Knarren einer alten Tanne, jedes unbedeutende Geräusch erschreckte mich Einsamen, kein lebendiges Wesen war zu erblicken, und dennoch freute ich mich in der Beklommenheit meiner Brust dieses wilden Thals. Bald mußte ich über schlüpfrige Wurzeln, bald über Gestripp und Steine klettern, bald über den Bach setzen, bald durch dichte Gebüsche mich drängen, bald auf einem handbreiten Ufer, an herab hängende Aeste mich festhaltend, klimmen, bald hinan, bald herabsteigen. Weiter unten erhoben sich zu meiner Linken weißgraue Felsen aus dem grünen Dunkel empor, welche hier und da mit Moos bedeckt waren. Dieses überraschte mich sehr, und nach einer kleinen Strecke kam ich an einige schlüpfrige über den Bach gelegte Hölzer, auf welchem Wege ich dann einen Fahrweg erreichte, der bis an den Ausgang des Thals führt. So sehr Furcht und Grauen das Herz des Wanderers füllten, als er sich in diesem langen, schauerlichen Thale einsam und verlassen sah: um so größer war die freudige Ueberraschung und das Erstaunen bei dem Ende dieses Thals.
Aus dem schaurigen Dunkel des schweigenden Forstes trat ich plötzlich in ein breites, grünes, freundliches Thal, durch dessen Mitte hinab die Mulde sich schlängelte; Blumen prangten hier, Vögel sangen fröhlich, die Wellen des Flusses schlugen plätschernd an die Ufer, über mir war so rein und klar der Himmel ausgespannt und eine warme Luft umwehte mich. Ich kann nicht sagen, wie angenehm ich überrascht war, mit welchen frohen Gefühlen ich umherblickte; mir war, als sei ich einer Gefahr entgangen, als käm ich aus dem Todtenhaine des Tartarus in die freundlichen Gefilde Elysiums. – Zu beiden Seiten sah ich die sehr hohen Gebirge mit vermischter Waldung bedeckt, an deren Saum hier und da Felsen von Buchen umschattet aufragten; vor mir erblickte ich das große, steinerne Wehr, auf dessen mittelsten Pfeiler ein weißes Monument daher blinkte, welcher Anblick ausserordentlich viel romantisches in sich faßt. Ich gieng nun weiter und kam auf das Wehr, welches zugleich eine Brücke über die Mulde bildet. Es ist aus lauter Quaderstücken auf dem felsigen Bette des Flusses gebaut und man hat hier zugleich den angenehmsten Anblick eines, wenn auch nicht hohen, aber doch starken, Wasserfalls; mit Pfeilesschnelle strömt das klare Wasser über die schrägen Quadersteine und stürzt dann schäumend und siedend sich in die klippenvollen Bassins hinab, wo es nun murmelnd weiter fließt. Ein dumpfer, ewiger Donner herrscht hier. Das weißmarmorne Monument auf dem mittlern Pfeiler ist einfach und geschmackvoll; es ist zur Erinnerung an den verstorbenen, verdienstvollen Factor Bauer auf dem Schindlerischen Blaufarbenwerke errichtet. In einem Oval ist eine lateinische Innschrift, welche sich ungefähr so anfängt:
En petrarum molem perennem! Perennis quoque sit memoria etc.
Die Mulde fließt hier hart an dem waldigen Fuße des Gebirges linker Hand fort, welches sehr schön in die Augen fällt. Man geht nun über das Wehr und immer den Weg an einem starken Bache fort, welcher von der Mulde abgeleitet ist und die Räder auf dem Blaufarbenwerke treibt. Zu beiden Seiten ist man von Erlen und Haselgebüschen umgeben, lachende Wiesen breiten sich aus, immer steiler und höher werden die Gebirge, tiefer wird das Thal und Alles schöner und freundlicher. – Jetzt sieht man das Blaufarbenwerk, weiße Dampfsäulen steigen empor, eine Menge dichter Holzstöße umschanzt es; die Gebäude sind gut gebaut und das ganze Werk überhaupt schön angelegt, welches Alles in diesem schönen Thale auf die angenehmste Weise sich darstellt. Das Schindlerische Blaufarbenwerk liegt an dem Fuße des Steinbergs, eines sehr hohen, steilen Berges, welchen Waldung und allerlei gestaltete Felsenblöcke bedecken. Es ist sehr angenehm daselbst und man findet vortreffliche Spatziergänge.
Der Weg geht jetzt hinter dem Werke vorbei und steigt ein wenig an, so, daß die ganzen Gebäude tiefer unten liegen. Weiter hin geht jetzt ein Weg den steilen Berg hinan, man kommt auf demselben nach einem kleinen Dorfe Albernhau;[41] der andere Weg geht gerade auf dem Fuße des Gebirges fort, daß man immer noch am waldigen, steilen Ende des gegenüber ragenden Gebirges die Mulde zur Seite hat. Dann kommt man bei dem Floßhause vorbei, wo sich ein Floßgraben[42] anfängt, welcher durch mehrere Thäler fließt und dann in Schlema bei Schneeberg sich endigt. –
Von hier kommt man endlich an die sogenannte Muldenbrücke, welche überbaut ist und hart an einem Felsen anstößt, durch welchen ein tiefer, wagenbreiter Weg gehauen ist, welches sehr schön aussieht; im heißesten Sommer herrscht in diesem Felsenwege die angenehmste Kühle. Hier hat man eine herrliche Aussicht hinab auf das Thal, wo auf der einen Seite durch Wiesen, auf der andern die Mulde an Felsengethürme sich dahin schlängelt, an welcher man öfters Leute mit Angeln sitzen sieht. Einzelne Waldung bedeckt die Berge und weiter unten macht das Thal einen schnellen Bogen, daß es scheint, als endige es sich hier; Tannen und Fichten verhüllen Alles und in das dunkle Grün verschwindet hier die Mulde.
Der durch den Felsen gehauene Weg steigt jetzt einen ziemlichen Berg auf und ist bis zur Hälfte gepflastert; er führt nach dem nicht weit entfernten Dorfe Bockau. –
Diese Wanderung von Sosa aus gewährte mir viel und mannichfaltigen Genuß. Der Uebergang vom Schauerlichen und Wilden zum Freundlichen und Sanften, die immer neuen Abwechselungen, die Ruhe und der Friede in dem reizenden Muldenthale that meinem Herzen so wohl, daß ich mit Petro ausrief: Hier will ich mir Hütten bauen!
7.
Die Gegend um Bockau.
Wenn man von Johanngeorgenstadt nach Bockau geht, kommt man hinter dem einsam im Walde liegenden Jägerhause auch in eine Gegend, welche der Ochsenkopf heißt. Einige nennen das ganze dortige Gebirge so, andere nur eine Gegend desselben. Verschieden sind auch die Meinungen über den Ursprung dieses Namens, die alle hier aufzuzählen nicht nöthig ist; aber die allgemeine, und, wie mir scheint, richtigste Meinung darüber, will ich hier anführen:
Eine starke Viertelstunde hinter dem Jägerhause fand man vor vielen Jahren seitwärts vom Wege eine hölzerne Tafel an eine Buche angenagelt, worauf ein Ochsenkopf gemahlt war. Ein Fleischer trieb hier einen Ochsen; dieser wurde plötzlich scheu, gieng dem Fleischer zu Leibe und spießte ihn auf die Hörner, daß er sterben mußte. Zur Erinnerung an diese Begebenheit ward auf der Stelle, wo man den Fleischer gefunden hatte, jene Tafel aufgerichtet und die ganze Gegend führt seit dieser Zeit den Namen Ochsenkopf. Denn in ältern Büchern findet man diesen nicht.
Dieses ganze Gebirge ist mit hohen Tannen und Buchen bedeckt, ist wild und öde; es giebt viele, vorzüglich warme, Quellen daselbst, und gebrochene Tannen sieht man zerstreut umher liegen. Ueberhaupt wenn starker Wind ist, muß man sich vorsehen, denn Bäume brechen dann links und rechts.
Der Weg geht bergab, ist steil und steinigt, und wird erst am Ende des Gebirges und der Waldung angenehmer. Man sieht dann zur Rechten eine Wiese von Laub- und Nadelholz umzäunt, und vor sich durch das Thor der Waldung die Kirche, mehrere Häuser und Felder des nahen Bockau's, hinter welchen sich oben mehrere waldige Berge herabziehn. Aus den fernen Bergen blickt zwischen schwarzem Walde der untere Theil von Albernhau herüber, welches Alles hier schön angenehm in die Augen fällt. Nun ist man den Berg herab gegangen und nahe vor Bockau; man hat die Aussicht in den romantischen Thalgrund hinter der Kirche, woraus sich ein Bach hervor schlängelt. Dann geht der übrige Weg bis an das erste Haus des Dorfes auf Fels und man sieht, daß die Kunst ihn bereitete.
Bockau ist unter den gebirgischen Dörfern eines der vorzüglichsten und schönsten; es hat fast lauter gute und viel schöne Häuser, zwei Schulen, und die Nahrung seiner Einwohner ist nicht gering. Es liegt in einem flachen Thale; gegen Morgen zieht sich mit Feldern und Aeckern, um welche hier und da Gebüsche stehen, eine Gebirgsseite herab, welche oben mit Wald bekränzt ist. Gegen das Ende des Dorfes bricht sich das Gebirge und bildet mit dem gegenüber ragenden Berge eine große Schlucht, durch welche hinauf die Häuser sich ziehen, welches zusammen sehr schön aussieht. Nach Abend zu, auf der flachen Seite des Thales, in welchem Bockau liegt, erblickt man nichts als Felder, durch welche sich Wege und Steige winden und schräg oben fällt ein gemischter, kleiner Wald mahlerisch in die Augen. Es ist diese Gegend in der That eine der schönsten. O! wäre meine Feder vermögend, alle die Aussichten, alle die abwechselnden Gegenstände zu zeichnen und zu schildern, welche stets neu dem Auge sich darstellen! – Wie schön z. B. nimmt sich Bockau und seine Gegend aus, wenn man auf der Höhe bei Albernhau steht, wie mahlerisch liegt es vor den Blicken des überraschten Wanderers ausgebreitet! –
Durch die erwähnten Felder, welche man mit vielerlei Kräutern und Arzenei-Gewächsen bepflanzt sieht, geht der Weg nach der erwähnten Muldenbrücke, also über Albernhau und Zschorlau nach Schneeberg. Die Gegend bei der Muldenbrücke habe ich schon geschildert, aber es sey mir erlaubt, einen Anblick zu beschreiben, welcher mir auf dem Berge vor Albernhau ward. –
Ein Regen nöthigte mich bei meiner Wanderung, in der überbauten Muldenbrücke zu verweilen und unterdessen las ich die mancherlei Namen und Witzeleien, die mit Kreide und Kohle darin angemahlt waren. Viel Genuß fand ich hier freylich nicht. Als daher der Regen nachgelassen hatte, machte ich mich auf und stieg den vor mir liegenden Berg hinan, wo der Weg nach Albernhau führt. Auf der Höhe blieb ich stehen, um auszuruhen und blickte mich um: o! welch' ein überraschender Anblick entzückte mich! – Da, wo die Bockauer Felder am vorliegenden Walde sich endigten, bildete ein in verklärten Farben spielender Regenbogen ein großes Thor, vor welchem Alles, nach mir zu, in grauen Nebelgewölk gehüllt war: aber das dahinter liegende Bockau und seine angenehme Gegend beleuchteten mit einem ausserordentlichen Lichte die Strahlen der Sonne, daß es hinter finstern Wolken in der herrlichsten Verklärung vor meinen trunkenen Blicken ausgebreitet lag. – Der erhabene, herrliche Anblick ergriff mein Herz, es war mir unmöglich mich davon zu trennen und so stand ich, bis die Strahlen von Phöbus Antlitz die grauen Gewölke zertheilten und Iris wieder zurück in den Himmel kehrte. –
Wahrhaftig, wenn die Alten die Iris, oder den Regenbogen, eine Bothin der Götter nannten, konnten sie kein erhabeneres Meteor wählen, denn man fühlt bei diesem Anblicke die ganze Seeligkeit des Olymps! –
Die Gegend des untern Theiles von Albernhau ist auch sehr romantisch; man sieht am Ende des grasigen Thales aus der dunkeln Waldung mehrere Felsen aufragen, welches dem Auge einen besondern Genuß gewährt.
Wenn man aus dem Walde hinter Albernhau kommt, sieht man tief im Thale erstlich Zschorlau, wie es sich so lang herabdehnt, und überhaupt ist dieses Thal durch allerlei Abwechselungen verschönt; ferner erblickt man die ganze Gegend um Schneeberg und sieht die Spitze des Kirchthurmes hinter der mit Feldern bedeckten Höhe hervor blicken, sieht Griesbach und alle die Berge, Teiche und Wälder und eilt freudig und begierig nach Schneeberg selbst zu.
Wenn man diese Wanderungen bis hierher interessant gefunden hat, wird es den Verfasser nicht reuen auf die kleinsten Gegenstände bisweilen Rücksicht genommen und auch die verborgendsten Schluchten durchwandert zu haben; denn ein Baum, ein Fels oder ein kleines Gebüsch, so unbedeutend diese auch an und für sich selbst seyn mögen, tragen oft im Einzeln viel zur Verschönerung einer Gegend bei. – Auf dieser Wanderung von Johanngeorgenstadt nach Schneeberg nimmt man sehr deutlich den allmähligen Abfall vom minder Gefälligen und Fruchtbaren wahr. Vorzüglich zeichnet sich die Gegend um Schneeberg äußerst angenehm aus, ich zähle sie unter die schönsten des Erzgebirges, und sollte man in den vorigen Wanderungen vielleicht nichts Interessantes gefunden haben, so wird man es in diesen gewiß um so mehr finden. Denn man glaube nicht, daß ich diese Wanderungen aus schriftlichen Nachrichten zu Hause am Schreibepult gemacht und in ein Gewand gehüllt habe, welches Unbekanntschaft mit den erwähnten Gegenden bedecken sollte – Nein! ich habe das obere Erzgebirge selbst durchwandert und was ich erzähle, selbst gesehen. Diese kleine Erinnerung geschieht deswegen: weil ich oft zu warm und zu begeistert sprach, und man dieses in unserm korsarischen Zeitalter leicht für etwas anderes ansehen möchte. –
II.
Schneeberg und die umliegenden nähern und entferntern Gegenden.
Schneeberg verdient unstreitig unter die größern und schönern Städte des Erzgebirges gezählt zu werden; es liegt auf einem ziemlich hohen, breiten Berge, welcher gegen Nord-West sich mit einem größern Gebirge vereinigt, so, daß es scheint, als wenn der Berg ein Ausdrang[43] jenes Gebirges sey. Rings umher dehnen sich in einem Kessel nahe und entfernt mehrere Gebirge und man sieht auf diese Art den Schneeberg[44] in einem runden Thale sich erheben. Diese Gebirge sind theils mit Fluren, Häusern und Zechen, theils mit Laub- und Nadelholz, mit Felsen und Gebüschen bedeckt und geschmückt, und über die ganze Gegend ist ein mildes, freundliches Licht verbreitet. –
Majestätisch hebt sich die schöne, große Kirche über die Stadt empor und in der weitesten Ferne hört man den harmonischen Klang der Thurmglocken. Eine Menge Gärten und Obstbäume umgeben das Ende der Häuser und den grünenden Berg. Auf zwei Seiten ziehen sich die Häuser herab an den Fuß des Berges, nämlich nach dem Schießhause zu auf der einen, und nach Neustädtel und dem Mühlberge zu auf der andern. Man nennt daher diese Häuser, weil sie tief im Grunde liegen, die erste Seite, den Schießhausgrund, die andere, den Mühlgrund, oder auch schlechtweg den Grund. Jedoch auf der letztern Seite vereinigen sich die Häuser so eng mit Neustädtel, daß der Fremde nicht das Ende und den Anfang beider Städte wahrnehmen und auf diese Art Alles für ein Ganzes halten wird.
Das Lyceum in Schneeberg ist von jeher wegen seiner Lehrer und der zweckmäßigen Anstalten, vorzüglich aber wegen des gut eingerichteten Singechors berühmt gewesen, welcher unter der Leitung und rastlosen Thätigkeit des würdigen Herrn Cantor Thomas zu einem der besten gediehen und des Beifalls aller Fremden von jeher gewürdigt worden ist. Hierbei darf ich des großen Konzerts nicht vergessen, welches aller vierzehn Tage auf einem großen, zweckmäßig dazu eingerichteten Saale des Rathhauses gegeben wird und wo man die größten Stücke meisterhaft von einem stark besetzten Orchester aufführen hört. Ferner verdient hier das, von dem ehemaligen Diakonus, jetzigen Superintendent in Gera, Hrn. M. Hahn gestiftete Bürgermuseum einer schuldigen Erwähnung. Für einem geringen Beitrag können alle Bürger, die ihren Geist bilden und ihren Verstand aufklären wollen, Antheil an Vorlesungen über Naturgeschichte, Veredlung und Bildung der Künste und Professionen, Menschengröße und Menschenschwäche, kurz über alles Nützliche, nehmen. Das Museum besitzt eine schöne Bibliothek und Naturaliensammlung, Modelle u. dergl. und ist weit und breit her beschenkt worden.[45] Freilich findet das Gute immer Widerstand und der verdienstvolle Herr M. Hahn mußte manche Kränkung erfahren. – –
In Schneeberg überhaupt ist es sehr lebhaft, es ist an und für sich sehr volkreich und überdieß liegt immer eine beträchtliche Garnison daselbst; sowohl der Schnitt- als auch der Materialhandel ist stark, am stärksten aber wohl ist der Spitzenhandel; denn alle Spitzen, welche in der umliegenden Gegend Meilenweit gefertigt werden, werden in Schneeberg von den vorzüglichsten Handlungshäusern aufgekauft und nach Leipzig, Frankfurt, Hamburg u. s. w. verführt. Wie viel hundert Menschen ihr Brod dadurch haben, ist bekannt. – Auch giebt es in Schneeberg eine Buchhandlung und zwei Buchdruckereien, welche viel für auswärtige Buchhandlungen drucken.
Was übrigens den Bergbau betrifft, so ist es meist Kobalt, was man findet und finden will; man lese darüber in Merkels Erdbeschr. von Sachsen. –
Auf dem Wege von Zschorlau hat man unstreitig den schönsten Anblick von Schneeberg und der umliegenden Gegend. Zur Linken neben sich erstlich breitet sich eine mit fruchtbaren Feldern und Aeckern bedeckte Thalebene aus, durch deren Mitte hinab sie sich bis an den erwähnten Grund Neustädtel zieht. An dem obersten Ende sieht man die Kirche mit ihrem spitzigen Thurme, neben welcher der Todtenacker mit seiner weißen Mauer herauf blinkt. Auf dem hinter Neustädtel nach Mittag zu, sich herum beugenden Gebirge sieht man mehrere Zechen, worunter sich vorzüglich die thurmförmigen Göpelgebäude auffallend auszeichnen. Weiter hinten bricht sich dieses Gebirge und bildet so mit dem gegenüber steil aufragenden einen Thaleingang, woraus ein großer Teich daher schimmert; hier geht der Weg nach dem Dorfe Lindenau. Die Höhe des gegenüber liegenden Gebirges bedeckt ein großer Wald, welcher in der dasigen Gegend vorzugsweise der Forst genannt wird. Dieses Gebirge dehnt sich nun seitwärts Neustädtel in einem kleinen Bogen nach Schneeberg zu, wo es sich dann nach Griesbach lenkt. Bei Neustädtel nimmt sich die Sommerwohnung des Hrn. Kammerherrn und Oberforstmeisters von Lindenau sehr schön aus nebst dem umgebenden Garten; aber vorzüglich schön präsentirt sich bei Schneeberg der Richter'sche Garten, welcher in der ganzen Gegend berühmt ist und von dem verstorbenen Kaufmann Richter in Schneeberg in der theuern Zeit auf dieser Bergseite angelegt und eine Menge armer Menschen, welche daran arbeiteten, dem Hungertode entrissen wurde. Gesegnet sei das Andenken dieses wohlthätigen Mannes! – Nun richtet man seine Blicke auf Schneeberg, wie sich die Kirche so majestätisch erhebt, wie der schöne Thurm des Rathhauses so frei über die Häuser aufsteigt und die schiefernen Dächer so silbern daher schimmern, wie statt einer Mauer die schönsten Obstgärten die Stadt umzingeln. Vorzüglich fällt aber das Scheider'sche Haus, ein wahres Palais, so wie das große Malzhaus und das Bergmagazin-Gebäude lebhaft in die Augen. Ueberall fast, wohin man blickt, sieht man Häuser und Menschen.
Hinter Schneeberg, gegen Abend zu, sieht man das hart vor der Stadt ansteigende Dorf Griesbach mit seinen Fluren, Gärten und Bäumen; auf dem höchsten Puncte liegt die Kirche, hinter welcher sich weiterhin ein dunkler Fichtenwald herumzieht. Daneben dehnt sich der Keilberg sanft herab, man erblickt die Lindenallee bei dem Schießhause, das romantische Gerichtswäldchen und das tiefer liegende Hammerholz, einen angenehmen Wald; weiter vorn den Wolfsberg, welcher sich gegen Schlema hinab dehnt, dessen obersten Theil, nämlich einige Häuser von Ober-Schlema, man hier auch erblickt. Doch über Alles dieses werde ich mich noch weiter verbreiten. –
Der Standpunct selbst, von wo aus man diese Aussicht hat, ist auf der Zschorlauer Höhe, nämlich auf dem Gebirge, welches zwischen Schneeberg und Zschorlau sich erhebt. Weiter vorn, der Stadt gegenüber, wird dieses Gebirge weit höher und steiler, ist von vermischter Waldung beschattet und wird der Kleesberg genannt; auf dem höchsten Gipfel dieses Kleesberges ragen bei einem Felsen zwei hohe, alte Tannen auf, daher nennt man den Berg oft auch den Zweitannenberg. Von ihm weiter unten ein mehreres. –
So angenehm, so herrlich ist hier der Anblick dieser Gegend, so abwechselnd und mannichfaltig liegen hier die Gegenstände vor unsern Augen, liebe Leser! Aber sehr angenehm ist der Anblick von Schneeberg auch, wenn man in Schlema, also auf der Morgenseite sich befindet. Am Ausgange des schönen Thales, worin Schlema liegt, hebt sich der Schneeberg hoch empor und auf seinem Scheitel breitet sich die Stadt in der Länge aus; sehr erhaben ist hier wiederum der Anblick der hohen Kirche, welche man von hier aus sehr weit wahrnehmen kann.
Auf dem Schneeberge selbst hat man die vortrefflichsten Aussichten. Gegen Mittag hin sieht man in der sanften Ebene des Thales Neustädtel hingegossen, hinter welchem das Gebirge[46] mit seinen Zechen aufsteigt; allerlei Wege schlängeln sich durch die Gefilde und das bebuschte Gebirge bei der Bartholomäi-Schenke fällt sehr angenehm in die Augen. Vor sich sieht man den sogenannten Grund, worin die größte Lebhaftigkeit herrscht; Halden flimmern zwischen den Häusern und Feldern und hie und da sieht man an- oder ausfahrende Bergleute.
Geht man gegen Morgen zu, so hat man den weitansteigenden Kleesberg gegenüber und vor sich ein tiefes, schönes Thal, woraus das Getöse des Wassers und der Pochwerke dringt. Und richtet man seinen Weg endlich gerade nach Morgen hin, so wird man durch den Anblick des herrlichen Thals, wo sich Schlema hinab dehnt, und des Dorfes selbst überrascht. Rechts am Eingange des Thales schmückt eine gemischte Waldung die obere Gebirgsseite, an welcher hie und da Häuser und Bauerngüther liegen; weiter hin wird das Gebirge flacher und fruchtbare Felder breiten sich aus, an deren unterm Theile der von Gebüschen umgrünte Floßgraben sich daher schlängelt. Links am Eingange zieht sich der Wolfsberg eine Strecke hinab und bricht sich dann zurück, wodurch mit der gegenüber aufragenden Bergseite wiederum ein ganz kleines Thal sich bildet; Felsen und Gebüsche nimmt man auf seiner vordern Seite wahr. Dann beim Ausgange des erwähnten kleinen Thales zieht sich um eine hervorstehende Gebirgstirne fort, welche sehr steil und mit Felsen bedeckt ist, zwischen denen einzelne Birken und Fichten aufragen. Ueberhaupt hat diese Gebirgstirne, wie ich sie nannte, ungemein viel Anziehendes und Romantisches; mehrere Häuser liegen von allerlei Bäumen umschattet an ihrem Fuße hart an, und ernste Felsen heben sich dahinter mahlerisch auf. Durch die Mitte dieses Thales, dessen Schönheiten alle man nicht zu schildern vermag, breitet sich Schlema hinab; man sieht die Kirche und die dahinter liegenden Blaufarbenwerk-Gebäude, woraus weiße Rauchsäulen ruhig emporsteigen, und hinter Allen diesen hebt sich am Ende eine mit dunkler Waldung bedeckte Gebirgwand auf, wodurch der Anblick des Ganzen viel an seinem Abstechenden und Abwechselnden gewinnt. Es ist eine herrliche, unvergleichliche Aussicht! – Und so ist die ganze Gegend um Schneeberg eine der schönsten, die man finden kann; ich übertreibe nichts, wer aufmerksam und genau die Gegend durchwandert hat, wird mir gewiß recht geben. Denn es ist nicht genug, flüchtig seinen Blick auf solche Gegenstände zu richten, man muß auch zugleich auf die Harmonie, den Contrast und die mannichfaltigen Abwechselungen selbst Rücksicht nehmen. – Doch wir wollen uns jetzt mit der Betrachtung einzelner Gegenstände einlassen.
1.
Der Kleesberg.
Hohe und ausgezeichnete Gegenstände fallen natürlich zuerst und vorzüglich in die Augen; dieß ist nun in der Gegend um Schneeberg mit dem hohen, von zwei alten, großen Tannen ausgezeichneten Kleesberg auch der Fall. Daher wollen wir ihn ersteigen und uns an der weiten vortrefflichen Aussicht laben. Du aber, der du kein Gebirger und also das Bergsteigen nicht gewohnt bist, sprich deinen Füssen Muth ein und verwahre dich mit einem langen und zollstarken Geduldsfaden; denn du wirst das Steigen ziemlich beschwerlich finden! –
Der nächste Weg von der Stadt aus führt den Bathsemberg hinab; es ist dieses der zwischen Morgen und Mittag liegende Theil des Schneeberges, an dessen Fuße eine Mühle, Bathsem-Mühle genannt, liegt, wovon der Berg diesen Namen erhielt. Zur Rechten des Weges hinab zieht sich ein hoher lebendiger Zaun, welcher zum Theil einen Grasgarten einschließt, worin man einige kleine Ruinen und einen verfallenen Thurm findet. Ueberhaupt hat man von hier eine sehr angenehme Aussicht in das vorliegende, enge Thal hinab, welches von einem Bache und einem Wege parallel durchschnitten wird; man sieht unter sich an der Seite des Berges hohe, klippenvolle Felsen, wo man von Angst und Schwindel überfallen wird, wenn man darauf steht und hinunter blickt. Gegenüber ragt der auf einer Seite mit Feldern, auf der andern mit Waldung bedeckte hohe Kleesberg auf, an dessen unterm Theile zwischen Bäumen versteckt ein Guth liegt, das Bergmeisterguth[47] genannt. Am obern Ausgange dieses Thales sieht man die letzten Häuser des Grundes, Neustädtel und das sogenannte Gebirge; an dem untern erblickt man einen Theil von Oberschlema und die darum liegenden waldigen und waldlosen Berge. In diesem Thale hatte ich das Glück, zum erstenmal den würdigen, verdienstvollen Herder aus Weimar anzutreffen, der durch den Tod nachher der Welt zu früh entrissen wurde.
Doch wir gehen nun wieder auf den Weg zurück und den Berg vollends hinab. Bei der Mühle kommen wir über den Bach und richten unsere Schritte auf den, am Ende des Waldes schräg ansteigenden Weg, welcher zu dem erwähnten Bergmeisterguthe führt. Buchen, Fichten und Kiefern in schöner Mischung, mit einzelnen bemooßten Felsenblöcken, vom Gesange der Vögel belebt, ergötzen zur Linken unser Auge; aber hinter uns wollen wir durchaus nicht sehen, bis wir uns auf der Spitze des Berges befinden. Und so sind wir jetzt an das Guth gekommen, welches wir aber rechts liegen und am Saume des Waldes auf dem grasigen Boden empor steigen. Hier sehen wir, so wie auch ein wenig weiter oben, einen Pfad durch den Wald, wo es sich äußerst angenehm wandelt; auch findet man hier am Saume der Waldung eine kühle Nische mit Rasensitzen, welche der Herr Bergcommissionsrath von Herder, als er sich noch als Bergassessor in Schneeberg befand, anlegen ließ, und Herders Ruhe genannt wird. Immer weiter steigen wir empor am Saume des Waldes und blicken hinein in das grüne Dunkel, wo hie und da graue Felsen, von Buchen grün umdüstert, aufragen. Jetzt zieht sich das Holz ein wenig quer vor und wird dünner; wir kommen hier an einen kleinen, schieferartigen Fels, an dessen Fuße eine kühle Quelle hervor rinnt, welches auf dieser Höhe des Berges sehr überrascht, denn wir haben schon eine schöne Strecke zurück gelegt. Neben uns, rechts auf der übrigen Seite des Gebirges dehnen sich Felder und Fluren herab, auf welchen der Schäfer mit seiner Heerde herumzieht.
Nun haben wir den Wald hinter uns und nicht mehr zur Seite, und vor uns sehen wir den übrigen, allmähliger aber noch weit genug ansteigenden Theil des Berges, auf dessen Spitze die zwei hohen Tannen aufragen. Der Boden ist nun nicht mehr gleich und begraßt, sondern mit kleinen Hügeln, Sträuchern und Gestrippen bedeckt, daß man dadurch gänzlich ermüdet wird, ehe man zum Ziele kommt. Die Waldung zieht sich unten in gerader Linie fort und vereinigt sich mit dem übrigen Forste, welcher dieses Gebirge auf der Morgenseite bedeckt. –
Jetzt endlich nach langem, ermüdenden Steigen sind wir oben; wir haben den kleinen Fels erreicht, unfern der beiden ernsten Tannen, wir ersteigen den Fels und sehen umher und hinab, und staunen und fühlen eine heilige Wollust, können keine Worte finden und spähen mit trunkenen Blicken umher. Welche Ueberraschung, welche Mischungen und Abwechselungen! – Schneeberg, wo wir uns erst so hoch dünkten und manche Aussichten hatten, liegt da unten vor unsern Füssen in einem Thale jetzt, rund und kesselförmig von Gebirgen eingeschlossen; silbern blitzen im Glanze der Abendsonne die Schieferdächer, kleiner ragen Thurm und Kirche über die Stadt und aus den Schornsteinen steigen hier und da weiße Rauchsäulen empor. Gärten schlingen sich um den Berg, Wege und Bäche durchschneiden sich und aus dem Grün der Bäume schimmern die rothen Dächer der Richterschen Gartengebäude daher. Ausgegossen zwischen Fluren und Aecker durch die Fläche des Thales liegt Neustädtel; Halden und Gebüsche bedecken einzeln die Gebirgsseiten und hinter dem Teiche dort, aus dem Eingange eines neuen Thales, blickt Lindenau daher. Waldige Berge erheben sich dahinter und bieten neue Aussichten, nach dem Voigtlande zu, dar. Sanft dehnt sich Griesbach herab mit seinen Fluren, Gärten und Teichen, und weiter unten flimmert der Spiegel des Herrnteiches;[48] höher herab dehnt sich der Keilberg mit Aeckern, Feldern und Wegen, und oben blinken durch die Lücken der Waldung ebenfalls mehrere Teiche herüber. Das Schießhaus mit seinen dichten Hopfengärten und der schattigen Lindenallee, das isolirte Gerichtswäldchen, die ganze mit Fluren bedeckte Fläche, die mit allerlei Wäldern und Felsen belebten Gebirge und kleine und größere Thäler stellen sich dem entzückten Auge auf die herrlichste Weise dar. – Mehr gegen Morgen sehen wir ganz Schlema durch das romantische Thal ausgebreitet, ein herrlicher Anblick! Dahinter stellen sich unsern Blicken alle die fernen Dörfer und Städte dar, welche man nur durch Hülfe eines Fernrohrs deutlicher erkennen kann. Und endlich gegen Morgen zu die unübersehbare Reihe theils kahler, theils waldiger, theils mit Häusern bedeckter Berge, die sich in den fernsten Horizont verlieren; vorzüglich nimmt sich das auf einer Berghöhe ausgegossene Bernsbach sehr schön aus, dahinter blickt im Nebelgrau der grabförmige Pöhlberg bei Annaberg majestätisch herüber. Man sieht Bockau und die ganze Gegend, dann näher vor sich Zschorlau und endlich gegen Mittag ragt über alle Gebirge hoch der Auersberg, welchen man überhaupt bei Schneeberg sehr gut wahrnehmen kann. Es läßt sich wahrhaftig nicht Alles mit der Feder aufzeichnen und schildern, was und wie man es sieht; man könnte wieder, so wie von den Aussichten auf dem Auersberge, ein besonderes Buch schreiben. Man sieht eine Strecke des Voigtlandes, einen großen Theil des Schönburgischen Landes und des übrigen obern Gebirges, nebst den böhmischen Gebirgen. –
Hier saß ich oft auf diesem Felsensitze, wenn die Sonne sank und durch einzelne schwarze Fichten mit dem Golde ihrer Strahlen mich scheidend beleuchtete, wenn der Abendglocken Feierschall aus den Thälern empor schwebte und Hesperus am Azur funkelte, – hier saß ich oft einsam und starrte mit trunkenen Blicken umher, hatte so viel zu hoffen und noch mehr zu wünschen; doch die Zeit lößte, was so fest gebunden schien, – die Ewigkeit der Menschen währt kaum Jahre lang. –
Aber es ist nicht genug, der entzückenden Aussicht zu erwähnen, welche man auf dem Kleesberge hat; auch den Berg selbst wollen wir untersuchen und es wird uns nicht an Ueberraschung und Genuß mangeln.
Gegen Schneeberg hin bildet sich weiter unten ein freier, von Wald auf drei Seiten umgebener, Platz, welchen kleine Gesträuche bedecken und wo sich eine alte, weitästige Buche erhebt, in deren Rinde mehrere Namens-Buchstaben eingeschnitten sind. Es ist sehr angenehm hier und vorzüglich in dem Dunkel des Tannenwaldes, welcher sich gegen Morgen zu schräg am Gebirge hinab dehnt; hier fand ich mehrere von Steinen zusammen gebaute Sitze, mit Moose bedeckt, vermuthlich Asyle geheimer Liebe.
Hinter den zwei Tannen auf dem Scheitel des Berges, wo es jäh hinab geht, sieht man mehrere große, von Gebüschen beschattete Felsen, davon einer vorzüglich der Pandurenfels genannt wird. Im siebenjährigen Kriege nämlich lagen hier eine Zeit lang Panduren, welche die Stadt beängstigten. Auch erzählt der gemeine Mann, daß es in dieser Gegend, hauptsächlich bei den zwei Tannen nicht richtig wäre, daß man in der Mitternachtsstunde bisweilen ein Feuer habe brennen sehen, daß ein großer Schatz daselbst vergraben liege, welchen ein fürchterlicher Unhold bewache u. d. g. m. In den ältern Zeiten sollen Personen auf diesem Berge abhanden gekommen seyn, vorzüglich erzählt man von einem gewissen Beuthner, daß derselbe eines Tages auf den Kleesberg spatzieren gegangen, aber nicht wieder gekommen sei; die ganze Gegend sei ausgekundschaftet und untersucht, und in den alten Schächten gegraben worden, dennoch sei keine Spur von ihm zu entdecken gewesen. Die Geschichte ist wahr, kann aber auch aus den natürlichsten Gründen erklärt werden; denn jetzt noch giebt es an dem Berge herum viele tiefe Löcher, deren Rand sehr locker ist: – wie bald konnte nicht zu jener Zeit der erwähnte Beuthner, welcher ein Bergmann war, an ein solches Loch gekommen, mit dem lockern Rande hinab gestürzt und so verschüttet worden seyn?! –
Hinter dem Pandurenfels zieht sich ein Fahrweg durch den Wald, welcher nach Aue führt. Hier sind viele Sandgruben, welches in dem Grün der Gebüsche auf eine besondere Art auffällt; denn diese Sandgruben haben mehrere Eingänge und inwendig niedrige Pfeiler von dergleichen Sandsteinen, daß sie den Leichengrotten der Vorzeit nicht unähnlich sind.
Nun gehe man weiter oben über den Weg und in das dünne Gebüsch; man steigt über Felsenblöcke ein wenig hinab und plötzlich sieht man sich auf der schmalen Spitze eines hohen, schroffen und klippenvollen Felsen, vor welchem sich ein dunkles, tiefes Thal von hohen, dichten Tannen bedeckt, hinab dehnt. Weit hinunter sieht man die abgerollten, mit Moose sparsam bedeckten, Felsenmassen aus feuchten Gestrippen blinken; eine grause, bange Stille herrscht, die nur das monotonische Gemurmel des fernern Waldbachs unterbricht, – kein Vogel singt, kein Käfer summt hier, nur bläuliche Nattern rascheln durch das dürre Laub zwischen den tiefen Ritzen, nur der Fuchs und der Habicht verzehren hier in Ruhe ihren Raub und eine schauerliche Kälte herrscht ewig um dieses Felsengethürm. – Banger Schauer bebt durch die Glieder, starrende Angst hemmt auf Secunden des Blutes Lauf, wenn man sich so plötzlich auf der Spitze dieses Felsen und den schrecklichen Abgrund vor sich sieht; unwillkührlich beugt sich der Fuß zurück und die Hand greift gewaltsam nach den überhangenden Aesten der nahen Tanne. So starrt man hinab in das Thal des Todes und fühlt sich schon bei dem Gedanken; »wenn ich jetzt ausglitte!« – halb todt, sieht sich mit zerschmettertem Haupte unten zwischen den spitzigen Blöcken im Geiste schon liegen, wie das blutige Hirn umher gespritzt an den bemoosten Klippen klebt und eine blutige Bahn den schrecklichen Sturz bezeichnet.
Nun wollen wir zur Seite hinab steigen, aber, ob es hier herab gleich keine besondere Gefahr giebt, so nimm dich dennoch in Acht, da die Steine locker sind und die dürren Tannennadeln[49] den Boden sehr schlüpfrig machen. Unten klimmen wir über die zerstreuten Felsenblöcke und haben nun den hohen, zu beiden Seiten von alten Tannen und Buchen umgebenen, Fels vor uns, an welchem wir mehrere von der Natur gebildete, bequeme Sitze wahrnehmen.
Majestätisch und ernst hebt das schwärzliche Steingethürm an dem steilen Gebirge sich auf und ladet zu ernsten und heiligen Betrachtungen. Ueberhaupt, wenn man den Ossian recht mit Genuß lesen will, muß man ihn auf Wanderungen durch das obere Gebirge lesen. Da sieht man Kolma auf Felsen und Bergen nach ihrem Salgar rufen, und Fingal die Krieger sammeln, und Oskar an Kormalo den an Argon und Ruro begangenen Meuchelmord rächen. O! hier zwischen Bergen und Tannenwäldern, unfern des rauschenden Waldstroms auf einem Felsen sitzend Ossians Gedichte zu lesen, welch ein erhabener Genuß! –
Wenn man sich ganz unten im Grunde des Thales durch Fichtengebüsche gedrängt und über einen kleinen Bach gesetzt hat, kommt man plötzlich in eine kleine, begraßte Fläche, rund herum von waldigen Bergen eingeschlossen, in deren Hintergrunde eine Mühle, die Heßmühle genannt, liegt. Auch hier ist es sehr romantisch und sonderbar nimmt sich das Geräusche der Mühle und des Wassers aus. Von hier durch die minder dichte Waldung des Thales kommt man endlich nach Zschorlau,[50] welches zwischen zwei sanft abhängenden Gebirgen ausgebreitet liegt und unter die vorzüglichen Dörfer des obern Erzgebirges gezählt wird.
2.
Das Gerichtswäldchen und das Hammerholz.
Wenn man an das Schießhaus kommt, sieht man gegen Nord-Ost auf einer sanften, von Feldern eingeschlossenen, Anhöhe ein kleines Wäldchen, welches das Gerichtswäldchen heißt; ehedem war nämlich daneben der Gerichtsplatz und noch 1799. stand eine Radsäule da. Jetzt aber ist alles urbar gemacht, und man sollte überhaupt überall die Brandmale der Menschheit demoliren und alle Gerichtsplätze urbar machen, damit aus dem Boden, der Verbrecher-Blut trank, für die Menschheit wenigstens noch einiger Segen keime. Und soll ja ein Verbrecher hingerichtet werden, so wird sich gewiß noch ein Plätzchen finden. Aber daß man besondere, eingerichtete Plätze und schön gemauerte Galgen noch hat und darauf hält, dieß läßt schließen, daß man von den Menschen, also von sich selbst, Alles fürchtet und nichts hofft. So bauen sich die Menschen ihre eigenen Schandmäler! –
Doch von dieser kleinen Ausschweifung kommen wir wieder zurück und auf den Weg, welchen wir nach dem Gerichtswäldchen hin betreten haben, nämlich die Lindenallee vom Schießhause an. Es ist Schade, daß diese Allee so ungleich und bisweilen holpricht ist, daß sie nicht besser conservirt wird; sonst hat sie manches Angenehme. Zu Anfange hat man rechts die Hopfenplantagen, um welche sich der verstorbene Kaufmann Etler so verdient gemacht hat und wodurch dem Brauwesen in Schneeberg kein geringer Vortheil erwachsen ist. Weiter unten geht es sich, an einem schön gezogenen Fichtenzaune vorbei, äußerst angenehm durch den duftenden Hopfengarten. Ueberhaupt ist die Partie um das Schießhaus nicht übel und könnte bei einer gewählteren Anpflanzung der Lauben und mehrerer verschiedenartiger Bäume recht schön genannt werden.
Jetzt sind wir da, wo sich die Allee verliert und, links nach dem Keilberge zu, ein Fahrweg sich abbeugt, welcher über Langenbach nach Wildenfels hinführt. Wir aber gehen immer den geraden Weg fort, bis wir auf der Höhe sind und eine, hinten von Waldung eingeschlossene, mit Wiesen und Gebüschen zum Theil geschmückte, seichte Thalfläche vor uns haben. Rechts nicht weit von der Straße erhebt sich ein kleiner, aber zum Sitzen und Umsehen bequemer, Fels; auf diesen zu gehen wir, ersteigen ihn und blicken uns um und haben eine neue Ansicht der Gegend; obgleich zwar die Aussicht nicht weit ist, so ist sie doch immer schön genug und abwechselnd.
Vor uns gegen Mittag sehen wir Schneeberg ausgebreitet, hinter welchem der Rücken des nahen Gebirges hervorblickt und weiter hinten am Horizonte ragt aus der Mitte waldiger Berge in ungewissem Grünblau der Auersberg auf. Rechts hinter dem ausgebreiteten Keilberge blinkt die Griesbächer Kirche von der waldbekränzten Höhe herüber, hinter uns breitet sich die schon erwähnte Fläche bis an den aufsteigenden Wald hinab. Links aber nicht weit von uns sehen wir das Gerichtswäldchen, hinter welchem in größerer Entfernung der auf einer Seite waldige Kleesberg mit seinen zwei Tannen sich erhebt und dann als ein, mit Feldern und Häusern sich ausbildendes, minder steiles Gebirge sich hinabzieht und Schlema auf der Morgenseite einschließt. Gegen Morgen zu liegt das Hammerholz und hinter demselben dehnen sich allerlei Berge dahin, auf und an welchen man theils Wälder und Fluren, theils einzelne Häuser und Dörfer wahrnimmt, unter welchen letztern sich wiederum das hohe Bernsbach ausgezeichnet darstellt. Im Ganzen enthält diese Aussicht hier genug Angenehmes und Abwechselndes. Bei dem Felsen, auf welchem wir stehen, finden sich mehrere Vertiefungen und Halden ähnliche Hügel, woraus man sieht, daß hier in den ältern Zeiten eine Zeche gewesen seyn muß.
Nun steigen wir wieder herab und gehen auf einem sparsam betretenen Fußsteige auf das nahe Gerichtswäldchen zu, welches, wenn es auch kalten und gefühllosen Modeseelen gleichgültig scheinen mag, dennoch für den Freund der Natur viel Anziehendes hat. –
Es dehnt sich dieses Wäldchen auf dem höchsten Puncte der Anhöhe gegen Morgen hinab und ist rings herum von Aeckern und Feldern umgeben. Oben ist der Boden felsig und man hat eine angenehme Aussicht daselbst: der übrige Boden ist zum Theil begraßt und mit Blumen und Beersträuchern bewachsen. Die Bäume auf der obern Seite sind hohe Kiefern und alte Buchen, in welchen letztern man viele Namen und Buchstaben eingeschnitten findet; auf der untern Seite breitet sich eine Anpflanzung junger Kiefern aus und fast in der Mitte erblickt man schattige Buchengebüsche, worin man Lauben mit Moosbänken antrifft. Dieses Gerichtswäldchen hat sehr viel Romantisches, und Liebende haben gewiß oft hier gewandelt und geweilt, wenigstens lassen dieses manche eingeschnittene Namensbuchstaben und die Beschaffenheit dieses Haines vermuthen. Uebrigens hat man eine herrliche, freie Aussicht hier und daher einen doppelten Genuß.
Nun gehen wir von da den breiten, begraßten Weg hinab bis an das vorliegende Guth und dann hinter dasselbe an dem lebendigen Zaune fort gegen das Hammerholz zu. Dieses Hammerholz ist ein in ein kleines Thal hinab- und auf der andern, hohen Seite wieder hinauf sich ziehender, Wald, von Fichten, Kiefern, Tannen und Buchen. Doch wir sind jetzt am Ende des erwähnten Zaunes, wo der Weg bergab geht und bald stehen wir vor dem Walde. –
Man betrete den Weg, welcher durch Fichten gerade hinab führt. Zur rechten Seite zieht sich parallel mit dem Wege eine kleine, grüne, von Gewässern durchschnittene und von den, auf beiden Seiten ragenden Bäumen, umdunkelte Schlucht hinab, an deren Ausgang links ein klarer frischer Quell zwischen den Gesträuchern hervor quillt und die Wiese tränkt, auf welche wir jetzt gekommen sind. Es ist ein überraschender Anblick, wenn man den kurzen Weg durch den Wald herab gegangen ist und nun auf einmal auf einer langen, beblumten Wiese sich sieht, welche ein von Hasel- und Erlensträuchern beschatteter Bach murmelnd durchfließt. Links oben ist diese Wiese in einem Oval von Waldung umgeben, hinter welcher sich ein röthlicher, steiler Berg aufhebt, dessen Scheitel ein dunkler Forst krönt; aus dem dunklen Grün der fernen Gebüsche schlängelt sich der Bach herab und belebt durch sein sanftes Murmeln, so wie die aus dem Walde tönenden Gesänge der Vögel, das einsame, freundliche Thal. Uns gegenüber hat sich die Waldung getheilt; eine grünende Anhöhe erhebt sich mahlerisch, auf welcher oben zwei schlanke, hohe Tannen ein schönes Thor bilden. Wo diese Anhöhe beginnt, vor uns rechts, ragt ein hoher bemooßter Fels, von hohen Fichten und Tannen zur Seite umgeben und auch auf seiner Höhe, (denn er ist mit dem dahinter steil aufsteigenden Gebirge verbunden,) breitet sich ein dunkler Wald aus und zieht sich so durch das Thal hinab. Rechts hinunter sehen wir den Ausgang des Thales und der Wiese, wo sich uns ein Theil von Schlema und das drüben mit Güthern und Fluren geschmückte Gebirge darstellt, auf dessen Rücken sich ein schwarzer Wald ausbreitet. O! gefühlvoller Leser, könntest du doch nur selbst dieses erfreulichen Anblicks genießen, was würdest du empfinden, welche Wonne würde deine Brust durchzittern! Die Sprache ist dazu zu arm! –
Nun gehen wir über den Bach und am Saume des Waldes linker Hand die Anhöhe hinan. Auf dieser Seite finden wir oben wiederum, im Gebüschen versteckt, eine kühle Quelle; jetzt wenden wir uns rechts und zwischen zwei vorragenden Waldspitzen, vor welchen die erwähnten beiden Tannen ein Thor bilden, und kommen nun erst auf den breiten Rücken der Anhöhe, wo wir wieder einen angenehmen Anblick haben. Wir sehen hier nämlich einen großen Theil des Schönburgischen Landes, einzelne Häuser und Dörfer, Fluren und Wälder, Berge und Thäler; vorzüglich nimmt sich das auf einer Höhe liegende Lösnitzer Schießhaus sehr schön aus. Wenn wir uns nach Mittag umkehren, sehen wir Schneeberg und einen Theil seiner Gegend, den Kleesberg und gegen Abend hin den hochliegenden Gerichtswald; vor uns breitet sich das Hammerholz in dem Thale aus und der ganze Anblick, den man durch das Thor der Waldung hat, ist ein lebendiges Panorama der Natur.
Wir treten den Rückweg an, wenden uns aber links auf die von allerlei jungen Buchen und Buchengebüschen beschattete Fläche des Berges, welchen wir zuerst im Thale uns gegenüber hatten und aus dessen waldigem Fuße jener Fels ragt.
Hier durch diese Buchengänge wandelt man äußerst angenehm; es scheint hier beinahe, als hätte die Kunst diese schlanken Buchen so angepflanzt und diese Gänge gebildet, lächelte nicht aus Allem die schöpferische Kraft und unnachahmliche Einfachheit der Natur hervor. Von sich selbst beugen und verweben sich junge Buchen zu schattigen Lauben und unverhofft ladet ein bemooßter Stein zur Ruhe; Vögel singen zärtliche Melodien aus versteckenden Grün und Schmetterlinge spielen über nickende Halme. Hier sieht man die Liebe verschlungen weilen, hier sie Blumen pflücken und Kränze in den Tempellauben aufhängen, zur Erinnerung einstiger Seligkeiten. Und wann der Mond sein Zauberlicht über die Gefilde gießt und die Schöpfung ruht, und sehnsuchtsvoll die Brust sich hebt – – Mir fielen Hölty's Worte ein:
Geuß, lieber Mond, geuß deine Silberflimmer
Durch dieses Buchengrün,
Wo Phantasei'n und Traumgestalten immer
Vor mir vorüber fliehn!
Enthülle dich, daß ich die Stätte finde,
Wo oft mein Mädchen saß,
Und oft, im Wehn des Buchbaums und der Linde,
Der goldnen Stadt vergaß! – –
Seitwärts drüben führt durch den Wald ein Weg hinunter nach Schlema, wo man beim Ausgange des Waldes auf dem Berge plötzlich durch den schönen Anblick des durch das Thal ausgebreiteten Dorfes überrascht wird. Der Weg durch Schlema nach der Stadt ist dann sehr angenehm und durch manche Abwechselungen unterhaltend.
3.
Die Eisenburg bei Willbach.
Der Weg von Schneeberg bis Willbach, einem schönen Dorfe, ungefähr eine starke Stunde von der Stadt gegen Mitternacht zu, hat allerlei Angenehmes. Man geht nämlich bei dem Schießhause vorbei jener Anhöhe zu, die wir schon betraten, wo der kleine Fels ragt und nicht weit davon das Gerichtswäldchen liegt; ein breiter Fahrweg führt uns ziemlich eben dann eine Strecke bis an die Gebüsche des Waldes fort. Hier wenden wir uns rechts auf den Pfad, welcher sich drüben am Saume des Waldes als breiterer Weg die Anhöhe hinan zieht. Das Gerichtswäldchen, das Hammerholz und die ganze Gegend gewinnt eine neue, auffallende Ansicht; vorzüglich schön nimmt sich der Anblick des, zwischen dem Fels und dem Gerichtswäldchen, hinter der Höhe hervor blinkenden Kirchthurms, so wie des daneben hoch ragenden, fast überall sichtbaren Kleesberges aus.
So gehen wir weiter und kommen auf die Willbächer Felder, welche sich freundlich über das breite Gebirge ausbreiten. Hier haben wir nun wieder eine herrliche Aussicht; Schlösser sehen wir auf Bergen ragen, worunter vorzüglich das Hartensteiner Schloß mit seinem umgebenden Buchenhain sich mahlerisch auszeichnet, – die Berge werden kleiner, wenige Wälder sehen wir, aber desto mehr fruchtbare Gefilde, und wo wir Wälder erblicken, bestehen sie meist aus Laubholz. So breitet sich an einem Gebirge der große Buchenwald hinab, in welchem man die Prinzenhöhle antrifft. Kurz, hier sehen wir das Fruchtbare, Gefällige und Freundliche des Erzgebirges beginnen; es fängt ein ganz neuer Styl der Gegend an, das heißt aber, jenseits der Mulde, welche hinter Willbach in dem tiefen Thale herab nach dem Schlosse Stein zu fließt. So finden wir in der Gegend um Willbach viel Interessantes. –
Um nun die Eisenburg zu finden, gehen wir nach der Kirche zu, also an das Ende des in einem seichten Thale herab sich ziehenden Dorfes, wo sich dann eine wilde Schlucht hinab dehnt und in den schwärzlichen Forst verliert. Willbach ist ein hübsches, schönes Dorf, wohin man aus Schneeberg vorzüglich zur Zeit, wenn die Kirschen reif sind, häufig wallfahrtet und auch außerdem hier eine Milch einnimmt. Was mir auffiel, weil ich es noch nie sah, war der Glockenstuhl; denn da kein Thurm auf der Kirche ist, (er müßte vor Kurzem darauf gebaut worden seyn) hängen die Glocken in einem besondern Schuppen neben der Kirche. Aber mir fiel blos ein, daß eine Kirche, welche Glocken besitzt, wenigstens einen zweckmäßigen Platz dazu, einen Thurm haben sollte, – wär er auch klein oder ein quid pro quo. Der Characterstuhl kam mir vor, wie ein neuer Dichter oder Schriftsteller; seine Werke haben vielleicht einen reinen und schönen Klang, – aber er kann sie nicht hoch genug hängen, um die literärischen pias fraudes zu läuten, daß der sehnsüchtig ausgestreckte Klingelbeutel von der Neugierde der selten kommenden Eingepfarrten und Filialdörfler desto schwerer werde. – Bei dem großen Pfarrhause und der kleinen Kirche gehen wir jetzt vorbei und bald sehen wir uns im Freien. Vor uns dehnt sich ein dunkler Wald aus und ein dahin führender Weg zieht sich am Rande der erwähnten, wilden Schlucht eine Strecke fort; dann kommen wir auf einem alten, rasigen Fahrweg, welcher hin zur nahen Eisenburg führt. Ein Schauer überfällt einen, wenn man in das schweigende Dämmergrün des Waldes tritt und unfern zwischen den Tannen und Fichten die Ruine der Burg und den dicken, verfallenen Thurm ragen sieht.
Diese Eisenburg war vor alten Zeiten ein Raubschloß und soll durch einen unterirrdischen, tiefen Gang, welcher sogar unter der Mulde weggehen soll, mit dem Schlosse Stein in Verbindung gestanden haben. Man hat aber noch keine Spuren dieses unterirrdischen Ganges entdecken können. Als der Kaiser Maximilian viele solcher Raubschlösser schleifen ließ, hatte auch die Eisenburg dieses Schicksal. Sie liegt auf einer Gebirgsecke an der Mulde, rings herum ist hoher Wald; aber man möchte fragen, ob dieser Wald auch sie in jenen alten Zeiten umgeben haben mag? – Ich glaube, nach der Beschaffenheit der Gegend und des Bodens, daß, wenn auch nicht dieser Wald sie umgeben hat, sie dennoch in einem dichten Walde versteckt gelegen habe, wie viel andre dieser Raubschlösser.
Man sieht noch den innern Hof, Pforten, Treppen und Hallen, so wie einen starken, nicht hohen Thurm, aber freilich zerstört und im Ruin. Aber diese Burg muß sehr fest gewesen seyn, welches man noch aus den traurigen Ueberresten wahrnehmen kann. Besondere Gefühle regen sich in der Brust, wenn man im trauernden Kreise dieser Ruine sich sieht, und wem Matthisons meisterhafte Elegie in den Ruinen einer alten Bergveste bekannt ist, erinnert sich hier gewiß lebhaft derselben. Doch, wenn es den Leser nicht belästigt, wage ich jetzt, ein Gedicht hier einzurücken, welches ich einst in den Ruinen der Eisenburg nieder schrieb.
Empfindungen in den Ruinen der Eisenburg.
Jahre schwinden, ewig durch die Räume
Wandeln Sonnen ihre alte Bahn;
Einmal währen nur der Menschen Träume,
Einmal dauert nur des Lebens Wahn.
An der Schande grausen Mälern nagt der Zahn der Zeit,
Aus des Ruhmes Diamant blitzt nur Vergänglichkeit. –
Banger Ernst umdunkelt dieß Gemäuer,
Einst ein fester Sitz der Tapferkeit
Wilder, raubbegier'ger Ungeheuer, –
Jetzt die Beute der allmächtgen Zeit;
Eulen wimmern hier um Mitternacht ihr Schauerlied,
Sturmwind beugt die Distel, die aus der Ruine blüht.
Wildes Moos grünt an den öden Wänden,
Wo mit ihrem Haus die Schnecke schleicht;
Frech Gestripp verstrickt mit seinen Enden
Jene Treppe, die dem Fuße weicht;
Aus dem feuchten Schutte schlüpft der Molche Brut hervor,
Hagedorn blüht aus des Fensters lockern Sims empor.
Auf des Thurmes tief gespaltner Mauer
Dehnet sich ein junger Fichtenwald; –
Dieß war sie, die einst geträumte Dauer,
Dieß der Thurm, der unzerstörbar galt,
Dieß der Trotz der oft Belagerten und ihre Macht; –
Und nun steht zerborsten er, bemooßt und unbewacht!
Manche Beute ward einst hier vergeudet,
Manches Wandrers Haabe hier verzehrt;
Manche Jungfrau, manches Weib erbeutet
Und beim üpp'gen Mahle frech entehrt;
Ketten rasselten und Seufzer stöhnten im Verließ,
Rieden bellten, wenn zur Jagd ihr Herr ins Hifthorn stieß.
Und ein frommer Pfaff vergab die Sünden
Jährlich für ein wohl besorgtes Mahl;
Wußte selbst den Himmel nicht zu finden,
Dessen Gnade Andre er empfahl, –
Kannte seines Klosters Weine und Gebete nur,
Fühlte glücklich sich bei seiner mästenden Tonsur. –
Oder wandelte im Grün der Tanne
Eine Jungfrau einsam durch das Moos,
Seufzte glühend nach dem schönen Manne,
Dessen Bild entzückend sie umfloß: –
Und nun trat er plötzlich kosend aus dem Busch zu ihr,
Bat um Liebe, und – bald standen sie verschlungen hier. –
Aber jetzt herrscht um die grausen Trümmer
Dumpfes Schweigen, ew'ge Dämmerung;
Geister wandeln in des Mondes Schimmer, –
Schwerdt und Lanze zischt in wildem Schwung',
Rosse stampfen vor dem halb verfallnen Bogenthor:
Wer ist da? – »Der Tod und sein Gefolge!« schallt's empor.
Und es spornt der Tod herein den Rappen,
Seine Schwester fliegt voran, die Zeit;
Ihn bedienen tausend bleiche Knappen,
Ihre Zofe heißt Vergänglichkeit.
Moder rieche ich und Blut erblick' ich überall,
Särge folgen, krachend hör' ich der Trophäen Fall.
So durchstürmen ewig sie die Erde,
Schrecken und Entsetzen ihre Bahn;
Nichtseyn zuckt aus jeglicher Geberde,
Alles wird Ruin, was sie nur sah'n.
Was des Menschen Hand gebaut, ist endlich doch sein Grab,
Dann ist alle Kunst vergebens und er sinkt hinab! –
Lehre du, begraßtes Burggemäuer,
Dieses Lebens Unbeständigkeit!
Alles, sey es uns auch noch so theuer,
Alles morden dennoch Tod und Zeit! –
Hänge nie an dieser Erden Güter je dein Herz,
Tobe in der Freude nicht, verzage nicht im Schmerz! –
4.
Ueber Stein zur Prinzenhöhle.
Weiter oben durch Willbach findet man den Weg nach Stein. An den Feldern schließt sich ein großer, dichter Wald, meistentheils aus Buchen bestehend, an, welcher der Steinische Wald in dasiger Gegend genannt wird und im Rufe der Spuckerei bei dem gemeinen Mann sonst stand und zum Theil noch steht. Man findet aber auch weit und breit keinen solchen Buchenwald; so viel ausgewachsnes Tannen- und hartes Holz, von solcher Menge und Stärke, giebt es wohl in Sachsen wenig. Es ist sehr kühl in diesem Walde, aber an einigen Stellen wiederum sehr schauerlich und heimlich. Man trifft ganze kleine Himbeerwälder darin an, deren Früchte von einem besondern stärkenden Geschmacke sind. Uebrigens aber ist es einsam, und wenn zwei Menschen einander begegnen, erschrecken sie gewiß anfänglich vor einander. An einigen Stellen soll sich zu gewissen Zeiten eine weiße, verschleierte Frau sehen lassen, welche ein großes Buch trägt und beständig in dem dürren Laube am Boden wühlt. – Sonst gab es auch viel Wild in diesem großen, dicken Walde, besonders Schweine, die sich sehr gut von der zahllosen Menge der Buchennüsse nähren konnten; jetzt aber hat sich dieß ganze Wild an die Tafeln der Großen verhandelt. Der Weg ist bei trockenem Wetter sehr gut, hingegen wenn es geregnet hat, ist fast kein Fortkommen, da der Boden lehmigt ist; vorzüglich wenn es bergab geht, kömmt man sehr übel an.
Aber übrigens ist es ein interessanter Spatziergang. Wenn man, wo sich der Weg bergab zieht und zu beiden Seiten junge Buchengebüsche ihn beschatten, eine Strecke hinab gewandert ist, hat man plötzlich einen überraschenden Anblick. Links gegenüber nämlich dehnt sich ein großer, schwarzer Tannenwald herab, an welchem man, ohne irgend etwas anderes zu erblicken, den obern Theil eines mit Schiefer gedeckten Thurmes wahrnimmt; man staunt auf die Erscheinung, sieht aber, je tiefer man hinab wandert, den Thurm immer höher und nach und nach das Schloß Stein zauberisch hervor wachsen. Man beugt jetzt noch einige Schritte um einem großen Stein herum, stellt sich dann auf den hohen Rand des Weges und hat nun einen romantischen Anblick, den keine Feder zu schildern vermag. Sich gegenüber nämlich erblickt man den hohen, schwarzen Tannenforst, welcher sich weit durch das Thal hinab zieht und mit dem lichten Grün junger Buchen hier und da angenehm absticht; schräg rechts hin ragt das hohe Schloß mit seinen Gebäuden dicht an der daher fließenden Mulde auf und spiegelt mit seinen vielen Fenstern sich auf der ruhigen Fläche des Stromes, welcher durch die begraßte Ebene des Thales still in seinem Bette hinabwogt. Auf dem jenseitigen Ufer der Mulde zieht sich eine lange, hohe Lindenallee von dem Schlosse an hinab gegen das Ende des Thales, welches sich hinten in einem waldigen Halbrund zu endigen scheint und in sein Dunkel die silbern strahlende Mulde aufnimmt. Bei dem Schlosse macht die Mulde einen ziemlichen Bogen, denn auch das Thal bricht sich schnell von Süd-Ost nach West, also fast ein rechter Winkel, daher stelle man sich den angenehmen Anblick des verfallenen, auf Felsenspitzen gebauten Schlosses vor, welches sich gerade an diesem Winkel der Mulde erhebt, daß man von demselben aus auf der einen Seite den kommenden, auf der andern den fortgehenden Fluß vor Augen hat! –
Hinter dem Schlosse, zwischen den beiden herab sich ziehenden Gebirgsseiten sieht man hinten aus einem Buchenhaine auf der Höhe des Berges das Schloß Hartenstein sich freundlich erheben, so wie auch gegenüber das Städtchen gleiches Namens an einem flachen Gebirge zwischen Fluren herab breitet. Im Ganzen ein herrlicher, äußerst romantischer Anblick! Dieses hat man auch gefunden und die Gegend um das Schloß Stein ist oft gezeichnet und in Kupfer gestochen worden; aber man hat nicht jedesmal die schönste Ansicht gewählt. Auf dem Schlosse Hartenstein fand ich in einem Saale ein Oelgemählde, wo die ganze Gegend um Stein und zwar von der schönsten Ansicht trefflich und meisterhaft vorgestellt und ganz natürlich abgebildet war; nach diesem Gemählde müssen Landschaftsmahler die Gegend copiren, wenn sie ganz interessant sich ausnehmen soll.
Doch wir gehen nun den Berg vollends hinab und in das Thal. Hier sehen wir in der Nähe des Schlosses einige Häuser, nämlich auf dem diesseitigen Ufer der Mulde und indem wir nach der überbauten Brücke gehen, ruft man uns aus dem nahen Hause zu: »erst à Person zwei Pfennige Brückenzoll zu entrichten.« – Dieser Zoll kann nur denen überflüssig scheinen, welche das Wohlthätige einer Brücke nicht einzusehen vermögend sind.
Jetzt sind wir im Innern des Schlosses und zwar eigentlich noch vor dem Thore; aber die Seite, wo wir uns jetzt befinden, ist mit Ställen, Scheunen und Schuppen angebaut. Ueber dem Thore sieht man die starken Räder, über welche sonst die Ketten der Zugbrücke herab rollten; auch der Burggraben ist noch sichtbar, den wildes Gesträuch und Schutt füllt, unter welchen Nattern und Kröten nisten. Das übrige Aeußere des Schlosses ist ein Beweiß, daß es schon sehr alt sei; denn der Styl des Baues grenzt an das Gothische und aus den vielen und mannichfachen Fenstern erkennt man den kindischen Geschmack jener Zeiten, so wie man auch wahrnehmen kann, daß später manches dazu gebaut und verbessert worden sei. Aber der innere Hof des Schlosses erweckt Grauen und Furcht, wenn man um sich und über sich blickt, wie auf hochragenden Felsenspitzen man die Seitengebäude aufgeführt hat, welche dem augenblicklichen Einsturze drohen und mit Gestrippe und Sträuchern bewachsen sind. Vorzüglich der alte Thurm, welcher einst zur Warte gedient haben mag, füllt durch sein auffallendes Ansehen mit Schauergefühlen die Brust des Wanderers, der mit der nächsten Minute den Zusammensturz desselben fürchtet. Doch wie die Alten mauerten, können die Neuern, ungeachtet ihrer gerühmten Maurerei, nicht mauern; je länger es steht, desto fester wird es. – z. B. die Häuser hinter den Mönchen in Bautzen.
In diesem Hofe selbst herrscht ein zweifelhaftes Dunkel, die hohen Wände der Gebäude, welche sich in einem Viereck mit einander verbinden, sehen schwarz und wie verräuchert aus. Unten herum erblickt man viele Thüren und Pforten, und vorzüglich durch die, welche dem Thorwege gegenüber sind, gelangt man in mehrere verfallne Hallen und Gemächer, deren ehemaliger Zweck mir öfters unerklärbar war; z. B. das niedrige, von einigen Pfeilern unterstützte Gewölbe, in welchem sich ein nicht tiefes viereckiges Bassin befindet, in dessen Mitte ein rundes, tiefes Loch hinab geht, unter welchem man Wasser brausen hört. Sollte dieß vielleicht ehedem ein Bad gewesen seyn? – Aber man ließt nirgends, daß die alten Bewohner solcher Schlösser viel aufs Baden gehalten oder gar eigene Bäder angelegt hätten. –
Jetzt wohnt in dem vordern Theile des Schlosses ein Pachter oder vielmehr Verwalter; denn es ist eine ansehnliche Wirthschaft dabei. Fast die meisten Gemächer, Kammern und Böden sind nicht mehr zu bewohnen und zu gebrauchen; sie sind die Residenzen einheimischer Fledermäuse. Auch geht in der Gegend unter den gemeinen Leuten das Gerücht, daß es nicht geheuer im Schlosse sei, daß sich ein Mönch sehen lasse u. dergl.
Doch wir gehen jetzt hinter dem Schlosse durch Erlengebüsche auf einem schmalen Pfade fort, kommen über einen Graben und dann in das Thal, wo uns die Mulde entgegen fließt. In dieser Richtung sehen wir rechts den großen Steinischen Wald bis gegen das Ufer der Mulde sich herab dehnen; links auf der höhern Gebirgsseite aber zieht sich ein dünnes Gehölz fort, welches jedoch bald weiter hinten in einen großen Buchenwald sich verwandelt, in dessen Dunkel die Prinzenhöhle liegt. So verfolgen wir links unsern Pfad, welcher sich durch Wiesen schlängelt, daß uns die Mulde zur Rechten bleibt. Erst kommen wir bei einem Kalkofen, sodann weiter oben bei einer Mühle vorbei und hinter derselben nimmt uns das schattige Dunkel des Waldes auf. Hart an der Mulde windet sich oft unser Pfad dahin und das Thal wird jetzt so eng, daß nur eben die Mulde bequem hindurch fließen kann. Links zur Seite steigt das hohe, steile, mit Felsenblöcken bedeckte Gebirge auf, welches ein finstrer Buchenwald beschattet und sehr mühsam zu ersteigen ist. Man fühlt einen besondern Schauer, wenn man durch das waldige Dunkel über die bemooßten Felsentrümmer die steile Höhe hinan blickt und sich des jungen Prinzen erinnert, welcher einst, wo gewiß Alles noch wilder war, hieher und noch dazu hinauf in die Höhle geführt wurde. Doch wir sehen jetzt einen guten Weg im Zickzack an den Berg hinauf angelegt. Der vor mehrern Jahren verstorbene Fürst von Schönburg hat sich sehr rühmlich durch die Anlegung eines bequemen Wegs zur Prinzenhöhle um dieselbe verdient gemacht. Denn es würde äußerst mühsam und gefährlich seyn, wenn man über Felsen und Gestrippe den steilen Berg empor steigen sollte. Aber damit der Wanderer diesen Beschwerlichkeiten nicht ausgesetzt seyn möge, zieht sich ein bequemer Weg im Zickzack bis zur Höhle empor.
Der Eingang dieser Höhle ist ziemlich eine Mannslänge hoch und ungefähr zwei Ellen breit, aber je weiter man hinter kommt, desto enger und niedriger wird sie, daß man endlich nicht weiter kann.[51] Man sieht übrigens, daß sie nicht von Natur so entstanden, sondern durch Menschen weiter ausgebildet worden sei; es war vielleicht eine enge Schlucht vorher, welche irgend Jemand zu einem besondern Behufe erweitern und bequemer machen ließ. Sie geht eine ziemliche Strecke in den Fels hinein und am Eingange ist eine Tafel befestigt, worauf die Geschichte des Prinzenraubes geschrieben steht,[52] aber jetzt schwer zu lesen ist; auch das Schönburgische Wappen ist am Eingange angemahlt. Uebrigens aussen vor der Höhle ist es sehr angenehm und unterhaltend; angenehm durch die Gegend selbst, allerlei Holz umschattet den Fels der Höhle und nahe dabei rinnt eine labende Quelle herab, Vögel singen, und aus dem Thale herauf dringt das Rauschen der Mulde, so wie gegenüber das waldige Gebirge sich mit hervorragenden Felsen hinab zieht und durch das Dunkel der Tannen die Ruinen der Eisenburg hervor schimmern; – unterhaltend durch die unzähligen Namen, welche an den Fels um die Höhle gemahlt und in die Rinde der Bäume geschnitten sind. Aus den fernsten Gegenden findet man Viele. Hohe und Niedrige stehen hier ohne Rang neben einander und was das beste ist, Niemand hat besondere Gedanken oder Verschen darzu geschrieben, wie es oft mit dergleichen Merkwürdigkeiten[53] der Fall ist, wo mancher Mißbrauch mit dieser Art, sich zu verewigen, getrieben wird. –
Dieß, lieber Leser, war die Wanderung über Stein zur Prinzenhöhle; möchte sie dir so gefallen haben, wie ich es wünsche. Doch wenn wir wieder bis Stein zurück gekehrt sind, wollen wir einen kurzen Spatziergang nach dem Schlosse Hartenstein machen.
Man sieht zwar hinter dem Schlosse einen ziemlichen Fahrweg nach Hartenstein zu führen, aber dieser führt nicht auf das Schloß, sondern in das Städtchen. Durch die Wiesen am Schloßberge erblicken wir einen Pfad, diesen wollen wir auch betreten, denn er führt zum Ziele. Der Weg ist sehr angenehm, aber doppelt angenehmer und romantischer wird er, wenn man auf die Höhe gekommen ist und durch den dämmernden Buchenhain nach dem Schlosse zugeht. Mit ihren Aesten verweben sich die hohen Buchen und wirken ein magisches Dunkel; hier und da ragt ein Felsenblock hervor an einem Busche und rechts oben blinkt die weiße Mauer des Schlosses hinter den weißstämmigen Buchen herab. Links durch die Lücken einzelner Kiefern, welche am schroffen, felsigen Abhange des Berges ragen, sieht man die Stadt Hartenstein auf der breiten Fläche des Berges herab ausgebreitet, welches zusammen den interessantesten Anblick gewährt. So kommt man endlich auf diesem Pfade an den breiten Fahrweg, welcher sich von der Stadt auf den Berg und an das Schloß zieht.
Vor dem Thore des Schlosses ist eine starke, steinerne Brücke, welche über den breiten Graben führt, welcher jetzt aber ausgetrocknet, begraßt und mit allerlei Gebüschen bewachsen ist. Ueber das Schloß selbst kann ich wenig oder gar nichts sagen; es ist ziemlich groß, in gutem Zustande und wird ganz bewohnt. Aber daß man von allen Seiten die vortrefflichste Aussicht auf alle die schon erwähnten Gegenstände habe, läßt sich denken. Vorzüglich die Aussicht auf das Muldenthal, worin sich das Schloß Stein so mahlerisch zwischen den dunklen Waldungen erhebt, ist eine der schönsten. Auf der Seite gegen Morgen und Mittag zieht sich ein terrassenförmig angelegter, freundlicher Garten an dem Berge hinab und erhöht das Angenehme dieser Gegend und des Schlosses. Auf der Seite vor dem Thore sieht man noch einige schöne Häuser auf dem Rücken des ansteigenden Berges und alte Linden verbreiten ihren erquickenden Schatten. –
Nun richten wir unsern Weg wieder zurück nach Schneeberg, wo uns Alles noch einmal in die Augen fällt und uns mit den freudigsten Gefühlen erfüllt.
5.
Ueber Schnorrensguth und Auerhammerwerk nach Celle.
Wer sich einige Zeit in Schneeberg aufhält, wird gewiß auch von dem Schnorrensguthe hören, welches vorzüglich Sonntags von den Schneebergern häufig besucht wird. Wir wollen daher jetzt auch einen Spatziergang dahin machen.
Man geht von Schneeberg den sogenannten Stangenberg hinab; man nennt so den Weg, welcher an den Berg herab nach Schlema führt und unten zu beiden Seiten mit Stangen versehen ist, um sich fest zu halten.[54] Wenn man unten ist, geht man rechts den Fahrweg fort, welcher über eine Brücke führt und mit einem andern quer nach Schlema sich ziehenden vereinigt. Ueber diesen geht man gerade weg und auf den Pfad, welcher sich eine Strecke lang an einem lebendigen Zaune fortzieht. Man kommt sodann auf einen andern ebnen Weg, welcher sich oben um den Berg herum zieht; auf diesem geht man eine kleine Strecke weiter und betritt einen neuen, welcher nicht weit von dem Beuthnerischen Hause bergan an der Spitze des Waldes vorbei beugt und sodann ungehindert die übrige ziemliche Strecke weit nach dem Guthe führt.[55] – In dem Walde, dessen ich erwähnte, ist es sehr romantisch; Fichten, Tannen und Buchen in schöner Mischung wirken ein liebliches Dunkel, wo bemooßte Felsentrümmer zur Ruhe und zum Denken einladen, wo verstohlener Vögel leiser Gesang daher schwebt und aus dem Thale das Geräusch des Tages dringt. Wie oft habe ich hier auf den weich bemooßten Felsenruinen gesessen unter der alten Buche, welche ihre dicht belaubten Arme über mich breitete und unter ihrem Dämmergrün mich aufnahm! Wie oft in dieser glücklichen Einsamkeit sank der Friede des Himmels in das aufruhrvolle Herz, wie oft that hier vor meinem Geiste eine glückliche Zukunft sich auf und goß Entzücken in die jugendliche Brust! Doch die Jahre schwanden, der Traum zerrann. –
Wir befolgen jetzt den begonnenen Weg und haben auf der Höhe, nicht fern von dem Walde, den herrlichsten Anblick von dem oft erwähnten Schlema und der ganzen übrigen Gegend, welche man aus den vorigen Schilderungen noch kennen wird. Ich versichere im Voraus jeden Fremden, daß er hier einer Aussicht genießen wird, die über alle Beschreibung ist; diese Lage, diese Mannichfaltigkeit, dieser hohe Reitz, – – o! Ihr, die ihr des obern Erzgebirges spottet, kommt hierher und seht und fühlt, und – ihr ändert gewiß euer Urtheil. –
Hart an dem Wege weiter oben zieht sich nun eine Strecke weit ein Fichtenwald fort, bei dessen Ende der Weg merklich ansteigt. Wenn man endlich gegen und auf die Höhe gekommen ist, sieht man hinter einer Reihe hoher Linden das Schnorrensguth mit seinem großen Garten liegen und Felder und Aecker, von Waldung eingeschlossen, breiten sich um dasselbe aus. Dieses Guth gehört jetzt dem Herrn Lagerfactor Schnorr in Schneeberg, welcher es sehr verbessert, geschmackvoller verändert und ein ziemlich grosses Tanz- und Gesellschaftshaus daran gebaut hat, welches der Funkenburg in Leipzig fast ähnlich ist.
Das mehrste Vergnügen gewährt der große Garten, worin allerlei Lauben und Parthien angelegt sind, welche, da sie nicht das Ansehen des Gekünstelten haben, mehr interessiren, als manche gewöhnliche Spielereien in solchen Gärten.
Die äußere Gegend, vorzüglich gegen das Thal hinab, ist sehr schön; auf der flach sich herab senkenden Gebirgsseite, wo wir uns nämlich jetzt am Ende der Gartenmauer befinden, ist Alles größtentheils Feld und Acker. Aber uns gegenüber zieht sich ein hohes, waldiges Gebirge quer herab und so bildet sich unten ein Thal, in welches wir nun gehen wollen.
Der Weg senkt sich am Saume des Waldes links hinab. Unten müssen wir über Felsenblöcke klettern und über einen Bach setzen, dann sehen wir uns in einer ziemlich langen Thalwiese, welche auf beiden Seiten von dicker Waldung eingeschlossen ist. Es ist hier beständig sehr kühl und still, nur das monotonische Murmeln des Wiesenbachs, welchen Erlen- und Haselgebüsche umgrünen, giebt diesem Thale einiges Leben. So geht man eine Strecke fort, bis der Wald rechts sich plötzlich abbricht und einer Menge Aecker und Felder Platz macht, welche sich über eine hügelförmige Fläche bis herab an den Bach ausbreiten; links zieht sich immer höher der Forst fort und ganz oben sieht man hohe, alte Tannen stolz darüber ragen. An dem waldleeren Fuße dieses Gebirges liegt das herrschaftliche Gebäude des Auerhammers, welches freundlich herauf schimmert. Nach und nach werden mehrere Häuser dabei sichtbar, Rauchsäulen sieht man jetzt empor steigen, immer deutlicher und lauter wird das Getöse des Hammers und des Wassers. Weiter hinten sehen wir Gefilde, Häuser und Wald, dort liegt das Städtchen Aue. So kommen wir endlich nach und nach auf das Hammerwerk, welches am Fuße eines Gebirges hart an dem Schwarzwasser liegt. Dieses fließt aus einem finstern, waldigen Thale hervor, ist aber weit größer, als bei Johanngeorgenstadt, indem mehrere Bäche es verstärkt haben.
Die Gegend um Auerhammer hat mir recht sehr gefallen, vorzüglich der Wald und der Berg mit den bebuschten Felsen hinter dem Herrnhause und hier die herrliche Aussicht auf die lebhafte Thalebene. Es ist so friedlich, so ruhig hier, man findet ein Asyl gegen das Geräusche der übrigen Welt. An das Herrnhaus stößt ein großer Fischteich, auf dessen baumbepflanzten, breiten Grasufer man einen herrlichen Spatziergang hat. Ich habe hier sehr vergnügte, frohe Tage verlebt, unter Freunden die flüchtigen Freuden des Lebens sorglos genossen. – Klein war deine Hütte zwar, seliger E., und du selbst arm, aber unsere Freuden waren groß, und wir sehr reich, denn wir waren zufrieden! –
Von der Schullehrer-Wohnung aus führt ein kleiner Pfad hinauf an den Saum des Waldes, wo in einem schattigen Halbrund ein kleiner Tisch nebst einigen Bänken angebracht ist. Von hier aus hat man eine herrliche Aussicht über die ganze Thalgegend, so wie der Ort an und für sich sehr angenehm ist.
Jetzt gehen wir von Auerhammer durch das weite Thal hinunter nach Aue zu, welches der Länge nach vor uns ausgebreitet liegt und wo ein neues, großes Thal sich herab dehnt. Aue und Celle müssen dem Fremden als ein Ganzes beinahe vorkommen, denn beide trennt nur die Mulde von einander, in welche sich hier das Schwarzwasser ergießt, daß durch den Zusammenfluß dieser zwei in dem obern Gebirge merkwürdigen Gewässer diese Gegend auf solche Art interessanter wird. Aue ist ein kleines Städtchen, welches aber durch die unferne Porcellanerdenzeche[56] jedem Sachsen bekannt seyn wird; von seiner übrigen Lage ist nichts besonders zu erwähnen. Das auf dem jenseitigen Ufer der Mulde ausgebreitete Celle aber ist durch seine Lage vorzüglicher. Doch wir wollen über die steinerne Brücke selbst hinüber gehen.
Am obern Ende des Dorfes gegen das Ritterguth zu zieht sich gegen Abend eine große, begraßte Ebene hinab, welche auf der einen Seite von der Mulde und dem hart daran aufsteigenden hohen Gebirge, dessen obern Theil dunkler Wald bekrönt, – auf der andern Seite von einem flachen, mit einzelner Waldung bedeckten Gebirge umgeben ist, und hinten zieht sich in einem Halbrund ein schwarzer Forst herum, welches einen ungemein schönen Anblick gewährt. Aber weit romantischer wird dieser Anblick durch die Kirche, welche weit entfernt von Celle, ganz allein mitten auf dieser Wiesenfläche steht und auf den ersten Anblick wie ein kleines Kloster in die Augen fällt. Es ist eine herrliche Aussicht, welche sehr lebhaft an die Ritterzeiten und Klostergegenden erinnert.
Die entfernte Lage dieser Kirche hat folgendes Mährchen zur Folge gehabt: Ehedem stand daselbst eine Kirche, welche zu dem ehemaligen Kloster Neucelle, an dessen Stelle jetzt das Ritterguth steht, gehörte. Da nach der Reformation dieses Kloster, nach dem Schicksale mehrerer anderer, aufgehoben wurde, so demolirte man jene Kirche und wollte sie nahe bei dem Dorfe zum Gebrauche für den protestantischen Gottesdienst wieder aufbauen. Aber, o, welch' Wunder! Nicht nur was man aufgebaut hatte, war jede Nacht wieder zerstört, sondern Alles lag wieder an dem alten Orte, wo die Kirche gestanden hatte. Da man nun eine vergebliche Arbeit sah, so baute man die Kirche wieder da auf, wo man sie vorher erst nieder gerissen hatte, und – es fiel keine Neckerei wieder vor, der Bau ward vollendet. So steht heutiges Tages noch die Kirche auf ihrem alten Platze. –
Dieses Mährchen wird mit vielen Variationen in dortiger Gegend erzählt und oft das Ritterguth mit der Kirche verwechselt.
Der Spatziergang durch diese Thalebene ist äußerst ergötzend und wenn man vorzüglich dann den Weg nach Unter-Schlema wandelt, wird man von den schönsten Abwechselungen und Vorstellungen der Natur entzückt; man wird es nicht bereuen, diesen Weg gegangen zu seyn, denn auch Unter-Schlema liegt sehr interessant. Anmuthige Wäldchen wechseln auf den grünen Höhen zur einen Seite, so wie fruchtbare Gefilde sich auf der andern Seite des Thales verbreiten, in welchem die Häuser und Güter zwischen Obstbäumen versteckt liegen.
Wer dann etwa einigen Durst empfindet, der kehre bei dem Steinmüller (so heißt der Eigenthümer einer häufig besuchten Schenke,) ein und labe sich durch einen Trunk Kirchberger-Weißbier, welches man hier vortrefflich erhält.
6.
Uebrige Gegend um Schneeberg.
Hinter dem Gebirge bei Neustädtel liegt der an und für sich und wegen der dabei angelegten Torfstecherei wohl bekannte Filzteich.
Sein Name zeigt schon an, daß es in seiner Gegend sehr moorig und filzig sey, und außer dem Teiche erblickt man nichts weiter, als Wald. Aber man hat eine volle Stunde nöthig, ehe man den Teich umgeht, daher kann man sich die große Fläche Wasser vorstellen. Er existirt schon seit dem funfzehnten Jahrhunderte, wo er, da der Schneeberger Bergbau sehr empor gekommen war, zum Treiben der Räder, welche die unterirdischen Wasserkünste in Bewegung setzen, angelegt wurde, wozu er auch noch gebraucht wird. Daher steht er unter bergamtlicher Jurisdiktion, wird zu gewissen Zeiten gefischt und man hat unter andern vor mehrern Jahren sehr große Hechte gefangen. – Bei dem Kanale, durch welchen das Wasser in ein nahes Haus, worin es sich auf die Zechen vertheilt, geleitet wird, steht ein Stein, in welchem man »Dammbruch« eingehauen ließt; dieß ist zur Erinnerung an den 4ten Februar 1783, wo das Wasser den fehlerhaft gewordenen Damm an dieser Stelle durchbrach und das Dorf Zschorlau überschwemmte, wo es mehrere Häuser fortführte, viele sehr beschädigte und einriß, daß 18 Menschen umkamen, und so drang es bis Auerhammer.
Neben dem Filzteiche findet man die große Torfstecherei, welche aber erst seit 1789. vorzüglich in Gang gekommen ist und jetzt gute Dienste leistet. –
Seitwärts bei Neustädtel öffnet sich ein großes Thal, worin man vornen einen ziemlichen Teich erblickt. Durch dieses Thal gelangt man auf einem sehr angenehmen Wege nach Lindenau, einem Dorfe, welches sich ebenfalls in einem seichten, flachen Thale sehr schön ausbreitet und durch seine abwechselnde Umgebungen für den Freund der Natur gewiß viel Reitz hat.
Auf der Poststraße[57] von Schneeberg nach Zwickau kommt man von Griesbach aus erstlich nach und durch Weißbach. Dieses Weißbach ist ein schönes, großes Dorf von einer vortrefflichen Lage, vorzüglich die Gegend bei der Kirche ist so romantisch, so einladend, daß man mit Mühe sich davon trennt. Ich würde mich, so wie über die nachfolgenden Gegenden, gern weiter verbreiten; aber für mich endigt sich hier das obere Erzgebirge. Die Berge werden kleiner, die Wälder seltener und von hier an erblickt man meistentheils Aecker und Felder, kurz, hier ist der Abfall des Wildromantischen und der Anfang des Fruchtbaren und ganz Gefälligen. Man übersieht hier die Gegend um Zwickau, dessen Thurm man auf der Höhe gegen Abend hin auch schon wahrnimmt; ferner stellt sich auch die Gegend bei Wildenfels, nah und fern, dar, und dieses Alles ist ja kein oberes Erzgebirge, welches einzig nur der Zweck dieser Schilderungen ist. Es sei daher Andern überlassen, jene Gegenden zu durchwandern; ich muß meiner Absicht getreu bleiben.
Der Keilberg bei Schneeberg, dessen ich auch erwähnte, ist kein hoher und vorzüglicher Berg; es ist vielmehr ein breites, sanft und allmählich ansteigendes Gebirge, auf dessen Fuße eigentlich Schneeberg liegt, wenn man es genau betrachtet. Auf der Höhe des Keilberges trifft man in der dünnen Waldung mehrere niedrige Felsen und Felsenblöcke, so wie dahinter einige Teiche. Auf dieser Höhe hat man eine vortreffliche und weite Aussicht.
Auch habe ich vorn von einem Wolfsberge gesprochen; dieser liegt gleich dem Schneeberge gegenüber und bildet mit diesem ein Thal, durch welches der Fahrweg nach Schlema herab geht. Dieses Gebirge bricht sich dem Stangenberge gegenüber gegen Morgen hinab, an der Ecke ragt ein ziemlich hoher Fels auf, worin man den Eingang einer Höhle erblickt, welche aber nur etwa eine Elle lang ist. An diesem Berge stehen einige Eichen, die einzigen in der ganzen Gegend. –
In der Fortsetzung dieser Wanderungen werde ich den Leser über Schwarzenberg, Geyer, Scheibenberg nach Annaberg und von da weiter herum führen. Auch nach Wiesenthal um des Fichtelberges willen werden wir einen Abstecher machen müssen.
Jetzt will ich noch von den Festen, Gebräuchen und Vergnügungen des obern Erzgebirges erzählen, worin man gewiß viel Interessantes und Nationales finden wird.
III.
Vorzügliche Feste der obern Erzgebirger.
1.
Die Fastnacht.
Unter die vorzüglichen Feste gehört die Fastnacht, eigentlich ein Fest nur für die Bergleute, aber an den meisten Orten nimmt Jedermann gern Antheil daran. Ich werde daher jetzt von Johanngeorgenstadt sprechen, weil in dieser Stadt dieses Bergfest mit bergmännischen Solennitäten gefeiert wird.
Tags vorher sind gewöhnlich die Bergleute aus den combinirten Bergrevieren Schwarzenberg und Eibenstock in ihrem Ornate daselbst eingetroffen. Früh um fünf Uhr wird dann die große Glocke geläutet, worauf von dem Stadtpfeifer und den Berghautboisten ein Morgenlied von dem Thurme geblasen wird. So wie nun der Tag angebrochen ist, sieht man die geputzten Bergleute auf den Gassen einher- und in das Rathhaus ziehen, woselbst sie sich Alle versammeln. Das Volk steht nun umher und freut sich; Mütter freuen sich über ihre Söhne, Weiber über ihre Männer, Kinder über ihre geputzten Väter, Mädchen über die schmucken Bursche. Das ist ein Treiben und Drängen, Schwatzen und Lachen; am Markte und in der Kirchgasse sind fast alle Fenster besetzt. Nun werden auch die Bergbeamten nach dem Range von Steigern und Bergältesten, so wie die Schichtmeister von ihren Leuten auf das Rathhaus feierlich begleitet, wo von oben herab ihnen Trompeten und Pauken entgegen tönen. Mit dieser Feierlichkeit wird auch die Fahne abgehohlt. Welche Lebhaftigkeit hier herrsche, kann man sich leicht vorstellen.
Endlich um neun Uhr unter dem Geläute der Glocken bewegt sich der festliche Zug mit starker Musik nach der Kirche zu. Ein Knappschaftsältester oder Schichtmeister führt den Zug an, welcher vier Mann hoch eingerichtet ist. Doch dieß Alles nach der Ordnung zu beschreiben nebst der Tracht, wäre zu weitläufig und überflüssig. Abbildungen von der festlichen Bergmannstracht findet man im Freyberger bergmännischen Taschen-Kalender. Aber das Ganze nimmt sich vortrefflich aus; wenn man von oben den langsam wallenden Zug erblickt, sieht man nichts als Grün, Weiß und Schwarz, nebst den hier und da hervor ragenden Federbüschen. Das Bergamt in seiner Tracht nimmt sich vorzüglich schön aus. Und so ist der Zug längst in der Kirche, welche fern vom Rathhause steht, während man immer noch seinem Ende aus dem Rathhause entgegen sieht.
In der Kirche wird musicirt und sodann eine Bergpredigt gehalten. Nach derselben wird unter andern auch verlesen, wie viel in diesem Jahre Erz ausgebracht worden sei u. d. gl.
Nach der Predigt oder vielmehr nach dem Gottesdienste geht der Zug in der nämlichen Ordnung wieder auf das Rathhaus und lößt sich dann wieder auf, so wie er begonnen hat. Nun nimmt jede Familie vergnügt ein festliches Mittagsmahl ein; vorzüglich bäckt man an diesem Tage viel Hefenklöße und der ärmste Bergmann thut sich da, nach seinem Ausdrucke, eine Güte, d. h. er ißt mit seiner, oft zahlreichen, Familie, ein halbes Pfund Schweinebraten mit Erdäpfelbrei oder Sauerkraut, und trinkt ein Glas Brandtewein.
Gegen Abend geht er zu Bier und zu Tanz und verjubelt lustig und froh die letzten, sauer verdienten paar Groschen, weiß nicht, ob er morgen noch lebt oder zerschmettert aus der Grube herauf gezogen wird.
Das Bergamt veranstaltet gewöhnlich einen Ball, woran der Rath, die Geistlichkeit und alle Honoratioren der Stadt Antheil nehmen und wo es äußerst froh und vergnügt zugeht. Viel Fremde aus der umliegenden Gegend nehmen häufig Theil an diesem Balle, daß die Fastnachtsfreude in Johanngeorgenstadt seit mehrern Jahren sehr merkwürdig geworden ist.
So endigt oft mit dem Morgen des folgenden Tages ein Volksfest, welches dem Bergmanne dortiger Gegend heilig, für den stillen Beobachter aber äußerst lehrreich und interessant ist.
2.
Weihnachten.
So wie in allen christlichen Ländern und Provinzen das Weihnachtsfest mit allerlei verschiedenen Feierlichkeiten und Gebräuchen begangen wird: so machen auch hier die Bewohner des obern Erzgebirges keine Ausnahme, vielmehr feiern sie es sehr solenn und verfahren dabey noch mit besondern Eigenheiten. Doch diese Feierlichkeit, muß ich erinnern, hat blos Bezug auf den heiligen Abend und höchstens auf den ersten Feiertag.
Während der ganzen Adventzeit arbeitet und schnitzt der fleißige und speculative Bergmann an allerlei mechanischen Spielereien, welche meistentheils allerlei Modelle des Bergbaues sind und ihm manchen Schweißtropfen kosten. Diese verkauft er nun entweder, damit er Feiertagsgeld habe, oder er illuminirt sie zur Freude seiner Familie am heiligen Abend. So findet man hölzerne Steiger, in deren Bauche man ein ganzes, wohllöbliches Bergamt mit den Köpfen nickend Session haltend sieht; überbaute 4–5 Stock hohe Pyramiden, wo man das ganze Bergbauwesen, auch die Eisenhammer, Wasserkünste in völligem Gange sieht u. d. gl. m.
Aber der heilige Abend selbst, wie illuminirt wird er gefeiert. Zu dieser Zeit hat es mir vorzüglich in Schneeberg gefallen, wo man Abends auf dem sogenannten Gebirge hinter Neustädtel und auf dem Mühlberge fast alle Häuser an den Fenstern sehr hell erleuchtet sieht, welches in dem Dunkel der Nacht sehr schön in die Augen fällt. Dazwischen tönt immer ein beständiges Lärmen und Singen, auch die Bergsänger gehen Abends mit Stangen-Laternen und Zithern herum und singen allerley Bergmannslieder. Bei dem geschickten Schlosser-Meister Muth sah man sonst auch verschiedene Bergwerks-Vorstellungen, welche ein einfacher Mechanismus lebendig machte, wobei noch allerhand kleine Spaßerei vorkam. Die gewöhnlichen Speisen am heilgen Abende sind Semmelmilch, Hering mit Milchbrey oder mit Aepfelsallat, oder Sauerkraut und Wurst, wobey das Gläschen Schnaps nicht fehlen darf. Zu dieser Mahlzeit brennt ein großes, bunt gemahltes Licht, auf welchem oft Namen und Jahrzahl zu sehen ist oder ein Spruch. Diese Lichte machen und mahlen sich die Bergleute selbst und schenken zu dieser Zeit einige ihren Vorgesetzten. Die Andächtigen singen zu Hause fromme Lieder, während die Frohen umher ziehen und die Weihnachtsgeschenke bewundern. Da geht denn der Wirth oder die Wirthin des Hauses, wo es bescheert hat,[58] herum und theilt Kuchen und Aepfel unter die, zum Theil deßhalb anwesenden, Zuschauer aus.
Sonst war auch das sogenannte heilige Christ-Spiel gebräuchlich, wo Bergleute und andere gemeine Leute in schön gereimten, burlesken Versen die Geburt Jesu als ein Lustspiel aufführten und so von Haus zu Haus zogen. Dabei war immer eine lustige Person, welche allerhand Possen trieb, z. B. dem König Herodes, welcher frisirt mit goldnem Zepter und Reichsapfel auf einem hölzernen Stuhle saß, Schnupftaback unter die Nase rieb, daß er nießen mußte. Joseph wurde als hektisch vorgestellt und hatte eine Säge in der Hand; Maria sprach oft im schönsten Contrabaß, denn Frauenzimmer waren bei dieser Truppe nicht; die Engel giengen in langen Hemden, mit vielen Bändern geschmückt und gepudert, und hielten mit einem seidenen Tuche große Husarensäbel in der Hand; die Hirten hatten hohe spitzige Hüthe von Zuckerpapier auf und knallten entsetzlich mit den Peitschen, auch bliesen sie auf Nachtwächter-Hörnern; der Stern war von Pappe und ölgetränktem Papier an einer Stange aufgesteckt und konnte gedreht werden; manchmal brannte er, denn inwendig stack ein brennendes Licht, auch an; das Christkindlein endlich war nicht himmlischer Abkunft, es sah erbärmlich aus und ward oft sehr übel behandelt. Uebrigens war immer ein Knecht Ruprecht dabei, welchen man im Gebirge Rupperich nennt; wie gewöhnlich war er in einem Schafpelz vermummt, mit einer Klingel und einer Ofengabel versehen und mußte die nachlaufenden Jungen zurückschrecken. – Am sogenannten heiligen drei Königfeste erschienen dabei gar diese drei Majestäten, wobei eine schwarze war. Doch seit mehrern Jahren hat dieser Unfug aufgehört, welcher eigentlich noch ein Ueberbleibsel des in Sachsen ehedem herrschenden Aberglaubens war. So wurde vor wenig Jahren in einer dort benachbarten böhmischen Stadt das Leiden und der Tod Jesu auf diese Weise aufgeführt, wo den Heiland ein starker Fleischer repräsentirte, welcher einmal, als er am Kreutze hieng und von dem Lanzenknecht in die Seite gestochen wurde, mit starker Stimme vom Kreutze hernieder rief:[59] »Hannes, stiech nett su dährb, sust stiechst d' mer halter ja d' Leber gkuttenkar durch!« – Doch auch diese Gräuel sind nicht mehr, auch dort geht ein helleres Licht auf und wirkt – Wunder! –
Am Christtage früh um 5 Uhr[60] wird dann Metten gehalten; daß dieses von den katholischen Messen herstamme, brauche ich nicht erst zu erklären. Hier thut sich nun der Bergmann wiederum auf sein Grubenlicht etwas zu Gute, mit welchem er, eines Arms dicke Flamme aufgeschürt, in die Kirche zieht, daß man glaubt, der Ort brenne. Und erst in der Kirche, wenn man auf den Emporkirchen viele hundert dieser hochlodernden Grubenlichter in mehrern schönen Reihen erblickt, hat man dann die prächtigste Illumination.
Bei dem folgenden heiligen Abenden geht es eben wieder so, wie am Weihnachtsabende, zu. Doch was ich erzählte, gilt nicht etwa von Schneeberg ganz allein, man trifft es fast in allen obergebirgischen Städten an. –
IV.
Besondere Gebräuche.
1.
Das Hutzengehn.
Darunter versteht der gemeine obere Erzgebirger, einen Nachbar, Bekannten oder Freundin auf eine nicht lange Zeit zu besuchen, mit ihm oder ihr zu schwatzen. So habe ich bei gemeinen Leuten vorzüglich im Winter dieses Hutzengehn so bemerkt: der Nachbar, die Bekannte oder Freundin kam im Negligee, grüßte, setzte sich auf die Ofenbank, fieng ein Gespräch an, und war es eine Mannsperson, so schmauchte er ein Pfeifchen. Abends kamen mehrere Mädchen mit ihren Klöppelkissen und Klöppelflaschen,[61] setzten sich um ein tischförmiges, rundes Gerüste, auf dessen Mitte ein Oellämpchen stand, stellten ihre Flaschen darum, setzten sich mit ihren Klöppelkissen bereit und nun gieng das Klöppeln an, welches ein sonderbares Geräusche macht. Sie erzählten sich und sangen, scherzten und bemerkten nach besonders ausgesprochenen Sprüchen, wie viel sie Schläge gemacht hatten.[62] Dann kamen einzeln junge Bursche, welche sich mit hinzusetzten und scherzten, oder, da es meist junge Bergleute waren, erzählten, wie sie heute auf der Grube hätten unglücklich seyn können, worüber die Mädchen erschracken und sie innig bedauerten. Kurz, solche Winterabende im Erzgebirge sind sehr interessant; wenn draußen im Schnee der Sturm tobt und man in der warmen Stube unter solchen gutherzigen Menschen traulich sitzt und ihren Erzählungen horcht, auch wohl gar von ihrer Gastfreundschaft mit der einzigen Kost, mit gebratenen Erdäpfeln tractirt wird, – in der That, wenn man die Menschen liebt, vergißt man hier Ball und glänzende Gesellschaften, wo selten ein warmes, gefühlvolles Herz schlägt, wo man nur der Eitelkeit und ausländischen Sitten fröhnt. O! unter diesen Naturmenschen befand ich mich besser, als in der sogenannten großen Welt; ich fand unter ihnen beinahe wieder, was ich dort verlor. –
2.
Die Aschermittwoche.
An diesem Tage ist es in den meisten Orten gebräuchlich, daß das männliche und weibliche Geschlecht, freilich gewöhnlich die erwachsene Jugend, mit Häckerling oder Heugesäme gegen einander zu Felde zieht und sich damit einäschert. Diese Motion ist freilich oft etwas derb und die Empfindungen dieses Aescherns sind ziemlich unangenehm, denn man fühlt ein immer währendes Jucken und Brennen, welches der auf die Haut und in die Haare geriebene Häckerling verursacht. Aber die gebirgischen jungen Leute sind nicht so überzart und überzuckert, sie lieben diese Motion sehr und verfahren dabei gegenseitig schonungsloos und ohne Mitleid, daß sie dann Stunden lang mit dem Auskämmen und Reinigen der Haare zubringen müssen. Niemand nimmt den Andern etwas übel, ein Gemeingeist, ein Frohsinn spornt Alle zur lebhaftesten Thätigkeit. –
Doch giebt es auch verschiedene Abwechselungen; Liebende oder junge Eheleute z. B. äschern sich oft mit Rosinen und Mandeln an diesem Tage ein. Freilich ist dieses nicht so unangenehm und beschwerlich, und mancher süsse Herr wird dieses auch finden. Ich wollte es euch nicht rathen, ihr zarten, duftenden Herrchen, deren Abgott das hoch gekräuselte, schilfähnliche Haar ist, – ich wollte es euch ja nicht rathen, bei einem Einäschern mit Häckerling und Heugesäme zugegen zu seyn! Verzweiflung würde euch tödten, wenn ihr im oft und gern betrachteten Spiegel euer zerstörtes Haargethürm mit so grobem Puder durchstreut sähet, wenn ihr alle eure Hoffnungen und Mühe so vernichtet erblicktet; denn die erzgebirgischen Mädchen kümmern sich wenig um eure Hahnenkämme, dadurch berückt ihr sie noch nicht! –
3.
Der Walpurgisabend.
Jener, und wie man hoffen darf, ziemlich verschwundene Glaube an Hexen und ihre Macht hat auch im obern Erzgebirge einen Gebrauch hinterlassen, welchen man fast an allen Orten desselben antrifft. Am Abende vor dem ersten Mai nämlich, also am Walpurgisabend hört man in den Gegenden umher ein immer währendes Schießen, bisweilen auch aus Mörsern,[63] wodurch man sonst die in der Luft reitenden Hexen erschießen wollte. Jetzt sollte nun vielmehr dieses Schießen als ein Zeichen des besiegten Aberglaubens angesehen werden, also ein Victoriaschießen nach dem Kampfe mit Irrwahn und Vorurtheil.
Auf den Bergen versammeln sich die Jungen, welche alte Besen anbrennen, sie dann oft herum schwingen und endlich hoch in die Luft schleudern, welches bei dem Dunkel der Nacht ein hübsches Schauspiel abgiebt. Dabei wird übrigens gejubelt und geschrieen, wie es die rohe Jugend immer zu thun pflegt. –
Man belächle diesen alten Gebrauch der Erzgebirger nicht; nicht aus Aberglauben üben sie denselben, ich versichere vielmehr, daß dort die Bergleute in vielen Dingen weit aufgeklärter und belehrter sind, als der niederländische Bauer. So z. B. ist der Glaube an den Berggeist oder Kobel ziemlich verschwunden.
4.
Das Osterficken.
Am ersten Osterfeiertage früh, an einigen Orten am dritten Feiertage Nachmittags, ist es gebräuchlich, daß Bekannte sich aufsuchen und mit Gerten von Birkenreisern oder Wacholder einander peitschen, welches man ficken nennt. Oft im Bette wird man von solchem Zuspruche überrascht und an den Händen oder Füssen ausgefickt. So sieht man die fröhlichen Leute im größten Negligee oft einander auf den Gassen verfolgen. Das weibliche Geschlecht fällt in starker Anzahl oft über eine einzige Mannsperson her und dann wehe dieser; ungeachtet seiner natürlichen Sanftheit verfährt es hier dennoch ohne Schonung. Es ist ein sehr lustiger Krieg, welchen man führt. Auch dieser Gebrauch ist sehr alt und war sonst allgemeiner. –
5.
Der Pfingstlümmel.
Am ersten Pfingstfeiertage sorgt jedes Glied in einer Familie, daß es nicht zuletzt im Bette angetroffen werde: ist dieses der Fall, so wird man ausgelacht, verspottet und Pfingstlümmel genannt. Den ganzen Tag über, wohin man geht, hört man sich so nennen und wird ausgelacht. Das ist nun die größte Lust, wenn mehrere solche Pfingstlümmel zusammen kommen und sich selbst über einander lustig machen. Auch auf den Zechen, Tags vorher ist dieß der Fall und so bei vielen Professionen und Ständen, auch sogar die Hirten beobachten diesen Gebrauch, wer der erste ist, klatscht ein Konzert mit der Peitsche.
6.
Der Johannisabend.
Es ist auch an mehrern Orten des obern Erzgebirges, vorzüglich an der böhmischen Gränze, Gebrauch, am Abende vor dem Johannisfeste große Feuer an zu machen. Man sorgt aber nicht für die Größe des Feuers, sondern vielmehr, daß ein dicker, großer Dampf entstehe; deswegen nimmt man grünes Reißig und schürt diese Johannisfeuer in Thälern an den Bächen an, damit man durch eingeweichtes Fichtenreißig einen recht dicken Dampf machen könne. Dieser Gebrauch ist auch bei den Gränzböhmen häufig, aber ich konnte nirgends eine bestimmte Ursache erfahren. Geschieht es dem Johannes zu Ehren oder liegt irgend ein Aberglaube zum Grunde? ich weiß es nicht.
Am Johannistage selbst tanzen die Kinder um eine mit Bändern, Kränzen und vergoldeten Eierschalen geschmückte junge Tanne. Doch dieser Gebrauch herrscht fast überall in Sachsen.
V.
Die vorzüglichsten Vergnügen im obern Erzgebirge.
1.
Das Vogelstellen im Herbste.
Es ist nicht zu berechnen, welch' eine Menge Vögel, und meistens Krametsvögel, alljährlich nur im obern Erzgebirge auf allerlei Art und Weise gefangen wird, und der Vogelfang selbst macht ein vorzügliches Vergnügen des Erzgebirges aus. Um Michaelis geht gewöhnlich das Vogelstellen an und ich werde hier alle die verschiedenen Arten des Fanges aufzählen und beschreiben.
Um kleine Vögel, meistentheils Roth- oder Blaukehlchen, zu fangen, bedient man sich der Tränke. Zur Zeit, wenn kleine Bäche früh schon ein wenig zu gefrieren, sucht man in einem nahen Waldthale einen solchen kleinen Bach, deren es viele giebt. Diesen bedeckt man nun eine große Strecke weit mit dichtem Fichten- und Tannenreißig, läßt aber hier und da kleine Lücken, daß das Wasser hervor blinkt, und bringt darin viereckige Rahmen von dünnen Bretchen an, worin man Leimruthen fest steckt. Dieses Alles bereitet man gegen Abend vor und geht dann wieder fort.
Früh Morgens fliegen nun die kleinen Vögel umher und wollen trinken, aber die Bäche sind gefroren; so kommen sie endlich durstig an unsern Graben, welcher durch das dicht überdeckte Reißig für Frost gesichert ist. Lange hüpfen sie darum, bis sie endlich an die Lücken kommen, wo die Leimruthen stecken, worauf sie sich setzen und trinken, für diese Bequemlichkeit aber ihre Freiheit und gewöhnlich ihr Leben hingeben müssen. Den Nachmittags geht man hin und nimmt die schreienden und flatternden Gefangenen ab, wobei man manches Vergnügen hat. –
Um Stieglitze und Hänflinge zu fangen, hat man eigene, kleine Heerde, wo der sogenannte Strauch[64] aus dürren Disteln besteht, dessen Saamen jene Vögel gern fressen; sie gehen häufig darauf, wo denn plötzlich über sie ein Netz springt und sie fängt. Die Erzgebirger halten, so wie die Harzbewohner, (über welche man sich in Bechsteins Naturgeschichte der Stuben- und Singvögel belehren kann,) sehr viel auf Sing- und Stubenvögel, wenden oft den letzten Groschen dafür an und sind meistens ganz leidenschaftlich für manche Arten Vögel eingenommen. So findet man in der Stube des ärmsten Bergmanns doch immer gewöhnlich ein halbes Dutzend lebendiger Vögel, worunter die beliebtesten und allgemeinsten folgende sind:[65] 1) der Reitzufink, 2) der Stieglitz, 3) der Hänfling, 4) die Lerche, 5) der Zeißig, 6) der Quäcker, 7) die Zippe, 8) der Grünschling, 9) der Gimpel und andere mehr. In Schönhaide ist das Vogelstellen, vorzüglich auf Feld- und Heidelerchen, einheimisch. –
Der Vogelfang mit Leimruthen ist bekannt. Aber weniger und fast gar nicht werden die Kloben bekannt seyn, welche Art, Vögel zu fangen, der übrigens verdienstvolle Oberförster Mirus in Jahnsgrün erfunden hat, wovon auch eine Abbildung und Beschreibung im Forst- und Jagdkalender für das Jahr (wenn ich nicht irre) 1798. zu sehen und zu lesen ist. – Früh vor Tages geht man auf den Klobenheerd; hier steht eine mit grünem Reißig überdeckte Hütte, um welche nicht weit davon in einem halben Kreise eine Anzahl hoher, oben mit einigen wenigen Aesten versehener, Stangen steht, worauf die Kloben, welche wie hervor ragende Aeste aussehen, angebracht sind. Unten gehen von jeder Stange Schnüre herein in die Hütte; so wie nun auf irgend einem Kloben einer solchen Stange man Vögel sitzen sieht, sucht man, wie viel Nummer die Stange sei und faßt die dahin gehende Schnur; ruckt ein wenig und plötzlich schreit oben auf dem Kloben der mit den Beinen gefangene Vogel. Man läßt die Stange nieder, nimmt die Vögel aus und stellt wieder auf. Ich würde gern einen solchen Kloben hier näher beschreiben; aber theils gehört dieses nicht hier her, theils kann man sich aus der schweren Beschreibung desselben keine deutliche Vorstellung machen, besser ists, wenn man Alles selbst sehen kann. –
So künstlich und sicher auch dieser Vogelfang ist, so gefallen mir doch die großen Heerde mit Schlagnetzen weit besser und schöner. Früh um drei, vier Uhr zieht man schon fort, mit einer Laterne, und mit Lebensmitteln versehen. Man kommt in der Hütte an; hier wird mit Kohlen der kleine Ofen geheitzt und Wasser nebst Milch zum Kaffee zugesetzt, während der Vogelsteller die Lockvögel füttert und aushängt, und die Netze aufspannt. Während dessen kommt die Morgenröthe schon ein wenig und, da solche Vogelheerde meistentheils auf Bergen zwischen dem Walde liegen, so ist es dann ein herrlicher Anblick, wenn die Sonne aufgeht und nun Alles lebendig im Walde wird, so wie auch die vielen Lockvögel nun an zu singen fangen. Jetzt muß man ruhig seyn, der Kaffee ist auch fertig geworden und man trinkt, raucht ein Pfeifchen und giebt Acht, wo es Vögel giebt. Man kann durch Spalten und kleine Fensterchen zu allen Seiten der Hütte hinaus sehen. – So wie dann ein Schwarm Vögel heran und in den mit Beeren geschmückten Strauch gefahren ist, wird mit einem Ruck plötzlich das große Netz zugezogen und wer da ist, muß nun eine dabei liegende Ruthe ergreifen und die gefangenen Vögel in die Zipfel des Netzes treiben, wo man sie leichter heraus nehmen kann.
In andern Gegenden sticht man, um den Vogel zu tödten, ihm eine Feder durch den Kopf; welch' ein grausamer Tod! Der obererzgebirgische Vogelsteller hat einen bessern Vortheil; er weiß nämlich auf dem Rücken des Vogels einen kleinen Knochen, welchen er geschickt schnell zerdrückt, daß der Vogel kein Glied mehr zuckt. Dieß geht sehr schnell und ein Schock Vögel drückt er so in wenig Minuten todt. –
Uebrigens hat es mir recht sehr auf diesen Vogelheerden gefallen, es ist so heimlich und traulich daselbst, daß man sich Mittags ungern trennt. Freilich es kommt viel auf die Gesellschaft an, in welcher man sich befindet; ich war in sehr lustiger Gesellschaft und erinnere mich noch mancher lächerlicher Scenen und Geschichten, welche auf solchen Vogelheerden vorfielen. Es giebt der Vogelheerde sehr viele im obern Erzgebirge, besonders an der Gränze.
Endlich durch den Dohnenstrich fängt man auch Vögel in Menge und im Herbste kann man immer und wohlfeile gebratene Krametsvögel essen und niederländische Leckerbissen im Gebirge ganz gewöhnlich antreffen.
Man ist ungemein im Erzgebirge für den Vogelfang eingenommen, kleine Jungen sogar sieht man häufig mit einer Klette, worauf Leimruthen stecken, nebst zwei oder drei Lockvögel aufstellen. Das Forstdepartement eifert zwar sehr darüber, aber die geplagten Forstbedienten können nicht überall sehen und seyn. Das Geschlecht der Vögel stirbt darum nicht aus, sonst müßte es jetzt weniger derselben geben, als sonst und dieses kann wohl Niemand beweisen. Uebrigens kommt die viele Waldung und die Menge der Wacholder- und Eibischbeeren dem obergebirgischen Vogelfange sehr zu statten. –
2.
Im Winter das Ruscheln.
Für den Fremden muß es ein besonderer Anblick seyn, wenn er im Winter die obergebirgische Jugend auf kleinen für sie eingerichteten Schlitten von hohen Bergen mit Pfeilesschnelle herunter fahren oder vielmehr gleiten sieht, welches man Ruscheln[66] nennt.
In großer Menge versammeln sich Knaben und Mädchen mit ihren kleinen Schlitten auf der Höhe eines Berges, wo nämlich ein wenig Bahn herab geht, setzen sich auf, geben sich einen Schwung und fliegen schnell den Berg herab; aber sie können sehr geschickt ihren Schlitten mit den Füssen lenken, ohne Schaden zu nehmen. Freilich geht manchmal ein Unglück vor, aber selten, und welches Vergnügen auf dieser Erde ist nicht mit Gefahr und Unglück immer verknüpft? –
Manche, damit es noch schneller geht, lassen ihre Schlitten gar mit glattem Stahle an den Kuffen belegen. Man sieht hieraus, daß an keine Gefahr gedacht wird. Auch macht man in die Ruschelbahn bisweilen, ja gewöhnlich Vertiefungen, damit der Schlitten hier einen neuen Schwung erhält, hoch springt und weit schneller hinab fliegt. Ich habe es sogar gesehen, daß Knaben auf Schlittschuhen die spiegelglatte Bahn eines Berges herab fuhren, ohne zu fallen oder zu wanken. Kälte und Schnee wird gar nicht geachtet, ohne Handschuhe, ja auch barfüssig oft, ergötzt man sich durch das Ruscheln. Manchmal versiehts einer und wirft auf der Hälfte des Weges um, daß er in den Schnee purzelt und der Schlitten allein den Berg herab fliegt: darüber lachen ihn die Andern entsetzlich aus, aber der kleine Schneemann steht gelassen wieder auf, hohlt sich seinen Schlitten wieder und ruschelt nun vorsichtiger. –
Abends beim Mondscheine ruscheln auch die erwachsenen jungen Leute auf größern Schlitten, Handschlitten genannt. Dabei sind oft auch erwachsene Mädchen und eine junge Mannsperson hat dann immer drei bis vier derselben hinter sich auch auf dem Schlitten, nimmt sich zusammen, daß er nicht umwirft und erhält zur Belohnung dann am Ende von jeder ein Küßchen.
Durch dieses Ruscheln erhält der Körper Geschmeidigkeit, wird abgehärtet und fest, so lernt der Knabe Unerschrockenheit und Geistesgegenwart, Muth und Vorsicht und verabscheut jede kleinliche Furcht vor Gefahr. Darum lassen die meisten Aeltern unverwehrt und gern ihre Kinder ruscheln.
3.
Schneehäuser, Schneemänner und Lavinen.
Im Winter vergnügt man sich auch gewöhnlich durch den Schnee selbst. So macht man kleine Schneeballen und setzt daraus hohe pyramidenförmige Häuschen zusammen, worein man Abends ein brennendes Licht setzt. Dieses sieht nun prächtig aus, vorzüglich in der Ferne, daß man gar nicht weiß, wofür man es halten soll; denn die Schneeballen an und für sich sind erleuchtet und durch die Lücken strahlt übrigens noch der hellere Schein hindurch.
Ferner formt man aus dem Schnee große, menschliche Figuren, welche man bemahlt und mit einem ausgehöhlten, bunt durchsichtigen Kürbisse statt des Kopfes ziert, in welchem ebenfalls des Abends ein brennendes Licht gesetzt wird. Damit macht man sich nun viel Spaß. Auch häuft man von Schnee einen Berg auf, in welchem man Höhlen und Ausgänge bildet. – Wenn es thaut und der Schnee sich ballt oder vielmehr ballen läßt, geht man auf hohe, steile Berge, macht einen nicht großen Ball und läßt ihn auf der Oberfläche des Schnees hinunter rollen. Je weiter dieser nun rollt, desto größer wird er und stürzt sich als Lavine dann mit Pfeilesschnelle hinab ins Thal, wodurch aber bisweilen eine ganze Strecke Weges oft verschüttet wird. Solche Lavinen rollen sich häufig auch selbst die Berge herab, aber die Größe und den Schaden haben und thun sie nicht, wie ihre gigantischen Brüder in den Schweitzergebirgen. In den Wäldern jedoch thun sie durch Umknicken junger Bäume manchen Schaden. –
VI.
Kurzes Gespräch zweier Bergleute in obergebirgischer Mundart.
Da auch die Sprache im obern Erzgebirge unter das Interessante desselben kann gezählt werden, so habe ich in folgendem kurzen Gespräche vorzügliche Eigenheiten und Ausdrücke derselben erwähnen wollen. Aus der beigefügten Uebersetzung wird man, so wie aus den Anmerkungen, wird man den Sinn verstehen.
| Zwa Barkleut pagönga annanner. | Zwei Bergleute begegnen einander. |
| 1. | 1. |
| Galück auf, Hänner! | Glück auf, Heinrich! |
| 2. | 2. |
| Galück auf, Kahr! Wulenden[67] warste däh? Epper im Wald? | Glück auf, Karl! Wo warst du denn? Etwa im Walde? |
| 1. | 1. |
| Na! Ich ho schuna ganzen Morgn sette Kupwithing, do bi ich a wink hutzen ganga za men Pod Dafet. | Nein! ich habe schon seit dem ganzen Morgen solches Kopfweh, da bin ich ein wenig auf Besuch gegangen zu meinem Pathen David. |
| 2. | 2. |
| Do warste? – Jasuh. Sei netta Madla za rocken bei den Pod? Aff gieng racht za Foden. | Da warst du? – Ja so. Sind nicht auch Mädchen zu Rocken bei deinem Pathen? es gieng recht lustig zu. |
| 1. | 1. |
| Eiuh! Aff Müllerhannel un aff Schmidtrickel un aff Beierkordel wa do, se thaten singa. | O ja! Müllers Hannchen, Schmidts Rieckchen und Beiers Kordchen waren da; sie sangen. |
| 2. | 2. |
| Hos schu gahärt. 'ssei rachte Kröten! – Izza ho ich a an Achherrl, doss iss a schi Dink; aff hängt annän Köthel. | Habs schon gehört, es sind rechte Kreten![68] – Jetzt habe ich auch ein Eichhörnchen, das ist ein schönes Ding; es hängt an einem Kettchen. |
| 1. | 1. |
| Ei Sackerwunna, das muß ich asah! Nochmittig kumm ich a wink hutzen zuder. | Ei der Tausend, das muß ich ansehen! Nachmittag komme ich ein wenig zu dir. |
| 2. | 2. |
| Nu 'siss racht, da kimmst a gar nett in Zod. Hosta däh za thu? | Nun das ist recht, du läßt dich auch gar nicht sehen. Hast du denn zu thun? |
| 1. | 1. |
| Dos sei Sachen! Ich muß Bornkinnelsachen schnitzen, do stih ich nett vun men Söser auf, bis Ohmst, nocher ratz ich a wink un fahr ah. | O ja! Ich muß heilge Christsachen schnitzen, da stehe ich nicht von meinem Sitze auf bis Abends, nachher schlafe ich ein wenig und fahre dann an. |
| 2. | 2. |
| Off da Woch iss Garmerig; ich ho oder ka Gald, sist hätt ich mer ann Zscharper gakaft. | Die nächste Woche ist Jahrmarkt; ich habe aber kein Geld, sonst hätte ich mir einen Zscherper[69] gekauft. |
| 1. | 1. |
| I der alte iss ah gut. Ich mussa ham, mer wolln assen, Ardöppel mit Göllerla un a Battelmadelsupp. | Je, der alte ist auch gut. Ich muß nach Hause, wir wollen essen, Erdäpfel mit Schalen und eine Brodkümmelsuppe. |
| 2. | 2. |
| Ich wahr mer en Harig fer en Sechser huhlen losen. Galück auf, Kahr! | Ich werde mir einen Hering für einen Sechser hohlen lassen. Glück auf, Karl! |
| 1. | 1. |
| Galück auf, Hänner! | Glück auf, Heinrich! |
VII.
An das Erzgebirge.
Laß im Geist mich deine Berge grüssen,
Laß im Geist mich deine Thäler seh'n,
In der Wälder grünen Finsternissen,
Auf bemooßter Felsen Spitzen stehn!
Daß ich wieder deiner Silberquellen
Deiner Bäche sanftes Murmeln hör';
Wiederseh' des Waldstroms dunkle Wellen,
Und den wilden Schaum am Klippenwehr!
Sei gegrüßt im Thal du kleine Hütte,
Wo Zufriedenheit und Armuth wohnt!
Nehmt mich auf in eure frohe Mitte,
Gute Menschen, die der Fleiß belohnt!
In der Erde Tiefen will ich steigen,
Klüft und Gänge zwinge meine Hand;
Schätze will ich meinem König reichen,
Dein sei Alles, theures Vaterland! –
Aber mich laß dort im Thale wohnen,
Reiche mir des Lebens Unterhalt!
Wie ein Fürst will ich beglückt dann thronen,
Mein ist Alles, Quellen, Fels und Wald!
Meinen Kittel ändert keine Mode,
Meine Kost weicht keiner Leckerei;
Mein Beruf führt täglich mich zum Tode,
Doch ich trau' auf Gottes Vatertreu!
Drückt mich etwa eine bange Sorge,
Die dieß arme Erdenleben schuf; –
Dann ersteig' ich einen Berg und horche
Neu gestärkt der Gottheit heilgem Ruf';
Er giebt jenen Sonnen Licht und Strahlen,
Er erweckt aus Nacht die todte Welt.
Und enthüllt die Frucht aus festen Schalen,
Schmilzt den hohen Schnee vom Saatenfeld.
O! wohl möchte ich auf deinen Bergen
Meiner Tage letzten einmal sehn!
Möchte dort, beim Lied der ersten Lerchen,
Einst hinab zu meinen Vätern gehn;
In der Heimath Grabe schlaf' ich süsser,
Da noch weint man eine Thräne mir! –
Doch der schwache Mensch weiß nichts gewisser
Leider, als: daß er nichts wisse hier! –