1907
Wie die Gefahr des Tauchers der Tintenfisch, so des Grüblers die Melancholie.
‚Totentanz‘ ist gar kein Thema. Man sollte zeichnen und malen, wie das Weib den Mann in den 187großen Mischmasch hineinzieht. Unten sollte man die breite Bettelsuppe des heutigen Lebens hinmalen, und in diese Suppe hineinführend eine unabsehbare Kette von Weib und Mann, immer das Weib voraus, mit tausend Gebärden, von der unschuldigsten bis zur lasterhaftesten. Die Männer, auf die es ankommt, wollen schaffen, sie wollen die Welt vorwärtsbewegen; das Weib aber will vor allem wohnen. Ihm genügt das Gegenwärtige vollkommen, und es glaubt sich völlig gerechtfertigt, wenn es der Zukunft in Form von Kindern dient. Es ist die, trotz der bekannten Unbilden bequemste Art, den Fortschritt der Menschheit zu fördern: man stellt ein Kind, das heißt man beschränkt sich darauf, die Aufgabe weiterzugeben, einen Dritten vorzuschieben. Solange die Frauen das nicht begriffen haben, nämlich, daß es neben ihrem üblichen häuslichen Ideal auch noch andere größere Kulturideale geben könnte, wird die Menschheit nicht entscheidend vorwärts rücken. Und deshalb liebe ich die Russen und Skandinavier so sehr, denn dort findet man heute noch am ersten Frauen, die nicht nur Sinn für sich, sondern auch Sinn für den Mann haben, die ihn wirklich wie Kameraden unterstützen, und nicht nur als gesetzliche Konkubinen zum obersten Haussklaven machen wollen.
Den seelischen Wert einer Frau erkennst du daran, wie sie zu altern versteht und wie sie sich im Alter darstellt.
Wie macht das Gefühl bloßen Sichnaheseins Liebende schon glücklich.
188In der Bewunderung manch eines Menschen liegt etwas Schamloses. Sein ‚Wie schön ist das! Wie schön ist das‘ ist nichts andres als ein ‚Wie wohl fühle ich mich, wie wohl fühle ich mich!‘ Das aber brauchte er nicht fortwährend in die Welt hinauszuempfindeln. (Im ‚nil admirari‘ liegt doch immerhin ein ganzes Teil Selbstzucht und Takt.)
Dunkelblau gekleidete kleine Mädchen auf grünen Matten — eine beinahe tragische Wirkung.
Es ist eines der merkwürdigsten Dinge der Welt, daß man eine Seite und mehr lesen kann und dabei an ganz etwas anderes denken.
Wäre der Mensch nicht noch fast vollkommen Tier, so würde er in einer so über alles Maß gewaltigen und erschütternden Welt, in verhältnismäßig unmittelbarer Nähe eines Naturphänomens wie unserer Sonne, — um nur etwas herauszugreifen — nicht so sein, wie er heut noch ist: ein kleinliches, grämliches, banales, kindisches, eitles, zanksüchtiges, gedankenloses, planloses, kurz, durchaus noch dumpfes und niederes Wesen.
Es ist schmerzlich, einem Menschen seine Grenze anzusehen.
Im Grunde spricht sich wohl in allen Forderungen, die der Mensch an seine Gattung stellt, nur der Wunsch des Menschen nach größerer und feinerer Behaglichkeit des persönlichen wie sozialen Lebens aus: Der 189Mensch will wohl endlich soweit kommen wie die Blumen und die Bäume: ruhig leben und sterben zu dürfen. Zweifellos wünschen sich die meisten Menschen nichts Besseres.
Wir sind geborene Polizisten. Was ist Klatsch andres als Unterhaltung von Polizisten ohne Exekutivgewalt.
Eine Hauptsache bei vielem ist, daß stets der Anschein äußerster Wichtigkeit erweckt wird. Wenn z.B. eine Katze ihrem Verehrer fortläuft, so muß das aussehen, als ob sie auf der anderen Seite des Weges etwas ungemein Wichtiges zu tun hätte, was jeden andern Gedanken ausschlösse. Oder wenn ein sogenannter Zahlkellner gerufen wird, so muß er immer erst wie der Mond aus dem Gewölk treten, das heißt erst nach längerer Zeit und nur auf einen Moment, zu dem man sich beglückwünschen muß, da ihn neues Gewölk schon wieder zu verschlingen droht. Auch in geistigen Dingen nützt dergleichen viel, und wer darauf verzichtet, kann sicher sein, daß ihn sobald keiner wichtig nimmt.
Ironisches Gebot:
Wenn du gereizt bist, so wirf die Tür hinter dir zu, das erweckt allgemein Furcht.
Es gibts nichts Lohnenderes, als der Schwachheit des Menschen durch ein schönes Wort zu Hilfe zu kommen. Verordne einem ‚Patienten‘ dreimal täglich Manulavanz, und er wird sich über alle erhaben fühlen, die sich bloß die Hände waschen. Je interessanter du 190seine Gewohnheiten benennst, desto geschmeichelter und dankbarer wird er sein, und das eine Wörtchen Alkoholismus, um ein Beispiel zu nennen, hat sicherlich nicht nur Gorkis Satin, sondern unzählige andere Unglückliche unzählige Male berauscht und getröstet. Übersetze das Unglück maßvoll ins Arabische, Griechische, Lateinische, und du wirst ein wahrer Wohltäter der Menschen werden. Du gibst ihrem Geist dadurch Anregung, du verschaffst ihnen eine kleine Distanz zu ihren Leiden oder Lastern. Wie fremdartig ist es, Angina zu haben, wie beinahe ehrenvoll, die Krisis eintreten zu fühlen. Du knüpfst damit das Individuum, das nichts mehr fürchtet als das Alleinsein, das Alleingelassenwerden, an ferne fremde Zeiten und Kulturen; das alte, das neue Europa versammelt sich um sein Lager, und selbst wenn die Pest es befällt und fällt, kommt sie ihm doch aus Asien: die Mutter der Menschheit selbst trifft es mit den Schatten ihrer gewaltigen Flügel.
Was ist das Erste, wenn Herr und Frau Müller in den Himmel kommen? Sie bitten um Ansichtspostkarten.
Es ist etwas Herrliches, wenn in das Händeklatschen einer Menge jenes Elementare kommt, das ich das Mark des Beifalls nennen möchte.
Mir sind diese Leute, die über alles so klug zu reden wissen, verdächtig. Des Geistes zeugende Kraft ist nicht in ihnen. Wem die Natur etwas Eigenes zu sagen mitgab, den kümmert es wenig, in jenem Sinne 191klug zu reden. Ihn erfüllt ganz der Geist seiner Aufgabe (nicht der Aufgabe anderer).
Wer sich selbst auch nur Einen geistig regen Vormittag streng beobachtet, dem muß das scheinbare Filigran der Psychologie vorkommen, wie ein Gespinst aus Baumstämmen.
Die Psychologie befaßt sich mit den einzelnen Wellen des Baches. Aber hat ein Bach je aus — Wellen bestanden?
Die Psychologie antwortet, so wie der Lehrer dem Kinde, das ihn fragt: Was ist das — ein Baum? Ein Baum, sagt er, ist eine Pflanze mit Wurzeln, einem Stamm, Ästen, Blättern usw. Und das Kind des 19. Jahrhunderts ist ganz glücklich, daß es nun ‚weiß‘, was ein Baum ist.
Man muß scharf zwischen dem aktiven und dem kontemplativen Menschen unterscheiden. Jedem sein Reich und seine Welt für sich. Und vor allem, wird der Kontemplative sagen, dem Aktiven sein Reich für sich. Denn wenn der Kontemplative der Duft der Lebensblume ist, so ist der Aktive, so ist ‚die Welt‘ der einzige Weg zu diesem Duft.
Wenn ich die Augen fünf Minuten lang geschlossen und inzwischen nicht ganz klar und zusammenhängend gedacht habe, so könnte ich mir leicht einreden, ein Jahr sei vergangen und noch viel mehr.
192Es gibt nichts Sinnverwirrenderes, als eines Tages zu entdecken, daß man als der und der lebt.
Je tiefer einer wird, desto einsamer wird er; aber nicht nur das: desto mehr lassen ihn selbst seine treusten Freunde allein — aus Zartgefühl, Schamgefühl, Liebe, Ehrfurcht, Verlegenheit, Hochachtung, Scheu, kurz, aus den allerbesten Gründen und mit dem unanfechtbarsten Takt des Herzens.
Man hat nie nur einen Grund zu einer Handlung, sondern hundert und tausend.
Heftige Bewegungen machen alle Tiere scheu. So sollte sich auch der vollkommene Weise im Geistigen jäher Bewegungen enthalten. Im Grunde ist es das Gleiche, wie du an ein Pferd herangehst und sein Zutrauen gewinnst, und wie du an einen Menschen dich wendest und ihn eroberst.
Je ernster ein Kritiker seine Kritik nimmt, desto kritischer wird er seinen Ernst nehmen.
Der Ironiker ist meist nur ein beleidigter Pathetiker.
Viele der Feinsten gehen in sich gekehrt durchs Leben, weil sie es nicht ertrügen, von andern überlegen betrachtet zu werden. Sie fürchten die Verwundung ihres Stolzes, den Verlust ihres Machtgefühls, sie ziehen es vor, in ihren vier Wänden die Ersten zu sein, statt auf dem Markte die Zweiten. Aber manch einen macht solch heimliches Schatzhütertum auch bitter und hochfahrend. 193Immer lauter muß er bei sich Stolz nennen, was im Grunde vor allem Furcht ist, um schließlich, statt der Verschwender, der giftige Drache seines Horts zu werden, der alle Welt ob ihrer Armut verachtet.
Vorsehung —
Ich kann mir wohl denken, daß in einem genialen Menschen auch ein geniales un- oder unterbewußtes sich Vorsehen waltet, so wie einer im Traumwandeln dem überall drohenden Tode instinktiv ausweicht.
Napoleon im Kugelregen.
Wie nahe Furcht und Mut zusammenwohnen, das weiß vielleicht am Besten, wer sich dem Feind entgegenwirft.
Phantasie ist ein Göttergeschenk, aber Mangel an Phantasie auch. Ich behaupte, ohne diesen Mangel würde die Menschheit den Mut zum Weiterexistieren längst verloren haben.
Was wirkt am innerlich glühenden Menschen nicht übertrieben? Steht er nicht ewig wie unter lauter Großmüttern und Großvätern? Und geht und spricht er drum nicht am liebsten zu — Kindern?