1907
Über etwas schreiben heißt, sich mit etwas überschreiben.
Denke dir immer jemanden, auf den deine Sätze durchaus nicht so Eindruck machen, wie sie's dir selber bisweilen tun, der sie vielmehr trocken und gleichgültig prüft, ja beinahe feindselig, wie ein Mensch, den jede neue Behauptung zunächst — ärgert.
Ich denke nach, welchen Dichter man einem Adler vergleichen könnte. Ibsen war die Eule in Person. Goethe war vielleicht ein Adler. War Shakespeare einer? Ich glaube, die Adler unter den Dichtern 78werden erst kommen: Geister, die alles Dasein zugleich mit Falkenblick erkennen und über ihm in schier unerreichbarer Höhe kreisen. Geister mit einer ‚Freiheit‘ auch von sich selbst — …
(Der Evangelist und Apokalyptiker Johannes war ein Adler.)
Lagarde ist das stolzeste aber auch schroffste Gebirge, das ich kenne. So oft man auf ihm wandert, stürzt man in den Abgrund.
Alles Große macht sterben und auferstehn. Wer an Nietzsche und Lagarde nicht immer wieder stirbt, um an ihnen auch immer wieder aufzuerstehen, dem sind sie nie geboren worden.
Was wäre Lagarde mit all seinen Forderungen, seiner Strenge und Höhe, wenn nicht eine so große Natur und eine so tiefe, fast unvergleichliche Bildung in jedem Verstande sein Besitz, sein Erwerb gewesen wäre. Er gleicht einem Marmorbild, auf dessen Sockel ewige Gebote eingegraben sind, aber dessen Erscheinung für sich allein noch gebietender wirkt als sie.
Wer Lagarde erträgt, ist entweder ein Hundsfott, ein Kind oder ein Riese.
Wenn du Schriftsteller bist, so schreibe jeden Tag etwas nieder, und wenn du auch nur den zehnten Teil davon aufbewahrst. Kommt dann deine produktive Periode, so wirst du, was du zu sagen hast, mit 79doppelter Leichtigkeit und Anmut sagen, du wirst dann wie der Klavierspieler sein, der eines Tages zu phantasieren beginnt und merkt, daß es auf den Tasten fortan kein Hindernis mehr für ihn gibt.
Mit Zeitungen und Zeitschriften kommt man nur wie im Sande vorwärts. Das macht, sie reden ohn' Unterbruch.
Drucke jede Woche nur Ein Wort, Einen Satz auf ein quadratmetergroßes Stück Papier und du wirst mehr ausrichten, wofern du Der bist, als mit einer Million Buchstaben in der gleichen Zeit.
In Fritz Mauthner tut der Immoralismus Nietzsches (dieser im Grunde raffinierteste Moralismus) einen weiteren entscheidenden Schritt. Der Wille zur Sauberkeit, zur Redlichkeit feiert in ihm einen — und wie alles Große grausam ist — grausamen — Triumph.
Im Übrigen: wer hier den ungeheuren sittlichen Entwickelungsprozeß, der unser ganzes geistiges Leben ist, nicht ahnungsvoll erkennen zu dürfen meint, wird sich auch nicht sagen können: Hier vollzieht sich ja im Großen nichts andres wie im Einzelnen: Persönlichkeitsentwickelung. Hier will ja irgend ein dumpf Wollender ganz ersichtlich zu immer höherer Selbstschönheit …
Vor seinem Kammerdiener, heißt es, ist kein Held ein Held mehr. Das gefällt manchen modernen Kritikern und Dichtern ganz ungemein. Begeistert predigen sie die Kammerdieneroptik, die Kammerdienerweisheit, 80und überschütten die Welt mit dem überlegenen Lachen des — Kammerdieners.
Wenn man weiß, was zwei- oder dreitägiger Kefir ist, so hat man ein Bild für den Stil des Essayisten N. Könnte man sein Buch wie eine Flasche schütteln, so würde man verhältnismäßig leichtflüssige Milch bekommen. Da man es aber nicht schütteln kann, hat man ein dickes und schwerfälliges Getränk vor sich mit Brocken, die mehr kollern als rinnen, ein Getränk, nicht minder wertvoll als der ungeschüttelte Kefir, aber weniger angenehm genießbar als der geschüttelte.
Gespräch ist gegenseitige distanzierte Berührung. Ein Buch ist chiffriertes Tasten. Lies es, taste daran, und du wirst wiederbetastet werden, es wird sich die Erscheinung seines Verfassers auf und in die deine dechiffrieren, als telegraphierte er dir mit unsichtbaren Fingern durch die Stirn.
Je besser ein Stil wird, desto mehr nimmt er alles in sich hinein: die überflüssigen Interpunktionen, die allzuhäufigen Absätze, den Sperrdruck.