1908
Dieser Brief wäre an Dich gerichtet, von dem ich zehn Jahre nichts mehr gehört noch gesehen habe? O nein, wie wäre das möglich. Er ist an das Bild 194gerichtet, das ich von damals und früher von Dir in mir trage, das ich zwar zu modifizieren versucht habe, aber mit nicht größerem Glück als der Bildhauer, der Deinen Kopf vor 10 Jahren geformt hätte und nun unternähme, die 10 Jahre Veränderung hineinzubringen, ohne das also veränderte Original vor sich zu haben.
Und Dein Brief, meinst Du, wäre an mich gerichtet?
Es ist rührend, dem Erklären und Beschreiben feiner Historiker und Psychologen zuzusehen: mit wie geschickten Fingern sie das Leben zergliedern, zerfasern — und wie dennoch das Geheimnis dieses Lebens unberührt bleibt.
Manche Menschen machen sich vor andern so klein wie möglich, um — größer als diese zu bleiben.
Dem Worte Größenwahn ist noch nie das Wort Kleinheitswahn oder Niedrigkeitswahn gegenübergeprägt worden. Und doch ist dieses Leiden so verbreitet, daß ganze Völker noch nicht darüber hinausgekommen sind, sich als bloße Tiere zu empfinden, zu gebärden und zu behandeln.
Mein Satz: Dummheit als absolut notwendiges Retardivum.
Ein berühmter Arzt ist wie eine junge Millionenerbin. Er weiß nie, wie weit man ihn als Menschen und nicht nur als Arzt liebt.
195Wie wohl kann das Geräusch einer Säge oder einer arbeitenden Lokomotive tun, ein Hämmern, ein Türenschlagen, ja selbst ein Wagenrasseln, wenn man wund und weh daliegt und nach einfachen kräftigen Grüßen des Lebens hungert.
Jedes Wort ist notwendig Pol. Im Innern sind wir nur als Wortlose, sind wir nur, sobald wir bloß sind, unser Sein bloß fühlen. Daher das tiefe Friedensgefühl, das wir allem Vegetativen beilegen und beilegen dürfen.
Im Schachspiel offenbart sich durchaus, ob jemand Phantasie und Initiative hat oder nicht.
Wahrlich eine verderbliche Lehre: es sei die Bestimmung des Weibes, Gattin oder Mutter zu werden. Damit wird das Weib als Mensch, als Individuum völlig ausgeschaltet, als hätte es an sich überhaupt keinen Wert, keinen Sinn, keine Entwickelungsmöglichkeiten, habe überhaupt nur in Beziehung auf Gatten und Kind Existenzberechtigung. Möchten sich doch alle darüber klar werden, daß wir außer Männchen und Weibchen auch noch Menschen sind.
Im Sohn will die Mutter Mann werden.
Das ist die Gefahr von uns Künstlern: Wir empfinden z.B. einen aufgestützten, entblößten Frauenarm von so hinreißender Schönheit, daß wir ganz vergessen, daß er einer bestimmten Frau gehöre. Und wenn wir zu 196dieser Frau nun in Liebe entlodern, so ist es eigentlich die Schönheit des Weibes, des Menschen überhaupt, die wir anbeten, weniger sie selbst. Und da setzt leicht die Tragödie ein.
Ein Mädchen gefällt uns nicht so sehr etwa um ihrer Augen willen, als ihre Augen um seinetwillen, das heißt um seiner ganzen imponderablen Persönlichkeit willen.