1906
Die Romanschriftsteller irren sich, wenn sie glauben, daß ihre Leser sich immer wieder die Mühe nähmen, die von ihnen sorgfältig beschriebenen Gesichter im Geiste nachzuzeichnen. Wenn ich lese, sein Kopf glich einer umgekehrten Zwiebel, so habe ich sofort ein Bild; wenn es aber heißt, sein Haar war braun, seine Stirn niedrig, seine Nase schön geschwungen, sein Mund grob aufgeworfen, so geht das — an mir wenigstens — ziemlich spurlos vorüber.
Es wird eine Zeit kommen, da wird man Geschichten ‚von außen her‘ schreiben, ich meine Geschichten, in denen wohl Ähnliches erzählt wird wie heute, aber deren eigentlicher Reiz darin besteht, daß die geschilderten Menschen durchsichtig gemacht sind — gegen das Mysterium hin. Sie werden charakterisiert 75werden mit allem Glauben an ihre Wirklichkeit und doch zugleich wie Halluzinationen wirken, sie werden uns fesseln wie irgendwelche Gegenstände der bisherigen Poesie, aber der Schauder dessen, für den die alte Welt zusammengebrochen ist, wird auch ihrem Bilde mitgeteilt sein, so daß sie im selben ergötzen und ein tiefes unheimliches Wundern erregen.
Etwas vom Übersetzen.
Nehmen wir Ibsen. Ibsen arbeitete an jedem seiner Stücke durchschnittlich zwei Jahre. Wenn nun ein Ausländer hergeht und eines jener Dramen in vier Wochen in seine Sprache übersetzt, so wird er schwerlich jede der redenden Personen so in sich lebendig fühlen können, wie der Dichter, der sie zuletzt gleichsam als seine beständige Gesellschaft empfand.
Es gibt eine Art, ich möchte sie die rationalistische Methode zu übersetzen nennen. Der Übersetzer möchte das Original womöglich noch verdeutlichen. Ohne auch nur einen Schatten jener wirklichen Ehrfurcht, wie sie nur die Dichter selbst dem Dichter entgegenbringen.
Es ist das Unglück der Franzosen, zu gut schreiben zu können.
Ich kann mir viele denken, die Stendhal kurzerhand als langweilig oder gar abstoßend ablehnen. Der nächste Förster, der ihnen begegnet, zieht sie unendlich mehr an. Die Leidenschaft des Psychologen, der um Einen Stendhal sämtliche Förster der Welt hingibt, ist ihnen fremd, die Wißbegier dessen, dem 76der Mensch A und O aller Studien, ist bei ihnen durch das Behagen ersetzt, stark, warm und einfach zu fühlen.
Nach den Erinnerungen eines Egotisten.
Überall, wo Stendhal über fremde Dinge schreibt (Italien, Napoleon …) fesselt er, wo er aber über sich selbst und seine Gesellschaft und Liebschaften schreibt, wird er sehr bald langweilig.
Zu Dostojewski.
Aus seinen Büchern findet man schwer wieder nach Westeuropa zurück.
Wenn ich Dostojewski lese, so ist es mir, als sähe ich einem Feuer zu — einem Steppenbrand —, das über die Ebene wandert. Und jetzt frißt und wühlt es sich schleichend durchs knisternde Gras — und jetzt fährt ein Sturmwind daher und erhebt es bis zu den Wolken, und jetzt kriecht und glimmt es wieder dahin und nur dicke Rauchmassen bezeichnen seinen Weg — und jetzt steigt es bei einem neuen plötzlichen Stoß gleich einer Säule zum Himmel und übergießt Himmel und Erde mit übergewaltigem, erschütterndem Glanz.
Mauthner tut Nietzsche Unrecht, auch da, wo er gegen ihn Recht hat. Ein Menschenleben gräbt sich sein Strombett und damit muß man zufrieden sein. Nietzsche ist gewiß nicht aus Eitelkeit den Weg zur Sprachkritik nicht weiter gegangen. Mauthner unterschätzt das Dynamische im Genie.
77Es ist das Interessante an Büchern, über denen man eigentlich den Verstand verlieren müßte, daß man durch sie vielmehr an Verstand gewinnt. Freilich ist das nur ein neues Kompromiß — denn anständigerweise müßte man allerdings nach ihrer Lektüre abdanken. Aber das Leben ist nicht das, was wir anständig zu nennen lieben. Allein schon der Umstand, daß der Autor seinen Verstand behalten hat, wird genügen, den Leser zum gleichen zu veranlassen; es sei denn — daß er nur so beweisen zu können meinte, daß er noch tiefer als jene sei, daß er sozusagen aus Ehrgeiz, aus ‚Willen zur Macht‘ wahnsinnig zu werden geradezu — wünschte.
Ich habe nie einsehen mögen, warum mittelmäßige Menschen deshalb aufhören sollten, mittelmäßig zu sein, weil sie schreiben können.