1908
Im Geist erst wird die Natur, wird Gott tragisch. Was ist der Mensch? Die Tragödie Gottes.
Wenn einer die Welt bejaht, bejaht sie Gott, wenn sie einer verneint, verneint sie Gott (und damit Sich). Gott sagt weder bloß ja noch bloß nein zu sich, sondern urewig ja und nein.
Wo einer keine Augen für sich — als Mysterium — hat, da hat auch Gott keine Augen für sich, als Mysterium. Aber als der, als der er Augen für sich hat, leidet er unter diesem andern, als der er keine Augen für sich hat, und zürnt sich, dem andern, aus sich, dem einen.
Die Welt könnte so groß angelegt sein, daß die unaufgelöste Dissonanz eines ganzen Planeten als solche mit hineingehörte. Ein schauerlicher, wahnwitziger Gedanke. Denn wer will seine Dissonanz — schon allein seine ganz persönliche Dissonanz — nicht aufgelöst und sei es auch erst — nach Äonen.
Gott ist die Welt im Einzelnen wie als Gesamtheit. Als Gesamtheit aber ist er vielleicht eine Zweiheit von 259Mann und Weib. Einheit als Gott, Zweiheit als Welt. Sagst du aber: Die Welt? das wäre wohl nicht genug, wenn nur das Gott wäre! so frage ich: weißt du, wo die Welt aufhört, daß du von genug und nicht genug redest? Wie kann etwas Un-Endliches noch-genug sein oder ‚nicht-genug‘?
Das ist gewiß: was auch von Gott, von Gottheit gedacht werden mag, kann auch noch nicht an den Saum des Mantels seines Ernstes rühren.
Wenn Gott nicht die ewige Sehnsucht zweier Seelen zu einander ist — wenn die Welt nicht der ewige Weg dieser zwei Seelen ist — so weiß ich nicht, was Gott und Welt bedeuten.
Der Mensch ist nur ein Moment innerhalb des MENSCHEN, und der MENSCH nur ein Moment innerhalb Naturae sive Dei.
Es versteht sich mir fast von selbst, daß das, was ich bin, sich irgend einmal seines ganzen Lebens — in allen seinen Erscheinungsformen — erinnern wird.
Und es wird nichts sein — kein Richten, kein Wundern, nur ein Schauen. Aber in diesem Schauen wird Gericht oder Freispruch beschlossen sein.
Ich und du, einmal groß und einmal klein geschrieben — das ist die Weltformel. Ich und Du, und ich und du.
Mußte der wahrhaft innerliche Mensch früher mit der Kirche ringen, so muß er es heute mit der Wissenschaft. 260Der sich selbst schauende Gott ist immer nur als — Ketzer möglich.
Vielleicht ist nichts von allem Gedachten ganz unwahr. Sollte Gott über Sich gänzlich falsch denken können? Sollte nicht die barbarischste religiöse Vorstellung ein Körnchen Wahrheit enthalten, enthalten müssen?
Eines sein und haben und die Sehnsucht nach allem Andern, — Formel Gottes, des Individuums. (Hinzuzufügen: zusamt der stillgeglaubten Anwartschaft auf alles Andere.)
Wohin sollte die Natur in der Stufenfolge der Tiere im Menschen streben, wenn nicht dahin, daß Gott in ihm sich selbst erkenne? Dies aber, das Erkennen kann noch nicht sein letztes Ziel sein: er muß aus dieser Selbsterkenntnis noch zu irgend einem Handeln hervorschreiten, muß ja sagen und tun wie der Zarathustra Nietzsche's, oder nein wie der indische Buddha. Er muß das Schicksal der ‚Welt‘ an seinem Teile entscheiden; sie soll sein oder sie soll nicht sein. Und doch —.
Frage dich nur bei allem: ‚Hätte Christus das getan?‘ Das ist genug.
Das ergibt sich aus meiner Lehre, daß nicht nur der Einzelne sondern auch Volk um Volk und endlich die ganze Menschheit — Persönlichkeit zu werden trachtet.
261Denn wenn wir ‚Gott‘ sind, — was können wir Höheres aus uns machen, als immer durchseeltere, durchbildetere, vollendetere Persönlichkeit? So wie der einzelne durch und durch kaloskagathos werden soll, so soll auch ein Volk, eine Menschheit durch und durch ‚kalonkagathon‘ werden wollen.
Kunstwerk der Einzelne, Kunstwerk sein Volk, Kunstwerk die ganze Erde — das ist das Ziel.
Jeder kann von Christus etwas fortnehmen. Verstehen aber wird ihn alle fünfzig Jahre — vielleicht — Einer.
Wenn, was sich so Theologen nennt, wirklich wissen könnten, wer Christus war, würden sie ihn allesamt als einen Irrsinnigen und Verbrecher verdammen. Ja, so weit weg steht der Mensch, der gesagt hat ‚Ich und der Vater sind eins‘ (und nur der johanneische Christus ist für mich Christus, so ausschließlich, daß, wenn es ihn nie gegeben haben sollte, er längst hätte ‚erfunden werden‘ müssen) von der übrigen ‚christlichen‘ Menschheit und insonderheit ihren Theologen, daß er wie der leibhaftige Teufel auf sie wirken würde, hätten sie ja den Mut und die Kraft, ihm sein Weltgefühl bis zum Letzten nachzufühlen.
Immer wieder kommt mir die Szene auf Golgatha ins Gedächtnis, immer wieder komme ich zu mir selber wie Christus und frage mich: Und Du schläfst! Und ich fahre auf und Scham übergießt mich ganz und ich erwache zu mir selbst. Aber nur ein Kleines, so bin ich wieder im Halbschlaf. Und wieder tritt mein Selbst an mich heran, rührt mir ans Herz, daß ich wie verwundet 262aufschrecke und zum wievielten Male! das traurige Wort vernehme: Du schläfst! Wie — wäre mein Problem dies: Eine Natur, auf der Grenze geboren, wo das Mittelmäßige und das Außerordentliche zusammenstoßen, ein Mensch, zu groß, zu reich, zu tief, im Gewöhnlichen zu verharren und doch zu klein, zu arm, zu seicht, zu verharren im Ungewöhnlichen? Mir fällt ein Vers aus meinen ersten Jünglingsjahren ein, jenen Jahren, deren damals noch ganz anders zehrende Ohnmacht ich durch den ausdauernden Schritt nach nur Einem Ziel in zwei Jahrzehnten wenigstens bis zu einem gewissen Grade überwand: ‚Ich möchte schwächer sein und bin es nicht, ich möchte stärker sein und bin es nicht, und daß ich stärker nicht noch schwächer bin, als wie ich bin, das ist's, was mich zerbricht,‘ Und auch das fällt mir ein: Wie ich mich früher gehaßt habe. Gehaßt bis zu bitterster Todfeindschaft, die mir vielleicht nur aus Zufall nicht den Garaus machte. Und all mein Flehen um Tiefe fällt mir ein, das der alte Gott noch hören mußte und erfüllen sollte. Ein Mensch also gemacht aus Edelmetall und taubem Erz, zerspalten in Reichtum und Armut, Vermögen und Ohnmacht! Emporfahrend aus seiner Niedrigkeit, den Himmel des Seherischen und Schöpferischen in seine Arme herabzureißen, ihn erblickend in all seiner Herrlichkeit, und seiner flüchtigen Hoheit wieder entschlummernd in den Schlaf des Alltäglichen, von neuem erwachend nach kurzem Traum im Tal des unfruchtbaren Todes. Das wäre ich! Das bin ich?