2. Kapitel.
Nachdem ich mich nun innerhalb Jahresfrist ein wenig ausgemaustert hatte und die Luft etwas wiederum vertragen kunnte, so ging hernachmals kein Tag vorbei, daß ich mich nicht kontinue[59] mit meiner Frau Mutter zanken mußte. Ich war auch solch Leben so überdrüssig, als wenn ichs mit Löffeln gefressen hätte, und der Zank rührte gemeiniglich wegen meines kleinen Vetters her, weil der Junge so naseweis immer war und mir kein Wort, was ich erzählte, glauben wollte. Letztlich, wie ich sah, daß ich mich mit meiner Frau Mutter gar nicht stellen kunnte, befahl ich ihr, daß sie mir mußte ein neu Kleid machen lassen, und sagte, sie sollte mir mein Vaterteil vollends geben, ich wollte wieder in die Fremde marschieren und sehen, was in Italien und Welschland passierte, vielleicht hätte ich da besser Glück als auf der spanischen See. Meine Frau Mutter, die wollte mir nun an meinem Vorhaben nicht hinderlich sein, sondern wäre mich damals schon lieber heute als morgen gern wieder los gewesen. Sie ließ mir ein schön neu Kleid machen, welches auf der Weste mit den schönsten Leonischen Schnüren verbrämt war. Weil sie aber nicht flugs bei Ausgebegelde war und sonst noch eine Erbschaft in einer benachbarten Stadt zu fordern hatte, so gab sie mir da eine Anweisung, und ich sollte in ihrem Namen mir dort das Geld zahlen lassen, damit sie mich nur aus dem Hause wieder los würde.
Hierauf war ich her und machte selben Tag noch einen Weg dahin und vermeinte, die Gelder würden da schon aufgezählt liegen. Allein wie ich hinkam, so wollte derjenige, welcher das Geld schuldig zu zahlen war, mich mit meiner Anweisung nicht respektieren, sondern sagte, ich wäre noch nicht mündig und dazu wüßte er auch nicht, ob ich der und der wäre. O sapperment! wie verdroß mich das Ding, daß man mich vor unmündig ansah, indem ich schon unzählige Jahre in die Fremde weit und breit herumgesehen und einer mit von den bravsten Kerlen in der Welt gewesen war. Ich tat aber das und erzählte ihm die Begebenheit von der Ratte: O sapperment! wie erschrak der Schuldmann hernach vor mir und schämte sich, der Tebel hol mer, wie ein Hund. Er wäre, halt ich dafür, wohl noch halb soviel lieber schuldig gewesen, als daß er mir nur das Nichtmündigsein unter die Nase gerieben hätte. Denn er sah mir hernach allererst recht ins Gesichte, und da er spürte, daß mir was Sonderliches aus den Augen herausfunkelte, so bat er bei mir um Verzeihung und kam auch flugs mit der Vorklage und sagte, er wollte mir gerne die Erbschaft bezahlen, allein er wäre jetzo nicht bei Mitteln, in zwei Jahren wollte er sehen, daß mir damit könnte geholfen werden. Was wollte ich nun tun, wie ich sah, daß es der gute Mann nicht hatte? Damit ich ihn aber nicht in Schaden bringen wollte (denn wenn ich geklagt, hätte er mirs schon zahlen müssen, und der Tebel hol mer, kein gut Wort dazu), so war ich her und verhandelte die ganze Erbschaft einem andern, den ließ ich mir vor den ganzen Quark den vierten Teil zahlen und gab ihm im Namen meiner Frau Mutter Vollmacht, das ganze Kapital zu heben.
Als ich nun das Geld empfangen hatte, O sapperment! wer war froher als ich, da wieder frische Pfennige in meiner Ficke klangen. Sobald ich zu meiner Frau Mutter nach Schelmerode kam, machte ich mich wieder reisefertig und packte meine Sachen alle zusammen in einen großen Kober[60], nahm von meiner Frau Mutter wie auch meinen Jungfer Muhmen mit weinenden Augen wieder Abschied und war willens, mich auf die geschwinde Post zu setzen. Indem ich nun zur Stubentür mit meinem großen Kober hinauswandern wollte, so kam mir mein kleiner Vetter entgegengegangen, von dem wollte ich nun auch gute Nacht nehmen. Wie ich ihm aber die Hand bot, so fing die Wetterkröte an zu lachen und sagte, es würde nicht nötig sein, daß ich von ihm Abschied nähme, meine Reise würde sich so weit nicht erstrecken, und wenn er sich die Mühe nehmen möchte, mir nachzuschleichen, so wollte er mich wohl im nächsten Dörfchen in einer Bauernschenke antreffen, allwo ich so lange verbleiben würde, bis die verhandelte Erbschaft in Tobak und Branntewein durch die Gurgel gejagt wäre, hernach würde ich mich schon wieder einfinden. Ei sapperment! wie verdroß mich das Ding von dem Jungen, daß er mir von dem nächsten Dorfe solche Dinge herschwatzte. Ich war aber nicht faul, sondern gab ihm unversehens eine solche Presche wieder, daß ihm das helle Feuer flugs zu den Augen heraussprang, und marschierte hierauf mit meinem großen Kober immer stillschweigend zur Stubentüre hinaus und in vollem Sprunge, was läufst du, was hast du, nach dem Posthause zu. Da hätte man nun schön Nachschreien von meiner Frau Mutter auf der Gasse gehört, wie das Mensche hinter mir herschrie und sagte: »Schlag du, Schelm, schlag, geh, daß du Hals und Beine brichst und komm nimmermehr wieder vor meine Augen«. Mein kleiner Vetter, das Naseweischen, der verfolgte mich mit Steinen bis vor an das Posthaus, allein er traf mich nicht ein einziges Mal. Als ich nun vor das Posthaus kam und die geschwinde Post schon völlig besetzt war, so wollte mich der Postillon nicht mitnehmen, doch tat er mir den Vorschlag, daß ich mich hinten in die Schoßkelle setzen sollte, wenn ich mitwollte. Worauf ich mich nicht lange besann, sondern mit gleichen Beinen flugs mit meinem Kober hineinsprang, und hieß den Postillion immer per postae eiligst zum Tore hinausfahren.
[59] fortwährend.
[60] Koffer.