1907
Wunder ist ein Orientierungsbegriff wie tausend andre. Wird dieser Begriff mehr und mehr aus der Welt geschafft, so heißt das nichts weiter als: wir brauchen diesen Orientierungsbegriff nicht mehr, er ist für uns aufgegangen in den Begriff Entwickelung.
Wunder nannte man einst alles Übernatürliche. Da man heute übereingekommen ist, alles überhaupt Mögliche dem Begriffe Natur unterzuordnen, gibt es nichts Übernatürliches, also auch kein Wunder mehr. Aber Natur ist auch nur ein heuristischer Begriff und wer sich in der Zwangsjacke eben dieser Begriffe nicht wohl fühlt, wird ihn abermals entthronen und das alte Wort Wunder — vielleicht auf lateinisch als ‚Mysterium‘ — in einem neuen größeren Sinne über ihn setzen. Worte, Worte! Wird man nie begreifen, daß Worte nur Entscheidungen sind, nicht Erkenntnisse?
Es ist eine sehr geistreiche (!) Forderung, die ‚Natur‘ auf ‚natürliche‘ Weise erklärt sehen zu wollen.
Wie mancher Gedanke fällt um wie ein Leichnam, wenn er mit dem Leben konfrontiert wird.
206Ich meine: Gehirn und Dinge sind in Einem Zirkel beschlossen. Im Gehirn kann nicht sein, was nicht im Stoff ist.
Wenn die Gehirnorganisation all ihr Um-sich unter den Formen von Zeit und Raum begreift, so ist anzunehmen, daß der unendliche Stoff hier keine ihm nicht entsprechende Organisation wird hervorgebracht, oder: wird zugelassen haben. Ich meine, diese Organisation, die unter Raum und Zeit begreift, erstand doch selbst aus dem, was sie nun begreift, und kann darum als Funktion des zu Begreifenden nicht essentiell von diesem verschieden sein …
A. Wenn jemand von einer Philosophie der Ameisen reden würde, so möchte er wohl fröhlichem Lachen begegnen. Aber ist die Philosophie der Menschen wirklich etwas so sehr, sehr anderes, als eine Philosophie der Ameisen wäre? Stelle dir nur an einem schönen Sommerabend den Erdball und das Leben auf seiner Oberfläche vor!
B. Ja ja, mein Lieber, wenn es die Menschen nur nicht zu dem einen Gedanken gebracht hätten: alles ist mir nur insoweit bekannt, als es meine Vorstellung ist. Dieser Gedanke, der ihm alles zu nehmen scheint, gibt ihm zugleich das Recht, sich selbst dem Sternenhimmel gegenüber zu behaupten, denn das Bewußtsein, daß alles, was er da erkennt, nur ein Bild in ihm ist, ja, noch mehr, das dies ‚er selbst‘ nur ein Bild — soll er sagen sein Bild? — ist, erlaubt ihm, deinem Ameisengleichnis den Stachel zu nehmen, so gut, wie dem Eindruck gestirnter Ewigkeit. Die Rechnung 207steht nun für ihn so: Auf der einen Seite ‚alles Seiende‘ als Bild. Auf der andern das, welches ‚all dies Seiende zusamt sich selbst‘ — als Bild empfindet. —
Wir sind wieder da, wo jeder zuletzt hinkommt, und was ich beim Lesen Meister Ekkeharts einmal so formulierte: Gott ist ein Subtraktionsexempel.
Betrachte den Fühler dieses feingliedrigen Käfers. Was ist der Mensch anderes als solch ein Fühler, von unbekannter Urkraft ausgestreckt, tastend sich über die Dinge zu unterrichten suchend, zuletzt forschend zurückgekrümmt auf sich selbst — ? Der Mensch, ein Taster Gottes nach Sich selbst.
Alles Denken ist Übersetzen Gottes ins Rationalistische. Von Gott, dem Original, wissen wir nur durch Gott, den Übersetzer.
Man hat Hegel verspottet, weil er sagte, aus ihm rede der Weltgeist. Ach, auch aus ihnen, den Spöttern, redet leider nichts anderes.
Ich lese mit Erschütterung in Hegel, an dem ich immer vorbeigegangen war. Zwei Dinge hielten einst schon den Studenten ab, Hegeln eine unbestimmte geheime Neigung zu entziehen: Seine überlebensgroße Büste, die ihm am Kastanienwäldchen hinter der Berliner Universität manchen bedeutenden Augenblick schuf, und das über ihn umlaufende Wort: niemand habe Hegeln zuletzt mehr verstanden, nicht einmal er selbst. Ich halte den nämlich nicht für den Träger und Offenbarer höchster Erkenntnisse, der diese Erkenntnisse ein 208für alle Mal ‚versteht‘. Das Höchste vermag der menschliche Geist auch nur in höchsten Momenten zu leisten, und manchmal ist es nur ein Blitz, der die Tiefe der Welt sekundenlang aufreißt.
Entweder man ist Künstler oder Philosoph. Der Philosoph achtet die Kunst, ja liebt sie, — aber er komplimentiert sie hinaus, wenn er mit seinem Ernst allein sein will.
Wogegen ich mich vor allem richte, das ist die Bürgerlichkeit so vieler bisheriger Philosophie. Es fehlt mir darin zu sehr an jener Überwältigung des menschlichen Geistes durch das, was ihn wohl überwältigen darf: die nicht nur rechnerisch gebrauchten, sondern innerlich erlebten Vorstellungen von Ewigkeit und Unendlichkeit. Für mich beginnt Philosophie hart vor dem Wahnsinn, sonst ist sie ein Handwerk wie andre auch. Und sie muß immer wieder bis hart an den Wahnsinn führen, das ist beinahe eine Forderung der Sittlichkeit philosophischen Denkens, da es sonst einen Mangel an Leidenschaft zu bedenklich verrät. Ohne Leidenschaft aber ist jede Tätigkeit großen Stiles, so erhaben sie sich auch geben mag, gemein.
Wie mancher Steinregen im Hochgebirge verdankt dem Klettern einer Gemse seinen Ursprung. Dies bedenke auch du, der du auf Gedankenbergen herumkletterst, und — freue dich dessen oder mache dir Vorwürfe darüber oder beides zugleich, je nachdem du geartet bist.
209Man muß Pessimismus und Optimismus als ‚Stimmungen‘ hinter sich lassen, wenn man, obzwar erkenntnislos, aber von allen Seiten umwittert, den Pfad der Wirklichkeit wandelt.
Sei nur Skeptiker, es gibt keinen besseren Weg als den fortwährenden Zweifelns. Denn nur, wer die Relativität jeder Meinung eingesehen hat, sieht zuletzt auch die Relativität dieser Einsicht ein — und schwingt sich endlich vom letzten Erdenwort in — Sich selbst zurück.
Wenn ich wüßte, welches Wort der Erde keine Vorstellung enthielte, so würde ich es dazu gebrauchen, das Wort Vorstellung zu überwinden. Aber dieses Wort Vorstellung bleibt zuletzt als einziges auf dem obersten Siebe liegen, das alle andern passiert haben.
Nur glaube man nicht, damit etwas anfangen zu können. Denn wenn ich sage: Die Welt ist meine Vorstellung, so sage ich damit nichts andres als: eine Vorstellung ist meine Vorstellung. Es gibt keinen Weg hinaus, es gibt nur einen Weg hinein.
Welche Vorstellung wäre zuletzt nicht anthropomorph! Anthropomorph, sagt man, sei die Vorstellung eines persönlichen Gottes. Aber der Naturforscher, der sich die Welt unpersönlich, nämlich als Natur, als Wirklichkeit, als einen unendlichen Knäuel von Wirkungen denkt — hat ja auch von sich selbst kein anderes Bild; er sieht sich, interpretiert sich ‚naturwissenschaftlich‘ als ‚Natur‘ und projiziert sich (in seiner neuen Weltinterpretation) nur ebenso unvermeidlich ins ‚Universum‘ hinein wie früher. Oder 210vielmehr: Universum ist bereits Selbstprojektion. Anthropomorph ist und muß ‚alles‘ bleiben.
Das menschliche Denken ist wie eine trübe Flüssigkeit, die sich im Lauf der Jahrhunderte langsam klärt. Nach immer mehr Erklärung trachtet der Geist, aber das Ergebnis ist nur immer mehr — Klärung. Und zuletzt wird das Denken schön geworden sein, wie klarer Honig, klares Wasser, klare Luft.
Mir fällt in aller bisherigen Philosophie eins auf: Sie hat nie recht genug — Phantasie, Sie zerbrach nie ihre Begriffe — aus Phantasie.
Lichtenberg's Bemerkung, die docta ignorantia mache weniger Schande als die indocta, scheint mir das Erschöpfendste, was über das Problem der Wissenschaften gesagt werden kann.
Nicht nur der Weg nach der Wahrheit scheint mehr wert als die Wahrheit selbst, um Lessingsch zu reden; noch wertvoller als der Weg selbst scheint der Wille zu solch einem Wege.
Wer sich an Kant hält, dem muß alle Metaphysik erscheinen wie das hartnäckige Surren einer großen Fliege an einem festgeschlossenen Fenster. Überall wird das Tier einen Durchlaß vermuten und nirgends gewährt die unerbittliche Scheibe etwas anderes als — Durchsicht.
Gesetzt und endlich einmal festgehalten, daß alle Wissenschaft nur Beschreibung und nicht Erklärung 211sein kann, steht dem nichts im Wege, den Menschen als das bescheidenste Tier katexochen zu beschreiben.
Alles Denken ist wesentlich optimistisch. Der vollendete Pessimist würde verstummen und — sterben.