1906

Bedeutet es schließlich etwas, seine Kniee und Füße anblicken zu können? Und doch kannst du es nur solange, als du in dir lebst.


Nur der Erkennende lebt.


Ich darf wohl sagen: Ich liebe die Wissenschaft von Grund aus und hasse alle Schwarmgeisterei. Eine Wissenschaft aber, die vergißt, daß sie eine seltene, wunderbare Blume auf dem Boden des Mysteriums ist, ja, die vergißt, daß sie selbst Mysterium ist, sie fällt mit der übelsten Schwarmgeisterei in eins zusammen, 203sie ist im Tiefsten inferior, allein schon rein intellektuell genommen.


Die Wissenschaft ist nur eine Episode der Religion. Und nicht einmal eine wesentliche.


Alles erkenntnistheoretische Denken ist ein Spielen mit dem Feuer. Wenn der Alltag nicht wäre mit seinen 24 breiten Körperstunden, wenn wir nicht als Tiere so fest und ökonomisch gebaut wären, so würde unser armes Gehirn zehnmal statt einmal verbrennen, so wäre philosophische Begabung und Anwartschaft auf Verrücktwerden dasselbe. Und so wird dieses Spiel denn auch immer gewagt werden dürfen. Zwar, der Einsatz ist dein Leben, aber wenn du auch die Gefahr nicht bestehst, so brauchst du selbst keineswegs grundsätzlich zu verlieren.


Der Denker, der dir kein Grauen erregt, ihn magst du zu Tisch einladen.


Jedesmal wieder, wenn man so recht in die ‚Welt‘ hineindenkt, kommen einem alle menschlichen Gedanken darüber vor wie Kinderstammeln, was sage ich, wie Bewegungen von Insekten, die von der Spitze ihres Grashalms in die Luft hinaustasten. Und das gilt nicht nur von gewöhnlichen Gedanken, das gilt ebenso von den tiefsten Gedanken unserer fähigsten Köpfe. Nur daß wir durch unsere Sinne die Welt so vereinfacht — besser vielleicht von einem Unendlichfachen auf ein Fünffaches gebracht — haben, ermöglicht uns, in ihr mit so festen Schritten zu wandeln; nur daß wir meinen, 204‚die Welt‘ in Wahrheit vor uns zu haben, wie ein gewaltiges Gemälde, das — wenn auch nur im Großen — so sei, wie wir es sehen, ermöglicht den ganzen Schatz menschlich-bürgerlichen Hochgefühls, die Freudigkeit des Tatmenschen, den tragischen Stolz des Philosophen, die königlichen Empfindungen des Künstlers. Unsere Armut ist es, die uns reich macht, unsere Beschränktheit, der wir das Gefühl unbeschränkter Entwickelungsfähigkeit verdanken. Aber umsonst. Irgend einmal und dann immer wieder wird — wenn auch nur blitzartig — die Armut als Armut, die Beschränktheit als Beschränktheit erkannt, die großartige Illusion zerreißt und die Geschichte der Erde und seines Bewohners entpuppt sich in der Riesensaison des ‚Universums‘ als — bürgerliches Schauspiel, eines unter unzähligen, Verfasser unbekannt, Wert indifferent.


Das Urbuch der Welt wird mit sympathetischer Tinte geschrieben.


Nur im vorbereiteten Herzen kann ein neuer Gedanke Wurzel fassen und groß werden. Sich vorbereiten, sich zubereiten, den Acker lockern für das beste Korn, ist alles.


Es gibt kein größeres Hindernis, zur Wahrheit zu gelangen, als — schreiben zu können. Vergiß deinen Stil, vergiß allen Stil, überlaß dich ganz dem Rhythmus der inneren Stimme, überlaß alle ‚Kunst‘ denen, die mehr Künstler sind als Wahrheitssucher.


205Der Materialismus hat uns in viele Jämmerlichkeiten gestürzt, aus denen wir uns erst nach und nach wieder erheben werden.


Alles Denken ist Zurechtmachen.