1907
Wir müssen das Quantitative verabschieden. Gott, ich meine das Unvorstellbare, das wir sind, ist weder groß noch klein. Alles ist in jedem Augenblicke Gott und jeder ‚Teil‘ in jedem Augenblicke zugleich das Ganze. (Ist denn das Wasser für den Tropfen klein oder groß? Nein, er ist der Tropfen und das Wasser zugleich. Wasser aber ist weder klein noch groß und wenn der Tropfen zurückblickt auf den Wasserfall, so wird er doch darum nicht sagen können: Wasser ist groß. Und so ist ‚Gott‘ auch nicht größer da, wo er die ‚Milchstraße‘ ist, als da, wo er in einem Menschen im Gras liegt. An sich ist diese Blume hier nichts geringeres als zehntausend Gestirne. Und so zerbrich denn auch nicht, Herz, an diesen Worten ‚groß‘ und ‚klein‘, denn ‚das gibt es alles garnicht‘.)
250Ich fürchte, — und dieser unheimliche Gedanke kehrt mir, fast seit ich denken gelernt, immer wieder, —: nicht, daß wir sterben werden, ist zu fürchten, sondern daß wir nie sterben werden. Ich empfand dies immer unter folgenden Worten: Ich werde immer da sein. Und wenn ich heute meinem Leib nach sterbe, wer will wissen, ob ich dann nicht — mein Freund bin? Nicht als ob etwas, was meine Seele genannt werden könnte, gewandert wäre, nein, sondern wie wenn ein Etwas in allem Lebendigen immer wäre und wüßte daß es wäre … Wer will wissen, ob er nicht aus seinem Freunde (wenn auch ganz und gar als dieser und mit allen physischen Prämissen) in die Welt blickt, in demselben Moment, wo er sein Bewußtsein verliert? Solange ich in meiner Form befangen bin, kann ich nichts Zweites sein, aber wenn diese Form zerbricht, bin ich vielleicht das Zweite, und das Zweite ist vielleicht nichts als wieder das Eine.
Die Menschheit ist nur eine Korrektur des Menschen.
Dies Bewußtsein wenigstens habe ich: mein höchster Gedanke hat nichts zu tun mit dem Äußerlichen meines Lebensganges. Ich bin nicht von denen, die zur Wiederaufnahme der Gottesidee durch irgend etwas getrieben worden sind, als da ist unterdrückte Sinnlichkeit, Einsamkeit der Seele, Verzweiflung an sich und der Welt oder ähnliches. Ich kenne diese Zustände wohl, aber ich wäre nie vor ihnen zu einem neuen Gottes-Begriff geflohen: wie denn dieser auch weder ‚heilt‘ noch ‚erlöst‘. Diese Idee ist vielmehr aus meiner innersten Natur herausgewachsen, ich kann 251ihre Anfänge bis in mein zweites Jahrzehnt zurückverfolgen, in dessen Mitte etwa ein ganz spezifisch philosophisches Interesse in mir erwachte. Ihr endliches Zutagetreten hängt sehr stark mit der Art meines Schauens zusammen, das mir manchmal erlaubt, sehr in die Dinge zu versinken oder auch: die Dinge gleichsam in mich hineinzunehmen, und mir damit das Micheinsfühlen mit allem zu einem natürlichen Gefühl macht.
Ebenso hatte ich stets das Gefühl des Zusammenhangs in so hohem Maße, daß ich mich von Vorstellungen solcher Art nicht losmachen konnte, wie diese etwa, daß meine Hand, von A nach B bewegt, das ganze Weltall in Mitleidenschaft ziehen müsse.
Was sagt Meister Ekkehart anders als: zerbrich alle Sprache und damit alle Begriffe und Dinge: der Rest ist Schweigen. Dies Schweigen aber ist — Gott.
‚Gott‘ ist das einfache Ergebnis eines Subtraktionsexempels: ziehe alles von dir ab, was abzuziehen ist, und der Rest ist — Mysterium.
Gott ist seine eigene Erfindung. Das sich selbst Unerklärliche sagt aus Menschenmund Gott zu sich.
In Christus ist zum ersten Mal auf der Erde Gott selbst sich zum Bewußtsein gekommen. In Christus erkannte Gott als Mensch zum ersten Mal sich selbst. Seitdem sind fast zweitausend Jahre vergangen. Aber freilich: ‚Tausend Jahre sind vor Ihm wie ein Tag.‘
252Man empört sich gegen die Gottheit Christi — als liege man selbst in Hose und Rock nicht als ein Stück — Gottheit herum.
Eines Einzelnen Leben ist vielleicht nichts Besondres. Von außen, mit fremdem Auge betrachtet, mag es nicht viel bedeuten, von innen, mit seinen Augen gesehen, schon mehr, sehr viel mehr. Als Leben — Gottes aber angeschaut, wird es sofort unaussprechlich tief und tragisch. Sieh nur irgend einen Menschen daraufhin an, daß er nichts andres ist als Gott, Gott selbst in ureigenster Person — und die Welt wird sich dir mit einemmal und auf immer verwandeln und du wirst kein Sittengesetz mehr zu befragen brauchen; denn alles wird dir auf einen Schlag wunderlich heilig werden.
Ich sehe das Unvermeidliche herannahen: daß den Menschen eines Tages in größerer und größerer Anzahl zum Bewußtsein kommt — nicht nur nominell wie bisher, sondern faktisch — daß sie in der Unendlichkeit leben.
Heute sehen die Menschen noch nicht den Raum, sie sehen den Himmel, aber noch nicht den RAUM.
Auf Erden ist nichts, sondern alles im Himmel zugleich und in der Ewigkeit. (Geträumte Zeile.)
Gott ist nicht etwas Vorgestelltes, sondern das, was wie jede andere Vorstellung, so auch die Gottesvorstellung produziert. Bis heute glaubt die Menschheit 253noch, soweit sie glaubt, an den Gott oder die Götter ihrer Vorstellung. Und darum ist sie so leicht durch den Satz zu widerlegen: Dein Gott ist eine bloße Vorstellung von dir. Gewiß ist er das. Erst die Menschheit, welche bekennt: Was wir uns als Gott vorstellen, ist irrelevant; das einzige, was wir als Gott behaupten können, ist das Unvorstellbare, auf das unsre Vorstellungen zurückgehen, ist das, was wir für uns als Wirklichkeit klassifiziert haben, sind wir selbst (wie wir uns bezeichnen) und alles, was um uns ist (was wir so bezeichnen). Gott ist alles. Wir haben kein andres Wort für Gott als das Wort ‚alles‘. Man kennt und fühlt Pantheismus schon lange, aber ich weiß nicht, ob je mit diesem ‚alles‘ schon ganz und resolut Ernst gemacht worden ist. Wer ihn macht, für den gibt es kein Entrinnen mehr. Er muß selbst hinein in dies ‚alles‘ mit jeder Faser seines Leibes und jedem Schatten seiner Gedanken, er muß selbst zusammenfallen mit Gott, er muß selbst Gott — und nicht nur in Gott — sein.
‚Sein‘ (esse) ist nur eine Denkform Gottes. Wenn Gott sagt: ich bin, so sagt er dies beides nur als Mensch. Als Gott sagt er nichts, ‚ist‘ er nicht einmal etwas. Gott ist nicht Gott.
Als Mensch ‚ist‘ Gott.
Auch wo Gott ‚sich‘ fühlt, wie im Mystiker, bleibt er noch Mensch.
Man soll nur in alle Ewigkeit leugnen, daß die Welt unerklärlich sei. Die Folgen dieser bornierten Leugnung, 254dieser stiermäßigen Annahme des Gottmenschenkopfes von seiner Anlage zur Selbsterkenntnis sind allzu wertvoll, verinteressieren — als Wissenschaft — das Leben in allzu hohem Grade.
Unbewußte Stupidität, bewußte Verlogenheit — als Voraussetzung aller Wissenschaft, ja aller geistigen Kultur überhaupt: das ist eine groteske Wahrheit Gottes, des Menschen.
Auch hier meine Ausführungen, was ich auch versuche, bleiben — Anthropomorphismus. Diese Feststellung sollte eigentlich der Tod Gottes sein. Der Tod Gottes — als einer auszuscheidenden Vorstellung. Aber diese Vorstellung war meine letzte, in der ich alle andern begrub. Kein Wort der Erde, das sich mir im Wort ‚Gott‘ nicht löste. Andre nennen ihre Grenzvorstellung Leben, Natur, Wirklichkeit. Aber ist das minder anthropomorph? Nein. Jedes Wort ist Vorstellung, jedes Wort ist demnach gleich viel wert. ‚Leben‘ ist das Wort einer andern Phantasie als ‚Gott‘, das ist alles.
Es gibt also zuletzt nur eine Grenzvorstellung, nur ein ‚Ur—wort‘. Dieses Urwort muß uns gelassen bleiben, wollen wir Menschen bleiben.
Gott wäre etwas gar Erbärmliches, wenn er sich in einem Menschenkopfe begreifen könnte.
Ich frage mich, welche innere Nötigung liegt meiner Handlungsweise zu Grunde (drücken wir es so aus): 255das Ding an sich Gott zu nennen. Meine aufrichtigste Antwort lautet: Das ist des Dings an sich, das ist Gottes Sache selbst. Ich bin — wie ich es ansehen kann — nur eine Etappe im ungeheuren Heer und Komplex von Assoziationen, und wenn ich mich nun selbst psychologisch zu deduzieren suchte, so wäre damit wohl nicht viel mehr getan, als wenn ein Strudel jenes Baches dort unten die Art seines Gurgelns durch die Daten seines Lokals usw. erklären zu können glaubte.
Nun gut. Welche Nötigung? Die Nötigung, nicht Halt machen zu brauchen. Die Nötigung, mich mit allem um mich durch ein persönliches Band verbunden fühlen zu dürfen. Wenn diese Tanne da vor mir ein geistreicher Mechanismus ist wie ich, so kann sie mir in jedem Augenblick unendlich gleichgültig, ja widerlich werden. Aber sie ist kein Mechanismus, sie teilt — ob ich sie nun als Du oder Erscheinung bezeichne — Ein Geheimnis mit mir, das Geheimnis des Lebens. Wir sind Brüder als Erscheinungen, und unser Beider Vater als Dinge.
Ich, als Vater, erfülle mich erst im Menschen, als mir, dem Sohne; als Sohn erst erfahre ich mich als den Vater.
Oder: als Erscheinung erst werde ich mir selbst — Erscheinung.
Von mir: die Menschen sind ihm allein Köpfe Gottes.
Ja, gewiß, es ist vieles am Menschen lächerlich und verächtlich. Aber der Mensch ist ja auch nur ein 256winziger Teil Gottes. Und was wäre Gott, wenn er nicht irgendwo auch lächerlich und verächtlich wäre. Gott schenkt sich nichts. Das wollen nur die Kurzsichtigen, die meinen, man könne das Eine ohne das Andere haben, ja noch mehr: man dürfe es.
Die planetarischen Kulturen geistiger Wesen sind die großen Grotesken Gottes. Gottes materielle Erscheinungsform ist notwendig grotesk.
Man könnte eine Bibliothek schreiben von den Selbsttröstungen Gottes.
Nicht, daß gekämpft wird, ist das Tragische der Welt. Sie selbst ist das Tragische.
Betrachte den gefüllten Zuschauerraum eines Theaters. Wie festlich machen ihn die vor Erwartung und Lebenslust glänzenden Augen der Frauen, ihre schneeweißen Nacken, ihr herrliches Haar — wie scheinen sie alle zu rufen voll reizender Ungeduld: den Vorhang auf! den Vorhang auf! Wie gern sie leben und leben sehn, wie ganz unverständlich es ihnen wäre, wenn nun plötzlich ein Mann aufstünde und spräche: Nein, nicht den Vorhang auf! nicht auf! Sondern laßt uns endlich ein Ende machen mit diesem ewigen Theaterspiel! Und seine Augen würden sich schließen im Übermaß des Schmerzes. Aber nach einer kurzen Spanne der Starrheit — was würde geschehen? Mit ihren Fächern würden sie ihn zu erschlagen drohen und mit hundert beredten Gebärden laut oder stumm, lächelnd oder schluchzend, die Männer rings fragen: 257Wie? und wir? sind wir nichts? gelten für nichts? Ihr wollt dies starke süße bunte Leben nicht mehr? Ihr wollt also Uns nicht mehr? Was haben wir euch denn getan? Und was unsre Kinder, eure Kinder? O, ihr Toren, ihr Spielverderber, ihr Pflichtvergessenen! Aber ihr sollt uns nicht irre machen. Nicht irre an Lieben und Leben, nicht irre an Pflicht und gesundem Menschenverstand. Nein, die Komödie sei noch nicht zu Ende! — Der Sprecher von vorhin aber würde bei sich denken: Umsonst. Gottes Teufel ist seiner würdig. Er könnte nicht überzeugender noch unschuldiger sein. Und fürwahr: Heute erkannte ich ihn zum ersten Mal — und sein triumphierendes Reich, soweit Welt ist.
Wer sich einmal in die Idee des Teufels, an dem Gott immer wieder zu schanden wird, von dem er immer wieder zum Leben verführt wird, vertieft, dem wird die Größe und Schönheit des Lebens fürder nicht Einwand sein können: Denn je unfaßlicher dieser Gott ist, desto unfaßlicher wird auch die Kunst seines Teufels sein müssen, desto heiliger wird sie erscheinen müssen, desto bejahungswürdiger die Welt für menschliche Urteilskraft.
‚Die Welt‘ ist Gottes Weg zu seiner Schönheit. Überall und immer duftet diese Wunderpflanze ‚Welt‘. Um dieses Duftes willen ist sie da; er ist ihre Schönheit, ihre ‚Seele‘, ‚Gottes‘ — Seele.
Wir sind nie wirklich aus dem Paradiese vertrieben worden. Wir leben und weben mitten im Paradiese 258wie je, wir sind selbst Paradies, — nur seiner unbewußt, und damit mitten im — Inferno.
‚Alles was ist, ist vernünftig‘ — ganz gewiß. Freilich nicht vom Standpunkt des Reichstagsabgeordneten X oder des Privatdozenten Y aus; aber sub specie Dei.